Ein großer Mensch, -- ein Mensch, welchen die Natur in großem Stile

aufgebaut und erfunden hat -- was ist das? *Erstens*: er hat in

seinem gesamten Tun eine lange Logik, die ihrer Länge wegen schwer

überschaubar, folglich irreführend ist, eine Fähigkeit, über große

Flächen seines Lebens hin seinen Willen auszuspannen und alles

kleine Zeug an sich zu verachten und wegzuwerfen, seien darunter

auch die schönsten, „göttlichsten“ Dinge von der Welt. *Zweitens*:

er ist *kälter*, *härter*, *unbedenklicher* und *ohne Furcht vor der

„Meinung“*; es fehlen ihm die Tugenden, welche mit der „Achtung“

und dem Geachtetwerden zusammenhängen, überhaupt alles, was zur

„Tugend der Herde“ gehört. Kann er nicht *führen*, so geht er allein;

es kommt dann vor, daß er manches, was ihm auf dem Wege begegnet,

angrunzt. *Drittens*: er will kein „teilnehmendes“ Herz, sondern

Diener, Werkzeuge; er ist im Verkehr mit Menschen immer darauf aus,

etwas aus ihnen zu *machen*. Er weiß sich unmitteilbar: er findet es

geschmacklos, wenn er vertraulich wird; und er ist es gewöhnlich nicht,

wenn man ihn dafür hält. Wenn er nicht zu sich redet, hat er seine

Maske. Er lügt lieber, als daß er die Wahrheit redet: es kostet mehr

Geist und *Willen*. Es ist eine Einsamkeit in ihm, als welche etwas

Unerreichbares ist für Lob und Tadel, eine eigene Gerichtsbarkeit,

welche keine Instanz über sich hat.

596.

Objektiv, hart, fest, streng bleiben im Durchsetzen eines Gedankens

-- das bringen die Künstler noch am besten zustande: wenn einer aber

Menschen dazu nötig hat (wie Lehrer, Staatsmänner usw.), da geht die

Ruhe und Kälte und Härte schnell davon. Man kann bei Naturen wie Cäsar

und Napoleon etwas ahnen von einem „interesselosen“ Arbeiten an ihrem

Marmor, mag dabei von Menschen geopfert werden, was nur möglich. Auf

dieser Bahn liegt die Zukunft der höchsten Menschen: die *größte

Verantwortlichkeit* tragen und *nicht* daran *zerbrechen*. -- Bisher

waren fast immer Inspirationstäuschungen nötig, um selbst den *Glauben

an sein Recht und seine Hand* nicht zu verlieren.

597.

Die Revolution, Verwirrung und Not der Völker ist das Geringere in

meiner Betrachtung, *gegen die Not der großen Einzelnen in ihrer

Entwicklung*. Man muß sich nicht täuschen lassen: die vielen Nöte aller

dieser *Kleinen* bilden zusammen keine *Summe*, außer im Gefühle von

*mächtigen* Menschen. -- An sich denken, in Augenblicken großer Gefahr:

seinen Nutzen ziehen aus dem Nachteile vieler: -- das kann bei einem

sehr hohen Grade von Abweichung ein Zeichen *großen* Charakters sein,

der über seine mitleidigen und gerechten Empfindungen Herr wird.

598.

Im *großen Menschen* sind die spezifischen Eigenschaften des Lebens

-- Unrecht, Lüge, Ausbeutung -- am größten. Insofern sie aber

*überwältigend* gewirkt haben, ist ihr Wesen am besten mißverstanden

und ins Gute interpretiert worden. Typus Carlyle als Interpret.

599.

Ob man nicht ein Recht hat, alle *großen* Menschen unter die *bösen*

zu rechnen? Im einzelnen ist es nicht rein aufzuzeigen. Oft ist ihnen

ein meisterhaftes Versteckenspielen möglich gewesen, so daß sie die

Gebärden und Äußerlichkeiten großer Tugenden annahmen. Oft verehrten

sie die Tugenden ernsthaft und mit einer leidenschaftlichen Härte

gegen sich selber, aber aus Grausamkeit, -- dergleichen täuscht, aus

der Ferne gesehen. Manche verstanden sich selber falsch; nicht selten

fordert eine große Aufgabe große Qualitäten heraus, zum Beispiel die

Gerechtigkeit. Das Wesentliche ist: die Größten haben vielleicht auch

große Tugenden, aber gerade dann noch deren Gegensätze. Ich glaube, daß

aus dem Vorhandensein der Gegensätze und aus deren Gefühl gerade der

große Mensch, *der Bogen mit der großen Spannung*, entsteht.

600.

Menschen, die Schicksale sind, die, indem sie sich tragen, Schicksale

tragen, die ganze Art der *heroischen* Lastträger: o wie gern

möchten sie einmal von sich selber ausruhen! wie dürsten sie nach

starken Herzen und Nacken, um für Stunden wenigstens loszuwerden,

was sie drückt! Und wie umsonst dürsten sie!.... Sie warten; sie

sehen sich alles an, was vorübergeht: niemand kommt ihnen auch nur

mit dem Tausendstel Leiden und Leidenschaft entgegen, niemand errät,

*inwiefern* sie warten.... Endlich, endlich lernen sie ihre erste

Lebensklugheit -- *nicht* mehr zu warten; und dann alsbald auch ihre

zweite: leutselig zu sein, bescheiden zu sein, von nun an jedermann

zu ertragen, jederlei zu ertragen -- kurz, noch ein wenig *mehr zu

ertragen*, als sie bisher schon getragen haben.

601.

Seelengröße nicht zu trennen von geistiger Größe. Denn sie involviert

*Unabhängigkeit*; aber ohne geistige Größe soll diese nicht erlaubt

sein, sie richtet Unfug an, selbst noch durch Wohltunwollen und

„Gerechtigkeit“üben. Die geringen Geister haben zu *gehorchen*, --

können also nicht *Größe* haben.

602.

Die *Notwendigkeit* zu erweisen, daß zu einem immer ökonomischeren

Verbrauch von Mensch und Menschheit, zu einer immer fester ineinander

verschlungenen „Maschinerie“ der Interessen und Leistungen *eine

Gegenbewegung gehört*. Ich bezeichne dieselbe als *Ausscheidung

eines Luxusüberschusses der Menschheit*: in ihr soll eine *stärkere*

Art, ein höherer Typus ans Licht treten, der andre Entstehungs- und

andre Erhaltungsbedingungen hat als der Durchschnittsmensch. Mein

Begriff, mein *Gleichnis* für diesen Typus ist, wie man weiß, das Wort

„Übermensch“.

Auf jenem ersten Wege, der vollkommen jetzt überschaubar ist,

entsteht die Anpassung, die Abflachung, das höhere Chinesentum, die

Instinktbescheidenheit, die Zufriedenheit in der Verkleinerung des

Menschen, -- eine Art *Stillstandsniveau des Menschen*. Haben wir

erst jene unvermeidlich bevorstehende Wirtschaftsgesamtverwaltung

der Erde, dann *kann* die Menschheit als Maschinerie in deren

Diensten ihren besten Sinn finden: -- als ein ungeheures Räderwerk von

immer kleineren, immer feiner „anzupassenden“ Rädern; als ein immer

wachsendes Überflüssigwerden aller dominierenden und kommandierenden

Elemente; als ein Ganzes von ungeheurer Kraft, dessen einzelne Faktoren

*Minimalkräfte, Minimalwerte* darstellen.

Im Gegensatz zu dieser Verkleinerung und Anpassung der Menschen

an eine spezialisiertere Nützlichkeit bedarf es der umgekehrten

Bewegung, -- der Erzeugung des *synthetischen*, des *summierenden*,

des *rechtfertigenden* Menschen, für den jene Machinalisierung der

Menschheit eine Daseinsvorausbedingung ist, als ein Untergestell, auf

dem er seine *höhere Form, zu sein*, sich erfinden kann.

Er braucht die *Gegnerschaft* der Menge, der „Nivellierten“, das

Distanzgefühl im Vergleich zu ihnen; er steht auf ihnen, er lebt von

ihnen. Diese höhere Form des *Aristokratismus* ist die der Zukunft. --

Moralisch geredet, stellt jene Gesamtmaschinerie, die Solidarität aller

Räder, ein Maximum in der *Ausbeutung des Menschen* dar: aber sie setzt

solche voraus, deretwegen diese Ausbeutung *Sinn* hat. Im anderen Falle

wäre sie tatsächlich bloß die Gesamtverringerung, *Wert*verringerung

des Typus Mensch, -- ein *Rückgangsphänomen* im größten Stile.

-- Man sieht, was ich bekämpfe, ist der *ökonomische* Optimismus:

wie als ob mit den wachsenden Unkosten aller auch der Nutzen aller

notwendig wachsen müßte. Das Gegenteil scheint mir der Fall: *die

Unkosten aller summieren sich zu einem Gesamtverlust*: der Mensch wird

*geringer*: -- so daß man nicht mehr weiß, *wozu* überhaupt dieser

ungeheure Prozeß gedient hat. Ein Wozu? ein *neues* Wozu? -- *das* ist

es, was die Menschheit nötig hat.

603.

*Zur Rangordnung.* -- Was ist am typischen Menschen *mittelmäßig*?

Daß er nicht die *Kehrseite der Dinge* als notwendig versteht: daß

er die Übelstände bekämpft, wie als ob man ihrer entraten könne;

daß er das eine nicht mit dem andern hinnehmen will, -- daß er den

*typischen Charakter eines Dinges*, eines Zustandes, einer Zeit, einer

Person verwischen und auslöschen möchte, indem er nur einen Teil

ihrer Eigenschaften gutheißt und die andern *abschaffen* möchte. Die

„Wünschbarkeit“ der Mittelmäßigen ist das, was von uns andern bekämpft

wird: das *Ideal*, gefaßt als etwas, an dem nichts Schädliches, Böses,

Gefährliches, Fragwürdiges, Vernichtendes übrigbleiben soll. Unsere

Einsicht ist die umgekehrte: daß mit jedem Wachstum des Menschen

auch seine Kehrseite wachsen muß, daß der *höchste* Mensch, gesetzt,

daß ein solcher Begriff erlaubt ist, *der* Mensch wäre, welcher *den

Gegensatzcharakter des Daseins* am stärksten darstellte, als dessen

Glorie und einzige Rechtfertigung.... Die gewöhnlichen Menschen dürfen

nur ein ganz kleines Eckchen und Winkelchen dieses Naturcharakters

darstellen: sie gehen alsbald zugrunde, wenn die Vielfachheit der

Elemente und die Spannung der Gegensätze wächst, das heißt die

Vorbedingung für die *Größe des Menschen*. Daß der Mensch besser *und*

böser werden muß, das ist meine Formel für diese Unvermeidlichkeit....

Die meisten stellen den Menschen als Stücke und Einzelheiten dar: erst

wenn man sie zusammenrechnet, so kommt ein Mensch heraus. Ganze Zeiten,

ganze Völker haben in diesem Sinne etwas Bruchstückhaftes; es gehört

vielleicht zur Ökonomie der Menschenentwicklung, daß der Mensch sich

stückweise entwickelt. Deshalb soll man durchaus nicht verkennen, daß

es sich trotzdem nur um das Zustandekommen des synthetischen Menschen

handelt: daß die niedrigen Menschen, die ungeheure Mehrzahl, bloß

Vorspiele und Einübungen sind, aus deren Zusammenspiel hier und da der

*ganze* Mensch entsteht, der Meilensteinmensch, welcher anzeigt, wie

weit bisher die Menschheit vorwärts gekommen. Sie geht *nicht* in einem

Striche vorwärts; oft geht der schon erreichte Typus wieder verloren

(-- wir haben zum Beispiel mit aller Anspannung von drei Jahrhunderten

noch nicht den *Menschen der Renaissance* wieder erreicht, und

hinwiederum blieb der Mensch der Renaissance hinter dem *antiken

Menschen* zurück).

604.

Die „*Reinigung des Geschmacks*“ kann nur die Folge einer *Verstärkung*

des Typus sein. Unsre Gesellschaft von heute *repräsentiert* nur

die Bildung; der Gebildete *fehlt*. Der große *synthetische Mensch*

fehlt: in dem die verschiedenen Kräfte zu einem Ziele unbedenklich ins

Joch gespannt sind. Was wir haben, ist der *vielfache* Mensch, das

interessanteste Chaos, das es vielleicht bisher gegeben hat: aber nicht

das Chaos *vor* der Schöpfung der Welt, sondern hinter ihr: -- *Goethe*

als schönster Ausdruck des Typus (-- *ganz und gar kein Olympier!*).

605.

Händel, Leibniz, Goethe, Bismarck -- für die *deutsche starke Art*

charakteristisch. Unbedenklich zwischen Gegensätzen lebend, voll jener

geschmeidigen Stärke, welche sich vor Überzeugungen und Doktrinen

hütet, indem sie eine gegen die andere benutzt und sich selber die

Freiheit vorbehält.

606.

(~Revue des deux mondes~, 15. Februar 1887. *Taine* über Napoleon:)

„Plötzlich entfaltet sich die ~faculté maîtresse~: der *Künstler*,

eingeschlossen in den Politiker, kommt heraus ~de sa gaine~; er schafft

~dans l'idéal et l'impossible~. Man erkennt ihn wieder als das, was

er ist: der posthume Bruder des Dante und des Michelangelo: und in

Wahrheit, in Hinsicht auf die festen Konturen seiner Vision, die

Intensität, Kohärenz und innere Logik seines Traums, die Tiefe seiner

Meditation, die übermenschliche Größe seiner Konzeption, ist er ihnen

gleich ~et leur égal: son génie a la même taille et la même structure,

il est un des trois sprits souverains de la renaissance italienne~.“

Notabene -- -- Dante, Michelangelo, Napoleon.

607.

Einsicht, welche den „freien Geistern“ *fehlt*: dieselbe *Disziplin*,

welche eine starke Natur noch verstärkt und zu großen Unternehmungen

befähigt, *zerbricht und verkümmert die mittelmäßigen*: -- der Zweifel,

-- ~la largeur de cœur~, -- das Experiment.

608.

Eine volle und mächtige Seele wird nicht nur mit schmerzhaften, selbst

furchtbaren Verlusten, Entbehrungen, Beraubungen, Verachtungen fertig:

sie kommt aus solchen Höllen mit größerer Fülle und Mächtigkeit heraus:

und, um das Wesentlichste zu sagen, mit einem neuen Wachstum in der

Seligkeit der Liebe. Ich glaube, der, welcher etwas von den untersten

Bedingungen jedes Wachstums in der Liebe erraten hat, wird Dante, als

er über die Pforte seines Inferno schrieb: „auch mich schuf die ewige

Liebe“, verstehen.

609.

Zur Größe gehört die Furchtbarkeit: man lasse sich nichts vormachen.

610.

*Die Kriegerischen und die Friedlichen.* -- Bist du ein Mensch,

der die Instinkte des Kriegers im Leibe hat? Und in diesem Falle

bliebe noch eine zweite Frage: Bist du ein Angriffskrieger oder ein

Widerstandskrieger von Instinkt? Der Rest von Menschen, alles, was

nicht kriegerisch von Instinkt ist, will Frieden, will Eintracht, will

„Freiheit“, will „gleiche Rechte“ -- : das sind nur Namen und Stufen

für ein und dasselbe. Dorthin gehen, wo man nicht nötig hat, sich

zu wehren, -- solche Menschen werden unzufrieden mit sich, wenn sie

genötigt sind, Widerstand zu leisten: sie wollen Zustände schaffen, wo

es überhaupt keinen Krieg mehr gibt. Schlimmstenfalls sich unterwerfen,

gehorchen, einordnen: immer noch besser als Krieg führen, -- so rät es

zum Beispiel dem Christen sein Instinkt. Bei den geborenen Kriegern

gibt es etwas wie Bewaffnung in Charakter, in Wahl der Zustände, in der

Ausbildung jeder Eigenschaft: die „Waffe“ ist im ersten Typus, die Wehr

im zweiten am besten entwickelt.

Die Unbewaffneten, die Unbewehrten: welche Hilfsmittel und Tugenden sie

nötig haben, um es auszuhalten, -- um selbst obzusiegen.

611.

Was wird aus dem Menschen, der keine Gründe mehr hat, sich zu wehren

und anzugreifen? Was bleibt von seinen *Affekten* übrig, wenn die ihm

abhanden kommen, in denen er seine Wehr und seine Waffe hat?

612.

Man muß von den Kriegen her lernen: 1. den Tod in die Nähe der

Interessen zu bringen, für die man kämpft -- das macht *uns* ehrwürdig;

2. man muß lernen, *viele* zum Opfer bringen und seine Sache wichtig

genug nehmen, um die Menschen nicht zu schonen; 3. die starre

Disziplin, und im Krieg Gewalt und List sich zugestehen.

613.

„Das Paradies ist unter dem Schatten der Schwerter“ -- auch ein

Symbolon und Kerbholzwort, an dem sich Seelen vornehmer und

kriegerischer Abkunft verraten und erraten.

614.

Nicht „das Glück folgt der Tugend“, -- sondern der Mächtigere bestimmt

*seinen glücklichen Zustand erst als Tugend*.

Die bösen Handlungen gehören zu den Mächtigen und Tugendhaften: die

schlechten, niedrigen zu den Unterworfenen.

Der mächtigste Mensch, der Schaffende, müßte der böseste sein, insofern

er sein Ideal an allen Menschen durchsetzt *gegen* alle ihre Ideale

und sie zu seinem Bilde umschafft. Böse heißt hier: hart, schmerzhaft,

aufgezwungen.

Solche Menschen wie Napoleon müssen immer wiederkommen und den Glauben

an die Selbstherrlichkeit des Einzelnen befestigen: er selber aber

war durch die Mittel, die er anwenden *mußte*, korrumpiert worden und

hatte die Noblesse des Charakters *verloren*. Unter einer andern Art

Menschen sich durchsetzend, hätte er andere Mittel anwenden können; und

so wäre es nicht notwendig, daß ein Cäsar *schlecht werden müßte*.

615.

Der große Mensch ist notwendig Skeptiker (womit nicht gesagt ist, daß

er es scheinen müßte), vorausgesetzt, daß dies die Größe ausmacht:

etwas Großes *wollen* und die Mittel dazu. Die Freiheit von jeder

Art Überzeugung gehört zur *Stärke seines Willens*. So ist es jenem

„aufgeklärten Despotismus“ gemäß, den jede große Leidenschaft ausübt.

Eine solche nimmt den Intellekt in ihren Dienst; sie hat den Mut

auch zu unheiligen Mitteln; sie macht unbedenklich; sie gönnt sich

Überzeugungen, sie *braucht* sie selbst, aber sie unterwirft sich

ihnen nicht. Das Bedürfnis nach Glauben, nach irgend etwas Unbedingtem

in Ja und Nein ist ein Beweis der Schwäche; alle Schwäche ist

Willensschwäche. Der Mensch des Glaubens, der Gläubige ist notwendig

eine kleine Art Mensch. Hieraus ergibt sich, daß „Freiheit des

Geistes“, das heißt Unglaube als Instinkt, Vorbedingung der Größe ist.

616.

Es ist nur eine Sache der Kraft: alle krankhaften Züge des Jahrhunderts

haben, aber ausgleichen in einer überreichen, plastischen,

wiederherstellenden Kraft. *Der starke Mensch.*

617.

*Der Begriff „starker und schwacher Mensch“* reduziert sich darauf,

daß im ersten Falle viel Kraft vererbt ist -- er ist eine Summe: im

andern *noch wenig* -- (-- unzureichende Vererbung, Zersplitterung

des Ererbten). Die Schwäche kann ein *Anfangs*phänomen sein: „*noch

wenig*“; oder ein *End*phänomen: „nicht *mehr*“.

Der Ansatzpunkt ist der, *wo große Kraft ist*, wo Kraft *auszugeben*

ist. Die Masse, als die Summe der *Schwachen*, reagiert *langsam*;

wehrt sich gegen vieles, für das sie zu schwach ist, -- von dem sie

keinen Nutzen haben kann; schafft *nicht*, geht nicht voran.

Dies gegen die Theorie, welche das starke Individuum leugnet und

meint, „die Masse tut's“. Es ist die Differenz wie zwischen getrennten

Geschlechtern: es können vier, fünf Generationen zwischen dem Tätigen

und der Masse liegen -- eine *chronologische* Differenz.

Die *Werte der Schwachen* sind obenan, weil die Starken sie übernommen

haben, um damit zu *leiten*.

618.

Gesundheit und Krankhaftigkeit: man sei vorsichtig! Der Maßstab bleibt

die Effloreszenz des Leibes, die Sprungkraft, Mut und Lustigkeit des

Geistes -- aber natürlich auch, *wieviel von Krankhaftem er auf sich

nehmen und überwinden kann*, -- gesund *machen* kann. Das, woran die

zarteren Menschen zugrunde gehen würden, gehört zu den Stimulansmitteln

der *großen* Gesundheit.

619.

Die Lehre μηδὲν ἄγαν wendet sich an Menschen mit überströmender Kraft,

-- nicht an die Mittelmäßigen. Die ἐγκράτεια und ἄσκησις ist nur eine

*Stufe* der Höhe: höher steht die „goldene Natur“.

„*Du sollst*“ -- unbedingter Gehorsam bei Stoikern, in den Orden

des Christentums und der Araber, in der Philosophie Kants (es ist

gleichgültig, ob einem Oberen oder einem Begriff).

Höher als „du sollst“ steht: „*Ich will*“ (die Heroen); höher als „ich

will“ steht: „*Ich bin*“ (die Götter der Griechen).

Die barbarischen Götter drücken nichts von der Lust am *Maß* aus, --

sind weder einfach, noch leicht, noch maßvoll.

620.

Wie sich die aristokratische Welt immer mehr selber schröpft und

schwach macht! Vermöge ihrer noblen Instinkte wirft sie ihre Vorrechte

weg, und vermöge ihrer verfeinerten Überkultur interessiert sie sich

für das Volk, die Schwachen, die Armen, die Poesie des Kleinen usw.

621.

Es gibt nur Geburtsadel, nur Geblütsadel. (Ich rede hier nicht vom

Wörtchen „von“ und dem Gothaischen Kalender: Einschaltung für Esel.) Wo

von „Aristokraten des Geistes“ geredet wird, da fehlt es zumeist nicht

an Gründen, etwas zu verheimlichen; es ist bekanntermaßen ein Leibwort

unter ehrgeizigen Juden. Geist allein nämlich adelt nicht; vielmehr

bedarf es erst etwas, *das den Geist adelt*. -- Wessen bedarf es denn

dazu? Des Geblüts.

622.

Eine Kriegserklärung der *höheren Menschen* an die Masse ist nötig!

Überall geht das Mittelmäßige zusammen, um sich zum Herrn zu machen!

Alles, was verweichlicht, sanft macht, das „Volk“ zur Geltung bringt

oder das „Weibliche“, wirkt zugunsten des ~suffrage universel~,

das heißt der Herrschaft der *niederen* Menschen. Aber wir wollen

Repressalien üben und diese ganze Wirtschaft (die in Europa mit dem

Christentum anhebt) ans Licht und vors Gericht bringen.

623.

Der neue Philosoph kann nur in Verbindung mit einer herrschenden

Kaste entstehen als deren höchste Vergeistigung. Die große Politik,

Erdregierung in der Nähe; vollständiger *Mangel* an *Prinzipien* dafür.

624.

Der eigentlich *königliche* Beruf des Philosophen (nach dem Ausdruck

Alkuins des Angelsachsen): ~prava corrigere, et recta corroborare, et

sancta sublimare~.

625.

~Les philosophes ne sont pas faits pour s'aimer. Les aigles ne

volent point en compagnie. Il faut laisser cela aux perdrix, aux

étourneaux.... Planer au-dessus et avoir des griffes, voilà le lot des

grands génies.~

~Galiani.~

626.

Ich vergaß zu sagen, daß solche Philosophen heiter sind, und daß

sie gern in dem Abgrund eines vollkommen hellen Himmels sitzen: --

sie haben andere Mittel nötig, das Leben zu ertragen, als andere

Menschen; denn sie leiden anders (nämlich ebensosehr an der Tiefe ihrer

Menschenverachtung als an ihrer Menschenliebe). -- Das leidendste Tier

auf Erden erfand sich -- das *Lachen*.

627.

Weshalb der Philosoph *selten* gerät. Zu seinen Bedingungen gehören

Eigenschaften, die gewöhnlich einen Menschen zugrunde richten:

1. eine ungeheure Vielheit von Eigenschaften; er muß eine Abbreviatur

des Menschen sein, aller seiner hohen und niedern Begierden: Gefahr der

Gegensätze, auch des Ekels an sich;

2. er muß neugierig nach den verschiedensten Seiten sein: Gefahr der

Zersplitterung;

3. er muß gerecht und billig im höchsten Sinne sein, aber tief auch in

Liebe, Haß (und Ungerechtigkeit);

4. er muß nicht nur Zuschauer, sondern Gesetzgeber sein: Richter und

Gerichteter (insofern er eine Abbreviatur der Welt ist);

5. äußerst vielartig, und doch fest und hart. Geschmeidig.

628.

*Typus*: Die wahre Güte, Vornehmheit, Größe der Seele, die aus dem

Reichtum heraus: welche nicht gibt, um zu nehmen, -- welche sich nicht

damit *erheben* will, daß sie gütig ist; -- die *Verschwendung* als

Typus der wahren Güte, der Reichtum an *Person* als Voraussetzung.

629.

Was ist *vornehm*?

-- Die Sorgfalt im Äußerlichsten, insofern diese Sorgfalt abgrenzt,

fernhält, vor Verwechslung schützt.

-- Der frivole Anschein in Wort, Kleidung, Haltung, mit dem eine

stoische Härte und Selbstbezwingung sich vor aller unbescheidenen

Neugierde schützt.

-- Die langsame Gebärde, auch der langsame Blick. Es gibt nicht zu

viel wertvolle Dinge: und diese kommen und wollen von selbst zu dem

Wertvollen. Wir bewundern schwer.

-- Das Ertragen der Armut und der Dürftigkeit, auch der Krankheit.

-- Das Ausweichen vor kleinen Ehren, und Mißtrauen gegen jeden,

welcher leicht lobt: denn der Lobende glaubt daran, daß er verstehe,

was er lobe: verstehen aber -- Balzac hat es verraten, dieser typisch

Ehrgeizige -- ~comprendre c'est égaler~.

-- Unser Zweifel an der Mitteilbarkeit des Herzens geht in die Tiefe;

die Einsamkeit nicht als gewählt, sondern als gegeben.

-- Die Überzeugung, daß man nur gegen seinesgleichen Pflichten hat,

gegen die andern sich nach Gutdünken verhält: daß nur ~inter pares~ auf

Gerechtigkeit zu hoffen (leider noch lange nicht zu rechnen) ist.

-- Die Ironie gegen die „Begabten“, der Glaube an den Geburtsadel auch

im Sittlichen.

-- Immer sich als den fühlen, der Ehren zu *vergeben* hat: während

nicht häufig sich jemand findet, der ihn ehren dürfte.

-- Immer verkleidet: je höherer Art, um so mehr bedarf der Mensch des

Inkognitos. Gott, wenn es einen gäbe, dürfte schon aus Anstandsgründen

sich nur als Mensch in der Welt bezeigen.

-- Die Fähigkeit zum ~otium~, der unbedingten Überzeugung, daß ein

Handwerk in jedem Sinne zwar nicht schändet, aber sicherlich entadelt.

Nicht „Fleiß“ im bürgerlichen Sinne, wie hoch wir ihn auch zu ehren und

zu Geltung zu bringen wissen, oder wie jene unersättlich gackernden

Künstler, die es wie die Hühner machen, gackern und Eier legen und

wieder gackern.

-- Wir beschützen die Künstler und Dichter und wer irgend worin Meister

ist: aber als Wesen, die höherer Art *sind* als diese, welche nur etwas

*können*, als die bloß „produktiven Menschen“, verwechseln wir uns

nicht mit ihnen.

-- Die Lust an den *Formen*; das In-Schutz-nehmen alles Förmlichen,

die Überzeugung, daß Höflichkeit eine der großen Tugenden ist; das

Mißtrauen gegen alle Arten des Sich-gehen-lassens, eingerechnet

alle Preß- und Denkfreiheit, weil unter ihnen der Geist bequem und

tölpelhaft wird und die Glieder streckt.

-- Das Wohlgefallen an den *Frauen*, als an einer vielleicht kleineren,

aber feineren und leichteren Art von Wesen. Welches Glück, Wesen zu

begegnen, die immer Tanz und Torheit und Putz im Kopfe haben! Sie sind

das Entzücken aller sehr gespannten und tiefen Mannsseelen gewesen,

deren Leben mit großer Verantwortlichkeit beschwert ist.

Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens · 第 26 / 29 段