Die *Berechenbarkeit eines Geschehens* liegt nicht darin, daß eine

Regel befolgt wurde, oder einer Notwendigkeit gehorcht wurde, oder ein

Gesetz von Kausalität von uns in jedes Geschehen projiziert wurde -- :

sie liegt in der *Wiederkehr „identischer Fälle“*.

Es gibt nicht, wie Kant meint, einen *Kausalitätssinn*. Man wundert

sich, man ist beunruhigt, man will etwas Bekanntes, woran man sich

halten kann.... Sobald im Neuen uns etwas Altes aufgezeigt wird, sind

wir beruhigt. Der angebliche Kausalitätsinstinkt ist nur die *Furcht

vor dem Ungewohnten* und der Versuch, in ihm etwas *Bekanntes* zu

entdecken, -- ein Suchen nicht nach Ursachen, sondern nach Bekanntem.

360.

In jedem Urteile steckt der ganze, volle, tiefe Glaube an Subjekt und

Prädikat oder an Ursache und Wirkung (nämlich als die Behauptung,

daß jede Wirkung Tätigkeit sei und daß jede Tätigkeit einen Täter

voraussetze); und dieser letztere Glaube ist sogar nur ein Einzelfall

des ersteren, so daß als Grundglaube der Glaube übrig bleibt: es gibt

Subjekte; alles, was geschieht, verhält sich prädikativ zu irgend

welchem Subjekte.

Ich bemerke etwas und suche nach einem *Grund* dafür: das heißt

ursprünglich: ich suche nach einer *Absicht* darin, und vor allem

nach einem, der Absicht hat, nach einem Subjekt, einem Täter: alles

Geschehen ein Tun, -- ehemals sah man in *allem* Geschehen Absichten,

dies ist unsere älteste Gewohnheit. Hat das Tier sie auch? Ist

es, als Lebendiges, nicht auch auf die Interpretation nach sich

angewiesen? Die Frage „warum?“ ist immer die Frage nach der ~causa

finalis~, nach einem „Wozu?“ Von einem „Sinn der ~causa efficiens~“

haben wir nichts: hier hat *Hume* recht, die Gewohnheit (aber *nicht*

nur die des Individuums!) läßt uns erwarten, daß ein gewisser, oft

beobachteter Vorgang auf den andern folgt: weiter nichts! Was uns

die außerordentliche Festigkeit des Glaubens an Kausalität gibt, ist

*nicht* die große Gewohnheit des Hintereinanders von Vorgängen, sondern

unsre *Unfähigkeit*, ein Geschehen anders *interpretieren* zu können

denn als ein Geschehen aus *Absichten*. Es ist der *Glaube* an das

Lebendige und Denkende als an das einzig *Wirkende* -- an den Willen,

die Absicht --, es ist der Glaube, daß alles Geschehen ein Tun sei, daß

alles Tun einen Täter voraussetze, es ist der Glaube an das „Subjekt“.

Sollte dieser Glaube an den Subjekt- und Prädikatbegriff nicht eine

große Dummheit sein?

Frage: ist die Absicht Ursache eines Geschehens? Oder ist auch das

Illusion? Ist sie nicht das Geschehen selbst?

361.

*Zur Bekämpfung des Determinismus und der Teleologie.* -- Daraus,

daß etwas regelmäßig erfolgt und berechenbar erfolgt, ergibt sich

nicht, daß es *notwendig* erfolgt. Daß ein Quantum Kraft sich in jedem

bestimmten Falle auf eine einzige Art und Weise bestimmt und benimmt,

macht es nicht zum „unfreien Willen“. Die „mechanische Notwendigkeit“

ist kein Tatbestand: *wir* erst haben sie in das Geschehen

hineininterpretiert. Wir haben die *Formulierbarkeit* des Geschehens

ausgedeutet als Folge einer über dem Geschehen waltenden Nezessität.

Aber daraus, daß ich etwas Bestimmtes tue, folgt keineswegs, daß ich

es gezwungen tue. Der *Zwang* ist in den Dingen gar nicht nachweisbar:

die Regel beweist nur, daß ein und dasselbe Geschehen nicht auch ein

anderes Geschehen ist. Erst dadurch, daß wir Subjekte, „*Täter*“ in die

Dinge hineingedeutet haben, entsteht der Anschein, daß alles Geschehen

die Folge von einem auf Subjekte ausgeübten *Zwange* ist, -- ausgeübt

von wem? wiederum von einem „Täter“. Ursache und Wirkung -- ein

gefährlicher Begriff, solange man ein *Etwas* denkt, das *verursacht*,

und ein Etwas, auf das *gewirkt* wird.

a) Die Notwendigkeit ist kein Tatbestand, sondern eine Interpretation.

b) Hat man begriffen, daß das „Subjekt“ nichts ist, was *wirkt*,

sondern nur eine Fiktion, so folgt vielerlei.

Wir haben nur nach dem Vorbilde des Subjekts die *Dinglichkeit*

erfunden und in den Sensationenwirrwarr hineininterpretiert. Glauben

wir nicht mehr an das *wirkende* Subjekt, so fällt auch der Glaube an

*wirkende* Dinge, an Wechselwirkung, Ursache und Wirkung zwischen

jenen Phänomenen, die wir Dinge nennen.

Es fällt damit natürlich auch die Welt der *wirkenden Atome*: deren

Annahme immer unter der Voraussetzung gemacht ist, daß man Subjekte

braucht.

Es fällt endlich auch das „*Ding an sich*“: weil das im Grunde die

Konzeption eines „Subjekts an sich“ ist. Aber wir begriffen, daß das

Subjekt fingiert ist. Der Gegensatz „Ding an sich“ und „Erscheinung“

ist unhaltbar; damit aber fällt auch der Begriff „*Erscheinung*“ dahin.

c) Geben wir das wirkende *Subjekt* auf, so auch das *Objekt*, auf

das gewirkt wird. Die Dauer, die Gleichheit mit sich selbst, das Sein

inhäriert weder dem, was Subjekt, noch dem, was Objekt genannt wird:

es sind Komplexe des Geschehens, in Hinsicht auf andere Komplexe

scheinbar dauerhaft, -- also zum Beispiel durch eine Verschiedenheit

im Tempo des Geschehens (Ruhe -- Bewegung, fest -- locker: alles

Gegensätze, die nicht an sich existieren und mit denen tatsächlich nur

*Gradverschiedenheiten* ausgedrückt werden, die für ein gewisses Maß

von Optik sich als Gegensätze ausnehmen. Es gibt keine Gegensätze: nur

von denen der Logik her haben wir den Begriff des Gegensatzes -- und

von da aus fälschlich in die Dinge übertragen).

d) Geben wir den Begriff „Subjekt“ und „Objekt“ auf, dann auch

den Begriff „*Substanz*“ -- und folglich auch dessen verschiedene

Modifikationen, zum Beispiel, „Materie“, „Geist“ und andere

hypothetische Wesen, „Ewigkeit und Unveränderlichkeit des Stoffs“ usw.

Wir sind die *Stofflichkeit* los.

Moralisch ausgedrückt, *ist die Welt falsch*. Aber insofern die Moral

selbst ein Stück dieser Welt ist, so ist die Moral falsch.

Der Wille zur Wahrheit ist ein Fest*machen*, ein Wahr-,

Dauerhaft*machen*, ein Aus-dem-Auge-schaffen jenes *falschen*

Charakters, eine Umdeutung desselben ins *Seiende*. „Wahrheit“ ist

somit nicht etwas, das da wäre und das aufzufinden, zu entdecken

wäre, -- sondern etwas, *das zu schaffen ist* und das den Namen für

einen *Prozeß abgibt*, mehr noch für einen Willen der Überwältigung,

der an sich kein Ende hat: Wahrheit hineinlegen, als ein ~processus

in infinitum~, ein *aktives Bestimmen*, -- *nicht* ein Bewußtwerden

von etwas, das an sich fest und bestimmt wäre. Es ist ein Wort für den

„Willen zur Macht“.

Das Leben ist auf die Voraussetzung eines Glaubens an Dauerndes und

Regulär-Wiederkehrendes gegründet; je mächtiger das Leben, um so

breiter muß die erratbare, gleichsam *seiend gemachte* Welt sein.

Logisierung, Rationalisierung, Systematisierung als Hilfsmittel des

Lebens.

Der Mensch projiziert seinen Trieb zur Wahrheit, sein „Ziel“ in einem

gewissen Sinne außer sich als *seiende* Welt, als metaphysische Welt,

als „Ding an sich“, als bereits vorhandene Welt. Sein Bedürfnis als

Schaffender *erdichtet* bereits die Welt, an der er arbeitet, nimmt sie

vorweg; diese Vorwegnahme (dieser „Glaube“ an die Wahrheit) ist seine

Stütze.

Alles Geschehen, alle Bewegung, alles Werden als ein Feststellen von

Grad- und Kraftverhältnissen, als ein *Kampf*....

Sobald wir uns jemanden *imaginieren*, der verantwortlich ist dafür,

daß wir so und so sind usw. (Gott, Natur), ihm also unsre Existenz,

unser Glück und Elend als *Absicht* zulegen, verderben wir uns die

*Unschuld des Werdens*. Wir haben dann jemanden, der durch uns und mit

uns etwas erreichen will.

Das „Wohl des Individuums“ ist ebenso imaginär als das „Wohl der

Gattung“: das erstere wird nicht dem letzteren geopfert, Gattung ist,

aus der Ferne betrachtet, etwas ebenso Flüssiges wie Individuum.

„*Erhaltung* der Gattung“ ist nur eine Folge des *Wachstums* der

Gattung, das heißt der *Überwindung der Gattung* auf dem Wege zu einer

stärkeren Art.

Thesen. -- Daß die anscheinende „*Zweckmäßigkeit*“ („die aller

menschlichen Kunst unendlich überlegene Zweckmäßigkeit“) bloß die

Folge jenes in allem Geschehen sich abspielenden *Willens zur Macht*

ist -- : daß das *Stärkerwerden* Ordnungen mit sich bringt, die einem

Zweckmäßigkeitsentwurf ähnlich sehen -- : daß die anscheinenden *Zwecke*

nicht beabsichtigt sind, aber, sobald die Übermacht über eine geringere

Macht erreicht ist und letztere als Funktion der größeren arbeitet,

eine Ordnung des *Ranges*, der Organisation den Anschein einer Ordnung

von Mittel und Zweck erwecken muß.

Gegen die anscheinende „*Notwendigkeit*“:

-- diese nur ein *Ausdruck* dafür, daß eine Kraft nicht auch etwas

anderes ist.

Gegen die anscheinende „*Zweckmäßigkeit*“:

-- letztere nur ein *Ausdruck* für eine Ordnung von Machtsphären und

deren Zusammenspiel.

362.

„Es mußte in der Ausbildung des Denkens der Punkt eintreten, wo es

zum Bewußtsein kam, daß das, was man als *Eigenschaften der Dinge*

bezeichnete, Empfindungen des empfindenden Subjekts seien: damit

hörten die Eigenschaften auf, dem Dinge anzugehören.“ Es blieb „das

Ding an sich“ übrig. Die Unterscheidung zwischen Ding an sich und des

Dinges für uns basiert auf der älteren, naiven Wahrnehmung, die dem

Dinge Energie beilegte: aber die Analyse ergab, daß auch die Kraft

hineingedichtet worden ist, und ebenso -- die Substanz. „Das Ding

affiziert ein Subjekt“? Wurzel der Substanzvorstellung in der Sprache,

nicht im Außer-uns-Seienden! Das Ding an sich ist gar kein Problem!

Das Seiende wird als Empfindung zu denken sein, welcher nichts

Empfindungsloses mehr zugrunde liegt.

In der Bewegung ist kein neuer *Inhalt* der Empfindung gegeben. Das

Seiende kann nicht inhaltliche Bewegung sein: also *Form* des Seins.

Nebenbei: Die *Erklärung* des Geschehens kann versucht werden einmal:

durch Vorstellung von Bildern des Geschehens, die ihm *voranlaufen*

(Zwecke);

zweitens: durch Vorstellung von Bildern, die ihm *nachlaufen* (die

mathematisch-physikalische Erklärung).

Beide soll man nicht durcheinanderwerfen. Also: die physische

Erklärung, welche die Verbildlichung der Welt ist aus Empfindung und

Denken, kann nicht selber wieder das Empfinden und Denken ableiten und

entstehen machen: vielmehr muß die Physik auch die empfindende Welt

*konsequent als ohne Empfindung und Zweck* konstruieren -- bis hinauf

zum höchsten Menschen. Und die teleologische ist nur eine *Geschichte

der Zwecke* und *nie* physikalisch!

363.

Die Auslegung eines Geschehens als *entweder* Tun *oder* Leiden (--

also jedes Tun ein Leiden) sagt: jede Veränderung, jedes Anderswerden

setzt einen Urheber voraus und einen, *an dem* „verändert“ wird.

364.

Unsre Unart, ein Erinnerungszeichen, eine abkürzende Formel als Wesen

zu nehmen, schließlich als *Ursache*, zum Beispiel vom Blitz zu sagen:

„er leuchtet“. Oder gar das Wörtchen „ich“. Eine Art von Perspektive

im Sehen wieder als *Ursache des Sehens selbst* zu setzen: das war das

Kunststück in der Erfindung des „Subjekts“, des „Ichs“!

365.

Ich glaube an den absoluten Raum, als Substrat der Kraft: diese

begrenzt und gestaltet. Die Zeit ewig. Aber an sich gibt es nicht Raum,

noch Zeit. „Veränderungen“ sind nur Erscheinungen (oder Sinnesvorgänge

für uns); wenn wir zwischen diesen noch so regelmäßige Wiederkehr

ansetzen, so ist damit nichts begründet als eben diese Tatsache, daß

es immer so geschehen ist. Das Gefühl, daß das ~post hoc~ ein ~propter

hoc~ ist, ist leicht als Mißverständnis abzuleiten; es ist begreiflich.

Aber Erscheinungen können nicht „Ursachen“ sein!

366.

*„Wille zur Macht“ und Kausalismus.* -- Psychologisch nachgerechnet,

ist der Begriff „Ursache“ unser Machtgefühl vom sogenannten Wollen, --

unser Begriff „Wirkung“ der Aberglaube, daß dies Machtgefühl die Macht

selbst sei, welche bewegt....

Ein Zustand, der ein Geschehen begleitet und schon eine Wirkung des

Geschehens ist, wird projiziert als „zureichender Grund“ desselben; --

das Spannungsverhältnis unsres Machtgefühls (die Lust als Gefühl der

Macht), des überwundenen Widerstandes -- sind das Illusionen? --

Übersetzen wir den Begriff „Ursache“ wieder zurück in die uns einzig

bekannte Sphäre, woraus wir ihn genommen haben: so ist uns keine

*Veränderung* vorstellbar, bei der es nicht einen Willen zur Macht

gibt. Wir wissen eine Veränderung nicht abzuleiten, wenn nicht ein

*Übergreifen* von Macht *über andere Macht* statthat.

Die Mechanik zeigt uns nur Folgen, und dazu noch im Bilde (Bewegung ist

eine Bilderrede). Die Gravitation selbst hat keine mechanische Ursache,

da sie der Grund erst für mechanische Folgen ist.

Der Wille zur *Akkumulation von Kraft* ist spezifisch für das Phänomen

des Lebens, für Ernährung, Zeugung, Vererbung, -- für Gesellschaft,

Staat, Sitte, Autorität. Sollten wir diesen Willen nicht als bewegende

Ursache auch in der Chemie annehmen dürfen? -- und in der kosmischen

Ordnung?

Nicht bloß Konstanz der Energie: sondern Maximalökonomie des

Verbrauchs: so daß das *Stärkerwerdenwollen von jedem Kraftzentrum aus*

die einzige Realität ist, -- nicht Selbstbewahrung, sondern Aneignen-,

Herrwerden-, Mehrwerden-, Stärkerwerdenwollen.

Daß Wissenschaft möglich ist, das soll uns ein Kausalitätsprinzip

*beweisen*? „Aus gleichen Ursachen gleiche Wirkungen“ -- „Ein

permanentes Gesetz der Dinge“ -- „Eine invariable Ordnung“? -- Weil

etwas berechenbar ist, ist es deshalb schon notwendig?

Wenn etwas so und nicht anders geschieht, so ist darin kein „Prinzip“,

kein „Gesetz“, keine „Ordnung“, sondern es wirken Kraftquanta, deren

Wesen darin besteht, auf alle anderen Kraftquanta Macht auszuüben.

Können wir ein *Streben nach Macht* annehmen, ohne eine Lust- und

Unlustempfindung, das heißt ohne ein Gefühl von der Steigerung und

Verminderung der Macht? Der Mechanismus ist nur eine Zeichensprache für

die *interne* Tatsachenwelt kämpfender und überwindender Willensquanta?

Alle Voraussetzungen des Mechanismus, Stoff, Atom, Schwere, Druck und

Stoß sind nicht „Tatsachen an sich“, sondern Interpretationen mit Hilfe

*psychischer* Fiktionen.

Das *Leben* als die uns bekannteste Form des Seins ist spezifisch ein

Wille zur Akkumulation der Kraft -- : alle Prozesse des Lebens haben

hier ihren Hebel: nichts will sich erhalten, alles soll summiert und

akkumuliert werden.

Das Leben als ein Einzelfall (Hypothese von da aus auf den

Gesamtcharakter des Daseins --) strebt nach einem *Maximalgefühl von

Macht*; ist essentiell ein Streben nach Mehr von Macht; Streben ist

nichts anderes als Streben nach Macht; das Unterste und Innerste bleibt

dieser Wille. (Mechanik ist eine bloße Semiotik der Folgen.)

d. Ich und Außenwelt.

367.

Der *Substanz*begriff eine Folge des *Subjekt*begriffs: *nicht*

umgekehrt! Geben wir die Seele, „das Subjekt“, preis, so fehlt die

Voraussetzung für eine „Substanz“ überhaupt. Man bekommt *Grade des

Seienden*, man verliert *das* Seiende.

Kritik der „*Wirklichkeit*“: worauf führt die

„*Mehr-oder-Weniger-Wirklichkeit*“, die Gradation des Seins, an die wir

glauben? --

Unser Grad von *Lebens-* und *Machtgefühl* (Logik und Zusammenhang des

Erlebten) gibt uns das Maß von „Sein“, „Realität“, „Nicht-Schein“.

*Subjekt*: das ist die Terminologie unsres Glaubens an eine *Einheit*

unter allen den verschiedenen Momenten höchsten Realitätsgefühls: wir

verstehen diesen Glauben als *Wirkung* Einer Ursache, -- wir glauben

an unseren Glauben so weit, daß wir um seinetwillen die „Wahrheit“,

„Wirklichkeit“, „Substanzialität“ überhaupt imaginieren. -- „Subjekt“

ist die Fiktion, als ob viele *gleiche* Zustände an uns die Wirkung

eines Substrats wären: aber *wir* haben erst die „Gleichheit“ dieser

Zustände *geschaffen*; das Gleich*setzen* und *Zurecht*machen derselben

ist der *Tatbestand*, *nicht* die Gleichheit (-- diese ist vielmehr zu

*leugnen* --).

368.

Psychologische Geschichte des Begriffs „*Subjekt*“. Der Leib, das Ding,

das vom Auge konstruierte „Ganze“ erweckt die Unterscheidung von einem

Tun und einem Tuenden; der Tuende, die Ursache des Tuns, immer feiner

gefaßt, hat zuletzt das „Subjekt“ übrig gelassen.

369.

„Subjekt“, „Objekt“, „Prädikat“ -- diese Trennungen sind *gemacht*

und werden jetzt wie Schemata übergestülpt über alle anscheinenden

Tatsachen. Die falsche Grundbeobachtung ist, daß ich glaube, ich bin's,

der etwas tut, etwas leidet, der etwas „hat“, der eine Eigenschaft

„hat“.

370.

„Es wird gedacht: folglich gibt es Denkendes“: darauf läuft die

Argumentation des Cartesius hinaus. Aber das heißt unsern Glauben an

den *Substanz*begriff schon als „wahr ~a priori~“ ansetzen: -- daß,

wenn gedacht wird, es etwas geben muß, „das denkt“, ist einfach eine

Formulierung unserer grammatischen Gewöhnung, welche zu einem Tun einen

Täter setzt. Kurz, es wird hier bereits ein logisch-metaphysisches

Postulat gemacht -- und *nicht nur konstatiert*.... Auf dem Wege des

Cartesius kommt man *nicht* zu etwas absolut Gewissem, sondern nur zu

einem Faktum eines sehr starken Glaubens.

Reduziert man den Satz auf „es wird gedacht, folglich gibt es

Gedanken“, so hat man eine bloße Tautologie: und gerade das, was in

Frage steht, die „*Realität* des Gedankens“, ist nicht berührt, --

nämlich in dieser Form ist die „Scheinbarkeit“ des Gedankens nicht

abzuweisen. Was aber Cartesius *wollte*, ist, daß der Gedanke nicht nur

eine *scheinbare Realität* hat, sondern eine *an sich*.

371.

Daß zwischen *Subjekt* und *Objekt* eine Art adäquater Relation

stattfinde; daß das Objekt etwas sei, das *von innen gesehen* Subjekt

wäre, ist eine gutmütige Erfindung, die, wie ich denke, ihre Zeit

gehabt hat. Das Maß dessen, was uns überhaupt bewußt wird, ist ja ganz

und gar abhängig von der groben Nützlichkeit des Bewußtwerdens: wie

erlaubte uns diese Winkelperspektive des Bewußtseins irgendwie über

„Subjekt“ und „Objekt“ Aussagen, mit denen die Realität berührt würde!

--

372.

Parmenides hat gesagt, „man denkt das nicht, was nicht ist“; -- wir

sind am andern Ende und sagen, „was gedacht werden kann, muß sicherlich

eine Fiktion sein.“

373.

Ein Philosoph erholt sich anders mit anderem: er erholt sich zum

Beispiel im Nihilismus. Der Glaube, *daß es gar keine Wahrheit gibt*,

der Nihilistenglaube, ist ein großes Gliederstrecken für einen, der als

Kriegsmann der Erkenntnis unablässig mit lauter häßlichen Wahrheiten im

Kampfe liegt. Denn die Wahrheit ist häßlich.

3. Metaphysik.

Die „wahre“ Welt.

374.

Tiefe Abneigung, in irgendeiner Gesamtbetrachtung der Welt ein für

allemal auszuruhen. Zauber der entgegengesetzten Denkweise: sich den

Anreiz des änigmatischen Charakters nicht nehmen lassen.

375.

Unsere Voraussetzungen: kein Gott: kein Zweck: endliche Kraft. Wir

wollen uns *hüten*, den Niedrigen die *ihnen* nötige Denkweise

auszudenken und vorzuschreiben!!

376.

Unendliche Ausdeutbarkeit der Welt: jede Ausdeutung ein Symptom des

Wachstums oder des Untergehens.

Die Einheit (der Monismus) ein Bedürfnis der ~inertia~; die Mehrheit

der Deutung Zeichen der Kraft. Der Welt ihren beunruhigenden und

änigmatischen Charakter *nicht abstreiten wollen*!

377.

*Gegen* das Versöhnenwollen und die Friedfertigkeit. Dazu gehört auch

jeder Versuch von Monismus.

378.

Die „Sinnlosigkeit des Geschehens“: der Glaube daran ist die Folge

einer Einsicht in die Falschheit der bisherigen Interpretationen, eine

Verallgemeinerung der Mutlosigkeit und Schwäche, -- kein *notwendiger*

Glaube.

Unbescheidenheit des Menschen -- : wo er den Sinn nicht sieht, ihn zu

*leugnen*!

379.

Ist man Philosoph, wie man immer Philosoph war, so hat man kein Auge

für das, was war, und das, was wird: -- man sieht nur das *Seiende*.

Da es aber nichts Seiendes gibt, so blieb dem Philosophen nur das

*Imaginäre* aufgespart, als seine „Welt“.

380.

Die „wahre Welt“, wie immer auch man sie bisher konzipiert hat, -- sie

war immer die scheinbare Welt *noch einmal*.

381.

Die „*wahre*“ und die „*scheinbare Welt*“.

A.

Die *Verführungen*, die von diesem Begriff ausgehen, sind dreierlei Art:

a) eine *unbekannte* Welt: -- wir sind Abenteurer, neugierig, -- das

Bekannte scheint uns müde zu machen (-- die Gefahr des Begriffs liegt

darin, uns „diese“ Welt als *bekannt* zu insinuieren....);

b) eine *andre* Welt, wo es anders ist: -- es rechnet etwas in uns

nach, unsre stille Ergebung, unser Schweigen verlieren dabei ihren

Wert, -- vielleicht wird alles gut, wir haben nicht umsonst gehofft....

Die Welt, wo es anders, wo wir selbst -- wer weiß? -- anders sind....

c) eine *wahre* Welt: -- das ist der wunderlichste Streich und

Angriff, der auf uns gemacht wird; es ist so vieles an das Wort

„wahr“ ankrustiert, unwillkürlich machen wir's auch der „wahren Welt“

zum Geschenk: die *wahre* Welt muß auch eine *wahrhaftige* sein,

eine solche, die uns nicht betrügt, nicht zu Narren hat: an sie

glauben ist beinahe glauben *müssen* (-- aus Anstand, wie es unter

zutrauenswürdigen Wesen geschieht --).

Der Begriff „die *unbekannte* Welt“ insinuiert uns *diese* Welt als

„bekannt“ (als langweilig --);

der Begriff „die *andre* Welt“ insinuiert, als ob die Welt *anders sein

könnte*, -- hebt die Notwendigkeit und das Fatum auf (-- unnütz, sich

zu *ergeben*, sich *anzupassen* --);

der Begriff „die *wahre* Welt“ insinuiert diese Welt als eine

unwahrhaftige, betrügerische, unredliche, unechte, unwesentliche, --

und *folglich* auch nicht unserm Nutzen zugetane Welt (-- unratsam,

sich ihr anzupassen; *besser*: ihr widerstreben).

Wir *entziehen* uns also in dreierlei Weise „dieser“ Welt:

a) mit unsrer *Neugierde*, -- wie als ob der interessantere Teil wo

anders wäre;

b) mit unsrer *Ergebung*, -- wie als ob es nicht nötig sei, sich zu

ergeben, -- wie als ob diese Welt keine Notwendigkeit letzten Ranges

sei;

c) mit unsrer *Sympathie* und Achtung, -- wie als ob diese Welt sie

nicht verdiente, als unlauter, als gegen uns nicht redlich....

~In summa~: wir sind auf eine dreifache Weise *revoltiert*: wir haben

ein ~x~ zur *Kritik* der „bekannten Welt“ gemacht.

B.

*Erster Schritt der Besonnenheit*: zu begreifen, inwiefern wir

*verführt* sind, -- nämlich es könnte an sich exakt *umgekehrt* sein:

a) die *unbekannte* Welt könnte derartig beschaffen sein, um uns

Lust zu machen zu „dieser“ Welt, -- als eine vielleicht stupide und

geringere Form des Daseins;

b) die *andere* Welt, geschweige, daß sie unsern Wünschen, die hier

keinen Austrag fänden, Rechnung trüge, könnte mit unter der Masse

dessen sein, was uns *diese* Welt möglich macht: sie kennen lernen wäre

ein Mittel, uns zufrieden zu machen;

c) die *wahre* Welt: aber wer sagt uns eigentlich, daß die scheinbare

Welt weniger wert sein muß, als die wahre? Widerspricht nicht unser

Instinkt diesem Urteile? Schafft sich nicht ewig der Mensch eine

fingierte Welt, weil er eine bessere Welt haben will als die Realität?

Vor *allem*: wie kommen wir darauf, daß *nicht unsre* Welt die wahre

ist?.... zunächst könnte doch die andre Welt die „scheinbare“ sein

(in der Tat haben sich die Griechen zum Beispiel ein *Schattenreich*,

eine *Scheinexistenz* neben der *wahren* Existenz gedacht --). Und

endlich: was gibt uns ein Recht, gleichsam *Grade der Realität*

anzusetzen? Das ist etwas anderes als eine unbekannte Welt, -- das

ist bereits *Etwas-wissen-wollen von der unbekannten*. Die „andere“,

die „unbekannte“ Welt -- gut! aber sagen „wahre Welt“, das heißt

„etwas *wissen* von ihr“, -- das ist der *Gegensatz* zur Annahme einer

~x~-Welt....

~In summa~: die Welt ~x~ könnte in jedem Sinne langweiliger,

unmenschlicher und unwürdiger sein als diese Welt.

Es stünde anders, wenn behauptet würde, es gebe ~x~ Welten, das heißt

jede mögliche Welt noch außer dieser. Aber das ist *nie behauptet

worden*....

C.

Problem: warum die *Vorstellung von der andern Welt* immer zum

Nachteil, respektive zur Kritik „dieser“ Welt ausgefallen ist, --

worauf das weist? --

Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens · 第 16 / 29 段