Ich nannte meine unbewußten Arbeiter und Vorbereiter. Wo aber dürfte

ich mit einiger Hoffnung nach meiner Art von Philosophen selber, zum

mindesten nach *meinem Bedürfnis neuer Philosophen* suchen? Dort

allein, wo eine *vornehme* Denkweise herrscht, eine solche, welche an

Sklaverei und an viele Grade der Hörigkeit als an die Voraussetzung

jeder höheren Kultur glaubt; wo eine *schöpferische* Denkweise

herrscht, welche nicht der Welt das Glück der Ruhe, den „Sabbat aller

Sabbate“ als Ziel setzt und selber im Frieden das Mittel zu neuen

Kriegen ehrt; eine der Zukunft Gesetze vorschreibende Denkweise,

welche um der Zukunft willen sich selber und alles Gegenwärtige

hart und tyrannisch behandelt; eine unbedenkliche, „unmoralische“

Denkweise, welche die guten und die schlimmen Eigenschaften des

Menschen gleichermaßen ins Große züchten will, weil sie sich die Kraft

zutraut, beide an die rechte Stelle zu setzen, -- an die Stelle, wo

sie beide einander noch nottun. Aber wer also heute nach Philosophen

sucht, welche Aussicht hat er, zu finden, was er sucht? Ist es nicht

wahrscheinlich, daß er, mit der besten Diogenes-Laterne suchend,

umsonst tags und nachts über herumläuft? Das Zeitalter hat die

*umgekehrten* Instinkte: es will vor allem und zuerst Bequemlichkeit;

es will zu zweit Öffentlichkeit und jenen großen Schauspielerlärm,

jenes große Bumbum, welches seinem Jahrmarktsgeschmacke entspricht;

es will zu dritt, daß jeder mit tiefster Untertänigkeit vor der

größten aller Lügen -- diese Lüge heißt „Gleichheit der Menschen“ --

auf dem Bauche liegt, und ehrt ausschließlich die *gleichmachenden,

gleichstellenden* Tugenden. Damit aber ist es der Entstehung des

Philosophen, wie ich ihn verstehe, von Grund aus entgegengerichtet, ob

es schon in aller Unschuld sich ihm förderlich glaubt. In der Tat, alle

Welt jammert heute darüber, wie schlimm es *früher* die Philosophen

gehabt hätten, eingeklemmt zwischen Scheiterhaufen, schlechtes

Gewissen und anmaßliche Kirchenväterweisheit: die Wahrheit ist aber,

daß eben darin immer noch *günstigere* Bedingungen zur Erziehung

einer mächtigen, umfänglichen, verschlagenen und verwegen-wagenden

Geistigkeit gegeben waren, als in den Bedingungen des heutigen Lebens.

Heute hat eine andere Art von Geist, nämlich der Demagogengeist,

der Schauspielergeist, vielleicht auch der Biber- und Ameisengeist

des Gelehrten für seine Entstehung günstige Bedingungen. Aber um so

schlimmer steht es schon mit den höheren Künstlern: gehen sie denn

nicht fast alle an innerer Zuchtlosigkeit zugrunde? Sie werden nicht

mehr von außen her, durch die absoluten Werttafeln einer Kirche oder

eines Hofes, tyrannisiert: so lernen sie auch nicht mehr ihren „inneren

Tyrannen“ großziehen, ihren *Willen*. Und was von den Künstlern gilt,

gilt in einem höheren und verhängnisvolleren Sinne von den Philosophen.

Wo *sind* denn heute freie Geister? Man zeige mir doch heute einen

freien Geist! --

206.

Ich verstehe unter „*Freiheit des Geistes*“ etwas sehr Bestimmtes:

hundertmal den Philosophen und andern Jüngern der „Wahrheit“ durch

Strenge gegen sich überlegen sein, durch Lauterkeit und Mut, durch den

unbedingten Willen, nein zu sagen, wo das Nein gefährlich ist, -- ich

behandle die bisherigen Philosophen als *verächtliche ~libertins~*

unter der Kapuze des Weibes „Wahrheit“.

207.

Ich will niemanden zur Philosophie überreden: es ist notwendig, es

ist vielleicht auch wünschenswert, daß der Philosoph eine *seltene*

Pflanze ist. Nichts ist mir widerlicher als die lehrhafte Anpreisung

der Philosophie, wie bei Seneca oder gar Cicero. Philosophie hat

wenig mit Tugend zu tun. Es sei mir erlaubt, zu sagen, daß auch der

wissenschaftliche Mensch etwas Grundverschiedenes vom Philosophen ist.

-- Was ich wünsche, ist: daß der echte Begriff des Philosophen in

Deutschland nicht ganz und gar zugrunde gehe. Es gibt so viele halbe

Wesen aller Art in Deutschland, welche ihr Mißratensein gern unter

einem so vornehmen Namen verstecken möchten.

II. *Religion.*

1. Entstehung.

208.

All die Schönheit und Erhabenheit, die wir den wirklichen und

eingebildeten Dingen geliehen haben, will ich zurückfordern als

Eigentum und Erzeugnis des Menschen: als seine schönste Apologie. Der

Mensch als Dichter, als Denker, als Gott, als Liebe, als Macht -- o

über seine königliche Freigebigkeit, mit der er die Dinge beschenkt

hat, um sich zu *verarmen* und *sich* elend zu fühlen! Das war bisher

seine größte Selbstlosigkeit, daß er bewunderte und anbetete und sich

zu verbergen wußte, daß *er* es war, der das geschaffen hat, was er

bewunderte. --

209.

Die *Moralen* und *Religionen* sind die Hauptmittel, mit denen man aus

dem Menschen gestalten kann, was einem beliebt: vorausgesetzt, daß man

einen Überschuß von schaffenden Kräften hat und seinen Willen über

lange Zeiträume durchsetzen kann.

210.

*Vom Ursprung der Religion.* -- In derselben Weise, in der jetzt

noch der ungebildete Mensch daran glaubt, der Zorn sei die Ursache

davon, wenn er zürnt, der Geist davon, daß er denkt, die Seele davon,

daß er fühlt, kurz, so wie auch jetzt noch unbedenklich eine Masse

von psychologischen Entitäten angesetzt wird, welche Ursachen sein

sollen: so hat der Mensch auf einer noch naiveren Stufe eben dieselben

Erscheinungen mit Hilfe von psychologischen Personalentitäten erklärt.

Die Zustände, die ihm fremd, hinreißend, überwältigend schienen,

legte er sich als Obsession und Verzauberung unter der Macht einer

Person zurecht. So führt der Christ, die heute am meisten naive und

zurückgebildete Art Mensch, die Hoffnung, die Ruhe, das Gefühl der

„Erlösung“ auf ein psychologisches Inspirieren Gottes zurück: bei ihm,

als einem wesentlich leidenden und beunruhigten Typus, erscheinen

billigerweise die Glücks-, Ergebungs- und Ruhegefühle als das

*Fremde*, als das der Erklärung Bedürftige. Unter klugen, starken und

lebensvollen Rassen erregt am meisten der Epileptische die Überzeugung,

daß hier eine *fremde Macht* im Spiele ist; aber auch jede verwandte

Unfreiheit, zum Beispiel die des Begeisterten, des Dichters, des großen

Verbrechers, der Passionen wie Liebe und Rache dient zur Erfindung

von außermenschlichen Mächten. Man konkresziert einen Zustand in eine

Person: und behauptet, dieser Zustand, wenn er an uns auftritt, sei

die Wirkung jener Person. Mit anderen Worten: in der psychologischen

Gottbildung wird ein Zustand, um Wirkung zu sein, als Ursache

personifiziert.

Die psychologische Logik ist die: das *Gefühl der Macht*, wenn es

plötzlich und überwältigend den Menschen überzieht -- und das ist in

allen großen Affekten der Fall --, erregt ihm einen Zweifel an seiner

Person: er wagt sich nicht als Ursache dieses erstaunlichen Gefühls zu

denken -- und so setzt er eine *stärkere* Person, eine Gottheit, für

diesen Fall an.

~In summa~: der Ursprung der Religion liegt in den extremen Gefühlen

der Macht, welche, als *fremd*, den Menschen überraschen: und dem

Kranken gleich, der ein Glied zu schwer und seltsam fühlt und zum

Schlusse kommt, daß ein anderer Mensch über ihm liege, legt sich

der naive ~homo religiosus~ in *mehrere Personen* auseinander. Die

Religion ist ein Fall der „~altération de la personnalité~“. Eine Art

*Furcht-* und *Schreckgefühl* vor sich selbst.... Aber ebenso ein

außerordentliches *Glücks-* und *Höhengefühl*... Unter Kranken genügt

das *Gesundheitsgefühl*, um an Gott, an die Nähe Gottes zu glauben.

211.

*Rudimentäre Psychologie des religiösen Menschen*: -- Alle

Veränderungen sind Wirkungen; alle Wirkungen sind Willenswirkungen (--

der Begriff „Natur“, „Naturgesetz“ fehlt); zu allen Wirkungen gehört

ein Täter. Rudimentäre Psychologie: man ist selber nur in dem Falle

Ursache, wo man weiß, daß man gewollt hat.

Folge: die Zustände der Macht imputieren dem Menschen das Gefühl,

*nicht* die Ursache zu sein, *unverantwortlich* dafür zu sein -- : sie

kommen, ohne gewollt zu sein: folglich sind wir nicht die Urheber -- :

der unfreie Wille (das heißt das Bewußtsein einer Veränderung mit uns,

ohne daß wir sie gewollt haben) bedarf eines *fremden* Willens.

Konsequenz: der Mensch hat alle seine starken und erstaunlichen Momente

nicht gewagt, *sich* zuzurechnen, -- er hat sie als „passiv“, als

„erlitten“, als Überwältigungen konzipiert -- : die Religion ist eine

Ausgeburt eines *Zweifels* an der Einheit der Person, eine ~altération~

der Persönlichkeit -- : insofern alles Große und Starke vom Menschen als

*übermenschlich*, als *fremd* konzipiert wurde, verkleinerte sich der

Mensch, -- er legte die zwei Seiten, eine sehr erbärmliche und schwache

und eine sehr starke und erstaunliche, in zwei Sphären auseinander,

hieß die erste „Mensch“, die zweite „Gott“.

Er hat das immer fortgesetzt; er hat in der Periode der *moralischen

Idiosynkrasie* seine hohen und sublimen Moralzustände nicht als

„gewollt“, als „Werk“ der Person ausgelegt. Auch der Christ legt seine

Person in eine mesquine und schwache Fiktion, die er Mensch nennt, und

eine andere, die er Gott (Erlöser, Heiland) nennt, auseinander --

Die Religion hat den Begriff „Mensch“ erniedrigt; ihre extreme

Konsequenz ist, daß alles Gute, Große, Wahre übermenschlich ist und nur

durch eine Gnade geschenkt....

212.

Zur Psychologie des *Paulus*. -- Das Faktum ist der Tod Jesu. Dies

bleibt *auszulegen*.... Daß es eine Wahrheit und einen Irrtum in der

Auslegung gibt, ist solchen Leuten gar nicht in den Sinn gekommen:

eines Tages steigt ihnen eine sublime Möglichkeit in den Kopf, „es

*könnte* dieser Tod das und das bedeuten“ -- und sofort *ist* er das!

Eine Hypothese beweist sich durch den sublimen *Schwung*, welchen sie

ihrem Urheber gibt....

„Der Beweis der Kraft“: das heißt, ein Gedanke wird durch seine

*Wirkung* bewiesen, -- („an seinen Früchten“, wie die Bibel naiv sagt);

was begeistert, muß *wahr* sein, -- wofür man sein Blut läßt, muß

*wahr* sein --

Hier wird überall das plötzliche Machtgefühl, das ein Gedanke in seinem

Urheber erregt, diesem Gedanken als *Wert* zugerechnet: -- und da man

einen Gedanken gar nicht anders zu ehren weiß, als indem man ihn als

wahr bezeichnet, so ist das erste Prädikat, das er zu seiner Ehre

bekommt, er sei *wahr*.... Wie könnte er sonst wirken? Er wird von

einer Macht imaginiert: gesetzt, sie wäre nicht real, so könnte sie

nicht wirken.... Er wird als *inspiriert* aufgefaßt: die Wirkung, die

er ausübt, hat etwas von der Übergewalt eines dämonischen Einflusses --

Ein Gedanke, dem ein solcher ~décadent~ nicht Widerstand zu leisten

vermag, dem er vollends verfällt, ist *als wahr* „bewiesen“!!!

Alle diese heiligen Epileptiker und Gesichteseher besaßen nicht ein

Tausendstel von jener Rechtschaffenheit der Selbstkritik, mit der heute

ein Philologe einen Text liest oder ein historisches Ereignis auf seine

Wahrheit prüft.... Es sind, im Vergleich zu uns, moralische Kretins....

213.

Ein andrer Weg, den Menschen aus seiner Erniedrigung zu ziehen, welche

der Abgang der hohen und starken Zustände, wie als fremder Zustände,

mit sich brachte, war die Verwandtschaftstheorie. Diese hohen und

starken Zustände konnten wenigstens als Einwirkungen unsrer *Vorfahren*

ausgelegt werden, wir gehörten zueinander, solidarisch, wir wachsen in

unsern eignen Augen, indem wir nach uns bekannter Norm handeln.

Versuch vornehmer Familien, die Religion mit ihrem Selbstgefühl

auszugleichen. -- Dasselbe tun die Dichter und Seher; sie fühlen sich

stolz, gewürdigt und *auserwählt* zu sein zu solchem Verkehre, -- sie

legen Wert darauf, als Individuum gar nicht in Betracht zu kommen,

bloße Mundstücke zu sein (Homer).

Schrittweises Besitzergreifen von seinen hohen und stolzen Zuständen,

Besitzergreifen von seinen Handlungen und Werken. Ehedem glaubte man

sich zu ehren, wenn man für die höchsten Dinge, die man tat, sich nicht

verantwortlich wußte, sondern -- Gott. Die Unfreiheit des Willens galt

als das, was einer Handlung einen höheren Wert verlieh: damals war ein

Gott zu ihrem Urheber gemacht....

214.

Ehedem hat man jene Zustände und Folgen der *physiologischen

Erschöpfung*, weil sie reich an Plötzlichem, Schrecklichem,

Unerklärlichem und Unberechenbarem sind, für wichtiger genommen als

die gesunden Zustände und deren Folgen. Man fürchtete sich: man setzte

hier eine *höhere* Welt an. Man hat den Schlaf und Traum, man hat den

Schatten, die Nacht, den Naturschrecken verantwortlich gemacht für

das Entstehen zweier Welten: vor allem sollte man die Symptome der

physiologischen Erschöpfung daraufhin betrachten. Die alten Religionen

disziplinieren ganz eigentlich den Frommen zu einem Zustande der

Erschöpfung, wo er solche Dinge erleben *muß*.... Man glaubte in eine

höhere Ordnung eingetreten zu sein, wo alles aufhört, bekannt zu sein.

-- Der *Schein* einer höheren Macht....

215.

Der Schlaf als Folge jeder Erschöpfung, die Erschöpfung als Folge jeder

übermäßigen Reizung....

Das Bedürfnis nach Schlaf, die Vergöttlichung und Adoration des

Begriffes „Schlaf“ in allen pessimistischen Religionen und Philosophien

--

Die Erschöpfung ist in diesem Fall eine Rassenerschöpfung; der Schlaf,

psychologisch genommen, nur ein Gleichnis eines viel tieferen und

längeren *Ruhenmüssens*.... ~In praxi~ ist es der Tod, der hier unter

dem Bilde seines Bruders, des Schlafes, so verführerisch wirkt....

216.

*Kritik der heiligen Lüge.* -- Daß zu frommen Zwecken die Lüge erlaubt

ist, das gehört zur Theorie aller Priesterschaften, -- wie weit es zu

ihrer Praxis gehört, soll der Gegenstand dieser Untersuchung sein.

Aber auch die Philosophen, sobald sie mit priesterlichen

Hinterabsichten die Leitung des Menschen in die Hand zu nehmen

beabsichtigen, haben sofort auch sich ein Recht zur Lüge zurecht

gemacht: Plato voran. Am großartigsten ist die doppelte durch die

typisch-arischen Philosophen des Vedânta entwickelte: zwei Systeme, in

allen Hauptpunkten widersprüchlich, aber aus Erziehungszwecken sich

ablösend, ausfüllend, ergänzend. Die Lüge des einen soll einen Zustand

schaffen, in dem die Wahrheit des andern überhaupt *hörbar* wird....

*Wie weit* geht die fromme Lüge der Priester und der Philosophen? --

Man muß hier fragen, welche Voraussetzungen zur Erziehung sie haben,

welche Dogmen sie *erfinden* müssen, um diesen Voraussetzungen genug zu

tun?

Erstens: sie müssen die Macht, die Autorität, die unbedingte

Glaubwürdigkeit auf ihrer Seite haben.

Zweitens: sie müssen den ganzen Naturverlauf in Händen haben, so daß

alles, was den Einzelnen trifft, als bedingt durch ihr Gesetz erscheint.

Drittens: sie müssen auch einen weiter reichenden Machtbereich haben,

dessen Kontrolle sich den Blicken ihrer Unterworfenen entzieht: das

Strafmaß für das Jenseits, das „Nach-dem-Tode“, -- wie billig auch die

Mittel, zur Seligkeit den Weg zu wissen.

Sie haben den Begriff des natürlichen Verlaufs zu entfernen: da sie

aber kluge und nachdenkliche Leute sind, so können sie eine Menge

Wirkungen *versprechen*, natürlich als bedingt durch Gebete oder durch

strikte Befolgung ihres Gesetzes. -- Sie können insgleichen eine Menge

Dinge *verordnen*, die absolut vernünftig sind, -- nur daß sie nicht

die Erfahrung, die Empirie als Quelle dieser Weisheit nennen dürfen,

sondern eine Offenbarung oder die Folge „härtester Bußübungen“.

Die *heilige Lüge* bezieht sich also prinzipiell: auf den *Zweck* der

Handlung (-- der Naturzweck, die Vernunft wird unsichtbar gemacht: ein

Moralzweck, eine Gesetzeserfüllung, eine Gottesdienstlichkeit erscheint

als Zweck --): auf die *Folge* der Handlung (-- die natürliche Folge

wird als übernatürliche ausgelegt, und, um sichrer zu wirken, es werden

unkontrollierbare andere, übernatürliche Folgen in Aussicht gestellt).

Auf diese Weise wird ein Begriff von *Gut* und *Böse* geschaffen, der

ganz und gar losgelöst von dem Naturbegriff „nützlich“, „schädlich“,

„lebenfördernd“, „lebenvermindernd“ erscheint, -- er kann, insofern ein

*anderes* Leben erdacht ist, sogar direkt *feindselig* dem Naturbegriff

von Gut und Böse werden.

Auf diese Weise wird endlich das berühmte „*Gewissen*“ geschaffen:

eine innere Stimme, welche bei jeder Handlung *nicht* den Wert der

Handlung an ihren Folgen mißt, sondern in Hinsicht auf die Absicht und

Konformität dieser Absicht mit dem „Gesetz“.

Die heilige Lüge hat also 1. einen *strafenden* und *belohnenden Gott*

erfunden, der exakt das Gesetzbuch der Priester anerkennt und exakt sie

als seine Mundstücke und Bevollmächtigten in die Welt schickt; -- 2.

ein *Jenseits des Lebens*, in dem die große Strafmaschine erst wirksam

gedacht wird, -- zu diesem Zwecke die *Unsterblichkeit der Seele*; --

3. das *Gewissen* im Menschen, als das Bewußtsein davon, daß Gut und

Böse feststeht, -- daß Gott selbst hier redet, wenn es die Konformität

mit der priesterlichen Vorschrift anrät; -- 4. die *Moral* als

*Leugnung* alles natürlichen Verlaufs, als Reduktion alles Geschehens

auf ein moralischbedingtes Geschehen, die Moralwirkung (das heißt die

Straf- und Lohnidee) als die Welt durchdringend, als einzige Gewalt,

als ~creator~ von allem Wechsel; -- 5. die *Wahrheit* als gegeben,

als geoffenbart, als zusammenfallend mit der Lehre der Priester: als

Bedingung alles Heils und Glücks in diesem und jenem Leben.

~In summa~: womit ist die moralische *Besserung* bezahlt? -- Aushängung

der *Vernunft*, Reduktion aller Motive auf Furcht und Hoffnung (Strafe

und Lohn); *Abhängigkeit* von einer priesterlichen Vormundschaft, von

einer Formaliengenauigkeit, welche den Anspruch macht, einen göttlichen

Willen auszudrücken; die Einpflanzung eines „Gewissens“, welches ein

falsches *Wissen* an Stelle der Prüfung und des Versuchs setzt: wie

als ob es bereits feststünde, was zu tun und was zu lassen wäre, --

eine Art Kastration des suchenden und vorwärtsstrebenden Geistes; --

~in summa~: die ärgste *Verstümmelung* des Menschen, die man sich

vorstellen kann, angeblich als der „gute Mensch“.

~In praxi~ ist die ganze Vernunft, die ganze Erbschaft von Klugheit,

Feinheit, Vorsicht, welche die Voraussetzung des priesterlichen Kanons

ist, willkürlich hinterdrein auf eine bloße *Mechanik* reduziert: die

Konformität mit dem Gesetz gilt bereits als Ziel, als oberstes Ziel,

-- *das Leben hat keine Probleme mehr*; -- die ganze Weltkonzeption

ist beschmutzt mit der *Strafidee*; -- das Leben selbst ist, mit

Hinsicht darauf, das *priesterliche* Leben als das ~non plus ultra~ der

Vollkommenheit darzustellen, in eine Verleumdung und Beschmutzung des

Lebens umgedacht; -- der Begriff „Gott“ stellt eine Abkehr vom Leben,

eine Kritik, eine Verachtung selbst des Lebens dar; -- die Wahrheit

ist umgedacht als die *priesterliche Lüge*, das Streben nach Wahrheit

als *Studium der Schrift*, als Mittel, *Theolog zu werden*....

217.

Die Priester sind die Schauspieler von irgend etwas Übermenschlichem,

dem sie Sinnfälligkeit zu geben haben, sei es von Idealen, sei es

von Göttern oder von Heilanden: darin finden sie ihren Beruf, dafür

haben sie ihre Instinkte; um es so glaubwürdig wie möglich zu machen,

müssen sie in der Anähnlichung so weit wie möglich gehen; ihre

Schauspielerklugheit muß vor allem *das gute Gewissen* bei ihnen

erzielen, mit Hilfe dessen erst wahrhaft überredet werden kann.

218.

Der Priester will durchsetzen, daß er als *höchster Typus* des Menschen

gilt, daß er herrscht, -- auch noch über die, welche die *Macht* in den

Händen haben, daß er unverletzlich ist, unangreifbar --, daß er die

*stärkste Macht* in der Gemeinde ist, absolut nicht zu ersetzen und zu

unterschätzen.

*Mittel*: er allein ist der *Wissende*; er allein ist der

*Tugendhafte*; er allein hat die höchste *Herrschaft über sich*;

er allein ist in einem gewissen Sinne Gott und geht zurück in die

Gottheit; er allein ist die Zwischenperson zwischen Gott und den

*andern*; die Gottheit straft jeden Nachteil, jeden Gedanken, wider

einen Priester gerichtet.

*Mittel*: die *Wahrheit* existiert. Es gibt nur eine Form, sie zu

erlangen, Priester werden. Alles, was *gut* ist, in der Ordnung, in der

Natur, in dem Herkommen, geht auf die Weisheit der Priester zurück.

Das heilige Buch ist ihr Werk. Die ganze Natur ist nur eine Ausführung

der Satzungen darin. Es gibt keine andere Quelle des *Guten*, als den

Priester. Alle andere Art von Vortrefflichkeit ist *rang*verschieden

von der des Priesters, zum Beispiel die des *Kriegers*.

*Konsequenz*: wenn der Priester der *höchste* Typus sein soll, so muß

die *Gradation* zu seinen *Tugenden* die Wertgradation der Menschen

ausmachen. Das *Studium*, die *Entsinnlichung*, das *Nichtaktive*,

das *Impassible*, *Affektlose*, das *Feierliche*; -- Gegensatz: die

*tiefste* Gattung Mensch.

Der Priester hat Eine Art Moral gelehrt: um selbst als *höchster

Typus* empfunden zu werden. Er konzipiert einen *Gegensatz*typus: den

Tschandala. *Diesen* mit allen Mitteln verächtlich zu machen, gibt die

*Folie* ab für die Kastenordnung. -- Die extreme Angst des Priesters

vor der *Sinnlichkeit* ist zugleich bedingt durch die *Einsicht*,

daß hier die *Kastenordnung* (das heißt die *Ordnung* überhaupt) am

schlimmsten bedroht ist.... Jede „freiere Tendenz“ in ~puncto puncti~

wirft die Ehegesetzgebung *über den Haufen* --

219.

*Zur Kritik des Manu-Gesetzbuches.* -- Das ganze Buch ruht auf

der heiligen Lüge. Ist es das Wohl der Menschheit, welches dieses

ganze System inspiriert hat? Diese Art Mensch, welche an die

*Interessiertheit* jeder Handlung glaubt, war sie interessiert oder

nicht, dieses System durchzusetzen? Die Menschheit zu verbessern --

woher ist diese Absicht inspiriert? Woher ist der Begriff des Bessern

genommen?

Wir finden eine Art Mensch, die *priesterliche*, die sich als Norm,

als Spitze, als höchsten Ausdruck des Typus Mensch fühlt: von sich aus

nimmt sie den Begriff des „Besseren“. Sie glaubt an ihre Überlegenheit,

sie *will* sie auch in der Tat: die Ursache der heiligen Lüge ist der

*Wille zur Macht*....

Aufrichtung der Herrschaft: zu diesem Zwecke die Herrschaft von

Begriffen, welche in der Priesterschaft ein ~non plus ultra~ von Macht

ansetzen. Die Macht durch die Lüge -- in Einsicht darüber, daß man sie

nicht physisch, militärisch besitzt.... Die Lüge als Supplement der

Macht, -- ein neuer Begriff der „Wahrheit“.

Man irrt sich, wenn man hier *unbewußte* und *naive* Entwicklung

voraussetzt, eine Art Selbstbetrug.... Die Fanatiker sind nicht die

Erfinder solcher durchdachten Systeme der Unterdrückung.... Hier hat

die kaltblütigste Besonnenheit gearbeitet; dieselbe Art Besonnenheit,

wie sie ein Plato hatte, als er sich seinen „Staat“ ausdachte. --

„Man muß die Mittel wollen, wenn man das Ziel will“ -- über diese

Politikereinsicht waren alle Gesetzgeber bei sich klar.

Wir haben das klassische Muster als spezifisch *arisch*: wir dürfen

also die bestausgestattete und besonnenste Art Mensch verantwortlich

machen für die grundsätzlichste Lüge, die je gemacht worden ist.... Man

hat das nachgemacht, überall beinahe: der *arische Einfluß* hat alle

Welt verdorben....

220.

Der *Philosoph* als Weiterentwicklung des *priesterlichen* Typus: --

hat dessen Erbschaft im Leibe; -- ist, selbst noch als Rival, genötigt,

um dasselbe mit denselben Mitteln zu ringen wie der Priester seiner

Zeit; -- er aspiriert zur *höchsten Autorität*.

Was gibt *Autorität*, wenn man nicht die physische Macht in den Händen

hat (keine Heere, keine *Waffen* überhaupt....)? Wie gewinnt man

namentlich die Autorität *über die*, welche die physische Gewalt und

die Autorität besitzen? (Sie konkurrieren mit der Ehrfurcht vor dem

Fürsten, vor dem siegreichen Eroberer, dem weisen Staatsmann.)

Nur indem sie den Glauben erwecken, eine höhere, stärkere Gewalt in

den Händen zu haben, -- *Gott* --. Es ist nichts stark genug: man hat

die Vermittlung und die Dienste der Priester *nötig*. Sie stellen sich

als unentbehrlich *dazwischen*: -- sie haben als Existenzbedingung

nötig, 1. daß an die absolute Überlegenheit ihres Gottes, daß *an ihren

Gott* geglaubt wird, 2. daß es keine andern, keine direkten Zugänge

zu Gott gibt. Die *zweite* Forderung allein schafft den Begriff der

„Heterodoxie“; die *erste* den des „Ungläubigen“ (das heißt, der an

einen *andern* Gott glaubt --).

2. Christentum.

221.

-- Die *Kirche* ist exakt das, wogegen Jesus gepredigt hat -- und

wogegen er seine Jünger kämpfen lehrte --

222.

Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens · 第 10 / 29 段