der sich selbst erlöst....
Deshalb ist die *französische* Revolution die Tochter und Fortsetzerin
des *Christentums*.... sie hat den Instinkt gegen die Kaste, gegen die
Vornehmen, gegen die letzten Privilegien -- --
248.
*Die tiefe Verachtung*, mit der der Christ in der vornehm gebliebenen
antiken Welt behandelt wurde, gehört ebendahin, wohin heute noch die
Instinktabneigung gegen den Juden gehört: es ist der Haß der freien
und selbstbewußten Stände gegen die, *welche sich durchdrücken* und
schüchterne, linkische Gebärden mit einem unsinnigen Selbstgefühl
verbinden.
Das neue Testament ist das Evangelium einer gänzlich *unvornehmen* Art
Mensch; ihr Anspruch, mehr Wert zu haben, ja *allen* Wert zu haben, hat
in der Tat etwas Empörendes, -- auch heute noch.
249.
Das ursprüngliche Christentum ist *Abolition des Staates*: es verbietet
den Eid, den Kriegsdienst, die Gerichtshöfe, die Selbstverteidigung
und Verteidigung irgendeines Ganzen, den Unterschied zwischen
Volksgenossen und Fremden; insgleichen die *Stände*ordnung.
Das *Vorbild Christi*: er widerstrebt nicht denen, die ihm Übles tun;
er verteidigt sich nicht; er tut mehr: er „reicht die linke Wange“ (auf
die Frage „bist du Christus?“ antwortet er, „und von nun an werdet ihr
sehen des Menschen Sohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in den
Wolken des Himmels“). Er verbietet, daß seine Jünger ihn verteidigen;
er macht aufmerksam, daß er Hilfe haben könnte, aber nicht will.
Das Christentum ist auch *Abolition der Gesellschaft*: es bevorzugt
alles von ihr Geringgeschätzte, es wächst heraus aus den Verrufenen und
Verurteilten, den Aussätzigen jeder Art, den „Sündern“, den „Zöllnern“,
den Prostituierten, dem dümmsten Volk (den „Fischern“); es verschmäht
die Reichen, die Gelehrten, die Vornehmen, die Tugendhaften, die
„Korrekten“....
250.
*Zur Geschichte des Christentums.* -- Fortwährende Veränderung des
Milieus: die christliche Lehre verändert damit fortwährend ihr
*Schwergewicht*.... Die Begünstigung der *Niederen* und *kleinen
Leute*.... Die Entwicklung der ~caritas~.... Der Typus „Christ“ nimmt
schrittweise alles wieder an, was er ursprünglich negierte (*in
dessen Negation er bestand* --). Der Christ wird Bürger, Soldat,
Gerichtsperson, Arbeiter, Handelsmann, Gelehrter, Theolog, Priester,
Philosoph, Landwirt, Künstler, Patriot, Politiker, „Fürst“.... er
nimmt alle *Tätigkeiten* wieder auf, die er abgeschworen hat (-- die
Selbstverteidigung, das Gerichthalten, das Strafen, das Schwören,
das Unterscheiden zwischen Volk und Volk, das Geringschätzen, das
Zürnen....). Das ganze Leben des Christen ist endlich genau das Leben,
*von dem Christus die Loslösung predigte*...
Die *Kirche* gehört so gut zum *Triumph* des Antichristlichen, wie
der moderne Staat, der moderne Nationalismus.... Die Kirche ist die
Barbarisierung des Christentums.
251.
Das Christentum ist möglich als *privateste* Daseinsform; es setzt eine
enge, abgezogene, vollkommen unpolitische Gesellschaft voraus, -- es
gehört ins Konventikel. Ein „christlicher *Staat*“, eine „christliche
Politik“ dagegen ist eine Schamlosigkeit, eine Lüge, etwa wie eine
christliche Heerführung, welche zuletzt den „Gott der Heerscharen“ als
Generalstabschef behandelt. Auch das Papsttum ist niemals imstande
gewesen, christliche Politik zu machen....; und wenn Reformatoren
Politik treiben, wie Luther, so weiß man, daß sie eben solche Anhänger
Macchiavells sind wie irgend welche Immoralisten oder Tyrannen.
252.
*Wann auch die „Herren“ Christen werden können.* -- Es liegt in dem
Instinkt einer *Gemeinschaft* (Stamm, Geschlecht, Herde, Gemeinde), die
Zustände und Begehrungen, denen sie ihre Erhaltung verdankt, als *an
sich wertvoll* zu empfinden, zum Beispiel Gehorsam, Gegenseitigkeit,
Rücksicht, Mäßigkeit, Mitleid, -- somit alles, was denselben im Wege
steht oder widerspricht, *herabzudrücken*.
Es liegt insgleichen in dem Instinkt der *Herrschenden* (seien
es Einzelne, seien es Stände), die Tugenden, auf welche hin die
Unterworfenen *handlich* und *ergeben* sind, zu patronisieren und
auszuzeichnen (-- Zustände und Affekte, die den eignen so fremd wie
möglich sein können).
Der *Herdeninstinkt* und der *Instinkt* der *Herrschenden* kommen im
Loben einer gewissen Anzahl von Eigenschaften und Zuständen *überein*,
-- aber aus verschiedenen Gründen: der erste aus unmittelbarem
Egoismus, der zweite aus mittelbarem Egoismus.
*Die Unterwerfung der Herrenrassen* unter das Christentum ist
wesentlich die Folge der Einsicht, daß das Christentum eine
*Herdenreligion* ist, daß es *Gehorsam* lehrt: kurz, daß man Christen
leichter beherrscht als Nichtchristen. Mit diesem Wink empfiehlt noch
heute der Papst dem Kaiser von China die christliche Propaganda.
Es kommt hinzu, daß die Verführungskraft des christlichen Ideals am
stärksten vielleicht auf solche Naturen wirkt, welche die Gefahr, das
Abenteuer und das Gegensätzliche lieben, welche alles lieben, *wobei
sie sich riskieren*, wobei aber ein ~non plus ultra~ von Machtgefühl
erreicht werden kann. Man denke sich die heilige Theresa, inmitten der
heroischen Instinkte ihrer Brüder: -- das Christentum erscheint da
als eine Form der Willensausschweifung, der Willensstärke, als eine
Donquixoterie des Heroismus....
253.
Das „Christentum“ ist etwas Grundverschiedenes von dem geworden, was
sein Stifter tat und wollte. Es ist die große *antiheidnische Bewegung*
des Altertums, formuliert mit Benutzung von Leben, Lehre und „Worten“
des Stifters des Christentums, aber in einer absolut *willkürlichen*
Interpretation nach dem Schema *grundverschiedener Bedürfnisse*:
übersetzt in die Sprache aller schon bestehenden *unterirdischen
Religionen* --
Es ist die Heraufkunft des Pessimismus (-- während Jesus den Frieden
und das Glück der Lämmer bringen wollte): und zwar des Pessimismus der
Schwachen, der Unterlegenen, der Leidenden, der Unterdrückten.
Ihr Todfeind ist 1. die Macht in Charakter, Geist und Geschmack;
die „Weltlichkeit“; 2. das klassische „Glück“, die vornehme
Leichtfertigkeit und Skepsis, der harte Stolz, die exzentrische
Ausschweifung und die kühle Selbstgenügsamkeit des Weisen, das
griechische Raffinement in Gebärde, Wort und Form. Ihr Todfeind ist der
*Römer* ebensosehr als der *Grieche*.
Versuch des *Antiheidentums*, sich philosophisch zu begründen und
möglich zu machen: Witterung für die zweideutigen Figuren der alten
Kultur, vor allem für Plato, diesen Antihellenen und Semiten von
Instinkt.... Insgleichen für den Stoizismus, der wesentlich das Werk
von Semiten ist (-- die „Würde“ als Strenge, Gesetz, die Tugend als
Größe, Selbstverantwortung, Autorität, als höchste Personalsouveränität
-- das ist semitisch. Der Stoiker ist ein arabischer Scheich in
griechische Windeln und Begriffe gewickelt).
254.
Wenn man auch noch so bescheiden in seinem Anspruch auf intellektuelle
Sauberkeit ist, man kann nicht verhindern, bei der Berührung mit
dem Neuen Testament etwas wie ein unaussprechliches Mißbehagen
zu empfinden: denn die zügellose Frechheit des Mitredenwollens
Unberufenster über die großen Probleme, ja ihr Anspruch auf
Richtertum in solchen Dingen übersteigt jedes Maß. Die unverschämte
Leichtfertigkeit, mit der hier von den unzugänglichsten Problemen
(Leben, Welt, Gott, Zweck des Lebens) geredet wird, wie als ob sie
keine Probleme wären, sondern einfach Sachen, die diese kleinen Mucker
*wissen*!
255.
Dies war die verhängnisvollste Art Größenwahn, die bisher auf Erden
dagewesen ist: -- wenn diese verlogenen kleinen Mißgeburten von Muckern
anfangen, die Worte „Gott“, „jüngstes Gericht“, „Wahrheit“, „Liebe“,
„Weisheit“, „heiliger Geist“ für sich in Anspruch zu nehmen und sich
damit gegen „die Welt“ abzugrenzen, wenn diese Art Mensch anfängt, die
*Werte nach sich umzudrehen*, wie als ob *sie* der Sinn, das Salz,
das Maß und *Gewicht* vom ganzen Rest wären: so sollte man ihnen
Irrenhäuser bauen und nichts weiter tun. Daß man sie *verfolgte*, das
war eine antike Dummheit großen Stils: damit nahm man sie zu ernst,
damit machte man aus ihnen einen Ernst.
Das ganze Verhängnis war dadurch ermöglicht, daß schon eine verwandte
Art von Größenwahn *in der Welt war*, der *jüdische* (-- nachdem einmal
die Kluft zwischen den Juden und den Christen-Juden aufgerissen,
*mußten* die Christen-Juden die Prozedur der Selbsterhaltung, welche
der jüdische Instinkt erfunden hatte, nochmals und in einer letzten
Steigerung zu ihrer Selbsterhaltung anwenden --); andererseits dadurch,
daß die griechische Philosophie der Moral alles getan hatte, um einen
*Moralfanatismus* selbst unter Griechen und Römern vorzubereiten
und schmackhaft zu machen.... Plato, die große Zwischenbrücke der
Verderbnis, der zuerst die Natur in der Moral nicht verstehen wollte,
der bereits die griechischen Götter mit seinem Begriff „*gut*“
entwertet hatte, der bereits *jüdisch-angemuckert* war (-- in Ägypten?).
256.
Was ist denn das, dieser Kampf des Christen „wider die Natur“? Wir
werden uns ja durch seine Worte und Auslegungen nicht täuschen lassen!
Es ist Natur wider etwas, das auch Natur ist. Furcht bei vielen, Ekel
bei manchen, eine gewisse Geistigkeit bei anderen, die Liebe zu einem
Ideal ohne Fleisch und Begierde, zu einem „Auszug der Natur“ bei
den Höchsten -- diese wollen es ihrem Ideale gleichtun. Es versteht
sich, daß Demütigung an Stelle des Selbstgefühls, ängstliche Vorsicht
vor den Begierden, die Lostrennung von den gewöhnlichen Pflichten
(wodurch wieder ein höheres Ranggefühl geschaffen wird), die Aufregung
eines beständigen Kampfes um ungeheure Dinge, die Gewohnheit der
Gefühlseffusion -- alles einen Typus zusammensetzt: in ihm überwiegt
die *Reizbarkeit* eines verkümmernden Leibes, aber die Nervosität und
ihre Inspiration wird anders *interpretiert*. Der *Geschmack* dieser
Art Naturen geht einmal 1. auf das Spitzfindige, 2. auf das Blumige,
3. auf die extremen Gefühle. -- Die natürlichen Hänge befriedigen sich
*doch*, aber unter einer neuen Form der Interpretation, zum Beispiel
als „Rechtfertigung vor Gott“, „Erlösungsgefühl in der Gnade“ (-- jedes
unabweisbare *Wohlgefühl* wird interpretiert! --), der Stolz, die
Wollust usw. -- Allgemeines Problem: was wird aus dem Menschen, der
sich das Natürliche verlästert und praktisch verleugnet und verkümmert?
Tatsächlich erweist sich der Christ als eine *übertreibende* Form der
Selbstbeherrschung: um seine Begierden zu bändigen, scheint er nötig zu
haben, sie zu vernichten oder zu kreuzigen.
257.
Gott schuf den Menschen glücklich, müßig, unschuldig und unsterblich:
unser wirkliches Leben ist ein falsches, abgefallenes, sündhaftes
Dasein, eine Strafexistenz.... Das Leiden, der Kampf, die Arbeit, der
Tod werden als Einwände und Fragezeichen gegen das Leben abgeschätzt,
als etwas Unnatürliches, etwas, das nicht dauern soll; gegen das man
Heilmittel braucht -- und *hat*!....
Die Menschheit hat von Adam an bis jetzt sich in einem unnormalen
Zustande befunden: Gott selbst hat seinen Sohn für die Schuld Adams
hergegeben, um diesem unnormalen Zustande ein Ende zu machen: der
natürliche Charakter des Lebens ist ein *Fluch*; Christus gibt dem,
der an ihn glaubt, den Normalzustand zurück: er macht ihn glücklich,
müßig und unschuldig. -- Aber die Erde hat nicht angefangen, fruchtbar
zu sein ohne Arbeit; die Weiber gebären nicht ohne Schmerzen Kinder,
die Krankheit hat nicht aufgehört; die Gläubigsten befinden sich hier
so schlecht wie die Ungläubigsten. Nur daß der Mensch vom *Tode* und
von der *Sünde* befreit ist -- Behauptungen, die keine Kontrolle
zulassen --, das hat die Kirche um so bestimmter behauptet. „Er ist
frei von Sünde“ -- nicht durch sein Tun, nicht durch einen rigorosen
Kampf seinerseits, sondern durch die *Tat der Erlösung freigekauft* --
folglich vollkommen, unschuldig, paradiesisch....
Das *wahre* Leben nur ein Glaube (das heißt ein Selbstbetrug, ein
Irrsinn). Das ganze ringende, kämpfende, wirkliche Dasein voll Glanz
und Finsternis nur ein schlechtes, falsches Dasein: von ihm *erlöst*
werden ist die Aufgabe.
„Der Mensch unschuldig, müßig, unsterblich, glücklich“ -- diese
Konzeption der „höchsten Wünschbarkeit“ ist vor allem zu kritisieren.
Warum ist die Schuld, die Arbeit, der Tod, das Leiden (*und*,
christlich geredet, die *Erkenntnis*....) *wider* die höchste
Wünschbarkeit? -- Die faulen christlichen Begriffe „Seligkeit“,
„Unschuld“, „Unsterblichkeit“ -- -- --
258.
Krieg gegen das *christliche Ideal*, gegen die Lehre von der
„Seligkeit“ und dem „Heil“ als Ziel des Lebens, gegen die Suprematie
der Einfältigen, der reinen Herzen, der Leidenden und Mißglückten.
Wann und wo hat je ein Mensch, *der in Betracht kommt*, jenem
christlichen Ideal ähnlich gesehen? Wenigstens für solche Augen, wie
sie ein Psycholog und Nierenprüfer haben muß! -- man blättere alle
Helden Plutarchs durch.
259.
Der *höhere* Mensch unterscheidet sich von dem *niederen* in Hinsicht
auf die Furchtlosigkeit und die Herausforderung des Unglücks: es ist
ein Zeichen von *Rückgang*, wenn eudämonistische Wertmaße als oberste
zu gelten anfangen (-- physiologische Ermüdung, Willensverarmung
--). Das Christentum mit seiner Perspektive auf „Seligkeit“ ist eine
typische Denkweise für eine leidende und verarmte Gattung Mensch. Eine
volle Kraft will schaffen, leiden, untergehen: ihr ist das christliche
Muckerheil eine schlechte Musik und hieratische Gebärden ein Verdruß.
260.
Unser Vorrang: wir leben im Zeitalter der *Vergleichung*, wir
können nachrechnen, wie nie nachgerechnet worden ist: wir sind das
Selbstbewußtsein der Historie überhaupt. Wir genießen anders, wir
leiden anders: die Vergleichung eines unerhört Vielfachen ist unsre
instinktivste Tätigkeit. Wir verstehen alles, wir leben alles, wir
haben kein feindseliges Gefühl mehr in uns. Ob wir selbst dabei
schlecht wegkommen, unsre entgegenkommende und beinahe liebevolle
Neugierde geht ungescheut auf die gefährlichsten Dinge los....
„Alles ist gut“ -- es kostet uns Mühe, zu verneinen. Wir leiden, wenn
wir einmal so unintelligent werden, Partei gegen etwas zu nehmen.... Im
Grunde erfüllen wir Gelehrten heute am besten die Lehre Christi -- --
261.
Man gibt sich nicht genug Rechenschaft darüber, in welcher Barbarei der
Begriffe wir Europäer noch leben. Daß man hat glauben können, das „Heil
der Seele“ hänge an einem Buche!.... Und man sagt mir, man glaube das
heute noch.
Was hilft alle wissenschaftliche Erziehung, alle Kritik und
Hermeneutik, wenn ein solcher Widersinn von Bibelauslegung, wie ihn die
Kirche aufrecht erhält, noch nicht die Schamröte zur Leibfarbe gemacht
hat?
262.
Der Humor der europäischen Kultur: man hält *das* für wahr, aber tut
*jenes*. Zum Beispiel was hilft alle Kunst des Lesens und der Kritik,
wenn die kirchliche Interpretation der Bibel, die protestantische so
gut wie die katholische, nach wie vor aufrecht erhalten wird!
263.
*Nachzudenken*: Inwiefern immer noch der verhängnisvolle Glaube an die
*göttliche Providenz* -- dieser für Hand und Vernunft *lähmendste*
Glaube, den es gegeben hat -- fortbesteht; inwiefern unter den Formeln
„Natur“, „Fortschritt“, „Vervollkommnung“, „Darwinismus“, unter dem
Aberglauben einer gewissen Zusammengehörigkeit von Glück und Tugend,
von Unglück und Schuld immer noch die christliche Voraussetzung und
Interpretation ihr Nachleben hat. Jenes absurde *Vertrauen* zum Gang
der Dinge, zum „Leben“, zum „Instinkt des Lebens“, jene biedermännische
*Resignation*, die des Glaubens ist, jedermann habe nur seine Pflicht
zu tun, damit *alles* gut gehe -- dergleichen hat nur Sinn unter der
Annahme einer Leitung der Dinge ~sub specie boni~. Selbst noch der
*Fatalismus*, unsre jetzige Form der philosophischen Sensibilität,
ist eine Folge jenes *längsten* Glaubens an göttliche Fügung, eine
unbewußte Folge: nämlich als ob es eben nicht auf *uns* ankomme, wie
alles geht (-- als ob wir es laufen lassen *dürften*, wie es läuft:
jeder Einzelne selbst nur ein Modus der absoluten Realität --).
264.
Nichts wäre nützlicher und mehr zu fördern, als ein konsequenter
*Nihilismus der Tat*. -- So wie ich alle die Phänomene des
Christentums, des Pessimismus verstehe, so drücken sie aus: „wir sind
reif, nicht zu sein; für uns ist es vernünftig, nicht zu sein“. Diese
Sprache der „Vernunft“ wäre in diesem Falle auch die Sprache der
*selektiven Natur*.
Was über alle Begriffe dagegen zu verurteilen ist, das ist die
zweideutige und feige Halbheit einer Religion, wie die des
*Christentums*: deutlicher, der *Kirche*: welche, statt zum Tode und
zur Selbstvernichtung zu ermutigen, alles Mißratene und Kranke schützt
und sich selbst fortpflanzen macht --
Problem: mit was für Mitteln würde eine strenge Form des großen
kontagiösen Nihilismus erzielt werden: eine solche, welche mit
wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit den freiwilligen Tod lehrt und
übt (-- und *nicht* das schwächliche Fortvegetieren mit Hinsicht auf
eine falsche Postexistenz --)?
Man kann das Christentum nicht genug verurteilen, weil es den
*Wert* einer solchen *reinigenden* großen Nihilismusbewegung, wie
sie vielleicht im Gange war, durch den Gedanken der unsterblichen
Privatperson entwertet hat: insgleichen durch die Hoffnung auf
Auferstehung: kurz, immer durch ein Abhalten von der *Tat des
Nihilismus*, dem Selbstmord ... Es substituierte den langsamen
Selbstmord; allmählich ein kleines, armes, aber dauerhaftes Leben;
allmählich ein ganz gewöhnliches, bürgerliches, mittelmäßiges Leben
usw.
265.
Man soll es dem Christentum nie vergeben, daß es solche Menschen
wie Pascal zugrunde gerichtet hat. Man soll nie aufhören, eben dies
am Christentum zu bekämpfen, daß es den Willen dazu hat, gerade
die stärksten und vornehmsten Seelen zu zerbrechen. Man soll sich
nie Frieden geben, solange dies Eine noch nicht in Grund und Boden
zerstört ist: das Ideal vom Menschen, welches vom Christentum
erfunden worden ist, seine Forderungen an den Menschen, sein Nein
und sein Ja in Hinsicht auf den Menschen. Der ganze absurde Rest von
christlicher Fabel, Begriffs-Spinneweberei und Theologie geht uns
nichts an; er könnte noch tausendmal absurder sein, und wir würden
nicht einen Finger gegen ihn aufheben. Aber jenes Ideal bekämpfen
wir, das mit seiner krankhaften Schönheit und Weibsverführung,
mit seiner heimlichen Verleumderberedsamkeit allen Feigheiten und
Eitelkeiten müdgewordener Seelen zuredet -- und die Stärksten haben
müde Stunden --, wie als ob alles das, was in solchen Zuständen am
nützlichsten und wünschbarsten scheinen mag, Vertrauen, Arglosigkeit,
Anspruchslosigkeit, Geduld, Liebe zu seinesgleichen, Ergebung,
Hingebung an Gott, eine Art Abschirrung und Abdankung seines ganzen
Ichs, auch an sich das Nützlichste und Wünschbarste sei; wie als
ob die kleine bescheidene Mißgeburt von Seele, das tugendhafte
Durchschnittstier und Herdenschaf Mensch nicht nur den Vorrang vor der
stärkeren, böseren, begehrlicheren, trotzigeren, verschwenderischeren
und darum hundertfach gefährdeteren Art Mensch habe, sondern geradezu
für den Menschen überhaupt das Ideal, das Ziel, das Maß, die höchste
Wünschbarkeit abgebe. *Diese* Aufrichtung eines Ideals war bisher die
unheimlichste Versuchung, welcher der Mensch ausgesetzt war: denn mit
ihm drohte den stärker geratenen Ausnahmen und Glücksfällen von Mensch,
in denen der Wille zur Macht und zum Wachstum des ganzen Typus Mensch
einen Schritt vorwärts tut, der Untergang; mit seinen Werten sollte
das Wachstum jener Mehr-Menschen an der Wurzel angegraben werden,
welche um ihrer höheren Ansprüche und Aufgaben willen freiwillig
auch ein gefährlicheres Leben (ökonomisch ausgedrückt: Steigerung
der Unternehmerkosten ebensosehr wie der Unwahrscheinlichkeit des
Gelingens) in den Kauf nehmen. Was wir am Christentum bekämpfen? Daß
es die Starken zerbrechen will, daß es ihren Mut entmutigen, ihre
schlechten Stunden und Müdigkeiten ausnützen, ihre stolze Sicherheit in
Unruhe und Gewissensnot verkehren will, daß es die vornehmen Instinkte
giftig und krank zu machen versteht, bis sich ihre Kraft, ihr Wille
zur Macht rückwärts kehrt, gegen sich selber kehrt, -- bis die Starken
an den Ausschweifungen der Selbstverachtung und der Selbstmißhandlung
zugrunde gehen: jene schauerliche Art des Zugrundegehens, deren
berühmtestes Beispiel *Pascal* abgibt.
266.
Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich. Es ist an keines
der unverschämten Dogmen gebunden, welche sich mit seinem Namen
geschmückt haben: es braucht weder die Lehre vom *persönlichen Gott*,
noch von der *Sünde*, noch von der *Unsterblichkeit*, noch von der
*Erlösung*, noch vom *Glauben*; es hat schlechterdings keine Metaphysik
nötig, noch weniger den Asketismus, noch weniger eine christliche
„Naturwissenschaft“.... Das Christentum ist eine *Praxis*, keine
Glaubenslehre. Es sagt uns, wie wir handeln, nicht, was wir glauben
sollen.
Wer jetzt sagte, „ich will nicht Soldat sein“, „ich kümmere mich nicht
um die Gerichte“, „die Dienste der Polizei werden von mir nicht in
Anspruch genommen“, „ich will nichts tun, was den Frieden in mir selbst
stört: und wenn ich daran leiden muß, nichts wird mir den Frieden
erhalten als Leiden“ -- der wäre Christ.
267.
Ironie gegen die, welche das Christentum durch die modernen
Naturwissenschaften überwunden glauben. Die christlichen Werturteile
sind damit absolut nicht überwunden. „Christus am Kreuze“ ist das
erhabenste Symbol -- immer noch. --
Drittes Buch.
Prinzip einer neuen Wertsetzung.
I. Die neue Deutung der Welt.
268.
*Wahrheit ist die Art von Irrtum*, ohne welche eine bestimmte Art
von lebendigen Wesen nicht leben könnte. Der Wert für das *Leben*
entscheidet zuletzt.
269.
Das Kriterium der Wahrheit liegt in der Steigerung des Machtgefühls.
270.
Der Glaube „so und so *ist* es“ zu verwandeln in den Willen „so und so
*soll es werden*“.
271.
Die Frage der Werte ist *fundamentaler* als die Frage der Gewißheit:
letztere erlangt ihren Ernst erst unter der Voraussetzung, daß die
Wertfrage beantwortet ist.
Sein und Schein, psychologisch nachgerechnet, ergibt kein „Sein an
sich“, keine Kriterien für „Realität“, sondern nur für Grade der
Scheinbarkeit gemessen an der Stärke des *Anteils*, den wir einem
Schein geben.
Nicht ein Kampf um Existenz wird zwischen den Vorstellungen und
Wahrnehmungen gekämpft, sondern um Herrschaft: -- *vernichtet* wird
die überwundene Vorstellung *nicht*, nur *zurückgedrängt* oder
*subordiniert*. *Es gibt im Geistigen keine Vernichtung*....
272.
Die *Wertschätzung*, „ich glaube, daß das und das so ist“ als *Wesen*
der „*Wahrheit*“. In den Wertschätzungen drücken sich *Erhaltungs-*
und *Wachstumsbedingungen* aus. Alle unsre *Erkenntnisorgane
und Sinne* sind nur entwickelt in Hinsicht auf Erhaltungs- und
Wachstumsbedingungen. Das *Vertrauen* zur Vernunft und ihren
Kategorien, zur Dialektik, also die *Wertschätzung* der Logik, beweist
nur die durch Erfahrung bewiesene *Nützlichkeit* derselben für das
Leben: *nicht* deren „Wahrheit“.
Daß eine Menge *Glauben* da sein muß; daß *geurteilt* werden darf; daß
der Zweifel in Hinsicht auf alle wesentlichen Werte *fehlt*: -- das ist
Voraussetzung alles Lebendigen und seines Lebens. Also daß etwas für
wahr gehalten werden *muß*, ist notwendig, -- *nicht*, daß etwas wahr
ist.