Man soll das Christentum als *historische Realität* nicht mit jener

einen Wurzel verwechseln, an welche es mit seinem Namen erinnert: die

*andern* Wurzeln, aus denen es gewachsen ist, sind bei weitem mächtiger

gewesen. Es ist ein Mißbrauch ohnegleichen, wenn solche Verfallsgebilde

und Mißformen, die „christliche Kirche“, „christlicher Glaube“ und

„christliches Leben“ heißen, sich mit jenem heiligen Namen abzeichnen.

Was hat Christus *verneint*? -- Alles, was heute christlich heißt.

223.

Die ganze christliche Lehre von dem, was geglaubt werden *soll*, die

ganze christliche „Wahrheit“ ist eitel Lug und Trug: und genau das

Gegenstück von dem, was den Anfang der christlichen Bewegung gegeben

hat.

Das gerade, was im *kirchlichen* Sinn das Christliche ist, ist das

*Antichristliche* von vornherein: lauter Sachen und Personen statt der

Symbole, lauter Historie statt der ewigen Tatsachen, lauter Formeln,

Riten, Dogmen statt einer Praxis des Lebens. Christlich ist die

vollkommene Gleichgültigkeit gegen Dogmen, Kultus, Priester, Kirche,

Theologie.

Die Praxis des Christentums ist keine Phantasterei, so wenig die Praxis

des Buddhismus sie ist: sie ist ein Mittel, glücklich zu sein....

224.

Jesus geht direkt auf den Zustand los, das „Himmelreich“ im Herzen, und

findet die Mittel *nicht* in der Observanz der jüdischen Kirche --;

er rechnet selbst die Realität des Judentums (seine Nötigung, sich zu

erhalten) für nichts; er ist rein *innerlich*. --

Ebenso macht er sich nichts aus den sämtlichen groben Formeln

im Verkehr mit Gott: er wehrt sich gegen die ganze Buß- und

Versöhnungslehre; er zeigt, wie man leben muß, um sich als

„vergöttlicht“ zu fühlen -- und wie man nicht mit Buße und

Zerknirschung über seine Sünden dazu kommt: „*es liegt nichts an

Sünde*“ ist sein Haupturteil.

Sünde, Buße, Vergebung, -- das gehört alles nicht hierher.... das ist

ein eingemischtes Judentum, oder es ist heidnisch.

225.

Das *Himmelreich* ist ein Zustand des Herzens (-- von den Kindern wird

gesagt, „denn ihrer ist das Himmelreich“), nichts, was „über der Erde“

ist. Das Reich Gottes „kommt“ nicht chronologisch-historisch, nicht

nach dem Kalender, etwas, das eines Tages da wäre und tags vorher

nicht: sondern es ist eine „Sinnesänderung im Einzelnen“, etwas, das

jederzeit kommt und jederzeit noch nicht da ist...

226.

Der *Schächer am Kreuz*: -- wenn der Verbrecher selbst, der einen

schmerzhaften Tod leidet, urteilt: „so wie dieser Jesus, ohne Revolte,

ohne Feindschaft, gütig, ergeben, leidet und stirbt, so allein ist

es das Rechte“, hat er das Evangelium bejaht: und damit *ist er im

Paradiese*....

227.

Jesus stellte ein wirkliches Leben, ein Leben in der Wahrheit jenem

göttlichen Leben gegenüber: nichts liegt ihm ferner, als der plumpe

Unsinn eines „verewigten Petrus“, einer ewigen Personalfortdauer. Was

er bekämpft, das ist die Wichtigtuerei der „Person“: wie kann er gerade

*die* verewigen wollen?

Er bekämpft insgleichen die Hierarchie innerhalb der Gemeinde: er

verspricht nicht irgendeine Proportion von Lohn je nach der Leistung:

wie kann er Strafe und Lohn im Jenseits gemeint haben!

228.

Auf eine ganz absurde Weise ist die Lohn- und Straflehre hineingemengt:

es ist alles damit verdorben.

Insgleichen ist die *Praxis* der ersten *~ecclesia militans~*, des

Apostels Paulus und sein Verhalten auf eine ganz verfälschende Weise

als *geboten*, als *voraus* festgesetzt dargestellt....

Die nachträgliche Verherrlichung des tatsächlichen *Lebens* und

*Lehrens* der ersten Christen: wie als ob alles *so vorgeschrieben*

.... bloß *befolgt* wäre....

Nun gar die *Erfüllung* der *Weissagungen*: was ist da alles gefälscht

und zurecht gemacht worden!

229.

Ein Gott für unsere Sünden gestorben; eine Erlösung durch den

Glauben; eine Wiederauferstehung nach dem Tode -- das sind alles

Falschmünzereien des eigentlichen Christentums, für die man jenen

unheilvollen Querkopf (Paulus) verantwortlich machen muß.

Das *vorbildliche Leben* besteht in der Liebe und Demut; in der

Herzensfülle, welche auch den Niedrigsten nicht ausschließt; in

der förmlichen Verzichtleistung auf das Rechtbehaltenwollen, auf

Verteidigung, auf Sieg im Sinne des persönlichen Triumphes; im Glauben

an die Seligkeit hier, auf Erden, trotz Not, Widerstand und Tod; in

der Versöhnlichkeit, in der Abwesenheit des Zornes, der Verachtung;

nicht belohnt werden wollen; niemandem sich verbunden haben: die

geistlich-geistigste Herrenlosigkeit; ein sehr stolzes Leben unter dem

Willen zum armen und dienenden Leben.

Nachdem die Kirche die *ganze christliche Praxis* sich hatte nehmen

lassen und ganz eigentlich das Leben im Staate, jene Art Leben, welches

Jesus bekämpft und verurteilt hatte, sanktioniert hatte, mußte sie den

Sinn des Christentums irgendwo anders hinlegen: in den *Glauben* an

unglaubwürdige Dinge, in das Zeremoniell von Gebeten, Anbetung, Festen

usw. Der Begriff „Sünde“, „Vergebung“, „Strafe“, „Belohnung“ -- alles

ganz unbeträchtlich und fast *ausgeschlossen* vom ersten Christentum

-- kommt jetzt in den Vordergrund.

Ein schauderhafter Mischmasch von griechischer Philosophie und

Judentum; der Asketismus; das beständige Richten und Verurteilen, die

Rangordnung usw.

230.

Das Christentum hat von vornherein das Symbolische in Kruditäten

umgesetzt:

1. der Gegensatz „wahres Leben“ und „falsches“ Leben: mißverstanden als

„Leben diesseits“ und „Leben jenseits“;

2. der Begriff „ewiges Leben“ im Gegensatz zum Personalleben der

Vergänglichkeit als „Personalunsterblichkeit“;

3. die Verbrüderung durch gemeinsamen Genuß von Speise und Trank nach

hebräisch-arabischer Gewohnheit als „Wunder der Transsubstantiation“;

4. die „Auferstehung --“ als Eintritt in das „wahre Leben“, als

„wiedergeboren“; daraus: eine historische Eventualität, die irgendwann

nach dem Tode eintritt;

5. die Lehre vom Menschensohn als dem „Sohn Gottes“, das

Lebensverhältnis zwischen Mensch und Gott; daraus: die „zweite Person

der Gottheit“ -- gerade das *weggeschafft*: das Sohnverhältnis jedes

Menschen zu Gott, auch des niedrigsten;

6. die Erlösung durch den Glauben (nämlich, daß es keinen anderen Weg

zur Sohnschaft Gottes gibt als die von Christus gelehrte *Praxis des

Lebens*) umgekehrt in den Glauben, daß man an irgendeine wunderbare

*Abzahlung* der *Sünde* zu glauben habe, welche nicht durch den

Menschen, sondern durch die Tat Christi bewerkstelligt ist:

Damit mußte „Christus am Kreuze“ neu gedeutet werden. Dieser Tod war an

sich durchaus *nicht* die Hauptsache.... er war nur ein Zeichen mehr,

wie man sich gegen die Obrigkeit und Gesetze der Welt zu verhalten habe

-- *nicht sich wehren*.... *Darin lag das Vorbild.*

231.

Die Gläubigen sind sich bewußt, dem Christentum Unendliches zu

verdanken, und schließen folglich, daß dessen Urheber eine

Personnage ersten Ranges sei.... Dieser Schluß ist falsch, aber er

ist der typische Schluß der Verehrenden. Objektiv angesehen, wäre

möglich, *erstens*, daß sie sich irrten über den Wert dessen, was

sie dem Christentum verdanken: Überzeugungen beweisen nichts für

das, wovon man überzeugt ist, bei Religionen begründen sie eher noch

einen Verdacht dagegen.... Es wäre *zweitens* möglich, daß, was dem

Christentum verdankt wird, nicht seinem Urheber zugeschrieben werden

dürfte, sondern eben dem fertigen Gebilde, dem Ganzen, der Kirche

usw. Der Begriff „Urheber“ ist so vieldeutig, daß er selbst die bloße

Gelegenheitsursache für eine Bewegung bedeuten kann: man hat die

Gestalt des Gründers in dem Maße vergrößert, als die Kirche wuchs;

aber eben diese Optik der Verehrung erlaubt den Schluß, daß irgendwann

dieser Gründer etwas sehr Unsicheres und Unfestgestelltes war, -- am

Anfang... Man denke, mit welcher *Freiheit* Paulus das Personalproblem

Jesus behandelt, beinahe eskamotiert -- jemand, der gestorben ist, den

man nach seinem Tode wiedergesehen hat, jemand, der von den Juden zum

Tode überantwortet wurde.... Ein bloßes „Motiv“: die Musik macht *er*

dann dazu....

232.

Ein Religionsstifter *kann* unbedeutend sein, -- ein Streichholz,

nichts *mehr*!

233.

Wie eine *Ja-sagende* arische Religion, die Ausgeburt der

*herrschenden* Klasse, aussieht: das Gesetzbuch Manus. (Die

Vergöttlichung des Machtgefühls im Brahmanen: interessant, daß es in

der Kriegerkaste entstanden und erst übergegangen ist auf die Priester.)

Wie eine *Ja-sagende* semitische Religion, die Ausgeburt der

*herrschenden* Klasse, aussieht: das Gesetzbuch Muhammeds, das

alte Testament in den älteren Teilen. (Der *Muhammedanismus*,

als eine Religion für *Männer*, hat eine tiefe Verachtung für

die Sentimentalität und Verlogenheit des Christentums ... einer

Weibsreligion, als welche er sie fühlt --.)

Wie eine *Nein-sagende* semitische Religion, die Ausgeburt der

*unterdrückten* Klasse, aussieht: das Neue Testament (-- nach

indisch-arischen Begriffen: eine *Tschandala-Religion*).

Wie eine *Nein-sagende* arische Religion aussieht, gewachsen unter den

*herrschenden* Ständen: der Buddhismus.

Es ist vollkommen in Ordnung, daß wir keine Religion *unterdrückter*

arischer Rassen haben: denn das ist ein Widerspruch: eine Herrenrasse

ist obenauf oder geht zugrunde.

234.

*Heidnisch -- christlich*. -- *Heidnisch* ist das Jasagen zum

Natürlichen, das Unschuldsgefühl im Natürlichen, „die Natürlichkeit“.

*Christlich* ist das Neinsagen zum Natürlichen, das Unwürdigkeitsgefühl

im Natürlichen, die Widernatürlichkeit.

„Unschuldig“ ist zum Beispiel Petronius: ein Christ hat im Vergleich

mit diesem Glücklichen ein für allemal die Unschuld verloren. Da aber

zuletzt auch der *christliche* ~status~ bloß ein Naturzustand sein muß,

sich aber nicht als solchen begreifen darf, so bedeutet „*christlich*“

eine zum Prinzip erhobene *Falschmünzerei der psychologischen

Interpretation*....

235.

Der christliche Priester ist von Anfang an der Todfeind der

Sinnlichkeit: man kann sich keinen größeren Gegensatz denken, als

die unschuldig-ahnungsvolle und feierliche Haltung, mit der zum

Beispiel in den ehrwürdigsten Frauenkulten Athens die Gegenwart der

geschlechtlichen Symbole empfunden wurde. Der Akt der Zeugung ist das

Geheimnis an sich in allen nicht-asketischen Religionen: eine Art

Symbol der Vollendung und der geheimnisvollen Absicht der Zukunft: der

Wiedergeburt, Unsterblichkeit.

236.

*Buddha gegen den „Gekreuzigten“.* -- Innerhalb der nihilistischen

Religionen darf man immer noch die *christliche* und die

*buddhistische* scharf auseinanderhalten. Die *buddhistische* drückt

einen *schönen Abend* aus, eine vollendete Süßigkeit und Milde, -- es

ist Dankbarkeit gegen alles, was hinten liegt; miteingerechnet, was

fehlt: die Bitterkeit, die Enttäuschung, die Ranküne; zuletzt: die hohe

geistige Liebe; das Raffinement des philosophischen Widerspruchs ist

hinter ihm, auch davon ruht es aus: aber von diesem hat es noch seine

geistige Glorie und Sonnenuntergangsglut. (-- Herkunft aus den obersten

Kasten --.)

Die *christliche* Bewegung ist eine Degenereszenzbewegung aus Abfalls-

und Ausschußelementen aller Art: sie drückt *nicht* den Niedergang

einer Rasse aus, sie ist von Anfang an eine Aggregatbildung aus sich

zusammendrängenden und sich suchenden Krankheitsgebilden.... Sie ist

deshalb *nicht* national, *nicht* rassebedingt: sie wendet sich an die

Enterbten von überall; sie hat die Ranküne auf dem Grunde gegen alles

Wohlgeratene und Herrschende: sie braucht ein *Symbol*, welches den

Fluch auf die Wohlgeratenen und Herrschenden darstellt.... Sie steht im

Gegensatz auch zu aller *geistigen* Bewegung, zu aller Philosophie: sie

nimmt die Partei der Idioten und spricht einen Fluch gegen den Geist

aus. Ranküne gegen die Begabten, Gelehrten, Geistig-Unabhängigen: sie

errät in ihnen das *Wohlgeratene*, das *Herrschaftliche*.

237.

Im Buddhismus überwiegt dieser Gedanke: „Alle Begierden, alles, was

Affekt, was Blut macht, zieht zu Handlungen fort“ -- nur insofern wird

*gewarnt* vor dem Bösen. Denn Handeln -- das hat keinen Sinn, Handeln

hält im Dasein fest: alles Dasein aber hat keinen Sinn. Sie sehen im

Bösen den Antrieb zu etwas Unlogischem: zur Bejahung von Mitteln, deren

Zweck man verneint. Sie suchen nach einem Wege zum Nichtsein, und

*deshalb* perhorreszieren sie *alle* Antriebe seitens der Affekte. Zum

Beispiel ja nicht sich rächen! ja nicht feind sein! -- Der Hedonismus

der Müden gibt hier die höchsten Wertmaße ab. Nichts ist dem Buddhisten

ferner als der jüdische Fanatismus eines Paulus: Nichts würde mehr

seinem Instinkt widerstreben als diese Spannung, Flamme, Unruhe des

religiösen Menschen, vor allem jene Form der Sinnlichkeit, welche das

Christentum mit dem Namen der „Liebe“ geheiligt hat. Zu alledem sind

es die gebildeten und sogar übergeistigten Stände, die im Buddhismus

ihre Rechnung finden: eine Rasse, durch einen Jahrhunderte langen

Philosophenkampf abgesotten und müde gemacht, nicht aber *unterhalb

aller Kultur* wie die Schichten, aus denen das Christentum entsteht....

Im Ideal des Buddhismus erscheint das Loskommen auch von Gut und

Böse wesentlich: es wird da eine raffinierte Jenseitigkeit der Moral

ausgedacht, die mit dem Wesen der Vollkommenheit zusammenfällt, unter

der Voraussetzung, daß man auch die guten Handlungen bloß *zeitweilig*

nötig hat, bloß als *Mittel*, -- nämlich, um von *allem* Handeln

loszukommen.

238.

Eine *nihilistische* Religion wie das Christentum, einem

greisenhaft-zähen, alle starken Instinkte überlebt habenden Volke

entsprungen und gemäß -- Schritt für Schritt in andre Milieus

übertragen, endlich in die jungen, *noch gar nicht gelebt habenden*

Völker eintretend -- *sehr seltsam*! Eine Schluß-, Hirten-,

Abendglückseligkeit Barbaren, Germanen gepredigt! Wie mußte das alles

erst germanisiert, barbarisiert werden! *Solchen*, die ein *Walhall*

geträumt hatten -- : die alles Glück im Kriege fanden! -- Eine

*über*nationale Religion in ein Chaos hineingepredigt, wo *noch nicht

einmal* Nationen da waren --.

239.

Diese *nihilistische* Religion sucht sich die ~décadence~-*Elemente*

und Verwandtes im Altertum zusammen; nämlich:

a) die Partei der *Schwachen* und *Mißratenen* (den Ausschuß der

antiken Welt: Das, was sie am kräftigsten von sich stieß....);

b) die Partei der *Vermoralisierten* und *Antiheidnischen*;

c) die Partei der *Politisch-Ermüdeten* und Indifferenten (blasierte

Römer....), der *Entnationalisierten*, denen eine Leere geblieben war;

d) die Partei derer, die sich satt haben, -- die gern an einer

*unterirdischen* Verschwörung mitarbeiten --

240.

~A.~ In dem Maße, in dem heute das Christentum noch nötig erscheint,

ist der Mensch noch wüst und verhängnisvoll....

~B.~ In anderem Betracht ist es nicht nötig, sondern extrem schädlich,

wirkt aber anziehend und verführend, weil es dem *morbiden* Charakter

ganzer Schichten, ganzer Typen der jetzigen Menschheit entspricht....

sie geben ihrem Hange nach, indem sie christlich aspirieren -- die

~décadents~ aller Art --

Man hat hier zwischen ~A~ und ~B~ streng zu scheiden. Im *Fall* ~A~

ist Christentum ein Heilmittel, mindestens ein Bändigungsmittel (--

es dient unter Umständen, krank zu machen: was nützlich sein kann, um

die Wüstheit und Rohheit zu brechen). Im *Fall* ~B~ ist es ein Symptom

der Krankheit selbst, *vermehrt* die ~décadence~; hier wirkt es einem

*korroborierenden* System der Behandlung entgegen, hier ist es der

Krankeninstinkt *gegen* das, was ihm heilsam ist --

241.

Das *christlich-jüdische Leben*: hier überwog *nicht* das Ressentiment.

Erst die großen Verfolgungen mögen die Leidenschaft dergestalt

herausgetrieben haben -- sowohl die *Glut* der *Liebe*, als die des

*Hasses*.

Wenn man für seinen Glauben seine Liebsten geopfert sieht, dann

wird man *aggressiv*; man verdankt den Sieg des Christentums seinen

Verfolgern.

Die *Asketik* im Christentum ist nicht spezifisch: das hat Schopenhauer

mißverstanden: sie wächst nur in das Christentum hinein: überall dort,

wo es auch ohne Christentum Asketik gibt.

Das *hypochondrische* Christentum, die Gewissenstierquälerei und

-folterung ist insgleichen nur einem gewissen Boden zugehörig, auf dem

christliche Werte Wurzel geschlagen haben: es ist nicht das Christentum

selbst. Das Christentum hat alle Art Krankheiten morbider Böden in sich

aufgenommen: man könnte ihm einzig zum Vorwurf machen, daß es sich

gegen keine Ansteckung zu wehren wußte. Aber eben *das* ist sein Wesen:

Christentum ist ein Typus der ~décadence~.

242.

Die Realität, auf der das Christentum sich aufbauen konnte, war

die kleine *jüdische Familie* der Diaspora, mit ihrer Wärme und

Zärtlichkeit, mit ihrer im ganzen römischen Reiche unerhörten

und vielleicht unverstandenen Bereitschaft zum Helfen, Einstehen

füreinander, mit ihrem verborgenen und in Demut verkleideten Stolz

der „Auserwählten“, mit ihrem innerlichsten Neinsagen ohne Neid

zu allem, was obenauf ist und was Glanz und Macht für sich hat.

*Das als Macht erkannt zu haben*, diesen *seligen* Zustand als

mitteilsam, verführerisch, ansteckend auch für Heiden erkannt zu

haben -- ist das *Genie* des Paulus: den Schatz von latenter Energie,

von klugem Glück auszunützen zu einer „jüdischen Kirche freieren

Bekenntnisses“, die ganze jüdische Erfahrung und Meisterschaft der

*Gemeindeselbsterhaltung* unter der Fremdherrschaft, auch die jüdische

Propaganda -- das erriet er als seine Aufgabe. Was er vorfand, das

war eben jene absolut unpolitische und abseits gestellte Art *kleiner

Leute*: ihre Kunst, sich zu behaupten und durchzusetzen, in einer

Anzahl Tugenden angezüchtet, welche den einzigen Sinn von Tugend

ausdrückten („Mittel der Erhaltung und Steigerung einer bestimmten Art

Mensch“).

Aus der kleinen jüdischen Gemeinde kommt das Prinzip der *Liebe* her:

es ist eine *leidenschaftlichere* Seele, die hier unter der Asche

von Demut und Armseligkeit glüht: so war es weder griechisch, noch

indisch, noch gar germanisch. Das Lied zu Ehren der Liebe, welches

Paulus gedichtet hat, ist nichts Christliches, sondern ein jüdisches

Auflodern der ewigen Flamme, die semitisch ist. Wenn das Christentum

etwas Wesentliches in psychologischer Hinsicht getan hat, so ist

es eine *Erhöhung der Temperatur der Seele* bei jenen kälteren und

vornehmeren Rassen, die damals obenauf waren; es war die Entdeckung,

daß das elendeste Leben reich und unschätzbar werden kann durch eine

Temperaturerhöhung....

Es versteht sich, daß eine solche Übertragung *nicht* stattfinden

konnte in Hinsicht auf die herrschenden Stände: die Juden und Christen

hatten die schlechten Manieren gegen sich, -- und was Stärke und

Leidenschaft der Seele bei schlechten Manieren ist, das wirkt abstoßend

und beinahe ekelerregend (-- ich *sehe* diese schlechten Manieren,

wenn ich das Neue Testament lese). Man mußte durch Niedrigkeit und

Not mit dem hier redenden Typus des niederen Volkes verwandt sein, um

das Anziehende zu empfinden... Es ist eine Probe davon, ob man etwas

*klassischen Geschmack* im Leibe hat, wie man zum Neuen Testament steht

(vergleiche Tacitus); wer davon nicht revoltiert ist, wer dabei nicht

ehrlich und gründlich etwas von ~foeda superstitio~ empfindet, etwas,

wovon man die Hand zurückzieht, wie um nicht sich zu beschmutzen: der

weiß nicht, was klassisch ist. Man muß das „Kreuz“ empfinden wie Goethe

--

243.

*Reaktion der kleinen Leute*: -- Das höchste Gefühl der Macht gibt die

Liebe. Zu begreifen, inwiefern hier nicht der Mensch überhaupt, sondern

eine Art Mensch redet.

„Wir sind göttlich in der Liebe, wir werden ‚Kinder Gottes‘, Gott

liebt uns und will gar nichts von uns als Liebe“; das heißt: alle

Moral, alles Gehorchen und Tun bringt nicht jenes Gefühl von Macht und

Freiheit hervor, wie es die Liebe hervorbringt; -- aus Liebe tut man

nichts Schlimmes, man tut viel mehr, als man aus Gehorsam und Tugend

täte.

Hier ist das Herdenglück, das Gemeinschaftsgefühl im Großen und

Kleinen, das lebendige Eins-Gefühl als *Summe des Lebensgefühls*

empfunden. Das Helfen und Sorgen und Nützen erregt fortwährend das

Gefühl der Macht; der sichtbare Erfolg, der Ausdruck der Freude

unterstreicht das Gefühl der Macht; der Stolz fehlt nicht, als

Gemeinde, als Wohnstätte Gottes, als „Auserwählte“.

Tatsächlich hat der Mensch nochmals eine *Alteration der

Persönlichkeit* erlebt: diesmal nannte er sein Liebesgefühl Gott. Man

muß ein Erwachen eines solchen Gefühls sich denken, eine Art Entzücken,

eine fremde Rede, ein „Evangelium“, -- diese Neuheit war es, welche

ihm nicht erlaubte, sich die Liebe zuzurechnen -- : er meinte, daß Gott

vor ihm wandle und in ihm lebendig geworden sei. -- „Gott kommt zu den

Menschen“, der „Nächste“ wird transfiguriert, in einen Gott (insofern

an ihm das Gefühl der Liebe sich auslöst). *Jesus ist der Nächste*, so

wie dieser zur Gottheit, zur *Machtgefühl erregenden* Ursache umgedacht

wurde.

244.

Das Evangelium: die Nachricht, daß den Niedrigen und Armen ein Zugang

zum Glück offen steht, -- daß man nichts zu tun hat, als sich von

der Institution, der Tradition, der Bevormundung der oberen Stände

loszumachen: insofern ist die Heraufkunft des Christentums nichts

weiter, als die *typische Sozialistenlehre*.

Eigentum, Erwerb, Vaterland, Stand und Rang, Tribunale, Polizei,

Staat, Kirche, Unterricht, Kunst, Militärwesen: alles ebenso viele

Verhinderungen des Glücks, Irrtümer, Verstrickungen, Teufelswerke,

denen das Evangelium das Gericht ankündigt.... Alles typisch für die

Sozialistenlehre.

Im Hintergrunde der Aufruhr, die Explosion eines aufgestauten

Widerwillens gegen die „Herren“, der Instinkt dafür, wie viel

Glück nach so langem Drucke schon im Frei-sich-fühlen liegen

könnte.... (Meistens ein Symptom davon, daß die unteren Schichten zu

menschenfreundlich behandelt worden sind, daß sie ein ihnen verbotenes

Glück bereits auf der Zunge schmecken.... Nicht der Hunger erzeugt

Revolutionen, sondern daß das Volk ~en mangeant~ Appetit bekommen

hat....)

245.

Wogegen ich protestiere? Daß man nicht diese kleine friedliche

Mittelmäßigkeit, dieses Gleichgewicht einer Seele, welche nicht die

großen Antriebe der großen Krafthäufungen kennt, als etwas Hohes nimmt,

womöglich gar als *Maß des Menschen*.

*Bacon von Verulam* sagt: ~Infimarum virtutum apud vulgus laus est,

mediarum admiratio, supremarum sensus nullus.~ Das Christentum aber

gehört, als Religion, zum ~vulgus~; es hat für die höchste Gattung

~virtus~ keinen Sinn.

246.

Ich liebe es durchaus nicht an jenem Jesus von Nazareth oder an seinem

Apostel Paulus, daß sie den *kleinen Leuten so viel in den Kopf

gesetzt haben*, als ob es etwas auf sich habe mit ihren bescheidenen

Tugenden. Man hat es zu teuer bezahlen müssen: denn sie haben die

wertvolleren Qualitäten von Tugend und Mensch in Verruf gebracht,

sie haben das schlechte Gewissen und das Selbstgefühl der vornehmen

Seele gegeneinander gesetzt, sie haben die *tapfern*, *großmütigen*,

*verwegenen*, *exzessiven* Neigungen der starken Seele irregeleitet,

bis zur Selbstzerstörung....

247.

Die Juden machen den Versuch, sich durchzusetzen, nachdem ihnen zwei

Kasten, die der Krieger und die der Ackerbauer, verloren gegangen sind;

sie sind in diesem Sinne die „Verschnittenen“: sie haben den Priester

-- und dann sofort den Tschandala....

Wie billig kommt es bei ihnen zu einem Bruch, zu einem Aufstand des

Tschandala: der Ursprung des *Christentums*.

Damit, daß sie den *Krieger* nur als ihren Herrn kannten, brachten

sie in ihre Religion die Feindschaft gegen den *Vornehmen*, gegen den

Edlen, Stolzen, gegen die Macht, gegen die *herrschenden* Stände -- :

sie sind *Entrüstungs*pessimisten....

Damit schufen sie eine wichtige neue Position: der Priester an der

Spitze der Tschandalas, -- gegen die *vornehmen Stände*....

Das Christentum zog die letzte Konsequenz dieser Bewegung: auch im

jüdischen Priestertum empfand es noch die Kaste, den Privilegierten,

den Vornehmen -- *es strich den Priester aus* --

Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens · 第 11 / 29 段