-- Das Wohlgefallen an den Fürsten und Priestern, weil sie den Glauben

an eine Verschiedenheit der menschlichen Werte selbst noch in der

Abschätzung der Vergangenheit zum mindesten symbolisch und im ganzen

und großen sogar tatsächlich aufrechterhalten.

-- Das Schweigen-können: aber darüber kein Wort vor Hörern.

-- Das Ertragen langer Feindschaften: der Mangel an der leichten

Versöhnlichkeit.

-- Der Ekel am Demagogischen, an der „Aufklärung“, an der

„Gemütlichkeit“, an der pöbelhaften Vertraulichkeit.

-- Das Sammeln kostbarer Dinge, die Bedürfnisse einer hohen und

wählerischen Seele; nichts gemein haben wollen. *Seine* Bücher, *seine*

Landschaften.

-- Wir lehnen uns gegen schlimme und gute Erfahrungen auf und

verallgemeinern nicht so schnell. Der einzelne Fall: wie ironisch sind

wir gegen den einzelnen Fall, wenn er den schlechten Geschmack hat,

sich als Regel zu gebärden!

-- Wir lieben das Naive und die Naiven, aber als Zuschauer und höhere

Wesen; wir finden Faust ebenso naiv als sein Gretchen.

-- Wir schätzen die Guten gering, als Herdentiere: wir wissen, wie

unter den schlimmsten, bösartigsten, härtesten Menschen oft ein

unschätzbarer Goldtropfen von Güte sich verborgen hält, welcher alle

bloße Gutartigkeit der Milchseelen überwiegt.

-- Wir halten einen Menschen unserer Art nicht widerlegt durch seine

Laster, noch durch seine Torheiten. Wir wissen, daß wir schwer

erkennbar sind, und daß wir alle Gründe haben, uns Vordergründe zu

geben.

630.

*Dem Wohlgeratenen*, der meinem Herzen wohltut, aus einem Holz

geschnitzt, welches hart, zart und wohlriechend ist -- an dem selbst

die Nase noch ihre Freude hat --, sei dies Buch geweiht.

Ihm schmeckt, was ihm zuträglich ist;

sein Gefallen an etwas hört auf, wo das Maß des Zuträglichen

überschritten wird;

er errät die Heilmittel gegen partielle Schädigungen; er hat

Krankheiten als große Stimulantia seines Lebens;

er versteht seine schlimmen Zufälle auszunützen;

er wird stärker durch die Unglücksfälle, die ihn zu vernichten drohen;

er sammelt instinktiv aus allem, was er sieht, hört, erlebt, zugunsten

seiner Hauptsache, -- er folgt einem *auswählenden* Prinzip, -- er läßt

viel durchfallen;

er reagiert mit einer Langsamkeit, welche eine lange Vorsicht und ein

gewollter *Stolz* angezüchtet haben, -- er prüft den Reiz, woher er

kommt, wohin er will, er unterwirft sich nicht;

er ist immer in *seiner* Gesellschaft, ob er mit Büchern, Menschen oder

Landschaften verkehrt;

er ehrt, indem er *wählt*, indem er *zuläßt*, indem er *vertraut*.

631.

*Was ist vornehm*? -- Daß man sich beständig zu repräsentieren hat.

Daß man Lagen sucht, wo man beständig Gebärden nötig hat. Daß man

das Glück der *großen Zahl* überläßt: Glück als Frieden der Seele,

Tugend, Komfort, englisch-engelhaftes Krämertum ~à la~ Spencer. Daß man

instinktiv für sich schwere Verantwortungen sucht. Daß man sich überall

Feinde zu schaffen weiß, schlimmstenfalls noch aus sich selbst. Daß man

der *großen Zahl* nicht durch Worte, sondern durch Handlungen beständig

widerspricht.

632.

Kein Lob haben wollen: man tut, was einem nützlich ist oder was einem

Vergnügen macht oder was man tun *muß*.

633.

Was ist Keuschheit am Mann? Daß sein Geschlechtsgeschmack vornehm

geblieben ist; daß er ~in eroticis~ weder das Brutale, noch das

Krankhafte, noch das Kluge mag.

634.

*Der „Ehrbegriff“*: beruhend auf dem Glauben an „gute Gesellschaft“, an

ritterliche Hauptqualitäten, an die Verpflichtung, sich fortwährend zu

repräsentieren. Wesentlich: daß man sein Leben nicht wichtig nimmt; daß

man unbedingt auf respektvollste Manieren hält seitens aller, mit denen

man sich berührt (zum mindesten soweit sie nicht zu „*uns*“ gehören);

daß man weder vertraulich, noch gutmütig, noch lustig, noch bescheiden

ist, außer ~inter pares~; daß man *sich immer repräsentiert*.

635.

Der Sinn unsrer Gärten und Paläste (und insofern auch der Sinn alles

Begehrens nach Reichtümern) ist: die *Unordnung und Gemeinheit aus dem

Auge sich zu schaffen und dem Adel der Seele eine Heimat zu bauen*.

Die meisten freilich glauben, sie werden *höhere Naturen*, *wenn* jene

schönen, ruhigen Gegenstände auf sie eingewirkt haben: daher die Jagd

nach Italien und Reisen usw., alles Lesen und Theaterbesuchen. *Sie

wollen sich formen lassen* -- das ist der Sinn ihrer Kulturarbeit! Aber

die Starken, Mächtigen wollen *formen und nichts Fremdes mehr um sich

haben*!

So gehen auch die Menschen in die große Natur, nicht, um

*sich* zu finden, sondern um sich in ihr zu verlieren und zu

vergessen. Das „*Außer-sich-sein*“ als Wunsch aller Schwachen und

Mit-sich-Unzufriedenen.

636.

„*Geradezu stoßen die Adler.*“ -- Die Vornehmheit der Seele ist nicht

am wenigsten an der prachtvollen und stolzen Dummheit zu erkennen, mit

der sie *angreift*, -- „geradezu“.

637.

Krieg gegen die weichliche Auffassung der „*Vornehmheit*“! -- ein

Quantum Brutalität mehr ist nicht zu erlassen: so wenig als eine

Nachbarschaft zum Verbrechen. Auch die „Selbstzufriedenheit“ ist nicht

darin; man muß abenteuerlich auch zu sich stehen, versucherisch,

verderberisch, -- nichts von Schönseelensalbaderei --. Ich will einem

*robusteren Ideale* Luft machen.

638.

*Die zwei Wege.* -- Es kommt ein Zeitpunkt, wo der Mensch *Kraft*

im Überfluß zu Diensten hat: die Wissenschaft ist darauf aus, diese

*Sklaverei der Natur* herbeizuführen.

Dann bekommt der Mensch Muße: sich selbst *auszubilden* zu etwas

Neuem, Höherem. *Neue Aristokratie.* Dann werden eine Menge *Tugenden

überlebt*, die jetzt *Existenzbedingungen* waren. -- Eigenschaften

nicht mehr nötig haben, *folglich* sie verlieren. Wir haben die

Tugenden nicht mehr *nötig*: *folglich* verlieren wir sie (--

sowohl die Moral vom „Eins ist not“, vom Heil der Seele, wie der

Unsterblichkeit: sie waren Mittel, um dem Menschen eine ungeheure

*Selbstbezwingung zu ermöglichen*, durch den Affekt einer ungeheuren

Furcht : : :).

Die verschiedenen Arten Not, durch deren Zucht der Mensch geformt ist:

Not lehrt arbeiten, denken, sich zügeln.

Die *physiologische* Reinigung und Verstärkung. Die *neue Aristokratie*

hat einen Gegensatz nötig, gegen den sie ankämpft: sie muß eine

furchtbare Dringlichkeit haben, sich zu erhalten.

*Die zwei Zukünfte der Menschheit*: 1. die Konsequenz der

Vermittelmäßigung; 2. das bewußte Abheben, Sich-Gestalten.

Eine Lehre, die eine *Kluft* schafft: sie erhält die *oberste und die

niedrigste Art* (sie zerstört die mittlere).

Die bisherigen Aristokraten, geistliche und weltliche, beweisen

*nichts* gegen die Notwendigkeit einer neuen Aristokratie.

639.

Der Anblick des jetzigen Europäers gibt mir viele Hoffnung: es bildet

sich da eine verwegene herrschende Rasse, auf der Breite einer äußerst

intelligenten Herdenmasse. Es steht vor der Tür, daß die Bewegungen zur

Bildung der letzteren nicht mehr allein im Vordergrund stehen.

640.

Gesamtanblick des zukünftigen Europäers: derselbe als das

intelligenteste Sklaventier, sehr arbeitsam, im Grunde sehr bescheiden,

bis zum Exzeß neugierig, vielfach, verzärtelt, willensschwach, --

ein kosmopolitisches Affekt- und Intelligenzenchaos. Wie möchte

sich aus ihm eine *stärkere* Art herausheben? Eine solche mit

*klassischem* Geschmack? Der klassische Geschmack: das ist der

Wille zur Vereinfachung, Verstärkung, zur Sichtbarkeit des Glücks,

zur Furchtbarkeit, der Mut zur psychologischen *Nacktheit* (--

Vereinfachung ist eine Konsequenz des Willens zur Verstärkung; das

Sichtbar-werden-lassen des Glücks, insgleichen der Nacktheit, eine

Konsequenz des Willens zur Furchtbarkeit....). Um sich aus jenem

Chaos zu dieser *Gestaltung* emporzukämpfen -- dazu bedarf es einer

*Nötigung*: man muß die Wahl haben, entweder zugrunde zu gehen

oder *sich durchzusetzen*. Eine herrschaftliche Rasse kann nur aus

furchtbaren und gewaltsamen Anfängen emporwachsen. Problem: wo sind

die *Barbaren* des zwanzigsten Jahrhunderts? Offenbar werden sie

erst nach ungeheuren sozialistischen Krisen sichtbar werden und sich

konsolidieren, -- es werden die Elemente sein, die der *größten Härte

gegen sich selber* fähig sind und den *längsten Willen* garantieren

können.

641.

Es naht sich, unabweislich, zögernd, furchtbar wie das Schicksal, die

große Aufgabe und Frage: wie soll die Erde als Ganzes verwaltet werden?

Und *wozu* soll „der Mensch“ als Ganzes -- und nicht mehr ein Volk,

eine Rasse -- gezogen und gezüchtet werden?

Die gesetzgeberischen Moralen sind das Hauptmittel, mit denen man

aus dem Menschen gestalten kann, was einem schöpferischen und tiefen

Willen beliebt: vorausgesetzt, daß ein solcher Künstlerwille höchsten

Ranges die Gewalt in den Händen hat und seinen schaffenden Willen

über lange Zeiträume durchsetzen kann in Gestalt von Gesetzgebungen,

Religionen und Sitten. Solchen Menschen des großen Schaffens, den

eigentlich großen Menschen, wie ich es verstehe, wird man heute und

wahrscheinlich für lange noch umsonst nachgehen: sie *fehlen*; bis man

endlich, nach vieler Enttäuschung, zu begreifen anfangen muß, *warum*

sie fehlen, und daß ihrer Entstehung und Entwicklung für jetzt und

für lange nichts feindseliger im Wege steht als das, was man jetzt

in Europa geradewegs „*die Moral*“ nennt: wie als ob es keine andere

gäbe und geben dürfte, -- jene vorhin bezeichnete Herdentiermoral,

die mit allen Kräften das allgemeine grüne Weideglück auf Erden

erstrebt, nämlich Sicherheit, Ungefährlichkeit, Behagen, Leichtigkeit

des Lebens und zu guterletzt, „wenn alles gut geht“, sich auch noch

aller Art Hirten und Leithämmel zu entschlagen hofft. Ihre beiden am

reichlichsten gepredigten Lehren heißen: „Gleichheit der Rechte“ und

„Mitgefühl für alles Leidende“ -- und das Leiden selber wird von ihnen

als etwas genommen, das man schlechterdings *abschaffen* muß. Daß

solche „Ideen“ immer noch modern sein können, gibt einen üblen Begriff

von dieser Modernität. Wer aber gründlich darüber nachgedacht hat, wo

und wie die Pflanze Mensch bisher am kräftigsten emporgewachsen ist,

muß vermeinen, daß dies unter den *umgekehrten* Bedingungen geschehen

ist: daß dazu die Gefährlichkeit seiner Lage ins Ungeheure wachsen,

seine Erfindungs- und Verstellungskraft unter langem Druck und Zwang

sich emporkämpfen, sein Lebenswille bis zu einem unbedingten Willen zur

Macht und zur Übermacht gesteigert werden muß, und daß Gefahr, Härte,

Gewaltsamkeit, Gefahr auf der Gasse wie im Herzen, Ungleichheit der

Rechte, Verborgenheit, Stoizismus, Versucherkunst, Teufelei jeder Art,

kurz, der Gegensatz aller Herdenwünschbarkeiten zur Erhöhung des Typus

Mensch notwendig ist. Eine Moral mit solchen umgekehrten Absichten,

welche den Menschen ins Hohe, statt ins Bequeme und Mittlere züchten

will, eine Moral mit der Absicht, eine regierende Kaste zu züchten --

die zukünftigen *Herren der Erde* -- muß, um gelehrt werden zu können,

sich in Anknüpfung an das bestehende Sittengesetz und unter dessen

Worten und Anscheine einführen. Daß dazu aber viele Übergangs- und

Täuschungsmittel zu erfinden sind, und daß, weil die Lebensdauer eines

Menschen beinahe nichts bedeutet in Hinsicht auf die Durchführung so

langwieriger Aufgaben und Absichten, vor allem erst *eine neue Art*

angezüchtet werden muß, in der dem nämlichen Willen, dem nämlichen

Instinkte Dauer durch viele Geschlechter verbürgt wird -- eine neue

Herrenart und -Kaste -- dies begreift sich ebensogut als das lange

und nicht leicht aussprechbare Und-so-weiter dieses Gedankens. Eine

*Umkehrung der Werte* für eine bestimmte starke Art von Menschen

höchster Geistigkeit und Willenskraft vorzubereiten und zu diesem Zweck

bei ihnen eine Menge in Zaum gehaltener und verleumdeter Instinkte

langsam und mit Vorsicht zu entfesseln: wer darüber nachdenkt, gehört

zu uns, den freien Geistern -- freilich wohl zu einer neueren Art von

„freien Geistern“ als die bisherigen: denn diese wünschten ungefähr

das Entgegengesetzte. Hierher gehören, wie mir scheint, vor allem die

Pessimisten Europas, die Dichter und Denker eines empörten Idealismus,

insofern ihre Unzufriedenheit mit dem gesamten Dasein sie auch zur

Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Menschen mindestens *logisch*

nötigt; insgleichen gewisse unersättlich-ehrgeizige Künstler, welche

unbedenklich und unbedingt für die Sonderrechte höherer Menschen und

gegen das „Herdentier“ kämpfen und mit den Verführungsmitteln der Kunst

bei ausgesuchteren Geistern alle Herdeninstinkte und Herdenvorsichten

einschläfern; zu dritt endlich alle jene Kritiker und Historiker, von

denen die glücklich begonnene Entdeckung der alten Welt -- es ist das

Werk des *neuen* Kolumbus, des deutschen Geistes -- mutig *fortgesetzt*

wird (-- denn wir stehen immer noch in den Anfängen dieser Eroberung).

In der alten Welt nämlich herrschte in der Tat eine andere, eine

herrschaftlichere Moral als heute; und der antike Mensch, unter dem

erziehenden Banne seiner Moral, war ein stärkerer und tieferer Mensch

als der Mensch von heute, -- er war bisher allein „der wohlgeratene

Mensch“. Die Verführung aber, welche vom Altertum her auf wohlgeratene,

das heißt auf starke und unternehmende Seelen ausgeübt wird, ist auch

heute noch die feinste und wirksamste aller antidemokratischen und

antichristlichen: wie sie es schon zur Zeit der Renaissance war.

2. Der züchtende Gedanke.

642.

Eine Frage kommt uns immer wieder, eine versucherische und schlimme

Frage vielleicht: sie sei denen ins Ohr gesagt, welche ein Recht auf

solche fragwürdige Fragen haben, den stärksten Seelen von heute, welche

sich selbst auch am besten in der Gewalt haben: wäre es nicht an der

Zeit, je mehr der Typus „Herdentier“ jetzt in Europa entwickelt wird,

mit einer grundsätzlichen künstlichen und bewußten *Züchtung* des

entgegengesetzten Typus und seiner Tugenden den Versuch zu machen?

Und wäre es für die demokratische Bewegung nicht selber erst eine Art

Ziel, Erlösung und Rechtfertigung, wenn jemand käme, der sich ihrer

*bediente* -- dadurch, daß endlich sich zu ihrer neuen und sublimen

Ausgestaltung der Sklaverei (-- das muß die europäische Demokratie am

Ende sein) jene höhere Art herrschaftlicher und cäsarischer Geister

hinzufände, welche sich auf sie stellte, sich an ihr hielte, sich durch

sie emporhübe? Zu neuen, bisher unmöglichen, zu *ihren* Fernsichten? Zu

*ihren* Aufgaben?

643.

Ich glaube, ich habe einiges aus der Seele des höchsten Menschen

*erraten*; -- vielleicht geht jeder zugrunde, der ihn errät: aber wer

ihn gesehen hat, muß helfen, ihn zu *ermöglichen*.

Grundgedanke: wir müssen die Zukunft als *maßgebend* nehmen für alle

unsere Wertschätzung -- und nicht *hinter* uns die Gesetze unseres

Handelns suchen!

644.

*Könnten* wir die günstigsten Bedingungen *voraussehen*, unter denen

Wesen entstehen von höchstem Werte! Es ist tausendmal zu kompliziert

und die Wahrscheinlichkeit des Mißratens *sehr groß*: so begeistert es

nicht, danach zu streben! -- Skepsis. -- Dagegen: Mut, Einsicht, Härte,

Unabhängigkeit, Gefühl der Verantwortlichkeit können wir steigern, die

Feinheit der Wage verfeinern und erwarten, daß günstige Zufälle zu

Hilfe kommen. --

645.

Dieselben Bedingungen, welche die Entwicklung des Herdentieres

vorwärtstreiben, treiben auch die Entwicklung des Führertiers.

646.

So viel habe ich begriffen: wenn man das Entstehen großer und

seltener Menschen abhängig gemacht hätte von der Zustimmung der

vielen (einbegriffen, daß diese *wüßten*, welche Eigenschaften zur

Größe gehören und insgleichen, auf wessen Unkosten alle Größe sich

entwickelt) -- nun, es hätte nie einen bedeutenden Menschen gegeben! --

Daß der Gang der Dinge *unabhängig* von der Zustimmung der allermeisten

seinen Weg nimmt: daran liegt es, daß einiges Erstaunliche sich auf der

Erde eingeschlichen hat.

647.

*Nicht* die Menschen „besser“ machen, *nicht* zu ihnen auf irgendeine

Art Moral reden, als ob „Moralität an sich“ oder eine ideale Art

Mensch überhaupt gegeben sei: sondern *Zustände schaffen*, unter

denen *stärkere Menschen nötig sind*, welche ihrerseits eine Moral

(deutlicher: eine *leiblich-geistige Disziplin*), *welche stark macht*,

brauchen und folglich *haben* werden!

Sich nicht durch blaue Augen oder geschwellte Busen verführen lassen:

*die Größe der Seele hat nichts Romantisches an sich*. Und leider *gar

nichts Liebenswürdiges*!

648.

Wer darüber nachdenkt, auf welche Weise der Typus Mensch zu seiner

größten Pracht und Mächtigkeit gesteigert werden kann, der wird zu

allererst begreifen, daß er sich außerhalb der Moral stellen muß:

denn die Moral war im wesentlichen auf das Entgegengesetzte aus,

jene prachtvolle Entwicklung, wo sie im Zuge war, zu hemmen oder zu

vernichten. Denn in der Tat konsumiert eine derartige Entwicklung

eine solche ungeheure Quantität von Menschen in ihrem Dienst, daß

eine *umgekehrte* Bewegung nur zu natürlich ist: die schwächeren,

zarteren, mittleren Existenzen haben nötig, Partei zu machen *gegen*

jene Glorie von Leben und Kraft, und dazu müssen sie von sich eine neue

Schätzung bekommen, vermöge deren sie das Leben in dieser höchsten

Fülle verurteilen und womöglich zerstören. Eine lebensfeindliche

Tendenz ist daher der Moral zu eigen, insofern sie die Typen des Lebens

überwältigen will.

649.

Mein Augenmerk darauf, an welchen Punkten der Geschichte die großen

Menschen hervorspringen. Die Bedeutung langer *despotischer Moralen*:

sie spannen den Bogen, wenn sie ihn nicht zerbrechen.

650.

Die Urwaldvegetation „Mensch“ erscheint immer, wo der Kampf um die

Macht am längsten geführt worden ist. Die *großen* Menschen.

Urwaldtiere die *Römer*.

651.

*Aus der Kriegsschule der Seele.* (Den Tapfern, den Frohgemuten, den

Enthaltsamen geweiht.)

Ich möchte die liebenswürdigen Tugenden nicht unterschätzen; aber die

Größe der Seele verträgt sich nicht mit ihnen. Auch in den Künsten

schließt der große Stil das Gefällige aus.

In Zeiten schmerzhafter Spannung und Verwundbarkeit wähle den Krieg: er

härtet ab, er macht Muskel.

Die tief Verwundeten haben das olympische Lachen; man hat nur, was man

nötig hat.

Es dauert zehn Jahre schon: kein Laut mehr *erreicht* mich -- ein Land

ohne Regen. Man muß viel Menschlichkeit übrig haben, um in der *Dürre*

nicht zu verschmachten.

652.

*Ersatz* der Moral durch den *Willen* zu unserem Ziele, und *folglich*

zu dessen *Mitteln*.

653.

Es bedarf einer Lehre, stark genug, um *züchtend* zu wirken: stärkend

für die Starken, lähmend und zerbrechend für die Weltmüden.

Die Vernichtung der verfallenden Rassen. Verfall Europas. -- Die

Vernichtung der sklavenhaften Wertschätzungen. -- Die Herrschaft

über die Erde als Mittel zur Erzeugung eines höheren Typus. -- Die

Vernichtung der Tartüfferie, welche „Moral“ heißt (das Christentum

als eine hysterische Art von Ehrlichkeit hierin: Augustin). --

Die Vernichtung des ~suffrage universel~: das heißt des Systems,

vermöge dessen die niedrigsten Naturen sich als Gesetz den höheren

vorschreiben. -- Die Vernichtung der Mittelmäßigkeit und ihrer Geltung.

(Die Einseitigen, Einzelne -- Völker; Fülle der Natur zu erstreben

durch Paarung von Gegensätzen: Rassenmischungen dazu.) -- Der neue

Mut -- keine apriorischen Wahrheiten (*solche* suchten die an Glauben

Gewöhnten!), sondern *freie* Unterordnung unter einen herrschenden

Gedanken, der seine Zeit hat, zum Beispiel Zeit als Eigenschaft des

Raumes usw.

654.

-- Und wie viele neue Götter sind noch möglich! Mir selber, in dem

der religiöse, das heißt gott*bildende*, Instinkt mitunter zur Unzeit

lebendig wird: wie anders, wie verschieden hat sich mir jedesmal das

Göttliche offenbart!... So vieles Seltsame ging schon an mir vorüber in

jenen zeitlosen Augenblicken, die ins Leben herein wie aus dem Monde

fallen, wo man schlechterdings nicht mehr weiß, wie alt man schon ist

und wie jung man noch sein wird.... Ich würde nicht zweifeln, daß es

viele Arten Götter gibt.... Es fehlt nicht an solchen, aus denen man

einen gewissen Halkyonismus und Leichtsinn nicht hinwegdenken darf....

Die leichten Füße gehören vielleicht selbst zum Begriff „Gott“....

Ist es nötig, auszuführen, daß ein Gott sich mit Vorliebe jenseits

alles Biedermännischen und Vernunftgemäßen zu halten weiß? jenseits

auch, unter uns gesagt, von Gut und Böse? Er hat die Aussicht *frei*,

-- mit Goethe zu reden. -- Und um für diesen Fall die nicht genug zu

schätzende Autorität Zarathustras anzurufen: Zarathustra geht so weit,

von sich zu bezeugen, „ich würde nur an einen Gott glauben, der zu

*tanzen* verstünde“....

Nochmals gesagt: wie viele neue Götter sind noch möglich! --

Zarathustra selbst freilich ist bloß ein alter Atheist: der glaubt

weder an alte noch neue Götter. Zarathustra sagt, er *würde* --; aber

Zarathustra *wird* nicht.... Man verstehe ihn recht.

Typus Gottes nach dem Typus der schöpferischen Geister, der „großen

Menschen“.

655.

Und wie viele neue *Ideale* sind im Grunde noch möglich! -- Hier ein

kleines Ideal, das ich alle fünf Wochen einmal auf einem wilden und

einsamen Spaziergang erhasche, im azurnen Augenblick eines frevelhaften

Glücks. Sein Leben zwischen zarten und absurden Dingen verbringen;

der Realität fremd; halb Künstler, halb Vogel und Metaphysikus; ohne

Ja und Nein für die Realität, es sei denn, daß man sie ab und zu in

der Art eines guten Tänzers mit den Fußspitzen anerkennt; immer von

irgendeinem Sonnenstrahl des Glücks gekitzelt; ausgelassen und ermutigt

selbst durch Trübsal -- denn Trübsal *erhält* den Glücklichen --; einen

kleinen Schwanz von Posse auch noch dem Heiligsten anhängend: -- dies,

wie sich von selbst versteht, das Ideal eines schweren, zentnerschweren

Geistes, eines *Geistes der Schwere*.

656.

Der große Mensch fühlt seine *Macht* über ein Volk, sein zeitweiliges

Zusammenfallen mit einem Volk oder einem Jahrtausend: -- diese

*Vergrößerung* im Gefühl von sich als *~causa~* und *~voluntas~* wird

*mißverstanden* als „Altruismus“ -- : es drängt ihn nach *Mitteln*

der Mitteilung: alle großen Menschen sind *erfinderisch* in solchen

*Mitteln*. Sie wollen sich hineingestalten in große Gemeinden, sie

wollen eine Form dem Vielartigen, Ungeordneten geben, es reizt sie, das

Chaos zu sehen.

Mißverständnis der Liebe. Es gibt eine *sklavische* Liebe, welche sich

unterwirft und weggibt: welche idealisiert und sich täuscht, -- es gibt

eine *göttliche* Liebe, welche verachtet und liebt und das Geliebte

*umschafft, hinaufträgt*.

Jene ungeheure *Energie der Größe* zu gewinnen, um durch Züchtung und

andrerseits durch Vernichtung von Millionen Mißratener den zukünftigen

Menschen zu gestalten und *nicht zugrunde* zu gehen an dem Leid, das

man *schafft* und dessengleichen noch nie da war! --

657.

Eine Periode, wo die alte Maskerade und Moralaufputzung der Affekte

Widerwillen macht: *die nackte Natur*; wo die *Machtquantitäten* als

*entscheidend* einfach zugestanden werden (als *rangbestimmend*); wo

der *große Stil* wieder auftritt als Folge der *großen Leidenschaft*.

658.

Die *Lust* tritt auf, wo Gefühl der Macht.

Das *Glück*: in dem herrschend gewordnen Bewußtsein der Macht und des

Siegs.

Der *Fortschritt*: die Verstärkung des Typus, die Fähigkeit zum großen

Wollen: alles andere ist Mißverständnis, Gefahr.

659.

Ich wollte, man finge damit an, sich selbst zu *achten*: alles andere

folgt daraus. Freilich hört man eben damit für die andern auf: denn

das gerade verzeihen sie am letzten. „Wie? Ein Mensch, der sich selbst

achtet?“ --

Das ist etwas anderes als der blinde Trieb, sich selbst zu *lieben*:

nichts ist gewöhnlicher in der Liebe der Geschlechter wie in der

Zweiheit, welche „Ich“ genannt wird, als *Verachtung* gegen das, was

man liebt: -- der Fatalismus in der Liebe.

660.

Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens · 第 27 / 29 段