Der „Geist“, *etwas, das denkt*: womöglich gar „der Geist absolut,

rein, pur“ -- diese Konzeption ist eine abgeleitete zweite Folge

der falschen Selbstbeobachtung, welche an „Denken“ glaubt: hier ist

*erst* ein Akt imaginiert, der gar nicht vorkommt, „das Denken“, und

*zweitens* ein Subjektsubstrat imaginiert, in dem jeder Akt dieses

Denkens und sonst nichts anderes seinen Ursprung hat: das heißt,

*sowohl das Tun, als der Täter sind fingiert*.

310.

Nichts ist fehlerhafter, als aus psychischen und physischen Phänomenen

die zwei Gesichter, die zwei Offenbarungen einer und derselben Substanz

zu machen. Damit erklärt man nichts: der Begriff „*Substanz*“ ist

vollkommen unbrauchbar, wenn man erklären will. Das *Bewußtsein*, in

zweiter Rolle, fast indifferent, überflüssig, bestimmt vielleicht, zu

verschwinden und einem vollkommenen Automatismus Platz zu machen --

Wenn wir nur die inneren Phänomene beobachten, so sind wir vergleichbar

den Taubstummen, die aus der Bewegung der Lippen die Worte erraten, die

sie nicht hören. Wir schließen aus den Erscheinungen des inneren Sinns

auf unsichtbare und andere Phänomene, welche wir wahrnehmen würden,

wenn unsere Beobachtungsmittel zureichend wären, und welche man den

Nervenstrom nennt.

Für diese innere Welt gehen uns alle feineren Organe ab, so daß wir

eine *tausendfache Komplexität* noch als Einheit empfinden, so daß

wir eine Kausalität hineinerfinden, wo jeder Grund der Bewegung

und Veränderung uns unsichtbar bleibt, -- die Aufeinanderfolge von

Gedanken, von Gefühlen ist ja nur das Sichtbarwerden derselben

im Bewußtsein. Daß diese Reihenfolge irgend etwas mit einer

Kausalverkettung zu tun habe, ist völlig unglaubwürdig: das Bewußtsein

liefert uns nie ein Beispiel von Ursache und Wirkung.

311.

Alles, was als „Einheit“ ins Bewußtsein tritt, ist bereits ungeheuer

kompliziert: wir haben immer nur einen *Anschein von Einheit*.

Das Phänomen des *Leibes* ist das reichere, deutlichere, faßbarere

Phänomen: methodisch voranzustellen, ohne etwas auszumachen über seine

letzte Bedeutung.

312.

Wo es eine gewisse Einheit in der Gruppierung gibt, hat man immer

den *Geist* als Ursache dieser Koordination gesetzt: wozu jeder

Grund fehlt. Warum sollte die Idee eines komplexen Faktums eine der

Bedingungen dieses Faktums sein? oder warum müßte einem komplexen

Faktum die *Vorstellung* als Ursache davon präzedieren? --

Wir werden uns hüten, die *Zweckmäßigkeit* durch den Geist zu

erklären: es fehlt jeder Grund, dem Geist die Eigentümlichkeit, zu

organisieren und zu systematisieren, zuzuschreiben. Das Nervensystem

hat ein viel ausgedehnteres Reich: die Bewußtseinswelt ist hinzugefügt.

Im Gesamtprozeß der Adaptation und Systematisation spielt das

Bewußtsein keine Rolle.

313.

Die Physiologen wie die Philosophen glauben, das *Bewußtsein*, im Maße

es an Helligkeit *zunimmt*, wachse im *Werte*: das hellste Bewußtsein,

das logischste, kälteste Denken sei *ersten* Ranges. Indessen -- wonach

ist dieser Wert bestimmt? -- In Hinsicht auf *Auslösung des Willens*

ist das oberflächlichste, *vereinfachteste* Denken das am meisten

nützliche, -- es könnte deshalb das -- usw. (weil es wenig Motive übrig

läßt).

Die *Präzision* des *Handelns* steht im Antagonismus mit der

*weitblickenden* und oft ungewiß urteilenden *Vorsorglichkeit*:

letztere durch den *tieferen* Instinkt geführt.

314.

*Hauptirrtum der Psychologen*: sie nehmen die undeutliche Vorstellung

als eine niedrigere *Art* der Vorstellung gegen die helle gerechnet:

aber was aus unserm Bewußtsein sich entfernt und deshalb *dunkel wird*,

*kann* deshalb an sich vollkommen klar sein. *Das Dunkelwerden ist

Sache der Bewußtseinsperspektive.*

315.

Die ungeheuren Fehlgriffe:

1. die unsinnige *Überschätzung des Bewußtseins*, aus ihm eine Einheit,

ein Wesen gemacht: „der Geist“, „die Seele“, etwas, das fühlt, denkt,

will --

2. der Geist als *Ursache*, namentlich überall, wo Zweckmäßigkeit,

System, Koordination erscheinen;

3. das Bewußtsein als höchste erreichbare Form, als oberste Art Sein,

als „Gott“;

4. der Wille überall eingetragen, wo es Wirkung gibt;

5. die „wahre Welt“ als geistige Welt, als zugänglich durch die

Bewußtseinstatsachen;

6. die *Erkenntnis* absolut als Fähigkeit des Bewußtseins, wo überhaupt

es Erkenntnis gibt.

*Folgerungen*:

jeder Fortschritt liegt in dem Fortschritt zum Bewußtwerden; jeder

Rückschritt im Unbewußtwerden; (-- das Unbewußtwerden galt als

Verfallensein an die *Begierden* und *Sinne*, -- als *Vertierung*....)

man nähert sich der Realität, dem „wahren Sein“ durch Dialektik; man

*entfernt* sich von ihm durch Instinkte, Sinne, Mechanismus....

den Menschen in Geist auflösen, hieße ihn zu Gott machen: Geist, Wille,

Güte -- Eins;

alles *Gute* muß aus der Geistigkeit stammen, muß Bewußtseinstatsache

sein;

der Fortschritt zum *Besseren* kann nur ein Fortschritt im

*Bewußt*werden sein.

316.

Über die Herkunft unsrer Wertschätzungen.

Wir können uns unsern Leib räumlich auseinanderlegen, und dann

erhalten wir ganz dieselbe Vorstellung davon wie vom Sternensystem,

und der Unterschied von organisch und unorganisch fällt nicht mehr

in die Augen. Ehemals erklärte man die Sternbewegungen als Wirkungen

zweckbewußter Wesen: man braucht das nicht mehr, und auch in betreff

des leiblichen Bewegens und Sichveränderns glaubt man lange nicht mehr

mit dem zwecksetzenden Bewußtsein auszukommen. Die allergrößte Menge

der Bewegungen hat gar nichts mit Bewußtsein zu tun: *auch nicht mit

Empfindung*. Die Empfindungen und Gedanken sind etwas *äußerst Geringes

und Seltenes* im Verhältnis zu dem zahllosen Geschehen in jedem

Augenblick.

Umgekehrt nehmen wir wahr, daß eine Zweckmäßigkeit im kleinsten

Geschehen herrscht, der unser bestes Wissen nicht gewachsen ist: eine

Vorsorglichkeit, eine Auswahl, ein Zusammenbringen, Wiedergutmachen

usw. Kurz, wir finden eine Tätigkeit vor, die einem *ungeheuer viel

höheren und überschauenden Intellekt* zuzuschreiben wäre, als der uns

bewußte ist. Wir lernen von allem Bewußten *geringer denken*: wir

verlernen, uns für unser Selbst verantwortlich zu machen, da *wir* als

bewußte, zwecksetzende Wesen nur der kleinste Teil davon sind. Von

den zahlreichen Einwirkungen in jedem Augenblick, zum Beispiel Luft,

Elektrizität, empfinden wir fast nichts: es könnte genug Kräfte geben,

welche, obschon sie uns nie zur Empfindung kommen, uns fortwährend

beeinflussen. Lust und Schmerz sind ganz seltene und spärliche

Erscheinungen gegenüber den zahllosen Reizen, die eine Zelle, ein Organ

auf eine andre Zelle, ein andres Organ ausübt.

Es ist die Phase der *Bescheidenheit des Bewußtseins*. Zuletzt

verstehen wir das bewußte Ich selber nur als ein Werkzeug im

Dienste jenes höheren, überschauenden Intellekts: und da können wir

fragen, ob nicht alles bewußte *Wollen*, alle *bewußten Zwecke*,

alle *Wertschätzungen* vielleicht nur Mittel sind, mit denen etwas

wesentlich *Verschiedenes erreicht werden soll*, als es innerhalb des

Bewußtseins scheint. Wir *meinen*: es handle sich um unsre *Lust*

und *Unlust* -- -- -- aber Lust und Unlust könnten Mittel sein,

vermöge deren wir etwas zu *leisten hätten*, was außerhalb unseres

Bewußtseins liegt -- -- -- Es ist zu zeigen, wie sehr alles Bewußte

*auf der Oberfläche* bleibt: wie Handlung und Bild der Handlung

*verschieden* ist, wie *wenig* man von dem weiß, was einer Handlung

*vorher*geht: wie phantastisch unsere Gefühle „Freiheit des Willens“,

„Ursache und Wirkung“ sind: wie Gedanken und Bilder, wie Worte nur

Zeichen von Gedanken sind: die Unergründlichkeit jeder Handlung:

die Oberflächlichkeit alles Lobens und Tadelns: wie *wesentlich

Erfindung* und *Einbildung* ist, worin wir bewußt leben: wie wir in

allen unsern Worten von Erfindungen reden (Affekte auch), und wie die

*Verbindung der Menschheit* auf einem Überleiten und Fortdichten dieser

Erfindungen beruht: während im Grunde die wirkliche Verbindung (durch

Zeugung) ihren unbekannten Weg geht. *Verändert* wirklich dieser Glaube

an die gemeinsamen Erfindungen die Menschen? Oder ist das ganze Ideen-

und Wertschätzungswesen nur ein *Ausdruck selber* von unbekannten

Veränderungen? *Gibt* es denn Willen, Zwecke, Gedanken, Werte wirklich?

Ist vielleicht das ganze bewußte Leben nur ein *Spiegelbild*? Und

auch wenn die Wertschätzung einen Menschen zu *bestimmen* scheint,

geschieht im Grunde etwas ganz anderes! Kurz: gesetzt, es gelänge,

das Zweckmäßige im Wirken der Natur zu erklären ohne die Annahme

eines zweckesetzenden Ichs: könnte zuletzt vielleicht auch *unser*

Zweckesetzen, unser Wollen usw. nur eine *Zeichensprache* sein für

etwas Wesentlich-Anderes, nämlich Nicht-Wollendes und Unbewußtes?

nur der *feinste Anschein* jener natürlichen Zweckmäßigkeit des

Organischen, aber nichts Verschiedenes davon?

Und kurz gesagt: es handelt sich vielleicht bei der ganzen Entwicklung

des Geistes um den *Leib*: es ist die *fühlbar* werdende *Geschichte*

davon, daß ein *höherer Leib sich bildet*. Das Organische steigt noch

auf höhere Stufen. Unsere Gier nach Erkenntnis der Natur ist ein

Mittel, wodurch der Leib sich vervollkommnen will. Oder vielmehr:

es werden Hunderttausende von Experimenten gemacht, die Ernährung,

Wohnart, Lebensweise des *Leibes* zu verändern: das Bewußtsein und die

Wertschätzungen in ihm, alle Arten von Lust und Unlust sind *Anzeichen

dieser Veränderungen und Experimente*. Zuletzt *handelt es sich gar

nicht um den Menschen: er soll überwunden werden*.

317.

Warum alle *Tätigkeit*, auch die eines *Sinnes*, mit Lust verknüpft

ist? Weil vorher eine Hemmung, ein Druck bestand? Oder vielmehr, weil

alles Tun ein Überwinden, ein Herrwerden ist und *Vermehrung* des

*Machtgefühls* gibt? -- Die Lust im Denken. -- Zuletzt ist es nicht

nur das Gefühl der Macht, sondern die Lust an dem Schaffen und am

*Geschaffenen*: denn alle Tätigkeit kommt uns ins Bewußtsein als

Bewußtsein eines „Werks“.

318.

„Unlust“ und „Lust“ sind die denkbar dümmsten *Ausdrucksmittel* von

Urteilen: womit natürlich nicht gesagt ist, daß die Urteile, welche

hier auf diese Art lauten werden, dumm sein müßten. Das Weglassen aller

Begründung und Logizität, ein Ja oder Nein in der Reduktion auf ein

leidenschaftliches Habenwollen oder Wegstoßen, eine imperativische

Abkürzung, deren Nützlichkeit unverkennbar ist: das ist Lust und

Unlust. Ihr Ursprung ist in der Zentralsphäre des Intellekts; ihre

Voraussetzung ist ein unendlich beschleunigtes Wahrnehmen, Ordnen,

Subsummieren, Nachrechnen, Folgern: Lust und Unlust sind immer

Schlußphänomene, keine „Ursachen“.

Die Entscheidung darüber, was Unlust und Lust erregen soll, ist vom

*Grade der Macht* abhängig: dasselbe, was in Hinsicht auf ein geringes

Quantum Macht als Gefahr und Nötigung zu schnellster Abwehr erscheint,

kann bei einem Bewußtsein größerer Machtfülle eine wollüstige Reizung,

ein Lustgefühl als Folge haben.

Alle Lust- und Unlustgefühle setzen bereits ein *Messen nach

Gesamtnützlichkeit, Gesamtschädlichkeit* voraus: also eine Sphäre, wo

das Wollen eines Ziels (Zustandes) und ein Auswählen der Mittel dazu

stattfindet. Lust und Unlust sind niemals „ursprüngliche Tatsachen“.

Lust- und Unlustgefühle sind *Willensreaktionen* (*Affekte*), in

denen das intellektuelle Zentrum den Wert gewisser eingetretener

Veränderungen zum Gesamtwert fixiert, zugleich als Einleitung von

Gegenaktionen.

319.

Wie weit unser *Intellekt* eine Folge von Existenzbedingungen ist -- :

wir hätten ihn nicht, wenn wir ihn nicht *nötig* hätten, und hätten

ihn nicht *so*, wenn wir ihn nicht *so* nötig hätten, wenn wir auch

*anders* leben könnten.

2. Erkenntnis.

a. Allgemeines.

320.

Man müßte *wissen*, was *Sein* ist, um zu *entscheiden*, ob dies und

jenes real *ist* (zum Beispiel „die Tatsachen des Bewußtseins“); ebenso

was *Gewißheit* ist, was *Erkenntnis* ist und dergleichen. -- Da wir

das aber nicht wissen, so ist eine Kritik des Erkenntnisvermögens

unsinnig: wie sollte das Werkzeug sich selbst kritisieren können, wenn

es eben nur sich zur Kritik gebrauchen kann? Es kann nicht einmal sich

selbst definieren!

321.

Was kann allein *Erkenntnis* sein? -- „Auslegung“, Sinnhineinlegen, --

*nicht* „Erklärung“ (in den meisten Fällen eine neue Auslegung über

eine alte unverständlich gewordene Auslegung, die jetzt selbst nur

Zeichen ist). Es gibt keinen Tatbestand; alles ist flüssig, unfaßbar,

zurückweichend; das Dauerhafteste sind noch unsre Meinungen.

322.

Die Voraussetzung, daß es im Grunde der Dinge so moralisch zugeht, daß

die *menschliche Vernunft recht behält*, -- ist eine Treuherzigkeit und

Biedermannsvoraussetzung, die Nachwirkung des Glaubens an die göttliche

Wahrhaftigkeit -- Gott als Schöpfer der Dinge gedacht. -- Die Begriffe

eine Erbschaft aus einer jenseitigen Vorexistenz -- --

323.

Erster Satz. Die *leichtere* Denkweise siegt über die schwierigere; --

als *Dogma*: ~simplex sigillum veri~. -- ~Dico~: daß die *Deutlichkeit*

etwas für Wahrheit ausweisen soll, ist eine vollkommene Kinderei....

Zweiter Satz. Die Lehre vom *Sein*, vom Ding, von lauter festen

Einheiten ist *hundertmal leichter* als die Lehre vom *Werden*, von der

Entwicklung....

Dritter Satz. Die Logik war als *Erleichterung* gemeint: als

*Ausdrucksmittel*, -- *nicht* als Wahrheit.... Später *wirkte* sie als

*Wahrheit*....

324.

*Was ist Wahrheit?* -- ~Inertia~; *die* Hypothese, bei welcher

Befriedigung entsteht: geringster Verbrauch von geistiger Kraft usw.

325.

Eine Moral, eine durch lange Erfahrung und Prüfung erprobte,

*bewiesene* Lebensweise kommt zuletzt als Gesetz zum Bewußtsein, als

*dominierend*.... Und damit tritt die ganze Gruppe verwandter Werte

und Zustände in sie hinein: sie wird ehrwürdig, unangreifbar, heilig,

wahrhaft; es gehört zu ihrer Entwicklung, daß ihre Herkunft *vergessen*

wird.... Es ist ein Zeichen, daß sie Herr geworden ist....

Ganz dasselbe könnte geschehen sein mit den *Kategorien der Vernunft*:

dieselben könnten, unter vielem Tasten und Herumgreifen, sich bewährt

haben durch relative Nützlichkeit.... Es kam ein Punkt, wo man sich

zusammenfaßte, sich als Ganzes zum Bewußtsein brachte -- und wo man sie

*befahl*, das heißt, wo sie wirkten als *befehlend*.... Von jetzt ab

galten sie als ~a priori~, als jenseits der Erfahrung, als unabweisbar.

Und doch drücken sie vielleicht nichts aus, als eine bestimmte Rassen-

und Gattungszweckmäßigkeit, -- bloß ihre Nützlichkeit ist ihre

„Wahrheit“ --

326.

Daß der *Wert der Welt* in unserer Interpretation liegt (-- daß

vielleicht irgendwo noch andre Interpretationen möglich sind, als bloß

menschliche --), daß die bisherigen Interpretationen perspektivische

Schätzungen sind, vermöge deren wir uns im Leben, das heißt im Willen

zur Macht, zum Wachstum der Macht, erhalten, daß jede *Erhöhung des

Menschen* die Überwindung engerer Interpretationen mit sich bringt,

daß jede erreichte Verstärkung und Machterweiterung neue Perspektiven

auftut und an neue Horizonte glauben heißt -- das geht durch meine

Schriften. Die Welt, die *uns etwas angeht*, ist falsch, das heißt,

ist kein Tatbestand, sondern eine Ausdichtung und Rundung über einer

mageren Summe von Beobachtungen; sie ist „im Flusse“, als etwas

Werdendes, als eine sich immer neu verschiebende Falschheit, die sich

niemals der Wahrheit nähert: denn -- es gibt keine „Wahrheit“.

327.

Die bestgeglaubten apriorischen „Wahrheiten“ sind für mich -- *Annahmen

bis auf weiteres*, zum Beispiel das Gesetz der Kausalität, sehr gut

eingeübte Gewöhnungen des Glaubens, so einverleibt, daß *nicht daran*

glauben das Geschlecht zugrunde richten würde. Aber sind es deswegen

Wahrheiten? Welcher Schluß! Als ob die Wahrheit damit bewiesen würde,

daß der Mensch bestehen bleibt!

328.

Die Verirrung der Philosophie ruht darauf, daß man, statt in der Logik

und den Vernunftkategorien Mittel zu sehen zum Zurechtmachen der

Welt zu Nützlichkeitszwecken (also „prinzipiell“ zu einer nützlichen

*Fälschung*), man in ihnen das Kriterium der Wahrheit, respektive

der *Realität* zu haben glaubte. Das „Kriterium der Wahrheit“ war

in der Tat bloß die *biologische Nützlichkeit eines solchen Systems

prinzipieller Fälschung*: und da eine Gattung Tier nichts Wichtigeres

kennt, als sich zu erhalten, so dürfte man in der Tat hier von

„Wahrheit“ reden. Die Naivität war nur die, die anthropozentrische

Idiosynkrasie als *Maß der Dinge*, als Richtschnur über „real“ und

„unreal“ zu nehmen: kurz, eine Bedingtheit zu verabsolutisieren.

Und siehe da, jetzt fiel mit einem Mal die Welt auseinander in eine

„wahre“ Welt und eine „scheinbare“: und genau die Welt, in der der

Mensch zu wohnen und sich einzurichten seine Vernunft erfunden hatte,

genau dieselbe wurde ihm diskreditiert. Statt die Formen als Handhabe

zu benutzen, sich die Welt handlich und berechenbar zu machen, kam

der Wahnsinn der Philosophen dahinter, daß in diesen Kategorien der

Begriff jener Welt gegeben ist, dem die andere Welt, die, in der man

lebt, nicht entspricht.... Die Mittel wurden mißverstanden als Wertmaß,

selbst als Verurteilung der Absicht....

Die Absicht war, sich auf eine nützliche Weise zu täuschen: die Mittel

dazu die Erfindung von Formeln und Zeichen, mit deren Hilfe man die

verwirrende Vielheit auf ein zweckmäßiges und handliches Schema

reduzierte.

Aber wehe! jetzt brachte man eine *Moralkategorie* ins Spiel: kein

Wesen will sich täuschen, kein Wesen darf täuschen, -- folglich gibt es

nur einen Willen zur Wahrheit. Was ist „Wahrheit“?

Der Satz vom Widerspruch gab das Schema: die wahre Welt, zu der man

den Weg sucht, kann nicht mit sich in Widerspruch sein, kann nicht

wechseln, kann nicht werden, hat keinen Ursprung und kein Ende.

Das ist der größte Irrtum, der begangen worden ist, das eigentliche

Verhängnis des Irrtums auf Erden: man glaubte ein Kriterium der

Realität in den Vernunftformen zu haben, -- während man sie hatte, um

Herr zu werden über die Realität, um auf eine kluge Weise die Realität

*mißzuverstehen*....

Und siehe da: jetzt wurde die Welt falsch, und exakt der Eigenschaften

wegen, *die ihre Realität ausmachen*, Wechsel, Werden, Vielheit,

Gegensatz, Widerspruch, Krieg.

Und nun war das ganze Verhängnis da:

1. Wie kommt man los von der falschen, der bloß scheinbaren Welt? (--

es war die wirkliche, die einzige);

2. wie wird man selbst möglichst der Gegensatz zu dem Charakter

der scheinbaren Welt? (Begriff des vollkommenen Wesens als eines

Gegensatzes zu jedem realen Wesen, deutlicher, als *Widerspruch zum

Leben*....)

Die ganze Richtung der Werte war auf *Verleumdung des Lebens* aus;

man schuf eine Verwechslung des Idealdogmatismus mit der Erkenntnis

überhaupt: so daß die Gegenpartei immer nun auch die *Wissenschaft*

perhorreszierte.

Der Weg zur Wissenschaft war dergestalt *doppelt* versperrt: einmal

durch den Glauben an die „wahre“ Welt, und dann durch die Gegner dieses

Glaubens. Die Naturwissenschaft, Psychologie war 1. in ihren Objekten

verurteilt, 2. um ihre Unschuld gebracht....

In der wirklichen Welt, wo schlechterdings alles verkettet und bedingt

ist, heißt irgend etwas verurteilen und *wegdenken*, alles wegdenken

und verurteilen. Das Wort „das sollte nicht sein“, „das hätte nicht

sein sollen“ ist eine Farce.... Denkt man die Konsequenzen aus, so

ruinierte man den Quell des Lebens, wenn man das abschaffen wollte, was

in irgendeinem Sinne *schädlich*, *zerstörerisch* ist. Die Physiologie

demonstriert es ja *besser*!

-- Wir sehen, wie die Moral a) die ganze Weltauffassung *vergiftet*,

b) den Weg zur Erkenntnis, zur *Wissenschaft* abschneidet, c) alle

wirklichen Instinkte auflöst und untergräbt (indem sie deren Wurzeln

als *unmoralisch* empfinden lehrt).

Wir sehen ein furchtbares Werkzeug der ~décadence~ vor uns arbeiten,

das sich mit den heiligsten Namen und Gebärden aufrecht hält.

329.

*Zur „logischen Scheinbarkeit“.* -- Der Begriff „Individuum“ und

„Gattung“ gleichermaßen falsch und bloß augenscheinlich. „*Gattung*“

drückt nur die Tatsache aus, daß eine Fülle ähnlicher Wesen zu gleicher

Zeit hervortreten, und daß das Tempo im Weiterwachsen und Sichverändern

eine lange Zeit verlangsamt ist: so daß die tatsächlichen kleinen

Fortsetzungen und Zuwachse nicht sehr in Betracht kommen (-- eine

Entwicklungsphase, bei der das Sichentwickeln nicht in die Sichtbarkeit

tritt, so daß ein Gleichgewicht erreicht *scheint*, und die falsche

Vorstellung ermöglicht wird, *hier sei ein Ziel erreicht* -- und es

habe ein Ziel in der Entwicklung gegeben....).

Die *Form* gilt als etwas Dauerndes und deshalb Wertvolleres; aber die

Form ist bloß von uns erfunden; und wenn noch so oft „dieselbe Form

erreicht wird“, so bedeutet das nicht, daß es *dieselbe Form ist*,

-- sondern es *erscheint immer etwas Neues* -- und nur wir, die wir

vergleichen, rechnen das Neue, insofern es Altem gleicht, zusammen in

die Einheit der „Form“. Als ob ein *Typus* erreicht werden sollte und

gleichsam der Bildung vorschwebe und innewohne.

Die *Form*, die *Gattung*, das *Gesetz*, die *Idee*, der *Zweck*

-- hier wird überall der gleiche Fehler gemacht, daß einer Fiktion

eine falsche Realität untergeschoben wird: wie als ob das Geschehen

irgendwelchen Gehorsam in sich trage, -- eine künstliche Scheidung

im Geschehen wird da gemacht zwischen dem, *was* tut, und dem,

*wonach* das Tun sich richtet (aber das *was* und das *wonach* sind

nur angesetzt aus einem Gehorsam gegen unsre metaphysisch-logische

Dogmatik: kein „Tatbestand“).

Man soll diese *Nötigung*, Begriffe, Gattungen, Formen, Zwecke, Gesetze

zu bilden („*eine Welt der identischen Fälle*“) nicht so verstehen, als

ob wir damit die *wahre Welt* zu fixieren imstande wären; sondern als

Nötigung, uns eine Welt zurecht zu machen, bei der *unsre Existenz*

ermöglicht wird: -- wir schaffen damit eine Welt, die berechenbar,

vereinfacht, verständlich usw. für uns ist.

Diese selbe Nötigung besteht in der *Sinnenaktivität*, welche

der Verstand unterstützt -- durch Vereinfachen, Vergröbern,

Unterstreichen und Ausdichten, auf dem alles „Wiedererkennen“, alles

Sich-verständlich-machen-können beruht. Unsre *Bedürfnisse* haben

unsre Sinne so präzisiert, daß die „gleiche Erscheinungswelt“ immer

wiederkehrt und dadurch den Anschein der *Wirklichkeit* bekommen hat.

Unsre subjektive Nötigung, an die Logik zu glauben, drückt nur aus,

daß wir, längst, bevor uns die Logik selber zum Bewußtsein kam, nichts

getan haben *als ihre Postulate in das Geschehen hineinlegen*: jetzt

finden wir sie in dem Geschehen vor --, wir können nicht mehr anders --

und vermeinen nun, diese Nötigung verbürge etwas über die „Wahrheit“.

Wir sind es, die das „Ding“, das „gleiche Ding“, das Subjekt, das

Prädikat, das Tun, das Objekt, die Substanz, die Form geschaffen

haben, nachdem wir das Gleichmachen, das Grob- und Einfach*machen* am

längsten getrieben haben. Die Welt *erscheint* uns logisch, weil *wir*

sie erst logisiert *haben*.

330.

Die fortwährenden Übergänge erlauben nicht, von „Individuum“ usw. zu

reden; die „Zahl“ der Wesen ist selber im Fluß. Wir würden nichts von

Zeit und nichts von Bewegung wissen, wenn wir nicht, in grober Weise,

„Ruhendes“ neben Bewegtem zu sehen glaubten. Ebensowenig von Ursache

und Wirkung, und ohne die irrtümliche Konzeption des „leeren Raumes“

wären wir gar nicht zur Konzeption des Raums gekommen. Der Satz von der

Identität hat als Hintergrund den „Augenschein“, daß es gleiche Dinge

gibt. Eine werdende Welt könnte im strengen Sinne nicht „begriffen“,

nicht „erkannt“ werden; nur insofern der „begreifende“ und „erkennende“

Intellekt eine schon geschaffene grobe Welt vorfindet, gezimmert aus

lauter Scheinbarkeiten, aber fest geworden, insofern diese Art Schein

das Leben erhalten hat -- nur insofern gibt es etwas wie „Erkenntnis“:

das heißt ein Messen der früheren und der jüngeren Irrtümer aneinander.

331.

Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens · 第 14 / 29 段