verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Aufsuchen auch der
verabscheuten und verruchten Seiten des Daseins. Aus der langen
Erfahrung, welche mir eine solche Wanderung durch Eis und Wüste gab,
lernte ich alles, was bisher philosophiert hat, anders ansehen: -- die
*verborgene* Geschichte der Philosophie, die Psychologie ihrer großen
Namen kam für mich ans Licht. „Wieviel Wahrheit *erträgt*, wieviel
Wahrheit *wagt* ein Geist?“ -- dies wurde für mich der eigentliche
Wertmesser. Der Irrtum ist eine *Feigheit*.... jede Errungenschaft
der Erkenntnis *folgt* aus dem Mut, aus der Härte gegen sich, aus
der Sauberkeit gegen sich.... Eine solche *Experimentalphilosophie*,
wie ich sie lebe, nimmt versuchsweise selbst die Möglichkeit des
grundsätzlichen Nihilismus vorweg: ohne daß damit gesagt wäre, daß
sie bei einer Negation, beim Nein, bei einem Willen zum Nein stehen
bliebe. Sie will vielmehr bis zum Umgekehrten hindurch -- bis zu einem
*dionysischen Jasagen* zur Welt, wie sie ist, ohne Abzug, Ausnahme und
Auswahl --, sie will den ewigen Kreislauf: -- dieselben Dinge, dieselbe
Logik und Unlogik der Verknotung. Höchster Zustand, den ein Philosoph
erreichen kann: dionysisch zum Dasein stehen -- : meine Formel dafür ist
*~amor fati~*.
Hierzu gehört, die bisher *verneinten* Seiten des Daseins nicht nur
als *notwendig* zu begreifen, sondern als wünschenswert: und nicht nur
als wünschenswert in Hinsicht auf die bisher bejahten Seiten (etwa als
deren Komplemente oder Vorbedingungen), sondern um ihrer selber willen,
als der mächtigeren, fruchtbareren, *wahreren* Seiten des Daseins, in
denen sich sein Wille deutlicher ausspricht.
Insgleichen gehört hierzu, die bisher allein *bejahte* Seite des
Daseins abzuschätzen; zu begreifen, woher diese Wertung stammt und wie
wenig sie verbindlich für eine dionysische Wertabmessung des Daseins
ist: ich zog heraus und begriff, *was* hier eigentlich Ja sagt (der
Instinkt der Leidenden einmal, der Instinkt der Herde andrerseits, und
jener dritte, der *Instinkt der meisten* gegen die Ausnahmen --).
Ich erriet damit, inwiefern eine stärkere Art Mensch notwendig nach
einer anderen Seite hin sich die Erhöhung und Steigerung des Menschen
ausdenken müßte: *höhere Wesen*, jenseits von Gut und Böse, jenseits
von jenen Werten, die den Ursprung aus der Sphäre des Leidens,
der Herde und der meisten nicht verleugnen können, -- ich suchte
nach den Ansätzen dieser umgekehrten Idealbildung in der Geschichte
(die Begriffe „heidnisch“, „klassisch“, „vornehm“ neu entdeckt und
hingestellt --).
661.
*Der menschliche Horizont.* -- Man kann die Philosophen auffassen als
solche, welche die äußerste Anstrengung machen, zu *erproben*, wie
weit sich der Mensch *erheben* könne, -- besonders Plato: wie *weit*
seine Kraft reicht. Aber sie tun es als Individuen; vielleicht war der
Instinkt der Cäsaren, der Staatengründer usw. größer, welche daran
denken, wie weit der Mensch getrieben werden könne in der *Entwicklung*
und unter „günstigen Umständen“. Aber sie begriffen nicht genug, was
günstige Umstände sind. Große Frage: wo bisher die Pflanze „Mensch“ am
prachtvollsten gewachsen ist. Dazu ist das vergleichende Studium der
Historie nötig.
662.
Grundgedanke: die neuen Werte müssen erst geschaffen werden -- das
bleibt uns nicht *erspart*! Der Philosoph muß uns ein Gesetzgeber sein.
Neue Arten. (Wie bisher die höchsten Arten [zum Beispiel Griechen]
gezüchtet wurden: diese Art „Zufall“ *bewußt wollen*.)
663.
*Gesetzgeber der Zukunft.* -- Nachdem ich lange und umsonst mit dem
Worte „Philosoph“ einen bestimmten Begriff zu verbinden suchte -- denn
ich fand viele entgegengesetzte Merkmale --, erkannte ich endlich, daß
es zwei unterschiedliche Arten von Philosophen gibt:
1. solche, welche irgendeinen großen Tatbestand von Wertschätzungen
(logisch oder moralisch) feststellen wollen;
2. solche, welche *Gesetzgeber* solcher Wertschätzungen sind.
Die Ersten suchen sich der vorhandenen oder vergangenen Welt zu
bemächtigen, indem sie das mannigfach Geschehende durch Zeichen
zusammenfassen und abkürzen: ihnen liegt daran, das bisherige Geschehen
übersichtlich, überdenkbar, faßbar, handlich zu machen, -- sie dienen
der Aufgabe des Menschen, alle vergangenen Dinge zum Nutzen seiner
Zukunft zu verwenden.
Die Zweiten aber sind *Befehlende*; sie sagen: „So soll es sein!“ Sie
bestimmen erst das „Wohin“ und „Wozu“, den Nutzen, *was* Nutzen der
Menschen ist; sie verfügen über die Vorarbeit der wissenschaftlichen
Menschen, und alles Wissen ist ihnen nur ein Mittel zum Schaffen. Diese
zweite Art von Philosophen gerät selten; und in der Tat ist ihre Lage
und Gefahr ungeheuer. Wie oft haben sie sich absichtlich die Augen
zugebunden, um nur den schmalen Raum nicht sehen zu müssen, der sie vom
Abgrund und Absturz trennt: zum Beispiel Plato, als er sich überredete,
das „Gute“, wie *er* es wollte, sei nicht das Gute Platos, sondern
das „Gute an sich“, der ewige Schatz, den nur irgendein Mensch namens
Plato auf seinem Wege gefunden habe! In viel gröberen Formen waltet
dieser selbe Wille zur Blindheit bei den Religionsstiftern: ihr „du
sollst“ darf durchaus ihren Ohren nicht klingen wie „ich will“, -- nur
als dem Befehl eines Gottes wagen sie ihrer Aufgabe nachzukommen, nur
als „Eingebung“ ist ihre Gesetzgebung der Werte eine *tragbare* Bürde,
unter der ihr Gewissen *nicht* zerbricht.
Sobald nun jene zwei Trostmittel, das Platos und das Mohammeds,
dahingefallen sind und kein Denker mehr an der Hypothese eines „Gottes“
oder „ewiger Werte“ sein Gewissen erleichtern kann, erhebt sich der
Anspruch des Gesetzgebers neuer Werte zu einer neuen und noch nicht
erreichten Furchtbarkeit. Nunmehr werden jene Auserkornen, vor denen
die Ahnung einer solchen Pflicht aufzudämmern beginnt, den Versuch
machen, ob sie ihr wie als ihrer größten Gefahr nicht noch „zur
rechten Zeit“ durch irgendeinen Seitensprung entschlüpfen möchten: zum
Beispiel, indem sie sich einreden, die Aufgabe sei schon gelöst, oder
sie sei unlösbar, oder sie hätten keine Schultern für solche Lasten,
oder sie seien schon mit andern, näheren Aufgaben überladen, oder
selbst diese neue ferne Pflicht sei eine Verführung und Versuchung,
eine Abführung von allen Pflichten, eine Krankheit, eine Art Wahnsinn.
Manchem mag es in der Tat gelingen, auszuweichen: es geht durch
die ganze Geschichte hindurch die Spur solcher Ausweichenden und
ihres schlechten Gewissens. Zumeist aber kam solchen Menschen des
Verhängnisses jene erlösende Stunde, jene Herbststunde der Reife, wo
sie *mußten*, was sie nicht einmal „wollten“: -- und die Tat, vor der
sie sich am meisten vorher gefürchtet hatten, fiel ihnen leicht und
ungewollt vom Baume als eine Tat ohne Willkür, fast als Geschenk. --
664.
Gesetzt, man denkt sich einen Philosophen als großen Erzieher, mächtig
genug, um von einsamer Höhe herab lange Ketten von Geschlechtern zu
sich heraufzuziehen: so muß man ihm auch die unheimlichen Vorrechte
des großen Erziehers zugestehen. Ein Erzieher sagt nie, was er selber
denkt: sondern immer nur, was er im Verhältnis zum Nutzen dessen, den
er erzieht, über eine Sache denkt. In dieser Verstellung darf er nicht
erraten werden; es gehört zu seiner Meisterschaft, daß man an seine
Ehrlichkeit glaubt. Er muß aller Mittel der Zucht und Züchtigung fähig
sein: manche Naturen bringt er nur durch Peitschenschläge des Hohnes
vorwärts, andere, Träge, Unschlüssige, Feige, Eitle, vielleicht mit
übertreibendem Lobe. Ein solcher Erzieher ist jenseits von Gut und
Böse; aber niemand darf es wissen.
665.
Eine pessimistische Denkweise und Lehre, ein ekstatischer Nihilismus
kann unter Umständen gerade dem Philosophen unentbehrlich sein: als
ein mächtiger Druck und Hammer, mit dem er entartende und absterbende
Rassen zerbricht und aus dem Wege schafft, um für eine neue Ordnung des
Lebens Bahn zu machen oder um dem, was entartet und absterben will, das
Verlangen zum Ende einzugeben.
666.
Der *größte* Kampf: dazu braucht es einer neuen *Waffe*.
Der Hammer: eine furchtbare Entscheidung heraufbeschwören, Europa vor
die *Konsequenz* stellen, ob sein Wille zum Untergang „will“.
Verhütung der Vermittelmäßigung. Lieber noch Untergang!
667.
Wie kommen Menschen zu einer großen Kraft und zu einer großen Aufgabe?
Alle Tugend und Tüchtigkeit am Leib und an der Seele ist mühsam
und im kleinen erworben worden durch viel Fleiß, Selbstbezwingung,
Beschränkung auf weniges, durch viel zähe, treue Wiederholung der
gleichen Arbeiten, der gleichen Entsagungen: aber es gibt Menschen,
welche die Erben und Herren dieses langsam erworbenen vielfachen
Reichtums an Tugenden und Tüchtigkeiten sind -- weil auf Grund
glücklicher und vernünftiger Ehen und auch glücklicher Zufälle die
erworbenen und gehäuften Kräfte vieler Geschlechter nicht verschleudert
und versplittert, sondern durch einen festen Ring und Willen
zusammengebunden sind. Am Ende nämlich erscheint ein Mensch, ein
Ungeheuer von Kraft, welches nach einem Ungeheuer von Aufgabe verlangt.
Denn unsere Kraft ist es, welche über uns verfügt: und das erbärmliche
geistige Spiel von Zielen und Absichten und Beweggründen nur ein
Vordergrund -- mögen schwache Augen auch hierin die Sache selber sehen.
668.
Im allgemeinen ist jedes Ding *so viel wert, als man dafür bezahlt
hat*. Dies gilt freilich nicht, wenn man das Individuum isoliert nimmt;
die großen Fähigkeiten des Einzelnen stehen außer allem Verhältnis zu
dem, was er selbst dafür getan, geopfert, gelitten hat. Aber sieht man
seine Geschlechtsvorgeschichte an, so entdeckt man da die Geschichte
einer ungeheuren Aufsparung und Kapitalsammlung von Kraft durch
alle Art Verzichtleisten, Ringen, Arbeiten, Sich-Durchsetzen. Weil
der große Mensch soviel *gekostet* hat und *nicht*, weil er wie ein
Wunder als Gabe des Himmels und „Zufalls“ dasteht, wurde er groß: --
„Vererbung“ ein falscher Begriff. Für das, was einer ist, haben seine
Vorfahren die Kosten bezahlt.
669.
*Die Mittel, vermöge deren eine stärkere Art sich erhält.*
Sich ein Recht auf Ausnahmehandlungen zugestehen; als Versuch der
Selbstüberwindung und der Freiheit.
Sich in Zustände begeben, wo es nicht erlaubt ist, nicht Barbar zu sein.
Sich durch jede Art von Askese eine Übermacht und Gewißheit in Hinsicht
auf seine Willensstärke verschaffen.
Sich nicht mitteilen; das Schweigen; die Vorsicht vor der Anmut.
Gehorchen lernen in der Weise, daß es eine Probe für die
Selbst-Aufrechterhaltung abgibt. Kasuistik des Ehrenpunktes ins feinste
getrieben.
Nie schließen, „was einem recht ist, ist dem andern billig“, -- sondern
umgekehrt!
Die Vergeltung, das Zurückgeben*dürfen* als Vorrecht behandeln, als
Auszeichnung zugestehen.
Die Tugend der *anderen* nicht ambitionieren.
670.
*Die Vermehrung der Kraft*, trotz des zeitweiligen Niedergehens des
Individuums:
Ein *neues Niveau* begründen.
Eine Methodik der Sammlung von Kräften, zur Erhaltung kleiner
Leistungen im Gegensatz zu unökonomischer Verschwendung.
Die zerstörende Natur einstweilen unterjocht zum *Werkzeug* dieser
Zukunftsökonomik.
Die Erhaltung der Schwachen, weil eine ungeheure Masse *kleiner* Arbeit
getan werden muß.
Die Erhaltung einer Gesinnung, bei der Schwachen und Leidenden die
Existenz noch *möglich* ist.
Die *Solidarität* als Instinkt zu pflanzen gegen den Instinkt der
Furcht und der Servilität.
Der Kampf mit dem Zufall, auch mit dem Zufall des „großen Menschen“.
671.
*Warum die Schwachen siegen.* *~In summa~*: die Kranken und Schwachen
haben mehr *Mitgefühl*, sind „menschlicher“ -- : die Kranken und
Schwachen haben mehr *Geist*, sind wechselnder, vielfacher,
unterhaltender, -- boshafter: die Kranken allein haben die *Bosheit*
erfunden. (Eine krankhafte Frühreife häufig bei Rhachitischen,
Skrophulosen und Tuberkulosen --) ~Esprit~: Eigentum später Rassen:
Juden, Franzosen, Chinesen. (Die Antisemiten vergeben es den Juden
nicht, daß die Juden „Geist“ haben -- und Geld. Die Antisemiten -- ein
Name der „Schlechtweggekommenen“.)
Die Kranken und Schwachen haben die *Faszination* für sich gehabt: sie
sind *interessanter* als die Gesunden: der Narr und der Heilige -- die
zwei interessantesten Arten Mensch.... in enger Verwandtschaft das
„Genie“. Die großen „Abenteurer und Verbrecher“ und alle Menschen, die
gesündesten voran, sind gewisse Zeiten ihres Lebens *krank*: -- die
großen Gemütsbewegungen, die Leidenschaft der Macht, die Liebe, die
Rache sind von tiefen Störungen begleitet. Und was die *~décadence~*
betrifft, so stellt sie jeder Mensch, der nicht zu früh stirbt,
in jedem Sinne beinahe dar: -- er kennt also auch die Instinkte,
welche zu ihr gehören, aus Erfahrung: -- für die *Hälfte fast jedes
Menschenlebens* ist der Mensch ~décadent~.
Endlich: das Weib! *Die eine Hälfte der Menschheit* ist schwach,
typisch-krank, wechselnd, unbeständig, -- das Weib braucht die Stärke,
um sich an sie zu klammern, und eine Religion der Schwäche, welche es
als göttlich verherrlicht, *schwach* zu sein, zu lieben, demütig zu
sein -- : oder besser, es macht die Starken schwach, -- es *herrscht*,
wenn es gelingt, die Starken zu überwältigen. Das Weib hat immer mit
den Typen der ~décadence~, den Priestern, zusammen konspiriert gegen
die „Mächtigen“, die „Starken“, die *Männer* --. Das Weib bringt die
Kinder beiseite für den Kultus der Pietät, des Mitleids, der Liebe: --
die *Mutter* repräsentiert den Altruismus *überzeugend*.
Endlich: die zunehmende Zivilisation, die zugleich notwendig auch die
Zunahme der morbiden Elemente, des *Neurotisch-Psychiatrischen* und des
*Kriminalistischen* mit sich bringt. Eine *Zwischenspezies* entsteht,
der *Artist*, von der Kriminalität der Tat durch Willensschwäche und
soziale Furchtsamkeit abgetrennt, insgleichen noch nicht reif für das
Irrenhaus, aber mit seinen Fühlhörnern in beide Sphären neugierig
hineingreifend: diese spezifische Kulturpflanze, der moderne Artist,
Maler, Musiker, vor allem Romanzier, der für seine Art zu sein, das
sehr uneigentliche Wort „Naturalismus“ handhabt.... Die Irren, die
Verbrecher und die „Naturalisten“ nehmen zu: Zeichen einer wachsenden
und jäh *vorwärts* eilenden Kultur, -- das heißt, der Ausschuß, der
Abfall, die Auswurfstoffe gewinnen Importanz, -- das Abwärts *hält
Schritt*....
Endlich: *der soziale Mischmasch*, Folge der Revolution, die
Herstellung gleicher Rechte, des Aberglaubens an „gleiche Menschen“.
Dabei mischen sich die Träger der Niedergangsinstinkte (des
Ressentiments, der Unzufriedenheit, des Zerstörertriebes, des
Anarchismus und Nihilismus), eingerechnet der Sklaveninstinkte, der
Feigheits-, Schlauheits- und Kanailleninstinkte der lange *unten*
gehaltenen Schichten in alles Blut aller Stände hinein: zwei, drei
Geschlechter darauf ist die Rasse nicht mehr zu erkennen, -- alles ist
*verpöbelt*. Hieraus resultiert ein Gesamtinstinkt gegen die *Auswahl*,
gegen das *Privilegium* jeder Art, von einer Macht und Sicherheit,
Härte, Grausamkeit der Praxis, daß in der Tat sich alsbald selbst
die *Privilegierten* unterwerfen: -- was noch Macht festhalten will,
schmeichelt dem Pöbel, arbeitet mit dem Pöbel, *muß* den Pöbel auf
seiner Seite haben, -- die „Genies“ voran: sie werden *Herolde* der
Gefühle, mit denen man Massen begeistert, -- die Note des Mitleids, der
Ehrfurcht selbst vor allem, was leidend, niedrig, verachtet, verfolgt
gelebt hat, klingt über alle andern Noten weg (Typen: Victor Hugo und
Richard Wagner). -- Die Heraufkunft des Pöbels bedeutet noch einmal die
Heraufkunft der *alten Werte*....
Bei einer solchen extremen Bewegung in Hinsicht auf Tempo und Mittel,
wie sie unsre Zivilisation darstellt, verlegt sich das Schwergewicht
der Menschen: *der* Menschen, auf die es am meisten ankommt, die
es gleichsam auf sich haben, die ganze große Gefahr einer solchen
krankhaften Bewegung zu kompensieren; -- es werden die Verzögerer
~par excellence~, die Langsam-Aufnehmenden, die Schwer-Loslassenden,
die Relativ-Dauerhaften inmitten dieses ungeheuren Wechselns und
Mischens von Elementen sein. Das Schwergewicht fällt unter solchen
Umständen notwendig den *Mediokren* zu: gegen die Herrschaft des Pöbels
und der Exzentrischen (beide meist verbündet) konsolidiert sich die
*Mediokrität*, als die Bürgschaft und die Trägerin der Zukunft. Daraus
erwächst für die *Ausnahmemenschen* ein neuer Gegner -- oder aber eine
neue Verführung. Gesetzt, daß sie sich nicht dem Pöbel anpassen und
dem Instinkt der „Enterbten“ zu Gefallen Lieder singen, werden sie
nötig haben, „mittelmäßig“ und „gediegen“ zu sein. Sie wissen: die
~mediocritas~ ist auch ~aurea~, -- sie allein sogar verfügt über Geld
und *Gold* (-- über alles, was *glänzt*..). Und noch einmal gewinnt die
alte Tugend, und überhaupt die ganze *verlebte* Welt des Ideals eine
begabte Fürsprecherschaft.... Resultat: die Mediokrität bekommt Geist,
Witz, Genie, -- sie wird unterhaltend, sie verführt....
*Resultat.* -- Eine hohe Kultur kann nur stehen auf einem breiten
Boden, auf einer stark und gesund konsolidierten Mittelmäßigkeit.
In ihrem Dienste und von ihr bedient arbeitet die *Wissenschaft* --
und selbst die Kunst. Die Wissenschaft kann es sich nicht besser
wünschen: sie gehört als solche zu einer mittleren Art Mensch, -- sie
ist deplaziert unter Ausnahmen, -- sie hat nichts Aristokratisches
und noch weniger etwas Anarchistisches in ihren Instinkten. -- Die
Macht der Mitte wird sodann aufrechtgehalten durch den Handel, vor
allem den Geldhandel: der Instinkt der Großfinanziers geht gegen alles
Extreme, -- die Juden sind deshalb einstweilen die *konservierendste*
Macht in unserm so bedrohten und unsicheren Europa. Sie können weder
Revolutionen brauchen noch Sozialismus noch Militarismus: wenn sie
Macht haben wollen und brauchen, auch über die revolutionäre Partei,
so ist dies nur eine Folge des Vorhergesagten und nicht im Widerspruch
dazu. Sie haben nötig, gegen andere extreme Richtungen gelegentlich
Furcht zu erregen -- dadurch, daß sie zeigen, *was* alles in ihrer
Hand steht. Aber ihr Instinkt selbst ist unwandelbar konservativ --
und „mittelmäßig“.... Sie wissen überall, wo es Macht gibt, mächtig zu
sein: aber die Ausnützung ihrer Macht geht immer in einer Richtung. Das
Ehrenwort für *mittelmäßig* ist bekanntlich das Wort „*liberal*“.
*Besinnung.* -- Es ist unsinnig, vorauszusetzen, daß dieser ganze
*Sieg der Werte* antibiologisch sei: man muß suchen, ihn zu erklären
aus einem Interesse des *Lebens*, zur *Aufrechterhaltung* des Typus
„Mensch“ selbst durch diese Methodik der *Über*herrschaft der Schwachen
und Schlechtweggekommenen -- : im andern Falle existierte der Mensch
nicht mehr? -- Problem -- -- --
Die *Steigerung* des Typus verhängnisvoll für die *Erhaltung der Art*?
Warum? --
Es zeigen die Erfahrungen der Geschichte: die starken Rassen
*dezimieren* sich *gegenseitig*: durch Krieg, Machtbegierde, Abenteuer;
die starken Affekte: die *Vergeudung* -- (es wird Kraft nicht mehr
kapitalisiert, es entsteht die geistige Störung durch die übertriebene
Spannung); ihre Existenz ist kostspielig, kurz -- sie reiben sich
*untereinander* auf --; es treten Perioden *tiefer Abspannung*
und Schlaffheit ein: alle großen Zeiten werden *bezahlt*.... Die
Starken sind hinterdrein schwächer, willenloser, absurder als die
durchschnittlich Schwachen.
Es sind *verschwenderische* Rassen. Die „*Dauer*“ an sich hätte ja
keinen Wert: man möchte wohl eine kürzere, aber wert*reichere* Existenz
der Gattung vorziehen. -- Es bliebe übrig, zu beweisen, daß selbst
so ein reicherer Wertertrag erzielt würde als im Fall der kürzeren
Existenz; das heißt, der Mensch als Aufsummierung von Kraft gewinnt ein
viel höheres Quantum von Herrschaft über die Dinge, wenn es so geht,
wie es geht.... Wir stehen vor einem Problem der *Ökonomie* -- -- --
672.
*Die Starken der Zukunft.* -- Was teils die Not, teils der Zufall
hier und da erreicht hat, die Bedingungen zur Hervorbringung einer
*stärkeren* Art: das können wir jetzt begreifen und wissentlich
*wollen*: wir können die Bedingungen schaffen, unter denen eine solche
Erhöhung möglich ist.
Bis jetzt hatte die „Erziehung“ den Nutzen der Gesellschaft im Auge:
*nicht* den möglichsten Nutzen der Zukunft, sondern den Nutzen der
gerade bestehenden Gesellschaft. „Werkzeuge“ für sie wollte man.
Gesetzt, *der Reichtum an Kraft wäre größer*, so ließe sich ein *Abzug
von Kräften* denken, dessen Ziel nicht dem Nutzen der Gesellschaft
gälte, sondern einem zukünftigen Nutzen.
Eine solche Aufgabe wäre zu stellen, je mehr man begriffe, inwiefern
die gegenwärtige Form der Gesellschaft in einer starken Verwandlung
wäre, um irgendwann einmal *nicht mehr um ihrer selber willen
existieren zu können*: sondern nur noch als *Mittel* in den Händen
einer stärkeren Rasse.
Die zunehmende Verkleinerung des Menschen ist gerade die treibende
Kraft, um an die Züchtung einer *stärkeren Rasse* zu denken:
welche gerade ihren Überschuß darin hätte, worin die verkleinerte
Spezies schwach und schwächer würde (Wille, Verantwortlichkeit,
Selbstgewißheit, Ziele-sich-setzen-können).
Die *Mittel* wären die, welche die Geschichte lehrt: die *Isolation*
durch umgekehrte Erhaltungsinteressen, als die durchschnittlichen heute
sind; die Einübung in umgekehrten Wertschätzungen; die Distanz als
Pathos; das freie Gewissen im heute Unterschätztesten und Verbotensten.
Die *Ausgleichung* des europäischen Menschen ist der große Prozeß,
der nicht zu hemmen ist: man sollte ihn noch beschleunigen. Die
Notwendigkeit für eine *Kluftaufreißung*, *Distanz*, *Rangordnung* ist
damit gegeben: nicht die Notwendigkeit, jenen Prozeß zu verlangsamen.
Diese *ausgeglichene* Spezies bedarf, sobald sie erreicht ist, einer
*Rechtfertigung*: sie liegt im Dienste einer höheren souveränen Art,
welche auf ihr steht und erst auf ihr sich zu ihrer Aufgabe erheben
kann. Nicht nur eine Herrenrasse, deren Aufgabe sich damit erschöpfte,
zu regieren: sondern eine Rasse mit *eigener Lebenssphäre*, mit einem
Überschuß von Kraft für Schönheit, Tapferkeit, Kultur, Manier bis ins
Geistigste; eine *bejahende* Rasse, welche sich jeden großen Luxus
gönnen darf --, stark genug, um die Tyrannei des Tugend-Imperativs
nicht nötig zu haben, reich genug, um die Sparsamkeit und Pedanterie
nicht nötig zu haben, jenseits von Gut und Böse; ein Treibhaus für
sonderbare und ausgesuchte Pflanzen.
673.
~*Summa*~: die *Herrschaft* über die Leidenschaften, *nicht* deren
Schwächung oder Ausrottung! -- Je größer die Herrenkraft des Willens
ist, um soviel mehr Freiheit darf den Leidenschaften gegeben werden.
Der „große Mensch“ ist groß durch den Freiheitsspielraum seiner
Begierden und durch die noch größere Macht, welche diese prachtvollen
Untiere in Dienst zu nehmen weiß.
Der „gute Mensch“ ist auf jeder Stufe der Zivilisation der
*Ungefährliche und Nützliche zugleich*: eine Art *Mitte*; der Ausdruck
im gemeinen Bewußtsein davon, *vor wem man sich nicht zu fürchten hat,
und wen man trotzdem nicht verachten darf*.
Erziehung: wesentlich das Mittel, die Ausnahme zu *ruinieren*
zugunsten der Regel. Bildung: wesentlich das Mittel, den Geschmack
*gegen* die Ausnahme zu richten zugunsten des Mittleren.
Erst wenn eine Kultur über einen Überschuß von Kräften zu gebieten
hat, kann sie auch ein Treibhaus für den Luxuskultus der Ausnahme, des
Versuchs, der Gefahr, der Nuance sein: -- *jede* aristokratische Kultur
tendiert *dahin*.
674.
Ein kleiner tüchtiger Bursch wird ironisch blicken, wenn man ihn fragt:
„Willst du tugendhaft werden?“ -- aber er macht die Augen auf, wenn man
ihn fragt: „Willst du stärker werden als deine Kameraden?“
Wie wird man stärker? -- Sich langsam entscheiden, und zähe festhalten
an dem, was man entschieden hat. Alles andere folgt.
Die *Plötzlichen* und die *Veränderlichen*: die beiden Arten der
Schwachen. Sich nicht mit ihnen verwechseln; die Distanz fühlen --
beizeiten!