Man soll den Begriff „Strafe“ reduzieren auf den Begriff: Niederwerfung

eines Aufstandes, Sicherheitsmaßregel gegen den Niedergeworfenen (ganze

oder halbe Gefangenschaft). Aber man soll nicht *Verachtung* durch

die Strafe ausdrücken: ein Verbrecher ist jedenfalls ein Mensch, der

sein Leben, seine Ehre, seine Freiheit riskiert, -- ein Mann des Muts.

Man soll insgleichen die Strafe nicht als Buße nehmen; oder als eine

Abzahlung, wie als ob es ein Tauschverhältnis gebe zwischen Schuld und

Strafe, -- die Strafe reinigt nicht, *denn* das Verbrechen beschmutzt

nicht.

Man soll dem Verbrecher die Möglichkeit nicht abschließen, seinen

Frieden mit der Gesellschaft zu machen: gesetzt, daß er nicht zur

*Rasse des Verbrechertums* gehört. In letzterem Falle soll man ihm

den Krieg machen, noch bevor er etwas Feindseliges getan hat (erste

Operation, sobald man ihn in der Gewalt hat: ihn kastrieren).

Man soll dem Verbrecher nicht seine schlechten Manieren noch den

niedrigen Stand seiner Intelligenz zum Nachteil anrechnen. Nichts ist

gewöhnlicher, als daß er sich selbst mißversteht (namentlich ist sein

revoltierter Instinkt, die Ranküne des ~déclassé~ oft nicht sich zum

Bewußtsein gelangt, ~faute de lecture~), daß er unter dem Eindruck

der Furcht, des Mißerfolgs seine Tat verleumdet und verunehrt: von

jenen Fällen noch ganz abgesehen, wo, psychologisch nachgerechnet, der

Verbrecher einem unverstandnen Triebe nachgibt und seiner Tat durch

eine Nebenhandlung ein falsches Motiv unterschiebt (etwa durch eine

Beraubung, während es ihm am Blute lag).

Man soll sich hüten, den Wert eines Menschen nach einer einzelnen

Tat zu behandeln. Davor hat Napoleon gewarnt. Namentlich sind die

Hautrelieftaten ganz besonders insignifikant. Wenn unsereiner kein

Verbrechen, zum Beispiel keinen Mord, auf dem Gewissen hat -- woran

liegt es? Daß uns ein paar begünstigende Umstände dafür gefehlt haben.

Und täten wir es, was wäre damit an unserm Werte bezeichnet? An sich

würde man uns verachten, wenn man uns nicht die Kraft zutraute,

unter Umständen einen Menschen zu töten. Fast in allen Verbrechen

drücken sich zugleich Eigenschaften aus, welche an einem Manne nicht

fehlen sollen. Nicht mit Unrecht hat Dostoiewsky von den Insassen

jener sibirischen Zuchthäuser gesagt, sie bildeten den stärksten und

wertvollsten Bestandteil des russischen Volkes. Wenn bei uns der

Verbrecher eine schlecht ernährte und verkümmerte Pflanze ist, so

gereicht dies unseren gesellschaftlichen Verhältnissen zur Unehre; in

der Zeit der Renaissance gedieh der Verbrecher und erwarb sich seine

eigne Art von Tugend, -- Tugend im Renaissancestile freilich, ~virtù~,

moralinfreie Tugend.

Man vermag nur solche Menschen in die Höhe zu bringen, die man nicht

mit Verachtung behandelt; die moralische Verachtung ist eine größere

Entwürdigung und Schädigung als irgendein Verbrechen.

471.

Das Beschimpfende ist erst so in die Strafe gekommen, daß gewisse Bußen

an verächtliche Menschen (Sklaven zum Beispiel) geknüpft wurden. Die,

welche am meisten bestraft wurden, waren verächtliche Menschen, und

schließlich lag im Strafen etwas Beschimpfendes.

472.

Im alten Strafrecht war ein *religiöser* Begriff mächtig: der der

sühnenden Kraft der Strafe. Die Strafe reinigt: in der modernen

Welt befleckt sie. Die Strafe ist eine Abzahlung: man ist wirklich

das *los*, für was man so viel hat leiden *wollen*. Gesetzt, daß

an diese Kraft der Strafe geglaubt wird, so gibt es hinterdrein

eine *Erleichterung* und ein *Aufatmen*, das wirklich einer neuen

Gesundheit, einer Wiederherstellung nahekommt. Man hat nicht nur seinen

Frieden wieder mit der Gesellschaft gemacht, man ist vor sich selbst

auch wieder achtungswürdig geworden, -- „rein“.... Heute isoliert

die Strafe noch mehr als das Vergehen; das *Verhängnis* hinter einem

Vergehen ist dergestalt gewachsen, daß es unheilbar geworden ist. Man

kommt als Feind der Gesellschaft aus der Strafe heraus.... Von jetzt ab

gibt es einen Feind mehr.

Das ~jus talionis~ *kann* diktiert sein durch den Geist der Vergeltung

(das heißt durch eine Art Mäßigung des Racheinstinktes); aber bei

*Manu* zum Beispiel ist es das Bedürfnis, ein Äquivalent zu haben, um

zu *sühnen*, um religiös wieder „frei“ zu sein.

473.

Mein leidlich radikales Fragezeichen bei allen neueren

Strafgesetzgebungen ist dieses: daß die Strafen proportional wehe tun

sollen gemäß der Größe des Verbrechens -- und so wollt ihr's ja

alle im Grunde! -- nun, so müßten sie jedem Verbrecher proportional

seiner Empfindlichkeit für Schmerz zugemessen werden: -- das heißt,

es dürfte eine *vorherige* Bestimmung der Strafe für ein Vergehen, es

dürfte einen Strafkodex *gar nicht geben*? Aber in Anbetracht, daß es

nicht leicht gelingen möchte, bei einem Verbrecher die Gradskala seiner

Lust und Unlust festzustellen, so würde man ~in praxi~ wohl auf das

Strafen verzichten müssen? Welche Einbuße! Nicht wahr? Folglich -- --

474.

Ja die Philosophie des Rechts! Das ist eine Wissenschaft, welche, wie

alle moralische Wissenschaft, noch nicht einmal in der Windel liegt!

Man verkennt zum Beispiel immer noch, auch unter frei sich dünkenden

Juristen, die älteste und wertvollste *Bedeutung* der Strafe -- man

kennt sie gar nicht: und solange die Rechtswissenschaft sich nicht

auf einen neuen Boden stellt, nämlich auf die Historien- und die

Völkervergleichung, wird es bei dem unnützen Kampfe von grundfalschen

Abstraktionen verbleiben, welche heute sich als „Philosophie des

Rechtes“ vorstellen, und die sämtlich vom gegenwärtigen Menschen

abgezogen sind. Dieser gegenwärtige Mensch ist aber ein so verwickeltes

Geflecht, auch in bezug auf seine rechtlichen Wertschätzungen, daß er

die verschiedensten *Ausdeutungen* erlaubt.

475.

Ein alter Chinese sagte, er habe gehört, wenn Reiche zugrunde gehen

sollen, so hätten sie viele Gesetze.

476.

„Lohn und Strafe“. -- Das lebt miteinander, das verfällt miteinander.

Heute will man nicht belohnt sein, man will niemanden *anerkennen*, der

straft.... Man hat den Kriegsfuß hergestellt: man *will* etwas, man hat

Gegner dabei, man erreicht es vielleicht am vernünftigsten, *wenn man

sich verträgt*, -- wenn man einen *Vertrag* macht.

Eine moderne Gesellschaft, bei der jeder Einzelne seinen „Vertrag“

gemacht hat: -- der Verbrecher ist ein *Vertragsbrüchiger*.... Das

wäre ein klarer Begriff. Aber dann könnte man nicht Anarchisten und

*prinzipielle* Gegner einer Gesellschaftsform innerhalb derselben

dulden....

477.

Die *Gegenseitigkeit*, die Hinterabsicht auf Bezahltwerden-wollen:

eine der verfänglichsten Formen der Werterniedrigung des Menschen. Sie

bringt jene „Gleichheit“ mit sich, welche die Kluft der Distanz als

*unmoralisch* abwertet....

478.

Die Zeiten, wo man mit *Lohn* und *Strafe* den Menschen *lenkt*, haben

eine niedere, noch primitive Art Mensch im Auge: das ist wie bei

*Kindern*....

Inmitten unsrer späten Kultur ist die Fatalität und die Degenereszenz

etwas, das vollkommen den Sinn von Lohn und Strafe *aufhebt*....

Es setzt junge, starke, kräftige Rassen voraus, dieses wirkliche

*Bestimmen* der Handlung durch Lohn- und Strafaussicht. In alten Rassen

sind die Impulse so *unwiderstehlich*, daß eine bloße Vorstellung

ganz ohnmächtig ist; -- nicht Widerstand leisten können, wo ein Reiz

gegeben ist, sondern ihm folgen *müssen*: diese extreme Irritabilität

der ~décadents~ macht solche Straf- und *Besserungs*systeme vollkommen

sinnlos.

Der Begriff „Besserung“ ruht auf der Voraussetzung eines normalen und

starken Menschen, dessen Einzelhandlung irgendwie wieder *ausgeglichen*

werden soll, um ihn *nicht* für die Gemeinde zu *verlieren*, um ihn

nicht als *Feind* zu haben.

2. Der Staat.

479.

Grundsatz: nur Einzelne fühlen sich *verantwortlich*. Die Vielheiten

sind erfunden, um Dinge zu tun, zu denen der Einzelne nicht den Mut

hat. Eben deshalb sind alle Gemeinwesen, Gesellschaften hundertmal

*aufrichtiger* und *belehrender* über das Wesen des Menschen als das

Individuum, welches zu schwach ist, um den Mut zu seinen Begierden zu

haben....

Der ganze „Altruismus“ ergibt sich als *Privatmannklugheit*: die

Gesellschaften sind nicht „altruistisch“ gegen einander.... Das Gebot

der Nächstenliebe ist noch niemals zu einem Gebot der Nachbarliebe

erweitert worden. Vielmehr gilt da noch, was bei Manu steht: „Alle

uns angrenzenden Reiche, ebenso deren Verbündete, müssen wir als uns

feindlich denken. Aus demselben Grunde hinwiederum müssen uns *deren*

Nachbarn als uns freundlich gesinnt gelten.“

Das Studium der Gesellschaft ist deshalb so unschätzbar, weil der

Mensch als Gesellschaft viel *naiver* ist als der Mensch als „Einheit“.

Die „Gesellschaft“ hat die *Tugend* nie anders gesehen, denn als Mittel

der Stärke, der Macht, der Ordnung.

Wie einfältig und würdig sagt es Manu: „Aus eigner Kraft würde die

Tugend sich schwerlich behaupten können. Im Grunde ist es nur die

Furcht vor Strafe, was die Menschen in Schranken hält und jeden im

ruhigen Besitz des Seinen läßt.“

480.

Ihr habt alle nicht den Mut, einen Menschen zu töten oder auch nur zu

peitschen oder auch nur zu --, aber die ungeheure Maschine von *Staat*

überwältigt den Einzelnen, so daß er die Verantwortlichkeit für das,

was er tut, ablehnt (Gehorsam, Eid usw.).

-- Alles, was ein Mensch im Dienste des Staates *tut*, geht wider seine

Natur.

-- insgleichen alles, was er in Hinsicht auf den zukünftigen Dienst im

Staate *lernt*, geht wider seine Natur.

Das wird erreicht durch die *Arbeitsteilung* (so daß niemand die ganze

Verantwortlichkeit mehr hat):

der Gesetzgeber -- und der, der das Gesetz ausführt;

der Disziplinlehrer -- und die, welche in der Disziplin hart und streng

geworden sind.

481.

Der *Staat* oder die organisierte *Unmoralität*, -- *inwendig*: als

Polizei, Strafrecht, Stände, Handel, Familie; *auswendig*: als Wille

zur Macht, zum Kriege, zur Eroberung, zur Rache.

Wie wird es erreicht, daß er eine *große Menge* Dinge tut, zu

denen der *Einzelne* sich nie verstehen würde? -- Durch Zerteilung

der Verantwortlichkeit, des Befehlens und der Ausführung. Durch

*Zwischenlegung* der Tugenden des Gehorsams, der Pflicht, der

Vaterlands- und Fürstenliebe. Durch Aufrechterhaltung des Stolzes, der

Strenge, der Stärke, des Hasses, der Rache, -- kurz aller typischen

Züge, welche dem Herdentypus *widersprechen*.

482.

Versuch meinerseits, die *absolute Vernünftigkeit* des

gesellschaftlichen Urteilens und Wertschätzens zu begreifen (natürlich

frei von dem Willen, dabei moralische Resultate herauszurechnen).

: den Grad von *psychologischer Falschheit* und Undurchsichtigkeit,

um die zur Erhaltung und Machtsteigerung wesentlichen Affekte zu

*heiligen* (um sich für sie das *gute Gewissen* zu schaffen).

: den Grad von *Dummheit*, damit eine gemeinsame Regulierung

und Wertung möglich bleibt (dazu Erziehung, Überwachung der

Bildungselemente, Dressur).

: den Grad von *Inquisition, Mißtrauen und Unduldsamkeit*, um die

Ausnahmen als Verbrecher zu behandeln und zu unterdrücken, -- um ihnen

selbst das schlechte Gewissen zu geben, so daß diese innerlich an ihrer

Ausnahmehaftigkeit krank sind.

483.

Damit etwas bestehen soll, das länger ist als ein Einzelner, damit also

ein *Werk* bestehen bleibt, das vielleicht ein Einzelner geschaffen

hat: dazu muß dem Einzelnen alle mögliche Art von Beschränkung, von

Einseitigkeit usw. auferlegt werden. Mit welchem Mittel? Die Liebe,

Verehrung, Dankbarkeit gegen die Person, die das Werk schuf, ist eine

Erleichterung: oder daß unsere Vorfahren es erkämpft haben: oder daß

meine Nachkommen nur so garantiert sind, wenn ich jenes *Werk* (zum

Beispiel die πόλις) garantiere. *Moral* ist wesentlich das Mittel,

über die Einzelnen hinweg, oder vielmehr durch eine *Versklavung*

der Einzelnen etwas zur Dauer zu bringen. Es versteht sich, daß die

Perspektive von unten nach oben ganz andere Ausdrücke geben wird als

die von oben nach unten.

Ein Machtkomplex: wie wird er *erhalten*? Dadurch, daß viele

Geschlechter sich ihm opfern.

484.

Das *Kontinuum*: „Ehe, Eigentum, Sprache, Tradition, Stamm, Familie,

Volk, Staat“ sind Kontinuen niederer und höherer Ordnung. Die

Ökonomik derselben besteht in dem *Überschusse* der *Vorteile* der

ununterbrochenen Arbeit, sowie der Vervielfachung über die *Nachteile*:

die größeren Kosten der Auswechslung der Teile oder der Dauerbarmachung

derselben. (Vervielfältigung der wirkenden Teile, welche doch vielfach

unbeschäftigt bleiben, also größere Anschaffungskosten und nicht

unbedeutende Kosten der Erhaltung.) Der Vorteil besteht darin, daß die

Unterbrechungen vermieden und die aus ihnen entspringenden Verluste

gespart werden. *Nichts ist kostspieliger als ein Anfang.*

„Je größer die Daseinsvorteile, desto größer auch die Erhaltungs- und

Schaffungskosten (Nahrung und Fortpflanzung); desto größer auch die

Gefahren und die Wahrscheinlichkeit, vor der erreichten Höhe zugrunde

zu gehen.“

485.

Kritik der „Gerechtigkeit“ und „Gleichheit vor dem Gesetz“: was

eigentlich damit *weggeschafft* werden soll? Die Spannung, die

Feindschaft, der Haß. -- Aber ein Irrtum ist es, daß dergestalt „*das

Glück*“ *gemehrt* wird: die Korsen zum Beispiel genießen mehr Glück als

die Kontinentalen.

486.

Die verfaulten herrschenden Stände haben das Bild des Herrschenden

verdorben. Der „Staat“, als Gericht übend, ist eine Feigheit, weil der

*große Mensch* fehlt, an dem gemessen werden kann. Zuletzt wird die

Unsicherheit so groß, daß die Menschen vor *jeder* Willenskraft, die

befiehlt, in den Staub fallen.

487.

Man hat kein Recht, weder auf Dasein, noch auf Arbeit, noch gar auf

„Glück“: es steht mit dem einzelnen Menschen nicht anders als mit dem

niedrigsten Wurm.

488.

„*Die Erlösung von aller Schuld*.“

Man spricht von der „tiefen Ungerechtigkeit“ des sozialen Pakts:

wie als ob die Tatsache, daß dieser unter günstigen, jener

unter ungünstigen Verhältnissen geboren wird, von vornherein

eine Ungerechtigkeit sei; oder gar schon, daß dieser mit diesen

Eigenschaften, jener mit jenen geboren wird. Von seiten der

Aufrichtigsten unter diesen Gegnern der Gesellschaft wird dekretiert:

„Wir selber sind mit allen unseren schlechten, krankhaften,

verbrecherischen Eigenschaften, die wir eingestehen, nur die

unvermeidlichen *Folgen* einer sekulären Unterdrückung der Schwachen

durch die Starken“; sie schieben ihren Charakter den herrschenden

Ständen ins Gewissen. Und man droht, man zürnt, man verflucht; man wird

tugendhaft vor Entrüstung --, man will nicht umsonst ein schlechter

Mensch, eine Kanaille geworden sein.

Diese Attitüde, eine Erfindung unsrer letzten Jahrzehnte, heißt sich,

soviel ich höre, auch Pessimismus, und zwar Entrüstungspessimismus.

Hier wird der Anspruch gemacht, die Geschichte zu richten, sie

ihrer Fatalität zu entkleiden, eine Verantwortlichkeit hinter ihr,

*Schuldige* in ihr zu finden. Denn darum handelt es sich: man braucht

Schuldige. Die Schlechtweggekommenen, die ~décadents~ jeder Art, sind

in Revolte über sich und brauchen Opfer, um nicht an sich selbst ihren

Vernichtungsdurst zu löschen (-- was an sich vielleicht die Vernunft

für sich hätte). Dazu haben sie einen Schein von Recht nötig, das

heißt eine Theorie, auf welche hin sie die Tatsache ihrer Existenz,

ihres So-und-so-seins auf irgendeinen Sündenbock *abwälzen* können.

Dieser Sündenbock kann Gott sein -- es fehlt in Rußland nicht an

solchen Atheisten aus Ressentiment --, oder die gesellschaftliche

Ordnung, oder die Erziehung und der Unterricht, oder die Juden, oder

die Vornehmen, oder überhaupt *Gutweggekommene* irgendwelcher Art. „Es

ist ein Verbrechen, unter günstigen Bedingungen geboren zu werden:

denn damit hat man die andern enterbt, beiseite gedrückt, zum Laster,

selbst zur *Arbeit* verdammt.... Was kann ich dafür, miserabel zu

sein! Aber irgendwer muß etwas dafür können, *sonst wäre es nicht

auszuhalten*!“.... Kurz, der Entrüstungspessimismus *erfindet*

Verantwortlichkeiten, um sich ein *angenehmes* Gefühl zu schaffen --

Rache.... „Süßer als Honig“ nennt sie schon der alte Homer. --

Daß eine solche Theorie nicht mehr Verständnis, will sagen Verachtung,

findet, das macht das Stück *Christentum*, das uns allen noch im

Blute steckt: so daß wir tolerant gegen Dinge sind, bloß weil sie von

fern etwas christlich riechen.... Die Sozialisten appellieren an die

christlichen Instinkte; das ist noch ihre feinste Klugheit.... Vom

Christentum her sind wir an den abergläubischen Begriff der „Seele“

gewöhnt, an die „unsterbliche Seele“, an die Seelen-Monade, die

eigentlich ganz wo anders zu Hause ist und nur zufällig in diese oder

jene Umstände, ins „Irdische“ gleichsam hineingefallen ist, „Fleisch“

geworden ist: doch ohne daß ihr Wesen dadurch berührt, geschweige

denn *bedingt* wäre. Die gesellschaftlichen, verwandtschaftlichen,

historischen Verhältnisse sind für die Seele nur Gelegenheiten,

Verlegenheiten vielleicht; jedenfalls ist sie nicht deren *Werk*. Mit

dieser Vorstellung ist das Individuum transzendent gemacht; es darf auf

sie hin sich eine unsinnige Wichtigkeit beilegen.

In der Tat hat erst das Christentum das Individuum herausgefordert,

sich zum Richter über alles und jedes aufzuwerfen; der Größenwahn ist

ihm beinahe zur Pflicht gemacht: es hat ja *ewige* Rechte gegen alles

Zeitliche und Bedingte geltend zu machen! Was Staat! Was Gesellschaft!

Was historische Gesetze! Was Physiologie! Hier redet ein Jenseits

des Werdens, ein Unwandelbares in aller Historie, hier redet etwas

Unsterbliches, etwas Göttliches: eine *Seele*!

Ein anderer christlicher, nicht weniger verrückter Begriff hat sich

noch weit tiefer ins Fleisch der Modernität vererbt: der Begriff von

der „*Gleichheit der Seelen vor Gott*“. In ihm ist das Prototyp aller

Theorien der *gleichen Rechte* gegeben: man hat die Menschheit den Satz

von der Gleichheit erst religiös stammeln gelehrt, man hat ihr später

eine Moral daraus gemacht: was Wunder, daß der Mensch damit endet, ihn

ernst zu nehmen, ihn *praktisch* zu nehmen! -- will sagen politisch,

demokratisch, sozialistisch, entrüstungspessimistisch.

Überall, wo Verantwortlichkeiten gesucht worden sind, ist es der

*Instinkt der Rache* gewesen, der da suchte. Dieser Instinkt der Rache

wurde in Jahrtausenden dermaßen über die Menschheit Herr, daß die ganze

Metaphysik, Psychologie, Geschichtsvorstellung, vor allem aber die

*Moral* mit ihm abgezeichnet ist. Soweit auch nur der Mensch gedacht

hat, so weit hat er den Bazillus der Rache in die Dinge geschleppt. Er

hat Gott selbst damit krank gemacht, er hat *das Dasein* überhaupt *um

seine Unschuld gebracht*: nämlich dadurch, daß er jedes So-und-so-sein

auf Willen, auf Absichten, auf Akte der Verantwortlichkeit

zurückführte. Die ganze Lehre vom Willen, diese verhängnisvollste

*Fälschung* in der bisherigen Psychologie, wurde wesentlich erfunden

zum Zweck der Strafe. Es war die gesellschaftliche *Nützlichkeit* der

Strafe, die diesem Begriff seine Würde, seine Macht, seine Wahrheit

verbürgte. Die Urheber jener Psychologie -- der Willenspsychologie

-- hat man in den Ständen zu suchen, welche das Strafrecht in den

Händen hatten, voran in dem der Priester an der Spitze der ältesten

Gemeinwesen: diese wollten sich ein Recht schaffen, Rache zu nehmen,

-- sie wollten *Gott* ein Recht zur Rache schaffen. Zu diesem Zwecke

wurde der Mensch „frei“ gedacht; zu diesem Zwecke mußte jede Handlung

als gewollt, mußte der Ursprung jeder Handlung als im Bewußtsein

liegend gedacht werden. Aber mit diesen Sätzen ist die alte Psychologie

widerlegt.

Heute, wo Europa in die umgekehrte Bewegung eingetreten scheint, wo wir

Halkyonier zumal mit aller Kraft den *Schuldbegriff* und *Strafbegriff*

aus der Welt wieder zurückzuziehen, herauszunehmen, auszulöschen

suchen, wo unser größter Ernst darauf aus ist, die Psychologie,

die Moral, die Geschichte, die Natur, die gesellschaftlichen

Institutionen und Sanktionen, Gott selbst von diesem Schmutz zu

reinigen, -- in wem müssen wir unsere natürlichsten Antagonisten sehen?

Eben in jenen Aposteln der Rache und des Ressentiments, in jenen

Entrüstungspessimisten ~par excellence~, welche eine Mission daraus

machen, ihren Schmutz unter dem Namen „Entrüstung“ zu heiligen.... Wir

andern, die wir dem Werden seine Unschuld zurückzugewinnen wünschen,

möchten die Missionare eines reinlicheren Gedankens sein: daß niemand

dem Menschen seine Eigenschaften gegeben hat, weder Gott, noch die

Gesellschaft, noch seine Eltern und Vorfahren, noch er selbst, --

daß niemand *schuld* an ihm ist.... Es fehlt ein Wesen, das dafür

verantwortlich gemacht werden könnte, daß jemand überhaupt da ist, daß

jemand so und so ist, daß jemand unter diesen Umständen, in dieser

Umgebung geboren ist. -- *Es ist ein großes Labsal, daß solch ein Wesen

fehlt*.... Wir sind *nicht* das Resultat einer ewigen Absicht, eines

Willens, eines Wunsches: mit uns wird *nicht* der Versuch gemacht, ein

„Ideal von Vollkommenheit“ oder ein „Ideal von Glück“ oder ein „Ideal

von Tugend“ zu erreichen, -- wir sind ebensowenig der Fehlgriff Gottes,

vor dem ihm selber angst werden müßte (mit welchem Gedanken bekanntlich

das Alte Testament beginnt). Es fehlt jeder Ort, jeder Zweck, jeder

Sinn, wohin wir unser Sein, unser So-und-so-sein abwälzen könnten. Vor

allem: niemand *könnte* es: man *kann* das Ganze nicht richten, messen,

vergleichen oder gar verneinen! Warum nicht? -- Aus fünf Gründen,

allesamt selbst bescheidenen Intelligenzen zugänglich: zum Beispiel,

*weil es nichts gibt außer dem Ganzen*.... Und nochmals gesagt, das ist

ein großes Labsal, darin liegt die Unschuld alles Daseins.

489.

Wie mir die Sozialisten lächerlich sind mit ihrem albernen Optimismus

vom „guten Menschen“, der hinter dem Busche wartet, wenn man nur erst

die bisherige „Ordnung“ abgeschafft hat und alle „natürlichen Triebe“

losläßt.

Und die Gegenpartei ist ebenso lächerlich, weil sie die Gewalttat in

dem Gesetz, die Härte und den Egoismus in jeder Art Autorität nicht

zugesteht. „‚Ich und meine Art‘ will herrschen und übrigbleiben: wer

entartet, wird ausgestoßen oder vernichtet“ -- ist Grundgefühl jeder

alten Gesetzgebung.

Man haßt die Vorstellung einer *höheren Art* Menschen mehr als die

Monarchen. Antiaristokratisch: das nimmt den Monarchenhaß nur als Maske

--

490.

Ich bin abgeneigt 1. dem Sozialismus, weil er ganz naiv vom „Guten,

Wahren, Schönen“ und von „gleichen Rechten“ träumt (-- auch der

Anarchismus will, nur auf brutalere Weise, das gleiche Ideal);

2. dem Parlamentarismus und Zeitungswesen, weil das die Mittel sind,

wodurch das Herdentier sich zum Herrn macht.

491.

Die europäische Demokratie ist zum kleinsten Teil eine Entfesselung

von Kräften. Vor allem ist sie eine Entfesselung von Faulheiten, von

Müdigkeiten, von *Schwächen*.

492.

„Der Wille zur Macht“ wird in demokratischen Zeitaltern dermaßen

gehaßt, daß deren ganze Psychologie auf seine Verkleinerung und

Verleumdung gerichtet scheint. Der Typus des großen Ehrgeizigen: das

soll Napoleon sein! Und Cäsar! Und Alexander! -- Als ob das nicht

gerade die größten *Verächter* der Ehre wären!....

Und Helvétius entwickelt uns, daß man nach Macht strebt, um die Genüsse

zu haben, welche dem Mächtigen zu Gebote stehen: -- er versteht dieses

Streben nach Macht als Willen zum Genuß! als Hedonismus!

493.

Der moderne Sozialismus will die weltliche Nebenform des Jesuitismus

schaffen: *Jeder* absolutes Werkzeug. Aber der Zweck, das Wozu? ist

nicht aufgefunden bisher.

494.

Je nachdem ein Volk fühlt: „bei den Wenigen ist das Recht, die

Einsicht, die Gabe der Führung usw.“ oder „bei den Vielen“ -- gibt es

ein *oligarchisches* Regiment oder ein *demokratisches*.

Das *Königtum* repräsentiert den Glauben an einen ganz Überlegenen,

einen Führer, Retter, Halbgott.

Die *Aristokratie* repräsentiert den Glauben an eine Elite-Menschheit

und höhere Kaste.

Die *Demokratie* repräsentiert den *Unglauben* an große Menschen und

an Elite-Gesellschaft: „Jeder ist jedem gleich“. „Im Grunde sind wir

allesamt eigennütziges Vieh und Pöbel.“

495.

*Aus der Zukunft des Arbeiters.* -- Arbeiter sollten wie *Soldaten*

empfinden lernen. Ein Honorar, ein Gehalt, aber keine Bezahlung!

Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens · 第 21 / 29 段