ist, denkt das *Anders*sein immer als Niedriger-, Wertlosersein; es
betrachtet die fremde, die unbekannte Welt als seinen Feind, als seinen
Gegensatz, es fühlt sich ohne Neugierde, in voller Ablehnung gegen
das Fremde.... Ein Volk würde nicht zugeben, daß ein anderes Volk das
„wahre Volk“ wäre....
Schon, daß ein solches Unterscheiden möglich ist, -- daß man diese
Welt für die „scheinbare“ und *jene* für die „wahre“ nimmt, ist
symptomatisch.
Die Entstehungsherde der Vorstellung „andre Welt“:
der Philosoph, der eine Vernunftwelt erfindet, wo die *Vernunft* und
die *logischen* Funktionen adäquat sind: -- daher stammt die „wahre“
Welt;
der religiöse Mensch, der eine „göttliche Welt“ erfindet: -- daher
stammt die „entnatürlichte, widernatürliche“ Welt;
der moralische Mensch, der eine „freie Welt“ fingiert: -- daher stammt
die „gute, vollkommene, gerechte, heilige“ Welt.
Das *Gemeinsame* der drei Entstehungsherde: der *psychologische*
Fehlgriff, die physiologischen Verwechslungen.
Die „andre Welt“, wie sie tatsächlich in der Geschichte erscheint, mit
welchen Prädikaten abgezeichnet? Mit den Stigmaten des philosophischen,
des religiösen, des moralischen Vorurteils.
Die „andre Welt“, wie sie aus diesen Tatsachen erhellt, als *ein
Synonym des Nichtseins*, des Nichtlebens, des Nichtleben*wollens*....
*Gesamteinsicht*: der Instinkt der *Lebensmüdigkeit*, und nicht der des
Lebens, hat die „andre Welt“ geschaffen.
*Konsequenz*: Philosophie, Religion und Moral sind *Symptome der
~décadence~*.
382.
*Zur Psychologie der Metaphysik.* -- Diese Welt ist scheinbar:
*folglich* gibt es eine wahre Welt; -- diese Welt ist bedingt:
*folglich* gibt es eine unbedingte Welt; -- diese Welt ist
widerspruchsvoll: *folglich* gibt es eine widerspruchslose Welt; --
diese Welt ist werdend: *folglich* gibt es eine seiende Welt: -- lauter
falsche Schlüsse (blindes Vertrauen in die Vernunft: wenn ~A~ *ist*,
so muß auch sein Gegensatzbegriff ~B~ *sein*). Zu diesen Schlüssen
*inspiriert das Leiden*: im Grunde sind es *Wünsche*, es möchte eine
solche Welt geben; ebenfalls drückt sich der Haß gegen eine Welt,
die leiden macht, darin aus, daß eine andere imaginiert wird, eine
*wertvollere*: das *Ressentiment* der Metaphysiker gegen das Wirkliche
ist hier schöpferisch.
*Zweite* Reihe von Fragen: *wozu* Leiden?.... und hier ergibt sich
ein Schluß auf das Verhältnis der wahren Welt zu unsrer scheinbaren,
wandelbaren, leidenden, widerspruchsvollen: 1. Leiden als Folge des
Irrtums: wie ist Irrtum möglich? 2. Leiden als Folge von Schuld: wie
ist Schuld möglich? (-- lauter Erfahrungen aus der Natursphäre oder der
Gesellschaft universaliert und ins „An-sich“ projiziert). Wenn aber
die bedingte Welt ursächlich von der unbedingten bedingt ist, so muß
die *Freiheit zum Irrtum und zur Schuld* mit von ihr bedingt sein: und
wieder fragt man *wozu*?.... Die Welt des Scheins, des Werdens, des
Widerspruchs, des Leidens ist also *gewollt*: *wozu*?
Der Fehler dieser Schlüsse: zwei gegensätzliche Begriffe sind gebildet,
-- *weil* dem einen von ihnen eine Realität entspricht, „*muß*“ auch
dem andern eine Realität entsprechen. „*Woher* sollte man sonst dessen
Gegenbegriff haben?“ -- *Vernunft* somit als eine Offenbarungsquelle
über An-sich-Seiendes.
Aber die *Herkunft* jener Gegensätze *braucht nicht notwendig* auf
eine übernatürliche Quelle der Vernunft zurückzugehen: es genügt, die
*wahre Genesis* der Begriffe dagegenzustellen: -- diese stammt aus der
praktischen Sphäre, aus der Nützlichkeitssphäre, und hat eben daher
ihren *starken Glauben* (man *geht daran zugrunde*, wenn man nicht
gemäß dieser Vernunft schließt: aber damit ist das nicht „bewiesen“,
was sie behauptet).
*Die Präokkupation durch das Leiden* bei den Metaphysikern: ist
ganz naiv. „Ewige Seligkeit“: psychologischer Unsinn. Tapfere
und schöpferische Menschen fassen Lust und Leid *nie* als letzte
Wertfragen, -- es sind Begleitzustände: man muß beides *wollen*, wenn
man etwas *erreichen* will -- darin drückt sich etwas Müdes und Krankes
an den Metaphysikern und Religiösen aus, daß sie Lust- und Leidprobleme
im Vordergrunde sehen. Auch die *Moral* hat *nur* deshalb für sie
solche *Wichtigkeit*, weil sie als wesentliche Bedingung in Hinsicht
auf Abschaffung des Leidens gilt.
*Insgleichen die Präokkupation durch Schein und Irrtum*: Ursache von
Leiden, Aberglaube, daß das Glück mit der Wahrheit verbunden sei
(Verwechslung: das Glück in der „Gewißheit“, im „Glauben“).
383.
*Kritik des Begriffes „wahre und scheinbare Welt“.* -- Von diesen ist
die erste eine bloße Fiktion, aus lauter fingierten Dingen gebildet.
Die „Scheinbarkeit“ gehört selbst zur Realität: sie ist eine Form
ihres Seins; das heißt in einer Welt, wo es kein Sein gibt, muß durch
den Schein erst eine gewisse berechenbare Welt *identischer* Fälle
geschaffen werden: ein Tempo, in dem Beobachtung und Vergleichung
möglich ist, usw.
: „Scheinbarkeit“ ist eine zurechtgemachte und vereinfachte Welt, an
der unsre *praktischen* Instinkte gearbeitet haben: sie ist für *uns*
vollkommen wahr: nämlich wir *leben*, wir können in ihr leben: *Beweis*
ihrer Wahrheit für uns....
: die Welt, abgesehen von unsrer Bedingung, in ihr zu leben, die
Welt, die wir nicht auf unser Sein, unsre Logik und psychologischen
Vorurteile reduziert haben, existiert *nicht* als Welt „an sich“;
sie ist essentiell Relationswelt: sie hat unter Umständen von jedem
Punkt aus ihr *verschiedenes Gesicht*: ihr Sein ist essentiell an
jedem Punkte anders: sie drückt auf jeden Punkt, es widersteht ihr
jeder Punkt -- und diese Summierungen sind in jedem Falle gänzlich
*inkongruent*.
Das *Maß von Macht* bestimmt, welches Wesen das andre Maß von Macht
hat: unter welcher Form, Gewalt, Nötigung es wirkt oder widersteht.
Unser Einzelfall ist interessant genug: wir haben eine Konzeption
gemacht, um in einer Welt leben zu können, um gerade genug zu
perzipieren, daß wir noch es *aushalten*....
384.
Die scheinbare Welt, das heißt eine Welt, nach Werten angesehen;
geordnet, ausgewählt nach Werten, das heißt in diesem Falle nach
dem Nützlichkeitsgesichtspunkt in Hinsicht auf die Erhaltung und
Machtsteigerung einer bestimmten Gattung von Animal.
Das *Perspektivische* also gibt den Charakter der „Scheinbarkeit“
ab! Als ob eine Welt noch übrig bliebe, wenn man das Perspektivische
abrechnet! Damit hätte man ja die *Relativität* abgerechnet!
Jedes Kraftzentrum hat für den ganzen *Rest* seine *Perspektive*,
das heißt seine ganz bestimmte *Wertung*, seine Aktionsart, seine
Widerstandsart. Die „scheinbare Welt“ reduziert sich also auf eine
spezifische Art von Aktion auf die Welt, ausgehend von einem Zentrum.
Nun gibt es gar keine andre Art Aktion: und die „Welt“ ist nur ein
Wort für das Gesamtspiel dieser Aktionen. Die *Realität* besteht exakt
in dieser Partikularaktion und -Reaktion jedes Einzelnen gegen das
Ganze....
Es bleibt kein Schatten von *Recht* mehr übrig, hier von *Schein* zu
reden....
Die *spezifische Art zu reagieren* ist die einzige Art des Reagierens:
wir wissen nicht, wie viele und was für Arten es alles gibt.
Aber es gibt kein „*anderes*“, kein „wahres“, kein wesentliches Sein,
-- damit würde eine Welt *ohne* Aktion und Reaktion ausgedrückt sein....
Der Gegensatz der scheinbaren Welt und der wahren Welt reduziert sich
auf den Gegensatz „Welt“ und „Nichts“ --
385.
A.
Ich sehe mit Erstaunen, daß die Wissenschaft sich heute resigniert,
auf die scheinbare Welt angewiesen zu sein: eine wahre Welt -- sie mag
sein, wie sie will --, gewiß haben wir kein Organ der Erkenntnis für
sie.
Hier dürfen wir nun schon fragen: mit welchem Organ der Erkenntnis
setzt man auch diesen Gegensatz nur an?....
Damit, daß eine Welt, die unsern Organen zugänglich ist, auch als
abhängig von diesen Organen verstanden wird, damit, daß wir eine Welt
als subjektiv bedingt verstehen, damit ist nicht ausgedrückt, daß eine
objektive Welt überhaupt möglich ist. Wer zwingt uns, zu denken, daß
die Subjektivität real, essentiell ist?
Das „An sich“ ist sogar eine widersinnige Konzeption: eine
„Beschaffenheit an sich“ ist Unsinn: wir haben den Begriff „Sein“,
„Ding“ immer nur als *Relations*begriff....
Das Schlimme ist, daß mit dem alten Gegensatz „scheinbar“ und „wahr“
sich das korrelative Werturteil fortgepflanzt hat: „gering an Wert“ und
„absolut wertvoll“.
Die scheinbare Welt gilt uns nicht als eine „wertvolle“ Welt; der
Schein soll eine Instanz gegen den obersten Wert sein. Wertvoll an sich
kann nur eine „wahre“ Welt sein....
*Vorurteil der Vorurteile!* Erstens wäre an sich möglich, daß die
wahre Beschaffenheit der Dinge dermaßen den Voraussetzungen des Lebens
schädlich wäre, entgegengesetzt wäre, daß eben der Schein not täte,
um leben zu können.... Dies ist ja der Fall in so vielen Lagen: zum
Beispiel in der Ehe.
Unsre empirische Welt wäre aus den Instinkten der Selbsterhaltung auch
in ihren Erkenntnisgrenzen bedingt: wir hielten für wahr, für gut, für
wertvoll, was der Erhaltung der Gattung frommt....
a) Wir haben keine Kategorien, nach denen wir eine wahre und eine
scheinbare Welt scheiden dürften. (Es könnte eben *bloß* eine
scheinbare Welt geben, aber nicht nur *unsere* scheinbare Welt....)
b) Die *wahre* Welt angenommen, so könnte sie immer noch die *geringere
an Wert* für uns sein: gerade das Quantum Illusion möchte, in seinem
Erhaltungswert für uns, höheren Ranges sein. (Es sei denn, daß der
*Schein* an sich ein Verwerfungsurteil begründete?)
c) Daß eine Korrelation bestehe zwischen den *Graden der Werte*
und den *Graden der Realität* (so daß die obersten Werte auch die
oberste Realität hätten), ist ein metaphysisches Postulat, von der
Voraussetzung ausgehend, daß wir die Rangordnung der Werte *kennen*:
nämlich, daß diese Rangordnung eine *moralische* ist.... Nur in dieser
Voraussetzung ist die *Wahrheit* notwendig für die Definition alles
Höchstwertigen.
B.
Es ist von kardinaler Wichtigkeit, daß man die *wahre Welt* abschafft.
Sie ist die große Anzweiflerin und Wertverminderung der *Welt, die wir
sind*: sie war bisher unser gefährlichstes *Attentat* auf das Leben.
*Krieg* gegen alle Voraussetzungen, auf welche hin man eine wahre Welt
fingiert hat. Zu diesen Voraussetzungen gehört, daß die *moralischen
Werte die obersten* seien.
Die moralische Wertung als oberste wäre widerlegt, wenn sie bewiesen
werden könnte als die Folge einer *unmoralischen* Wertung: als ein
Spezialfall der realen Unmoralität: sie reduzierte sich damit selbst
auf einen *Anschein*, und als *Anschein* hätte sie, von sich aus, kein
Recht mehr, den Schein zu verurteilen.
C.
Der „Wille zur Wahrheit“ wäre sodann psychologisch zu untersuchen: er
ist keine moralische Gewalt, sondern eine Form des Willens zur Macht.
Dies wäre damit zu beweisen, daß er sich aller *unmoralischen* Mittel
bedient: die Metaphysiker voran --
Wir sind heute vor die Prüfung der Behauptung gestellt, daß die
moralischen Werte die obersten Werte seien. Die *Methodik der
Forschung* ist erst erreicht, wenn alle *moralischen Vorurteile*
überwunden sind: -- sie stellte einen Sieg über die Moral dar....
386.
Die größte Fabelei ist die von der Erkenntnis. Man möchte wissen, wie
die *Dinge an sich* beschaffen sind: aber siehe da, es gibt keine Dinge
an sich! Gesetzt aber sogar, es *gäbe* ein An-sich, ein Unbedingtes,
so könnte es eben darum *nicht erkannt werden*! Etwas Unbedingtes kann
nicht erkannt werden: sonst wäre es eben nicht unbedingt! Erkennen
ist aber immer „sich irgendwozu in Bedingung setzen“ -- --; ein solch
Erkennender will, daß das, was er erkennen will, ihn nichts angeht, und
daß dasselbe Etwas überhaupt niemanden nichts angeht: wobei erstlich
ein Widerspruch gegeben ist, im Erkennen*wollen* und dem Verlangen, daß
es ihn nichts angehen soll (wozu doch dann Erkennen?), und zweitens,
weil etwas, das niemanden nichts angeht, gar nicht *ist*, also auch
gar nicht erkannt werden kann. -- Erkennen heißt „sich in Bedingung
setzen zu etwas“: sich durch etwas bedingt fühlen und ebenso es selbst
unsrerseits bedingen -- -- es ist also unter allen Umständen ein
*Feststellen, Bezeichnen, Bewußtmachen von Bedingungen* (*nicht* ein
*Ergründen* von Wesen, Dingen, „An-sichs“).
387.
Die Eigenschaften eines Dinges sind Wirkungen auf andre „Dinge“:
denkt man andre „Dinge“ weg, so hat ein Ding keine Eigenschaften,
das heißt, *es gibt kein Ding ohne andre Dinge*,
das heißt, es gibt kein „Ding an sich“.
388.
Das „Ding an sich“ widersinnig. Wenn ich alle Relationen, alle
„Eigenschaften“, alle „Tätigkeiten“ eines Dinges wegdenke, so bleibt
nicht das Ding übrig: weil Dingheit erst von uns *hinzufingiert*
ist, aus logischen Bedürfnissen, also zum Zweck der Bezeichnung,
der Verständigung (zur Bindung jener Vielheit von Relationen,
Eigenschaften, Tätigkeiten).
389.
„Dinge, die eine Beschaffenheit *an sich* haben“ -- eine dogmatische
Vorstellung, mit der man absolut brechen muß.
390.
Daß die Dinge eine *Beschaffenheit an sich* hätten, ganz abgesehen von
der Interpretation und Subjektivität, ist *eine ganz müßige Hypothese*:
es würde voraussetzen, daß das *Interpretieren* und *Subjektsein*
*nicht* wesentlich sei, daß ein Ding, aus allen Relationen gelöst, noch
Ding sei.
Umgekehrt: der anscheinende *objektive* Charakter der Dinge: könnte
er nicht bloß auf eine *Graddifferenz* innerhalb des Subjektiven
hinauslaufen? -- daß etwa das Langsam-Wechselnde uns als „objektiv“
dauernd, seiend, „an sich“ sich herausstellte, -- daß das Objektive nur
ein falscher Artbegriff und Gegensatz wäre *innerhalb* des Subjektiven?
391.
Ein „Ding an sich“ ebenso verkehrt wie ein „Sinn an sich“, eine
„Bedeutung an sich“. Es gibt keinen „Tatbestand an sich“, sondern *ein
Sinn muß immer erst hineingelegt werden, damit es einen Tatbestand
geben kann*.
Das „was ist das?“ ist eine *Sinnsetzung* von etwas anderem aus
gesehen. Die „*Essenz*“, die „*Wesenheit*“ ist etwas Perspektivisches
und setzt eine Vielheit schon voraus. Zugrunde liegt immer „was ist das
für *mich*?“ (für uns, für alles, was lebt usw.).
Ein Ding wäre bezeichnet, wenn an ihm erst alle Wesen ihr „was ist
das?“ gefragt und beantwortet hätten. Gesetzt, ein einziges Wesen, mit
seinen eignen Relationen und Perspektiven zu allen Dingen, fehlte, so
ist das Ding immer noch nicht „definiert“.
Kurz: das Wesen eines Dings ist auch nur eine *Meinung* über das
„Ding“. Oder vielmehr: das „*es gilt*“ ist das eigentliche „*es ist*“,
das einzige „das ist“.
Man darf nicht fragen: „*wer* interpretiert denn?“ sondern das
Interpretieren selbst, als eine Form des Willens zur Macht, hat Dasein
(aber nicht als ein „Sein“, sondern als ein *Prozeß*, ein *Werden*) als
ein Affekt.
Die Entstehung der „Dinge“ ist ganz und gar das Werk der Vorstellenden,
Denkenden, Wollenden, Empfindenden. Der Begriff „Ding“ selbst ebenso
als alle Eigenschaften. -- Selbst „das Subjekt“ ist ein solches
Geschaffenes, ein „Ding“ wie alle andern: eine Vereinfachung, um die
*Kraft*, welche setzt, erfindet, denkt, als solche zu bezeichnen, im
Unterschiede von allem einzelnen Setzen, Erfinden, Denken selbst. Also
das *Vermögen* im Unterschiede von allem Einzelnen bezeichnet: im
Grunde das Tun in Hinsicht auf alles noch zu erwartende Tun (Tun und
die Wahrscheinlichkeit ähnlichen Tuns) zusammengefaßt.
392.
Der faule Fleck des Kantschen Kritizismus ist allmählich auch den
gröberen Augen sichtbar geworden: Kant hatte kein Recht mehr zu seiner
Unterscheidung „*Erscheinung*“ und „*Ding an sich*“, -- er hatte sich
selbst das Recht abgeschnitten, noch fernerhin in dieser alten üblichen
Weise zu unterscheiden, insofern er den Schluß von der Erscheinung auf
eine *Ursache* der Erscheinung als unerlaubt ablehnte -- gemäß seiner
Fassung des Kausalitätsbegriffs und dessen *rein intraphänomenaler*
Gültigkeit: welche Fassung andrerseits jene Unterscheidung schon
vorwegnimmt, wie als ob das „Ding an sich“ nicht nur erschlossen,
sondern *gegeben* sei.
393.
Es liegt auf der Hand, daß *weder* Dinge an sich miteinander im
Verhältnisse von Ursache und Wirkung stehen können, *noch* Erscheinung
mit Erscheinung: womit sich ergibt, daß der Begriff „Ursache und
Wirkung“ innerhalb einer Philosophie, die an Dinge an sich und an
Erscheinungen glaubt, *nicht anwendbar* ist. Die Fehler Kants --....
Tatsächlich stammt der Begriff „Ursache und Wirkung“, psychologisch
nachgerechnet, nur aus einer Denkweise, die immer und überall Wille auf
Wille wirkend glaubt, -- die nur an Lebendiges glaubt und im Grunde
nur an „*Seelen*“ (und *nicht* an Dinge). Innerhalb der mechanischen
Weltbetrachtung (welche Logik ist und deren Anwendung auf Raum und
Zeit) reduziert sich jener Begriff auf die mathemathische Formel -- mit
der, wie man immer wieder unterstreichen muß, niemals etwas begriffen,
wohl aber etwas bezeichnet, *verzeichnet* wird.
394.
Gegen den *Wert* des Ewig-Gleichbleibenden (von Spinozas Naivität,
Descartes' ebenfalls) den Wert des Kürzesten und Vergänglichsten, das
verführerische Goldaufblitzen am Bauch der Schlange ~vita~ --
III. Die Natur -- ein Machtwille.
1. Die anorganische Natur.
395.
Die Qualitäten sind unsere unübersteiglichen Schranken; wir können
durch nichts verhindern, bloße *Quantitätsdifferenzen* als etwas von
Quantität Grundverschiedenes zu empfinden, nämlich als *Qualitäten*,
die nicht mehr aufeinander reduzierbar sind. Aber alles, wofür nur das
Wort „Erkenntnis“ Sinn hat, bezieht sich auf das Reich, wo gezählt,
gewogen, gemessen werden kann, auf die Quantität: während umgekehrt
alle unsre Wertempfindungen (das heißt eben unsre Empfindungen)
gerade an den Qualitäten haften, das heißt an unsren, nur uns allein
zugehörigen perspektivischen „Wahrheiten“, die schlechterdings
nicht „erkannt“ werden können. Es liegt auf der Hand, daß jedes von
uns verschiedene Wesen andere Qualitäten empfindet und folglich in
einer anderen Welt, als wir leben, lebt. Die Qualitäten sind unsre
eigentliche menschliche Idiosynkrasie: zu verlangen, daß diese
unsre menschlichen Auslegungen und Werte allgemeine und vielleicht
konstitutive Werte sind, gehört zu den erblichen Verrücktheiten des
menschlichen Stolzes.
396.
Unser „Erkennen“ beschränkt sich darauf, *Quantitäten* festzustellen;
aber wir können durch nichts hindern, diese Quantitätsdifferenzen als
*Qualitäten* zu empfinden. Die Qualität ist eine *perspektivische*
Wahrheit für *uns*; kein „An sich“.
Unsere Sinne haben ein bestimmtes Quantum als Mitte, innerhalb
deren sie funktionieren, das heißt, wir empfinden groß und klein im
Verhältnis zu den Bedingungen unsrer Existenz. Wenn wir unsre Sinne
um das Zehnfache verschärften oder verstumpften, würden wir zugrunde
gehen: -- das heißt, wir empfinden auch *Größenverhältnisse* in bezug
auf unsre Existenzermöglichung als *Qualitäten*.
397.
Von den *Weltauslegungen*, welche bisher versucht worden sind, scheint
heutzutage die *mechanistische* siegreich im Vordergrund zu stehen.
Ersichtlich hat sie das gute Gewissen auf ihrer Seite; und keine
Wissenschaft glaubt bei sich selber an einen Fortschritt und Erfolg,
es sei denn, wenn er mit Hilfe mechanistischer Prozeduren errungen
ist. Jedermann kennt diese Prozeduren: man läßt die „Vernunft“ und
die „Zwecke“, so gut es gehen will, aus dem Spiele, man zeigt, daß
bei gehöriger Zeitdauer alles aus allem werden kann; man verbirgt ein
schadenfrohes Schmunzeln nicht, wenn wieder einmal die „anscheinende
Absichtlichkeit im Schicksale“ einer Pflanze oder eines Eidotters auf
Druck und Stoß zurückgeführt ist: kurz, man huldigt von ganzem Herzen,
wenn in einer so ernsten Angelegenheit ein scherzhafter Ausdruck
erlaubt ist, dem Prinzip der größtmöglichen Dummheit. Inzwischen gibt
sich gerade bei den ausgesuchten Geistern, welche in dieser Beziehung
stehen, ein Vorgefühl, eine Beängstigung zu erkennen, wie als ob die
Theorie ein Loch habe, welches über kurz oder lang zu ihrem letzten
Loche werden könne: ich meine zu jenem, auf dem man pfeift, wenn man in
höchsten Nöten ist. Man kann Druck und Stoß selber nicht „erklären“,
man wird die ~actio in distans~ nicht los: -- man hat den Glauben
an das Erklären-können selber verloren und gibt mit sauertöpfischer
Miene zu, daß Beschreiben und nicht Erklären möglich ist, daß die
dynamische Weltauslegung, mit ihrer Leugnung des „leeren Raumes“, den
Klümpchenatomen, in kurzem über die Physiker Gewalt haben wird: wobei
man freilich zur Dynamis noch eine innere Qualität --
398.
Der mechanistische Begriff der „*Bewegung*“ ist bereits eine
Übersetzung des Originalvorgangs in die *Zeichensprache von Auge und
Getast*.
Der Begriff „*Atom*“, die Unterscheidung zwischen einem „Sitz der
treibenden Kraft und ihr selber“, ist eine *Zeichensprache aus unsrer
logisch-psychischen Welt her*.
Es steht nicht in unserem Belieben, unser Ausdrucksmittel zu verändern:
es ist möglich zu begreifen, inwiefern es bloße Semiotik ist. Die
Forderung einer *adäquaten Ausdrucksweise* ist *unsinnig*: es liegt
im Wesen einer Sprache, eines Ausdrucksmittels, eine bloße *Relation*
auszudrücken.... Der Begriff „Wahrheit“ ist *widersinnig*. Das ganze
Reich von „wahr -- falsch“ bezieht sich nur auf Relationen zwischen
Wesen, nicht auf das „An sich“.... Es gibt kein „Wesen an sich“ (die
*Relationen* konstituieren erst Wesen --), so wenig es eine „Erkenntnis
an sich“ geben kann.
399.
*Druck* und *Stoß* etwas unsäglich Spätes, Abgeleitetes,
Unursprüngliches. Es setzt ja schon etwas voraus, das *zusammenhält*
und drücken und stoßen *kann*! Aber woher hielte es zusammen?
400.
*Gegen* das physikalische *Atom*. -- Um die Welt zu begreifen, müssen
wir sie berechnen können; um sie berechnen zu können, müssen wir
konstante Ursachen haben; weil wir in der Wirklichkeit keine solchen
konstanten Ursachen finden, *erdichten* wir uns welche -- die Atome.
Dies ist die Herkunft der Atomistik.
Die Berechenbarkeit der Welt, die Ausdrückbarkeit alles Geschehens in
Formeln -- ist das wirklich ein „Begreifen“? Was wäre wohl an einer
Musik begriffen, wenn alles, was an ihr berechenbar ist und in Formeln
abgekürzt werden kann, berechnet wäre? -- Sodann die „konstanten
Ursachen“, Dinge, Substanzen, etwas „Unbedingtes“ also; *erdichtet* --
was hat man erreicht?
401.
„Anziehen“ und „Abstoßen“ in rein mechanischem Sinne ist eine
vollständige Fiktion: ein Wort. Wir können uns ohne eine *Absicht* ein
Anziehen nicht denken. -- Den Willen, sich einer Sache zu bemächtigen
oder gegen ihre Macht sich zu wehren und sie zurückzustoßen -- *das*
„verstehen“ wir: das wäre eine Interpretation, die wir brauchen könnten.
Kurz: die psychologische Nötigung zu einem Glauben an Kausalität liegt
in der *Unvorstellbarkeit* eines *Geschehens ohne Absichten*: womit
natürlich über Wahrheit oder Unwahrheit (Berechtigung eines solchen
Glaubens) nichts gesagt ist! Der Glaube an ~causae~ fällt mit dem
Glauben an τέλη (gegen Spinoza und dessen Kausalismus).
402.
Wir haben „Einheiten“ nötig, um *rechnen* zu können: deshalb ist nicht
anzunehmen, daß es solche Einheiten *gibt*. Wir haben den Begriff
der Einheit entlehnt von unserm „Ich“-Begriff, -- unserm ältesten
Glaubensartikel. Wenn wir uns nicht für Einheiten hielten, hätten
wir nie den Begriff „Ding“ gebildet. Jetzt, ziemlich spät, sind wir
reichlich davon überzeugt, daß unsre Konzeption des Ich-Begriffs nichts
für eine reale Einheit verbürgt. Wir haben also, um die mechanistische
Welt theoretisch aufrecht zu erhalten, immer die Klausel zu machen,
inwiefern wir sie mit zwei Fiktionen durchführen: dem Begriff der
*Bewegung* (aus unsrer Sinnensprache genommen) und dem Begriff des
*Atoms* (= Einheit, aus unsrer psychischen „Erfahrung“ herstammend): --
sie hat ein *Sinnenvorurteil* und ein *psychologisches Vorurteil* zu
ihrer Voraussetzung.