~In summa~: der Unfug ist auf seiner Spitze bereits bei Plato....

Und nun hatte man nötig, auch den *abstrakt-vollkommenen* Menschen

hinzu zu erfinden: -- gut, gerecht, weise, Dialektiker -- kurz, die

*Vogelscheuche* des antiken Philosophen: eine Pflanze, aus jedem Boden

losgelöst; eine Menschlichkeit ohne alle bestimmten regulierenden

Instinkte; eine Tugend, die sich mit Gründen „beweist“. Das vollkommen

*absurde* „Individuum“ an sich! die *Unnatur* höchsten Ranges....

Kurz, die Entnatürlichung der Moralwerte hatte zur Konsequenz, einen

entartenden *Typus des Menschen* zu schaffen, -- „*den* Guten“, „*den*

Glücklichen“, „*den* Weisen“. -- Sokrates ist ein Moment der *tiefsten

Perversität* in der Geschichte der Werte.

186.

Philosophie als die Kunst, die Wahrheit zu entdecken: so nach

Aristoteles. *Dagegen* die Epikuräer, die sich die *sensualistische*

Theorie der Erkenntnis des Aristoteles zunutze machten: gegen das

Suchen der Wahrheit ganz ironisch und ablehnend; „Philosophie als eine

Kunst des *Lebens*“.

187.

*Hegel*: seine populäre Seite die Lehre vom Krieg und den großen

Männern. Das Recht ist bei dem Siegreichen: er stellt den Fortschritt

der Menschheit dar. Versuch, die Herrschaft der Moral aus der

Geschichte zu beweisen.

Kant: ein Reich der moralischen Werte, uns entzogen, unsichtbar,

wirklich.

Hegel: eine nachweisbare Entwicklung, Sichtbarwerdung des moralischen

Reichs.

Wir wollen uns weder auf die Kantsche noch Hegelsche Manier betrügen

lassen: -- wir *glauben* nicht mehr, wie sie, an die Moral und haben

folglich auch keine Philosophien zu gründen, *damit* die Moral recht

behalte. Sowohl der Kritizismus als der Historizismus hat für uns nicht

*darin* seinen Reiz: -- nun, welchen hat er denn? --

188.

*Moral als höchste Abwertung.* -- *Entweder* ist unsre Welt das

Werk und der Ausdruck (der ~modus~) Gottes: dann muß sie *höchst

vollkommen* sein (Schluß Leibnizens....) -- und man zweifelte nicht,

was zur Vollkommenheit gehöre, zu wissen --, dann kann das Böse, das

Übel nur *scheinbar* sein (*radikaler* bei Spinoza die Begriffe Gut

*und* Böse) oder muß aus dem höchsten Zweck Gottes abgeleitet sein (--

etwa als Folge einer besonderen Gunsterweisung Gottes, der zwischen

Gut und Böse zu wählen erlaubt: das Privilegium, kein Automat zu sein;

„Freiheit“ auf die Gefahr hin, sich zu vergreifen, falsch zu wählen....

zum Beispiel bei Simplicius im Kommentar zu Epiktet).

*Oder* unsere Welt ist unvollkommen, das Übel und die Schuld sind real,

sind determiniert, sind absolut ihrem Wesen inhärent; dann kann sie

nicht die *wahre* Welt sein: dann ist Erkenntnis eben nur der Weg, sie

zu verneinen, dann ist sie eine Verirrung, welche als Verirrung erkannt

werden kann. Dies ist die Meinung Schopenhauers auf Grund Kantischer

Voraussetzungen. Noch desperater Pascal: er begriff, daß dann auch die

Erkenntnis korrupt, gefälscht sein müsse, -- daß *Offenbarung* not tue,

um die Welt auch nur als verneinenswert zu begreifen....

189.

Nichts ist seltener unter den Philosophen als *intellektuelle

Rechtschaffenheit*: vielleicht sagen sie das Gegenteil, vielleicht

glauben sie es selbst. Aber ihr ganzes Handwerk bringt es mit sich,

daß sie nur gewisse Wahrheiten zulassen; sie wissen, was sie beweisen

*müssen*, sie erkennen sich beinahe daran als Philosophen, daß sie über

diese „Wahrheiten“ einig sind. Da sind zum Beispiel die moralischen

Wahrheiten. Aber der Glaube an Moral ist noch kein Beweis von

Moralität: es gibt Fälle -- und der Fall der Philosophen gehört hierher

--, wo ein solcher Glaube einfach eine *Unmoralität* ist.

4. Philosophie und Wissenschaft.

190.

Ich muß das *schwierigste Ideal* des *Philosophen aufstellen*. Das

Lernen tut's nicht! Der Gelehrte ist das Herdentier im Reiche der

Erkenntnis, -- welcher forscht, weil es ihm befohlen und vorgemacht

worden ist. --

191.

Aberglaube über den *Philosophen*: Verwechslung mit dem

*wissenschaftlichen* Menschen. Als ob die Werte in den Dingen

steckten und man sie nur festzuhalten hätte! Inwiefern sie unter der

Einflüsterung gegebener Werte forschen (ihr Haß auf Schein, Leib usw.).

Schopenhauer in betreff der Moral (Hohn über den Utilitarismus).

Zuletzt geht die Verwechslung so weit, daß man den Darwinismus

als Philosophie betrachtet: und jetzt ist die Herrschaft bei den

*wissenschaftlichen* Menschen. Auch die Franzosen wie Taine suchen oder

meinen zu suchen, *ohne* die Wertmaße schon zu haben. Die Niederwerfung

vor den „Facten“, eine Art Kultus. Tatsächlich *vernichten* sie die

bestehenden Wertschätzungen.

*Erklärung* dieses Mißverständnisses. Der Befehlende entsteht

selten; er mißdeutet sich selber. Man *will* durchaus die Autorität

von sich ablehnen und in die *Umstände* setzen. -- In Deutschland

gehört die Schätzung des Kritikers in die Geschichte der erwachenden

*Männlichkeit*. Lessing usw. (Napoleon über Goethe). Tatsächlich ist

diese Bewegung durch die deutsche Romantik wieder rückgängig gemacht:

und der *Ruf* der deutschen Philosophie bezieht sich auf sie, als

ob mit ihr die Gefahr der Skepsis beseitigt sei und der *Glaube

bewiesen* werden könne. In Hegel kulminieren beide Tendenzen: im Grunde

verallgemeinert er die Tatsache der deutschen Kritik und die Tatsache

der deutschen Romantik, -- eine Art von dialektischem Fatalismus, aber

zu Ehren des Geistes, tatsächlich mit Unterwerfung des Philosophen

*unter* die Wirklichkeit. *Der Kritiker bereitet vor*: nicht mehr!

Mit Schopenhauer dämmerte die Aufgabe des Philosophen: daß es sich um

eine Bestimmung des *Wertes* handle: immer noch unter der Herrschaft

des Eudämonismus. Das Ideal des Pessimismus.

192.

Problem des *Philosophen* und des *wissenschaftlichen* Menschen. --

Einfluß des Alters; depressive Gewohnheiten (Stubenhocken ~à la~

Kant; Überarbeitung; unzureichende Ernährung des Gehirns; Lesen).

Wesentlicher: ob nicht ein ~décadence~-*Symptom* schon in der

Richtung auf solche *Allgemeinheit* gegeben ist; *Objektivität als

Willensdisgregation* (-- *so fern* bleiben *können*....). Dies setzt

eine große Adiaphorie gegen die starken Triebe voraus: eine Art

Isolation, Ausnahmestellung, Widerstand gegen die Normaltriebe.

Typus: die Loslösung von der *Heimat*; in immer weitere Kreise; der

wachsende Exotismus; das Stummwerden der alten Imperative -- --;

gar dieses beständige Fragen „wohin?“ („Glück“) ist ein Zeichen der

*Herauslösung* aus Organisationsformen, Herausbruch.

Problem: ob der *wissenschaftliche* Mensch eher noch ein

~décadence~-Symptom ist, als der Philosoph: -- er ist als *Ganzes*

nicht losgelöst, nur ein *Teil* von ihm ist absolut der Erkenntnis

geweiht, dressiert für eine Ecke und Optik --, er hat hier *alle*

Tugenden einer starken Rasse und Gesundheit nötig, große Strenge,

Männlichkeit, Klugheit. Er ist mehr ein Symptom hoher Vielfachheit

der Kultur, als von deren Müdigkeit. Der ~décadence~-Gelehrte ist ein

*schlechter* Gelehrter. Während der ~décadence~-Philosoph, bisher

wenigstens, als der typische Philosoph galt.

193.

Die psychologischen *Verwechslungen*: -- *das Verlangen nach Glauben*

-- verwechselt mit dem „Willen zur Wahrheit“ (zum Beispiel bei

Carlyle). Aber ebenso ist *das Verlangen nach Unglauben* verwechselt

worden mit dem „Willen zur Wahrheit“ (-- ein Bedürfnis, loszukommen

von einem Glauben, aus hundert Gründen: Recht zu bekommen gegen irgend

welche „Gläubigen“). *Was inspiriert die Skeptiker?* Der *Haß* gegen

die Dogmatiker -- oder ein Ruhebedürfnis, eine Müdigkeit, wie bei

Pyrrho.

Die *Vorteile*, welche man von der Wahrheit erwartete, waren die

Vorteile des Glaubens an sie: -- *an sich* nämlich könnte ja die

Wahrheit durchaus peinlich, schädlich, verhängnisvoll sein --. Man hat

die „Wahrheit“ auch nur wieder bekämpft, als man Vorteile sich vom

Siege versprach, -- zum Beispiel Freiheit von den herrschenden Gewalten.

Die Methodik der Wahrheit ist *nicht* aus Motiven der Wahrheit gefunden

worden, sondern aus *Motiven der Macht, des Überlegen-sein-wollens*.

*Womit beweist* sich die Wahrheit? Mit dem Gefühl der erhöhten Macht

-- mit der Nützlichkeit, -- mit der Unentbehrlichkeit, -- *kurz,

mit Vorteilen* (nämlich Voraussetzungen, welcher Art die Wahrheit

beschaffen sein *sollte*, um von uns anerkannt zu werden). Aber das

ist ein *Vorurteil*: ein Zeichen, daß es sich gar nicht um *Wahrheit*

handelt....

Was bedeutet zum Beispiel der „Wille zur Wahrheit“ bei den Goncourts?

bei den *Naturalisten*? -- Kritik der „Objektivität“.

*Warum* erkennen: warum nicht lieber sich täuschen?.... Was man wollte,

war immer der Glaube, -- und *nicht* die Wahrheit.... Der Glaube

wird durch *entgegengesetzte* Mittel geschaffen als die Methodik der

Forschung -- : *er schließt letztere selbst aus* --

194.

*Das Problem des Sokrates.* -- Die beiden Gegensätze: die *tragische*

Gesinnung, die *sokratische* Gesinnung, -- gemessen an dem Gesetz des

Lebens.

Inwiefern die sokratische Gesinnung ein Phänomen der ~décadence~ ist:

inwiefern aber noch eine starke Gesundheit und Kraft im ganzen Habitus,

in der Dialektik und Tüchtigkeit, Straffheit des wissenschaftlichen

Menschen sich zeigt (-- die Gesundheit des *Plebejers*; dessen Bosheit,

~esprit frondeur~, dessen Scharfsinn, dessen *Kanaille ~au fond~*, im

Zaum gehalten durch die *Klugheit*; „häßlich“).

*Verhäßlichung*: Die Selbstverhöhnung, die dialektische Dürre, die

Klugheit als *Tyrann* gegen den „Tyrannen“ (den Instinkt). Es ist alles

übertrieben, exzentrisch, Karikatur an Sokrates, ein ~buffo~ mit den

Instinkten Voltaires im Leibe. Er entdeckt eine neue Art *Agon*; er ist

der erste Fechtmeister in den vornehmen Kreisen Athens; er vertritt

nichts als die *höchste Klugheit*: er nennt sie „Tugend“ (-- er erriet

sie als *Rettung*: es stand ihm nicht frei, *klug* zu sein, er war es

*~de rigueur~*); sich in Gewalt haben, um mit Gründen und *nicht* mit

Affekten in den Kampf zu treten (-- die *List* des Spinoza, -- das

Aufdröseln der Affektirrtümer); -- entdecken, daß der Affekt unlogisch

prozediert; Übung in der Selbstverspottung, um das *Rankünegefühl* in

der Wurzel zu schädigen.

Ich suche zu begreifen, aus welchen partiellen und idiosynkrasischen

Zuständen das sokratische Problem ableitbar ist: seine Gleichsetzung

von Vernunft = Tugend = Glück. Mit diesem Absurdum von Identitätslehre

hat *er bezaubert*: die antike Philosophie kam nicht wieder davon

los....

Absoluter Mangel an objektivem Interesse: Haß gegen die Wissenschaft:

Idiosynkrasie, sich selbst als Problem zu fühlen. Akustische

Halluzinationen bei Sokrates: morbides Element. Mit Moral sich abgeben,

widersteht am meisten, wo der Geist reich und unabhängig ist. Wie kommt

es, daß Sokrates *Moral-Monoman* ist? -- Alle „praktische“ Philosophie

tritt in Notlagen sofort in den Vordergrund. Moral und Religion als

Hauptinteressen sind Notstandszeichen.

195.

-- Die Klugheit, Helle, Härte und Logizität als Waffe wider die

*Wildheit der Triebe*. Letztere müssen gefährlich und untergangdrohend

sein: sonst hat es keinen Sinn, die *Klugheit* bis zu dieser Tyrannei

auszubilden. Aus der Klugheit *einen Tyrannen machen*: -- aber *dazu*

müssen die Triebe Tyrannen sein. Dies das Problem. -- Es war sehr

zeitgemäß damals. Vernunft wurde = Tugend = Glück.

*Lösung*: Die griechischen Philosophen stehen auf der gleichen

Grundtatsache ihrer inneren Erfahrungen wie Sokrates: fünf Schritt

weit vom Exzeß, von der Anarchie, von der Ausschweifung, -- alles

~décadence~-Menschen. Sie empfinden ihn als Arzt: Logik als Wille

zur Macht, zur Selbstherrschaft, zum „Glück“. Die Wildheit und

Anarchie der Instinkte bei Sokrates ist ein *~décadence~-Symptom*. Die

Superfötation der Logik und der Vernunfthelligkeit insgleichen. Beide

sind Abnormitäten, beide gehören zueinander.

*Kritik.* Die ~décadence~ verrät sich in dieser Präokkupation des

„Glücks“ (das heißt des „Heils der Seele“, das heißt, *seinen Zustand*

als *Gefahr* empfinden). Ihr Fanatismus des Interesses für „Glück“

zeigt die Pathologie des Untergrundes: es war ein Lebensinteresse.

Vernünftig sein *oder* zugrunde gehen war die *Alternative*, vor der

sie alle standen. Der Moralismus der griechischen Philosophen zeigt,

daß sie sich *in Gefahr* fühlten....

196.

Die eigentlichen *Philosophen der Griechen* sind die vor Sokrates

(-- mit Sokrates verändert sich etwas). Das sind alles vornehme

Personnagen, abseits sich stellend von Volk und Sitte, gereist, ernst

bis zur Düsterkeit, mit langsamem Auge, den Staatsgeschäften und der

Diplomatie nicht fremd. Sie nehmen den Weisen alle großen Konzeptionen

der Dinge vorweg: sie stellen sie selber dar, sie bringen sich in

System. Nichts gibt einen höheren Begriff vom griechischen Geist,

als diese plötzliche Fruchtbarkeit an Typen, als diese ungewollte

Vollständigkeit in der Aufstellung der großen Möglichkeiten des

philosophischen Ideals. -- Ich sehe nur noch eine originale Figur

in dem Kommenden: einen Spätling, aber notwendig den letzten, --

den Nihilisten *Pyrrho*: -- er hat den Instinkt *gegen* alles das,

was inzwischen obenauf gekommen war, die Sokratiker, Plato, den

Artistenoptimismus Heraklits. (Pyrrho greift über Protagoras zu

Demokrit zurück....)

Die *weise* Müdigkeit: Pyrrho. Unter den Niedrigen leben, niedrig.

Kein Stolz. Auf die gemeine Art leben; ehren und glauben, was alle

glauben. Auf der Hut gegen Wissenschaft und Geist, auch alles, was

*bläht*.... Einfach: unbeschreiblich geduldig, unbekümmert, mild.

ἀπάθεια, mehr noch πραἴτης. Ein Buddhist für Griechenland, zwischen dem

Tumult der Schulen aufgewachsen; spät gekommen; ermüdet; der Protest

des Müden gegen den Eifer der Dialektiker; der Unglaube des Müden an

die Wichtigkeit aller Dinge. Er hat *Alexander* gesehen, er hat die

*indischen Büßer* gesehen. Auf solche Späte und Raffinierte wirkt

alles Niedrige, alles Arme, alles Idiotische selbst verführerisch.

Das narkotisiert: das macht ausstrecken (Pascal). Sie empfinden

andrerseits, mitten im Gewimmel und verwechselt mit jedermann, ein

wenig Wärme: sie haben *Wärme* nötig, diese Müden.... Den Widerspruch

überwinden; kein Wettkampf, kein Wille zur Auszeichnung: die

*griechischen* Instinkte verneinen. (Pyrrho lebte mit seiner Schwester

zusammen, die Hebamme war.) Die Weisheit verkleiden, daß sie nicht

mehr auszeichnet; ihr einen Mantel von Armut und Lumpen geben; die

niedrigsten Verrichtungen tun: auf den Markt gehen und Milchschweine

verkaufen.... Süßigkeit; Helle; Gleichgültigkeit; keine Tugenden,

die Gebärden brauchen: sich auch in der Tugend gleichsetzen: letzte

Selbstüberwindung, letzte Gleichgültigkeit.

Pyrrho, gleich Epikur, zwei Formen der griechischen ~décadence~:

verwandt, im Haß gegen die Dialektik und gegen alle *schauspielerischen*

Tugenden -- beides zusammen hieß damals Philosophie --; absichtlich

das, was sie lieben, niedrig achtend; die gewöhnlichen, selbst

verachteten Namen dafür wählend; einen Zustand darstellend, wo man

weder krank, noch gesund, noch lebendig, noch tot ist.... Epikur

naiver, idyllischer, dankbarer; Pyrrho gereifter, verlebter,

nihilistischer.... Sein Leben war ein Protest gegen die große

*Identitätslehre* (*Glück* = *Tugend* = *Erkenntnis*). Das rechte Leben

fördert man nicht durch Wissenschaft: Weisheit macht nicht „weise“....

Das rechte Leben will nicht Glück, sieht ab von Glück....

197.

*Wissenschaftlichkeit: als Dressur oder als Instinkt.* -- Bei den

griechischen Philosophen sehe ich einen *Niedergang der Instinkte*:

sonst hätten sie nicht dermaßen fehlgreifen können, den *bewußten*

Zustand als den *wertvolleren* anzusetzen. Die *Intensität des

Bewußtseins* steht im *umgekehrten* Verhältnis zur Leichtigkeit

und Schnelligkeit der zerebralen Übermittlung. Dort regierte die

*umgekehrte Meinung* über den Instinkt: was immer das Zeichen

*geschwächter* Instinkte ist.

Wir müssen in der Tat das *vollkommene Leben* dort suchen, wo es am

wenigsten mehr bewußt wird (das heißt, seine Logik, seine Gründe,

seine Mittel und Absichten, seine *Nützlichkeit* sich vorführt). Die

Rückkehr zur Tatsache des ~bon sens~, des ~bon homme~, der „kleinen

Leute“ aller Art. *Einmagazinierte Rechtschaffenheit und Klugheit* seit

Geschlechtern, die sich niemals ihrer Prinzipien bewußt wird und selbst

einen kleinen Schauder vor Prinzipien hat. Das Verlangen nach einer

*räsonnierenden Tugend* ist nicht räsonnabel.... Ein Philosoph ist mit

einem solchen Verlangen kompromittiert.

198.

Tartüfferie der *Wissenschaftlichkeit*. -- Man muß nicht

Wissenschaftlichkeit affektieren, wo es noch nicht Zeit ist,

wissenschaftlich zu sein; aber auch der wirkliche Forscher hat die

Eitelkeit von sich zu tun, eine Art von Methode zu affektieren, welche

im Grunde noch nicht an der Zeit ist. Ebenso Dinge und Gedanken, auf

die er anders gekommen ist, nicht mit einem falschen Arrangement von

Deduktion und Dialektik zu „fälschen“. So fälscht Kant in seiner

„Moral“ seinen inwendigen psychologischen Hang; ein neuerliches

Beispiel ist Herbert Spencers Ethik. -- Man soll die *Tatsache*, wie

uns unsre Gedanken gekommen sind, nicht verhehlen und verderben. Die

tiefsten und unerschöpftesten Bücher werden wohl immer etwas von

dem aphoristischen und plötzlichen Charakter von Pascals ~Pensées~

haben. Die treibenden Kräfte und Wertschätzungen sind lange unter der

Oberfläche; was hervorkommt, ist Wirkung.

Ich wehre mich gegen alle Tartüfferie von falscher Wissenschaftlichkeit:

1. in bezug auf die *Darlegung*, wenn sie nicht der *Genesis* der

Gedanken entspricht;

2. in den Ansprüchen auf *Methoden*, welche vielleicht zu einer

bestimmten Zeit der Wissenschaft noch gar nicht möglich sind;

3. in den Ansprüchen auf *Objektivität*, auf kalte Unpersönlichkeit,

wo, wie bei allen Wertschätzungen, wir mit zwei Worten von uns und

unsren inneren Erlebnissen erzählen. Es gibt lächerliche Arten von

Eitelkeit, zum Beispiel Saint-Beuves, der sich zeitlebens geärgert hat,

hier und da wirklich Wärme und Leidenschaft im „Für“ und „Wider“ gehabt

zu haben, und es gern aus seinem Leben weggelogen hätte.

199.

Wenn durch Übung in einer ganzen Reihe von Geschlechtern die Moral

gleichsam einmagaziniert worden ist -- also die Feinheit, die Vorsicht,

die Tapferkeit, die Billigkeit --, so strahlt die Gesamtkraft

dieser aufgehäuften Tugend selbst noch in die Sphäre aus, wo die

Rechtschaffenheit am seltensten, in die *geistige* Sphäre. In allem

Bewußtwerden drückt sich ein Unbehagen des Organismus aus; es soll

etwas Neues versucht werden, es ist nichts genügend zurecht dafür, es

gibt Mühsal, Spannung, Überreiz, -- das alles ist eben Bewußtwerden....

Das Genie sitzt im Instinkt; die Güte ebenfalls. Man handelt nur

vollkommen, sofern man instinktiv handelt. Auch moralisch betrachtet

ist alles Denken, das bewußt verläuft, eine bloße Tentative, zumeist

das Widerspiel der Moral. Die wissenschaftliche Rechtschaffenheit ist

immer ausgehängt, wenn der Denker anfängt zu räsonnieren: man mache die

Probe, man lege die Weisesten auf die Goldwage, indem man sie Moral

reden macht....

Das läßt sich beweisen, daß alles Denken, das *bewußt* verläuft, auch

einen viel niedrigeren Grad von Moralität darstellen wird als das

Denken desselben, sofern es von seinen *Instinkten* geführt wird.

200.

Der Philosoph gegen die *Rivalen*, zum Beispiel gegen die Wissenschaft:

da wird er Skeptiker; da behält er sich eine *Form der Erkenntnis*

vor, die er dem wissenschaftlichen Menschen abstreitet; da geht er

mit dem Priester Hand in Hand, um nicht den Verdacht des Atheismus,

Materialismus zu erregen; er betrachtet einen Angriff auf sich als

einen Angriff auf die Moral, die Tugend, die Religion, die Ordnung, --

er weiß seine Gegner als „Verführer“ und „Unterminierer“ in Verruf zu

bringen: da geht er mit der Macht Hand in Hand.

Der Philosoph im Kampf mit andern Philosophen: -- er sucht sie dahin

zu drängen, als Anarchisten, Ungläubige, Gegner der Autorität zu

erscheinen. ~In summa~: soweit er *kämpft*, kämpft er ganz wie ein

Priester, wie eine Priesterschaft.

5. Freie Philosophie.

201.

Man sucht das Bild der Welt in *der* Philosophie, bei der es uns am

freiesten zumute wird; das heißt, bei der unser mächtigster Trieb sich

frei fühlt zu seiner Tätigkeit. So wird es auch bei mir stehen!

202.

*Meine erste Lösung: die dionysische Weisheit. Lust an der Vernichtung

des Edelsten* und am Anblick, wie er schrittweise ins Verderben gerät:

als Lust am *Kommenden, Zukünftigen*, welches triumphiert über das

*vorhandene noch so Gute*. Dionysisch: zeitweilige Identifikation mit

dem Prinzip des Lebens (Wollust des Märtyrers einbegriffen).

*Meine Neuerungen.* -- Weiterentwicklung des Pessimismus: der

Pessimismus des Intellekts; die *moralische* Kritik, Auflösung des

letzten Trostes. Erkenntnis der Zeichen des *Verfalls*: umschleiert

durch Wahn jedes starke Handeln; die Kultur isoliert, ist ungerecht und

dadurch stark.

1. Mein *Anstreben* gegen den Verfall und die zunehmende Schwäche der

Persönlichkeit. Ich suchte ein neues *Zentrum*.

2. Unmöglichkeit dieses Strebens *erkannt*.

3. *Darauf ging ich weiter in der Bahn der Auflösung, -- darin fand

ich für Einzelne neue Kraftquellen. Wir müssen Zerstörer sein!* -- --

Ich erkannte, daß der Zustand der *Auflösung*, in der *einzelne* Wesen

sich vollenden *können wie nie* -- ein Abbild und *Einzelfall des

allgemeinen Daseins ist*. Gegen die lähmende Erfindung der allgemeinen

Auflösung und Unvollendung hielt ich die *ewige Wiederkunft*.

203.

Meine Vorbereiter: Schopenhauer: Inwiefern ich den Pessimismus

vertiefte und durch Erfindung seines höchsten Gegensatzes erst ganz mir

zum Gefühl brachte.

Sodann: die idealen Künstler, jener Nachwuchs der Napoleonischen

Bewegung.

Sodann: die höheren Europäer, Vorläufer der *großen Politik*.

Sodann: die Griechen und ihre Entstehung.

204.

Die Bedeutung der deutschen Philosophie (*Hegel*): einen *Pantheismus*

auszudenken, bei dem das Böse, der Irrtum und das Leid *nicht* als

Argumente gegen Göttlichkeit empfunden werden. *Diese grandiose

Initiative* ist mißbraucht worden von den vorhandenen Mächten (Staat

usw.), als sei damit die Vernünftigkeit des gerade Herrschenden

sanktioniert.

*Schopenhauer* erscheint dagegen als hartnäckiger Moralmensch, welcher

endlich, um mit seiner moralischen Schätzung recht zu behalten, zum

*Weltverneiner* wird. Endlich zum „Mystiker“.

Ich selbst habe eine *ästhetische* Rechtfertigung versucht: wie ist die

Häßlichkeit der Welt möglich? -- Ich nahm den Willen zur Schönheit,

zum Verharren in *gleichen* Formen, als ein zeitweiliges Erhaltungs-

und Heilmittel: fundamental aber schien mir das ewig-Schaffende als

das *ewig-Zerstören-Müssende* gebunden an den Schmerz. Das Häßliche

ist die Betrachtungsform der Dinge unter dem Willen, einen Sinn, einen

*neuen* Sinn in das Sinnlos-gewordene zu legen: die angehäufte Kraft,

welche den Schaffenden zwingt, das Bisherige als unhaltbar, mißraten,

verneinungswürdig, als häßlich zu fühlen! --

205.

Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens · 第 9 / 29 段