weiß so wenig von Physiologie des menschlichen Leibes und von den
mechanischen Gesetzen seiner Bewegung als ein Mann aus dem Volke, was
gibt es eigentlich Vageres, Blasseres, Ungewisseres als diese Absicht
im Vergleich zu dem, was darauf geschieht? Und gesetzt, ich sei der
scharfsinnigste Mechaniker und speziell über die Formeln unterrichtet,
die hierbei angewendet werden, so würde ich um keinen Deut besser oder
schlechter meinen Arm ausstrecken. Unser „Wissen“ und unser „Tun“
in diesem Falle liegen kalt auseinander: als in zwei verschiedenen
Reichen. -- Andererseits: Napoleon führt den Plan eines Feldzuges durch
-- was heißt das? Hier ist alles *gewußt*, was zur Durchführung des
Planes gehört, weil alles befohlen werden muß: aber auch hier sind
Untergebene vorausgesetzt, welche das Allgemeine auslegen, anpassen an
die Not des Augenblicks, Maß der Kraft usw.
448.
Die Wissenschaft fragt *nicht*, was uns zum Wollen trieb: sie *leugnet*
vielmehr, daß *gewollt* worden ist, und meint, daß etwas ganz anderes
geschehen sei -- kurz, daß der Glaube an „Wille“ und „Zweck“ eine
Illusion sei. Sie fragt nicht nach den *Motiven* der Handlung, als ob
diese uns vor der Handlung im Bewußtsein gewesen wären: sondern sie
zerlegt erst die Handlung in eine mechanische Gruppe von Erscheinungen
und sucht die Vorgeschichte dieser mechanischen Bewegung -- aber nicht
im Fühlen, Empfinden, Denken. *Daher* kann sie nie die Erklärung geben:
die Empfindung ist ja eben ihr Material, *das erklärt werden soll*. --
Ihr Problem ist eben: die Welt zu erklären, *ohne* zu Empfindungen als
Ursache zu greifen: denn das hieße ja: *als Ursache* der Empfindungen
die *Empfindungen* ansehen. Ihre Aufgabe ist schlechterdings nicht
gelöst.
Also: entweder *kein* Wille -- die Hypothese der Wissenschaft --, oder
*freier* Wille. Letztere Annahme das herrschende Gefühl, von dem wir
uns nicht losmachen können, auch wenn die Hypothese *bewiesen* wäre.
Der populäre Glaube an Ursache und Wirkung ist auf die Voraussetzung
gebaut, daß der freie Wille *Ursache sei von jeder Wirkung*: erst daher
haben wir das Gefühl der Kausalität. Also darin liegt auch das Gefühl,
daß jede Ursache nicht Wirkung ist, sondern immer erst Ursache -- wenn
der Wille die Ursache ist. „Unsre Willensakte sind *nicht notwendig*“
-- das *liegt* im Begriff „*Wille*“. Notwendig ist die Wirkung nach
der Ursache -- so fühlen wir. Es ist eine *Hypothese*, daß auch unser
Wollen in jedem Falle ein Müssen sei.
449.
Unfreiheit oder Freiheit des Willens? -- Es gibt *keinen* „*Willen*“:
das ist nur eine vereinfachende Konzeption des Verstandes, wie
„Materie“.
*Alle Handlungen müssen erst mechanisch als möglich vorbereitet sein,
bevor sie gewollt werden.* Oder: der „Zweck“ tritt im Gehirn *zumeist*
erst auf, wenn alles vorbereitet ist zu seiner Ausführung. Der Zweck
ein „innerer“ „Reiz“ -- nicht *mehr*.
450.
Wir haben von alters her den Wert einer Handlung, eines Charakters,
eines Daseins in die *Absicht* gelegt, in den Zweck, um dessentwillen
getan, gehandelt, gelebt worden ist: diese uralte Idiosynkrasie des
Geschmacks nimmt endlich eine gefährliche Wendung, -- gesetzt nämlich,
daß die Absichts- und Zwecklosigkeit des Geschehens immer mehr in
den Vordergrund des Bewußtseins tritt. Damit scheint eine allgemeine
Entwertung sich vorzubereiten: „Alles hat keinen Sinn“, -- diese
melancholische Sentenz heißt „aller Sinn liegt in der Absicht, und
gesetzt, daß die Absicht ganz und gar fehlt, so fehlt auch ganz und
gar der Sinn“. Man war jener Schätzung gemäß genötigt gewesen, den
Wert des Lebens in ein „Leben nach dem Tode“ zu verlegen, oder in die
fortschreitende Entwicklung der Ideen oder der Menschheit oder des
Volkes oder über den Menschen weg; aber damit war man in den Zweck
-- ~progressus in infinitum~ gekommen: man hatte endlich nötig, sich
einen Platz in dem „Weltprozeß“ auszumachen (mit der dysdämonistischen
Perspektive vielleicht, daß es der Prozeß ins Nichts sei).
Dem gegenüber bedarf der „*Zweck*“ einer strengeren Kritik: man muß
einsehen, daß eine Handlung *niemals verursacht wird durch einen
Zweck*; daß Zweck und Mittel Auslegungen sind, wobei gewisse Punkte
eines Geschehens unterstrichen und herausgewählt werden, auf Unkosten
anderer, und zwar der meisten; daß jedesmal, wenn etwas auf einen Zweck
hin getan wird, etwas Grundverschiedenes und andres geschieht; daß
in bezug auf jede Zweckhandlung es so steht, wie mit der angeblichen
Zweckmäßigkeit der Hitze, welche die Sonne ausstrahlt: die übergroße
Masse ist verschwendet; ein kaum in Rechnung kommender Teil hat
„Zweck“, hat „Sinn“ --; daß ein „Zweck“ mit seinen „Mitteln“ eine
unbeschreiblich unbestimmte Zeichnung ist, welche als Vorschrift, als
„*Wille*“ zwar kommandieren kann, aber ein System von gehorchenden und
eingeschulten Werkzeugen voraussetzt, welche an Stelle des Unbestimmten
lauter feste Größen setzen (das heißt, wir imaginieren ein System von
zweck- und mittelsetzenden *klügeren*, aber engeren Intellekten, um
unserm einzig bekannten „Zweck“ die Rolle der „Ursache einer Handlung“
zumessen zu können, wozu wir eigentlich kein Recht haben: es hieße,
um ein Problem zu lösen, die Lösung des Problems in eine unserer
Beobachtung unzugängliche Welt hineinstellen --).
Zuletzt: warum könnte nicht „ein Zweck“ eine *Begleiterscheinung* sein,
in der Reihe von Veränderungen wirkender Kräfte, welche die zweckmäßige
Handlung hervorrufen -- ein in das Bewußtsein vorausgeworfenes blasses
Zeichenbild, das uns zur Orientierung dient dessen, was geschieht,
als ein Symptom selbst vom Geschehen, *nicht* als dessen Ursache? --
Aber damit haben wir den *Willen selbst* kritisiert: ist es nicht
eine Illusion, das, was im Bewußtsein als Willensakt auftaucht, als
Ursache zu nehmen? Sind nicht alle Bewußtseinserscheinungen nur
Enderscheinungen, letzte Glieder einer Kette, aber scheinbar in ihrem
Hintereinander innerhalb einer Bewußtseinsfläche sich bedingend? Dies
könnte eine Illusion sein. --
451.
Die nächste Vorgeschichte einer Handlung bezieht sich auf diese: aber
*weiter zurück* liegt eine Vorgeschichte, die *weiter hinaus* deutet:
die einzelne Handlung ist zugleich ein Glied einer viel umfänglicheren
*späteren* Tatsache. Die *kürzeren* und die *längeren* Prozesse sind
nicht getrennt --
452.
Theorie des *Zufalls*. Die Seele ein auslesendes und sich nährendes
Wesen äußerst klug und schöpferisch *fortwährend* (diese *schaffende*
Kraft gewöhnlich übersehen! nur als „*passiv*“ begriffen).
Ich erkannte die *aktive Kraft*, das Schaffende inmitten des
Zufälligen: -- Zufall ist selber nur *das Aufeinanderstoßen der
schaffenden Impulse*.
453.
Die *überschüssige* Kraft in der *Geistigkeit*, *sich selbst* neue
Ziele stellend; durchaus nicht bloß als befehlend und führend für die
niedere Welt oder für die Erhaltung des Organismus, des „Individuums“.
Wir sind *mehr* als das Individuum: wir sind die ganze Kette noch, mit
den Aufgaben aller Zukünfte der Kette.
454.
Der bisherige Mensch -- gleichsam ein Embryo des Menschen der Zukunft;
-- *alle* gestaltenden Kräfte, die auf *diesen* hinzielen, sind in ihm:
und weil sie ungeheuer sind, so entsteht für das jetzige Individuum,
*je mehr es zukunftsbestimmend ist, Leiden*. Dies ist die tiefste
Auffassung des *Leidens*: die gestaltenden Kräfte stoßen sich. -- Die
Vereinzelung des Individuums darf nicht täuschen -- in Wahrheit fließt
etwas fort *unter* den Individuen. *Daß* es sich einzeln fühlt, ist
der *mächtigste Stachel* im Prozesse selber nach fernsten Zielen hin:
sein Suchen für *sein* Glück ist das Mittel, welches die gestaltenden
Kräfte andrerseits zusammenhält und mäßigt, daß sie sich nicht selber
zerstören.
IV. Die Gesellschaft -- ein Machtwille.
1. Der Mensch als geselliges Wesen.
455.
Das „Ich“ unterjocht und tötet: es arbeitet wie eine organische
Zelle: es raubt und ist gewalttätig. Es will sich regenerieren --
Schwangerschaft. Es will seinen Gott gebären und alle Menschheit ihm zu
Füßen sehen.
456.
Das Individuum ist etwas ganz *Neues* und *Neuschaffendes*, etwas
Absolutes, alle Handlungen ganz *sein* eigen.
Die Werte für seine Handlungen entnimmt der Einzelne zuletzt doch sich
selber: weil er auch die überlieferten Worte sich *ganz individuell
deuten* muß. Die *Auslegung* der Formel ist mindestens persönlich,
wenn er auch keine Formel schafft: als *Ausleger* ist er immer noch
schaffend.
457.
Jedes Lebendige greift so weit um sich mit seiner Kraft, als es kann
und unterwirft sich das Schwächere: so hat es seinen Genuß an sich.
Die *zunehmende „Vermenschlichung“* in dieser Tendenz besteht darin,
daß immer *feiner* empfunden wird, wie schwer der andere wirklich
*einzuverleiben* ist: wie die grobe Schädigung zwar unsre Macht über
ihn zeigt, zugleich aber seinen Willen uns noch mehr *entfremdet*, --
also ihn weniger unterwerfbar macht.
458.
Der *Individualismus* ist eine bescheidene und noch unbewußte Art
des „Willens zur Macht“; hier scheint es dem Einzelnen schon genug,
*freizukommen* von einer Übermacht der Gesellschaft (sei es des Staates
oder der Kirche). Er setzt sich *nicht als Person* in Gegensatz,
sondern bloß als Einzelner; er vertritt alle Einzelnen gegen die
Gesamtheit. Das heißt: er setzt sich instinktiv *gleich* an *mit jedem
Einzelnen*; was er erkämpft, das erkämpft er nicht sich als Person,
sondern sich als Vertreter Einzelner gegen die Gesamtheit.
Der *Sozialismus* ist bloß ein *Agitationsmittel des Individualismus*:
er begreift, daß man sich, um etwas zu erreichen, zu einer Gesamtaktion
organisieren muß, zu einer „Macht“. Aber was er will, ist nicht die
Sozietät als Zweck des Einzelnen, sondern die Sozietät als *Mittel
zur Ermöglichung vieler Einzelnen*: -- das ist der Instinkt der
Sozialisten, über den sie sich häufig betrügen (-- abgesehen, daß sie,
um sich durchzusetzen, häufig betrügen müssen). Die altruistische
Moralpredigt im Dienste des Individualegoismus: eine der gewöhnlichsten
Falschheiten des *neunzehnten* Jahrhunderts.
Der *Anarchismus* ist wiederum bloß ein *Agitationsmittel des
Sozialismus*; mit ihm erregt er Furcht, mit der Furcht beginnt er zu
faszinieren und zu terrorisieren: vor allem -- er zieht die Mutigen,
die Gewagten auf seine Seite, selbst noch im Geistigsten.
Trotz alledem: der *Individualismus* ist die *bescheidenste* Stufe des
Willens zur Macht.
* * * * *
Hat man eine gewisse Unabhängigkeit erreicht, so will man mehr: es
tritt die *Sonderung* heraus nach dem Grade der Kraft: der Einzelne
setzt sich nicht ohne weiteres mehr gleich, sondern er *sucht nach
seinesgleichen*, -- er hebt andere von sich ab. Auf den Individualismus
folgt die *Glieder-* und *Organbildung*: die verwandten Tendenzen
sich zusammenstellend und sich als Macht betätigend: zwischen diesen
Machtzentren Reibung, Krieg, Erkenntnis beiderseitiger Kräfte,
Ausgleichung, Annäherung, Festsetzung von *Austausch der Leistungen*.
Am Schluß: eine *Rangordnung*.
Rekapitulation:
1. Die Individuen machen sich frei;
2. sie treten in Kampf, sie kommen über „Gleichheit der Rechte“ überein
(-- „Gerechtigkeit“ als Ziel --);
3. ist das erreicht, so treten die tatsächlichen *Ungleichheiten der
Kraft* in eine *vergrößerte Wirkung* (weil im großen ganzen der Friede
herrscht und viele kleine Kraftquanta schon Differenzen ausmachen,
solche, die früher fast gleich null waren). Jetzt organisieren sich die
Einzelnen zu *Gruppen*; die Gruppen streben nach Vorrechten und nach
Übergewicht. Der Kampf, in milderer Form, tobt von neuem.
Man will *Freiheit*, solange man noch nicht die Macht hat. Hat man sie,
will man Übermacht; erringt man sie nicht (ist man noch zu schwach zu
ihr), will man „*Gerechtigkeit*“, das heißt *gleiche Macht*.
459.
Welcher Grad von Widerstand beständig überwunden werden muß, um
*obenauf* zu bleiben, das ist das Maß der *Freiheit*, sei es
für Einzelne, sei es für Gesellschaften: Freiheit nämlich als
positive Macht, als Wille zur Macht angesetzt. Die höchste Form
der Individualfreiheit, der Souveränität wüchse demnach mit großer
Wahrscheinlichkeit nicht fünf Schritt weit von ihrem Gegensatze auf,
dort wo die Gefahr der Sklaverei gleich hundert Damoklesschwertern über
dem Dasein hängt. Man gehe daraufhin durch die Geschichte: die Zeiten,
wo das „Individuum“ bis zu jener Vollkommenheit *reif*, das heißt
*frei* wird, wo der klassische Typus des *souveränen Menschen* erreicht
ist: o nein! das waren niemals humane Zeiten!
Man muß keine Wahl haben: entweder obenauf -- oder unten, wie ein Wurm,
verhöhnt, vernichtet, zertreten. Man muß Tyrannen gegen sich haben,
um Tyrann, das heißt *frei* zu werden. Es ist kein kleiner Vorteil,
hundert Damoklesschwerter über sich zu haben: damit lernt man tanzen,
damit kommt man zur „Freiheit der Bewegung“.
460.
Unsre neue „Freiheit“. -- Welches Freiheitsgefühl liegt darin, zu
empfinden, wie wir befreiten Geister empfinden, daß wir *nicht* in
ein System von „Zwecken“ eingespannt sind! Insgleichen, daß der
Begriff „Lohn“ und „Strafe“ nicht im Wesen des Daseins seinen Sitz
hat! Insgleichen, daß die gute und die böse Handlung nicht an sich,
sondern nur in der Perspektive der Erhaltungstendenzen gewisser
Arten von menschlichen Gemeinschaften aus gut und böse zu nennen
ist! Insgleichen, daß unsre Abrechnungen über Lust und Schmerz keine
kosmische, geschweige denn eine metaphysische Bedeutung haben! (--
jener Pessimismus, der Pessimismus des Herrn von Hartmann, der Lust und
Unlust des Daseins selbst auf die Wagschale zu setzen sich anheischig
macht, mit seiner willkürlichen Einsperrung in das vorkopernikanische
Gefängnis und Gesichtsfeld, würde etwas Rückständiges und Rückfälliges
sein, falls er nicht nur ein schlechter Witz eines Berliners ist.)
461.
Die „wachsende Autonomie des Individuums“: davon reden diese Pariser
Philosophen, wie Fouillée: sie sollten doch nur die ~race moutonnière~
ansehen, die sie selber sind!.... Macht doch die Augen auf, ihr
Herren Zukunftssoziologen! Das Individuum ist stark geworden unter
*umgekehrten* Bedingungen: ihr beschreibt die äußerste Schwächung und
Verkümmerung des Menschen, ihr *wollt* sie selbst und braucht den
ganzen Lügenapparat des alten Ideals dazu! ihr seid *derart*, daß ihr
eure Herdentierbedürfnisse wirklich als *Ideal* empfindet!
Der vollkommene Mangel an psychologischer Rechtschaffenheit!
462.
Scheinbar entgegengesetzt die zwei Züge, welche die modernen Europäer
kennzeichnen: das *Individualistische* und die *Forderung gleicher
Rechte*: das verstehe ich endlich. Nämlich, das Individuum ist eine
äußerst verwundbare Eitelkeit: -- diese fordert, bei ihrem Bewußtsein,
wie schnell sie leidet, daß jeder andere ihm gleichgestellt gelte,
daß er nur ~inter pares~ sei. Damit ist eine gesellschaftliche Rasse
charakterisiert, in welcher tatsächlich die Begabungen und Kräfte
nicht erheblich auseinandergehen. Der Stolz, welcher Einsamkeit und
wenige Schätzer will, ist ganz außer Verständnis; die ganz „großen“
Erfolge gibt es nur durch Massen, ja man begreift es kaum noch, daß ein
Massenerfolg immer eigentlich ein *kleiner* Erfolg ist: weil ~pulchrum
est paucorum hominum~.
Alle Moralen wissen nichts von „Rangordnung“ der Menschen; die
Rechtslehrer nichts vom Gemeindegewissen. Das Individualprinzip lehnt
die *ganz großen* Menschen ab und verlangt unter ungefähr gleichen das
feinste Auge und die schnellste Herauserkennung eines Talentes; und
weil jeder etwas von Talenten hat, in solchen späten und zivilisierten
Kulturen -- also erwarten kann, sein Teil Ehre zurückzubekommen --,
deshalb findet heute ein Herausstreichen der kleinen Verdienste
statt wie niemals noch: es gibt dem Zeitalter einen Anstrich von
*grenzenloser Billigkeit*. Seine Unbilligkeit besteht in einer Wut
ohne Grenzen *nicht* gegen die Tyrannen und Volksschmeichler, auch in
den Künsten, sondern gegen die *vornehmen* Menschen, welche das Lob
der Vielen verachten. Die Forderung gleicher Rechte (zum Beispiel über
alles und jeden zu Gericht sitzen zu dürfen) ist *antiaristokratisch*.
Ebenso fremd ist ihm das verschwundene Individuum, das Untertauchen
in einen großen Typus, das Nicht-Person-sein-wollen: worin die
Auszeichnung und der Eifer vieler hohen Menschen früher bestand (die
größten Dichter darunter); oder „Stadt-sein“ wie in Griechenland;
Jesuitismus, preußisches Offizierkorps und Beamtentum; oder
Schüler-sein und Fortsetzer großer Meister: wozu ungesellschaftliche
Zustände und der Mangel der *kleinen Eitelkeit* nötig ist.
463.
*Morphologie der Selbstgefühle.*
*Erster Gesichtspunkt*: inwiefern die *Mitgefühls-* und
*Gemeinschaftsgefühle* die niedrigere, die vorbereitende Stufe sind,
zur Zeit, wo das Personalselbstgefühl, die Initiative der Wertsetzung
im einzelnen noch gar nicht möglich ist.
*Zweiter Gesichtspunkt*: inwiefern die *Höhe des
Kollektivselbstgefühls*, der Stolz auf die Distanz des
Clans, das Sich-ungleich-fühlen, die Abneigung gegen
Vermittlung, Gleichberechtigung, Versöhnung eine Schule des
*Individualselbstgefühls* ist: namentlich insofern sie den Einzelnen
zwingt, den Stolz des Ganzen zu *repräsentieren*: -- er muß reden
und handeln mit einer extremen Achtung vor sich, insofern er die
Gemeinschaft in Person darstellt. Insgleichen: wenn das Individuum sich
als *Werkzeug und Sprachrohr der Gottheit* fühlt.
*Dritter Gesichtspunkt*: inwiefern diese Formen der *Entselbstung*
tatsächlich der Person eine ungeheure Wichtigkeit geben: insofern
höhere Gewalten sich ihrer bedienen: religiöse Scheu vor sich selbst
Zustand des Propheten, Dichters.
*Vierter Gesichtspunkt*: inwiefern die Verantwortlichkeit für das Ganze
dem Einzelnen einen weiten Blick, eine strenge und furchtbare Hand,
eine Besonnenheit und Kälte, eine Großartigkeit der Haltung und Gebärde
*anerzieht* und *erlaubt*, welche er nicht um seiner selbst willen sich
zugestehen würde.
~In summa~: die Kollektivselbstgefühle sind die große Vorschule der
Personal*souveränität*. Der vornehme Stand ist der, welcher die
Erbschaft dieser Übung macht.
464.
Die *maskierten* Arten des Willens zur Macht:
1. Verlangen nach *Freiheit*, Unabhängigkeit, auch nach Gleichgewicht,
Frieden, *Koordination*. Auch der Einsiedler, die „Geistesfreiheit“. In
niedrigster Form: Wille überhaupt, dazusein, „Selbsterhaltungstrieb“.
2. Die *Einordnung*, um im größeren Ganzen dessen Willen zur Macht
zu befriedigen: die *Unterwerfung*, das Sich-unentbehrlich-machen,
-nützlich-machen bei dem, der die Gewalt hat; die *Liebe*, als ein
Schleichweg zum Herzen des Mächtigeren, -- um über ihn zu herrschen.
3. Das Pflichtgefühl, das Gewissen, der imaginäre Trost, zu einem
*höheren* Rang zu gehören als die tatsächlich Gewalthabenden; die
Anerkennung einer Rangordnung, die das *Richten* erlaubt, auch über die
Mächtigeren; die Selbstverurteilung; die Erfindung *neuer Werttafeln*
(Juden: klassisches Beispiel).
465.
Zum „Macchiavellismus“ der Macht.
Der *Wille zur Macht* erscheint
a) bei den Unterdrückten, bei Sklaven jeder Art als Wille
zur „*Freiheit*“: bloß das *Loskommen* scheint das Ziel
(moralisch-religiös: „nur seinem eignen Gewissen verantwortlich“;
„evangelische Freiheit“ usw.);
b) bei einer stärkeren und zur Macht heranwachsenden Art als Wille
zur Übermacht; wenn zunächst erfolglos, dann sich einschränkend auf
den Willen zur „*Gerechtigkeit*“, das heißt zu dem *gleichen Maß von
Rechten*, wie die herrschende Art sie hat;
c) bei den Stärksten, Reichsten, Unabhängigsten, Mutigsten als „*Liebe*
zur Menschheit“, zum „Volk“, zum Evangelium, zur Wahrheit, Gott; als
Mitleid; „Selbstopferung“ usw.; als Überwältigen, Mit-sich-fortreißen,
In-seinen-Dienst-nehmen, als instinktives Sich-in-Eins-rechnen mit
einem großen Quantum Macht, dem man *Richtung zu geben vermag*: der
Held, der Prophet, der Cäsar, der Heiland, der Hirt; (-- auch die
Geschlechtsliebe gehört hierher: sie *will* die Überwältigung, das
In-Besitz-nehmen, und sie *erscheint* als Sich-hingeben. Im Grunde ist
es nur die Liebe zu seinem „Werkzeug“, zu seinem „Pferd“, -- seine
Überzeugung davon, daß ihm das und das *zugehört*, als einem, der
imstande ist, *es zu benutzen*).
„*Freiheit*“, „*Gerechtigkeit*“ und „*Liebe*“!!! --
466.
*Berichtigung des Begriffs „Egoismus“.* -- Hat man begriffen, inwiefern
„Individuum“ ein Irrtum ist, sondern jedes Einzelwesen eben der *ganze
Prozeß* in gerader Linie ist (nicht bloß „vererbt“, sondern er selbst
--), so hat das Einzelwesen eine *ungeheuer große Bedeutung*. Der
Instinkt redet darin ganz richtig. Wo dieser Instinkt *nachläßt*, --
wo das Individuum sich einen Wert erst im Dienst für andere sucht,
kann man sicher auf Ermüdung und *Entartung* schließen. Der Altruismus
der Gesinnung, gründlich und ohne Tartüfferie, ist ein Instinkt dafür,
sich wenigstens einen *zweiten* Wert zu schaffen, im Dienste *anderer*
Egoismen. Meistens aber ist er nur *scheinbar*: ein *Umweg* zur
Erhaltung des *eigenen Lebensgefühls, Wertgefühls*. --
467.
Die *Kunstgriffe*, um Handlungen, Maßregeln, Affekte zu ermöglichen,
welche, individuell gemessen, nicht mehr „statthaft“, -- auch nicht
mehr „schmackhaft“ sind:
die *Kunst* „macht sie uns schmackhaft“, die uns in solche
„entfremdete“ Welten eintreten läßt;
der *Historiker* zeigt ihre Art Recht und Vernunft; die Reisen;
der Exotismus; die Psychologie; Strafrecht; Irrenhaus; Verbrecher;
Soziologie;
die „*Unpersönlichkeit*“ (so daß wir als *Media* eines Kollektivwesens
uns diese Affekte und Handlungen gestatten -- Richterkollegien, Jury,
Bürger, Soldat, Minister, Fürst, Sozietät, „Kritiker“ --) gibt uns das
Gefühl, *als ob wir ein Opfer brächten*....
468.
*Dem bösen Menschen das gute Gewissen zurückgeben* -- ist das mein
unwillkürliches Bemühen gewesen? und zwar dem bösen Menschen, insofern
er der *starke Mensch* ist? (Das Urteil *Dostoiewskys* über die
Verbrecher der Gefängnisse ist hierbei anzuführen.)
469.
Wir lernen in unsrer zivilisierten Welt fast nur den verkümmerten
Verbrecher kennen, erdrückt unter dem Fluch und der Verachtung der
Gesellschaft, sich selbst mißtrauend, oftmals seine Tat verkleinernd
und verleumdend, einen *mißglückten Typus von Verbrecher*; und wir
widerstreben der Vorstellung, daß *alle großen Menschen Verbrecher
waren* (nur im großen Stile und nicht im erbärmlichen), daß das
Verbrechen zur Größe gehört (-- so nämlich geredet aus dem Bewußtsein
der Nierenprüfer und aller derer, die am tiefsten in große Seelen
*hinuntergestiegen* sind --). Die „Vogelfreiheit“ von dem Herkommen,
dem Gewissen, der Pflicht -- jeder große Mensch kennt diese seine
Gefahr. Aber er *will* sie auch: er *will* das große Ziel und darum
auch dessen Mittel.
470.
Das *Verbrechen* gehört unter den Begriff „Aufstand wider die
gesellschaftliche Ordnung“. Man „bestraft“ einen Aufständischen nicht:
man *unterdrückt* ihn. Ein Aufständischer kann ein erbärmlicher und
verächtlicher Mensch sein: an sich ist an einem Aufstande nichts zu
verachten, -- und in Hinsicht auf unsere Art Gesellschaft aufständisch
zu sein, erniedrigt an sich noch nicht den Wert eines Menschen. Es gibt
Fälle, wo man einen solchen Aufständischen darum selbst zu ehren hätte,
weil er an unsrer Gesellschaft etwas empfindet, gegen das der Krieg not
tut: -- wo er uns aus dem Schlummer weckt.
Damit, daß der Verbrecher etwas Einzelnes tut an einem Einzelnen, ist
nicht widerlegt, daß sein ganzer Instinkt gegen die ganze Ordnung im
Kriegszustand ist: die Tat als bloßes Symptom.