sie weit über den Schönheitstrieb unsrer eignen Rasse hinausgeht!
Tatsächlich paart sich das Schönste mit sehr enterbten Kreaturen, das
Größte mit dem Kleinsten. Fast immer sehen wir Männchen und Weibchen
von jeder zufälligen Begegnung profitieren und sich ganz und gar nicht
wählerisch zeigen. -- Modifikation durch Klima und Nahrung: -- aber in
Wahrheit absolut gleichgültig.
Es gibt keine *Übergangsformen*. --
Man behauptet die wachsende Entwicklung der Wesen. Es fehlt jedes
Fundament. Jeder Typus hat seine *Grenze*: über diese hinaus gibt es
keine Entwicklung. Bis dahin absolute Regelmäßigkeit.
*Meine Gesamtansicht.* -- *Erster Satz*: der Mensch als Gattung ist
*nicht* im Fortschritt. Höhere Typen werden wohl erreicht, aber sie
halten sich nicht. Das Niveau der Gattung wird *nicht* gehoben.
*Zweiter Satz*: der Mensch als Gattung stellt keinen Fortschritt
im Vergleich zu irgendeinem andern Tier dar. Die gesamte Tier- und
Pflanzenwelt entwickelt sich nicht vom Niederen zum Höheren....
Sondern alles zugleich und übereinander und durcheinander und
gegeneinander. Die reichsten und komplexesten Formen -- denn mehr
besagt das Wort „höherer Typus“ nicht -- gehen leichter zugrunde:
nur die niedrigsten halten eine scheinbare Unvergänglichkeit fest.
Erstere werden selten erreicht und halten sich mit Not oben: letztere
haben eine kompromittierende Fruchtbarkeit für sich. -- Auch in der
Menschheit gehen unter wechselnder Gunst und Ungunst die *höheren
Typen*, die Glücksfälle der Entwicklung, am leichtesten zugrunde. Sie
sind jeder Art von ~décadence~ ausgesetzt: sie sind extrem, und damit
selbst beinahe schon ~décadents~.... Die kurze Dauer der Schönheit,
des Genies, des Cäsar ist ~sui generis~: dergleichen vererbt sich
nicht. Der *Typus* vererbt sich; ein Typus ist nichts Extremes, kein
„Glücksfall“.... Das liegt an keinem besonderen Verhängnis und „bösen
Willen“ der Natur, sondern einfach am Begriff „höherer Typus“: der
höhere Typus stellt eine unvergleichlich größere Komplexität, --
eine größere Summe koordinierter Elemente dar: damit wird auch die
Disgregation unvergleichlich wahrscheinlicher. Das „Genie“ ist die
sublimste Maschine, die es gibt, -- folglich die zerbrechlichste.
*Dritter Satz*: die Domestikation (die „Kultur“) des Menschen geht
nicht tief.... Wo sie tief geht, ist sie sofort die Degenereszenz
(Typus: der Christ). Der „wilde“ Mensch (oder, moralisch ausgedrückt:
der *böse* Mensch) ist eine Rückkehr zur Natur -- und, in gewissem
Sinne, seine Wiederherstellung, seine *Heilung* von der „Kultur“....
431.
*Grundirrtümer* der bisherigen Biologen: es handelt sich *nicht* um die
Gattung, sondern um *stärker auszuwirkende* Individuen. (Die vielen
sind nur Mittel.)
Das Leben ist *nicht* Anpassung innerer Bedingungen an äußere, sondern
Wille zur Macht, der von innen her immer mehr „Äußeres“ sich unterwirft
und einverleibt.
Diese Biologen *setzen* die moralischen Wertschätzungen *fort* (--
der „an sich höhere Wert des Altruismus“, die Feindschaft gegen die
Herrschsucht, gegen den Krieg, gegen die Unnützlichkeit, gegen die
Rang- und Ständeordnung).
432.
Die *Individuation*, vom Standpunkt der Abstammungstheorie beurteilt,
zeigt das beständige Zerfallen von eins in zwei und das ebenso
beständige Vergehen der Individuen *auf den Gewinn von wenig*
Individuen, die die Entwicklung fortsetzen: die übergroße Masse stirbt
jedesmal ab („der Leib“).
Das Grundphänomen: *unzählige Individuen geopfert um weniger willen*:
als deren Ermöglichung. -- Man muß sich nicht täuschen lassen: ganz
so steht es mit den *Völkern* und *Rassen*: sie bilden den „Leib“ zur
Erzeugung von einzelnen *wertvollen Individuen*, die den großen Prozeß
fortsetzen.
433.
Mit der moralischen Herabwürdigung des ~ego~ geht auch noch, in der
Naturwissenschaft, eine Überschätzung der *Gattung* Hand in Hand. Aber
die Gattung ist etwas ebenso Illusorisches wie das ~ego~: man hat eine
falsche Distinktion gemacht. Das ~ego~ ist hundertmal *mehr* als bloß
eine Einheit in der Kette von Gliedern; es ist die *Kette selbst*, ganz
und gar; und die Gattung ist eine bloße Abstraktion aus der Vielheit
dieser Ketten und deren partieller Ähnlichkeit. Daß, wie so oft
behauptet worden ist, das Individuum der Gattung *geopfert* wird, ist
durchaus kein Tatbestand: vielmehr nur das Muster einer fehlerhaften
Interpretation.
434.
Gegen die Theorie, daß das einzelne Individuum den Vorteil der
*Gattung*, seiner Nachkommenschaft im Auge hat, auf Unkosten des
eigenen Vorteils: das ist nur *Schein*.
Die ungeheure Wichtigkeit, mit der das Individuum den *geschlechtlichen
Instinkt* nimmt, ist nicht eine *Folge* von dessen Wichtigkeit für
die Gattung, sondern das Zeugen ist die eigentliche Leistung des
Individuums und sein höchstes Interesse folglich, *seine höchste
Machtäußerung* (natürlich nicht vom Bewußtsein aus beurteilt, sondern
von dem Zentrum der ganzen Individuation).
435.
Der Gesichtspunkt des „Werts“ ist der Gesichtspunkt von *Erhaltungs-,
Steigerungsbedingungen* in Hinsicht auf komplexe Gebilde von relativer
Dauer des Lebens innerhalb des Werdens.
Es gibt keine dauerhaften letzten Einheiten, keine Atome, keine
Monaden: auch hier ist „das Seiende“ erst von uns *hineingelegt* (aus
praktischen, nützlichen, perspektivischen Gründen).
„*Herrschaftsgebilde*“; die Sphäre des Beherrschenden fortwährend
wachsend oder unter der Gunst und Ungunst der Umstände (der Ernährung
--) periodisch abnehmend, zunehmend.
„Wert“ ist wesentlich der Gesichtspunkt für das Zunehmen oder Abnehmen
dieser herrschaftlichen Zentren („Vielheiten“ jedenfalls; aber die
„Einheit“ ist in der Natur des Werdens gar nicht vorhanden).
Die Ausdrucksmittel der Sprache sind unbrauchbar, um das „Werden“
auszudrücken: es gehört zu unserm *unablöslichen Bedürfnis der
Erhaltung*, beständig eine gröbere Welt von Bleibendem, von „Dingen“
usw. zu setzen. Relativ dürfen wir von Atomen und Monaden reden: und
gewiß ist, daß die *kleinste Welt an Dauer die dauerhafteste ist*....
Es gibt keinen Willen: es gibt Willenspunktationen, die beständig ihre
Macht mehren oder verlieren.
3. Der Mensch als Naturwesen.
436.
Der Mensch.
Am *Leitfaden des Leibes*. -- Gesetzt, daß die „*Seele*“ ein
anziehender und geheimnisvoller Gedanke war, von dem sich die
Philosophen mit Recht nur widerstrebend getrennt haben -- vielleicht
ist das, was sie nunmehr dagegen einzutauschen lernen, noch
anziehender, noch geheimnisvoller. Der menschliche *Leib*, an dem die
ganze fernste und nächste Vergangenheit alles organischen Werdens
wieder lebendig und leibhaft wird, durch den hindurch, über den hinweg
und hinaus ein ungeheurer, unhörbarer Strom zu fließen scheint: der
Leib ist ein erstaunlicherer Gedanke als die alte „Seele“. Es ist zu
allen Zeiten besser an den Leib als an unseren eigentlichsten Besitz,
unser gewissestes Sein, kurz, unser ~ego~ geglaubt worden als an den
Geist (oder die „Seele“ oder das Subjekt, wie die Schulsprache jetzt
statt Seele sagt). Niemand kam je auf den Einfall, seinen Magen als
einen fremden, etwa einen göttlichen Magen zu verstehen: aber seine
Gedanken als „eingegeben“, seine Wertschätzungen als „von einem Gott
eingeblasen“, seine Instinkte als Tätigkeit im Dämmern zu fassen --
für diesen Hang und Geschmack des Menschen gibt es aus allen Altern
der Menschheit Zeugnisse. Noch jetzt ist, namentlich unter Künstlern,
eine Art Verwunderung und ehrerbietiges Aushängen der Entscheidung
reichlich vorzufinden, wenn sich ihnen die Frage vorlegt, wodurch ihnen
der beste Wurf gelungen und aus welcher Welt ihnen der schöpferische
Gedanke gekommen ist: sie haben, wenn sie dergestalt fragen, etwas wie
Unschuld und kindliche Scham dabei, sie wagen es kaum zu sagen, „das
kam von mir, das war meine Hand, die die Würfel warf“. -- Umgekehrt
haben selbst jene Philosophen und Religiösen, welche den zwingendsten
Grund in ihrer Logik und Frömmigkeit hatten, ihr Leibliches als
Täuschung (und zwar als überwundene und abgetane Täuschung) zu nehmen,
nicht umhin gekonnt, die dumme Tatsächlichkeit anzuerkennen, daß der
Leib nicht davon gegangen ist: worüber die seltsamsten Zeugnisse teils
bei Paulus, teils in der Vedânta-Philosophie zu finden sind. Aber was
bedeutet zuletzt *Stärke des Glaubens*? Deshalb könnte es immer noch
ein sehr dummer Glaube sein! -- Hier ist nachzudenken: --
Und zuletzt, wenn der Glaube an den Leib nur die Folge eines Schlusses
ist: gesetzt, es wäre ein falscher Schluß, wie die Idealisten
behaupten, ist es nicht ein Fragezeichen an der Glaubwürdigkeit des
Geistes selber, daß er dergestalt die Ursache falscher Schlüsse ist?
Gesetzt, die Vielheit und Raum und Zeit und Bewegung (und was alles
die Voraussetzungen eines Glaubens an Leiblichkeit sein mögen) wären
Irrtümer -- welches Mißtrauen würde dies gegen den Geist erregen, der
uns zu solchen Voraussetzungen veranlaßt hat? Genug, der Glaube an den
Leib ist einstweilen immer noch ein stärkerer Glaube als der Glaube
an den Geist; und wer ihn untergraben will, untergräbt eben damit am
gründlichsten auch den Glauben an die Autorität des Geistes!
437.
Der Leib als Herrschaftsgebilde.
Die Aristokratie im Leibe, die Mehrheit der Herrschenden (Kampf der
Zellen und Gewebe).
Die Sklaverei und die Arbeitsteilung: der höhere Typus nur möglich
durch *Herunterdrückung* eines niederen auf eine Funktion.
Lust und Schmerz kein Gegensatz. Das Gefühl der Macht.
„Ernährung“ nur eine Konsequenz der unersättlichen Aneignung, des
Willens zur Macht.
Die „Zeugung“, der Zerfall, eintretend bei der Ohnmacht der
herrschenden Zellen, das Angeeignete zu organisieren.
Die *gestaltende* Kraft ist es, die immer neuen „Stoff“ (noch mehr
„Kraft“) vorrätig haben will. Das Meisterstück des Aufbaus eines
Organismus aus dem Ei.
„Mechanistische Auffassung“: will nichts als Quantitäten: aber die
Kraft steckt in der Qualität. Die Mechanistik kann also nur Vorgänge
beschreiben, nicht erklären.
Der „Zweck“. Auszugehen von der „Sagazität“ der Pflanzen.
Begriff der „Vervollkommnung“: *nicht* nur größere Kompliziertheit,
sondern größere *Macht* (-- braucht nicht nur größere Masse zu sein --).
Schluß auf die Entwicklung der Menschheit: die Vervollkommnung besteht
in der Hervorbringung der mächtigsten Individuen, zu deren Werkzeug
die größte Menge gemacht wird (und zwar als intelligentestes und
beweglichstes Werkzeug).
438.
In der ungeheuren Vielheit des Geschehens innerhalb eines Organismus
ist der uns *bewußt* werdende Teil ein bloßes Mittel: und das bißchen
„Tugend“, „Selbstlosigkeit“ und ähnliche Fiktionen werden auf eine
vollkommen radikale Weise vom übrigen Gesamtgeschehen aus Lügen
gestraft. Wir tun gut, unseren Organismus in seiner vollkommenen
Unmoralität zu studieren....
Die animalischen Funktionen sind ja prinzipiell millionenfach wichtiger
als alle schönen Zustände und Bewußtseinshöhen: letztere sind ein
Überschuß, soweit sie nicht Werkzeuge sein müssen für jene animalischen
Funktionen. Das ganze *bewußte* Leben, der Geist samt der Seele, samt
dem Herzen, samt der Güte, samt der Tugend: in wessen Dienst arbeitet
es denn? In dem möglichster Vervollkommnung der Mittel (Ernährungs-,
Steigerungsmittel) der animalischen Grundfunktionen: vor allem der
*Lebenssteigerung*.
Es liegt so unsäglich viel mehr an dem, was man „Leib“ und „Fleisch“
nannte: der Rest ist ein kleines Zubehör. Die Aufgabe, die ganze Kette
des Lebens fortzuspinnen, und so, *daß der Faden immer mächtiger wird*
-- das ist die Aufgabe.
Aber nun sehe man, wie Herz, Seele, Tugend, Geist förmlich sich
verschwören, diese prinzipielle Aufgabe zu *verkehren*: wie als ob
*sie* die Ziele wären!.... Die *Entartung des Lebens* ist wesentlich
bedingt durch die außerordentliche *Irrtumsfähigkeit des Bewußtseins*:
es wird am wenigsten durch Instinkte in Zaum gehalten und *vergreift*
sich deshalb am längsten und gründlichsten.
Nach den *angenehmen* und *unangenehmen Gefühlen dieses Bewußtseins*
abmessen, ob das Dasein *Wert* hat: kann man sich eine tollere
Ausschweifung der Eitelkeit denken? Es ist ja nur ein Mittel: -- und
angenehme oder unangenehme Gefühle sind ja auch nur Mittel!
Woran mißt sich objektiv der *Wert*? Allein an dem Quantum
*gesteigerter* und *organisierter* Macht....
439.
Die normale *Unbefriedigung* unsrer Triebe, zum Beispiel des Hungers,
des Geschlechtstriebs, des Bewegungstriebs, enthält in sich durchaus
noch nichts Herabstimmendes; sie wirkt vielmehr agazierend auf das
Lebensgefühl, wie jeder Rhythmus von kleinen, schmerzhaften Reizen
es *stärkt*, was auch die Pessimisten uns vorreden mögen. Diese
Unbefriedigung, statt das Leben zu verleiden, ist das große *Stimulans*
des Lebens.
(Man könnte vielleicht die Lust überhaupt bezeichnen als einen Rhythmus
kleiner Unlustreize.)
440.
Der Schmerz ist etwas anderes als die Lust, -- ich will sagen, er ist
*nicht* deren Gegenteil.
Wenn das Wesen der „Lust“ zutreffend bezeichnet worden ist als ein
*Plusgefühl* von Macht (somit als ein Differenzgefühl, das die
Vergleichung voraussetzt), so ist damit das Wesen der „Unlust“
noch nicht definiert. Die falschen Gegensätze, an die das Volk und
*folglich* die Sprache glaubt, sind immer gefährliche Fußfesseln
für den Gang der Wahrheit gewesen. Es gibt sogar Fälle, wo eine Art
Lust bedingt ist durch eine gewisse *rhythmische Abfolge* kleiner
Unlustreize: damit wird ein sehr schnelles Anwachsen des Machtgefühls,
des Lustgefühls erreicht. Dies ist der Fall zum Beispiel beim Kitzel,
auch beim geschlechtlichen Kitzel im Akt des Coitus: wir sehen
dergestalt die Unlust als Ingrediens der Lust tätig. Es scheint,
eine kleine Hemmung, die überwunden wird und der sofort wieder eine
kleine Hemmung folgt, die wieder überwunden wird -- dieses Spiel
von Widerstand und Sieg regt jenes Gesamtgefühl von überschüssiger,
überflüssiger Macht am stärksten an, das das Wesen der Lust ausmacht.
Die Umkehrung, eine Vermehrung der Schmerzempfindung durch kleine
eingeschobene Lustreize, fehlt: Lust und Schmerz sind eben nichts
Umgekehrtes.
Der Schmerz ist ein *intellektueller* Vorgang, in dem entschieden
ein Urteil laut wird, -- das Urteil „*schädlich*“, in dem sich lange
Erfahrung aufsummiert hat. An sich gibt es keinen Schmerz. Es ist
*nicht* die Verwundung, die weh tut; es ist die Erfahrung, von welchen
schlimmen Folgen eine Verwundung für den Gesamtorganismus sein kann,
welche in Gestalt jener tiefen Erschütterung redet, die Unlust heißt
(bei schädigenden Einflüssen, welche der älteren Menschheit unbekannt
geblieben sind, zum Beispiel von seiten neu kombinierter giftiger
Chemikalien, fehlt auch die Aussage des Schmerzes, -- und wir sind
verloren).
Im Schmerz ist das eigentlich Spezifische immer die lange
Erschütterung, das Nachzittern eines schreckenerregenden Choks im
zerebralen Herde des Nervensystems: -- man leidet eigentlich *nicht*
an der Ursache des Schmerzes (irgendeiner Verletzung zum Beispiel),
sondern an der langen Gleichgewichtsstörung, welche infolge jenes Choks
eintritt. Der Schmerz ist eine Krankheit der zerebralen Nervenherde,
die Lust ist durchaus keine Krankheit.
Daß der Schmerz die Ursache ist zu Gegenbewegungen hat zwar den
Augenschein und sogar das Philosophenvorurteil für sich; aber in
plötzlichen Fällen kommt, wenn man genau beobachtet, die Gegenbewegung
ersichtlich früher als die Schmerzempfindung. Es stünde schlimm um
mich, wenn ich bei einem Fehltritt zu warten hätte, bis das Faktum
an die Glocke des Bewußtseins schlüge und ein Wink, was zu tun ist,
zurücktelegraphiert würde. Vielmehr unterscheide ich so deutlich als
möglich, daß erst die Gegenbewegung des Fußes, um den Fall zu verhüten,
folgt und dann in einer meßbaren Zeitdistanz eine Art schmerzhafter
Welle plötzlich im vordern Kopf fühlbar wird. Man reagiert also
*nicht* auf den Schmerz. Der Schmerz wird nachher projiziert in die
verwundete Stelle: -- aber das Wesen dieses Lokalschmerzes ist trotzdem
nicht der Ausdruck der Art der Lokalverwundung; er ist ein bloßes
Ortszeichen, dessen Stärke und Tonart der Verwundung gemäß ist, welche
die Nervenzentren davon empfangen haben. Daß infolge jenes Choks die
Muskelkraft des Organismus meßbar heruntergeht, gibt durchaus noch
keinen Anhalt dafür, das *Wesen* des Schmerzes in einer Verminderung
des Machtgefühls zu suchen.
Man reagiert, nochmals gesagt, *nicht* auf den Schmerz: die Unlust ist
keine „Ursache“ von Handlungen. Der Schmerz selbst ist eine Reaktion,
die Gegenbewegung ist eine andre und *frühere* Reaktion, -- beide
nehmen von verschiedenen Stellen ihren Ausgangspunkt....
441.
Man hat die Unlust verwechselt mit einer *Art* der Unlust, mit der der
Erschöpfung; letztere stellt in der Tat eine tiefe Verminderung und
Herabstimmung des Willens zur Macht, eine meßbare Einbuße an Kraft dar.
Das will sagen: es gibt a) Unlust als Reizmittel zur Verstärkung der
Macht, und b) Unlust nach einer Vergeudung von Macht; im ersteren Falle
ein ~stimulus~, im letztern die Folge einer übermäßigen Reizung....
Die Unfähigkeit zum Widerstand ist der letzteren Unlust zu eigen: die
Herausforderung des Widerstehenden gehört zur ersteren.... Die Lust,
welche im Zustand der Erschöpfung allein noch empfunden wird, ist das
Einschlafen; die Lust im andern Falle ist der Sieg....
Die große Verwechslung der Psychologen bestand darin, daß sie
diese beiden *Lustarten* -- die des *Einschlafens* und die des
*Sieges* -- nicht auseinanderhielten. Die Erschöpften wollen Ruhe,
Gliederausstrecken, Frieden, Stille, -- es ist das *Glück* der
nihilistischen Religionen und Philosophien; die Reichen und Lebendigen
wollen Sieg, überwundene Gegner, Überströmen des Machtgefühls über
weitere Bereiche als bisher. Alle gesunden Funktionen des Organismus
haben dies Bedürfnis, -- und der ganze Organismus ist ein solcher nach
Wachstum von Machtgefühlen ringender Komplex von Systemen -- -- --
442.
Intellektualität des *Schmerzes*: er bezeichnet nicht an sich, was
augenblicklich geschädigt ist, sondern welchen *Wert* die Schädigung
hat in Hinsicht auf das allgemeine Individuum.
Ob es Schmerzen gibt, in denen „die Gattung“ und *nicht* das Individuum
leidet --?
443.
„Die Summe der Unlust überwiegt die Summe der Lust: folglich wäre das
Nichtsein der Welt besser als deren Sein“ -- „Die Welt ist etwas, das
vernünftigerweise nicht wäre, weil sie dem empfindenden Subjekt mehr
Unlust als Lust verursacht“ -- dergleichen Geschwätz heißt sich heute
Pessimismus!
Lust und Unlust sind Nebensachen, keine Ursachen; es sind Werturteile
*zweiten Ranges*, die sich erst ableiten von einem regierenden Wert, --
ein in Form des Gefühls redendes „nützlich“, „schädlich“, und folglich
absolut flüchtig und abhängig. Denn bei jedem „nützlich“, „schädlich“
sind immer noch hundert verschiedene Wozu? zu fragen.
Ich verachte diesen *Pessimismus der Sensibilität*: er ist selbst ein
Zeichen tiefer Verarmung am Leben.
444.
Wie kommt es, daß die Grundglaubensartikel in der Psychologie
allesamt die ärgsten Verdrehungen und Falschmünzereien sind? „*Der
Mensch strebt nach Glück*“ zum Beispiel -- was ist daran wahr? Um zu
verstehen, was „Leben“ ist, welche Art Streben und Spannung Leben
ist, muß die Formel so gut von Baum und Pflanze als vom Tier gelten.
„Wonach strebt die Pflanze?“ -- aber hier haben wir bereits eine
falsche Einheit erdichtet, die es nicht gibt: die Tatsache eines
millionenfachen Wachstums mit eigenen und halbeigenen Initiativen
ist versteckt und verleugnet, wenn wir eine plumpe Einheit „Pflanze“
voranstellen. Daß die letzten kleinsten „Individuen“ *nicht* in
dem Sinn eines „metaphysischen Individuums“ und Atoms verständlich
sind, daß ihre Machtsphäre fortwährend sich verschiebt -- das ist zu
allererst sichtbar: aber strebt ein jedes von ihnen, wenn es sich
dergestalt verändert, *nach Glück*? -- Aber alles Sichausbreiten,
Einverleiben, Wachsen ist ein Anstreben gegen Widerstehendes; Bewegung
ist essentiell etwas mit Unlustzuständen Verbundenes: es muß das, was
hier treibt, jedenfalls etwas anderes wollen, wenn es dergestalt die
Unlust will und fortwährend aufsucht. -- Worum kämpfen die Bäume eines
Urwaldes miteinander? Um „Glück“? -- Um *Macht*!....
Der Mensch, Herr über die Naturgewalten geworden, Herr über seine
eigene Wildheit und Zügellosigkeit (die Begierden haben folgen,
haben nützlich sein gelernt) -- der Mensch, im Vergleich zu einem
Vormenschen, stellt ein ungeheures Quantum *Macht* dar, -- nicht ein
Plus von „Glück“! Wie kann man behaupten, daß er nach Glück *gestrebt*
habe?....
445.
*Der Glaube an „Affekte“.* -- Affekte sind eine Konstruktion des
Intellekts, eine *Erdichtung von Ursachen*, die es nicht gibt.
Alle körperlichen *Gemeingefühle*, die wir nicht verstehen, werden
intellektuell ausgedeutet, das heißt ein *Grund* gesucht, um sich
so oder so zu fühlen, in Personen, Erlebnissen usw. Also etwas
Nachteiliges, Gefährliches, Fremdes wird *gesetzt*, als wäre es die
Ursache unserer Verstimmung; tatsächlich wird es zu der Verstimmung
*hinzugesucht*, um der *Denkbarkeit* unseres Zustandes willen. --
Häufige Blutzuströmungen zum Gehirn mit dem Gefühl des Erstickens
werden als „Zorn“ *interpretiert*: die Personen und Sachen, die uns
zum Zorn reizen, sind Auslösungen für den physiologischen Zustand.
-- Nachträglich, in langer Gewöhnung, sind gewisse Vorgänge und
Gemeingefühle sich so regelmäßig verbunden, daß der Anblick gewisser
Vorgänge jenen Zustand des Gemeingefühls hervorbringt und speziell
irgend jene Blutstauung, Samenerzeugung usw. mit sich bringt: also
durch die Nachbarschaft. „Der Affekt wird erregt“, sagen wir dann.
In „Lust“ und „Unlust“ stecken bereits *Urteile*: die Reize werden
unterschieden, ob sie dem Machtgefühl förderlich sind oder nicht.
*Der Glaube an das Wollen.* Es ist Wunderglaube, einen Gedanken als
Ursache einer mechanischen Bewegung zu setzen. Die *Konsequenz der
Wissenschaft* verlangt, daß, nachdem wir die Welt in Bildern uns
*denkbar* gemacht haben, wir auch die Affekte, Begehrungen, Willen usw.
uns *denkbar* machen, das heißt sie *leugnen* und als *Irrtümer des
Intellekts* behandeln.
446.
Wenn wir etwas tun, so entsteht ein *Kraftgefühl*, oft schon vor
dem Tun, bei der Vorstellung des zu Tuenden (wie beim Anblick eines
Feindes, eines Hemmnisses, dem wir uns *gewachsen* glauben): immer
begleitend. Wir meinen instinktiv, dies Kraftgefühl sei Ursache der
Handlung, es sei „die Kraft“. Unser Glaube an Kausalität ist der Glaube
an Kraft und deren Wirkung; eine Übertragung unsres Erlebnisses: wobei
wir Kraft und Kraftgefühl identifizieren. -- Nirgends aber bewegt
die Kraft die Dinge; die empfundene Kraft „setzt nicht die Muskeln
in Bewegung“. „Wir haben von einem solchen Prozeß keine Vorstellung,
keine Erfahrung.“ „Wir erfahren ebensowenig wie die Kraft als
Bewegendes die *Notwendigkeit* einer Bewegung.“ Die Kraft soll das
Zwingende sein! „Wir erfahren nur, daß eins auf das andre folgt, --
weder Zwang erfahren wir, noch Willkür, daß eins auf das andre folgt.“
Die Kausalität wird erst durch die Hineindenkung des Zwanges in den
Folgenvorgang geschaffen. Ein gewisses „Begreifen“ entsteht dadurch,
das heißt, wir haben uns den Vorgang angemenschlicht, „bekannter“
gemacht: das Bekannte ist das Gewohnheitsbekannte des mit *Kraftgefühl
verbundenen menschlichen Erzwingens*.
447.