Vorsicht vor den Gutmütigen! Der Umgang mit ihnen erschlafft. Jeder

Umgang ist gut, bei dem die Wehr und Waffen, die man in den Instinkten

hat, geübt werden. Die ganze Erfindsamkeit darin, seine Willenskraft

auf die Probe zu stellen.... *Hier* das Unterscheidende sehen, nicht im

Wissen, Scharfsinn, Witz.

Man muß befehlen lernen, beizeiten, -- ebensogut als gehorchen. Man

muß Bescheidenheit, *Takt* in der Bescheidenheit lernen: nämlich

auszeichnen, ehren, wo man bescheiden ist; ebenso mit Vertrauen --

auszeichnen, ehren.

Was büßt man am schlimmsten? Seine Bescheidenheit; seinen eigensten

Bedürfnissen kein Gehör geschenkt zu haben; sich verwechseln; sich

niedrig nehmen; die Feinheit des Ohrs für seine Instinkte einbüßen; --

dieser *Mangel an Ehrerbietung* gegen sich rächt sich durch jede Art

von *Einbuße*: Gesundheit, Freundschaft, Wohlgefühl, Stolz, Heiterkeit,

Freiheit, Festigkeit, Mut. Man vergibt sich später diesen Mangel an

echtem Egoismus nie: man nimmt ihn als Einwand, als Zweifel an einem

wirklichen ~ego~.

675.

Es wird von nun an günstige Vorbedingungen für umfänglichere

Herrschaftsgebilde geben, dergleichen es noch nicht gegeben hat.

Und dies ist noch nicht das Wichtigste; es ist die Entstehung

von internationalen Geschlechtsverbänden möglich gemacht, welche

sich die Aufgabe setzen, eine Herrenrasse heraufzuzüchten, die

zukünftigen „Herren der Erde“; -- eine neue, ungeheure, auf der

härtesten Selbst-Gesetzgebung aufgebaute Aristokratie, in der dem

Willen philosophischer Gewaltmenschen und Künstlertyrannen Dauer über

Jahrtausende gegeben wird: -- eine höhere Art Menschen, die sich,

dank ihrem Übergewicht von Wollen, Wissen, Reichtum und Einfluß, des

demokratischen Europas bedienen als ihres gefügigsten und beweglichsten

Werkzeugs, um die Schicksale der Erde in die Hand zu bekommen, um am

„Menschen“ selbst als Künstler zu gestalten. Genug, die Zeit kommt, wo

man über Politik umlernen wird.

676.

Wir wenigen oder vielen, die wir wieder in einer *entmoralisierten*

Welt zu leben wagen, wir *Heiden* dem Glauben nach: wir sind

wahrscheinlich auch die ersten, die es begreifen, was ein *heidnischer

Glaube* ist: -- sich höhere Wesen, als der Mensch ist, vorstellen

müssen, aber diese *jenseits* von Gut und Böse; alles Höher-sein auch

als *Unmoralisch-sein* abschätzen müssen. Wir glauben an den Olymp --

und *nicht* an den „Gekreuzigten“.

677.

Die Täuschung *Apollos*: die *Ewigkeit* der schönen Form; die

aristokratische Gesetzgebung „*so soll es immer sein*!“

*Dionysos*: Sinnlichkeit und Grausamkeit. Die Vergänglichkeit könnte

ausgelegt werden als Genuß der zeugenden und zerstörenden Kraft, als

*beständige Schöpfung*.

678.

*Die zwei Typen: Dionysos und der Gekreuzigte.* -- Festzustellen:

ob der typische *religiöse* Mensch eine ~décadence~-Form ist (die

großen Neuerer sind samt und sonders krankhaft und epileptisch); aber

lassen wir nicht da einen Typus des religiösen Menschen aus, den

*heidnischen*? Ist der heidnische Kult nicht eine Form der Danksagung

und der Bejahung des Lebens? Müßte nicht sein höchster Repräsentant

eine Apologie und Vergöttlichung des Lebens sein? Typus eines

wohlgeratenen und entzückt-überströmenden Geistes! Typus eines die

Widersprüche und Fragwürdigkeiten des Daseins in sich hineinnehmenden

und *erlösenden* Geistes!

Hierher stelle ich den *Dionysos* der Griechen: die religiöse Bejahung

des Lebens, des ganzen, nicht verleugneten und halbierten Lebens;

(typisch -- daß der Geschlechtsakt Tiefe, Geheimnis, Ehrfurcht erweckt).

Dionysos gegen den „Gekreuzigten“: da habt ihr den Gegensatz. Es ist

*nicht* eine Differenz hinsichtlich des Martyriums, -- nur hat dasselbe

einen anderen Sinn. Das Leben selbst, seine ewige Fruchtbarkeit

und Wiederkehr bedingt die Qual, die Zerstörung, den Willen zur

Vernichtung. Im andern Falle gilt das Leiden, der „Gekreuzigte als

der Unschuldige“, als Einwand gegen dieses Leben, als Formel seiner

Verurteilung. -- Man errät: das Problem ist das vom Sinn des Leidens:

ob ein christlicher Sinn, ob ein tragischer Sinn. Im ersten Falle

soll es der Weg sein zu einem heiligen Sein; im letzteren Falle gilt

*das Sein als heilig genug*, um ein Ungeheures von Leid noch zu

rechtfertigen. Der tragische Mensch bejaht noch das herbste Leiden: er

ist stark, voll, vergöttlichend genug dazu; der christliche verneint

noch das glücklichste Los auf Erden: er ist schwach, arm, enterbt

genug, um in jeder Form noch am Leben zu leiden. Der Gott am Kreuz ist

ein Fluch auf das Leben, ein Fingerzeig, sich von ihm zu erlösen; --

der in Stücke geschnittene Dionysos ist eine *Verheißung* des Lebens:

es wird ewig wiedergeboren und aus der Zerstörung heimkommen.

679.

Meine Philosophie bringt den siegreichen Gedanken, an welchem zuletzt

jede andere Denkweise zugrunde geht. Es ist der große, *züchtende*

Gedanke: die Rassen, welche ihn nicht ertragen, sind verurteilt: die,

welche ihn als größte Wohltat empfinden, sind zur Herrschaft ausersehen.

680.

Ich will den Gedanken lehren, welcher vielen das Recht gibt, sich

durchzustreichen, -- den großen *züchtenden* Gedanken.

681.

Jener Kaiser hielt sich beständig die Vergänglichkeit aller Dinge

vor, um sie nicht *zu wichtig* zu nehmen und zwischen ihnen ruhig zu

bleiben. Mir scheint umgekehrt alles viel zu viel wert zu sein, als

daß es so flüchtig sein dürfte: ich suche nach einer Ewigkeit für

jegliches: dürfte man die kostbarsten Salben und Weine ins Meer gießen?

-- Mein Trost ist, daß alles, was war, ewig ist: -- das Meer spült es

wieder her.

682.

Die beiden extremsten Denkweisen -- die mechanistische und die

platonische -- kommen überein in der *ewigen Wiederkunft*: beide als

Ideale.

683.

1. Der Gedanke der ewigen Wiederkunft: seine Voraussetzungen, welche

wahr sein müßten, wenn er wahr ist. Was aus ihm folgt.

2. Als der *schwerste* Gedanke: seine mutmaßliche Wirkung, falls nicht

vorgebeugt wird, das heißt, falls nicht alle Werte umgewertet werden.

3. Mittel, ihn zu *ertragen*: die Umwertung aller Werte. Nicht mehr die

Lust an der Gewißheit, sondern an der Ungewißheit; nicht mehr „Ursache

und Wirkung“, sondern das beständig Schöpferische; nicht mehr Wille

der Erhaltung, sondern der Macht; nicht mehr die demütige Wendung, „es

ist alles *nur* subjektiv“, sondern „es ist auch *unser* Werk! -- seien

wir stolz darauf!“

684.

*Die neue Weltkonzeption.* -- Die Welt besteht; sie ist nichts, was

wird, nichts, was vergeht. Oder vielmehr: sie wird, sie vergeht, aber

sie hat nie angefangen zu werden und nie aufgehört zu vergehen, -- sie

*erhält* sich in beidem.... Sie lebt von sich selber: ihre Exkremente

sind ihre Nahrung.

Die Hypothese einer *geschaffenen Welt* soll uns nicht einen Augenblick

bekümmern. Der Begriff „schaffen“ ist heute vollkommen undefinierbar,

unvollziehbar; bloß ein Wort noch, rudimentär aus Zeiten des

Aberglaubens; mit einem Wort erklärt man nichts. Der letzte Versuch,

eine Welt, die *anfängt*, zu konzipieren, ist neuerdings mehrfach

mit Hilfe einer logischen Prozedur gemacht worden -- zumeist, wie zu

erraten ist, aus einer theologischen Hinterabsicht.

Man hat neuerdings mehrfach dem Begriff „Zeitunendlichkeit der Welt

*nach hinten*“ (~regressus in infinitum~) einen Widerspruch finden

wollen: man hat ihn selbst gefunden, um den Preis freilich, dabei

den Kopf mit dem Schwanz zu verwechseln. Nichts kann mich hindern,

von diesem Augenblick an rückwärts rechnend zu sagen, „ich werde nie

dabei an ein Ende kommen“; wie ich vom gleichen Augenblick vorwärts

rechnen kann, ins Unendliche hinaus. Erst wenn ich den Fehler machen

wollte -- ich werde mich hüten, es zu tun --, diesen korrekten

Begriff eines ~regressus in infinitum~ gleichzusetzen mit einem *gar

nicht vollziehbaren* Begriff eines endlichen ~progressus~ bis jetzt,

erst wenn ich die *Richtung* (vorwärts oder rückwärts) als logisch

indifferent setzte, würde ich den Kopf -- diesen Augenblick -- als

Schwanz zu fassen bekommen....

Ich bin auf diesen Gedanken bei früheren Denkern gestoßen: jedesmal

war er durch andere Hintergedanken bestimmt (-- meistens theologische,

zugunsten des ~creator spiritus~). Wenn die Welt überhaupt erstarren,

vertrocknen, absterben, nichts werden könnte, oder wenn sie einen

Gleichgewichtszustand erreichen könnte, oder wenn sie überhaupt

irgendein Ziel hätte, das die Dauer, die Unveränderlichkeit, das

Ein-für-alle-Mal in sich schlösse (kurz, metaphysisch geredet: wenn das

Werden in das Sein oder ins Nichts münden *könnte*), so müßte dieser

Zustand erreicht sein. Aber er ist nicht erreicht: woraus folgt....

Das ist unsre einzige Gewißheit, die wir in den Händen halten, um als

Korrektiv gegen eine große Menge an sich möglicher Welthypothesen

zu dienen. Kann zum Beispiel der Mechanismus der Konsequenz eines

Finalzustandes nicht entgehen, welche William Thomson ihm gezogen hat,

so ist damit der Mechanismus *widerlegt*.

Wenn die Welt als bestimmte Größe von Kraft und als bestimmte Zahl

von Kraftzentren gedacht werden *darf* -- und jede andre Vorstellung

bleibt unbestimmt und folglich *unbrauchbar* --, so folgt daraus, daß

sie eine berechenbare Zahl von Kombinationen im großen Würfelspiel

ihres Daseins durchzumachen hat. In einer unendlichen Zeit würde

jede mögliche Kombination irgendwann einmal erreicht sein; mehr

noch: sie würde unendliche Male erreicht sein. Und da zwischen jeder

Kombination und ihrer nächsten Wiederkehr alle überhaupt noch möglichen

Kombinationen abgelaufen sein müßten, und jede dieser Kombinationen

die ganze Folge der Kombinationen in derselben Reihe bedingt, so wäre

damit ein Kreislauf von absolut identischen Reihen bewiesen: die Welt

als Kreislauf, der sich unendlich oft bereits wiederholt hat und der

sein Spiel ~in infinitum~ spielt. -- Diese Konzeption ist nicht ohne

weiteres eine mechanistische: denn wäre sie das, so würde sie nicht

eine unendliche Wiederkehr identischer Fälle bedingen, sondern einen

Finalzustand. Weil die Welt ihn nicht erreicht hat, muß der Mechanismus

uns als unvollkommene und nur vorläufige Hypothese gelten.

685.

Hätte die Welt ein Ziel, so müßte es erreicht sein. Gäbe es für sie

einen unbeabsichtigten Endzustand, so müßte er ebenfalls erreicht sein.

Wäre sie überhaupt eines Verharrens und Starrwerdens, eines „Seins“

fähig, hätte sie in allem ihren Werden nur einen Augenblick diese

Fähigkeit des „Seins“, so wäre es wiederum mit allem Werden längst zu

Ende, also auch mit allem Denken, mit allem „Geiste“. Die Tatsache des

„Geistes“ *als eines Werdens* beweist, daß die Welt kein Ziel, keinen

Endzustand hat und des Seins unfähig ist. -- Die alte Gewohnheit aber,

bei allem Geschehen an Ziele und bei der Welt an einen lenkenden,

schöpferischen Gott zu denken, ist so mächtig, daß der Denker Mühe hat,

sich selber die Ziellosigkeit der Welt nicht wieder als Absicht zu

denken. Auf diesen Einfall -- daß also die Welt absichtlich einem Ziel

*ausweiche* und sogar das Hineingeraten in einen Kreislauf künstlich

zu verhüten wisse -- müssen alle die verfallen, welche der Welt das

Vermögen zur *ewigen Neuheit* aufdekretieren möchten, das heißt einer

endlichen, bestimmten, unveränderlich gleichgroßen Kraft, wie es „die

Welt“ ist, die Wunderfähigkeit zur *unendlichen* Neugestaltung ihrer

Formen und Lagen. Die Welt, wenn auch kein Gott mehr, soll doch der

göttlichen Schöpferkraft, der unendlichen Verwandlungskraft fähig sein;

sie soll es sich willkürlich *verwehren*, in eine ihrer alten Formen

zurückzugeraten; sie soll nicht nur die Absicht, sondern auch die

*Mittel* haben, sich selber vor jeder Wiederholung zu *bewahren*; sie

soll somit in jedem Augenblick jede ihrer Bewegungen auf die Vermeidung

von Zielen, Endzuständen, Wiederholungen hin *kontrollieren* -- und

was alles die Folgen einer solchen unverzeihlich-verrückten Denk- und

Wunschweise sein mögen. Das ist immer noch die alte religiöse Denk- und

Wunschweise, eine Art Sehnsucht, zu glauben, daß *irgendworin* doch

die Welt dem alten, geliebten, unendlichen, unbegrenzt-schöpferischen

Gotte gleich sei -- daß irgendworin doch „der alte Gott noch lebe“ --,

jene Sehnsucht Spinozas, die sich in dem Worte „~deus sive natura~“

(er empfand sogar „~natura sive deus~“ --) ausdrückt. Welches ist denn

aber der Satz und Glaube, mit welchem sich die entscheidende Wendung,

das jetzt erreichte *Übergewicht* des wissenschaftlichen Geistes über

den religiösen, götter-erdichtenden Geist, am bestimmtesten formuliert?

Heißt er nicht: die Welt als Kraft darf nicht unbegrenzt gedacht

werden, denn sie *kann* nicht so gedacht werden, -- wir verbieten

uns den Begriff einer *unendlichen Kraft als mit dem Begriff „Kraft“

unverträglich*. Also -- fehlt der Welt auch das Vermögen zur ewigen

Neuheit.

686.

Daß eine Gleichgewichtslage nie erreicht ist, beweist, daß sie nicht

möglich ist. Aber in einem unbestimmten Raum müßte sie erreicht sein.

Ebenfalls in einem kugelförmigen Raum. Die *Gestalt* des Raumes muß die

Ursache der ewigen Bewegung sein, und zuletzt aller „Unvollkommenheit“.

Daß „Kraft“ und „Ruhe“, „Sich-gleich-bleiben“ sich widerstreiten. Das

Maß der Kraft (als Größe) fest, ihr Wesen aber flüssig.

„Zeitlos“ abzuweisen. In einem bestimmten Augenblick der Kraft ist die

absolute Bedingtheit einer neuen Verteilung aller ihrer Kräfte gegeben:

sie kann nicht stillstehen. „Veränderung“ gehört ins Wesen hinein, also

auch die Zeitlichkeit: womit aber nur die Notwendigkeit der Veränderung

noch einmal begrifflich gesetzt wird.

687.

Der Satz vom Bestehen der Energie fordert die *ewige Wiederkehr*.

688.

Um den Gedanken der Wiederkunft zu *ertragen*, ist nötig: Freiheit von

der Moral; -- neue Mittel gegen die Tatsache des *Schmerzes* (Schmerz

begreifen als Werkzeug, als Vater der Lust; es gibt kein *summierendes*

Bewußtsein der Unlust); -- der Genuß an aller Art Ungewißheit,

Versuchhaftigkeit, als Gegengewicht gegen jenen extremen Fatalismus; --

Beseitigung des Notwendigkeitsbegriffs; -- Beseitigung des „Willens“;

-- Beseitigung der „Erkenntnis an sich“.

*Größte Erhöhung des Kraftbewußtseins* des Menschen als dessen, der den

Übermenschen schafft.

689.

Die beiden größten (von Deutschen gefundenen) philosophischen

Gesichtspunkte:

a) der des *Werdens*, der *Entwicklung*;

b) der nach dem *Werte des Daseins* (aber die erbärmliche Form des

deutschen Pessimismus erst zu überwinden!) --

beide von mir in *entscheidender* Weise zusammengebracht.

Alles wird und kehrt ewig wieder, -- *entschlüpfen* ist nicht

*möglich*! -- Gesetzt, wir *könnten* den Wert beurteilen, was folgt

daraus? Der Gedanke der Wiederkunft als *auswählendes* Prinzip im

Dienste der *Kraft* (und Barbarei!!).

*Reife* der Menschheit für *diesen* Gedanken.

690.

Es ist ganz und gar nicht die erste Frage, ob wir mit uns zufrieden

sind, sondern ob wir überhaupt irgend womit zufrieden sind. Gesetzt,

wir sagen ja zu einem einzigen Augenblick, so haben wir damit nicht nur

zu uns selbst, sondern zu allem Dasein ja gesagt. Denn es steht nichts

für sich, weder in uns selbst noch in den Dingen: und wenn nur ein

einziges Mal unsre Seele wie eine Saite vor Glück gezittert und getönt

hat, so waren alle Ewigkeiten nötig, um dies eine Geschehen zu bedingen

-- und alle Ewigkeit war in diesem einzigen Augenblick unseres Jasagens

gutgeheißen, erlöst, gerechtfertigt und bejaht.

691.

Es muß solche geben, die alle Verrichtungen heiligen, nicht nur Essen

und Trinken: -- und nicht nur im Gedächtnis an sie oder im Eins-werden

mit ihnen, *sondern immer von neuem und auf neue Weise* soll diese Welt

verklärt werden.

692.

Der Mensch ist das *Untier* und *Übertier*; der höhere Mensch ist der

Unmensch und Übermensch: so gehört es zusammen. Mit jedem Wachstum

des Menschen in die Größe und Höhe wächst er auch in das Tiefe und

Furchtbare: man soll das eine nicht wollen ohne das andere, -- oder

vielmehr: je gründlicher man das eine will, um so gründlicher erreicht

man gerade das andere.

693.

Nicht „Menschheit“, sondern *Übermensch* ist das Ziel!

694.

~Come l'uom s'eterna~....

~Inf.~ XV, 85.

695.

Den ganzen Umkreis der modernen Seele umlaufen, in jedem ihrer Winkel

gesessen zu haben -- mein Ehrgeiz, meine Tortur und mein Glück.

Wirklich den Pessimismus *überwinden* --; ein Goethescher Blick voll

Liebe und gutem Willen als Resultat.

696.

Und wißt ihr auch, was mir „die Welt“ ist? Soll ich sie euch in meinem

Spiegel zeigen? Die Welt: ein Ungeheuer von Kraft, ohne Anfang, ohne

Ende, eine feste, eherne Größe von Kraft, welche nicht größer, nicht

kleiner wird, die sich nicht verbraucht, sondern nur verwandelt, als

Ganzes unveränderlich groß, ein Haushalt ohne Ausgaben und Einbußen,

aber ebenso ohne Zuwachs, ohne Einnahmen, vom „Nichts“ umschlossen

als von seiner Grenze, nichts Verschwimmendes, Verschwendetes, nichts

Unendlich-Ausgedehntes, sondern als bestimmte Kraft einem bestimmten

Raum eingelegt, und nicht einem Raume, der irgendwo „leer“ wäre,

vielmehr als Kraft überall, als Spiel von Kräften und Kraftwellen

zugleich eins und vieles, hier sich häufend und zugleich dort sich

mindernd, ein Meer in sich selber stürmender und flutender Kräfte, ewig

sich wandelnd, ewig zurücklaufend mit ungeheuren Jahren der Wiederkehr,

mit einer Ebbe und Flut seiner Gestaltungen, aus den einfachsten in die

vielfältigsten hinaustreibend, aus dem Stillsten, Starrsten, Kältesten

hinaus in das Glühendste, Wildeste, Sich-selber-Widersprechendste,

und dann wieder aus der Fülle heimkehrend zum Einfachen, aus dem

Spiel der Widersprüche zurück bis zur Lust des Einklangs, sich

selber bejahend noch in dieser Gleichheit seiner Bahnen und Jahre,

sich selber segnend als das, was ewig wiederkommen muß, als ein

Werden, das kein Sattwerden, keinen Überdruß, keine Müdigkeit kennt

-- : diese meine *dionysische* Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens,

des Ewig-sich-selber-Zerstörens, diese Geheimniswelt der doppelten

Wollüste, dies mein „Jenseits von Gut und Böse“ ohne Ziel, wenn nicht

im Glück des Kreises ein Ziel liegt ohne Willen, wenn nicht ein Ring

zu sich selber guten Willen hat, -- wollt ihr einen *Namen* für diese

Welt? Eine *Lösung* für alle ihre Rätsel? Ein Licht auch für euch, ihr

Verborgensten, Stärksten, Unerschrockensten, Mitternächtlichsten? --

*Diese Welt ist der Wille zur Macht -- und nichts außerdem!* Und auch

ihr selber seid dieser Wille zur Macht -- und nichts außerdem!

Bei der Transkription vorgenommene Änderungen:

Im Satz "Man folgt, aber man folgert nicht mehr." war im Original

nach dem ersten Halbsatz ein Absatz gebildet. Dieser wurde entfernt.

Die Kapitelzählung "64." stand nicht über dem Absatz, sondern erst am

Beginn der nächsten Seite. Dies wurde korrigiert.

In "Goethe lehrt es anders; aber es scheint, daß er hier sich selbst

mißverstehen wollte" stand "mistverstehen".

End of Project Gutenberg's Der Wille zur Macht, by Friedrich Nietzsche

Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens · 第 29 / 29 段