Dagegen ist der Spruch wertvoll, weil er einen *Typus Mensch* verrät:

es ist der *Instinkt der Herde*, der sich mit ihm formuliert, -- man

ist gleich, man nimmt sich gleich: wie ich dir, so du mir. -- Hier wird

wirklich an eine *Äquivalenz der Handlungen* geglaubt, die, in allen

realen Verhältnissen, einfach nicht vorkommt. Es *kann* nicht jede

Handlung zurückgegeben werden: zwischen wirklichen „Individuen“ *gibt

es keine gleichen Handlungen*, folglich auch keine „Vergeltung“....

Wenn ich etwas tue, so liegt mir der Gedanke vollkommen fern, daß

überhaupt dergleichen irgendeinem Menschen möglich sei: es gehört

mir.... Man kann mir nichts zurückzahlen, man würde immer eine

„*andere*“ Handlung gegen mich begehen. --

559.

Ich zeige auf etwas Neues hin: gewiß, für ein solches demokratisches

Wesen gibt es die Gefahr des Barbaren, aber man sucht sie nur in der

Tiefe. Es gibt auch eine *andere Art Barbaren*, die kommen aus der

Höhe: eine Art von erobernden und herrschenden Naturen, welche nach

einem Stoffe suchen, den sie gestalten können. Prometheus war ein

solcher Barbar.

560.

*Die typischen Selbstgestaltungen. Oder: die acht Hauptfragen.*

1. Ob man sich vielfacher haben will oder einfacher?

2. Ob man glücklicher werden will oder gleichgültiger gegen Glück und

Unglück?

3. Ob man zufriedner mit sich werden will oder anspruchsvoller und

unerbittlicher?

4. Ob man weicher, nachgebender, menschlicher werden will oder

„unmenschlicher“?

5. Ob man klüger werden will oder rücksichtsloser?

6. Ob man ein Ziel erreichen will oder allen Zielen ausweichen (wie es

zum Beispiel der Philosoph tut, der in jedem Ziel eine Grenze, einen

Winkel, ein Gefängnis, eine Dummheit riecht)?

7. Ob man geachteter werden will oder gefürchteter? Oder *verachteter*?

8. Ob man Tyrann oder Verführer oder Hirt oder Herdentier werden will?

561.

Die Rechte, die ein Mensch sich nimmt, stehen im Verhältnis zu

den Pflichten, die er sich stellt, zu den Aufgaben, denen er sich

*gewachsen fühlt*. Die allermeisten Menschen sind ohne Recht zum

Dasein, sondern ein Unglück für die höheren.

562.

Die *Lasterhaften* und *Zügellosen*: ihr deprimierender Einfluß auf

den *Wert der Begierden*. Es ist die schauerliche Barbarei der Sitte,

welche, im Mittelalter vornehmlich, zu einem wahren „Bund der Tugend“

zwingt -- nebst ebenso schauerlichen Übertreibungen über das, was den

*Wert* des Menschen ausmacht. Die kämpfende „Zivilisation“ (Zähmung)

braucht alle Art Eisen und Tortur, um sich gegen die Furchtbarkeit und

Raubtiernatur aufrechtzuerhalten.

Hier ist eine Verwechslung ganz natürlich, obwohl vom schlimmsten

Einfluß: Das, was *Menschen der Macht und des Willens von sich*

verlangen können, gibt ein Maß auch für das, was sie sich zugestehen

dürfen. Solche Naturen sind der *Gegensatz* der Lasterhaften und

Zügellosen: obwohl sie unter Umständen Dinge tun, deretwegen ein

geringerer Mensch des Lasters und der Unmäßigkeit überführt wäre.

Hier schadet der Begriff der „*Gleichwertigkeit* der Menschen *vor

Gott*“ außerordentlich; man verbot Handlungen und Gesinnungen, welche

an sich zu den Prärogativen der Starkgeratenen gehören, -- wie als

ob sie an sich des Menschen unwürdig wären. Man brachte die ganze

Tendenz der starken Menschen in Verruf, indem man die Schutzmittel der

Schwächsten (auch gegen sich Schwächsten) als Wertnorm aufstellte.

Die Verwechslung geht so weit, daß man geradezu die großen *Virtuosen*

des Lebens (deren Selbstherrlichkeit den schärfsten Gegensatz zum

Lasterhaften und Zügellosen abgibt) mit den schimpflichsten Namen

brandmarkte. Noch jetzt glaubt man einen Cesare Borgia mißbilligen zu

müssen; das ist einfach zum Lachen. Die Kirche hat deutsche Kaiser auf

Grund ihrer Laster in Bann getan: als ob ein Mönch oder Priester über

das mitreden dürfte, was ein Friedrich der Zweite von sich fordern

darf. Ein Don Juan wird in die Hölle geschickt: das ist sehr naiv. Hat

man bemerkt, daß im Himmel alle interessanten Menschen fehlen?.... Nur

ein Wink für die Weiblein, wo sie ihr Heil am besten finden. -- Denkt

man ein wenig konsequent und außerdem mit einer vertieften Einsicht in

das, was ein „großer Mensch“ ist, so unterliegt es keinem Zweifel, daß

die Kirche alle „großen Menschen“ in die Hölle schickt --, sie kämpft

*gegen* alle „Größe des Menschen“.

563.

Die mächtigsten und gefährlichsten Leidenschaften des Menschen, an

denen er am leichtesten zugrunde geht, sind so gründlich in Acht

getan, daß damit die mächtigsten Menschen selber unmöglich geworden

sind oder sich als *böse*, als „schädlich und unerlaubt“ fühlen mußten.

Diese Einbuße ist groß, aber notwendig bisher gewesen: jetzt, wo eine

Menge Gegenkräfte großgezüchtet sind durch zeitweilige Unterdrückung

jener Leidenschaften (von Herrschsucht, Lust an der Verwandlung und

Täuschung), ist deren Entfesselung wieder möglich: sie werden nicht

mehr die alte Wildheit haben. Wir erlauben uns die zahme Barbarei: man

sehe unsre Künstler und Staatsmänner an.

564.

Ich sehe durchaus nicht ab, wie einer es wieder gut machen kann, der

versäumt hat, zur rechten Zeit in eine *gute Schule* zu gehen. Ein

solcher kennt sich nicht; er geht durchs Leben, ohne gehen gelernt

zu haben; der schlaffe Muskel verrät sich bei jedem Schritt noch.

Mitunter ist das Leben so barmherzig, diese harte Schule nachzuholen:

jahrelanges Siechtum vielleicht, das die äußerste Willenskraft und

Selbstgenügsamkeit herausfordert; oder eine plötzlich hereinbrechende

Notlage, zugleich noch für Weib und Kind, welche eine Tätigkeit

erzwingt, die den erschlafften Fasern wieder Energie gibt und dem

Willen zum Leben die *Zähigkeit zurückgewinnt*. Das Wünschenswerteste

bleibt unter allen Umständen eine harte Disziplin *zur rechten Zeit*,

das heißt in jenem Alter noch, wo es stolz macht, viel von sich

verlangt zu sehen. Denn dies unterscheidet die harte Schule als gute

Schule von jeder anderen: daß viel verlangt wird; daß streng verlangt

wird; daß das Gute, das Ausgezeichnete selbst als normal verlangt wird;

daß das Lob selten ist; daß die Indulgenz fehlt; daß der Tadel scharf,

sachlich, ohne Rücksicht auf Talent und Herkunft laut wird. Eine solche

Schule hat man in jedem Betracht nötig: das gilt vom Leiblichsten wie

vom Geistigsten: es wäre verhängnisvoll, hier trennen zu wollen! Die

gleiche Disziplin macht den Militär und den Gelehrten tüchtig: und,

näher besehen, es gibt keinen tüchtigen Gelehrten, der nicht die

Instinkte eines tüchtigen Militärs im Leibe hat. Befehlen können und

wieder auf eine stolze Weise gehorchen; in Reih und Glied stehen, aber

fähig jederzeit, auch zu führen; die Gefahr dem Behagen vorziehen;

das Erlaubte und Unerlaubte nicht in einer Krämerwage wiegen; dem

Mesquinen, Schlauen, Parasitischen mehr feind sein als dem Bösen. --

Was *lernt* man in einer harten Schule? *Gehorchen* und *Befehlen*.

565.

Das Verdienst *leugnen*: aber das tun, was über allem Loben, ja über

allem Verstehen ist.

566.

*Nützlich* sind die Affekte allesamt, die einen direkt, die andern

indirekt; in Hinsicht auf den Nutzen ist es schlechterdings unmöglich,

irgendeine Wertabfolge festzusetzen, -- so gewiß, ökonomisch gemessen,

die Kräfte in der Natur allesamt gut, das heißt nützlich sind, so

viel furchtbares und unwiderrufliches Verhängnis auch von ihnen

ausgeht. Höchstens könnte man sagen, daß die mächtigsten Affekte die

wertvollsten sind: insofern es keine größeren Kraftquellen gibt.

567.

Wieviel *Vorteil* opfert der Mensch, wie wenig „eigennützig“ ist er!

Alle seine Affekte und Leidenschaften wollen ihr Recht haben -- und wie

*fern* vom klugen Nutzen des Eigennutzes ist der Affekt!

Man will *nicht* sein „Glück“; man muß Engländer sein, um glauben zu

können, daß der Mensch immer seinen Vorteil sucht. Unsre Begierden

wollen sich in langer Leidenschaft an den Dingen vergreifen --, ihre

aufgestaute Kraft sucht die Widerstände.

568.

Die *Erziehung* zu jenen *Herrscher*tugenden, welche auch über sein

Wohlwollen und Mitleiden Herr werden: die großen Züchtertugenden

(„seinen Feinden vergeben“ ist dagegen Spielerei), den *Affekt des

Schaffenden* auf die *Höhe bringen* -- nicht mehr Marmor behauen! --

Die Ausnahme- und Machtstellung jener Wesen (verglichen mit der der

bisherigen Fürsten): der römische Cäsar mit Christi Seele.

569.

*Der höhere Mensch und der Herdenmensch.* Wenn die großen Menschen

*fehlen*, so macht man aus den vergangenen großen Menschen Halbgötter

oder ganze Götter: das Ausbrechen von Religion beweist, daß der Mensch

nicht mehr am Menschen *Lust* hat (-- „und am Weibe auch nicht“

mit Hamlet). Oder: man bringt viele Menschen auf einen Haufen als

Parlamente und wünscht, daß sie gleich tyrannisch wirken.

Das „Tyrannisierende“ ist die Tatsache großer Menschen: sie machen den

Geringeren dumm.

570.

Der Hammer. *Wie* müssen Menschen beschaffen sein, die umgekehrt

wertschätzen? -- Menschen, die *alle* Eigenschaften der modernen Seele

haben, aber stark genug sind, sie in lauter Gesundheit umzuwandeln? --

Ihr Mittel zu ihrer Aufgabe.

571.

Der starke Mensch, mächtig in den Instinkten einer starken Gesundheit,

verdaut seine Taten ganz ebenso, wie er die Mahlzeiten verdaut; er

wird mit schwerer Kost selbst fertig: in der Hauptsache aber führt ihn

ein unversehrter und strenger Instinkt, daß er nichts tut, was ihm

widersteht, so wenig, als er etwas ißt, das ihm nicht schmeckt.

572.

Die wohlwollenden, hilfreichen, gütigen Gesinnungen sind

schlechterdings *nicht* um des Nutzens willen, der von ihnen ausgeht,

zu Ehren gekommen: sondern weil sie Zustände *reicher Seelen* sind,

welche abgeben können und ihren Wert als Füllegefühl des Lebens tragen.

Man sehe die Augen des Wohltäters an! Das ist das Gegenstück der

Selbstverneinung, des Hasses auf das ~moi~, des „Pascalismus“.

573.

Zu den herrschaftlichen Typen. -- Der „Hirt“ im Gegensatz zum „Herrn“

(-- ersterer *Mittel* zur Erhaltung der Herde; letzterer *Zweck*,

weshalb die Herde da ist).

574.

*Hauptgesichtspunkt*: daß man nicht die *Aufgabe* der höheren Spezies

in der *Leitung* der niederen sieht (wie es zum Beispiel Comte macht

--), sondern die niedere als *Basis*, auf der eine höhere Spezies ihrer

*eigenen* Aufgabe lebt, -- auf der sie erst *stehen kann*.

Die Bedingungen, unter denen eine *starke* und *vornehme* Spezies sich

erhält (in Hinsicht auf geistige Zucht), sind die umgekehrten von

denen, unter welchen die „industriellen Massen“, die Krämer ~à la~

Spencer stehen.

Das, was nur den *stärksten* und *fruchtbarsten* Naturen freisteht

zur Ermöglichung *ihrer* Existenz -- Muße, Abenteuer, Unglaube,

Ausschweifung selbst --, das würde, wenn es den *mittleren* Nationen

freistünde, diese notwendig zugrunde richten -- und tut es auch.

Hier ist die Arbeitsamkeit, die Regel, die Mäßigkeit, die feste

„Überzeugung“ am Platze, -- kurz die „Herdentugenden“: unter ihnen wird

diese mittlere Art Mensch vollkommen.

575.

Daß man sein Leben, seine Gesundheit, seine Ehre aufs Spiel

setzt, das ist die Folge des Übermutes und eines überströmenden,

verschwenderischen Willens: nicht aus Menschenliebe, sondern weil jede

große Gefahr unsre Neugierde in bezug auf das Maß unsrer Kraft, unsres

Mutes herausfordert.

576.

„Sein Leben lassen für eine Sache“ -- großer Effekt. Aber man läßt

für vieles sein Leben: die Affekte samt und sonders wollen ihre

Befriedigung. Ob es das Mitleid ist oder der Zorn oder die Rache --

daß das Leben daran gesetzt wird, verändert nichts am Werte. Wie viele

haben ihr Leben für die hübschen Weiblein geopfert -- und selbst, was

schlimmer ist, ihre Gesundheit! Wenn man das Temperament hat, so wählt

man instinktiv die gefährlichen Dinge: zum Beispiel die Abenteuer

der Spekulation, wenn man Philosoph, oder der Immoralität, wenn man

tugendhaft ist. Die eine Art Mensch will nichts riskieren, die andre

will riskieren. Sind wir anderen Verächter des Lebens? Im Gegenteil,

wir suchen instinktiv ein *potenziertes* Leben, das Leben in der

Gefahr.... Damit, nochmals gesagt, wollen wir nicht tugendhafter sein

als die anderen. Pascal zum Beispiel wollte nichts riskieren und blieb

Christ: das war vielleicht tugendhaft. -- *Man opfert immer.*

577.

„*Seinem Gefühle folgen?*“ -- Daß man, einem generösen Gefühle

*nachgebend*, sein Leben in Gefahr bringt, und unter dem Impuls eines

Augenblicks: das ist wenig wert und charakterisiert nicht einmal. In

der Fähigkeit dazu sind sich alle gleich -- und in der Entschlossenheit

dazu übertrifft der Verbrecher, Bandit und Korse einen honetten

Menschen gewiß.

Die höhere Stufe ist, auch diesen Andrang bei sich zu überwinden und

die heroische Tat nicht auf Impulse hin zu tun, -- sondern kalt,

~raisonnable~, ohne das stürmische Überwallen von Lustgefühlen

dabei.... Dasselbe gilt vom Mitleid: es muß erst habituell durch die

~raison~ *durchgesiebt* sein; im anderen Falle ist es so gefährlich wie

irgendein Affekt.

Die *blinde Nachgiebigkeit* gegen einen Affekt, sehr gleichgültig, ob

es ein generöser und mitleidiger oder feindseliger ist, ist die Ursache

der *größten Übel*.

Die Größe des Charakters besteht nicht darin, daß man diese Affekte

nicht besitzt, -- im Gegenteil, man hat sie im furchtbarsten Grade:

aber daß man sie am Zügel führt.... und auch das noch ohne Lust an

dieser Bändigung, sondern bloß, weil....

578.

Wo man die *stärkeren Naturen* zu suchen hat. -- Das Zugrundegehen und

Entarten der *solitären* Spezies ist viel *größer* und furchtbarer: sie

haben die Instinkte der Herde, die Tradition der Werte gegen sich; ihre

Werkzeuge zur Verteidigung, ihre Schutzinstinkte sind von vornherein

nicht stark, nicht sicher genug, -- es gehört viel Gunst des Zufalls

dazu, daß sie *gedeihen* (-- sie gedeihen in den niedrigsten und

gesellschaftlich preisgegebensten Elementen am häufigsten; wenn man

nach *Person* sucht, dort findet man sie um wieviel sicherer als in den

mittleren Klassen!).

Der Stände- und Klassenkampf, der auf „Gleichheit der Rechte“

abzielt, -- ist er ungefähr erledigt, so geht der *Kampf* los gegen

die *Solitärperson*. (In einem gewissen Sinne *kann dieselbe sich

am leichtesten in einer demokratischen Gesellschaft erhalten und

entwickeln*: dann, wenn die gröberen Verteidigungsmittel nicht mehr

nötig sind und eine gewisse Gewöhnung an Ordnung, Redlichkeit,

Gerechtigkeit, Vertrauen zu den Durchschnittsbedingungen gehört.)

Die *Stärksten* müssen am festesten gebunden, beaufsichtigt, in Ketten

gelegt und überwacht werden: so will es der Instinkt der Herde. Für sie

ein Regime der Selbstüberwältigung, des asketischen Abseits oder der

„Pflicht“ in abnützender Arbeit, bei der man nicht mehr zu sich selber

kommt.

579.

Wogegen *ich* kämpfe: daß eine Ausnahmeart der Regel den Krieg macht,

-- statt zu begreifen, daß die Fortexistenz der Regel die Voraussetzung

für den Wert der Ausnahme ist. Zum Beispiel die Frauenzimmer, welche,

statt die Auszeichnung ihrer abnormen Bedürfnisse zur Gelehrsamkeit zu

empfinden, die Stellung des Weibes überhaupt verrücken möchten.

580.

Der Haß gegen die Mittelmäßigkeit ist eines Philosophen unwürdig: es

ist fast ein Fragezeichen an seinem „*Recht* auf Philosophie“. Gerade

deshalb, weil er die Ausnahme ist, hat er die Regel in Schutz zu

nehmen, hat er allem Mittleren den guten Mut zu sich selber zu erhalten.

581.

Wie dürfte man den Mittelmäßigen ihre Mittelmäßigkeit verleiden! Ich

tue, man sieht es, das Gegenteil: jeder Schritt weg von ihr führt -- so

lehre ich -- ins *Unmoralische*.

582.

Die *Verkleinerung* des Menschen muß lange als einziges Ziel gelten:

weil erst ein breites Fundament zu schaffen ist, damit eine *stärkere*

Art Mensch darauf stehen kann. (: Inwiefern bisher *jede verstärkte*

Art Mensch auf einem *Niveau der niedrigeren stand* -- -- --)

583.

Zeitweiliges Überwiegen der sozialen Wertgefühle begreiflich und

nützlich: es handelt sich um die Herstellung eines *Unterbaus*,

auf dem endlich eine *stärkere* Gattung möglich wird. -- Maßstab

der Stärke: unter den *umgekehrten* Wertschätzungen leben können

und sie ewig wieder wollen. Staat und Gesellschaft als Unterbau:

weltwirtschaftlicher Gesichtspunkt, Erziehung als *Züchtung*.

584.

Der Kampf gegen die *großen* Menschen, aus ökonomischen Gründen

gerechtfertigt. Dieselben sind gefährlich, Zufälle, Ausnahmen,

Unwetter, stark genug, um Langsam-Gebautes und -Gegründetes in

Frage zu stellen. Das Explosive nicht nur unschädlich entladen,

sondern womöglich seiner Entladung *vorbeugen*: Grundinstinkt aller

zivilisierten Gesellschaft.

585.

Bis zu welchem Grade die Unfähigkeit eines pöbelhaften Agitators

der Menge geht, sich den Begriff „höhere Natur“ klarzumachen,

dafür gibt Buckle das beste Beispiel ab. Die Meinung, welche er so

leidenschaftlich *bekämpft* -- daß „große Männer“, Einzelne, Fürsten,

Staatsmänner, Genies, Feldherren die Hebel und *Ursachen* aller großen

Bewegungen sind -- wird von ihm instinktiv dahin mißverstanden, als

ob mit ihr behauptet würde, das Wesentliche und Wertvolle an einem

solchen „höheren Menschen“ liege eben in der Fähigkeit, Massen in

Bewegung zu setzen: kurz, in ihrer Wirkung.... Aber die „höhere Natur“

des großen Mannes liegt im Anderssein, in der Unmitteilbarkeit, in der

Rangdistanz, -- nicht in irgendwelchen Wirkungen: und ob er auch den

Erdball erschütterte. --

586.

Absurde und verächtliche Art des Idealismus, welche die Mediokrität

*nicht medioker* haben will und, statt an einem Ausnahmesein einen

Triumph zu fühlen, *entrüstet* ist über Feigheit, Falschheit, Kleinheit

und Miserabilität. *Man soll das nicht anders wollen!* und die Kluft

*größer* aufreißen! -- Man soll die höhere Art *zwingen*, sich

*abzuscheiden* durch die Opfer, die sie ihrem Sein zu bringen hat.

*Hauptgesichtspunkt*: *Distanzen* aufreißen, aber *keine Gegensätze

schaffen*. Die *Mittelgebilde* ablösen und im Einfluß verringern:

Hauptmittel, um Distanzen zu erhalten.

587.

Wir neuen Philosophen aber, wir beginnen nicht nur mit der Darstellung

der tatsächlichen Rangordnung und Wertverschiedenheit der Menschen,

sondern wir wollen auch gerade das Gegenteil einer Anähnlichung,

einer Ausgleichung: wir lehren die Entfremdung in jedem Sinne, wir

reißen Klüfte auf, wie es noch keine gegeben hat, wir wollen, daß der

Mensch böser werde, als er je war. Einstweilen leben wir noch selber

einander fremd und verborgen. Es wird uns aus vielen Gründen nötig

sein, Einsiedler zu sein und selbst Masken vorzunehmen, -- wir werden

folglich schlecht zum Suchen von unsresgleichen taugen. Wir werden

allein leben und wahrscheinlich die Martern aller sieben Einsamkeiten

kennen. Laufen wir uns aber über den Weg durch einen Zufall, so ist

darauf zu wetten, daß wir uns verkennen oder wechselseitig betrügen.

588.

Der höhere philosophische Mensch, der um sich Einsamkeit hat, nicht

weil er allein sein will, sondern weil er etwas ist, das nicht

seinesgleichen findet: welche Gefahren und neuen Leiden sind ihm gerade

heute aufgespart, wo man den Glauben an die Rangordnung verlernt hat

und folglich diese Einsamkeit nicht zu ehren und nicht zu verstehen

weiß! Ehemals heiligte sich der Weise beinahe durch ein solches

Beiseitegehen für das Gewissen der Menge, -- heute sieht sich der

Einsiedler wie mit einer Wolke trüber Zweifel und Verdächtigungen

umringt. Und nicht etwa nur von seiten der Neidischen und Erbärmlichen:

er muß Verkennung, Vernachlässigung und Oberflächlichkeit noch an jedem

Wohlwollen herausempfinden, das er erfährt, er kennt jene Heimtücke

des beschränkten Mitleidens, welches sich selber gut und heilig

fühlt, wenn es ihn, etwa durch bequemere Lagen, durch geordnetere,

zuverlässigere Gesellschaft, vor sich selber zu „retten“ sucht, -- ja

er wird den unbewußten Zerstörungstrieb zu bewundern haben, mit dem

alle Mittelmäßigen des Geistes gegen ihn tätig sind, und zwar im besten

Glauben an ihr Recht dazu! Es ist für Menschen dieser unverständlichen

Vereinsamung nötig, sich tüchtig und herzhaft auch in den Mantel der

äußeren, der räumlichen Einsamkeit zu wickeln: das gehört zu ihrer

Klugheit. Selbst List und Verkleidung werden heute not tun, damit

ein solcher Mensch sich selber erhalte, sich selber *oben* erhalte,

inmitten der niederziehenden gefährlichen Stromschnellen der Zeit.

Jeder Versuch, es *in* der Gegenwart, *mit* der Gegenwart auszuhalten,

jede Annäherung an diese Menschen und Ziele von heute muß er wie seine

eigentliche Sünde abbüßen: und er mag die verborgene Weisheit seiner

Natur anstaunen, welche ihn bei allen solchen Versuchen sofort durch

Krankheit und schlimme Unfälle wieder zu sich selber zurückzieht.

589.

Es ist mir ein Trost, zu wissen, daß über dem Dampf und Schmutz der

menschlichen Niederungen es eine *höhere, hellere Menschheit* gibt,

die der Zahl nach eine sehr kleine sein wird (-- denn alles, was

hervorragt, ist seinem Wesen nach selten): man gehört zu ihr, nicht

weil man begabter oder tugendhafter oder heroischer oder liebevoller

wäre als die Menschen da unten, sondern -- weil man *kälter*, *heller*,

*weitsichtiger*, *einsamer* ist, weil man die Einsamkeit erträgt,

vorzieht, fordert als Glück, Vorrecht, ja Bedingung des Daseins, weil

man unter Wolken und Blitzen wie unter seinesgleichen lebt, aber

ebenso unter Sonnenstrahlen, Tautropfen, Schneeflocken und allem, was

notwendig aus der Höhe kommt und, wenn es sich bewegt, sich ewig nur

in der Richtung *von oben nach unten* bewegt. Die Aspirationen *nach*

der Höhe sind nicht die unsrigen. -- Die Helden, Märtyrer, Genies und

Begeisterten sind uns nicht still, geduldig, fein, kalt, langsam genug.

590.

Die schwierigste und höchste Gestalt des Menschen wird am seltensten

gelingen: so zeigt die Geschichte der Philosophie eine Überfülle von

Mißratenen, von Unglücksfällen und ein äußerst langsames Schreiten;

ganze Jahrtausende fallen dazwischen und erdrücken, was erreicht war;

der Zusammenhang hört immer wieder auf. Das ist eine schauerliche

Geschichte -- die Geschichte des höchsten Menschen, des *Weisen*. --

Am meisten geschädigt ist gerade das Gedächtnis der Großen, denn die

Halbgeratenen und Mißratenen verkennen sie und besiegen sie durch

„Erfolge“. Jedesmal, wo „die Wirkung“ sich zeigt, tritt eine Masse

Pöbel auf den Schauplatz; das Mitreden der Kleinen und der Armen im

Geiste ist eine fürchterliche Ohrenmarter für den, der mit Schauder

weiß, *daß das Schicksal der Menschheit am Geraten ihres höchsten Typus

liegt*. -- Ich habe von Kindesbeinen an über die Existenzbedingungen

des Weisen nachgedacht und will meine frohe Überzeugung nicht

verschweigen, daß er jetzt in Europa wieder möglich wird -- vielleicht

nur für kurze Zeit.

591.

*Rangordnung*: Der die Werte *bestimmt* und den Willen von

Jahrtausenden lenkt, dadurch, daß er die höchsten Naturen lenkt, ist

der *höchste Mensch*.

592.

Jenseits der Herrschenden, losgelöst von allen Banden, leben die

höchsten Menschen: und in den Herrschenden haben sie ihre Werkzeuge.

593.

Absolute Überzeugung: daß die Wertgefühle oben und unten *verschieden*

sind; daß zahllose *Erfahrungen* den Unteren *fehlen*, daß von unten

nach oben das Mißverständnis *notwendig* ist.

594.

Der Mensch hat, im Gegensatz zum Tier, eine Fülle *gegensätzlicher*

Triebe und Impulse in sich groß gezüchtet: vermöge dieser Synthesis ist

er der Herr der Erde. -- Moralen sind der Ausdruck lokal beschränkter

*Rangordnungen* in dieser vielfachen Welt der Triebe: so daß an ihren

*Widersprüchen* der Mensch nicht zugrunde geht. Also ein Trieb als

Herr, sein Gegentrieb geschwächt, verfeinert, als Impuls, der den

*Reiz* für die Tätigkeit des Haupttriebes abgibt.

Der höchste Mensch würde die größte Vielheit der Triebe haben, und auch

in der relativ größten Stärke, die sich noch ertragen läßt. In der

Tat: wo die Pflanze Mensch sich stark zeigt, findet man die mächtig

*gegen*einander treibenden Instinkte (zum Beispiel Shakespeare), aber

gebändigt.

595.

Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens · 第 25 / 29 段