Der *moderne* Künstler, in seiner Physiologie dem Hysterismus

nächstverwandt, ist auch als Charakter auf diese Krankhaftigkeit hin

abgezeichnet. Der Hysteriker ist falsch, -- er lügt aus Lust an der

Lüge, er ist bewunderungswürdig in jeder Kunst der Verstellung --, es

sei denn, daß seine krankhafte Eitelkeit ihm einen Streich spielt.

Diese Eitelkeit ist ein fortwährendes Fieber, welches Betäubungsmittel

nötig hat und vor keinem Selbstbetrug, vor keiner Farce zurückschreckt,

die eine augenblickliche Linderung verspricht. (*Unfähigkeit* zum Stolz

und beständig Rache für eine tief eingenistete Selbstverachtung nötig

zu haben -- das ist beinahe die Definition dieser Art von Eitelkeit.)

Die absurde Erregbarkeit seines Systems, die aus allen Erlebnissen

Krisen macht und das „Dramatische“ in die geringsten Zufälle des Lebens

einschleppt, nimmt ihm alles Berechenbare: er ist keine Person mehr,

höchstens ein Rendezvous von Personen, von denen bald diese, bald jene

mit unverschämter Sicherheit herausschießt. Eben darum ist er groß

als Schauspieler: alle diese armen Willenlosen, welche die Ärzte in

der Nähe studieren, setzen in Erstaunen durch ihre Virtuosität der

Mimik, der Transfiguration, des Eintretens in fast jeden *verlangten*

Charakter.

515.

Künstler sind *nicht* die Menschen der *großen* Leidenschaft, was sie

uns und sich auch vorreden mögen. Und das aus zwei Gründen: es fehlt

ihnen die Scham vor sich selber (sie sehen sich zu, *indem sie leben*;

sie lauern sich auf, sie sind zu neugierig), und es fehlt ihnen auch

die Scham vor der großen Leidenschaft (sie beuten sie als Artisten

aus). Zweitens aber ihr Vampyr, ihr Talent, mißgönnt ihnen meist solche

Verschwendung von Kraft, welche Leidenschaft heißt. -- Mit einem Talent

ist man auch das Opfer seines Talents: man lebt unter dem Vampyrismus

seines Talents.

Man wird nicht dadurch mit seiner Leidenschaft fertig, daß man

sie darstellt: vielmehr, man *ist* mit ihr fertig, *wenn* man sie

darstellt. (Goethe lehrt es anders; aber es scheint, daß er hier sich

selbst mißverstehen wollte, -- aus ~delicatezza~.)

516.

Verglichen mit dem *Künstler*, ist das Erscheinen des

*wissenschaftlichen* Menschen in der Tat ein Zeichen einer gewissen

Eindämmung und Niveauerniedrigung des Lebens (-- aber auch einer

*Verstärkung*, *Strenge*, *Härte*, *Willenskraft*).

Inwiefern die Falschheit, die Gleichgültigkeit gegen *Wahr* und

*Nützlich* beim Künstler Zeichen von Jugend, von „*Kinderei*“ sein

mögen.... Ihre habituelle Art, ihre Unvernünftigkeit, ihre Ignoranz

über sich, ihre Gleichgültigkeit gegen „ewige Werte“, ihr Ernst im

„Spiele“, -- ihr Mangel an Würde; Hanswurst und Gott benachbart;

der Heilige und die Kanaille.... Das *Nachmachen* als Instinkt,

kommandierend. -- *Aufgangskünstler* -- *Niedergangskünstler*: ob sie

nicht allen Phasen zugehören?.... Ja!

517.

Würde irgendein Ring in der ganzen Kette von Kunst und Wissenschaft

fehlen, wenn das Weib, wenn das *Werk des Weibes* darin fehlte? Geben

wir die Ausnahme zu -- sie beweist die Regel -- das Weib bringt es

in allem zur Vollkommenheit, was nicht ein Werk ist, in Brief, in

Memoiren, selbst in der delikatesten Handarbeit, die es gibt, kurz,

in allem, was nicht ein Metier ist, genau deshalb, weil es darin

sich selbst vollendet, weil es damit seinem einzigen Kunstantrieb

gehorcht, den es besitzt, -- es will *gefallen*... Aber was hat das

Weib mit der leidenschaftlichen Indifferenz des echten Künstlers zu

schaffen, der einem Klang, einem Hauch, einem Hopsasa mehr Wichtigkeit

zugesteht als sich selbst? der mit allen fünf Fingern nach seinem

Geheimsten und Innersten greift? der keinem Dinge einen Wert zugesteht,

es sei denn, daß es Form zu werden weiß (-- daß es sich preisgibt,

daß es sich öffentlich macht --). Die Kunst, so wie der Künstler

sie übt -- begreift ihr's denn nicht, was sie ist: ein Attentat auf

alle ~pudeurs~?.... Erst mit diesem Jahrhundert hat das Weib jene

Schwenkung zur Literatur gewagt (-- ~vers la canaille plumière

écrivassière~, mit dem alten Mirabeau zu reden): es schriftstellert, es

künstlert, es verliert an Instinkt. *Wozu doch?* wenn man fragen darf?

518.

Man ist um den Preis Künstler, daß man das, was alle Nichtkünstler

„Form“ nennen, als *Inhalt*, als „die Sache selbst“ empfindet. Damit

gehört man freilich in eine *verkehrte Welt*: denn nunmehr wird einem

der Inhalt zu etwas bloß Formalem, -- unser Leben eingerechnet.

519.

Zur Charakteristik des *nationalen Genius* in Hinsicht auf Fremdes und

Entlehntes. --

Der *englische* Genius vergröbert und vernatürlicht alles, was er

empfängt;

der *französische* verdünnt, vereinfacht, logisiert, putzt auf;

der *deutsche* vermischt, vermittelt, verwickelt, vermoralisiert;

der *italienische* hat bei weitem den freiesten und feinsten Gebrauch

vom Entlehnten gemacht und hundertmal mehr hineingesteckt als

herausgezogen: als der *reichste* Genius, der am meisten zu verschenken

hatte.

520.

Wenn man unter Genie eines Künstlers die höchste Freiheit unter dem

Gesetz, die göttliche Leichtigkeit, Leichtfertigkeit im schwersten

versteht, so hat Offenbach noch mehr Anrecht auf den Namen „Genie“ als

Wagner. Wagner ist schwer, schwerfällig: nichts ist ihm fremder als

Augenblicke übermütigster Vollkommenheit, wie sie dieser Hanswurst

Offenbach fünf-, sechsmal fast in jeder seiner ~bouffonneries~

erreicht. Aber vielleicht darf man unter Genie etwas anderes verstehen.

--

521.

*Pessimismus in der Kunst?* -- Der Künstler liebt allmählich die Mittel

um ihrer selber willen, in denen sich der Rauschzustand zu erkennen

gibt: die extreme Feinheit und Pracht der Farbe, die Deutlichkeit der

Linie, die Nuance des Tons: das *Distinkte*, wo sonst, im Normalen,

alle Distinktion fehlt. Alle distinkten Sachen, alle Nuancen, insofern

sie an die extremen Kraftsteigerungen erinnern, welche der Rausch

erzeugt, wecken rückwärts dieses Gefühl des Rausches; -- die Wirkung

der Kunstwerke ist die *Erregung des kunstschaffenden Zustands*, des

Rausches.

Das Wesentliche an der Kunst bleibt ihre *Daseinsvollendung*, ihr

Hervorbringen der Vollkommenheit und Fülle; Kunst ist wesentlich

*Bejahung, Segnung, Vergöttlichung des Daseins*.... Was bedeutet eine

*pessimistische Kunst*? Ist das nicht eine ~contradictio~? -- Ja. --

Schopenhauer *irrt*, wenn er gewisse Werke der Kunst in den Dienst

des Pessimismus stellt. Die Tragödie lehrt *nicht* „Resignation“....

Die furchtbaren und fragwürdigen Dinge darstellen, ist selbst schon

ein Instinkt der Macht und Herrlichkeit am Künstler: er fürchtet sie

nicht.... Es gibt keine pessimistische Kunst.... Die Kunst bejaht. Hiob

bejaht. -- Aber Zola? Aber die Goncourts? -- Die Dinge sind häßlich,

die sie zeigen: aber *daß* sie dieselben zeigen, ist aus *Lust an

diesem Häßlichen*.... Hilft nichts! ihr betrügt euch, wenn ihr's anders

behauptet. -- Wie erlösend ist Dostoiewsky!

522.

Es sind die Ausnahmezustände, die den Künstler bedingen: alle, die mit

krankhaften Erscheinungen tief verwandt und verwachsen sind: so daß es

nicht möglich scheint, Künstler zu sein und nicht krank zu sein.

Die physiologischen Zustände, welche im Künstler gleichsam zur „Person“

gezüchtet sind und die an sich in irgendwelchem Grade dem Menschen

überhaupt anhaften:

1. der *Rausch*: das erhöhte Machtgefühl; die innere Nötigung, aus den

Dingen einen Reflex der eignen Fülle und Vollkommenheit zu machen;

2. die *extreme Schärfe* gewisser Sinne: so daß sie eine ganz andre

Zeichensprache verstehen -- und schaffen, -- dieselbe, die mit manchen

Nervenkrankheiten verbunden erscheint --; die extreme Beweglichkeit,

aus der eine extreme Mitteilsamkeit wird; das Redenwollen alles

dessen, was Zeichen zu geben weiß --; ein Bedürfnis, sich gleichsam

loszuwerden durch Zeichen und Gebärden; Fähigkeit, von sich durch

hundert Sprachmittel zu reden, -- ein *explosiver* Zustand. Man muß

sich diesen Zustand zunächst als Zwang und Drang denken, durch alle

Art Muskelarbeit und Beweglichkeit die Exuberanz der inneren Spannung

loszuwerden: sodann als unfreiwillige *Koordination dieser Bewegung*

zu den inneren Vorgängen (Bildern, Gedanken, Begierden), -- als eine

Art Automatismus des ganzen Muskelsystems unter dem Impuls von innen

wirkender starker Reize --; Unfähigkeit, die Reaktion zu *verhindern*;

der Hemmungsapparat gleichsam *ausgehängt*. Jede innere Bewegung

(Gefühl, Gedanke, Affekt) ist begleitet von *Vaskularveränderungen* und

folglich von Veränderungen der Farbe, der Temperatur, der Sekretion.

Die *suggestive* Kraft der Musik, ihre „~suggestion mentale~“; --

3. das *Nachmachen-müssen*: eine extreme Irritabilität, bei der sich

ein gegebenes Vorbild kontagiös mitteilt, -- ein Zustand wird nach

Zeichen schon erraten und *dargestellt*.... Ein Bild, innerlich

auftauchend, wirkt schon als Bewegung der Glieder --, eine gewisse

*Willens*aushängung.... (Schopenhauer!!!!) Eine Art Taubsein, Blindsein

nach außen hin, -- das Reich der *zugelassenen* Reize ist scharf

umgrenzt.

Dies unterscheidet den Künstler vom Laien (dem künstlerisch

Empfänglichen): letzterer hat im Aufnehmen seinen Höhepunkt von

Reizbarkeit; ersterer im Geben, -- dergestalt, daß ein Antagonismus

dieser beiden Begabungen nicht nur natürlich, sondern wünschenswert

ist. Jeder dieser Zustände hat eine umgekehrte Optik, -- vom

Künstler verlangen, daß er sich die Optik des Zuhörers (Kritiker --)

einübe, heißt verlangen, daß er sich und seine schöpferische Kraft

*verarme*.... Es ist hier wie bei der Differenz der Geschlechter: man

soll vom Künstler, der *gibt*, nicht verlangen, daß er Weib wird, --

daß er „*empfängt*“.

Unsere Ästhetik war insofern bisher eine Weibsästhetik, als nur die

Empfänglichen für Kunst ihre Erfahrungen „was ist schön?“ formuliert

haben. In der ganzen Philosophie bis heute fehlt der Künstler....

Das ist, wie das Vorhergehende andeutete, ein notwendiger Fehler:

denn der Künstler, der anfinge, sich zu begreifen, würde sich damit

*vergreifen*, -- er hat nicht zurückzusehen, er hat überhaupt nicht zu

sehen, er hat zu geben. -- Es ehrt einen Künstler, der Kritik unfähig

zu sein, -- andernfalls ist er halb und halb, ist er „modern“.

523.

Das Rauschgefühl, tatsächlich einem *Mehr von Kraft* entsprechend:

am stärksten in der Paarungszeit der Geschlechter: neue Organe, neue

Fertigkeiten, Farben, Formen; -- die „Verschönerung“ ist eine Folge

der *erhöhten* Kraft. Verschönerung als Ausdruck eines *siegreichen*

Willens, einer gesteigerten Koordination, einer Harmonisierung aller

starken Begehrungen, eines unfehlbar perpendikulären Schwergewichts.

Die logische und geometrische Vereinfachung ist eine Folge der

Krafterhöhung: umgekehrt erhöht wieder das *Wahrnehmen* solcher

Vereinfachung das Kraftgefühl.... Spitze der Entwicklung: der große

Stil.

Die Häßlichkeit bedeutet *~décadence~ eines Typus*, Widerspruch und

mangelnde Koordination der inneren Begehrungen, -- bedeutet einen

Niedergang an *organisierender* Kraft, an „Willen“, psychologisch

geredet.

Der Lustzustand, den man *Rausch* nennt, ist exakt ein hohes

Machtgefühl.... Die Raum- und Zeitempfindungen sind verändert:

ungeheure Fernen werden überschaut und gleichsam erst *wahrnehmbar*;

die *Ausdehnung* des Blicks über größere Mengen und Weiten; die

*Verfeinerung des Organs* für die Wahrnehmung vieles Kleinsten und

Flüchtigsten; die *Divination*, die Kraft des Verstehens auf die

leiseste Hilfe hin, auf jede Suggestion hin: die „intelligente“

*Sinnlichkeit* --; die *Stärke* als Herrschaftsgefühl in den

Muskeln, als Geschmeidigkeit und Lust an der Bewegung, als Tanz, als

Leichtigkeit und Presto; die Stärke als Lust am Beweis der Stärke, als

Bravourstück, Abenteuer, Furchtlosigkeit, Gleichgültigkeit gegen Leben

und Tod.... Alle diese Höhenmomente des Lebens regen sich gegenseitig

an; die Bilder- und Vorstellungswelt des einen genügt als Suggestion

für den andern: -- dergestalt sind schließlich Zustände ineinander

verwachsen, die vielleicht Grund hätten, sich fremd zu bleiben. Zum

Beispiel: das religiöse Rauschgefühl und die Geschlechtserregung (--

zwei tiefe Gefühle, nachgerade fast verwunderlich koordiniert. Was

gefällt allen frommen Frauen, alten? jungen? Antwort: ein Heiliger mit

schönen Beinen, noch jung, noch Idiot). Die Grausamkeit in der Tragödie

und das Mitleid (-- ebenfalls normal koordiniert....). Frühling, Tanz,

Musik: -- alles Wettbewerb der Geschlechter, -- und auch noch jene

Faustische „Unendlichkeit im Busen“.

Die Künstler, wenn sie etwas taugen, sind (auch leiblich) stark

angelegt, überschüssig, Krafttiere, sensuell; ohne eine gewisse

Überheizung des geschlechtlichen Systems ist kein Raffael zu denken....

Musik machen ist auch noch eine Art Kindermachen; Keuschheit ist

bloß die Ökonomie eines Künstlers, -- und jedenfalls hört auch bei

Künstlern die Fruchtbarkeit mit der Zeugungskraft auf.... Die Künstler

sollen nichts so sehen, wie es ist, sondern voller, sondern einfacher,

sondern stärker: dazu muß ihnen eine Art Jugend und Frühling, eine Art

habitueller Rausch im Leben eigen sein.

524.

Die Zustände, in denen wir eine *Verklärung* und *Fülle* in die Dinge

legen und an ihnen dichten, bis sie unsre eigne Fülle und Lebenslust

zurückspiegeln: der Geschlechtstrieb; der Rausch; die Mahlzeit; der

Frühling; der Sieg über den Feind, der Hohn; das Bravourstück; die

Grausamkeit; die Ekstase des religiösen Gefühls. *Drei* Elemente

vornehmlich: der *Geschlechtstrieb*, der *Rausch*, die *Grausamkeit*,

-- alle zur ältesten *Festfreude* des Menschen gehörend, alle

insgleichen im anfänglichen „Künstler“ überwiegend.

Umgekehrt: treten uns Dinge entgegen, welche diese Verklärung und

Fülle zeigen, so antwortet das animalische Dasein mit einer *Erregung

jener Sphären*, wo alle jene Lustzustände ihren Sitz haben: -- und

eine Mischung dieser sehr zarten Nuancen von animalischen Wohlgefühlen

und Begierden ist der *ästhetische Zustand*. Letzterer tritt nur

bei solchen Naturen ein, welche jener abgebenden und überströmenden

Fülle des leiblichen ~vigor~ überhaupt fähig sind; in ihm ist immer

das ~primum mobile~. Der Nüchterne, der Müde, der Erschöpfte, der

Vertrocknende (zum Beispiel ein Gelehrter) kann absolut nichts von der

Kunst empfangen, weil er die künstlerische Urkraft, die Nötigung des

Reichtums nicht hat: wer nicht geben kann, empfängt auch nichts.

„*Vollkommenheit*“: -- in jenen Zuständen (bei der Geschlechtsliebe

insonderheit) verrät sich naiv, was der tiefste Instinkt als

das Höhere, Wünschbarere, Wertvollere überhaupt anerkennt, die

Aufwärtsbewegung seines Typus; insgleichen *nach welchem* Status er

eigentlich *strebt*. Die Vollkommenheit: das ist die außerordentliche

Erweiterung seines Machtgefühls, der Reichtum, das notwendige

Überschäumen über alle Ränder....

525.

Die *Sinnlichkeit* in ihren Verkleidungen: 1. als Idealismus „Plato“),

der Jugend eigen, dieselbe Art von Hohlspiegelbild schaffend, wie die

Geliebte im speziellen erscheint, eine Inkrustation, Vergrößerung,

Verklärung, Unendlichkeit um jedes Ding legend -- : 2. in der Religion

der Liebe: „ein schöner, junger Mann, ein schönes Weib“, irgendwie

göttlich, ein Bräutigam, eine Braut der Seele -- : 3. in der *Kunst*,

als „schmückende“ Gewalt: wie der Mann das Weib sieht, indem er ihr

gleichsam alles zum Präsent macht, was es von Vorzügen gibt, so legt

die Sinnlichkeit des Künstlers in ein Objekt, was er sonst noch ehrt

und hochhält -- dergestalt *vollendet* er ein Objekt („idealisiert“

es). Das Weib, unter dem Bewußtsein, was der Mann in bezug auf das

Weib empfindet, *kommt dessen Bemühen nach Idealisierung entgegen*,

indem es sich schmückt, schön geht, tanzt, zarte Gedanken äußert:

insgleichen *übt sie Scham*, Zurückhaltung, Distanz -- mit dem Instinkt

dafür, daß damit das idealisierende Vermögen des Mannes *wächst*.

(-- Bei der ungeheuren Feinheit des weiblichen Instinkts bleibt die

Scham keineswegs bewußte Heuchelei: sie errät, daß gerade die *naive

wirkliche Schamhaftigkeit* den Mann am meisten verführt und zur

Überschätzung drängt. Darum ist das Weib naiv -- aus Feinheit des

Instinkts, welcher ihr die Nützlichkeit des Unschuldigseins anrät. Ein

willentliches *die-Augen-über-sich-geschlossen-halten*.... Überall,

wo die Verstellung stärker wirkt, wenn sie unbewußt ist, *wird* sie

unbewußt.)

526.

Was der Rausch alles vermag, der „Liebe“ heißt, und der noch

etwas anderes ist als Liebe! -- Doch darüber hat jedermann seine

Wissenschaft. Die Muskelkraft eines Mädchens *wächst*, sobald nur ein

Mann in seine Nähe kommt; es gibt Instrumente, dies zu messen. Bei

einer noch näheren Beziehung der Geschlechter, wie sie zum Beispiel der

Tanz und andere gesellschaftliche Gepflogenheiten mit sich bringen,

nimmt diese Kraft dergestalt zu, um zu wirklichen *Kraftstücken* zu

befähigen: man traut endlich seinen Augen nicht -- und seiner Uhr! Hier

ist allerdings einzurechnen, daß der Tanz an sich schon, gleich jeder

sehr geschwinden Bewegung, eine Art Rausch für das gesamte Gefäß-,

Nerven- und Muskelsystem mit sich bringt. Man hat in diesem Falle mit

den kombinierten Wirkungen eines doppelten Rausches zu rechnen. -- Und

wie weise es mitunter ist, einen kleinen Stich zu haben!.... Es gibt

Realitäten, die man nie sich eingestehen darf; dafür ist man Weib,

dafür hat man alle weiblichen ~pudeurs~.... Diese jungen Geschöpfe,

die dort tanzen, sind ersichtlich jenseits aller Realität: sie tanzen

nur mit lauter handgreiflichen Idealen; sie sehen sogar, was mehr ist,

noch Ideale um sich sitzen: die Mütter!.... Gelegenheit, Faust zu

zitieren.... Sie sehen unvergleichlich besser aus, wenn sie dergestalt

ihren kleinen Stich haben, diese hübschen Kreaturen, -- o wie gut

sie das auch wissen! sie werden sogar liebenswürdig, *weil* sie das

wissen! -- Zuletzt inspiriert sie auch noch ihr Putz; ihr Putz ist

ihr *dritter* kleiner Rausch: sie glauben an ihren Schneider, wie sie

an ihren Gott glauben: -- und wer widerriete ihnen diesen Glauben!

Dieser Glaube macht selig! Und die Selbstbewunderung ist gesund! --

Selbstbewunderung schützt vor Erkältung. Hat sich je ein hübsches Weib

erkältet, das sich gut bekleidet wußte? Nun und nimmermehr! Ich setze

selbst den Fall, daß es kaum bekleidet war.

527.

Will man den erstaunlichsten Beweis dafür, wie weit die

Transfigurationskraft des Rausches geht? -- Die „Liebe“ ist dieser

Beweis: Das, was Liebe heißt in allen Sprachen und Stummheiten der

Welt. Der Rausch wird hier mit der Realität in einer Weise fertig, daß

im Bewußtsein des Liebenden die Ursache ausgelöscht und etwas anderes

sich an ihrer Stelle zu finden scheint, -- ein Zittern und Aufglänzen

aller Zauberspiegel der Circe.... Hier macht Mensch und Tier keinen

Unterschied; noch weniger Geist, Güte, Rechtschaffenheit. Man wird

fein genarrt, wenn man fein ist; man wird grob genarrt, wenn man grob

ist: aber die Liebe, und selbst die Liebe zu Gott, die Heiligenliebe

„erlöster Seelen“, bleibt in der Wurzel eins: ein Fieber, das Gründe

hat, sich zu transfigurieren, ein Rausch, der gut tut, über sich

zu lügen.... Und jedenfalls lügt man gut, wenn man liebt, vor sich

und über sich: man scheint sich transfiguriert, stärker, reicher,

vollkommener, man *ist* vollkommener.... Wir finden hier die *Kunst*

als organische Funktion: wir finden sie eingelegt in den engelhaftesten

Instinkt „Liebe“: wir finden sie als größtes Stimulans des Lebens, --

Kunst somit als sublim zweckmäßig auch noch darin, daß sie lügt....

Aber wir würden irren, bei ihrer Kraft, zu lügen, stehenzubleiben: sie

tut mehr als bloß imaginieren: sie verschiebt selbst die Werte. Und

nicht nur, daß sie das *Gefühl* der Werte verschiebt: der Liebende

*ist* mehr wert, ist stärker. Bei den Tieren treibt dieser Zustand neue

Waffen, Pigmente, Farben und Formen heraus: vor allem neue Bewegungen,

neue Rhythmen, neue Locktöne und Verführungen. Beim Menschen ist es

nicht anders. Sein Gesamthaushalt ist reicher als je, mächtiger,

*ganzer* als im Nichtliebenden. Der Liebende wird Verschwender: er

ist reich genug dazu. Er wagt jetzt, wird Abenteurer, wird ein Esel

an Großmut und Unschuld; er glaubt wieder an Gott, er glaubt an die

Tugend, weil er an die Liebe glaubt: und andererseits wachsen diesem

Idioten des Glücks Flügel und neue Fähigkeiten, und selbst zur Kunst

tut sich ihm die Tür auf. Rechnen wir aus der Lyrik in Ton und Wort die

Suggestion jenes intestinalen Fiebers ab: was bleibt von der Lyrik und

Musik übrig?.... ~L'art pour l'art~ vielleicht: das virtuose Gequak

kaltgestellter *Frösche*, die in ihrem Sumpfe desperieren.... Den

ganzen *Rest* schuf die Liebe....

528.

Alle Kunst wirkt als Suggestion auf die Muskeln und Sinne, welche

ursprünglich beim naiven künstlerischen Menschen tätig sind: sie

redet immer nur zu Künstlern, -- sie redet zu dieser Art von feiner

Beweglichkeit des Leibes. Der Begriff „Laie“ ist ein Fehlgriff. Der

Taube ist keine Spezies des Guthörigen.

Alle Kunst wirkt *tonisch*, mehrt die Kraft, entzündet die Lust (das

heißt das Gefühl der Kraft), regt alle die feineren Erinnerungen des

Rausches an, -- es gibt ein eigenes Gedächtnis, das in solche Zustände

hinunterkommt: eine ferne und flüchtige Welt von Sensationen kehrt da

zurück.

Das Häßliche, das heißt der Widerspruch zur Kunst, das, was

*ausgeschlossen* wird von der Kunst, ihr *Nein*: -- jedesmal, wenn

der Niedergang, die Verarmung an Leben, die Ohnmacht, die Auflösung,

die Verwesung von fern nur angeregt wird, reagiert der ästhetische

Mensch mit seinem *Nein*. Das Häßliche wirkt *depressiv*: es ist

der Ausdruck einer Depression. Es *nimmt* Kraft, es verarmt, es

drückt.. Das Häßliche *suggeriert* Häßliches; man kann an seinen

Gesundheitszuständen erproben, wie unterschiedlich das Schlechtbefinden

auch die Fähigkeit der Phantasie des Häßlichen steigert. Die Auswahl

wird anders, von Sachen, Interessen, Fragen. Es gibt einen dem

Häßlichen nächstverwandten Zustand auch im Logischen: -- Schwere,

Dumpfheit. Mechanisch fehlt dabei das Gleichgewicht: das Häßliche

hinkt, das Häßliche stolpert: -- Gegensatz einer göttlichen

Leichtfertigkeit des Tanzenden.

Der ästhetische Zustand hat einen Überreichtum von *Mitteilungsmitteln*

zugleich mit einer extremen *Empfänglichkeit* für Reize und Zeichen.

Er ist der Höhepunkt der Mitteilsamkeit und Übertragbarkeit zwischen

lebenden Wesen, -- er ist die Quelle der Sprachen. Die Sprachen haben

hier ihren Entstehungsherd: die Tonsprachen so gut als die Gebärden-

und Blicksprachen. Das vollere Phänomen ist immer der Anfang: unsere

Vermögen sind subtilisiert aus volleren Vermögen. Aber auch heute hört

man noch mit den Muskeln, man liest selbst noch mit den Muskeln.

Jede reife Kunst hat eine Fülle Konvention zur Grundlage: insofern

sie Sprache ist. Die Konvention ist die Bedingung der großen Kunst,

*nicht* deren Verhinderung.... Jede Erhöhung des Lebens steigert die

Mitteilungskraft, insgleichen die Verständniskraft des Menschen. Das

*Sichhineinleben in andere Seelen* ist ursprünglich nichts Moralisches,

sondern eine physiologische Reizbarkeit der Suggestion: die „Sympathie“

oder was man „Altruismus“ nennt, sind bloße Ausgestaltungen jenes

zur Geistigkeit gerechneten psycho-motorischen Rapports (~induction

psycho-motrice~ meint Ch. Féré). Man teilt sich nie Gedanken mit:

man teilt sich Bewegungen mit, mimische Zeichen, welche von uns auf

Gedanken hin *zurückgelesen* werden.

529.

Die Kunst erinnert uns an Zustände des animalischen ~vigor~; sie

ist einmal ein Überschuß und Ausströmen von blühender Leiblichkeit

in die Welt der Bilder und Wünsche; andrerseits eine Anreizung der

animalischen Funktionen durch Bilder und Wünsche des gesteigerten

Lebens; -- eine Erhöhung des Lebensgefühls, ein Stimulans desselben.

Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens · 第 23 / 29 段