Dieser Traktat handelt, wie gesagt, von der Politik der Tugend: er

setzt ein Ideal dieser Politik an, er beschreibt sie so, wie sie sein

müßte, wenn etwas auf dieser Erde vollkommen sein könnte. Nun wird kein

Philosoph darüber in Zweifel sein, was der Typus der Vollkommenheit

in der Politik ist; nämlich der Macchiavellismus. Aber der

Macchiavellismus, ~pur, sans mélange, cru, vert, dans toute sa force,

dans toute son âpreté~ ist übermenschlich, göttlich, transzendent, er

wird von Menschen nie erreicht, höchstens gestreift. Auch in dieser

engeren Art von Politik, in der Politik der Tugend, scheint das Ideal

nie erreicht worden zu sein. Auch Plato hat es nur gestreift. Man

entdeckt, gesetzt, daß man Augen für versteckte Dinge hat, selbst noch

an den unbefangensten und bewußtesten *Moralisten* (und das ist ja

der Name für solche Politiker der Moral, für jede Art Begründer neuer

Moralgewalten) Spuren davon, daß auch sie der menschlichen Schwäche

ihren Tribut gezollt haben. *Sie alle aspirierten*, zum mindesten in

ihrer Ermüdung, auch für sich selbst *zur Tugend*: erster und kapitaler

Fehler eines Moralisten, -- als welcher *Immoralist der Tat* zu sein

hat. Daß er gerade das *nicht scheinen darf*, ist eine andere Sache.

Oder vielmehr, es ist *nicht* eine andere Sache: es gehört eine solche

grundsätzliche Selbstverleugnung (moralisch ausgedrückt, Verstellung)

mit hinein in den Kanon des Moralisten und seiner eigensten

Pflichtenlehre: ohne sie wird er niemals zu *seiner* Art Vollkommenheit

gelangen. Freiheit von der Moral, *auch von der Wahrheit*, um jenes

Zieles willen, das jedes Opfer aufwiegt: um der *Herrschaft der Moral*

willen, -- so lautet jener Kanon. Die Moralisten haben die *Attitüde

der Tugend* nötig, auch die Attitüde der Wahrheit; ihr Fehler beginnt

erst, wo sie der Tugend *nachgeben*, wo sie die Herrschaft über die

Tugend verlieren, wo sie selbst *moralisch* werden, *wahr* werden.

Ein großer Moralist ist unter anderem notwendig auch ein großer

Schauspieler; seine Gefahr ist, daß seine Verstellung unversehens

Natur wird, wie es sein Ideal ist, sein ~esse~ und sein ~operari~ auf

eine göttliche Weise auseinander zu halten; alles, was er tut, muß er

~sub specie boni~ tun, -- ein hohes, fernes, anspruchsvolles Ideal!

Ein *göttliches* Ideal! Und in der Tat geht die Rede, daß der Moralist

damit kein geringeres Vorbild nachahmt als Gott selbst: Gott, diesen

größten Immoralisten der Tat, den es gibt, der aber nichtsdestoweniger

zu bleiben versteht, was er ist, der *gute Gott*....

125.

Mit der Tugend selbst gründet man nicht die Herrschaft der Tugend; mit

der Tugend selbst verzichtet man auf Macht, verliert den Willen zur

Macht.

126.

*Mit welchen Mitteln eine Tugend zur Macht kommt?* -- Genau mit

den Mitteln einer politischen Partei: Verleumdung, Verdächtigung,

Unterminierung der entgegenstrebenden Tugenden, die schon in der Macht

sind, Umtaufung ihres Namens, systematische Verfolgung und Verhöhnung.

Also: *durch lauter „Immoralitäten“*.

Was eine *Begierde* mit sich selber macht, um zur *Tugend* zu werden?

-- Die Umtaufung; die prinzipielle Verleugnung ihrer Absichten; die

Übung im Sich-Mißverstehen; die Allianz mit bestehenden und anerkannten

Tugenden; die affichierte Feindschaft gegen deren Gegner. Womöglich

den Schutz heiligender Mächte erkaufen; berauschen, begeistern; die

Tartüfferie des Idealismus; eine Partei gewinnen, die *entweder*

mit ihr obenauf kommt *oder* zugrunde geht...., *unbewußt*, *naiv*

werden....

127.

*Die Moral in der Wertung von Rassen und Ständen.* -- In Anbetracht,

daß *Affekte* und *Grundtriebe* bei jeder Rasse und bei jedem Stande

etwas von ihren Existenzbedingungen ausdrücken (-- zum mindesten von

den Bedingungen, unter denen sie die längste Zeit sich durchgesetzt

haben), heißt verlangen, daß sie „tugendhaft“ sind:

daß sie ihren Charakter wechseln, aus der Haut fahren und ihre

Vergangenheit auswischen:

heißt, daß sie aufhören sollen, sich zu unterscheiden:

heißt, daß sie in Bedürfnissen und Ansprüchen sich anähnlichen sollen,

-- deutlicher, *daß sie zugrunde gehen*...

Der Wille zu *einer* Moral erweist sich somit als die *Tyrannei* jener

Art, der diese eine Moral auf den Leib geschnitten ist, über andere

Arten: es ist die Vernichtung oder die Uniformierung zugunsten der

herrschenden (sei es, um ihr nicht mehr furchtbar zu sein, sei es, um

von ihr ausgenutzt zu werden). „Aufhebung der Sklaverei“ -- angeblich

ein Tribut an die „Menschenwürde“, in Wahrheit eine *Vernichtung* einer

grundverschiedenen Spezies (-- Untergrabung ihrer Werte und ihres

Glücks --).

Worin eine *gegnerische* Rasse oder ein gegnerischer Stand seine

Stärke hat, das wird ihm als sein *Bösestes*, Schlimmstes ausgelegt:

denn damit schadet er uns (-- seine „Tugenden“ werden verleumdet und

umgetauft).

Es gilt als *Einwand* gegen Mensch und Volk, wenn er *uns schadet*:

aber von seinem Gesichtspunkt aus sind *wir* ihm erwünscht, weil wir

solche sind, von denen man Nutzen haben kann.

Die Forderung der „Vermenschlichung“ (welche ganz naiv sich im Besitz

der Formel „was ist menschlich?“ glaubt) ist eine Tartüfferie, unter

der sich eine ganz bestimmte Art Mensch zur Herrschaft zu bringen

sucht: genauer, ein ganz bestimmter Instinkt, der *Herdeninstinkt*. --

„Gleichheit der Menschen“: was sich *verbirgt* unter der Tendenz, immer

mehr Menschen als Menschen *gleich zu setzen*.

*Die „Interessiertheit“ in Hinsicht auf die gemeine Moral.*

(Kunstgriff: die großen Begierden Herrschsucht und Habsucht zu

Protektoren der Tugend zu machen).

Inwiefern alle Art *Geschäftsmänner* und Habsüchtige, alles, was

Kredit geben und in Anspruch nehmen muß, es *nötig* hat, auf gleichen

Charakter und gleichen Wertbegriff zu dringen: der *Welthandel* und

*-austausch* jeder Art erzwingt und *kauft* sich gleichsam die Tugend.

Insgleichen der *Staat* und jede Art Herrschaft in Hinsicht auf Beamte

und Soldaten; insgleichen die Wissenschaft, um mit Vertrauen und

Sparsamkeit der Kräfte zu arbeiten. -- Insgleichen die *Priesterschaft*.

-- Hier wird also die gemeine Moral erzwungen, weil mit ihr ein Vorteil

errungen wird; und um sie zum Sieg zu bringen, wird Krieg und Gewalt

geübt gegen die Unmoralität -- nach welchem „Rechte“? Nach gar keinem

Rechte: sondern gemäß dem Selbsterhaltungsinstinkt. Dieselben Klassen

bedienen sich der *Immoralität*, wo sie ihnen nützt.

2. Die moralischen Ideale.

128.

Zur Kritik der Ideale.

Diese so beginnen, daß man das Wort „*Ideal*“ abschafft: Kritik der

*Wünschbarkeiten*.

129.

Ein Mensch, wie er sein *soll*: das klingt uns so abgeschmackt wie:

„ein Baum, wie er sein soll“.

130.

Ethik: oder „Philosophie der Wünschbarkeit“. -- „Es *sollte* anders

sein“, „es *soll* anders werden“: die Unzufriedenheit wäre also der

Keim der Ethik.

Man könnte sich retten, erstens, indem man auswählt, wo man *nicht* das

Gefühl hat: zweitens indem man die Anmaßung und Albernheit begreift:

denn verlangen, daß *etwas* anders ist, als es ist, heißt: verlangen,

daß *alles* anders ist, -- es enthält eine verwerfende Kritik des

Ganzen. *Aber Leben ist selbst ein solches Verlangen!*

Feststellen, was ist, wie es ist, scheint etwas unsäglich Höheres,

Ernsteres als jedes „So sollte es sein“, weil letzteres als menschliche

Kritik und Anmaßung von vornherein zur Lächerlichkeit verurteilt

erscheint. Es drückt sich darin ein Bedürfnis aus, welches verlangt,

daß unserem menschlichen Wohlbefinden die Einrichtung der Welt

entspricht; auch der Wille, so viel als möglich auf diese Aufgabe hin

zu tun.

Andrerseits hat nur dieses Verlangen „so sollte es sein“ jenes andre

Verlangen, was ist, hervorgerufen. Das Wissen nämlich darum, was ist,

ist bereits eine Konsequenz jenes Fragens „wie? ist es möglich? warum

gerade so?“ Die Verwunderung über die Nichtübereinstimmung unsrer

Wünsche und des Weltlaufs hat dahin geführt, den Weltlauf kennen zu

lernen. Vielleicht steht es noch anders: vielleicht ist jenes „so

sollte es sein“ unser Weltüberwältigungswunsch, -- --

131.

Der Begriff „verwerfliche Handlung“ macht uns Schwierigkeit. Nichts

von alledem, was überhaupt geschieht, kann an sich verwerflich sein:

*denn man dürfte es nicht weghaben wollen*: denn jegliches ist so

mit allem verbunden, daß irgend etwas ausschließen wollen alles

ausschließen heißt. Eine verwerfliche Handlung heißt: eine verworfene

Welt überhaupt....

Und selbst dann noch: in einer verworfenen Welt würde auch noch das

Verwerfen verwerflich sein.... Und die Konsequenz einer Denkweise,

welche alles verwirft, wäre eine Praxis, die alles bejaht.... Wenn

das Werden ein großer Ring ist, so ist jegliches gleich wert, ewig,

notwendig. -- In allen Korrelationen von Ja und Nein, von Vorziehen

und Abweisen, Lieben und Hassen drückt sich nur eine Perspektive, ein

Interesse bestimmter Typen des Lebens aus: an sich redet alles, was

ist, das Ja.

132.

Die Moral ist gerade so „unmoralisch“ wie jedwedes andre Ding auf

Erden; die Moralität selbst ist eine Form der Unmoralität.

Große *Befreiung*, welche diese Einsicht bringt. Der Gegensatz ist aus

den Dingen entfernt, die Einartigkeit in allem Geschehen ist *gerettet*

-- --

133.

Heute, wo uns jedes „so und so *soll* der Mensch sein“ eine kleine

Ironie in den Mund legt, wo wir durchaus daran festhalten, daß man,

trotz allem, nur das *wird*, was man *ist* (trotz allem: will sagen

Erziehung, Unterricht, Milieu, Zufälle und Unfälle), haben wir in

Dingen der Moral auf eine kuriose Weise das Verhältnis von Ursache

und Folge *umdrehen* gelernt, -- nichts unterscheidet uns vielleicht

gründlicher von den alten Moralgläubigen. Wir sagen zum Beispiel

nicht mehr, „das Laster ist die *Ursache* davon, daß ein Mensch

auch physiologisch zugrunde geht“; wir sagen ebensowenig „durch die

Tugend gedeiht ein Mensch, sie bringt langes Leben und Glück“. Unsre

Meinung ist vielmehr, daß Laster und Tugend keine Ursachen, sondern

nur *Folgen* sind. Man wird ein anständiger Mensch, weil man ein

anständiger Mensch *ist*, das heißt, weil man als Kapitalist guter

Instinkte und gedeihlicher Verhältnisse geboren ist.... Kommt man

arm zur Welt, von Eltern her, welche in allem nur verschwendet und

nichts gesammelt haben, so ist man „unverbesserlich“, will sagen

reif für Zuchthaus und Irrenhaus.... Wir wissen heute die moralische

Degenereszenz nicht mehr abgetrennt von der physiologischen zu

denken: sie ist ein bloßer Symptomenkomplex der letzteren; man ist

notwendig schlecht, wie man notwendig krank ist.... Schlecht: das

Wort drückt hier gewisse *Unvermögen* aus, die physiologisch mit dem

Typus der Degenereszenz verbunden sind: zum Beispiel die Schwäche

des Willens, die Unsicherheit und selbst Mehrheit der „Person“, die

Ohnmacht, auf irgendeinen Reiz hin die Reaktion auszusetzen und sich zu

„beherrschen“, die Unfreiheit vor jeder Art Suggestion eines fremden

Willens. Laster ist keine Ursache; Laster ist eine *Folge*.... Laster

ist eine ziemlich willkürliche Begriffsabgrenzung, um gewisse Folgen

der physiologischen Entartung zusammenzufassen. Ein allgemeiner Satz,

wie ihn das Christentum lehrte, „der Mensch ist schlecht“, würde

berechtigt sein, wenn es berechtigt wäre, den Typus des Degenerierten

als Normaltypus des Menschen zu nehmen. Aber das ist vielleicht eine

Übertreibung. Gewiß hat der Satz überall dort ein Recht, wo gerade das

Christentum gedeiht und obenauf ist: denn damit ist ein morbider Boden

bewiesen, ein Gebiet für Degenereszenz.

134.

Man kann nicht genug Achtung vor dem Menschen haben, sobald man

ihn daraufhin ansieht, wie er sich durchzuschlagen, auszuhalten,

die Umstände sich zunutze zu machen, Widersacher niederzuwerfen

versteht; sieht man dagegen auf den Menschen, sofern er *wünscht*,

ist er die absurdeste Bestie.... Es ist gleichsam, als ob er einen

Tummelplatz der Feigheit, Faulheit, Schwächlichkeit, Süßlichkeit,

Untertänigkeit zur Erholung für seine starken und männlichen Tugenden

brauchte: siehe die menschlichen *Wünschbarkeiten*, seine „Ideale“.

Der *wünschende* Mensch erholt sich von dem Ewig-Wertvollen an ihm,

von seinem Tun: im Nichtigen, Absurden, Wertlosen, Kindischen. Die

geistige Armut und Erfindungslosigkeit ist bei diesem so erfinderischen

und auskunftsreichen Tier erschrecklich. Das „Ideal“ ist gleichsam

die Buße, die der Mensch zahlt, für den ungeheuren Aufwand, den er

in allen wirklichen und dringlichen Aufgaben zu bestreiten hat. Hört

die Realität auf, so kommt der Traum, die Ermüdung, die Schwäche:

„das Ideal“ ist geradezu eine Form von Traum, Ermüdung, Schwäche....

Die stärksten und die ohnmächtigsten Naturen werden sich gleich, wenn

dieser Zustand über sie kommt: *sie vergöttlichen* das *Aufhören* der

Arbeit, des Kampfes, der Leidenschaften, der Spannung, der Gegensätze,

der „*Realität*“ ~in summa~.... des Ringens um Erkenntnis, der *Mühe*

der Erkenntnis.

„Unschuld“: so heißen sie den Idealzustand der Verdummung; „Seligkeit“:

den Idealzustand der Faulheit; „Liebe“: den Idealzustand des

Herdentieres, das keinen Feind mehr haben will. Damit hat man alles,

was den Menschen erniedrigt und herunterbringt, ins *Ideal* erhoben.

135.

Die Begierde *vergrößert* das, was man haben will; sie wächst selbst

durch Nichterfüllung, -- die *größten Ideen* sind die, welche die

heftigste und längste Begierde geschaffen hat. Wir legen den Dingen

*immer mehr Wert bei*, je mehr unsre Begierde nach ihnen wächst:

wenn die „moralischen Werte“ die *höchsten Werte* geworden sind, so

verrät dies, daß das moralische Ideal das *unerfüllteste* gewesen ist

(-- insofern es *galt* als *Jenseits alles Leids*, als Mittel der

*Seligkeit*). Die Menschheit hat mit immer wachsender Brunst nur

*Wolken* umarmt: sie hat endlich ihre Verzweiflung, ihr Unvermögen

„Gott“ genannt....

136.

Was ist die *Falschmünzerei an der Moral*? -- Sie gibt vor, etwas zu

*wissen*, nämlich was „gut und böse“ sei. Das heißt wissen wollen, wozu

der Mensch da ist, sein Ziel, seine Bestimmung zu kennen. Das heißt

wissen wollen, daß der Mensch ein Ziel, eine Bestimmung *habe* --

137.

Daß die Menschheit eine Gesamtaufgabe zu lösen habe, daß sie als

Ganzes irgend einem Ziel entgegenlaufe, diese sehr unklare und

willkürliche Vorstellung ist noch sehr jung. Vielleicht wird man sie

wieder los, bevor sie eine „fixe Idee“ wird.... Sie ist kein Ganzes,

diese Menschheit: sie ist eine unlösbare Vielheit von aufsteigenden

und niedersteigenden Lebensprozessen, -- sie hat nicht eine Jugend

und darauf eine *Reife* und endlich ein Alter. Nämlich die Schichten

liegen durcheinander und übereinander -- und in einigen Jahrtausenden

kann es immer noch jüngere Typen Mensch geben, als wir sie heute

nachweisen können. Die ~décadence~ andererseits gehört zu allen

Epochen der Menschheit: überall gibt es Auswurf- und Verfallstoffe,

es ist ein Lebensprozeß selbst, das Ausscheiden der Niedergangs- und

Abfallsgebilde.

Unter der Gewalt des christlichen Vorurteils *gab es diese Frage gar

nicht*: der Sinn lag in der Errettung der einzelnen Seele; das Mehr

oder Weniger in der Dauer der Menschheit kam nicht in Betracht. Die

besten Christen wünschten, daß es möglichst bald ein Ende habe; -- über

das, was dem einzelnen nottue, *gab es keinen Zweifel*.... Die Aufgabe

stellte sich jetzt für jeden einzelnen, wie in irgend welcher Zukunft

für einen Zukünftigen: der Wert, Sinn, Umkreis der Werte war fest,

unbedingt, ewig, eins mit Gott.... Das, was von diesem ewigen Typus

abwich, war sündlich, teuflisch, verurteilt....

Das Schwergewicht des Wertes lag für jede Seele in sich selber: Heil

oder Verdammnis! Das Heil der *ewigen* Seele! Extremste Form der

*Verselbstung*.... Für jede Seele gab es nur Eine Vervollkommnung;

nur Ein Ideal; nur Einen Weg zur Erlösung.... Extremste Form der

*Gleichberechtigung*, angeknüpft an eine optische Vergrößerung der

eigenen Wichtigkeit bis ins Unsinnige.... Lauter unsinnig wichtige

Seelen, mit entsetzlicher Angst um sich selbst gedreht....

Nun glaubt kein Mensch mehr an diese absurde Wichtigtuerei: und wir

haben unsere Weisheit durch ein Sieb der Verachtung geseiht. Trotzdem

bleibt unerschüttert die *optische Gewöhnung*, einen Wert des Menschen

in der Annäherung an einen *idealen Menschen* zu suchen: man hält im

Grunde sowohl die Verselbstungsperspektive als die *Gleichberechtigung

vor dem Ideal* aufrecht. ~In summa~: *man glaubt zu wissen*, was, in

Hinsicht auf den idealen Menschen, die *letzte Wünschbarkeit* ist....

Dieser Glaube ist aber nur die Folge einer ungeheuren *Verwöhnung*

durch das christliche Ideal: als welches man, bei jeder vorsichtigen

Prüfung des „idealen Typus“, sofort wieder herauszieht. Man glaubt,

*erstens*, zu wissen, daß die Annäherung an einen Typus wünschbar

ist; *zweitens*, zu wissen, welche Art dieser Typus ist; *drittens*,

daß jede Abweichung von diesem Typus ein Rückgang, eine Hemmung, ein

Kraft- und Machtverlust des Menschen ist.... Zustände träumen, wo

dieser *vollkommene Mensch* die ungeheure Zahlenmajorität für sich hat:

höher haben es auch unsre Sozialisten, selbst die Herren Utilitarier

nicht gebracht. -- Damit scheint ein *Ziel* in die *Entwicklung*

der Menschheit zu kommen: jedenfalls ist der Glaube an einen

*Fortschritt zum Ideal* die einzige Form, in der eine Art *Ziel* in

der Menschheitsgeschichte heute gedacht wird. ~In summa~: man hat die

Ankunft des „*Reiches Gottes*“ in die Zukunft verlegt, auf die Erde,

ins Menschliche, -- aber man hat im Grunde den Glauben an das *alte*

Ideal festgehalten....

138.

*Die Herkunft des Ideals.* Untersuchung des Bodens, auf dem es wächst.

A. Von den ästhetischen Zuständen ausgehen, wo die Welt voller,

runder, *vollkommener gesehen* wird -- : das *heidnische* Ideal: darin

die Selbstbejahung vorherrschend (*man gibt ab* --). Der höchste Typus:

das *klassische* Ideal -- als Ausdruck eines Wohlgeratenseins *aller*

Hauptinstinkte. Darin wieder der höchste Stil: *der große Stil*.

Ausdruck des „Willens zur Macht“ selbst. Der am meisten gefürchtete

Instinkt *wagt sich zu bekennen*.

B. Von Zuständen ausgehen, wo die Welt leerer, blässer, verdünnter

*gesehen* wird, wo die „Vergeistigung“ und Unsinnlichkeit den Rang des

Vollkommnen einnimmt, wo am meisten das Brutale, Tierisch-Direkte,

Nächste vermieden wird (-- *man rechnet ab, man wählt* --): der

„Weise“, „der Engel“, priesterlich = jungfräulich = unwissend,

physiologische Charakteristik solcher Idealisten -- : das *anämische*

Ideal. Unter Umständen kann es das Ideal solcher Naturen sein, welche

das erste, das heidnische *darstellen* (: so sieht Goethe in Spinoza

seinen „Heiligen“).

C. Von Zuständen ausgehen, wo wir die Welt absurder, schlechter,

ärmer, täuschender empfinden, als daß wir in ihr noch das Ideal

vermuten oder wünschen (-- *man negiert, man vernichtet* --): die

Projektion des Ideals in das Widernatürliche, Widertatsächliche,

Widerlogische; der Zustand dessen, der so urteilt (-- die „Verarmung“

der Welt als Folge des Leidens: *man nimmt, man gibt nicht mehr* --):

das *widernatürliche Ideal*.

(Das *christliche Ideal* ist ein *Zwischengebilde* zwischen dem zweiten

und dritten, bald mit dieser, bald mit jener Gestalt überwiegend.)

*Die drei Ideale*: A. Entweder eine *Verstärkung* des Lebens (--

*heidnisch*), oder B. eine *Verdünnung* des Lebens (-- *anämisch*),

oder C. eine *Verleugnung* des Lebens (-- *widernatürlich*). Die

„Vergöttlichung“ gefühlt: in der höchsten Fülle, -- in der zartesten

Auswahl, -- in der Zerstörung und Verachtung des Lebens.

139.

Der Affekt, die große Begierde, die Leidenschaften der Macht,

der Liebe, der Rache, des Besitzes -- : die Moralisten wollen sie

auslöschen, herausreißen, die Seele von ihnen „reinigen“.

Die Logik ist: die Begierden richten oft großes Unheil an, -- folglich

sind sie böse, verwerflich. Der Mensch muß los von ihnen kommen: eher

kann er nicht ein *guter* Mensch sein....

Das ist dieselbe Logik wie: „ärgert dich ein Glied, so reiße es aus“.

In dem besonderen Fall, wie es jene gefährliche „Unschuld vom Lande“,

der Stifter des Christentums, seinen Jüngern zur Praxis empfahl, im

Fall der geschlechtlichen Irritabilität, folgt leider dies nicht nur,

daß ein Glied fehlt, sondern daß der Charakter des Menschen *entmannt*

ist.... Und das Gleiche gilt von dem Moralistenwahnsinn, welcher, statt

der Bändigung, die Exstirpation der Leidenschaften verlangt. Ihr Schluß

ist immer: erst der entmannte Mensch ist der gute Mensch.

Die großen Kraftquellen, jene oft so gefährlich und überwältigend

hervorströmenden Wildwasser der Seele, statt ihre Macht in Dienst

zu nehmen und zu *ökonomisieren*, will diese kurzsichtigste und

verderblichste Denkweise, die Moraldenkweise, *versiegen* machen.

140.

Die *Intoleranz der Moral* ist ein Ausdruck von der Schwäche des

Menschen: er fürchtet sich vor seiner „Unmoralität“, er muß seine

stärksten Triebe *verneinen*, weil er sie noch nicht zu benutzen weiß.

So liegen die fruchtbarsten Striche der Erde am längsten unbebaut: --

die Kraft fehlt, die hier Herr werden könnte....

141.

*Überwindung der Affekte?* -- Nein, wenn es Schwäche und Vernichtung

derselben bedeuten soll. *Sondern in Dienst nehmen*: wozu gehören

mag, sie lange zu tyrannisieren (nicht erst als einzelne, sondern als

Gemeinde, Rasse usw.). Endlich gibt man ihnen eine vertrauensvolle

Freiheit wieder: sie lieben uns wie gute Diener und gehen freiwillig

dorthin, wo unser Bestes hin will.

142.

Die ganze Auffassung vom Range der *Leidenschaften*: wie als

ob das Rechte und Normale sei, von der *Vernunft* geleitet zu

werden, -- während die Leidenschaften das Unnormale, Gefährliche,

Halbtierische seien, überdies, ihrem Ziele nach, nichts anderes als

*Lustbegierden*....

Die Leidenschaft ist entwürdigt 1. wie als ob sie nur

*un*geziemenderweise und nicht notwendig und immer das ~mobile~ sei, 2.

insofern sie etwas in Aussicht nimmt, was keinen hohen Wert hat, ein

Vergnügen....

Die Verkennung von Leidenschaft und *Vernunft*, wie als ob letztere

ein Wesen für sich sei und nicht vielmehr ein Verhältniszustand

verschiedener Leidenschaften und Begehrungen; und als ob nicht jede

Leidenschaft ihr Quantum Vernunft in sich hätte....

143.

Es gibt ganz naive Völker und Menschen, welche glauben, ein beständig

gutes Wetter sei etwas Wünschbares: sie glauben noch heute in ~rebus

moralibus~, der „gute Mensch“ allein und nichts als der „gute Mensch“

sei etwas Wünschbares -- und eben dahin gehe der Gang der menschlichen

Entwicklung, daß nur *er* übrig bleibe (und allein dahin *müsse* man

alle Absicht richten --). Das ist im höchsten Grade *unökonomisch*

gedacht und, wie gesagt, der Gipfel des Naiven, nichts als Ausdruck

der *Annehmlichkeit*, die der „gute Mensch“ macht (-- er erweckt keine

Furcht, er erlaubt die Ausspannung, er gibt, was man nehmen kann).

Mit einem überlegenen Auge wünscht man gerade umgekehrt die immer

größere *Herrschaft des Bösen*, die wachsende Freiwerdung des Menschen

von der engen und ängstlichen Moraleinschnürung, das Wachstum der

Kraft, um die größten Naturgewalten -- die Affekte -- in Dienst nehmen

zu können.

144.

Wie unter dem Druck der asketischen *Entselbstungsmoral* gerade die

Affekte der Liebe, der Güte, des Mitleids, selbst der Gerechtigkeit,

der Großmut, des Heroismus *mißverstanden* werden mußten:

Es ist der *Reichtum an Person*, die Fülle in sich, das Überströmen

und Abgeben, das instinktive Wohlsein und Jasagen zu sich, was die

großen Opfer und die große Liebe macht: es ist die starke und göttliche

Selbstigkeit, aus der diese Affekte wachsen, so gewiß wie auch das

Herrwerdenwollen, Übergreifen, die innere Sicherheit, ein Recht auf

alles zu haben. Die nach gemeiner Auffassung *entgegengesetzten*

Gesinnungen sind vielmehr *eine* Gesinnung; und wenn man nicht fest

und wacker in seiner Haut sitzt, so hat man nichts abzugeben und Hand

auszustrecken und Schutz und Stab zu sein....

Wie hat man diese Instinkte so *umdeuten* können, daß der Mensch als

wertvoll empfindet, was seinem Selbst entgegengeht? wenn er sein

Selbst einem anderen Selbst preisgibt! O über die psychologische

Erbärmlichkeit und Lügnerei, welche bisher in Kirche und kirchlich

angekränkelter Philosophie das große Wort geführt hat!

Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens · 第 6 / 29 段