sinnlichen und psychologischen Ausdrucksmitteln (daß alle Wirkung
*Bewegung* ist; daß, wo Bewegung ist, *etwas* bewegt wird): sie berührt
die ursächliche Kraft nicht.
Die *mechanistische* Welt ist so imaginiert, wie das Auge und das
Getast sich allein eine Welt vorstellen (als „bewegt“), -- so, daß sie
berechnet werden kann, -- daß ursächliche Einheiten fingiert sind,
„Dinge“ (Atome), deren Wirkung konstant bleibt (-- Übertragung des
falschen Subjektsbegriffs auf den Atombegriff).
*Phänomenal* ist also: die Einmischung des Zahlbegriffs, des
Dingbegriffs (Subjektbegriffs), des Tätigkeitsbegriffs (Trennung von
Ursachesein und Wirken), des Bewegungsbegriffs (Auge und Getast): wir
haben unser *Auge*, unsre *Psychologie* immer noch darin.
Eliminieren wir diese Zutaten, so bleiben keine Dinge übrig, sondern
dynamische Quanta, in einem Spannungsverhältnis zu allen andern
dynamischen Quanten: deren Wesen in ihrem Verhältnis zu allen andern
Quanten besteht, in ihrem „Wirken“ auf dieselben. Der Wille zur
Macht nicht ein Sein, nicht ein Werden, sondern ein *Pathos* -- ist
die elementarste Tatsache, aus der sich erst ein Werden, ein Wirken
ergibt....
403.
Der siegreiche Begriff „*Kraft*“, mit dem unsere Physiker Gott und
die Welt geschaffen haben, bedarf noch einer Ergänzung: es muß
ihm ein innerer Wille zugesprochen werden, welchen ich bezeichne
als „*Willen zur Macht*“, das heißt als unersättliches Verlangen
nach Bezeigung der Macht; oder Verwendung, Ausübung der Macht, als
schöpferischen Trieb usw. Die Physiker werden die „Wirkung in die
Ferne“ aus ihren Prinzipien nicht los; ebensowenig eine abstoßende
Kraft (oder anziehende). Es hilft nichts: man muß alle Bewegungen, alle
„Erscheinungen“, alle „Gesetze“ nur als *Symptome* eines *innerlichen*
Geschehens fassen und sich der Analogie des Menschen zu diesem Ende
bedienen. Am Tier ist es möglich, aus dem Willen zur Macht alle seine
Triebe abzuleiten; ebenso alle Funktionen des organischen Lebens aus
dieser einen Quelle.
404.
Unsre Erkenntnis ist in dem Maße wissenschaftlich geworden, als sie
Zahl und Maß anwenden kann. Der Versuch wäre zu machen, ob nicht
eine wissenschaftliche Ordnung der Werte einfach auf einer *Zahl-*
und *Maßskala der Kraft* aufzubauen wäre.... Alle sonstigen „Werte“
sind Vorurteile, Naivitäten, Mißverständnisse. -- Sie sind überall
*reduzierbar* auf jene Zahl- und Maßskala der Kraft. Das *Aufwärts* in
dieser Skala bedeutet jedes *Wachsen an Wert*: das Abwärts in dieser
Skala bedeutet *Verminderung des Wertes*.
Hier hat man den Schein und das Vorurteil wider sich. (Die Moralwerte
sind ja nur *Scheinwerte*, verglichen mit den *physiologischen*.)
405.
„Die *Kraftempfindung* kann nicht aus Bewegung hervorgehen: Empfindung
überhaupt kann nicht aus Bewegung hervorgehen.“
„Auch dafür spricht nur eine scheinbare Erfahrung: in einer Substanz
(Gehirn) wird durch übertragene Bewegung (Reize) Empfindung erzeugt.
Aber erzeugt? Wäre denn bewiesen, daß die Empfindung dort noch
gar nicht existiert? so daß ihr Auftreten als *Schöpfungsakt* der
eingetretenen Bewegung aufgefaßt werden *müßte*? Der empfindungslose
Zustand dieser Substanz ist nur eine Hypothese! keine Erfahrung!
-- Empfindung also *Eigenschaft* der Substanz: es gibt empfindende
Substanzen.“
„Erfahren wir von gewissen Substanzen, daß sie Empfindung *nicht*
haben? Nein, wir erfahren nur nicht, *daß* sie welche haben. Es
ist unmöglich, die Empfindung aus der nicht empfindenden Substanz
abzuleiten.“ -- *O der Übereilung!*
406.
Ist jemals schon eine *Kraft* konstatiert? Nein, sondern *Wirkungen*,
übersetzt in eine völlig fremde Sprache. Das Regelmäßige im
Hintereinander hat uns aber so verwöhnt, daß wir uns *über das
Wunderliche daran nicht wundern*.
407.
Eine Kraft, die wir uns nicht vorstellen können, ist ein leeres Wort
und darf kein Bürgerrecht in der Wissenschaft haben: wie die sogenannte
rein mechanische Anziehungs- und Abstoßungskraft, welche uns die Welt
*vorstellbar machen will*, nichts weiter!
408.
Illusion, daß etwas *erkannt* sei, wo wir eine mathematische Formel für
das Geschehene haben: es ist nur *bezeichnet, beschrieben*: nichts mehr!
409.
Wenn ich ein regelmäßiges Geschehen in eine *Formel* bringe, so habe
ich mir die Bezeichnung des ganzen Phänomens erleichtert, abgekürzt
usw. Aber ich habe kein „Gesetz“ konstatiert, sondern die Frage
aufgestellt, woher es kommt, daß hier etwas sich wiederholt: es ist
eine Vermutung, daß der Formel ein Komplex von zunächst unbekannten
Kräften und Kraftauslösungen entspricht: es ist Mythologie, zu denken,
daß hier Kräfte einem Gesetz gehorchen, so daß infolge ihres Gehorsams
wir jedesmal das gleiche Phänomen haben.
410.
Die unabänderliche Aufeinanderfolge gewisser Erscheinungen beweist
kein „Gesetz“, sondern ein Machtverhältnis zwischen zwei oder mehreren
Kräften. Zu sagen, „aber gerade dies Verhältnis bleibt sich gleich!“
heißt nichts anderes als: „ein und dieselbe Kraft kann nicht auch eine
andere Kraft sein.“ -- Es handelt sich nicht um ein *Nacheinander*, --
sondern um ein *Ineinander*, einen Prozeß, in dem die einzelnen sich
folgenden Momente *nicht* als Ursachen und Wirkungen sich bedingen....
Die Trennung des „Tuns“ vom „Tuenden“, des Geschehens von einem, der
geschehen *macht*, des Prozesses von einem etwas, das nicht Prozeß,
sondern dauernd, *Substanz*, Ding, Körper, Seele usw. ist, -- der
Versuch, das Geschehen zu begreifen als eine Art Verschiebung und
Stellungswechsel von „Seiendem“, von Bleibendem: diese alte Mythologie
hat den Glauben an „Ursache und Wirkung“ festgestellt, nachdem er in
den sprachlich-grammatischen Funktionen eine feste Form gefunden hatte.
411.
*Kritik des Mechanismus.* -- Entfernen wir hier die zwei populären
Begriffe „Notwendigkeit“ und „Gesetz“: das erste legt einen falschen
Zwang, das zweite eine falsche Freiheit in die Welt. „Die Dinge“
betragen sich nicht regelmäßig, nicht nach einer *Regel*: es gibt keine
Dinge (-- das ist unsre Fiktion); sie betragen sich ebensowenig unter
einem Zwang von Notwendigkeit. Hier wird nicht gehorcht: denn *daß
etwas so ist, wie es ist*, so stark, so schwach, das ist nicht die
Folge eines Gehorchens oder einer Regel oder eines Zwanges....
Der Grad von Widerstand und der Grad von Übermacht -- darum handelt
es sich bei allem Geschehen: wenn *wir*, zu unserm Handgebrauch der
Berechnung, das in Formeln und „Gesetzen“ auszudrücken wissen, um so
besser für uns! Aber wir haben damit keine „Moralität“ in die Welt
gelegt, daß wir sie als gehorsam fingieren --
Es gibt kein Gesetz: jede Macht zieht in jedem Augenblick ihre letzte
Konsequenz. Gerade, daß es kein Anderskönnen gibt, darauf beruht die
Berechenbarkeit.
Ein Machtquantum ist durch die Wirkung, die es übt, und die, der es
widersteht, bezeichnet. Es fehlt die Adiaphorie: die an sich denkbar
wäre. Es ist essentiell ein Wille zur Vergewaltigung und sich gegen
Vergewaltigung zu wehren. Nicht Selbsterhaltung: jedes Atom wirkt in
das ganze Sein hinaus, -- es ist weggedacht, wenn man diese Strahlung
von Machtwillen wegdenkt. Deshalb nenne ich es ein Quantum „*Wille zur
Macht*“: damit ist der Charakter ausgedrückt, der aus der mechanischen
Ordnung nicht weggedacht werden kann, ohne sie selbst wegzudenken.
Eine Übersetzung dieser Welt von Wirkung in eine *sichtbare* Welt --
eine Welt fürs Auge -- ist der Begriff „Bewegung“. Hier ist immer
subintelligiert, daß *etwas* bewegt wird, -- hierbei wird, sei es nun
in der Fiktion eines Klümpchenatoms oder selbst von dessen Abstraktion,
dem dynamischen Atom, immer noch ein Ding gedacht, welches wirkt, --
das heißt, wir sind aus der Gewohnheit nicht herausgetreten, zu der
uns Sinne und Sprache verleiten. Subjekt, Objekt, ein Täter zum Tun,
das Tun und das, was es tut, gesondert: vergessen wir nicht, daß dies
eine bloße Semiotik und nichts Reales bezeichnet. Die Mechanik als eine
Lehre der *Bewegung* ist bereits eine Übersetzung in die Sinnensprache
des Menschen.
412.
Die „Regelmäßigkeit“ der Aufeinanderfolge ist nur ein bildlicher
Ausdruck, *wie als ob* hier eine Regel befolgt werde, kein Tatbestand.
Ebenso „Gesetzmäßigkeit“. Wir finden eine Formel, um eine immer
wiederkehrende Art der Folge auszudrücken: damit haben wir *kein
„Gesetz“ entdeckt*, noch weniger eine Kraft, welche die Ursache zur
Wiederkehr von Folgen ist. Daß etwas immer so und so geschieht, wird
hier interpretiert, als ob ein Wesen infolge eines Gehorsams gegen
ein Gesetz oder einen Gesetzgeber immer so und so handelte: während
es, abgesehen vom „Gesetz“, Freiheit hätte, anders zu handeln. Aber
gerade jenes So-und-nicht-anders könnte aus dem Wesen selbst stammen,
das nicht in Hinsicht erst auf ein Gesetz sich so und so verhielte,
sondern als so und so beschaffen. Es heißt nur: etwas kann nicht auch
etwas anderes sein, kann nicht bald dies, bald anderes tun, ist weder
frei noch unfrei, sondern eben so und so. *Der Fehler steckt in der
Hineindichtung eines Subjekts.*
413.
Zwei aufeinanderfolgende Zustände, der *eine* „Ursache“, der andere
„Wirkung“ -- : ist falsch. Der erste Zustand hat nichts zu bewirken, den
zweiten hat nichts bewirkt.
Es handelt sich um einen Kampf zweier an Macht ungleichen Elemente:
es wird ein Neuarrangement der Kräfte erreicht, je nach dem Maß von
Macht eines jeden. Der zweite Zustand ist etwas Grundverschiedenes vom
ersten (*nicht* dessen Wirkung): das Wesentliche ist, daß die im Kampf
befindlichen Faktoren mit anderen Machtquanten herauskommen.
414.
Ich hüte mich, von chemischen „*Gesetzen*“ zu sprechen: das hat einen
moralischen Beigeschmack. Es handelt sich vielmehr um eine absolute
Feststellung von Machtverhältnissen: das Stärkere wird über das
Schwächere Herr, soweit dies eben seinen Grad von Selbständigkeit nicht
durchsetzen kann, -- hier gibt es kein Erbarmen, keine Schonung, noch
weniger eine Achtung vor „Gesetzen“!
415.
Es gibt nichts *Unveränderliches* in der Chemie: das ist nur
Schein, ein bloßes Schulvorurteil. Wir haben das Unveränderliche
*eingeschleppt*, immer noch aus der Metaphysik, meine Herren Physiker.
Es ist ganz naiv von der Oberfläche abgelesen, zu behaupten, daß der
Diamant, der Graphit und die Kohle identisch sind. Warum? Bloß weil
man keinen Substanzverlust durch die Wage konstatieren kann! Nun gut,
damit haben sie noch etwas gemein; aber die Molekülarbeit bei der
Verwandlung, die wir nicht sehen und wägen können, macht eben aus dem
einen Stoff etwas andres, -- mit spezifisch anderen Eigenschaften.
416.
Das „Sein“ -- wir haben keine andere Vorstellung davon als „*leben*“.
-- Wie kann also etwas Totes „sein“?
2. Die organische Natur.
417.
Eine Vielheit von Kräften, verbunden durch einen gemeinsamen
Ernährungsvorgang, heißen wir „*Leben*“. Zu diesem Ernährungsvorgang,
als Mittel seiner Ermöglichung, gehört alles sogenannte Fühlen,
Vorstellen, Denken, das heißt 1. ein Widerstreben gegen alle anderen
Kräfte; 2. ein Zurechtmachen derselben nach Gestalt und Rhythmus; 3.
ein Abschätzen in bezug auf Einverleibung oder Abscheidung.
418.
Die Verbindung des Unorganischen und Organischen muß in der abstoßenden
Kraft liegen, welche jedes Kraftatom ausübt. „Leben“ wäre zu definieren
als eine dauernde Form von *Prozessen* der *Kraftfeststellungen*, wo
die verschiedenen Kämpfenden ihrerseits ungleich wachsen. Inwiefern
auch im Gehorchen ein Widerstreben liegt; es ist die Eigenmacht
durchaus nicht aufgegeben. Ebenso ist im Befehlen ein Zugestehen, daß
die absolute Macht des Gegners nicht besiegt ist, nicht einverleibt,
aufgelöst. „Gehorchen“ und „Befehlen“ sind Formen des Kampfspiels.
419.
Bei der Entstehung der Organismen denkt sich der Mensch *zugegen*: was
ist bei diesem Vorgange mit Augen und Getast wahrzunehmen gewesen? Was
ist in Zahlen zu bringen? Welche Regeln zeigen sich in den Bewegungen?
Also: der Mensch will alles Geschehen sich als ein *Geschehen für Auge
und Getast* zurechtlegen, folglich als Bewegungen: er will *Formeln*
finden, die ungeheure Masse dieser Erfahrungen zu *vereinfachen*.
*Reduktion alles Geschehens* auf den Sinnenmenschen und Mathematiker.
Es handelt sich um ein *Inventarium der menschlichen Erfahrungen*:
gesetzt, daß der Mensch, oder vielmehr das *menschliche Auge und
Begriffsvermögen*, der ewige Zeuge aller Dinge gewesen sei.
420.
Es gehört zum Begriff des Lebendigen, daß es wachsen muß, -- daß es
seine Macht erweitern und folglich fremde Kräfte in sich hineinnehmen
muß. Man redet, unter der Benebelung durch die Moralnarkose, von einem
Recht des Individuums, sich zu *verteidigen*; im gleichen Sinne dürfte
man auch von seinem Rechte *anzugreifen* reden: denn *beides* -- und
das Zweite noch mehr als das Erste -- sind Nezessitäten für jedes
Lebendige: -- der aggressive und der defensive Egoismus sind nicht
Sache der Wahl oder gar des „freien Willens“, sondern die *Fatalität*
des Lebens selbst.
Hierbei gilt es gleich, ob man ein Individuum oder einen lebendigen
Körper, eine aufwärtsstrebende „Gesellschaft“ ins Auge faßt. Das
Recht zur Strafe (oder die gesellschaftliche Selbstverteidigung)
ist im Grunde nur durch einen Mißbrauch zum Worte „Recht“ gelangt:
ein Recht wird durch Verträge erworben, -- aber das Sich-wehren und
Sich-verteidigen ruht nicht auf der Basis eines Vertrags. Wenigstens
dürfte ein Volk mit ebensoviel gutem Sinn sein Eroberungsbedürfnis,
sein Machtgelüst, sei es mit Waffen, sei es durch Handel, Verkehr
und Kolonisation, als Recht bezeichnen, -- Wachstumsrecht etwa. Eine
Gesellschaft, die, endgültig und ihrem *Instinkt* nach, den Krieg und
die Eroberung abweist, ist im Niedergang: sie ist reif für Demokratie
und Krämerregiment.... In den meisten Fällen freilich sind die
Friedensversicherungen bloße Betäubungsmittel.
421.
Die Physiologen sollten sich besinnen, den „*Erhaltungstrieb*“ als
einen kardinalen Trieb eines organischen Wesens anzusetzen. Vor allem
will etwas Lebendiges seine Kraft *auslassen*: die „Erhaltung“ ist
nur eine der Konsequenzen davon. -- Vorsicht vor *überflüssigen*
teleologischen Prinzipien! Und dahin gehört der ganze Begriff
„Erhaltungstrieb“.
422.
„Der Wert des Lebens.“ -- Das Leben ist ein Einzelfall; man muß *alles*
Dasein rechtfertigen und *nicht* nur das Leben, -- das rechtfertigende
Prinzip ist ein solches, aus dem sich das Leben erklärt.
Das Leben ist nur *Mittel* zu etwas: es ist der Ausdruck von
Wachstumsformen der Macht.
423.
Man kann die unterste und ursprünglichste Tätigkeit im Protoplasma
nicht aus einem Willen zur Selbsterhaltung ableiten, denn es nimmt
auf eine unsinnige Art mehr in sich hinein, als die Erhaltung
bedingen würde: und vor allem, es „erhält sich“ damit nicht, sondern
*zerfällt*.... Der Trieb, der hier waltet, hat gerade dieses
Sich-*nicht*-erhalten-wollen zu erklären: „Hunger“ ist schon eine
Ausdeutung nach ungleich komplizierteren Organismen (-- Hunger ist
eine spezialisierte und spätere Form des Triebes, ein Ausdruck der
Arbeitsteilung, im Dienst eines darüber waltenden höheren Triebes).
424.
Die Teilung eines Protoplasmas in zwei tritt ein, wenn die Macht nicht
mehr ausreicht, den angeeigneten Besitz zu bewältigen: Zeugung ist
Folge einer Ohnmacht.
Wo die Männchen aus Hunger die Weibchen aufsuchen und in ihnen
aufgehen, ist Zeugung die Folge eines Hungers.
425.
Spott über den falschen „*Altruismus*“ bei den Biologen: die
Fortpflanzung bei den Amöben erscheint als Abwerfen des Ballastes, als
purer Vorteil. Die Ausstoßung der unbrauchbaren Stoffe.
426.
„Nützlich“ im Sinne der darwinistischen Biologie -- das heißt: im Kampf
mit anderen sich als begünstigend erweisend. Aber mir scheint schon
das *Mehrgefühl*, das Gefühl des *Stärkerwerdens*, ganz abgesehen vom
Nutzen im Kampf, der eigentliche *Fortschritt*: aus diesem Gefühle
entspringt erst der Wille zum Kampf, --
427.
„Nützlich“ in bezug auf die Beschleunigung des Tempos der Entwicklung
ist ein anderes „Nützlich“ als das in bezug auf möglichste Feststellung
und Dauerhaftigkeit des Entwickelten.
428.
*Gegen den Darwinismus.* -- Der Nutzen eines Organs erklärt *nicht*
seine Entstehung, im Gegenteil! Die längste Zeit, während deren eine
Eigenschaft sich bildet, erhält sie das Individuum nicht und nützt ihm
nicht, am wenigsten im Kampf mit äußeren Umständen und Feinden.
Was ist zuletzt „nützlich“? Man muß fragen „in bezug *worauf*
nützlich?“ Zum Beispiel was der *Dauer* des Individuums nützt, könnte
seiner Stärke und Pracht ungünstig sein; was das Individuum erhält,
könnte es zugleich festhalten und stillstellen in der Entwicklung.
Andererseits kann ein *Mangel*, eine *Entartung* vom höchsten Nutzen
sein, insofern sie als Stimulans anderer Organe wirkt. Ebenso kann
eine *Notlage* Existenzbedingung sein, insofern sie ein Individuum auf
das Maß herunterschraubt, bei dem es *zusammenhält* und sich nicht
vergeudet. -- Das Individuum selbst als Kampf der Teile (um Nahrung,
Raum usw.): seine Entwicklung geknüpft an ein *Siegen*, *Vorherrschen*
einzelner Teile, an ein *Verkümmern*, „Organwerden“ anderer Teile.
Der Einfluß der „äußeren Umstände“ ist bei Darwin ins Unsinnige
*überschätzt*: das Wesentliche am Lebensprozeß ist gerade die ungeheure
gestaltende, von innen her formenschaffende Gewalt, welche die „äußeren
Umstände“ *ausnützt, ausbeutet*.... Die von innen her gebildeten
*neuen* Formen sind *nicht* auf einen Zweck hin geformt; aber im Kampf
der Teile wird eine neue Form nicht lange *ohne* Beziehung zu einem
partiellen Nutzen stehen und dann, dem *Gebrauche* nach, sich immer
vollkommener ausgestalten.
429.
*Anti-Darwin.* -- Was mich beim Überblick über die großen Schicksale
des Menschen am meisten überrascht, ist, immer das Gegenteil vor Augen
zu sehen von dem, was heute Darwin mit seiner Schule sieht oder sehen
*will*: die Selektion zugunsten der Stärkeren, Besserweggekommenen,
den Fortschritt der Gattung. Gerade das Gegenteil greift sich mit
Händen: das Durchstreichen der Glücksfälle, die Unnützlichkeit der
höher geratenen Typen, das unvermeidliche Herrwerden der mittleren,
selbst der *unter-mittleren* Typen. Gesetzt, daß man uns nicht den
Grund aufzeigt, warum der Mensch die Ausnahme unter den Kreaturen ist,
neige ich zum Vorurteil, daß die Schule Darwins sich überall getäuscht
hat. Jener Wille zur Macht, in dem ich den letzten Grund und Charakter
aller Veränderung wiedererkenne, gibt uns das Mittel an die Hand,
warum gerade die Selektion zugunsten der Ausnahmen und Glücksfälle
nicht statthat: die Stärksten und Glücklichsten sind schwach, wenn
sie organisierte Herdeninstinkte, wenn sie die Furchtsamkeit der
Schwachen, die Überzahl gegen sich haben. Mein Gesamtaspekt der Welt
der Werte zeigt, daß in den obersten Werten, die über der Menschheit
heute aufgehängt sind, nicht die Glücksfälle, die Selektionstypen, die
Oberhand haben: vielmehr die Typen der ~décadence~, -- vielleicht
gibt es nichts Interessanteres in der Welt als dieses *unerwünschte*
Schauspiel....
So seltsam es klingt: man hat die Starken immer zu beweisen gegen die
Schwachen; die Glücklichen gegen die Mißglückten; die Gesunden gegen
die Verkommenden und Erblich-Belasteten. Will man die Realität zur
*Moral* formulieren, so lautet diese Moral: die Mittleren sind mehr
wert als die Ausnahmen; die ~décadence~-Gebilde mehr als die Mittleren;
der Wille zum Nichts hat die Oberhand über den Willen zum Leben -- und
das Gesamtziel ist, nun, christlich, buddhistisch, schopenhauerisch
ausgedrückt: „besser *nicht* sein, als sein“.
Gegen die Formulierung der Realität zur Moral *empöre* ich mich:
deshalb perhorresziere ich das Christentum mit einem tödlichen Haß,
weil es die sublimen Worte und Gebärden schuf, um einer schauderhaften
Wirklichkeit den Mantel des Rechts, der Tugend, der Göttlichkeit zu
geben....
Ich sehe alle Philosophen, ich sehe die Wissenschaft auf den Knien
vor der Realität vom *umgekehrten* Kampf ums Dasein, als ihn die
Schule Darwins lehrt, -- nämlich ich sehe überall die obenauf, die
übrigbleibend, die das Leben, den Wert des Lebens kompromittieren. --
Der Irrtum der Schule Darwins wurde mir zum Problem: wie kann man blind
sein, um gerade *hier* falsch zu sehen?
Daß die *Gattungen* einen Fortschritt darstellen, ist die
unvernünftigste Behauptung von der Welt: einstweilen stellen sie
ein *Niveau* dar. Daß die höheren Organismen aus den niederen sich
entwickelt hätten, ist durch keinen Fall bisher bezeugt. Ich sehe, daß
die niederen durch die Menge, durch die Klugheit, durch die List im
Übergewicht sind, -- ich sehe nicht, wie eine zufällige Veränderung
einen Vorteil abgibt, zum mindesten nicht für eine so lange Zeit:
diese wäre wieder ein neues Motiv, zu erklären, warum eine zufällige
Veränderung derartig stark geworden ist.
Ich finde die „Grausamkeit der Natur“, von der man so viel redet, an
einer andern Stelle: sie ist grausam gegen ihre Glückskinder, sie
schont und schützt und liebt ~les humbles~.
~In summa~: das Wachstum der *Macht* einer Gattung ist durch die
Präponderanz ihrer Glückskinder, ihrer Starken vielleicht weniger
garantiert als durch die Präponderanz der mittleren und niederen
Typen.... In letzteren ist die große Fruchtbarkeit, die Dauer; mit
ersteren wächst die Gefahr, die rasche Verwüstung, die schnelle
Zahlverminderung.
430.
*Anti-Darwin.* -- Die *Domestikation des Menschen*: welchen definitiven
Wert kann sie haben? oder hat überhaupt eine Domestikation einen
definitiven Wert? -- Man hat Gründe, dies letztere zu leugnen.
Die Schule Darwins macht zwar große Anstrengung, uns zum Gegenteil
zu überreden: sie will, daß die *Wirkung der Domestikation* tief, ja
fundamental werden kann. Einstweilen halten wir am Alten fest: es hat
sich nichts bisher bewiesen, als eine ganz oberflächliche Wirkung
durch Domestikation -- oder aber die Degenereszenz. Und alles, was der
menschlichen Hand und Züchtung entschlüpft, kehrt fast sofort wieder in
seinen Naturzustand zurück. Der Typus bleibt konstant: man kann nicht
„~dénaturer la nature~“.
Man rechnet auf den Kampf um die Existenz, den Tod der schwächlichen
Wesen und das Überleben der Robustesten und Bestbegabten; folglich
imaginiert man ein *beständiges Wachstum der Vollkommenheit für die
Wesen*. Wir haben uns umgekehrt versichert, daß, in dem Kampf um das
Leben, der Zufall den Schwachen so gut dient wie den Starken; daß die
List die Kraft oft mit Vorteil sich suppliert; daß die *Fruchtbarkeit*
der Gattungen in einem merkwürdigen Rapport zu den *Chancen der
Zerstörung* steht....
Man teilt der *natürlichen Selektion* zugleich langsame und unendliche
Metamorphosen zu: man will glauben, daß jeder Vorteil sich vererbt und
sich in abfolgenden Geschlechtern immer stärker ausdrückt (während
die Erblichkeit so kapriziös ist....); man betrachtet die glücklichen
Anpassungen gewisser Wesen an sehr besondere Lebensbedingungen, und
man erklärt, daß sie durch den *Einfluß des Milieus* erlangt seien.
Man findet aber Beispiele *der unbewußten Selektion* nirgendswo
(ganz und gar nicht). Die disparatesten Individuen einigen sich, die
extremen mischen sich in die Masse. Alles konkurriert, seinen Typus
aufrechtzuerhalten; Wesen, die äußere Zeichen haben, die sie gegen
gewisse Gefahren schützen, verlieren dieselben nicht, wenn sie unter
Umstände kommen, wo sie ohne Gefahr leben.... Wenn sie Orte bewohnen,
wo das Kleid aufhört, sie zu verbergen, nähern sie sich keineswegs dem
Milieu an.