„Die *wahre* und die *scheinbare* Welt“ -- dieser Gegensatz wird

von mir zurückgeführt auf *Wertverhältnisse*. Wir haben *unsere*

Erhaltungsbedingungen projiziert als *Prädikate des Seins* überhaupt.

Daß wir in unserm Glauben stabil sein müssen, um zu gedeihen, daraus

haben wir gemacht, daß die „wahre“ Welt keine wandelbare und werdende,

sondern eine *seiende* ist.

273.

„Wahrheit“: das bezeichnet innerhalb meiner Denkweise nicht notwendig

einen Gegensatz zum Irrtum, sondern in den grundsätzlichsten Fällen

nur eine Stellung verschiedener Irrtümer zueinander: etwa, daß der

eine älter, tiefer als der andre ist, vielleicht sogar unausrottbar,

insofern ein organisches Wesen unserer Art nicht ohne ihn leben könnte;

während andere Irrtümer uns nicht dergestalt als Lebensbedingungen

tyrannisieren, vielmehr, gemessen an solchen „Tyrannen“, beseitigt und

„widerlegt“ werden können.

Eine Annahme, die unwiderlegbar ist, -- warum sollte sie deshalb schon

„*wahr*“ sein? Dieser Satz empört vielleicht die Logiker, welche *ihre*

Grenzen als Grenzen der *Dinge* ansetzen: aber diesem Logikeroptimismus

habe ich schon lange den Krieg erklärt.

274.

Das *Feststellen* zwischen „wahr“ und „unwahr“, das *Feststellen*

überhaupt von Tatbeständen ist grundverschieden von dem schöpferischen

*Setzen*, vom Bilden, Gestalten, Überwältigen, *Wollen*, wie es im

Wesen der *Philosophie* liegt. *Einen Sinn hineinlegen* -- diese

Aufgabe bleibt unbedingt immer noch *übrig*, gesetzt, daß *kein Sinn

darin liegt*. So steht es mit Tönen, aber auch mit Volksschicksalen:

sie sind der verschiedensten Ausdeutung und Richtung zu *verschiedenen

Zielen fähig*.

Die noch höhere Stufe ist ein *Ziel setzen* und daraufhin das

Tatsächliche einformen: also die *Ausdeutung der Tat*, und nicht bloß

die begriffliche *Umdichtung*.

275.

Es gibt weder „Geist“, noch Vernunft, noch Denken, noch Bewußtsein,

noch Seele, noch Wille, noch Wahrheit: alles Fiktionen, die unbrauchbar

sind. Es handelt sich nicht um „Subjekt und Objekt“, sondern um

eine bestimmte Tierart, welche nur unter einer gewissen relativen

*Richtigkeit*, vor allem *Regelmäßigkeit* ihrer Wahrnehmungen (so daß

sie Erfahrung kapitalisieren kann) gedeiht....

Die Erkenntnis arbeitet als *Werkzeug* der Macht. So liegt es auf der

Hand, daß sie wächst mit jedem Mehr von Macht....

Sinn der „Erkenntnis“: hier ist, wie bei „gut“ oder „schön“, der

Begriff streng und eng anthropozentrisch und biologisch zu nehmen.

Damit eine bestimmte Art sich erhält und wächst in ihrer Macht,

muß sie in ihrer Konzeption der Realität so viel Berechenbares und

Gleichbleibendes erfassen, daß daraufhin ein Schema ihres Verhaltens

konstruiert werden kann. *Die Nützlichkeit der Erhaltung* -- *nicht*

irgendein abstrakt-theoretisches Bedürfnis, nicht betrogen zu werden

-- steht als Motiv hinter der Entwicklung der Erkenntnisorgane....,

sie entwickeln sich so, daß ihre Beobachtung genügt, uns zu erhalten.

Anders: das *Maß* des Erkennenwollens hängt ab von dem Maß des Wachsens

des *Willens zur Macht* der Art: eine Art ergreift so viel Realität,

*um über sie Herr zu werden, um sie in Dienst zu nehmen*.

276.

Gegen den Positivismus, welcher bei den Phänomenen stehen bleibt, „es

gibt nur *Tatsachen*“, würde ich sagen: nein, gerade Tatsachen gibt

es nicht, nur *Interpretationen*. Wir können kein Faktum „an sich“

feststellen: vielleicht ist es ein Unsinn, so etwas zu wollen.

„Es ist alles *subjektiv*“, sagt ihr: aber schon das ist *Auslegung*.

Das „Subjekt“ ist nichts Gegebenes, sondern etwas Hinzuerdichtetes,

Dahintergestecktes. -- Ist es zuletzt nötig, den Interpreten noch

hinter die Interpretation zu setzen? Schon das ist Dichtung, Hypothese.

Soweit überhaupt das Wort „Erkenntnis“ Sinn hat, ist die Welt

erkennbar: aber sie ist anders *deutbar*, sie hat keinen Sinn hinter

sich, sondern unzählige Sinne. -- „Perspektivismus“.

Unsere Bedürfnisse sind es, *die die Welt auslegen*; unsere Triebe und

deren Für und Wider. Jeder Trieb ist eine Art Herrschsucht, jeder hat

seine Perspektive, welche er als Norm allen übrigen Trieben aufzwingen

möchte.

277.

Das Verlangen nach „festen Tatsachen“ -- Erkenntnistheorie: wie viel

Pessimismus ist darin!

278.

„Zweck und Mittel“ } als Ausdeutungen (*nicht* als

„Ursache und Wirkung“ } Tatbestand) und inwiefern

„Subjekt und Objekt“ } vielleicht *notwendige* Ausdeutungen?

„Tun und Leiden“ } (als „erhaltende“)

„Ding an sich und Erscheinung“ } -- alle im Sinne eines

} Willens zur Macht.

279.

Es ist unwahrscheinlich, daß unser „Erkennen“ weiter reichen sollte,

als es knapp zur Erhaltung des Lebens ausreicht. Die Morphologie zeigt

uns, wie die Sinne und die Nerven sowie das Gehirn sich entwickeln im

Verhältnis zur Schwierigkeit der Ernährung.

280.

Die Erkenntnis wird bei höherer Art von Wesen auch neue Formen haben,

welche jetzt noch nicht nötig sind.

281.

Der Mensch findet zuletzt in den Dingen nichts wieder, als was er

selbst in sie hineingesteckt hat: -- das Wiederfinden heißt sich

Wissenschaft, das Hineinstecken -- Kunst, Religion, Liebe, Stolz. In

beidem, wenn es selbst Kinderspiel sein sollte, sollte man fortfahren

und guten Mut zu beidem haben -- die einen zum Wiederfinden, die andern

-- *wir* andern! -- zum Hineinstecken!

282.

„Der Sinn für Wahrheit“ muß, wenn die Moralität des „Du sollst nicht

lügen“ abgewiesen ist, sich *vor* einem andern Forum legitimieren: --

als Mittel der Erhaltung von Mensch, als *Machtwille*.

Ebenso unsre Liebe zum Schönen: ist ebenfalls der *gestaltende Wille*.

Beide Sinne stehen beieinander; der Sinn für das Wirkliche ist das

Mittel, die Macht in die Hand zu bekommen, um die Dinge nach unserem

Belieben zu gestalten. Die Lust am Gestalten und Umgestalten -- eine

Urlust! Wir können nur eine Welt *begreifen*, die wir selber *gemacht*

haben.

283.

Die Welt „vermenschlichen“, das heißt immer mehr uns in ihr als Herren

fühlen --

284.

Unsre Werte sind in die Dinge *hineininterpretiert*.

Gibt es denn einen Sinn im An-sich!?

Ist nicht notwendig Sinn eben *Beziehungs*sinn und Perspektive?

Aller Sinn ist Wille zur Macht (alle Beziehungssinne lassen sich in ihm

auflösen).

285.

Wenn das innerste Wesen des Seins Wille zur Macht ist, wenn Lust alles

Wachstum der Macht, Unlust alles Gefühl, nicht widerstehen, nicht

Herr werden zu können, ist: dürfen wir dann nicht Lust und Unlust

als Kardinaltatsachen ansetzen? Ist Wille möglich ohne diese beiden

Oszillationen des Ja und des Nein? -- Aber *wer* fühlt Lust?....

Aber *wer* will Macht?.... Absurde Frage! wenn das Wesen selbst

Machtwille und folglich Lust- und Unlustfühlen ist! Trotzdem: es bedarf

der Gegensätze, der Widerstände, also, relativ, der *übergreifenden

Einheiten*....

286.

1. Die organischen Funktionen zurückübersetzt in den Grundwillen, den

Willen zur Macht, -- und aus ihm abgespaltet.

2. Der Wille zur Macht sich spezialisierend als Wille zur Nahrung, nach

Eigentum, nach *Werkzeugen*, nach Dienern (Gehorchern) und Herrschern:

der Leib als Beispiel. -- Der stärkere Wille dirigiert den schwächeren.

Es gibt gar keine andere Kausalität als die von Wille zu Wille.

Mechanistisch nicht erklärt.

3. Denken, Fühlen, Wollen in allem Lebendigen. Was ist eine Lust

anderes als: eine Reizung des Machtgefühls durch ein Hemmnis (noch

stärker durch rhythmische Hemmungen und Widerstände) -- so daß es

dadurch anschwillt. Also in aller Lust ist Schmerz inbegriffen. -- Wenn

die Lust sehr groß werden soll, müssen die Schmerzen sehr lange und die

Spannung des Bogens ungeheuer werden.

4. Die geistigen Funktionen. Wille zur Gestaltung, zur Anähnlichung usw.

287.

Der Wille zur Macht kann sich nur *an Widerständen* äußern; er sucht

also nach dem, was ihm widersteht, -- dies die ursprüngliche Tendenz

des Protoplasmas, wenn es Pseudopodien ausstreckt und um sich tastet.

Die Aneignung und Einverleibung ist vor allem ein Überwältigenwollen,

ein Formen, An- und Umbilden, bis endlich das Überwältigte ganz in den

Machtbereich des Angreifers übergegangen ist und denselben vermehrt

hat. -- Gelingt diese Einverleibung nicht, so zerfällt wohl das

Gebilde; und die *Zweiheit* erscheint als Folge des Willens zur Macht:

um nicht fahren zu lassen, was erobert ist, tritt der Wille zur Macht

in zwei Willen auseinander (unter Umständen ohne seine Verbindung

untereinander völlig aufzugeben).

„Hunger“ ist nur eine engere Anpassung, nachdem der Grundtrieb nach

Macht geistigere Gestalt gewonnen hat.

288.

Man kann das, was die Ursache dafür ist, *daß* es überhaupt Entwicklung

gibt, nicht selbst wieder auf dem Wege der Forschung über Entwicklung

finden; man soll es nicht als „werdend“ verstehen wollen, noch weniger

als geworden.... Der „Wille zur Macht“ kann nicht geworden sein.

289.

Alles Geschehen aus Absichten ist reduzierbar auf die *Absicht der

Mehrung von Macht*.

290.

Was ist „passiv“? -- *Gehemmt* sein in der vorwärtsgreifenden Bewegung:

also ein Handeln des Widerstandes und der Reaktion.

Was ist „aktiv“? -- nach Macht ausgreifend.

„Ernährung“ -- ist nur abgeleitet; das Ursprüngliche ist: alles in sich

einschließen wollen.

„Zeugung“ -- nur abgeleitet; ursprünglich: wo ein Wille nicht

ausreicht, das gesamte Angeeignete zu organisieren, tritt ein

*Gegenwille* in Kraft, der die Loslösung vornimmt, ein neues

Organisationszentrum, nach einem Kampfe mit dem ursprünglichen Willen.

„Lust“ -- als Machtgefühl (die Unlust voraussetzend).

291.

Ist „Wille zur Macht“ eine Art „Wille“ oder identisch mit dem Begriff

„Wille“? Heißt es so viel als begehren? oder *kommandieren*? Ist es der

„Wille“, von dem Schopenhauer meint, er sei das „An sich der Dinge“?

Mein Satz ist: daß *Wille* der bisherigen Psychologie eine

ungerechtfertigte Verallgemeinerung ist, daß es diesen Willen *gar

nicht gibt*, daß, statt die Ausgestaltung eines *bestimmten* Willens in

viele Formen zu fassen, man den Charakter des Willens *weggestrichen*

hat, indem man den Inhalt, das Wohin? heraussubtrahiert hat -- : das

ist im höchsten Grade bei *Schopenhauer* der Fall: das ist ein bloßes

leeres Wort, was er „Wille“ nennt. Es handelt sich noch weniger um

einen „Willen *zum Leben*“: denn das Leben ist bloß ein *Einzelfall*

des Willens zur Macht; -- es ist ganz willkürlich, zu behaupten, daß

alles danach strebe, in *diese* Form des Willens zur Macht überzutreten.

II. Der Geist -- ein Machtwille.

1. Wahrnehmung.

292.

Es gibt vielerlei Augen. Auch die Sphinx hat Augen -- : und folglich

gibt es vielerlei „Wahrheiten“, und folglich gibt es keine Wahrheit.

293.

Unsere Wahrnehmungen, wie wir sie verstehen: das ist die Summe

aller der Wahrnehmungen, deren *Bewußtwerden* uns und dem ganzen

organischen Prozesse vor uns nützlich und wesentlich war: also nicht

alle Wahrnehmungen überhaupt (zum Beispiel nicht die elektrischen);

das heißt: wir haben *Sinne* nur für eine Auswahl von Wahrnehmungen --

solcher, an denen uns gelegen sein muß, um uns zu erhalten. *Bewußtsein

ist so weit da, als Bewußtsein nützlich ist.* Es ist kein Zweifel, daß

alle Sinneswahrnehmungen gänzlich durchsetzt sind mit *Werturteilen*

(nützlich und schädlich -- folglich angenehm oder unangenehm). Die

einzelne Farbe drückt zugleich einen Wert für uns aus (obwohl wir es

uns selten oder erst nach langem, ausschließlichem Einwirken derselben

Farbe eingestehen, zum Beispiel Gefangene im Gefängnis oder Irre).

Deshalb reagieren Insekten auf verschiedene Farben anders: einige

lieben diese, andere jene, zum Beispiel Ameisen.

294.

Diese perspektivische Welt, diese Welt für das Auge, Getast und Ohr

ist sehr falsch, verglichen schon für einen sehr viel feineren

Sinnenapparat. Aber ihre Verständlichkeit, Übersichtlichkeit, ihre

Praktikabilität, ihre Schönheit beginnt *aufzuhören*, wenn wir unsre

Sinne *verfeinern*: ebenso hört die Schönheit auf beim Durchdenken

von Vorgängen der Geschichte; die Ordnung des *Zwecks* ist schon eine

Illusion. Genug, je oberflächlicher und gröber zusammenfassend, um

so *wertvoller*, bestimmter, schöner, bedeutungsvoller *erscheint*

die Welt. Je tiefer man hineinsieht, um so mehr verschwindet unsere

Wertschätzung, -- die *Bedeutungslosigkeit naht sich*! Wir haben die

Welt, welche Wert hat, geschaffen! Dies erkennend, erkennen wir auch,

daß die Verehrung der Wahrheit schon die *Folge* einer *Illusion* ist

-- und daß man mehr als sie die bildende, vereinfachende, gestaltende,

erdichtende Kraft zu schätzen hat.

„Alles ist falsch! Alles ist erlaubt!“

Erst bei einer gewissen Stumpfheit des Blickes, einem Willen zur

Einfachheit stellt sich das Schöne, das „Wertvolle“ ein: an sich ist

es, *ich weiß nicht was*.

295.

Erst *Bilder* -- zu erklären, wie Bilder im Geiste entstehen. Dann

*Worte*, angewendet auf Bilder. Endlich *Begriffe*, erst möglich,

wenn es Worte gibt -- ein Zusammenfassen vieler Bilder unter etwas

Nicht-Anschauliches, sondern Hörbares (Wort). Das kleine bißchen

Emotion, welches beim „Wort“ entsteht, also beim Anschauen ähnlicher

Bilder, für die ein Wort da ist -- diese schwache Emotion ist das

Gemeinsame, die Grundlage des Begriffes. Daß schwache Empfindungen

als gleich angesetzt werden, als *dieselben* empfunden werden, ist

die Grundtatsache. Also die Verwechslung zweier ganz benachbarten

Empfindungen in der *Konstatierung* dieser Empfindungen; -- wer

aber konstatiert? Das *Glauben* ist das Uranfängliche schon in

jedem Sinneseindruck: eine Art Ja-sagen *erste* intellektuelle

Tätigkeit! Ein „Für-wahr-halten“ im Anfange! Also zu erklären: wie ein

„Für-wahr-halten“ entstanden ist! Was liegt für eine Sensation *hinter*

„wahr“?

296.

Widerspruch gegen die angeblichen „Tatsachen des Bewußtseins“. Die

Beobachtung ist tausendfach schwieriger, der Irrtum vielleicht

*Bedingung* der Beobachtung überhaupt.

297.

Kritik der neuen Philosophie: fehlerhafter Ausgangspunkt, als ob es

„Tatsachen des Bewußtseins“ gäbe -- und keinen *Phänomenalismus* in der

*Selbstbeobachtung*.

298.

„Bewußtsein“ -- inwiefern die vorgestellte Vorstellung, der

vorgestellte Wille, das vorgestellte Gefühl (*das uns allein bekannte*)

ganz oberflächlich ist! „Erscheinung“ auch unsre *innere* Welt!

299.

*Der Phänomenalismus der „inneren Welt“.* Die *chronologische

Umdrehung*, so daß die Ursache später ins Bewußtsein tritt als die

Wirkung. -- Wir haben gelernt, daß der Schmerz an eine Stelle des

Leibes projiziert wird, ohne dort seinen Sitz zu haben -- : wir haben

gelernt, daß die Sinnesempfindung, welche man naiv als bedingt durch

die Außenwelt ansetzt, vielmehr durch die Innenwelt bedingt ist: daß

die eigentliche Aktion der Außenwelt immer *unbewußt* verläuft..... Das

Stück Außenwelt, das uns bewußt wird, ist nachgeboren nach der Wirkung,

die von außen auf uns geübt ist, ist nachträglich projiziert als deren

„Ursache“....

In dem Phänomenalismus der „innern Welt“ kehren wir die Chronologie von

Ursache und Wirkung um. Die Grundtatsache der „inneren Erfahrung“ ist,

daß die Ursache imaginiert wird, nachdem die Wirkung erfolgt ist....

Dasselbe gilt auch von der Abfolge der Gedanken: -- wir suchen den

Grund zu einem Gedanken, bevor er uns noch bewußt ist: und dann tritt

zuerst der Grund und dann dessen Folge ins Bewußtsein.... Unser ganzes

Träumen ist die Auslegung von Gesamtgefühlen auf mögliche Ursachen:

und zwar so, daß ein Zustand erst bewußt wird, wenn die dazu erfundene

Kausalitätskette ins Bewußtsein getreten ist.

Die ganze „innere Erfahrung“ beruht darauf, daß zu einer Erregung der

Nervenzentren eine Ursache gesucht und vorgestellt wird -- und daß

erst die gefundene Ursache ins Bewußtsein tritt: diese Ursache ist

schlechterdings nicht adäquat der wirklichen Ursache, -- es ist ein

Tasten auf Grund der ehemaligen „inneren Erfahrungen“, das heißt des

Gedächtnisses. Das Gedächtnis erhält aber auch die Gewohnheit der alten

Interpretationen, das heißt der irrtümlichen Ursächlichkeit, -- so

daß die „innere Erfahrung“ in sich noch die Folgen aller ehemaligen

falschen Kausalfiktionen zu tragen hat. Unsere „Außenwelt“, wie wir sie

jeden Augenblick projizieren, ist unauflöslich gebunden an den alten

Irrtum vom Grunde: wir legen sie aus mit dem Schematismus des „Dings“

usw.

Die „innere Erfahrung“ tritt uns ins Bewußtsein erst nachdem sie eine

Sprache gefunden hat, die das Individuum *versteht* -- das heißt

eine Übersetzung eines Zustandes in ihm *bekanntere* Zustände -- :

„verstehen“ das heißt naiv bloß: etwas Neues ausdrücken können in

der Sprache von etwas Altem, Bekanntem. Zum Beispiel „ich befinde

mich schlecht“ -- ein solches Urteil setzt eine *große und späte

Neutralität des Beobachtenden* voraus -- : der naive Mensch sagt immer:

das und das macht, daß ich mich schlecht befinde, -- er wird über sein

Schlechtbefinden erst klar, wenn er einen Grund sieht, sich schlecht zu

befinden.... Das nenne ich den *Mangel an Philologie*; einen Text *als

Text* ablesen können, ohne eine Interpretation dazwischen zu mengen,

ist die späteste Form der „inneren Erfahrung“, -- vielleicht eine kaum

mögliche....

300.

Das *Bewußtsein*, -- ganz äußerlich beginnend, als Koordination und

Bewußtwerden der „Eindrücke“ -- anfänglich am weitesten entfernt vom

biologischen Zentrum des Individuums; aber ein Prozeß, der sich

vertieft, verinnerlicht, jenem Zentrum beständig annähert.

301.

Ursprünglich Chaos der Vorstellungen. Die Vorstellungen, die sich

miteinander vertrugen, blieben übrig, die größte Zahl ging zugrunde --

und geht zugrunde.

302.

*Rolle des „Bewußtseins“.* -- Es ist wesentlich, daß man sich

über die Rolle des „Bewußtseins“ nicht vergreift: es ist unsere

*Relation mit der „Außenwelt“, welche es entwickelt hat*. Dagegen die

*Direktion*, respektive die Obhut und Vorsorglichkeit in Hinsicht auf

das Zusammenspiel der leiblichen Funktionen tritt uns *nicht* ins

Bewußtsein; ebensowenig als die geistige *Einmagazinierung*: daß es

dafür eine oberste Instanz gibt, darf man nicht bezweifeln: eine Art

leitendes Komitee, wo die verschiedenen *Hauptbegierden* ihre Stimme

und Macht geltend machen. „Lust“, „Unlust“ sind Winke aus dieser Sphäre

her: der *Willensakt* insgleichen: die *Ideen* insgleichen.

*~In summa~*: Das, was bewußt wird, steht unter kausalen Beziehungen,

die uns ganz und gar vorenthalten sind, -- die Aufeinanderfolge von

Gedanken, Gefühlen, Ideen im Bewußtsein drückt nichts darüber aus, daß

diese Folge eine kausale Folge ist: es ist aber *scheinbar so*, im

höchsten Grade. Auf diese *Scheinbarkeit* hin haben wir unsere ganze

Vorstellung von *Geist*, *Vernunft*, *Logik* usw. *gegründet* (-- das

gibt es alles nicht: es sind fingierte Synthesen und Einheiten) und

diese wieder in die Dinge, *hinter* die Dinge projiziert!

Gewöhnlich nimmt man das Bewußtsein selbst als Gesamtsensorium

und oberste Instanz; indessen, es ist nur ein *Mittel* der

*Mitteilbarkeit*: es ist im Verkehr entwickelt, und in Hinsicht

auf Verkehrsinteressen.... „Verkehr“ hier verstanden auch von den

Einwirkungen der Außenwelt und den unsererseits dabei nötigen

Reaktionen; ebenso wie von unseren Wirkungen nach außen. Es ist nicht

die Leitung, sondern ein *Organ der Leitung*.

303.

Die Sinneswahrnehmungen nach „außen“ projiziert: „innen“ und „außen“ --

da kommandiert der *Leib* --?

Dieselbe gleichmachende und ordnende Kraft, welche im Idioplasma

waltet, waltet auch beim Einverleiben der Außenwelt: unsere

Sinneswahrnehmungen sind bereits das *Resultat* dieser *Anähnlichung*

und *Gleichsetzung* in bezug auf *alle* Vergangenheit in uns; sie

folgen nicht sofort auf den „Eindruck“ --

304.

In betreff des *Gedächtnisses* muß man umlernen: hier steckt die

Hauptverführung, eine „Seele“ anzunehmen, welche zeitlos reproduziert,

wiedererkennt usw. Aber das Erlebte lebt fort „im Gedächtnis“; daß

es „kommt“, dafür kann ich nichts, der Wille ist dafür untätig, wie

beim Kommen jedes Gedankens. Es geschieht etwas, dessen ich mir bewußt

werde: jetzt kommt etwas Ähnliches -- wer ruft es? weckt es?

305.

Alles Denken, Urteilen, Wahrnehmen als *Vergleichen* hat als

Voraussetzung ein „Gleich*setzen*“, noch früher ein „Gleich*machen*“.

Das Gleichmachen ist dasselbe, was die Einverleibung der angeeigneten

Materie in die Amöbe ist.

„Erinnerung“ spät, insofern hier der gleichmachende Trieb bereits

*gebändigt* erscheint: die Differenz wird bewahrt. Erinnern als ein

Einrubrizieren und Einschachteln; aktiv -- wer?

306.

Der Glaube an den Leib ist fundamentaler als der Glaube an die *Seele*:

letzterer ist entstanden aus der unwissenschaftlichen Betrachtung der

Agonien des Leibes (etwas, das ihn verläßt. Glaube an die *Wahrheit*

des *Traumes* --).

307.

Ausgangspunkt vom *Leibe* und der Physiologie: warum? -- Wir gewinnen

die richtige Vorstellung von der Art unsrer Subjekteinheit, nämlich

als Regenten an der Spitze eines Gemeinwesens (nicht als „Seelen“ oder

„Lebenskräfte“), insgleichen von der Abhängigkeit dieser Regenten von

den Regierten und den Bedingungen der Rangordnung und Arbeitsteilung

als Ermöglichung zugleich der Einzelnen und des Ganzen. Ebenso wie

fortwährend die lebendigen Einheiten entstehen und sterben und wie zum

„Subjekt“ nicht Ewigkeit gehört; ebenso daß der Kampf auch in Gehorchen

und Befehlen sich ausdrückt und ein fließendes Machtgrenzen-Bestimmen

zum Leben gehört. Die gewisse *Unwissenheit*, in der der Regent

gehalten wird über die einzelnen Verrichtungen und selbst Störungen des

Gemeinwesens, gehört mit zu den Bedingungen, unter denen regiert werden

kann. Kurz, wir gewinnen eine Schätzung auch für das *Nichtwissen*,

das Im-Großen-und-Groben-Sehen, das Vereinfachen und Fälschen, das

Perspektivische. Das Wichtigste ist aber: daß wir den Beherrscher

und seine Untertanen als *gleicher Art* verstehen, alle fühlend,

wollend, denkend -- und daß wir überall, wo wir Bewegung im Leibe sehen

oder erraten, auf ein zugehöriges subjektives, unsichtbares Leben

hinzuschließen lernen. Bewegung ist eine Symbolik für das Auge; sie

deutet hin, daß etwas gefühlt, gewollt, gedacht worden ist.

Das direkte Befragen des Subjekts *über* das Subjekt und alle

Selbstbespiegelung des Geistes hat darin seine Gefahren, daß es für

seine Tätigkeit nützlich und wichtig sein könnte, sich *falsch* zu

interpretieren. Deshalb fragen wir den Leib und lehnen das Zeugnis

der verschärften Sinne ab: wenn man will, wir sehen zu, ob nicht die

Untergebenen selber mit uns in Verkehr treten können.

308.

Alles, was einfach ist, ist bloß imaginär, ist nicht „wahr“. Was aber

wirklich, was wahr ist, ist weder eins, noch auch nur reduzierbar auf

eins.

309.

Ich halte die Phänomenalität auch der *inneren* Welt fest: Alles,

was uns *bewußt* wird, ist durch und durch erst zurechtgemacht,

vereinfacht, schematisiert, ausgelegt, -- der *wirkliche* Vorgang der

inneren „Wahrnehmung“, die *Kausalvereinigung* zwischen Gedanken,

Gefühlen, Begehrungen, zwischen Subjekt und Objekt ist uns absolut

verborgen -- und vielleicht eine reine Einbildung. Diese „scheinbare

*innere* Welt“ ist mit ganz denselben Formen und Prozeduren behandelt,

wie die „äußere“ Welt. Wir stoßen nie auf „Tatsachen“: Lust und Unlust

sind späte und abgeleitete Intellektphänomene....

Die „Ursächlichkeit“ entschlüpft uns; zwischen Gedanken ein

unmittelbares, ursächliches Band anzunehmen, wie es die Logik tut --

das ist Folge der allergröbsten und plumpsten Beobachtung. *Zwischen*

zwei Gedanken spielen *noch alle möglichen Affekte* ihr Spiel: aber die

Bewegungen sind zu rasch, deshalb *verkennen* wir sie, *leugnen* wir

sie..

„Denken“, wie es die Erkenntnistheoretiker ansetzen, kommt gar

nicht vor: das ist eine ganz willkürliche Fiktion, erreicht durch

Heraushebung eines Elementes aus dem Prozeß und Subtraktion aller

übrigen, eine künftige Zurechtmachung zum Zwecke der Verständlichung....

Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens · 第 13 / 29 段