Kein Verhältnis zwischen Abzahlung und *Leistung*! Sondern das

Individuum, *je nach seiner Art*, so stellen, daß es das *Höchste

leisten* kann, was in seinem Bereich liegt.

496.

Die Arbeiter sollen einmal leben wie jetzt die Bürger; -- aber *über*

ihnen, sich durch Bedürfnislosigkeit auszeichnend, die *höhere Kaste*:

also ärmer und einfacher, doch im Besitz der Macht.

Für die *niederen* Menschen gelten die umgekehrten Wertschätzungen;

es kommt darauf an, in sie die „Tugenden“ zu pflanzen. Die absoluten

Befehle; furchtbare Zwingmeister; sie dem leichten Leben entreißen. Die

übrigen dürfen *gehorchen*: und ihre Eitelkeit verlangt, daß sie nicht

abhängig von großen Menschen, sondern von „*Prinzipien*“ erscheinen.

497.

*Meine „Zukunft“*: -- eine stramme Polytechnikerbildung. Militärdienst:

so daß durchschnittlich jeder Mann der höheren Stände Offizier ist, er

sei sonst, wer er sei.

498.

Ein wenig reine Luft! Dieser absurde Zustand Europas soll nicht

mehr lange dauern! Gibt es irgendeinen Gedanken hinter diesem

Hornvieh-Nationalismus? Welchen Wert könnte es haben, jetzt, wo

alles auf größere und gemeinsame Interessen hinweist, diese ruppigen

Selbstgefühle aufzustacheln? Und das in einem Zustande, wo die

*geistige Unselbständigkeit* und Entnationalisierung in die Augen

springt und in einem gegenseitigen Sich-Verschmelzen und -Befruchten

der eigentliche Wert und Sinn der jetzigen Kultur liegt!.... Und das

„neue Reich“, wieder auf den verbrauchtesten und bestverachteten

Gedanken gegründet: die Gleichheit der Rechte und der Stimmen.

Das Ringen um einen Vorrang innerhalb eines Zustandes, der nichts

taugt; diese Kultur der Großstädte, der Zeitungen, des Fiebers und der

„Zwecklosigkeit“ --!

Die wirtschaftliche Einigung Europas kommt mit Notwendigkeit -- und

ebenso, als Reaktion, die *Friedenspartei*....

Eine Partei des *Friedens*, ohne Sentimentalität, welche sich und ihren

Kindern verbietet, Krieg zu führen; verbietet, sich der Gerichte zu

bedienen; welche den Kampf, den Widerspruch, die Verfolgung gegen sich

heraufbeschwört; eine Partei der Unterdrückten, wenigstens für eine

Zeit; alsbald die *große* Partei. Gegnerisch gegen die *Rach-* und

*Nachgefühle*.

Eine *Kriegspartei*, mit der gleichen Grundsätzlichkeit und Strenge

gegen sich, in umgekehrter Richtung vorgehend --

499.

*Die Aufrechterhaltung des Militärstaates* ist das allerletzte

Mittel, die *große Tradition* sei es aufzunehmen, sei es festzuhalten

hinsichtlich des *obersten Typus* Mensch, des *starken Typus*. Und alle

*Begriffe*, die die Feindschaft und Rangdistanz der Staaten verewigen,

dürfen daraufhin sanktioniert erscheinen (zum Beispiel Nationalismus,

Schutzzoll).

500.

Moral wesentlich als *Wehr*, als Verteidigungsmittel; insofern ein

Zeichen des unausgewachsenen Menschen (verpanzert; stoisch).

Der ausgewachsene Mensch hat vor allem *Waffen*: er ist *angreifend*.

Kriegswerkzeuge zu Friedenswerkzeugen umgewandelt (aus Schuppen und

Platten Federn und Haare).

501.

*Grundfehler*: die Ziele in die Herde und *nicht* in einzelne

Individuen zu legen! Die Herde ist Mittel, nicht *mehr*! Aber

jetzt versucht man, *die Herde als Individuum* zu verstehen

und ihr einen höheren Rang als dem Einzelnen zuzuschreiben, --

tiefstes Mißverständnis!!! Insgleichen das, was herdenhaft macht,

die Mitgefühle, als die *wertvollere* Seite unsrer Natur zu

charakterisieren!

V. Kunst -- ein Machtwille.

502.

„Schönheit“ ist deshalb für den Künstler etwas außer aller Rangordnung,

weil in der Schönheit Gegensätze gebändigt sind, das höchste Zeichen

von Macht, nämlich über Entgegengesetztes; außerdem ohne Spannung: --

daß keine Gewalt mehr not tut, daß alles so leicht *folgt, gehorcht*,

und zum Gehorsam die liebenswürdigste Miene macht -- das ergötzt den

Machtwillen des Künstlers.

503.

*Die Kunst in der „Geburt der Tragödie“.*

I.

Die Konzeption des Werkes, auf welche man in dem Hintergrunde dieses

Buches stößt, ist absonderlich düster und unangenehm: unter den bisher

bekannt gewordnen Typen des Pessimismus scheint keiner diesen Grad

von Bösartigkeit erreicht zu haben. Hier fehlt der Gegensatz einer

wahren und einer scheinbaren Welt: es gibt nur eine Welt, und diese ist

falsch, grausam, widersprüchlich, verführerisch, ohne Sinn.... Eine so

beschaffene Welt ist die wahre Welt. *Wir haben Lüge nötig*, um über

diese Realität, diese „Wahrheit“ zum Sieg zu kommen, das heißt, um zu

*leben*.... Daß die Lüge nötig ist, um zu leben, das gehört selbst noch

mit zu diesem furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins.

Die Metaphysik, die Moral, die Religion, die Wissenschaft -- sie

werden in diesem Buche nur als verschiedne Formen der Lüge in Betracht

gezogen: mit ihrer Hilfe wird ans Leben *geglaubt*. „Das Leben *soll*

Vertrauen einflößen“: die Aufgabe, so gestellt, ist ungeheuer. Um

sie zu lösen, muß der Mensch schon von Natur Lügner sein, er muß mehr

als alles andere *Künstler* sein. Und er *ist* es auch: Metaphysik,

Religion, Moral, Wissenschaft -- alles nur Ausgeburten seines Willens

zur Kunst, zur Lüge, zur Flucht vor der „Wahrheit“, zur *Verneinung*

der „Wahrheit“. Das Vermögen selbst, dank dem er die Realität durch

die Lüge vergewaltigt, dieses Künstlervermögen des Menschen ~par

excellence~ -- er hat es noch mit allem, was ist, gemein. Er selbst ist

ja ein Stück Wirklichkeit, Wahrheit, Natur: wie sollte er nicht auch

ein Stück *Genie der Lüge* sein!

Daß der Charakter des Daseins *verkannt* werde -- und höchste

Geheimabsicht hinter allem, was Tugend, Wissenschaft, Frömmigkeit,

Künstlertum ist. Vieles niemals sehen, vieles falsch sehen, vieles

hinzusehen: o wie klug man noch ist, in Zuständen, wo man am fernsten

davon ist, sich für klug zu halten! Die Liebe, die Begeisterung, „Gott“

-- lauter Feinheiten des letzten Selbstbetrugs, lauter Verführungen zum

Leben, lauter Glaube an das Leben! In Augenblicken, wo der Mensch zum

Betrognen ward, wo er sich überlistet hat, wo er ans Leben glaubt: o

wie schwillt es da in ihm auf! Welches Entzücken! Welches Gefühl von

Macht! Wieviel Künstlertriumph im Gefühl der Macht!.... Der Mensch ward

wieder einmal Herr über den „*Stoff*“, -- Herr über die Wahrheit!....

Und wann immer der Mensch sich freut, er ist immer der gleiche in

seiner Freude: er freut sich als Künstler, er genießt sich als Macht,

er genießt die Lüge als seine Macht....

II.

Die Kunst und nichts als die Kunst! Sie ist die große Ermöglicherin des

Lebens, die große Verführerin zum Leben, das große Stimulans des Lebens.

Die Kunst als einzig überlegene Gegenkraft gegen allen Willen zur

Verneinung des Lebens, als das Antichristliche, Antibuddhistische,

Antinihilistische ~par excellence~.

Die Kunst als die *Erlösung des Erkennenden*, -- dessen, der den

furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins sieht, sehen will,

des Tragisch-Erkennenden.

Die Kunst als die *Erlösung des Handelnden*, -- dessen, der den

furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins nicht nur sieht,

sondern lebt, leben will, des tragisch-kriegerischen Menschen, des

Helden.

Die Kunst als die *Erlösung des Leidenden*, -- als Weg zu Zuständen,

wo das Leiden gewollt, verklärt, vergöttlicht wird, wo das Leiden eine

Form der großen Entzückung ist.

III.

Man sieht, daß in diesem Buche der Pessimismus, sagen wir deutlicher

der Nihilismus, als die „Wahrheit“ gilt. Aber die Wahrheit gilt nicht

als oberstes Wertmaß, noch weniger als oberste Macht. Der Wille zum

Schein, zur Illusion, zur Täuschung, zum Werden und Wechseln (zur

objektivierten Täuschung) gilt hier als tiefer, ursprünglicher,

„metaphysischer“ als der Wille zur Wahrheit, zur Wirklichkeit, zum

Schein: -- letzterer ist selbst bloß eine Form des Willens zur

Illusion. Ebenso gilt die Lust als ursprünglicher als der Schmerz:

der Schmerz erst als bedingt, als eine Folgeerscheinung des Willens

zur Lust (des Willens zum Werden, Wachsen, Gestalten, das heißt

*zum Schaffen*: im Schaffen ist aber das Zerstören eingerechnet).

Es wird ein höchster Zustand von Bejahung des Daseins konzipiert,

aus dem auch der höchste Schmerz nicht abgerechnet werden kann: der

*tragisch-dionysische* Zustand.

IV.

Dies Buch ist dergestalt sogar antipessimistisch: nämlich in dem

Sinne, daß es etwas lehrt, das stärker ist als der Pessimismus, das

„göttlicher“ ist als die Wahrheit: die *Kunst*. Niemand würde, wie

es scheint, einer radikalen Verneinung des Lebens, einem wirklichen

Nein*tun* noch mehr als einem Neinsagen zum Leben ernstlicher das

Wort reden als der Verfasser dieses Buches. Nur weiß er -- er hat es

erlebt, er hat vielleicht nichts anderes erlebt! -- daß die Kunst *mehr

wert* ist als die Wahrheit.

In der Vorrede bereits, mit der Richard Wagner wie zu einem

Zwiegespräche eingeladen wird, erscheint dies Glaubensbekenntnis, dies

Artistenevangelium: „die Kunst als die eigentliche Aufgabe des Lebens,

die Kunst als dessen *metaphysische* Tätigkeit....“

504.

Das Phänomen „Künstler“ ist noch am leichtesten *durchsichtig*: -- von

da aus hinzublicken auf die *Grundinstinkte der Macht* usw.! Auch der

Religion und Moral!

„Das Spiel“, das Unnützliche -- als Ideal des mit Kraft Überhäuften,

als „kindlich“. Die „Kindlichkeit“ Gottes, παῖς παίζων.

505.

Unsre Religion, Moral und Philosophie sind ~décadence~-Formen des

Menschen.

-- Die *Gegenbewegung*: die *Kunst*.

506.

In der Hauptsache gebe ich den Künstlern mehr recht als allen

Philosophen bisher: sie verloren die große Spur nicht, auf der das

Leben geht, sie liebten die Dinge „dieser Welt“, -- sie liebten

ihre Sinne. „Entsinnlichung“ zu erstreben: das scheint mir ein

Mißverständnis oder eine Krankheit oder eine Kur, wo sie nicht eine

bloße Heuchelei oder Selbstbetrügerei ist. Ich wünsche mir selber und

allen denen, welche ohne die Ängste eines Puritanergewissens leben --

leben *dürfen*, eine immer größere Vergeistigung und Vervielfältigung

ihrer Sinne; ja wir wollen den Sinnen dankbar sein für ihre Feinheit,

Fülle und Kraft und ihnen das Beste von Geist, was wir haben,

dagegen bieten. Was gehen uns die priesterlichen und metaphysischen

Verketzerungen der Sinne an! Wir haben diese Verketzerung nicht mehr

nötig: es ist ein Merkmal der Wohlgeratenheit, wenn einer gleich Goethe

mit immer größerer Lust und Herzlichkeit an „den Dingen der Welt“

hängt: -- dergestalt nämlich hält er die große Auffassung des Menschen

fest, daß der Mensch *der Verklärer des Daseins* wird, wenn er sich

selbst verklären lernt.

507.

Biologischer Wert des *Schönen* und des *Häßlichen*. -- Was uns

instinktiv *widersteht*, ästhetisch, ist aus allerlängster Erfahrung

dem Menschen als schädlich, gefährlich, Mißtrauen verdienend

bewiesen: der plötzlich redende ästhetische Instinkt (im Ekel zum

Beispiel) enthält ein *Urteil*. Insofern steht das *Schöne* innerhalb

der allgemeinen Kategorie der biologischen Werte des Nützlichen,

Wohltätigen, Leben-steigernden: doch so, daß eine Menge Reize, die ganz

von fern an nützliche Dinge und Zustände erinnern und anknüpfen, uns

das Gefühl des Schönen, das heißt der Vermehrung von Machtgefühl, geben

(-- nicht also bloß Dinge, sondern auch die Begleitempfindungen solcher

Dinge oder ihre Symbole).

Hiermit ist das Schöne und Häßliche als *bedingt* erkannt; nämlich in

Hinsicht auf unsre untersten *Erhaltungswerte*. Davon abgesehen ein

Schönes und ein Häßliches ansetzen wollen, ist sinnlos. *Das* Schöne

existiert so wenig als *das* Gute, *das* Wahre. Im Einzelnen handelt

es sich wieder um die *Erhaltungsbedingungen* einer bestimmten Art von

Mensch: so wird der *Herdenmensch* bei anderen Dingen das *Wertgefühl

des Schönen* haben, als der *Ausnahme*- und Übermensch.

Es ist die *Vordergrundsoptik*, welche nur die *nächsten Folgen* in

Betracht zieht, aus der der Wert des Schönen (auch des Guten, auch des

Wahren) stammt.

Alle Instinkturteile sind *kurzsichtig* in Hinsicht auf die Kette

der Folgen: sie raten an, was *zunächst* zu tun ist. Der Verstand

ist wesentlich ein *Hemmungsapparat* gegen das Sofort-Reagieren auf

das Instinkturteil: er hält auf, er überlegt weiter, er sieht die

Folgenkette ferner und länger.

Die *Schönheits-* und *Häßlichkeitsurteile* sind *kurzsichtig* (--

sie haben immer den Verstand *gegen* sich --): aber im *höchsten

Grade überredend*; sie appellieren an unsre Instinkte, dort, wo sie am

schnellsten sich entscheiden und ihr Ja und Nein sagen, *bevor* noch

der Verstand zu Worte kommt.

Die gewohntesten Schönheitsbejahungen *regen sich gegenseitig auf und

an*; wenn der ästhetische Trieb einmal in Arbeit ist, kristallisiert

sich um „das einzelne Schöne“ noch eine ganze Fülle anderer und

anderswoher stammender Vollkommenheiten. Es ist nicht möglich,

*objektiv* zu bleiben, respektive die interpretierende, hinzugebende,

ausfüllende, dichtende Kraft auszuhängen (-- letztere ist jene

Verkettung der Schönheitsbejahungen selber). Der Anblick eines „schönen

Weibes“....

Also 1. das Schönheitsurteil ist *kurzsichtig*, es sieht nur die

nächsten Folgen;

2. es *überhäuft* den Gegenstand, der es erregt, mit einem *Zauber*,

der durch die Assoziation verschiedener Schönheitsurteile bedingt ist,

-- der aber dem *Wesen jenes Gegenstandes ganz fremd ist*. Ein Ding

als schön empfinden heißt: es notwendig falsch empfinden -- (weshalb,

beiläufig gesagt, die Liebesheirat die gesellschaftlich unvernünftigste

Art der Heirat ist).

508.

*Der tragische Künstler.* -- Es ist die Frage der *Kraft* (eines

Einzelnen oder eines Volkes), *ob* und *wo* das Urteil „schön“

angesetzt wird. Das Gefühl der Fülle, der *aufgestauten Kraft* (aus

dem es erlaubt ist, vieles mutig und wohlgemut entgegenzunehmen, vor

dem der Schwächling *schaudert*) -- das *Macht*gefühl spricht das

Urteil „schön“ noch über Dinge und Zustände aus, welche der Instinkt

der Ohnmacht nur als *hassenswert*, als „häßlich“ abschätzen kann.

Die Witterung dafür, womit wir ungefähr fertig werden würden, wenn

es leibhaft entgegenträte als Gefahr, Problem, Versuchung, -- diese

Witterung bestimmt auch noch unser ästhetisches Ja. („Das ist schön“

ist eine *Bejahung*).

Daraus ergibt sich, ins Große gerechnet, daß die *Vorliebe für

fragwürdige und furchtbare Dinge* ein Symptom für *Stärke* ist: während

der Geschmack am *Hübschen und Zierlichen* den Schwachen, den Delikaten

zugehört. Die Lust an der Tragödie kennzeichnet *starke* Zeitalter und

Charaktere: ihr ~non plus ultra~ ist vielleicht die ~divina commedia~.

Es sind die *heroischen* Geister, welche zu sich selbst in der

tragischen Grausamkeit Ja sagen: sie sind hart genug, um das Leiden als

*Lust* zu empfinden.

Gesetzt dagegen, daß die Schwachen von einer Kunst Genuß begehren,

welche für sie nicht erdacht ist, was werden sie tun, um die Tragödie

sich schmackhaft zu machen? Sie werden ihre *eignen Wertgefühle* in

sie hinein interpretieren: zum Beispiel den „Triumph der sittlichen

Weltordnung“ oder die Lehre vom „Unwert des Daseins“ oder die

Aufforderung zur „Resignation“ (-- oder auch halb medizinische, halb

moralische Affektausladungen ~à la~ Aristoteles). Endlich: die *Kunst

des Furchtbaren*, insofern sie die Nerven aufregt, kann als Stimulans

bei den Schwachen und Erschöpften in Schätzung kommen: das ist heute

zum Beispiel der Grund für die *Schätzung* der Wagnerschen Kunst. Es

ist ein Zeichen von *Wohl-* und *Machtgefühl*, wie weit einer den

Dingen ihren furchtbaren und fragwürdigen Charakter zugestehen darf;

und *ob* er überhaupt „Lösungen“ am Schluß braucht.

Diese Art *Künstlerpessimismus* ist genau das *Gegenstück zum

moralisch-religiösen Pessimismus*, welcher an der „Verderbnis“

des Menschen, am Rätsel des Daseins leidet: dieser will durchaus

eine Lösung, wenigstens eine Hoffnung auf Lösung. Die Leidenden,

Verzweifelten, An-sich-Mißtrauischen, die Kranken mit einem Wort,

haben zu allen Zeiten die entzückenden *Visionen* nötig gehabt, um

es auszuhalten (der Begriff „Seligkeit“ ist *dieses* Ursprungs).

Ein verwandter Fall: die Künstler der ~décadence~, welche im Grunde

*nihilistisch* zum Leben stehen, *flüchten* in die *Schönheit der

Form*, -- in die *ausgewählten* Dinge, wo die Natur vollkommen ward,

wo sie indifferent *groß* und *schön* ist.... (-- Die „Liebe zum

Schönen“ kann somit etwas anderes als das *Vermögen* sein, ein Schönes

zu *sehen*, das Schöne zu *schaffen*: sie kann gerade der Ausdruck von

*Unvermögen* dazu sein.)

Die überwältigenden Künstler, welche einen *Konsonanzton* aus jedem

Konflikte erklingen lassen, sind die, welche ihre eigene Mächtigkeit

und Selbsterlösung noch den Dingen zugute kommen lassen: sie sprechen

ihre innerste Erfahrung in der Symbolik jedes Kunstwerkes aus, -- ihr

Schaffen ist Dankbarkeit für ihr Sein.

Die *Tiefe des tragischen Künstlers* liegt darin, daß sein ästhetischer

Instinkt die ferneren Folgen übersieht, daß er nicht kurzsichtig beim

Nächsten stehen bleibt, daß er die *Ökonomie im großen* bejaht, welche

das *Furchtbare*, *Böse*, *Fragwürdige* rechtfertigt, und nicht nur --

rechtfertigt.

509.

Wenn meine Leser darüber zur Genüge eingeweiht sind, daß auch „der

Gute“ im großen Gesamtschauspiel des Lebens eine Form der *Erschöpfung*

darstellt: so werden sie der Konsequenz des Christentums die Ehre

geben, welche den Guten als den *Häßlichen* konzipierte. Das

Christentum hatte damit recht.

An einem Philosophen ist es eine Nichtswürdigkeit, zu sagen, „das Gute

und das Schöne sind eins“; fügt er gar noch hinzu, „auch das Wahre“, so

soll man ihn prügeln. Die Wahrheit ist häßlich.

Wir haben die *Kunst*, damit wir *nicht an der Wahrheit zugrunde gehen*.

510.

*Was ist tragisch?* -- Ich habe zu wiederholten Malen den Finger

auf das große Mißverständnis des Aristoteles gelegt, als er in

zwei *deprimierenden* Affekten, im Schrecken und im Mitleiden, die

tragischen Affekte zu erkennen glaubte. Hätte er recht, so wäre die

Tragödie eine lebensgefährliche Kunst: man müßte vor ihr wie vor etwas

Gemeinschädlichem und Anrüchigem warnen. Die Kunst, sonst das große

Stimulans des Lebens, ein Rausch am Leben, ein Wille zum Leben, würde

hier, im Dienste einer Abwärtsbewegung, gleichsam als Dienerin des

Pessimismus *gesundheitsschädlich* (-- denn daß man durch Erregung

dieser Affekte sich von ihnen „purgiert“, wie Aristoteles zu glauben

scheint, ist einfach nicht wahr). Etwas, das habituell Schrecken oder

Mitleid erregt, desorganisiert, schwächt, entmutigt: -- und gesetzt,

Schopenhauer behielte recht, daß man der Tragödie die Resignation zu

entnehmen habe (das heißt eine sanfte Verzichtleistung auf Glück,

auf Hoffnung, auf Willen zum Leben), so wäre hiermit eine Kunst

konzipiert, in der die Kunst sich selbst verneint. Tragödie bedeutete

dann einen Auflösungsprozeß: der Instinkt des Lebens sich im Instinkt

der Kunst selbst zerstörend. Christentum, Nihilismus, tragische Kunst,

physiologische ~décadence~: das hielte sich an den Händen, das käme zur

selben Stunde zum Übergewicht, das triebe sich gegenseitig vorwärts --

*abwärts*.... Tragödie wäre ein Symptom des Verfalls.

Man kann diese Theorie in der kaltblütigsten Weise widerlegen: nämlich,

indem man vermöge des Dynamometers die Wirkung einer tragischen Emotion

mißt. Und man bekommt als Ergebnis, was zuletzt nur die absolute

Verlogenheit eines Systematikers verkennen kann: -- daß die Tragödie

ein *~tonicum~* ist. Wenn Schopenhauer hier nicht begreifen *wollte*,

wenn er die Gesamtdepression als tragischen Zustand ansetzt, wenn er

den Griechen (-- die zu seinem Verdruß nicht „resignierten“....) zu

verstehen gab, sie hätten sich nicht auf der Höhe der Weltanschauung

befunden: so ist das ~parti pris~, Logik des Systems, Falschmünzerei

des Systematikers: eine jener schlimmen Falschmünzereien, welche

Schopenhauern Schritt für Schritt seine ganze Psychologie verdorben

hat (: er, der das Genie, die Kunst selbst, die Moral, die heidnische

Religion, die Schönheit, die Erkenntnis und ungefähr alles

willkürlich-gewaltsam mißverstanden hat).

511.

Das Kunstwerk, wo es *ohne* Künstler erscheint, zum Beispiel als Leib,

als Organisation (preußisches Offizierkorps, Jesuitenorden). Inwiefern

der Künstler nur eine Vorstufe ist.

Die Welt als ein sich selbst gebärendes Kunstwerk -- --

512.

*Der Nihilismus der Artisten.* -- Die Natur grausam durch ihre

Heiterkeit; zynisch mit ihren Sonnenaufgängen. Wir sind feindselig

gegen *Rührungen*. Wir flüchten dorthin, wo die Natur unsre Sinne

und unsre Einbildungskraft bewegt; wo wir nichts zu lieben haben, wo

wir nicht an die moralischen Scheinbarkeiten und Delikatessen dieser

nordischen Natur erinnert werden; -- und so auch in den Künsten. Wir

ziehen vor, was nicht mehr uns an „Gut und Böse“ erinnert. Unsre

moralistische Reizbarkeit und Schmerzfähigkeit ist wie erlöst in einer

furchtbaren und glücklichen Natur, im Fatalismus der Sinne und der

Kräfte. Das Leben ohne Güte.

Die Wohltat besteht im Anblick der großartigen *Indifferenz* der Natur

gegen Gut und Böse.

Keine Gerechtigkeit in der Geschichte, keine Güte in der Natur: deshalb

geht der Pessimist, falls er Artist ist, dorthin ~in historicis~,

wo die Absenz der Gerechtigkeit selber noch mit großartiger

Naivität sich zeigt, wo gerade die *Vollkommenheit* zum Ausdruck

kommt --, und insgleichen in der *Natur* dorthin, wo der böse und

indifferente Charakter sich nicht verhehlt, wo sie den Charakter der

*Vollkommenheit* darstellt.... Der nihilistische Künstler verrät sich

im Wollen und Bevorzugen der *zynischen Geschichte, der zynischen

Natur*.

513.

Ich setze hier eine Reihe psychologischer Zustände als Zeichen vollen

und blühenden Lebens hin, welche man heute gewohnt ist, als *krankhaft*

zu beurteilen. Nun haben wir inzwischen verlernt, zwischen gesund

und krank von einem Gegensatze zu reden: es handelt sich um Grade, --

meine Behauptung in diesem Falle ist, daß, was heute „gesund“ genannt

wird, ein niedrigeres Niveau von dem darstellt, was unter günstigen

Verhältnissen gesund *wäre* --, daß wir relativ krank sind.... Der

Künstler gehört zu einer noch stärkeren Rasse. Was uns schon schädlich,

was bei uns krankhaft wäre, ist bei ihm Natur -- -- Aber man wendet

uns ein, daß gerade die *Verarmung* der Maschine die extravagante

Verständniskraft über jedwede Suggestion ermögliche: Zeugnis unsre

hysterischen Weiblein.

Die *Überfülle* an Säften und Kräften kann so gut Symptome

der partiellen Unfreiheit, von Sinneshalluzinationen, von

Suggestionsraffinements mit sich bringen wie eine Verarmung an Leben

--, der Reiz ist anders bedingt, die Wirkung bleibt sich gleich.... Vor

allem ist die *Nach*wirkung nicht dieselbe; die extreme Erschlaffung

aller morbiden Naturen nach ihren Nervenexzentrizitäten hat nichts

mit den Zuständen des Künstlers gemein: der seine guten Zeiten nicht

*abzubüßen* hat.... Er ist reich genug dazu: er kann verschwenden, ohne

arm zu werden.

Wie man heute „Genie“ als eine Form der Neurose beurteilen dürfte,

so vielleicht auch die künstlerische Suggestivkraft, -- und unsre

*Artisten* sind in der Tat den hysterischen Weiblein nur zu verwandt!!!

Das aber spricht gegen „heute“, und nicht gegen die „Künstler“.

Die unkünstlerischen Zustände: die der *Objektivität*, der Spiegelung,

des ausgehängten Willens.... (das skandalöse Mißverständnis

*Schopenhauers*, der die Kunst als Brücke zur Verneinung des Lebens

nimmt).... Die unkünstlerischen Zustände: der Verarmenden, Abziehenden,

Abblassenden, unter deren Blick das Leben leidet: -- der Christ.

514.

Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens · 第 22 / 29 段