Der *„gute Mensch“ als Tyrann*. -- Die Menschheit hat immer denselben

Fehler wiederholt: daß sie aus einem Mittel zum Leben einen *Maßstab*

des Lebens gemacht hat; daß sie -- statt in der höchsten Steigerung des

Lebens selbst, im Problem des Wachstums und der Erschöpfung, das Maß

zu finden -- die *Mittel* zu einem ganz bestimmten Leben zum Ausschluß

aller anderen Formen des Lebens, kurz zur Kritik und Selektion des

Lebens benutzt hat. Das heißt, der Mensch liebt endlich die Mittel um

ihrer selbst willen und *vergißt* sie als Mittel: so daß sie jetzt als

Ziele ihm ins Bewußtsein treten, als Maßstäbe von Zielen.... das heißt,

*eine bestimmte Spezies Mensch* behandelt ihre Existenzbedingungen

als gesetzlich aufzuerlegende Bedingungen, als „Wahrheit“, „Gut“,

„Vollkommen“: sie *tyrannisiert*... Es ist eine *Form des Glaubens*,

des Instinkts, daß eine Art Mensch nicht die Bedingtheit ihrer eignen

Art, ihre Relativität im Vergleich zu anderen einsieht. Wenigstens

scheint es zu Ende zu sein mit einer Art Mensch (Volk, Rasse), wenn sie

tolerant wird, gleiche Rechte zugesteht und nicht mehr daran denkt,

Herr sein zu wollen --

162.

-- Das Laster mit etwas entschieden Peinlichem so verknüpfen, daß

zuletzt man vor dem Laster flieht, um von dem loszukommen, was mit

ihm verknüpft ist. Das ist der berühmte Fall Tannhäusers. Tannhäuser,

durch Wagnersche Musik um seine Geduld gebracht, hält es selbst bei

Frau Venus nicht mehr aus: mit einem Male gewinnt die Tugend Reiz; eine

thüringische Jungfrau steigt im Preise; und, um das Stärkste zu sagen,

er goutiert sogar die Weise Wolframs von Eschenbach....

163.

Die Tugend ist unter Umständen bloß eine ehrwürdige Form der Dummheit:

wer dürfte ihr darum übelwollen? Und diese Art Tugend ist auch heute

noch nicht überlebt. Eine Art von wackerer Bauerneinfalt, welche aber

in allen Ständen möglich ist und der man nicht anders als mit Verehrung

und Lächeln zu begegnen hat, glaubt auch heute noch, daß alles in guten

Händen ist, nämlich in der „Hand Gottes“: und wenn sie diesen Satz

mit jener bescheidenen Sicherheit aufrecht erhalten, wie als ob sie

sagten, daß zwei mal zwei vier ist, so werden wir andern uns hüten,

zu widersprechen. Wozu *diese* reine Torheit trüben? Wozu sie mit

unseren Sorgen in Hinsicht auf Mensch, Volk, Ziel, Zukunft verdüstern?

Und wollten wir es, wir könnten es nicht. Sie spiegeln ihre eigne

ehrwürdige Dummheit und Güte in die Dinge *hinein* (bei ihnen lebt

ja der alte Gott ~deus myops~ noch!); wir andern -- wir sehen etwas

anderes in die Dinge hinein: unsre Rätselnatur, unsre Widersprüche,

unsre tiefere, schmerzlichere, argwöhnischere Weisheit.

164.

Die *Tugend* findet jetzt keinen Glauben mehr, ihre Anziehungskraft ist

dahin; es müßte sie denn einer etwa als eine ungewöhnliche Form des

Abenteuers und der Ausschweifung von neuem auf den Markt zu bringen

verstehen. Sie verlangt zu viel Extravaganz und Borniertheit von ihren

Gläubigen, als daß sie heute nicht das Gewissen gegen sich hätte.

Freilich, für Gewissenlose und gänzlich Unbedenkliche mag eben das an

ihr neuer Zauber sein: -- sie ist nunmehr, was sie bisher noch niemals

gewesen ist, ein *Laster*.

165.

Die Tugend bleibt das kostspieligste Laster: sie *soll* es bleiben!

166.

Zuletzt, was habe ich erreicht? Verbergen wir uns dies wunderlichste

Resultat nicht: ich habe der Tugend einen neuen *Reiz* erteilt, --

sie wirkt als etwas *Verbotenes*. Sie hat unsre feinste Redlichkeit

gegen sich, sie ist eingesalzen in das „~cum grano salis~“ des

wissenschaftlichen Gewissensbisses; sie ist altmodisch im Geruch und

antikisierend, so daß sie nunmehr endlich die Raffinierten anlockt und

neugierig macht; -- kurz, sie wirkt als Laster. Erst nachdem wir alles

als Lüge, Schein erkannt haben, haben wir auch die Erlaubnis wieder zu

dieser schönsten Falschheit, der der Tugend, erhalten. Es gibt keine

Instanz mehr, die uns dieselbe verbieten dürfte; erst indem wir die

Tugend als eine *Form der Immoralität* aufgezeigt haben, ist sie wieder

*gerechtfertigt*, -- sie ist eingeordnet und gleichgeordnet in Hinsicht

auf ihre Grundbedeutung, sie nimmt teil an der Grundimmoralität alles

Daseins, -- als eine Luxusform ersten Ranges, die hochnäsigste,

teuerste und seltenste Form des Lasters. Wir haben sie entrunzelt und

entkuttet, wir haben sie von der Zudringlichkeit der Vielen erlöst,

wir haben ihr die blödsinnige Starrheit, das leere Auge, die steife

Haartour, die hieratische Muskulatur genommen.

167.

Ob ich damit der Tugend geschadet habe?.... Ebensowenig, als die

Anarchisten den Fürsten: erst seitdem sie angeschossen werden, sitzen

sie wieder fest auf ihrem Thron... Denn so stand es immer und wird es

stehen: man kann einer Sache nicht besser nützen, als indem man sie

verfolgt und mit allen Hunden hetzt.... Dies -- habe ich getan.

168.

Was ich mit aller Kraft deutlich zu machen wünsche:

a) daß es keine schlimmere Verwechslung gibt, als wenn man *Züchtung*

mit *Zähmung* verwechselt: was man getan hat.... Die Züchtung ist, wie

ich sie verstehe, ein Mittel der ungeheuren Kraftaufspeicherung der

Menschheit, so daß die Geschlechter auf der Arbeit ihrer Vorfahren

fortbauen können -- nicht nur äußerlich, sondern innerlich, organisch

aus ihnen herauswachsend, ins *Stärkere*....

b) daß es eine außerordentliche Gefahr gibt, wenn man glaubt, daß

die Menschheit als *Ganzes* fortwüchse und stärker würde, wenn die

Individuen schlaff, gleich, durchschnittlich werden.... Menschheit ist

ein Abstraktum: das Ziel der *Züchtung* kann auch im einzelnsten Falle

immer nur der *stärkere* Mensch sein (-- der ungezüchtete ist schwach,

vergeuderisch, unbeständig --).

169.

Man muß sehr unmoralisch sein, um durch die Tat *Moral zu machen*....

Die Mittel der Moralisten sind die furchtbarsten Mittel, die je

gehandhabt worden sind; wer den Mut nicht zur Unmoralität der Tat hat,

taugt zu allem Übrigen, er taugt nicht zum Moralisten.

Die Moral ist eine Menagerie; ihre Voraussetzung, daß eiserne Stäbe

nützlicher sein können als Freiheit, selbst für den Eingefangenen;

ihre andere Voraussetzung, daß es Tierbändiger gibt, die sich vor

furchtbaren Mitteln nicht fürchten, -- die glühendes Eisen zu handhaben

wissen. Diese schreckliche Spezies, die den Kampf mit dem wilden Tier

aufnimmt, heißt sich „Priester“.

Der Mensch, eingesperrt in einen eisernen Käfig von Irrtümern, eine

Karikatur des Menschen geworden, krank, kümmerlich, gegen sich

selbst böswillig, voller Haß auf die Antriebe zum Leben, voller

Mißtrauen gegen alles, was schön und glücklich ist am Leben, ein

wandelndes Elend: diese künstliche, willkürliche, *nachträgliche*

Mißgeburt, welche die Priester aus ihrem Boden gezogen haben, den

„Sünder“: wie werden wir es erlangen, dieses Phänomen trotz alledem zu

*rechtfertigen*?

Um billig von der Moral zu denken, müssen wir zwei *zoologische*

Begriffe an ihre Stelle setzen: *Zähmung* der Bestie und *Züchtung

einer bestimmten Art*.

Die Priester gaben zu allen Zeiten vor, daß sie „*bessern*“ wollen....

Aber wir andern lachen, wenn ein Tierbändiger von seinen „gebesserten“

Tieren reden wollte. Die Zähmung der Bestie wird in den meisten Fällen

durch eine Schädigung der Bestie erreicht: auch der moralische Mensch

ist kein besserer Mensch, sondern nur ein geschwächter. Aber er ist

weniger schädlich....

170.

Das gesamte Moralisieren als Phänomen ins Auge bekommen. Auch als

*Rätsel*. Die moralischen Phänomene haben mich beschäftigt wie Rätsel.

Heute würde ich eine Antwort zu geben wissen: was bedeutet es, daß für

mich das Wohl des Nächsten höheren Wert haben *soll*, als mein eigenes?

daß aber der Nächste selbst den Wert seines Wohls anders schätzen

*soll* als ich, nämlich demselben gerade *mein* Wohl überordnen soll?

Was bedeutet das „Du sollst“, das selbst von Philosophen als „gegeben“

betrachtet wird?

Der anscheinend verrückte Gedanke, daß einer die Handlung, die er dem

andern erweist, höher halten soll, als die sich selbst erwiesene,

dieser andere ebenso wieder usw. (daß man nur Handlungen gutheißen

soll, weil einer dabei nicht sich selbst im Auge hat, sondern das Wohl

des andern) hat seinen Sinn: nämlich als Instinkt des Gemeinsinns, auf

der Schätzung beruhend, daß am einzelnen überhaupt wenig gelegen ist,

aber sehr viel an allen zusammen, vorausgesetzt, daß sie eben eine

Gemeinschaft bilden, mit einem Gemeingefühl und Gemeingewissen. Also

eine Art Übung in einer bestimmten Richtung des Blicks, Wille zu einer

Optik, welche sich selbst zu sehen unmöglich machen will.

Mein Gedanke: es fehlen die Ziele, und *diese müssen Einzelne* sein!

Wir sehen das allgemeine Treiben: jeder Einzelne wird geopfert und

dient als Werkzeug. Man gehe durch die Straße, ob man nicht lauter

„Sklaven“ begegnet. Wohin? Wozu?

171.

„Wollen“: ist gleich Zweck-Wollen. „Zweck“ enthält eine Wertschätzung.

Woher stammen die Wertschätzungen? Ist eine feste Norm von „angenehm

und schmerzhaft“ die Grundlage?

Aber in unzähligen Fällen *machen* wir erst eine Sache schmerzhaft,

dadurch, daß wir unsere Wertschätzung hineinlegen.

Umfang der moralischen Wertschätzungen: sie sind fast in jedem

Sinneseindruck mitspielend. Die Welt ist uns *gefärbt* dadurch.

Wir haben die Zwecke und die Werte hineingelegt: wir haben eine

ungeheure *latente Kraft*masse dadurch in uns: aber in der

*Vergleichung* der Werte ergibt sich, daß Entgegengesetztes als

wertvoll galt, daß *viele* Gütertafeln existierten (also nichts „an

sich“ wertvoll).

Bei der Analyse der einzelnen Gütertafeln ergab sich ihre Aufstellung

als die Aufstellung von *Existenzbedingungen* beschränkter Gruppen (und

oft irrtümlicher): zur Erhaltung.

Bei der Betrachtung der *jetzigen* Menschen ergab sich, daß wir *sehr

verschiedene* Werturteile handhaben, und daß keine schöpferische Kraft

mehr darin ist, -- die Grundlage: „die Bedingung der Existenz“ fehlt

dem moralischen Urteile jetzt. Es ist viel überflüssiger, es ist lange

nicht so schmerzhaft. -- Es wird *willkürlich*. Chaos.

Wer schafft *das Ziel*, das über der Menschheit stehen bleibt und auch

über dem Einzelnen? Ehemals wollte man mit der Moral *erhalten*: aber

niemand will jetzt mehr *erhalten*, es ist nichts daran zu erhalten.

Also eine *versuchende Moral*: sich ein Ziel *geben*.

172.

Inwiefern die *Selbstvernichtung der Moral* noch ein Stück ihrer

eigenen Kraft ist. Wir Europäer haben das Blut solcher in uns, die

für ihren Glauben gestorben sind; wir haben die Moral furchtbar und

ernst genommen, und es ist nichts, was wir nicht irgendwie geopfert

haben. Andrerseits: unsre geistige Feinheit ist wesentlich durch

Gewissensvivisektion erreicht worden. Wir wissen das „Wohin?“ noch

nicht, zu dem wir getrieben werden, nachdem wir uns dergestalt von

unsrem alten Boden abgelöst haben. Aber dieser Boden selbst hat uns

die Kraft angezüchtet, die uns jetzt hinaustreibt in die Ferne,

ins Abenteuer, durch die wir ins Uferlose, Unerprobte, Unentdeckte

hinausgestoßen werden, -- es bleibt uns keine Wahl, wir müssen Eroberer

sein, nachdem wir kein Land mehr haben, wo wir heimisch sind, wo wir

„erhalten“ möchten. Ein verborgenes *Ja* treibt uns dazu, das stärker

ist als alle unsre Neins. Unsre *Stärke* selbst duldet uns nicht mehr

im alten, morschen Boden: wir wagen uns in die Weite, wir wagen *uns*

daran: die Welt ist noch reich und unentdeckt, und selbst Zugrundgehen

ist besser als halb und giftig werden. Unsre Stärke selbst zwingt uns

aufs Meer, dorthin, wo alle Sonnen bisher untergegangen sind: wir

*wissen* um eine neue Welt....

173.

Mein Schlußsatz ist: daß der *wirkliche* Mensch einen viel höheren Wert

darstellt als der „wünschbare“ Mensch irgendeines bisherigen Ideals;

daß alle „Wünschbarkeiten“ in Hinsicht auf den Menschen absurde und

gefährliche Ausschweifungen waren, mit denen eine einzelne Art von

Mensch *ihre* Erhaltungs- und Wachstumsbedingungen über der Menschheit

als Gesetz aufhängen möchte; daß jede zur Herrschaft gebrachte

Wünschbarkeit solchen Ursprungs bis jetzt den Wert des Menschen,

seine Kraft, seine Zukunftsgewißheit *herabgedrückt* hat; daß die

Armseligkeit und Winkel-Intellektualität des Menschen sich am meisten

bloßstellt, auch heute noch, wenn er *wünscht*; daß die Fähigkeit

des Menschen, Werte anzusetzen, bisher zu niedrig entwickelt war,

um dem tatsächlichen, nicht bloß „wünschbaren“ *Werte des Menschen*

gerecht zu werden; daß das Ideal bis jetzt die eigentlich welt- und

menschverleumdende Kraft, der Gifthauch über der Realität, die große

*Verführung zum Nichts* war...

3. Philosophie und Moral.

174.

Durch moralische Hinterabsichten ist der Gang der Philosophie bisher am

meisten aufgehalten worden.

175.

Man hat zu allen Zeiten die „schönen Gefühle“ für Argumente

genommen, den „gehobenen Busen“ für den Blasebalg der Gottheit, die

Überzeugung als „Kriterium der Wahrheit“, das Bedürfnis des Gegners

als Fragezeichen zur Weisheit: diese Falschheit, Falschmünzerei geht

durch die ganze Geschichte der Philosophie. Die achtbaren, aber nur

spärlichen Skeptiker abgerechnet, zeigt sich nirgends ein Instinkt

von intellektueller Rechtschaffenheit. Zuletzt hat noch Kant in aller

Unschuld diese Denkerkorruption mit dem Begriff „*praktische Vernunft*“

zu verwissenschaftlichen gesucht: er erfand eigens eine Vernunft dafür,

in welchen Fällen man sich *nicht* um die Vernunft zu kümmern brauche:

nämlich wenn das Bedürfnis des Herzens, wenn die Moral, wenn die

„Pflicht“ redet.

176.

Die Philosophen sind eingenommen *gegen* den Schein, den Wechsel, den

Schmerz, den Tod, das Körperliche, die Sinne, das Schicksal und die

Unfreiheit, das Zwecklose.

Sie glauben 1. an die absolute Erkenntnis, 2. an die Erkenntnis um

der Erkenntnis willen, 3. an die Tugend und Glück im Bunde, 4. an die

Erkennbarkeit der menschlichen Handlungen. Sie sind von instinktiven

Wertbestimmungen geleitet, in denen sich *frühere* Kulturzustände

spiegeln (gefährlichere).

177.

Daß nichts von dem wahr ist, was ehemals als wahr galt -- was als

unheilig, verboten, verächtlich, verhängnisvoll ehemals verachtet wurde

-- : alle diese Blumen wachsen heut am lieblichen Pfade der Wahrheit.

Diese ganze alte Moral geht uns nichts mehr an: es ist kein Begriff

darin, der noch Achtung verdiente. Wir haben sie überlebt, -- wir sind

nicht mehr grob und naiv genug, um in dieser Weise uns belügen lassen

zu müssen.... Artiger gesagt: wir sind zu tugendhaft dazu.... Und wenn

Wahrheit im alten Sinne nur deshalb „Wahrheit“ war, weil die alte

Moral zu ihr ja sagte, ja sagen *durfte*: so folgte daraus, daß wir

auch keine Wahrheit von ehedem mehr nötig haben.... Unser *Kriterium*

der Wahrheit ist durchaus nicht die Moralität: wir *widerlegen*

eine Behauptung damit, daß wir sie als abhängig von der Moral, als

inspiriert durch edle Gefühle beweisen.

178.

Alle diese Werte sind empirisch und bedingt. Aber der, der an sie

glaubt, der sie verehrt, *will* eben diesen Charakter nicht anerkennen.

Die Philosophen glauben allesamt an diese Werte, und eine Form ihrer

Verehrung war die Bemühung, aus ihnen *~a priori~-Wahrheiten* zu

machen. Fälschender Charakter der *Verehrung*....

Die Verehrung ist die hohe Probe der intellektuellen

*Rechtschaffenheit*: aber es *gibt* in der ganzen Geschichte der

Philosophie keine intellektuelle Rechtschaffenheit, -- sondern die

„Liebe zum Guten“....

Der absolute *Mangel an Methode*, um den Wert dieser Werte zu prüfen;

*zweitens*: die Abneigung, diese Werte zu prüfen, überhaupt sie bedingt

zu nehmen. -- Bei den Moralwerten kamen alle *antiwissenschaftlichen*

Instinkte zusammen in Betracht, um hier die Wissenschaft

*auszuschließen*....

179.

Gegen die erkenntnistheoretischen Dogmen tief mißtrauisch, liebte ich

es, bald aus diesem, bald aus jenem Fenster zu blicken, hütete mich,

mich darin festzusetzen, hielt sie für schädlich, -- und zuletzt:

ist es wahrscheinlich, daß ein Werkzeug seine eigene Tauglichkeit

kritisieren *kann*?? -- Worauf ich acht gab, war vielmehr, daß niemals

eine erkenntnistheoretische Skepsis oder Dogmatik ohne Hintergedanken

entstanden ist, -- daß sie einen Wert zweiten Ranges hat, sobald man

erwägt, *was* im Grunde zu dieser Stellung *zwang*.

Grundeinsicht: sowohl Kant, als Hegel, als Schopenhauer -- sowohl die

skeptisch-epochistische Haltung, als die historisierende, als die

pessimistische -- sind *moralischen* Ursprungs. Ich sah niemanden,

der eine Kritik der *moralischen Wertgefühle* gewagt hätte: und den

spärlichen Versuchen, zu einer Entstehungsgeschichte dieser Gefühle zu

kommen (wie bei den englischen und deutschen Darwinisten) wandte ich

bald den Rücken. --

Wie erklärt sich Spinozas Stellung, seine Verneinung und Ablehnung der

moralischen Werturteile? (Es war *eine* Konsequenz seiner Theodicee!)

180.

*Die drei großen Naivitäten*:

Erkenntnis als Mittel zum Glück (als ob....),

als Mittel zur Tugend (als ob....),

als Mittel zur „Verneinung des Lebens“, --

insofern sie ein Mittel zur Enttäuschung ist -- (als ob....).

181.

Im Grunde ist die Moral gegen die Wissenschaft *feindlich* gesinnt:

schon Sokrates war dies -- und zwar deshalb, weil die Wissenschaft

Dinge als wichtig nimmt, welche mit „gut“ und „böse“ nichts zu schaffen

haben, folglich dem Gefühl für „gut“ und „böse“ *Gewicht nehmen*. Die

Moral nämlich will, daß ihr der ganze Mensch und seine gesamte Kraft zu

Diensten sei: sie hält es für die Verschwendung eines solchen, der zum

Verschwenden *nicht reich genug* ist, wenn der Mensch sich ernstlich um

Pflanzen und Sterne kümmert. Deshalb ging in Griechenland, als Sokrates

die Krankheit des Moralisierens in die Wissenschaft eingeschleppt

hatte, es geschwinde mit der Wissenschaftlichkeit abwärts; eine Höhe,

wie die in der Gesinnung eines Demokrit, Hippokrates und Thukydides,

ist nicht zum zweiten Male erreicht worden.

182.

Das ist außerordentlich. Wir finden von Anfang der griechischen

Philosophie an einen Kampf gegen die Wissenschaft, mit den Mitteln

einer Erkenntnistheorie respektive Skepsis: und wozu? Immer

zugunsten der *Moral*.... (Der Haß gegen die Physiker und Ärzte.)

Sokrates, Aristipp, die Megariker, die Zyniker, Epikur, Pyrrho --

Generalansturm gegen die Erkenntnis zugunsten der *Moral*.... (Haß

auch gegen die Dialektik.) Es bleibt ein Problem: sie nähern sich

der Sophistik, um die Wissenschaft loszuwerden. Andererseits sind die

Physiker alle so weit unterjocht, um das Schema der Wahrheit, des

wahren Seins in ihre Fundamente aufzunehmen: zum Beispiel das Atom,

die vier Elemente (*Juxtaposition* des Seienden, um die Vielheit

und Veränderung zu erklären --). Verachtung gelehrt gegen die

*Objektivität* des Interesses: Rückkehr zu dem praktischen Interesse,

zur Personalnützlichkeit aller Erkenntnis....

Der Kampf gegen die Wissenschaft richtet sich gegen 1. deren Pathos

(Objektivität), 2. deren Mittel (das heißt gegen deren Nützlichkeit),

3. deren Resultate (als kindisch).

Es ist derselbe Kampf, der später wieder von Seiten der *Kirche*, im

Namen der Frömmigkeit, geführt wird: sie erbt das ganze antike Rüstzeug

zum Kampfe. Die Erkenntnistheorie spielt dabei dieselbe Rolle wie bei

Kant, wie bei den Indern.... Man will sich nicht darum zu bekümmern

haben: man will freie Hand behalten für seinen „Weg“.

Wogegen wehren sie sich eigentlich? Gegen die Verbindlichkeit, gegen

die Gesetzlichkeit, gegen die Nötigung Hand in Hand zu gehen -- : ich

glaube, man nennt das *Freiheit*....

Darin drückt sich die ~décadence~ aus: der Instinkt der Solidarität ist

so entartet, daß die Solidarität als *Tyrannei* empfunden wird: sie

wollen keine Autorität, keine Solidarität, keine Einordnung in Reih und

Glied zu unedler Langsamkeit der Bewegung. Sie hassen das Schrittweise,

das Tempo der Wissenschaft, sie hassen das Nicht-anlangen-wollen, den

langen Atem, die Personalindifferenz des wissenschaftlichen Menschen.

183.

Die *Sophisten* sind nichts weiter als Realisten: sie formulieren die

allen gang und gäben Werte und Praktiken zum Rang der Werte, -- sie

haben den Mut, den alle starken Geister haben, um ihre Unmoralität zu

*wissen*....

Glaubt man vielleicht, daß die kleinen griechischen Freistädte,

welche sich vor Wut und Eifersucht gern aufgefressen hätten, von

menschenfreundlichen und rechtschaffenen Prinzipien geleitet wurden?

Macht man vielleicht dem Thukydides einen Vorwurf aus seiner Rede, die

er den athenischen Gesandten in den Mund legt, als sie mit den Meliern

über Untergang oder Unterwerfung verhandeln?

Inmitten dieser entsetzlichen Spannung von Tugend zu reden, war nur

vollendeten Tartüffs möglich -- oder *Abseitsgestellten*, Einsiedlern,

Flüchtlingen und Auswanderern aus der Realität.... Alles Leute, die

negierten, um selber leben zu können --

Die Sophisten waren Griechen: als Sokrates und Plato die Partei der

Tugend und Gerechtigkeit nahmen, waren sie *Juden* oder ich weiß nicht

was --. Die Taktik *Grotes* zur Verteidigung der Sophisten ist falsch:

er will sie zu Ehrenmännern und Moralstandarten erheben, -- aber ihre

Ehre war, keinen Schwindel mit großen Worten und Tugenden zu treiben....

184.

Inwiefern die Dialektik und der Glaube an die Vernunft noch auf

*moralischen* Vorurteilen ruht. Bei Plato sind wir als einstmalige

Bewohner einer intelligiblen Welt des Guten noch im Besitz eines

Vermächtnisses jener Zeit: die göttliche Dialektik, als aus dem

Guten stammend, führt zu allem Guten (-- also gleichsam „zurück“

--). Auch Descartes hatte einen Begriff davon, daß in einer

christlich-moralischen Grunddenkweise, welche an einen *guten* Gott

als Schöpfer der Dinge glaubt, die Wahrhaftigkeit Gottes erst uns

unsre Sinnesurteile *verbürgt*. Abseits von einer religiösen Sanktion

und Verbürgung unsrer Sinne und Vernünftigkeit -- woher sollten wir

ein Recht auf Vertrauen gegen das Dasein haben! Daß das Denken gar

ein Maß des Wirklichen sei, -- daß, was nicht gedacht werden kann,

nicht *ist*, -- ist ein plumpes ~non plus ultra~ einer moralistischen

Vertrauensseligkeit (auf ein essentielles Wahrheitsprinzip im Grund der

Dinge), an sich eine tolle Behauptung, der unsre Erfahrung in jedem

Augenblick widerspricht. Wir können gerade gar nichts denken, inwiefern

es *ist*....

185.

Die große Vernunft in aller Erziehung zur Moral war immer, daß man

hier die *Sicherheit eines Instinkts* zu erreichen suchte: so daß

weder die gute Absicht noch die guten Mittel als solche erst ins

Bewußtsein traten. So wie der Soldat exerziert, so sollte der Mensch

handeln lernen. In der Tat gehört dieses Unbewußtsein zu jeder

Art Vollkommenheit: selbst noch der Mathematiker handhabt seine

Kombinationen unbewußt....

Was bedeutet nun die *Reaktion* des Sokrates, welcher die Dialektik als

Weg zur Tugend anempfahl und sich darüber lustig machte, wenn die Moral

sich nicht logisch zu rechtfertigen wußte?.... Aber eben das Letztere

gehört zu ihrer *Güte*, -- ohne Unbewußtheit *taugt sie nichts*!....

*Scham* erregen war ein notwendiges Attribut des Vollkommenen!....

Es bedeutet exakt die *Auflösung der griechischen Instinkte*, als man

die *Beweisbarkeit* als Voraussetzung der persönlichen Tüchtigkeit in

der Tugend voranstellte. Es sind selbst Typen der Auflösung, alle diese

großen „Tugendhaften“ und Wortemacher.

~In praxi~ bedeutet es, daß die moralischen Urteile aus ihrer

Bedingtheit, aus der sie gewachsen sind und in der allein sie Sinn

haben, aus ihrem griechischen und griechisch-politischen Grund und

Boden ausgerissen werden und, unter dem Anschein von *Sublimierung*,

*entnatürlicht* werden. Die großen Begriffe „gut“, „gerecht“ werden

losgemacht von den Voraussetzungen, zu denen sie gehören, und als

*frei gewordene* „Ideen“ Gegenstände der Dialektik. Man sucht hinter

ihnen eine Wahrheit, man nimmt sie als Entitäten oder als Zeichen von

Entitäten: man *erdichtet* eine Welt, wo sie zu Hause sind, wo sie

herkommen....

Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens · 第 8 / 29 段