Inwiefern kann auch das Häßliche noch diese Gewalt haben? Insofern es

noch von der siegreichen Energie des Künstlers etwas mitteilt, der über

dies Häßliche und Furchtbare Herr geworden ist; oder insofern es die

Lust der Grausamkeit in uns leise anregt (unter Umständen selbst die

Lust, *uns* wehe zu tun, die Selbstvergewaltigung: und damit das Gefühl

der Macht über uns).

530.

*Zur Genesis der Kunst.* -- Jenes *Vollkommenmachen, Vollkommensehen*,

welches dem mit geschlechtlichen Kräften überladenen zerebralen System

zu eigen ist (der Abend zusammen mit der Geliebten, die kleinsten

Zufälligkeiten verklärt, das Leben eine Abfolge sublimer Dinge, „das

Unglück des Unglücklich-Liebenden mehr wert als irgend etwas“):

andrerseits wirkt jedes *Vollkommene* und *Schöne* als unbewußte

Erinnerung jenes verliebten Zustandes und seiner Art, zu sehen --

jede *Vollkommenheit*, die ganze *Schönheit* der Dinge erweckt durch

~contiguity~ die aphrodisische Seligkeit wieder. (*Physiologisch*: der

schaffende Instinkt des Künstlers und die Verteilung des ~semen~ ins

Blut....) Das *Verlangen nach Kunst* und *Schönheit* ist ein indirektes

Verlangen nach den Entzückungen des Geschlechtstriebes, welche er dem

Zerebrum mitteilt. Die *vollkommen gewordne Welt*, durch „Liebe“....

531.

*Die Vermoralisierung der Künste.* -- Kunst als Freiheit von der

moralischen Verengung und Winkeloptik; oder als Spott über sie. Die

Flucht in die Natur, wo ihre *Schönheit* mit der *Furchtbarkeit* sich

paart. Konzeption des *großen* Menschen.

-- Zerbrechliche, unnütze Luxusseelen, welche ein Hauch schon trübe

macht, „die *schönen Seelen*“.

-- Die *verblichenen Ideale* aufwecken in ihrer schonungslosen Härte

und Brutalität, als die prachtvollsten Ungeheuer, die sie sind.

-- Ein frohlockender Genuß an der psychologischen Einsicht in die

Sinuosität und Schauspielerei wider Wissen bei allen vermoralisierten

Künstlern.

-- Die *Falschheit* der Kunst, -- ihre Immoralität ans Licht ziehen.

-- Die „idealisierenden Grundmächte“ (Sinnlichkeit, Rausch, überreiche

Animalität) ans Licht ziehen.

532.

Im dionysischen Rausche ist die Geschlechtlichkeit und die Wollust; sie

fehlt nicht im apollinischen. Es muß noch eine Tempoverschiedenheit

in beiden Zuständen geben.... Die *extreme Ruhe gewisser

Rauschempfindungen* (strenger: die Verlangsamung des Zeit- und

Raumgefühls) spiegelt sich gern in der Vision der ruhigsten Gebärden

und Seelenarten. Der klassische Stil stellt wesentlich diese Ruhe,

Vereinfachung, Abkürzung, Konzentration dar, -- *das höchste Gefühl der

Macht* ist konzentriert im klassischen Typus. Schwer reagieren: ein

großes Bewußtsein: kein Gefühl von Kampf.

533.

*Apollinisch -- dionysisch.* -- Es gibt zwei Zustände, in denen

die Kunst selbst wie eine Naturgewalt im Menschen auftritt, über

ihn verfügend, ob er will oder nicht: einmal als Zwang zur Vision,

andrerseits als Zwang zum Orgiasmus. Beide Zustände sind auch im

normalen Leben vorgespiegelt, nur schwächer: im Traum und im Rausch.

Aber derselbe Gegensatz besteht noch zwischen Traum und Rausch: beide

entfesseln in uns künstlerische Gewalten, jede aber verschieden: der

Traum die des Sehens, Verknüpfens, Dichtens; der Rausch die der

Gebärde, der Leidenschaft, des Gesangs, des Tanzes.

534.

Der Sinn und die Lust an der *Nuance* (-- die eigentliche Modernität),

an dem, was *nicht* generell ist, läuft dem Triebe entgegen, welcher

seine Lust und Kraft im Erfassen des *Typischen* hat: gleich dem

griechischen Geschmack der besten Zeit. Ein Überwältigen der Fülle des

Lebendigen ist darin, das *Maß* wird Herr, jene *Ruhe* der starken

Seele liegt zugrunde, welche sich langsam bewegt und einen Widerwillen

vor dem Allzulebendigen hat. Der allgemeine Fall, das Gesetz wird

*verehrt* und *herausgehoben*; die Ausnahme wird umgekehrt beiseite

gestellt, die Nuance weggewischt. Das Feste, Mächtige, Solide, das

Leben, das breit und gewaltig ruht und seine Kraft birgt -- das

„*gefällt*“: das heißt, das korrespondiert mit dem, was man von sich

hält.

535.

*„Musik“ -- und der große Stil.* -- Die Größe eines Künstlers bemißt

sich nicht nach den „schönen Gefühlen“, die er erregt: das mögen die

Weiblein glauben. Sondern nach dem Grade, in dem er sich dem großen

Stile nähert, in dem er fähig ist des großen Stils. Dieser Stil hat das

mit der großen Leidenschaft gemein, daß er es verschmäht, zu gefallen;

daß er es vergißt, zu überreden; daß er befiehlt; daß er *will*....

Über das Chaos Herr werden, das man ist; sein Chaos zwingen, Form zu

werden: logisch, einfach, unzweideutig, Mathematik, *Gesetz* werden --

das ist hier die große Ambition. -- Mit ihr stößt man zurück; nichts

reizt mehr die Liebe zu solchen Gewaltmenschen, -- eine Einöde legt

sich um sie, ein Schweigen, eine Furcht wie vor einem großen Frevel....

Alle Künste kennen solche Ambitiöse des großen Stils: warum fehlen sie

in der Musik? Noch niemals hat ein Musiker gebaut wie jener Baumeister,

der den Palazzo Pitti schuf.... Hier liegt ein Problem. Gehört die

Musik vielleicht in jene Kultur, wo das Reich aller Art Gewaltmenschen

schon zu Ende ging? Widerspräche zuletzt der Begriff großer Stil schon

der Seele der Musik, -- dem „Weibe“ in unsrer Musik?....

Ich berühre hier eine Kardinalfrage: wohin gehört unsre ganze

Musik? Die Zeitalter des klassischen Geschmacks kennen nichts ihr

Vergleichbares: sie ist aufgeblüht, als die Renaissancewelt ihren

Abend erreichte, als die „Freiheit“ aus den Sitten und selbst aus den

Menschen davon war: -- gehört es zu ihrem Charakter, Gegenrenaissance

zu sein? Ist sie die Schwester des Barockstils, da sie jedenfalls seine

Zeitgenossin ist? Ist Musik, moderne Musik nicht schon ~décadence~?....

Ich habe schon früher einmal den Finger auf diese Frage gelegt: ob

unsre Musik nicht ein Stück Gegenrenaissance in der Kunst ist? ob

sie nicht die Nächstverwandte des Barockstils ist? ob sie nicht im

Widerspruch zu allem klassischen Geschmack gewachsen ist, so daß sich

in ihr jede Ambition der Klassizität von selbst verböte?

Auf diese Wertfrage ersten Ranges würde die Antwort nicht zweifelhaft

sein dürfen, wenn die Tatsache richtig abgeschätzt worden wäre, daß

die Musik ihre höchste Reife und Fülle als *Romantik* erlangt --, noch

einmal als Reaktionsbewegung gegen die Klassizität.

Mozart -- eine zärtliche und verliebte Seele, aber ganz achtzehntes

Jahrhundert, auch noch in seinem Ernste.... Beethoven der erste große

Romantiker im Sinne des *französischen* Begriffs Romantik, wie Wagner

der letzte große Romantiker ist.... beides instinktive Widersacher des

klassischen Geschmacks, des strengen Stils, -- um vom „großen“ hier

nicht zu reden.

536.

Die *Romantik*: eine zweideutige Frage, wie alles Moderne.

Die ästhetischen Zustände zwiefach.

Die Vollen und Schenkenden im Gegensatz zu den Suchenden, Begehrenden.

537.

Ein Romantiker ist ein Künstler, den das große Mißvergnügen an sich

schöpferisch macht -- der von sich und seiner Mitwelt wegblickt,

zurückblickt.

538.

Ist die Kunst eine Folge des *Ungenügens am Wirklichen*? Oder

ein Ausdruck der *Dankbarkeit über genossenes Glück*? Im ersten

Falle *Romantik*, im zweiten Glorienschein und Dithyrambus (kurz

*Apotheosenkunst*): auch Raffael gehört hierhin, nur daß er jene

Falschheit hatte, den *Anschein* der christlichen Weltauslegung zu

vergöttern. Er war dankbar für das Dasein, wo es *nicht* spezifisch

christlich sich zeigte.

Mit der *moralischen* Interpretation ist die Welt unerträglich. Das

Christentum war der Versuch, die Welt damit zu „überwinden“: das heißt

zu verneinen. ~In praxi~ lief ein solches Attentat des Wahnsinns --

einer wahnsinnigen Selbstüberhebung des Menschen angesichts der Welt --

auf Verdüsterung, Verkleinlichung, Verarmung des Menschen hinaus: die

mittelmäßigste und unschädlichste Art, die herdenhafte Art Mensch, fand

allein dabei ihre Rechnung, ihre *Förderung*, wenn man will.

*Homer* als *Apotheosenkünstler*; auch Rubens. Die Musik hat noch

keinen gehabt.

Die Idealisierung des *großen Frevlers* (der Sinn für seine *Größe*)

ist griechisch; das Herunterwürdigen, Verleumden, Verächtlichmachen des

Sünders ist jüdisch-christlich.

539.

*Was ist Romantik?* -- In Hinsicht auf alle ästhetischen Werte bediene

ich mich jetzt dieser Grundunterscheidung: ich frage in jedem einzelnen

Falle, „ist hier der Hunger oder der Überfluß schöpferisch geworden?“

Von vornherein möchte sich eine andre Unterscheidung besser zu

empfehlen scheinen -- sie ist bei weitem augenscheinlicher -- nämlich

die Unterscheidung, ob das Verlangen nach Starrwerden, Ewigwerden,

nach „*Sein*“ die Ursache des Schaffens ist, oder aber das Verlangen

nach Zerstörung, nach Wechsel, nach *Werden*. Aber beide Arten des

Verlangens erweisen sich, tiefer angesehen, noch als zweideutig, und

zwar deutbar eben nach jenem vorangestellten und mit Recht, wie mich

dünkt, *vorgezogenen* Schema.

Das Verlangen nach Zerstörung, Wechsel, Werden *kann* der Ausdruck der

übervollen, zukunftsschwangern Kraft sein (mein Terminus dafür ist,

wie man weiß, das Wort „dionysisch“); es kann aber auch der *Haß* der

Mißratnen, Entbehrenden, Schlechtweggekommenen sein, der zerstört,

zerstören *muß*, weil ihn das Bestehende, ja alles Bestehen, alles Sein

selbst empört und aufreizt.

„Verewigen“ andrerseits kann einmal aus Dankbarkeit und Liebe kommen:

-- eine Kunst dieses Ursprungs wird immer eine Apotheosenkunst

sein, dithyrambisch vielleicht mit Rubens, selig mit Hafis, hell

und gütig mit Goethe, und einen homerischen Glorienschein über alle

Dinge breitend; -- es kann aber auch jener tyrannische Wille eines

Schwerleidenden sein, welcher das Persönlichste, Einzelnste, Engste,

die eigentliche Idiosynkrasie seines Leidens noch zum verbindlichen

*Gesetz* und Zwang stempeln möchte, und der an allen Dingen gleichsam

Rache nimmt, dadurch, daß er ihnen sein Bild, das Bild seiner

Tortur aufdrückt, einzwängt, einbrennt. Letzteres ist romantischer

Pessimismus in der ausdrucksvollsten Form: sei es als Schopenhauersche

Willensphilosophie, sei es als Wagnersche Musik.

540.

Ob nicht hinter dem Gegensatz von *Klassisch* und *Romantisch* der

Gegensatz des Aktiven und Reaktiven verborgen liegt? --

541.

Um *Klassiker* zu sein, muß man *alle* starken, anscheinend

widerspruchsvollen Gaben und Begierden haben: aber so, daß sie

miteinander unter einem Joche gehen, zur *rechten* Zeit kommen, um

ein *Genus* von Literatur oder Kunst oder Politik auf seine Höhe und

Spitze zu bringen (: nicht *nachdem* dies schon geschehen ist....):

einen *Gesamtzustand* (sei es eines Volkes, sei es einer Kultur) in

seiner tiefsten und innersten Seele widerspiegeln zu einer Zeit, wo

er noch besteht und noch nicht überfärbt ist von der Nachahmung des

Fremden (oder noch abhängig ist....); kein reaktiver, sondern ein

*schließender* und vorwärts führender Geist sein, *Ja* sagend in allen

Fällen, selbst mit seinem Haß.

„Es gehört dazu *nicht* der höchste persönliche Wert?“... Vielleicht

zu erwägen, ob die moralischen Vorurteile hier nicht ihr Spiel

spielen, und ob große *moralische* Höhe nicht vielleicht an sich ein

*Widerspruch* gegen das *Klassische* ist?.... Ob nicht die moralischen

Monstra notwendig *Romantiker* sein müssen in Wort und Tat?.... Ein

solches Übergewicht einer Tugend über die andern (wie beim moralischen

Monstrum) steht eben der klassischen Macht im Gleichgewicht feindlich

entgegen: gesetzt, man hätte diese Höhe und wäre trotzdem Klassiker, so

dürfte dreist geschlossen werden, man besitze auch die Immoralität auf

gleicher Höhe: dies vielleicht der Fall Shakespeare (gesetzt, daß es

wirklich Lord Bacon ist).

542.

*Zukünftiges.* -- *Gegen die Romantik der großen „Passion“.* --

Zu begreifen, wie zu jedem „klassischen“ Geschmack ein Quantum

Kälte, Luzidität, Härte hinzugehört: Logik vor allem, Glück in der

Geistigkeit, „drei Einheiten“, Konzentration, Haß gegen Gefühl, Gemüt,

~esprit~, Haß gegen das Vielfache, Unsichere, Schweifende, Ahnende so

gut als gegen das Kurze, Spitze, Hübsche, Gütige. Man soll nicht mit

künstlerischen Formeln spielen: man soll das Leben umschaffen, daß es

sich nachher formulieren *muß*.

Es ist eine heitere Komödie, über die erst jetzt wir lachen lernen, die

wir jetzt erst *sehen*: daß die Zeitgenossen Herders, Winckelmanns,

Goethes und Hegels in Anspruch nahmen, das *klassische Ideal wieder

entdeckt zu haben*.... und zu gleicher Zeit Shakespeare. -- Und

dasselbe Geschlecht hatte sich von der klassischen Schule der Franzosen

auf schnöde Art losgesagt! als ob nicht das Wesentliche so gut

hier- wie dorther hätte gelernt werden können!.... Aber man wollte

die „Natur“, die „Natürlichkeit“: o Stumpfsinn! Man glaubte, die

Klassizität sei eine Art Natürlichkeit!

Ohne Vorurteil und Weichlichkeit zu Ende denken, auf welchem Boden

ein klassischer Geschmack wachsen kann. Verhärtung, Vereinfachung,

Verstärkung, Verböserung des Menschen: so gehört es zusammen. Die

logisch-psychologische Vereinfachung. Die Verachtung des Details, des

Komplexen, des Ungewissen.

Die Romantiker in Deutschland protestierten *nicht* gegen den

Klassizismus, sondern gegen Vernunft, Aufklärung, Geschmack,

achtzehntes Jahrhundert.

Die Sensibilität der romantisch-Wagnerschen Musik: Gegensatz der

*klassischen Sensibilität*.

Der Wille zur Einheit (weil die Einheit tyrannisiert: nämlich die

Zuhörer, Zuschauer), aber die Unfähigkeit, *sich* in der Hauptsache

zu tyrannisieren: nämlich in Hinsicht auf das Werk selbst (auf

Verzichtleisten, Kürzen, Klären, Vereinfachen). Die Überwältigung durch

Massen (Wagner, Victor Hugo, Zola, Taine).

543.

Der *Künstler*philosoph. Höherer Begriff der *Kunst*. Ob der Mensch

sich so fern stellen kann von den andern Menschen, um *an ihnen zu

gestalten*? (-- Vorübungen: 1. der Sich-selbst-Gestaltende, der

Einsiedler; 2. der *bisherige* Künstler als der kleine Vollender an

einem Stoffe.)

Viertes Buch.

Zucht und Züchtung.

1. Rangordnung.

544.

Ich bin dazu gedrängt, im Zeitalter des ~suffrage universel~, das

heißt, wo jeder über jeden und jedes zu Gericht sitzen darf, die

*Rangordnung* wiederherzustellen.

545.

Ich lehre: daß es höhere und niedere Menschen gibt, und daß ein

Einzelner ganzen Jahrtausenden unter Umständen ihre Existenz

rechtfertigen kann -- das heißt ein voller, reicher, großer, ganzer

Mensch in Hinsicht auf zahllose unvollständige Bruchstück-Menschen.

546.

Ich unterscheide einen Typus des aufsteigenden Lebens und einen andern

des Verfalls, der Zersetzung, der Schwäche. Sollte man glauben, daß die

Rangfrage zwischen beiden Typen überhaupt noch zu stellen ist?....

547.

*Die Rangordnung der Menschenwerte.* --

a) Man soll einen Menschen nicht nach einzelnen Werken abschätzen.

*Epidermalhandlungen.* Nichts ist seltener als eine *Personal*handlung.

Ein Stand, ein Rang, eine Volksrasse, eine Umgebung, ein Zufall --

alles drückt sich eher noch in einem Werke oder Tun aus als eine

„Person“.

b) Man soll überhaupt nicht voraussetzen, daß viele Menschen „Personen“

sind. Und dann sind manche auch *mehrere* Personen, die meisten sind

*keine*. Überall, wo die durchschnittlichen Eigenschaften überwiegen,

auf die es ankommt, daß ein Typus fortbesteht, wäre Person-Sein eine

Vergeudung, ein Luxus, hätte es gar keinen Sinn, nach einer „Person“ zu

verlangen. Es sind Träger, Transmissionswerkzeuge.

c) Die „Person“ ein relativ *isoliertes* Faktum; in Hinsicht auf die

weit größere Wichtigkeit des Fortflusses und der Durchschnittlichkeit,

somit beinahe etwas *Widernatürliches*. Zur Entstehung der Person

gehört eine zeitige Isolierung, ein Zwang zu einer Wehr- und

Waffenexistenz, etwas wie Einmauerung, eine größere Kraft des

Abschlusses; und vor allem eine viel *geringere Impressionabilität*,

als sie der mittlere Mensch, dessen Menschlichkeit *kontagiös* ist, hat.

*Erste Frage* in betreff *der Rangordnung*: wie *solitär* oder wie

*herdenhaft* jemand ist. (Im letztern Falle liegt sein Wert in den

Eigenschaften, die den Bestand seiner Herde, seines Typus sichern; im

andern Falle in dem, was ihn abhebt, isoliert, verteidigt und *solitär

ermöglicht*.)

*Folgerung*: man soll den solitären Typus nicht abschätzen nach dem

herdenhaften, und den herdenhaften *nicht* nach dem solitären.

Aus der Höhe betrachtet, sind beide notwendig; insgleichen ist ihr

Antagonismus notwendig, -- und nichts ist *mehr* zu verbannen als jene

„Wünschbarkeit“, es möchte sich etwas *Drittes* aus beiden entwickeln

(„Tugend“ als Hermaphroditismus). Das ist so wenig „wünschbar“

als die Annäherung und Aussöhnung der Geschlechter. Das *Typische

fortentwickeln*, die *Kluft* immer *tiefer aufreißen*....

Begriff der *Entartung* in beiden Fällen: wenn die Herde den

Eigenschaften der solitären Wesen sich nähert und diese den

Eigenschaften der Herde, -- kurz, wenn sie sich *annähern*. Dieser

Begriff der Entartung ist abseits von der moralischen Beurteilung.

548.

*Vom Range.* Die schreckliche Konsequenz der „Gleichheit“ --

schließlich glaubt jeder das Recht zu haben zu jedem Problem. Es ist

alle Rangordnung verlorengegangen.

549.

Vorteil eines Abseits von seiner Zeit. -- Abseits gestellt gegen die

beiden Bewegungen, die individualistische und die kollektivistische

Moral, -- denn auch die erste kennt die Rangordnung nicht und will dem

einen die gleiche Freiheit geben wie allen. Meine Gedanken drehen sich

nicht um den Grad von Freiheit, der dem einen oder dem andern oder

allen zu gönnen ist, sondern um den Grad von *Macht*, den einer oder

der andere über andere oder alle üben soll, respektive inwiefern eine

Opferung von Freiheit, eine Versklavung selbst, zur Hervorbringung

eines *höheren Typus* die Basis gibt. In gröbster Form gedacht: *wie

könnte man die Entwicklung der Menschheit opfern*, um einer höheren

Art, als der Mensch ist, zum Dasein zu helfen? --

550.

Rangbestimmend, rangabhebend sind allein Machtquantitäten: und nichts

sonst.

551.

Über den Rang entscheidet das Quantum Macht, das du bist; der Rest ist

Feigheit.

552.

Der Wille zur Macht. -- Wie die Menschen beschaffen sein müßten, welche

diese Umwertung an sich vornehmen. Die Rangordnung als Machtordnung:

Krieg und Gefahr die Voraussetzung, daß ein Rang seine Bedingungen

festhält. Das grandiose Vorbild: der Mensch in der Natur -- das

schwächste, klügste Wesen sich zum Herrn machend, die dümmeren Gewalten

sich unterjochend.

553.

Neue Rangordnung der Geister: nicht mehr die tragischen Naturen voran.

554.

Den *Wert* eines Menschen danach abschätzen, was er den Menschen

*nützt* oder *kostet* oder *schadet*: das bedeutet ebensoviel und

ebensowenig als ein Kunstwerk abschätzen je nach den *Wirkungen*,

die es tut. Aber damit ist der Wert des Menschen *im Vergleich mit

anderen Menschen* gar nicht berührt. Die „moralische Wertschätzung“,

soweit sie eine *soziale* ist, mißt durchaus den Menschen nach seinen

Wirkungen. Ein Mensch mit seinem eigenen Geschmack auf der Zunge,

umschlossen und versteckt durch seine Einsamkeit, unmitteilbar,

unmitteilsam, -- ein *unausgerechneter* Mensch, also ein Mensch einer

höheren, jedenfalls *anderen* Spezies: wie wollt ihr den abwerten

können, da ihr ihn nicht kennen könnt, nicht vergleichen könnt?

Die *moralische Abwertung* hat die größte Urteilsstumpfheit im Gefolge

gehabt: der Wert eines Menschen an sich ist *unterschätzt*, fast

*übersehen*, fast *geleugnet*. Rest der naiven *Teleologie*: der *Wert*

des Menschen *nur in Hinsicht auf die Menschen*.

555.

Die Revolution ermöglichte Napoleon: das ist ihre Rechtfertigung.

Um einen ähnlichen Preis würde man den anarchistischen Einsturz

unsrer ganzen Zivilisation wünschen müssen. Napoleon ermöglichte den

Nationalismus: das ist dessen Entschuldigung.

Der Wert eines Menschen (abgesehen, wie billig, von Moralität und

Unmoralität: denn mit diesen Begriffen wird der *Wert* eines Menschen

noch nicht einmal berührt) liegt nicht in seiner Nützlichkeit: denn er

bestünde fort, selbst wenn es niemanden gäbe, dem er zu nützen wüßte.

Und warum könnte nicht gerade der Mensch, von dem die verderblichsten

Wirkungen ausgingen, die Spitze der ganzen Spezies Mensch sein: so

hoch, so überlegen, daß an ihm alles vor Neid zugrunde ginge?

556.

*Mißverständnis des Egoismus*: von seiten der *gemeinen* Naturen,

welche gar nichts von der Eroberungslust und Unersättlichkeit der

großen Liebe wissen, ebenso von den ausströmenden Kraftgefühlen,

welche überwältigen, zu sich zwingen, sich ans Herz legen wollen, --

der Trieb des Künstlers nach seinem Material. Oft auch nur sucht der

Tätigkeitssinn nach einem Terrain. -- Im gewöhnlichen „Egoismus“

will gerade das „Nicht-~ego~“, das *tiefe Durchschnittswesen*, der

Gattungsmensch seine Erhaltung -- *das* empört, falls es von den

Seltneren, Feineren und weniger Durchschnittlichen wahrgenommen wird.

Denn diese urteilen: „wir sind die *Edleren*! Es liegt *mehr* an

*unserer* Erhaltung als an der jenes Viehs!“

557.

*Gegen John Stuart Mill.* -- Ich perhorresziere seine Gemeinheit,

welche sagt, „was dem einen recht ist, ist dem andern billig“; „was du

nicht willst usw., das füg' auch keinem andern zu“; welche den ganzen

menschlichen Verkehr auf *Gegenseitigkeit der Leistung* begründen

will, so daß jede Handlung als eine Art Abzahlung erscheint für etwas,

das uns erwiesen ist. Hier ist die Voraussetzung *unvornehm* im

untersten Sinne: hier wird die *Äquivalenz der Werte von Handlungen*

vorausgesetzt bei mir und dir; hier ist der persönlichste Wert einer

Handlung einfach annulliert (das, was durch nichts ausgeglichen

und bezahlt werden kann --). Die „Gegenseitigkeit“ ist eine große

Gemeinheit; gerade daß etwas, das *ich* tue, *nicht* von einem andern

getan werden *dürfte* und *könnte*, daß *es keinen Ausgleich* geben

darf (-- außer in der *ausgewähltesten Sphäre* der „meinesgleichen“,

~inter pares~ --), daß man in einem tieferen Sinne nie zurückgibt,

weil man etwas *Einmaliges ist* und nur *Einmaliges tut*, -- diese

Grundüberzeugung enthält die Ursache der *aristokratischen Absonderung

von der Menge*, weil die Menge an „Gleichheit“ und *folglich*

Ausgleichbarkeit und „Gegenseitigkeit“ glaubt.

558.

*Randbemerkung zu einer* ~niaiserie anglaise~. -- „Was du nicht

willst, das dir die Leute tun, das tue ihnen auch nicht.“ Das gilt als

Weisheit; das gilt als Klugheit; das gilt als Grund der Moral, -- als

„güldener Spruch“. John Stuart Mill (und wer nicht unter Engländern?)

glaubt daran!.... Aber der Spruch hält nicht den leichtesten Angriff

aus. Der Kalkul: „tue nichts, was dir selber nicht angetan werden

soll“ verbietet Handlungen um ihrer schädlichen Folgen willen: der

Hintergedanke ist, daß eine Handlung immer *vergolten* wird. Wie nun,

wenn jemand, mit dem „~Principe~“ in der Hand, sagte: „gerade solche

Handlungen *muß* man tun, damit andere uns nicht zuvorkommen, damit

wir andere außer Stand setzen, sie *uns* anzutun“? -- Andrerseits:

denken wir uns einen Korsen, dem seine Ehre die ~vendetta~ gebietet.

Auch er wünscht keine Flintenkugel in den Leib: aber die Aussicht auf

eine solche, die Wahrscheinlichkeit einer Kugel hält ihn *nicht* ab,

seiner Ehre zu genügen.... Und sind wir nicht in allen *anständigen*

Handlungen eben absichtlich gleichgültig gegen das, was daraus für uns

kommt? Eine Handlung zu vermeiden, die schädliche Folgen für uns hätte,

-- das wäre ein Verbot für anständige Handlungen überhaupt.

Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens · 第 24 / 29 段