hassen. Im Grunde dürfte er auch seine Mitmenschen mit keiner andern
Empfindung behandeln wie sich selbst; Menschenliebe bedarf einer
Rechtfertigung, -- sie liegt darin, daß *Gott sie befohlen hat*.
-- Hieraus folgt, daß alle die natürlichen Instinkte des Menschen
(zur Liebe usw.) ihm an sich unerlaubt scheinen und erst nach ihrer
*Verleugnung* auf Grund eines Gehorsams gegen Gott wieder zu Recht
kommen.... Pascal, der bewunderungswürdige *Logiker* des Christentums,
*ging* so weit! man erwäge sein Verhältnis zu seiner Schwester. „Sich
*nicht* lieben machen“ schien ihm christlich.
145.
Alle die Triebe und Mächte, welche von der Moral *gelobt* werden,
ergeben sich mir als essentiell *gleich* mit den von ihr verleumdeten
und abgelehnten: zum Beispiel Gerechtigkeit als Wille zur Macht, Wille
zur Wahrheit als Mittel des Willens zur Macht.
Kritik des „guten Menschen“, des Heiligen usw.
146.
Der „*gute Mensch*“. Oder: die Hemiplegie der Tugend. -- Für jede
starke und Natur gebliebene Art Mensch gehört Liebe und Haß,
Dankbarkeit und Rache, Güte und Zorn, Ja-tun und Nein-tun zu einander.
Man ist gut um den Preis, daß man auch böse zu sein weiß; man ist
böse, weil man sonst nicht gut zu sein verstünde. Woher nun jene
Erkrankung und ideologische Unnatur, welche diese Doppelheit ablehnt
--, welche als das Höhere lehrt, nur halbseitig tüchtig zu sein? Woher
die Hemiplegie der Tugend, die Erfindung des guten Menschen?....
Die Forderung geht dahin, daß der Mensch sich an jenen Instinkten
verschneide, mit denen er feind sein kann, schaden kann, zürnen
kann, Rache heischen kann.... Diese Unnatur entspricht dann jener
dualistischen Konzeption eines bloß guten und eines bloß bösen Wesens
(Gott, Geist, Mensch), in ersterem alle positiven, in letzterem alle
negativen Kräfte, Absichten, Zustände summierend. -- Eine solche
Wertungsweise glaubt sich damit „idealistisch“; sie zweifelt nicht
daran, eine höchste Wünschbarkeit in der Konzeption „des Guten“
angesetzt zu haben. Geht sie auf ihren Gipfel, so denkt sie sich einen
Zustand aus, wo alles Böse annulliert ist und wo in Wahrheit nur die
guten Wesen übrig geblieben sind. Sie hält es also nicht einmal für
ausgemacht, daß jener Gegensatz von Gut und Böse sich gegenseitig
bedinge; umgekehrt, letzteres soll verschwinden und ersteres soll übrig
bleiben, das eine hat ein Recht zu sein, das andere *sollte gar nicht
da sein*.... Was wünscht da eigentlich? -- --
Man hat sich zu allen Zeiten und sonderlich zu den christlichen
Zeiten viel Mühe gegeben, den Menschen auf diese *halbseitige*
Tüchtigkeit, auf den „Guten“ zu reduzieren: noch heute fehlt es nicht
an kirchlich Verbildeten und Geschwächten, denen diese Absicht mit der
„Vermenschlichung“ überhaupt oder mit dem „Willen Gottes“ oder mit dem
„Heil der Seele“ zusammenfällt. Hier wird als wesentliche Forderung
gestellt, daß der Mensch nichts Böses tue, daß er unter keinen
Umständen schade, schaden *wolle*. Als Weg dazu gilt: die Verschneidung
aller Möglichkeit zur Feindschaft, die Aushängung aller Instinkte des
Ressentiments, der „Frieden der Seele“ als chronisches Übel.
Diese Denkweise, mit der ein bestimmter Typus Mensch gezüchtet wird,
geht von einer absurden Voraussetzung aus: sie nimmt das Gute und das
Böse als Realitäten, die mit sich im Widerspruch sind (*nicht* als
komplementäre Wertbegriffe, was die Wahrheit wäre), sie rät, die Partei
des Guten zu nehmen, sie verlangt, daß der Gute dem Bösen bis in die
letzte Wurzel entsagt und widerstrebt, -- *sie verneint tatsächlich
damit das Leben*, welches in allen seinen Instinkten sowohl das Ja wie
das Nein hat. Nicht daß sie dies begriffe: sie träumt umgekehrt davon,
zur Ganzheit, zur Einheit, zur Stärke des Lebens zurückzukehren: sie
denkt es sich als Zustand der Erlösung, wenn endlich der eignen innern
Anarchie, der Unruhe zwischen jenen entgegengesetzten Wertantrieben
ein Ende gemacht wird. -- Vielleicht gab es bisher keine gefährlichere
Ideologie, keinen größeren Unfug ~in psychologicis~, als diesen Willen
zum Guten: man zog den widerlichsten Typus, den *unfreien* Menschen,
groß, den Mucker; man lehrte, eben nur als Mucker sei man auf dem
rechten Wege zur Gottheit, nur ein Muckerwandel sei ein göttlicher
Wandel.
Und selbst hier noch behält das Leben recht, -- das Leben, welches das
Ja nicht vom Nein zu trennen weiß -- : was hilft es, mit allen Kräften
den Krieg für böse zu halten, nicht schaden, nicht Nein tun zu wollen!
man führt doch Krieg! man kann gar nicht anders! Der gute Mensch, der
dem Bösen entsagt hat, behaftet, wie es ihm wünschbar scheint, mit
jener Hemiplegie der Tugend, hört durchaus nicht auf, Krieg zu führen,
Feinde zu haben, Nein zu sagen, Nein zu tun. Der Christ zum Beispiel
haßt die „Sünde“! -- und was ist ihm nicht alles „Sünde“! Gerade durch
jenen Glauben an einen Moralgegensatz von Gut und Böse ist ihm die
Welt vom Hassenswerten, vom Ewig-zu-Bekämpfenden übervoll geworden.
„Der Gute“ sieht sich wie umringt vom Bösen und unter dem beständigen
Ansturm des Bösen, er verfeinert sein Auge, er entdeckt unter all
seinem Dichten und Trachten noch das Böse: und so endet er, wie es
folgerichtig ist, damit, die Natur für böse, den Menschen für verderbt,
das Gutsein als Gnade (das heißt als menschenunmöglich) zu verstehen.
~In summa~: *er verneint das Leben*, er begreift, wie das Gute als
oberster Wert das Leben *verurteilt*.... Damit sollte seine Ideologie
von Gut und Böse ihm als widerlegt gelten. Aber eine Krankheit
widerlegt man nicht. Und so konzipiert er ein *anderes* Leben!....
147.
Die Handlung eines höheren Menschen ist unbeschreiblich *vielfach* in
ihrer Motivierung: mit irgendeinem solchen Wort wie „Mitleid“ ist *gar
nichts* gesagt. Das Wesentlichste ist das Gefühl „wer bin ich? wer ist
der andere im Verhältnis zu mir?“ -- Werturteile fortwährend tätig.
148.
1. Die prinzipielle *Fälschung der Geschichte*, damit sie den *Beweis*
für die moralische Wertung abgibt:
a) Niedergang eines Volkes und die Korruption;
b) Aufschwung eines Volkes und die Tugend;
c) Höhepunkt eines Volkes („seine Kultur“) als Folge der moralischen
Höhe.
2. Die prinzipielle Fälschung der *großen Menschen*, der *großen
Schaffenden*, der *großen Zeiten*:
man will, daß der *Glaube* das Auszeichnende der Großen ist: aber die
Unbedenklichkeit, die Skepsis, die „Unmoralität“, die Erlaubnis,
sich eines Glaubens entschlagen zu können, gehört zur Größe (Cäsar,
Friedrich der Große, Napoleon; aber auch Homer, Aristophanes, Lionardo,
Goethe). Man unterschlägt immer die Hauptsache, ihre „Freiheit des
Willens“ --
149.
-- „Die Krankheit macht den Menschen besser“: diese berühmte
Behauptung, der man durch alle Jahrhunderte begegnet, und zwar im Munde
der Weisen ebenso als im Mund und Maule des Volks, gibt zu denken.
Man möchte sich, auf ihre Gültigkeit hin, einmal erlauben zu fragen:
gibt es vielleicht ein ursächliches Band zwischen Moral und Krankheit
überhaupt? Die „Verbesserung des Menschen“, im großen betrachtet, zum
Beispiel die unleugbare Milderung, Vermenschlichung, Vergutmütigung
des Europäers innerhalb des letzten Jahrtausends -- ist sie vielleicht
die Folge eines langen, heimlich-unheimlichen Leidens und Mißratens,
Entbehrens, Verkümmerns? Hat „die Krankheit“ den Europäer „besser
gemacht“? Oder, anders gefragt: ist unsre Moralität -- unsre moderne
zärtliche Moralität in Europa, mit der man die Moralität des Chinesen
vergleichen möge, -- der Ausdruck eines physiologischen *Rückgangs*?...
Man möchte nämlich nicht ableugnen können, daß jede Stelle der
Geschichte, wo „der Mensch“ sich in besonderer Pracht und Mächtigkeit
des Typus gezeigt hat, sofort einen plötzlichen, gefährlichen,
eruptiven Charakter annimmt, bei dem die Menschlichkeit schlimm fährt;
und vielleicht hat es in jenen Fällen, wo es *anders scheinen will*,
eben nur an Mut oder Feinheit gefehlt, die Psychologie in die Tiefe
zu treiben und den allgemeinen Satz auch da noch herauszuziehen:
„je gesünder, je stärker, je reicher, fruchtbarer, unternehmender
ein Mensch sich fühlt, um so ‚unmoralischer‘ wird er auch.“ Ein
peinlicher Gedanke! dem man durchaus nicht nachhängen soll! Gesetzt
aber, man läuft mit ihm ein kleines, kurzes Augenblickchen vorwärts,
wie verwundert blickt man da in die Zukunft! Was würde sich dann auf
Erden teurer bezahlt machen als gerade das, was wir mit allen Kräften
fordern -- die Vermenschlichung, die „Verbesserung“, die wachsende
„Zivilisierung“ des Menschen? Nichts wäre kostspieliger als Tugend:
denn am Ende hätte man mit ihr die Erde als Hospital: und „Jeder
jedermanns Krankenpfleger“ wäre der Weisheit letzter Schluß. Freilich:
man hätte dann auch jenen vielbegehrten „Frieden auf Erden“! Aber
auch so wenig „Wohlgefallen aneinander“! So wenig Schönheit, Übermut,
Wagnis, Gefahr! So wenig „Werke“, um derentwillen es sich lohnte, auf
Erden zu leben! Ach! und ganz und gar keine „Taten“ mehr! Alle *großen*
Werke und Taten, welche stehengeblieben sind und von den Wellen der
Zeit nicht fortgespült wurden, -- waren sie nicht alle im tiefsten
Verstande große *Unmoralitäten*?....
150.
Egoismus! Aber noch niemand hat gefragt: *was* für ein ~ego~? Sondern
jeder setzt unwillkürlich das ~*ego*~ jedem ~*ego*~ gleich. Das sind
die Konsequenzen der Sklaventheorie vom ~*suffrage universel*~ und der
„Gleichheit“.
151.
*Ursprung der Moralwerte.* -- Der Egoismus ist so viel wert, als der
physiologisch wert ist, der ihn hat.
Jeder einzelne ist die ganze Linie der Entwicklung noch (und nicht
nur, wie ihn die Moral auffaßt, etwas, das mit der Geburt beginnt).
Stellt er das *Aufsteigen* der Linie Mensch dar, so ist sein Wert in
der Tat außerordentlich; und die Sorge um Erhaltung und Begünstigung
seines Wachstums darf extrem sein. (Es ist die Sorge um die in
ihm verheißene Zukunft, welche dem wohlgeratenen Einzelnen ein so
außerordentliches Recht auf Egoismus gibt.) Stellt er die *absteigende*
Linie dar, den Verfall, die chronische Erkrankung, so kommt ihm wenig
Wert zu: und die erste Billigkeit ist, daß er so wenig als möglich
Platz, Kraft und Sonnenschein den Wohlgeratenen wegnimmt. In diesem
Falle hat die Gesellschaft die *Niederhaltung des Egoismus* (--
der mitunter absurd, krankhaft, aufrührerisch sich äußert --) zur
Aufgabe: handle es sich nun um Einzelne oder um ganze verkommende,
verkümmernde Volksschichten. Eine Lehre und Religion der „Liebe“, der
*Niederhaltung* der Selbstbejahung, des Duldens, Tragens, Helfens, der
Gegenseitigkeit in Tat und Wort kann innerhalb solcher Schichten vom
höchsten Werte sein, selbst mit den Augen der Herrschenden gesehen:
denn sie hält die Gefühle der Rivalität, des Ressentiments, des Neides
nieder, die allzu natürlichen Gefühle der Schlechtweggekommenen, sie
vergöttlicht ihnen selbst unter dem Ideal der Demut und des Gehorsams
das Sklavesein, das Beherrschtwerden, das Armsein, das Kranksein, das
Untenstehen. Hieraus ergibt sich, warum die herrschenden Klassen (oder
Rassen) und Einzelnen jederzeit den Kultus der Selbstlosigkeit, das
Evangelium der Niedrigen, den „Gott am Kreuze“ aufrechterhalten haben.
Das Übergewicht einer altruistischen Wertungsweise ist die Folge eines
Instinktes für Mißratensein. Das Werturteil auf unterstem Grunde sagt
hier: „ich bin nicht viel wert“: ein bloß physiologisches Werturteil;
noch deutlicher: das Gefühl der Ohnmacht, der Mangel der großen,
bejahenden Gefühle der Macht (in Muskeln, Nerven, Bewegungszentren).
Dies Werturteil übersetzt sich, je nach der Kultur dieser Schichten, in
ein moralisches oder religiöses Urteil (-- die Vorherrschaft religiöser
oder moralischer Urteile ist immer ein Zeichen niedriger Kultur --): es
sucht sich zu begründen, aus Sphären, woher ihnen der Begriff „Wert“
überhaupt bekannt ist. Die Auslegung, mit der der christliche Sünder
sich zu verstehen glaubt, ist ein Versuch, den Mangel an Macht und
Selbstgewißheit *berechtigt* zu finden: er will lieber sich schuldig
finden, als umsonst sich schlecht fühlen: an sich ist es ein Symptom
von Verfall, Interpretationen dieser Art überhaupt zu brauchen. In
andern Fällen sucht der Schlechtweggekommene den Grund dafür nicht
in seiner „Schuld“ (wie der Christ), sondern in der Gesellschaft:
der Sozialist, der Anarchist, der Nihilist, -- indem sie ihr Dasein
als etwas empfinden, an dem jemand *schuld* sein soll, sind sie
damit immer noch die Nächstverwandten des Christen, der auch das
Sich-schlecht-Befinden und Mißraten besser zu ertragen glaubt, wenn er
jemanden gefunden hat, den er dafür *verantwortlich* machen kann. Der
Instinkt der Rache und des *Ressentiments* erscheint hier in beiden
Fällen als Mittel, es auszuhalten, als Instinkt der Selbsterhaltung:
ebenso wie die Bevorzugung der *altruistischen* Theorie und Praxis. Der
*Haß gegen den Egoismus*, sei es gegen den eignen (wie beim Christen),
sei es gegen den fremden (wie beim Sozialisten), ergibt sich dergestalt
als ein Werturteil unter der Vorherrschaft der Rache; andrerseits
als eine Klugheit der Selbsterhaltung Leidender durch Steigerung
ihrer Gegenseitigkeits- und Solidaritätsgefühle.... Zuletzt ist, wie
schon angedeutet, auch jene Entladung des Ressentiments im Richten,
Verwerfen, Bestrafen des Egoismus (des eignen oder eines fremden) noch
ein Instinkt der Selbsterhaltung bei Schlechtweggekommenen. ~In summa~:
der Kultus des Altruismus ist eine spezifische Form des Egoismus, die
unter bestimmten physiologischen Voraussetzungen regelmäßig auftritt.
Wenn der Sozialist mit einer schönen Entrüstung „Gerechtigkeit“,
„Recht“, „gleiche Rechte“ verlangt, so steht er nur unter dem Druck
seiner ungenügenden Kultur, welche nicht zu begreifen weiß, warum er
leidet: andrerseits macht er sich ein Vergnügen damit; -- befände er
sich besser, so würde er sich hüten, so zu schreien: er fände dann
anderswo sein Vergnügen. Dasselbe gilt vom Christen: die „Welt“ wird
von ihm verurteilt, verleumdet, verflucht, -- er nimmt sich selbst
nicht aus. Aber das ist kein Grund, sein Geschrei ernst zu nehmen. In
beiden Fällen sind wir immer noch unter Kranken, denen es *wohltut*, zu
schreien, denen die Verleumdung eine Erleichterung ist.
152.
Es gibt gar keinen Egoismus, der bei sich stehen bliebe und nicht
übergriffe, -- es gibt folglich jenen „erlaubten“, „moralisch
indifferenten“ Egoismus gar nicht, von dem ihr redet.
„Man fördert sein Ich stets auf Kosten des andern“; „Leben lebt immer
auf Unkosten andern Lebens“ -- wer das nicht begreift, hat bei sich
auch nicht den ersten Schritt zur Redlichkeit getan.
153.
Von der Verleumdung der sogenannten bösen Eigenschaften.
*Egoismus* und sein Problem! Die christliche Verdüsterung in
Larochefoucauld, welcher ihn überall herauszog und damit den Wert
der Dinge und Tugenden *vermindert* glaubte! Dem entgegen suchte
ich zunächst zu beweisen, daß es gar nichts anderes geben *könne*
als Egoismus, -- daß den Menschen, bei denen das ~ego~ schwach und
dünn wird, auch die Kraft der großen Liebe schwach wird, -- daß die
Liebendsten vor allem es aus Stärke ihres ~ego~ sind, -- daß Liebe
ein Ausdruck von Egoismus ist usw. Die falsche Wertschätzung zielt in
Wahrheit auf das Interesse 1. derer, denen genützt, geholfen wird, der
Herde; 2. enthält sie einen pessimistischen Argwohn gegen den Grund des
Lebens; 3. möchte sie die prachtvollsten und wohlgeratensten Menschen
verneinen; Furcht; 4. will sie den Unterliegenden zum Rechte verhelfen
gegen die Sieger; 5. bringt sie eine universale Unehrlichkeit mit sich,
und gerade bei den wertvollsten Menschen.
154.
Ich habe dem bleichsüchtigen Christenideale den Krieg erklärt
(samt dem, was ihm nahe verwandt ist), nicht in der Absicht, es zu
vernichten, sondern nur, um seiner *Tyrannei* ein Ende zu setzen und
den Platz freizubekommen für neue Ideale, für *robustere* Ideale... Die
*Fortdauer* des christlichen Ideals gehört zu den wünschenswertesten
Dingen, die es gibt: und schon um der Ideale willen, die neben ihm
und vielleicht über ihm sich geltend machen wollen, -- sie müssen
Gegner, starke Gegner haben, um *stark* zu werden. -- So brauchen wir
Immoralisten die *Macht* der *Moral*: unser Selbsterhaltungstrieb
will, daß unsre *Gegner* bei Kräften bleiben, -- er will nur *Herr über
sie* werden. --
155.
Man soll das Reich der Moralität Schritt für Schritt verkleinern und
eingrenzen: man soll die Namen für die eigentlichen hier arbeitenden
Instinkte ans Licht ziehen und zu Ehren bringen, nachdem sie die
längste Zeit unter heuchlerischen Tugendnamen versteckt wurden; man
soll aus Scham vor seiner immer gebieterischer redenden „Redlichkeit“
die Scham verlernen, welche die natürlichen Instinkte verleugnen und
weglügen möchte. Es ist ein Maß der Kraft, wie weit man sich der
Tugend entschlagen kann; und es wäre eine Höhe zu denken, wo der
Begriff „Tugend“ so unempfunden wäre, daß er wie ~virtù~ klänge,
Renaissancetugend, moralinfreie Tugend. Aber einstweilen -- wie fern
sind wir noch von diesem Ideale!
*Die Gebietsverkleinerung der Moral*: ein Zeichen ihres Fortschritts.
Überall, wo man noch nicht *kausal* zu denken vermocht hat, dachte man
*moralisch*.
156.
Vor allem, meine Herren Tugendhaften, habt ihr keinen Vorrang vor
uns: wir wollen euch die *Bescheidenheit* hübsch zu Gemüte führen: es
ist ein erbärmlicher Eigennutz und Klugheit, welche euch eure Tugend
anrät. Und hättet ihr mehr Kraft und Mut im Leibe, würdet ihr euch
nicht dergestalt zu tugendhafter Nullität herabdrücken. Ihr macht aus
euch, was ihr könnt: teils was ihr müßt -- wozu euch eure Umstände
zwingen --, teils was euch Vergnügen macht, teils was euch nützlich
scheint. Aber wenn ihr tut, was nur euren Neigungen gemäß ist oder was
eure Notwendigkeit von euch will oder was euch nützt, so sollt ihr
euch darin *weder loben dürfen, noch loben lassen*!.... Man ist eine
*gründlich kleine Art* Mensch, wenn man *nur* tugendhaft ist: darüber
soll nichts in die Irre führen! Menschen, die irgendworin in Betracht
kommen, waren noch niemals solche Tugendesel: ihr innerster Instinkt,
der ihres Quantums Macht, fand dabei nicht seine Rechnung: während
eure Minimalität an Macht nichts weiser erscheinen läßt als Tugend.
Aber ihr habt die *Zahl* für euch: und insofern ihr *tyrannisiert*,
wollen wir *euch* den Krieg machen....
157.
Ein *tugendhafter Mensch* ist schon deshalb eine niedrigere Spezies,
weil er keine „Person“ ist, sondern seinen Wert dadurch erhält, einem
Schema Mensch gemäß zu sein, das ein für allemal aufgestellt ist. Er
hat nicht seinen Wert ~a parte~: er kann verglichen werden, er hat
seinesgleichen, er *soll* nicht einzeln sein....
Rechnet die Eigenschaften des *guten* Menschen nach, weshalb tun sie
uns wohl? Weil wir keinen Krieg nötig haben, weil er kein Mißtrauen,
keine Vorsicht, keine Sammlung und Strenge uns auferlegt: unsre
Faulheit, Gutmütigkeit, Leichtsinnigkeit macht sich einen *guten Tag*.
Dieses unser *Wohlgefühl ist es, das wir aus uns hinausprojizieren* und
dem guten Menschen als *Eigenschaft*, als *Wert* zurechnen.
158.
*Zur Kritik des guten Menschen.* -- Rechtschaffenheit, Würde,
Pflichtgefühl, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Geradheit,
gutes Gewissen, -- sind wirklich mit diesen wohlklingenden Worten
Eigenschaften um ihrer selbst willen bejaht oder gutgeheißen? oder sind
hier an sich wertindifferente Eigenschaften und Zustände nur unter
irgendwelchen Gesichtspunkt gerückt, wo sie Wert bekommen? Liegt der
Wert dieser Eigenschaften in ihnen oder in dem Nutzen, Vorteil, der aus
ihnen folgt (zu folgen scheint, zu folgen erwartet wird)?
Ich meine hier natürlich nicht einen Gegensatz von ~ego~ und ~alter~
in der Beurteilung: die Frage ist, ob die *Folgen* es sind, sei es für
den Träger dieser Eigenschaften, sei es für die Umgebung, Gesellschaft,
„Menschheit“, derentwegen diese Eigenschaften Wert haben sollen: oder
ob sie an sich selbst Wert haben....
Anders gefragt: ist es die *Nützlichkeit*, welche die entgegengesetzten
Eigenschaften verurteilen, bekämpfen, verneinen heißt (--
Unzuverlässigkeit, Falschheit, Verschrobenheit, Selbstungewißheit:
Unmenschlichkeit --)? Ist das Wesen solcher Eigenschaften oder nur
die Konsequenz solcher Eigenschaften verurteilt? -- Anders gefragt:
wäre es *wünschbar*, daß Menschen dieser zweiten Eigenschaften nicht
existieren? -- Das wird *jedenfalls geglaubt*.... Aber hier steckt der
Irrtum, die Kurzsichtigkeit, die Borniertheit des *Winkelegoismus*.
Anders ausgedrückt: wäre es wünschbar, Zustände zu schaffen, in denen
der ganze Vorteil auf Seiten der Rechtschaffenen ist, -- so daß die
entgegengesetzten Naturen und Instinkte entmutigt würden und langsam
ausstürben?
Dies ist im Grunde eine Frage des Geschmacks und der *Ästhetik*:
wäre es wünschbar, daß die „achtbarste“, das heißt langweiligste
Spezies Mensch übrig bliebe? die Rechtwinkligen, die Tugendhaften, die
Biedermänner, die Braven, die Geraden, die „Hornochsen“?
Denkt man sich die ungeheure Überfülle der „anderen“ weg: so hat
sogar der Rechtschaffene nicht einmal mehr ein Recht auf Existenz:
er ist nicht mehr nötig, -- und hier begreift man, daß nur die grobe
Nützlichkeit eine solche *unausstehliche Tugend* zu Ehren gebracht hat.
Die Wünschbarkeit liegt vielleicht gerade auf der umgekehrten Seite:
Zustände schaffen, bei denen der „rechtschaffene Mensch“ in die
bescheidene Stellung eines „nützlichen Werkzeugs“ herabgedrückt wird --
als das „ideale Herdentier“, bestenfalls Herdenhirt: kurz, bei denen
er nicht mehr in die obere Ordnung zu stehen kommt: welche *andere
Eigenschaften* verlangt.
159.
*Das Patronat der Tugend.* -- Habsucht, Herrschsucht, Faulheit,
Einfalt, Furcht: alle haben ein Interesse an der Sache der Tugend:
darum steht sie so fest.
160.
Man soll die *Tugend* gegen die Tugendprediger verteidigen: das
sind ihre schlimmsten Feinde. Denn sie lehren die Tugend als ein
Ideal *für alle*; sie nehmen der Tugend ihren Reiz des Seltenen, des
Unnachahmlichen, des Ausnahmsweisen und Undurchschnittlichen, --
ihren *aristokratischen Zauber*. Man soll insgleichen Front machen
gegen die verstockten Idealisten, welche eifrig an alle Töpfe klopfen
und ihre Genugtuung haben, wenn es hohl klingt: welche Naivität,
Großes und Seltenes zu *fordern* und seine Abwesenheit mit Ingrimm
und Menschenverachtung festzustellen! -- Es liegt zum Beispiel
auf der Hand, daß eine *Ehe* so viel wert ist als die, welche sie
schließen, das heißt, daß sie im großen ganzen etwas Erbärmliches und
Unschickliches sein wird: kein Pfarrer, kein Bürgermeister kann etwas
anderes daraus machen.
Die *Tugend* hat alle Instinkte des Durchschnittsmenschen gegen sich:
sie ist unvorteilhaft, unklug, sie isoliert; sie ist der Leidenschaft
verwandt und der Vernunft schlecht zugänglich; sie verdirbt den
Charakter, den Kopf, den Sinn, -- -- immer gemessen mit dem Maß des
Mittelguts von Mensch; sie setzt in Feindschaft gegen die Ordnung,
gegen die *Lüge*, welche in jeder Ordnung, Institution, Wirklichkeit
versteckt liegt, -- sie ist das *schlimmste Laster*, gesetzt, daß man
sie nach der Schädlichkeit ihrer Wirkung auf die *andern* beurteilt.
-- Ich erkenne die Tugend daran, daß sie 1. nicht verlangt, erkannt zu
werden, 2. daß sie nicht Tugend überall voraussetzt, sondern gerade
etwas anderes, 3. daß sie an der Abwesenheit der Tugend *nicht leidet*,
sondern umgekehrt dies als ein Distanzverhältnis betrachtet, auf Grund
dessen etwas an der Tugend zu ehren ist; sie teilt sich nicht mit,
4. daß sie nicht Propaganda macht.... 5. daß sie niemand erlaubt,
den Richter zu machen, weil sie immer eine Tugend *für sich* ist,
6. daß sie gerade alles das tut, was sonst *verboten* ist: Tugend,
wie ich sie verstehe, ist das eigentliche ~vetitum~ innerhalb aller
Herdenlegislatur, 7. kurz, daß sie Tugend im Renaissancestil ist,
~virtù~, moralinfreie Tugend..
161.