Gilbert.«

* * * * *

Berlin, den 8. Mai 188.

»Alter lieber Freund!

Wie neugeboren fühle ich mich, wenigstens, wie ein Mensch, der eine lange

Krankheit überstanden und nun mit hoffnungsseligen Empfindungen in der

Brust jetzt ein sonniges Dasein vor sich sieht. -- Übrigens -- Du bist

ein Diplomat, Freundchen! Vielleicht haben auch Deine Briefe, der warme,

herzliche, durchaus nicht mentorhafte Ton, der daraus spricht, sowie

Dein stets vermehrtes Interesse für Agnes ein wenig zu meiner Heilung

beigetragen.

Aber ich will dem Gange meines »kleinen Romans« nicht vorgreifen, sondern

da weiter erzählen, wo ich im letzten Briefe stehen geblieben bin.

So höre denn! Nachdem ich schon an dem nämlichen, für mich so

verhängnisvollen Abende eine Skizze entworfen, warf ich mich mit wahrem

Feuereifer auf das Malen des roten Fächers, indem ich täglich einige

Stunden darüber festsaß. Kein Kunstwerk -- kein Bravourstück sollte

diese Arbeit werden, -- Gott behüte! Ich malte ja für Agnes, für mein

junges, sanftes Weib. Etwas aber wollte ich darauf zaubern, was die Augen

des holden Wesens in seliger Freude strahlen machen, -- ein Etwas, was ihr

sagen sollte, daß ihr Gatte .... Doch halt! Die Feder geht schon wieder im

Galopp davon!

Endlich -- endlich ist das Bildchen vollendet, und meine Mühe zeigt sich

vom schönsten Erfolge gekrönt. Da die Farben noch eine Weile trocknen

mußten, spannte ich den Fächer ausgebreitet auf ein Stück Karton, und

trug ihn, im Gefühl seliger Befriedigung hinüber ins Zimmer meiner Frau.

Dort plazierte ich ihn auf Agnes Schreibtische hinter einem wahren Walde

von Maiglöckchen, ihren Lieblingsblumen.

Es war der nämliche Nachmittag, an dem meine Frau eintreffen sollte.

Nachdem ich in mein Atelier zurückgekehrt, versuchte ich alle

rebellischen, mir selbst ganz neu und fremdartig erscheinenden Gedanken

durch anstrengende Arbeit zu ersticken, rührte mich auch nicht von

der Stelle, als ich eine Droschke am Hause vorfahren hörte. Direkte

Mitteilung, daß Agnes heimkommen würde, war mir, dem Hausherrn, ja gar

nicht gemacht worden, und hatte ich es nur =en passant= erfahren. Darum sah

ich keine Veranlassung, der Zurückkehrenden entgegenzueilen. Zwar drang

öfteres Thürenzuwerfen und Stimmengemurmel dumpf zu mir herüber, doch

blieb es für die nächste halbe Stunde in meiner Klause ganz still. Ich

male -- male eifrig weiter, obgleich ein sonderbares Flimmern in den Augen

mich die Farben kaum unterscheiden läßt. Da -- auf einmal macht ein

schüchternes Klopfen jeden Nerv in mir erzittern. »Herein!« konnte ich

nur mit Kraftanstrengung über die Lippen bringen, und als bald darauf ein

goldbraunschimmerndes Haupt in der Thür erscheint, erkenne ich mit raschem

Blicke, wie Agnes den Fächer hinter sich verborgen hält.

»Schon da?!« rief ich mit einer Unbefangenheit, die mich selbst in

Erstaunen setzte. Während ich, Pinsel und Palette beiseite geworfen, der

Eintretenden entgegeneilte, brachte ich keine Silbe heraus und zog nur

schüchtern und ungelenk die kleine Hand an die Lippen.

»Ich wollte Dich überraschen, Gilbert, und nun bist Du mir zuvorgekommen,

hast mir solch' eine reizende, süße Überraschung bereitet,« kam es

stockend aus Agnes' merklich zitterndem Munde.

»Ich? Wie so?« fragte ich mit gut gespielter Harmlosigkeit.

»Aber, Gilbert! Nennst Du das nichts?«

Mit diesen Worten, die von holdseligem Erröten und glücklichem Lächeln

begleitet waren, hielt sie mir den wohlbekannten Fächer vor die Augen.

»So? Also das kleine Ding da macht Dir etwas Spaß, Agnes?« Ich glaube,

daß ich zu dieser eigentlich nichtssagenden Bemerkung wirklich ein recht

einfältiges Gesicht gemacht habe.

»Etwas Spaß?« wiederholte sie leise. »Weiß ich doch gar nicht, wie Du

dazu kommst, mir solch' eine unendliche Freude zu bereiten, Gilbert? Das

Bild ist -- ist entzückend!«

»Es sind Deine Züge. Wenigstens habe ich mir Mühe gegeben, dieselben

aus -- dem Gedächtnis auf den Fächer zu zaubern. Das -- andere, was noch

darauf ist, sind -- natürlich nur Gebilde meiner Phantasie.« Ich sah ihr

jedoch, während ich das sagte, zum erstenmale voll in die Augen. Allein,

wie mit Purpur übergossen, hatte sie den Blick rasch zur Erde gesenkt.

Teuerster Carolo! Es fehlte wahrhaftig nicht viel daran, so hätte ich

meine Agnes, das liebliche Geschöpf, mit einem Jubelschrei an die Brust

gezogen, um ihr frei vom Herzen herunter alles das zu enthüllen, was seit

jenem heilsamen Theaterabende meine Pulse fliegen ließ. Doch Gott bewahre!

Ich überwand mich. Nicht jetzt -- nicht um des Fächers willen sollte die

Scheidewand zwischen uns in nichts versinken. Stand doch gerade ein anderes

Fächerbild gleich einem mahnenden Gespenste vor meinem Geiste -- ein

anderes Bild, was die Weihe eines so seligen Moments sicherlich gestört

haben würde. In sanfter, liebender Fürsorge führte ich mein junges Weib

nur hinüber in ihr Zimmer, küßte sie schüchtern auf die Stirn und --

ging. --

Aber Du willst natürlich gern wissen, warum mein Geschenk Agnes so ganz

besonders wertvoll dünkte, warum sie vor seliger Freude darüber errötet

war? Gut, auch das sollst Du jetzt erfahren! Das Fächerbild zeigt nichts

anderes, als eine jugendschöne Mutter, die, strahlendes Glück in ihren

Zügen, über ihr neugeborenes Kindlein sich niederbeugt!

Bist Du jetzt mit mir zufrieden, =amico=?

Lose Blätter: Neue Novellen · 第 13 / 19 题