bürgerlichen Sinn zu nehmen, wie „tue Recht und scheue niemand“: das
heißt, einem bestimmten, groben Schema gemäß, innerhalb dessen ein
Gemeinwesen besteht, seine Schuldigkeit tun.
-- Denken wir nicht gering von dem, was ein paar Jahrtausende Moral
unserm Geiste angezüchtet haben!
100.
Maßstab, *wonach* der Wert der moralischen Wertschätzungen zu bestimmen
ist.
Die *übersehene* Grundtatsache: Widerspruch zwischen dem
„Moralischer-werden“ und der Erhöhung und Verstärkung des Typus Mensch.
~Homo natura.~ Der „Wille zur Macht“.
101.
Die Moralwerte als *Scheinwerte*, verglichen mit den *physiologischen*.
102.
Alle Tugenden physiologische *Zustände*: namentlich die organischen
Hauptfunktionen als notwendig, als gut empfunden. Alle Tugenden sind
eigentlich verfeinerte *Leidenschaften* und erhöhte Zustände.
Mitleid und Liebe zur Menschheit als Entwicklung des
Geschlechtstriebes. Gerechtigkeit als Entwicklung des Rachetriebes.
Tugend als Lust am Widerstande, Wille zur Macht. Ehre als Anerkennung
des Ähnlichen und Gleichmächtigen.
103.
Einsicht: bei aller Wertschätzung handelt es sich um eine bestimmte
Perspektive: *Erhaltung* des Individuums, einer Gemeinde, einer
Rasse, eines Staates, einer Kirche, eines Glaubens, einer Kultur. --
Vermöge des *Vergessens*, daß es nur ein perspektivisches Schätzen
gibt, wimmelt alles von widersprechenden Schätzungen und *folglich
von widersprechenden Antrieben* in einem Menschen. Das ist der
*Ausdruck der Erkrankung am Menschen*, im Gegensatz zum Tiere, wo alle
vorhandenen Instinkte ganz bestimmten Aufgaben genügen.
Dies widerspruchsvolle Geschöpf hat aber an seinem Wesen eine große
Methode der *Erkenntnis*: er fühlt viele Für und Wider, er erhebt
sich *zur Gerechtigkeit* -- zum Begreifen *jenseits des Gut- und
Böseschätzens*.
Der weiseste Mensch wäre *der reichste an Widersprüchen*, der gleichsam
Tastorgane für alle Arten Mensch hat: und zwischeninnen seine großen
Augenblicke *grandiosen Zusammenklangs* -- der hohe *Zufall* auch in
uns! Eine Art planetarischer Bewegung --
104.
*Welche Werte bisher obenauf waren.*
Moral als oberster Wert in allen Phasen der Philosophie (selbst bei
den Skeptikern). Resultat: diese Welt taugt nichts, es muß eine „wahre
Welt“ geben.
Was bestimmt hier eigentlich den obersten Wert? Was ist eigentlich
Moral? Der Instinkt der ~décadence~, es sind die Erschöpften und
Enterbten, die auf diese Weise *Rache nehmen* und die *Herren*
machen....
Historischer Nachweis: die Philosophen immer ~décadents~, immer im
Dienst der nihilistischen Religionen.
Der Instinkt der ~décadence~, der als Wille zur Macht auftritt.
Vorführung seines Systems der Mittel: absolute Unmoralität der Mittel.
Gesamteinsicht: die bisherigen obersten Werte sind ein Spezialfall
des Willens zur Macht; die Moral selbst ist ein Spezialfall der
*Unmoralität*.
*Warum die gegnerischen Werte immer unterlagen.*
1. Wie war das eigentlich *möglich*? Frage: warum unterlag das Leben,
die physiologische Wohlgeratenheit überall? Warum gab es keine
Philosophie des Ja, keine Religion des Ja?....
Die historischen Anzeichen solcher Bewegungen: die heidnische Religion.
Dionysos gegen den „Gekreuzigten“. Die Renaissance. Die *Kunst*.
2. Die Starken und die Schwachen: die Gesunden und die Kranken; die
Ausnahme und die Regel. Es ist kein Zweifel, *wer* der Stärkere ist....
*Gesamtaspekt der Geschichte*: Ist der Mensch damit eine *Ausnahme* in
der Geschichte des Lebens? -- Einsprache gegen den *Darwinismus*. Die
Mittel der Schwachen, um sich oben zu erhalten, sind Instinkte, sind
„Menschlichkeit“ geworden, sind „Institutionen“....
3. Nachweis dieser Herrschaft in unsern politischen Instinkten,
in unsern sozialen Werturteilen, in unsern Künsten, in unserer
*Wissenschaft*.
Die *Niedergangsinstinkte* sind Herr über die *Aufgangsinstinkte*
geworden.... Der *Wille zum Nichts* ist Herr geworden über den *Willen
zum Leben*!
-- Ist das *wahr*? ist nicht vielleicht eine größere Garantie des
Lebens, der Gattung in diesem Sieg der Schwachen und Mittleren? -- ist
es vielleicht nur ein Mittel in der Gesamtbewegung des Lebens, eine
Tempoverzögerung? eine Notwehr gegen etwas noch Schlimmeres?
-- Gesetzt, die *Starken* wären Herr, in allem, und auch in den
Wertschätzungen geworden: ziehen wir die Konsequenz, wie sie über
Krankheit, Leiden, Opfer denken würden! Eine *Selbstverachtung der
Schwachen* wäre die Folge; sie würden suchen, zu verschwinden und sich
auszulöschen.... Und wäre dies vielleicht *wünschenswert*? -- und
möchten wir eigentlich eine Welt, in der die Nachwirkung der Schwachen,
ihre Feinheit, Rücksicht, Geistigkeit, *Biegsamkeit* fehlte?....
* * * * *
Wir haben zwei „Willen zur Macht“ im Kampfe gesehen (*im Spezialfall*:
*wir hatten ein Prinzip*, dem einen recht zu geben, der bisher
unterlag, und dem, der bisher siegte, unrecht zu geben): wir haben die
„wahre Welt“ als eine „*erlogene Welt*“ und die Moral als eine *Form
der Unmoralität* erkannt. Wir sagen *nicht*: „der Stärkere hat unrecht“.
Wir haben begriffen, *was* bisher den obersten Wert bestimmt hat und
*warum* es Herr geworden ist über die gegnerische Wertung -- : es war
numerisch *stärker*.
Reinigen wir jetzt die *gegnerische Wertung* von der Infektion und
Halbheit, von der *Entartung*, in der sie uns allen bekannt ist.
Wiederherstellung der Natur: moralinfrei.
105.
Zwei Typen der Moral sind nicht zu verwechseln: eine Moral, mit der
sich der gesund gebliebene Instinkt gegen die beginnende ~décadence~
wehrt, -- und eine andere Moral, mit der eben diese ~décadence~ sich
formuliert, rechtfertigt und selber abwärts führt.
Die erstere pflegt stoisch, hart, tyrannisch zu sein (-- der
*Stoizismus* selbst war eine solche Hemmschuh-Moral); die andere ist
schwärmerisch, sentimental, voller Geheimnisse, sie hat die Weiber und
„schönen Gefühle“ für sich (-- das erste *Christentum* war eine solche
Moral).
106.
Das Nachdenken über das Allgemeinste ist immer rückständig: die
letzten „Wünschbarkeiten“ über den Menschen zum Beispiel sind von
den Philosophen eigentlich niemals als Problem genommen worden. Die
„*Verbesserung*“ des Menschen wird von ihnen allen naiv angesetzt,
wie als ob wir durch irgendeine Intuition über das Fragezeichen
hinausgehoben wären, *warum* gerade „verbessern“? Inwiefern ist es
*wünschbar*, daß der Mensch *tugendhafter* wird? oder *klüger*? oder
*glücklicher*? Gesetzt, daß man nicht schon das „Warum?“ des Menschen
überhaupt *kennt*, so hat jede solche Absicht keinen Sinn; und wenn
man das eine will, wer weiß? vielleicht darf man dann das andere
nicht wollen? Ist die Vermehrung der Tugendhaftigkeit zugleich
verträglich mit einer Vermehrung der Klugheit und Einsicht? ~Dubito~;
ich werde nur zu viel Gelegenheit haben, das Gegenteil zu beweisen.
Ist die Tugendhaftigkeit als Ziel im rigorosen Sinne nicht tatsächlich
bisher im Widerspruch mit dem Glücklichwerden gewesen? braucht sie
andererseits nicht das Unglück, die Entbehrung und Selbstmißhandlung
als notwendiges Mittel? Und wenn die *höchste Einsicht* das Ziel wäre,
müßte man nicht eben damit die Steigerung des Glücks ablehnen? und
die Gefahr, das Abenteuer, das Mißtrauen, die Verführung als Weg zur
Einsicht wählen?.. Und will man *Glück*, nun, so muß man vielleicht zu
den „Armen des Geistes“ sich gesellen.
107.
Es fehlt das Wissen und Bewußtsein davon, welche *Umdrehungen* bereits
das moralische Urteil durchgemacht hat und wie wirklich mehrere Male
schon im gründlichsten Sinne „Böse“ auf „Gut“ umgetauft worden ist. Auf
eine dieser Verschiebungen habe ich mit dem Gegensatze „Sittlichkeit
der Sitte“ hingewiesen. Auch das Gewissen hat seine Sphäre vertauscht:
es gab einen Herden-Gewissensbiß.
108.
*Die Vorherrschaft der moralischen Werte.* -- Folgen dieser
Vorherrschaft: die Verderbnis der Psychologie usw., das Verhängnis
überall, das an ihr hängt. Was *bedeutet* diese Vorherrschaft? Worauf
weist sie hin? --
Auf eine gewisse *größere Dringlichkeit* eines bestimmten Ja und Nein
auf diesem Gebiete. Man hat alle Arten *Imperative* darauf verwendet,
um die moralischen Werte als fest erscheinen zu lassen: sie sind am
längsten kommandiert worden: -- sie *scheinen* instinktiv, wie innere
Kommandos. Es drücken sich *Erhaltungsbedingungen der Sozietät* darin
aus, daß die moralischen Werte als *undiskutierbar* empfunden werden.
Die Praxis: das will heißen, die *Nützlichkeit*, untereinander sich
über die obersten Werte zu verstehen, hat hier eine Art Sanktion
erlangt. Wir sehen *alle Mittel angewendet*, wodurch das Nachdenken
und die Kritik auf diesem Gebiete *lahm*gelegt wird: -- welche Attitüde
nimmt noch Kant an! Nicht zu reden von denen, welche es als unmoralisch
ablehnen, hier zu „forschen“ --
109.
Was ist das *Kriterium* der unmoralischen Handlung? 1. ihre
Uneigennützigkeit, 2. ihre Allgemeingültigkeit usw. Aber das ist
Stubenmoralistik. Man muß die Völker studieren und zusehen, was
jedesmal das Kriterium ist und was sich darin ausdrückt: ein Glaube
„ein solches Verhalten gehört zu unseren ersten Existenzbedingungen“.
Unmoralisch heißt „untergang-bringend“. Nun sind alle diese
Gemeinschaften, in denen diese Gesetze gefunden wurden, zugrunde
gegangen: einzelne dieser Sätze sind immer von neuem unterstrichen
worden, weil jede neu sich bildende Gemeinschaft sie wieder nötig
hatte, zum Beispiel „du sollst nicht stehlen“. Zu Zeiten, wo das
Gemeingefühl für die Gesellschaft (zum Beispiel im ~imperium Romanum~)
nicht verlangt werden konnte, warf sich der Trieb aufs „Heil der
Seele“, religiös gesprochen: oder „das größte Glück“, philosophisch
geredet. Denn auch die griechischen Moralphilosophen empfanden nicht
mehr mit ihrer πόλις.
110.
Unsre heiligsten Überzeugungen, unser Unwandelbares in Hinsicht auf
oberste Werte sind *Urteile unsrer Muskeln*.
111.
Daß der Wert einer Handlung von dem abhängen soll, was ihr im
*Bewußtsein* vorausging -- wie falsch ist das! -- Und man hat die
Moralität danach bemessen, selbst die Kriminalität....
Der Wert einer Handlung muß nach ihren Folgen bemessen werden -- sagen
die Utilitarier -- : sie nach ihrer Herkunft zu messen, impliziert eine
Unmöglichkeit, nämlich diese zu *wissen*.
Aber weiß man die Folgen? Fünf Schritt weit vielleicht. Wer kann sagen,
was eine Handlung anregt, aufregt, wider sich erregt? Als Stimulans?
Als Zündfunke vielleicht für einen Explosivstoff?.... Die Utilitarier
sind naiv.... Und zuletzt müssen wir erst *wissen*, was nützlich ist:
auch hier geht ihr Blick nur fünf Schritt weit.... Sie haben keinen
Begriff von der großen Ökonomie, die des Übels nicht zu entraten weiß.
Man weiß die Herkunft nicht, man weiß die Folgen nicht: -- hat folglich
eine Handlung überhaupt einen Wert?
Bleibt die Handlung selbst: ihre Begleiterscheinungen im Bewußtsein,
das Ja und das Nein, das ihrer Ausführung folgt: liegt der Wert einer
Handlung in den subjektiven Begleiterscheinungen? (-- das hieße den
Wert der Musik nach dem Vergnügen oder Mißvergnügen abmessen, das
sie uns macht.... das sie ihrem *Komponisten* macht....). Sichtlich
begleiten sie Wertgefühle, ein Macht-, ein Zwang-, ein Ohnmachtsgefühl
zum Beispiel, die Freiheit, die Leichtigkeit, -- anders gefragt: könnte
man den Wert einer Handlung auf physiologische Werte reduzieren: ob sie
ein Ausdruck des vollständigen oder gehemmten Lebens ist? -- Es mag
sein, daß sich ihr *biologischer* Wert darin ausdrückt....
Wenn also die Handlung weder nach ihrer Herkunft, noch nach ihren
Folgen, noch nach ihren Begleiterscheinungen abwertbar ist, so ist ihr
Wert ~x~, unbekannt....
112.
Es ist eine *Entnatürlichung der Moral*, daß man die Handlung
*abtrennt* vom Menschen; daß man den Haß oder die Verachtung gegen die
„Sünde“ wendet; daß man glaubt, es gebe Handlungen, welche an sich gut
oder schlecht sind.
*Wiederherstellung* der „*Natur*“: eine Handlung an sich ist vollkommen
leer an Wert: es kommt alles darauf an, *wer* sie tut. Ein und dasselbe
„Verbrechen“ kann im einen Fall das höchste Vorrecht, im andern das
Brandmal sein. Tatsächlich ist es die Selbstsucht der Urteilenden,
welche eine Handlung, respektive ihren Täter, auslegt im Verhältnis zum
eigenen Nutzen oder Schaden (-- oder im Verhältnis zur Ähnlichkeit oder
Nichtverwandtschaft mit sich).
113.
*Moral als Versuch, den menschlichen Stolz herzustellen.* -- Die
Theorie vom „freien Willen“ ist antireligiös. Sie will dem Menschen
ein Anrecht schaffen, sich für seine hohen Zustände und Handlungen
als Ursache denken zu dürfen: sie ist eine Form des wachsenden
*Stolzgefühls*.
Der Mensch fühlt seine Macht, sein „Glück“, wie man sagt: es muß
„Wille“ sein vor diesem Zustand, -- sonst gehört er ihm nicht an.
Die Tugend ist der Versuch, ein Faktum von Wollen und Gewollt-haben
als notwendiges Antezedenz vor jedes hohe und starke Glücksgefühl
zu setzen: -- wenn regelmäßig der Wille zu gewissen Handlungen
im Bewußtsein vorhanden ist, so darf ein Machtgefühl als dessen
Wirkung ausgelegt werden. -- Das ist eine bloße *Optik der
Psychologie*: immer unter der falschen Voraussetzung, daß uns nichts
zugehört, was wir nicht als gewollt im Bewußtsein haben. Die ganze
Verantwortlichkeitslehre hängt an dieser naiven Psychologie, daß nur
der Wille Ursache ist, und daß man wissen muß, gewollt zu haben, um
*sich* als Ursache glauben zu dürfen.
-- *Kommt die Gegenbewegung*: die der Moralphilosophen, immer noch
unter dem gleichen Vorurteil, daß man nur für etwas verantwortlich
ist, das man gewollt hat. Der Wert des Menschen, als *moralischer
Wert* angesetzt: folglich muß seine Moralität eine ~causa prima~ sein;
folglich muß ein Prinzip im Menschen sein, ein „freier Wille“ als
~causa prima~. -- Hier ist immer der Hintergedanke: wenn der Mensch
nicht ~causa prima~ ist als Wille, so ist er unverantwortlich, --
folglich gehört er gar nicht vor das moralische Forum, -- die Tugend
oder das Laster wären automatisch und machinal....
~In summa~: damit der Mensch vor sich Achtung haben kann, muß er fähig
sein, auch böse zu werden.
114.
Die *Schauspielerei* als Folge der Moral des „freien Willens“. -- Es
ist ein Schritt in der *Entwicklung des Machtgefühls* selbst, seine
hohen Zustände (seine Vollkommenheit) selber auch verursacht zu haben,
-- folglich, schloß man sofort, *gewollt* zu haben....
(Kritik: Alles vollkommene Tun ist gerade unbewußt und nicht mehr
gewollt; das Bewußtsein drückt einen unvollkommenen und oft krankhaften
Personalzustand aus. *Die persönliche Vollkommenheit als bedingt
durch Willen, als Bewußtsein*, als Vernunft mit Dialektik, ist eine
Karikatur, eine Art von Selbstwiderspruch.... Der Grad von Bewußtheit
macht ja die Vollkommenheit *unmöglich*.. Form der *Schauspielerei*.)
115.
*Kritik der subjektiven Wertgefühle.* -- Das *Gewissen*. Ehemals schloß
man: das Gewissen verwirft diese Handlung; folglich ist diese Handlung
verwerflich. Tatsächlich verwirft das Gewissen eine Handlung, weil
dieselbe lange verworfen worden ist. Es spricht bloß nach: es schafft
keine Werte. Das, was ehedem dazu bestimmte, gewisse Handlungen zu
verwerfen, war *nicht* das Gewissen: sondern die Einsicht (oder das
Vorurteil) hinsichtlich ihrer Folgen.... Die Zustimmung des Gewissens,
das Wohlgefühl des „Friedens mit sich“ ist von gleichem Range wie die
Lust eines Künstlers an seinem Werke, -- sie beweist gar nichts.... Die
Selbstzufriedenheit ist so wenig ein Wertmaß für das, worauf sie sich
bezieht, als ihr Mangel ein Gegenargument gegen den Wert einer Sache.
Wir wissen bei weitem nicht genug, um den Wert unsrer Handlungen messen
zu können: es fehlt uns zu alledem die Möglichkeit, objektiv dazu zu
stehen: auch wenn wir eine Handlung verwerfen, sind wir nicht Richter,
sondern Partei.... Die edlen Wallungen, als Begleiter von Handlungen,
beweisen nichts für deren Wert: ein Künstler kann mit dem allerhöchsten
Pathos des Zustandes eine Armseligkeit zur Welt bringen. Eher sollte
man sagen, daß diese Wallungen verführerisch seien: sie locken unsern
Blick, unsre Kraft ab von der Kritik, von der Vorsicht, von dem
Verdacht, daß wir eine *Dummheit* machen.. sie machen uns dumm --
116.
Wir sind die Erben der Gewissensvivisektion und Selbstkreuzigung von
zwei Jahrtausenden: darin ist unsre längste Übung, unsre Meisterschaft
vielleicht, unser Raffinement in jedem Fall; wir haben die natürlichen
Hänge mit dem bösen Gewissen verschwistert.
Ein umgekehrter Versuch wäre möglich: die unnatürlichen Hänge, ich
meine die Neigungen zum Jenseitigen, Sinnwidrigen, Denkwidrigen,
Naturwidrigen, kurz die bisherigen Ideale, die allesamt
Weltverleumdungsideale waren, mit dem schlechten Gewissen zu
verschwistern.
117.
Die großen *Verbrechen* in der *Psychologie*:
1. Daß alle *Unlust*, alles *Unglück* mit dem Unrecht (der Schuld)
gefälscht worden ist (man hat dem Schmerz die Unschuld genommen);
2. daß alle *starken Lustgefühle* (Übermut, Wollust, Triumph, Stolz,
Verwegenheit, Erkenntnis, Selbstgewißheit und Glück an sich) als
sündlich, als Verführung, als verdächtig gebrandmarkt worden sind;
3. daß die *Schwächegefühle*, die innerlichsten Feigheiten, der
Mangel an Mut zu sich selbst mit heiligenden Namen belegt und als
wünschenswert im höchsten Sinne gelehrt worden sind;
4. daß alles *Große* am Menschen umgedeutet worden ist als
Entselbstung, als Sichopfern für etwas anderes, für andere; daß selbst
am Erkennenden, selbst am Künstler die *Entpersönlichung* als die
Ursache seines höchsten Erkennens und Könnens vorgespiegelt worden ist;
5. daß die *Liebe* gefälscht worden ist als Hingebung (und Altruismus),
während sie ein Hinzunehmen ist oder ein Abgeben infolge eines
Überreichtums von Persönlichkeit. Nur die *ganzesten* Personen können
lieben; die Entpersönlichten, die „Objektiven“ sind die schlechtesten
Liebhaber (-- man frage die Weibchen!). Das gilt auch von der Liebe
zu Gott, oder zum „Vaterland“: man muß fest auf sich selber sitzen.
(Der Egoismus als die Ver-*Ichlichung*, der Altruismus als die
Ver-*Änderung*).
6. Das Leben als Strafe, das Glück als Versuchung; die Leidenschaften
als teuflisch, das Vertrauen zu sich als gottlos.
*Diese ganze Psychologie ist eine Psychologie der Verhinderung*,
eine Art *Vermauerung* aus Furcht; einmal will sich die große Menge
(die Schlechtweggekommenen und Mittelmäßigen) damit wehren gegen die
Stärkeren (-- und sie in der Entwicklung *zerstören*....), andrerseits
alle die Triebe, mit denen sie selbst am besten gedeiht, heiligen und
allein in Ehren gehalten wissen. Vergleiche die jüdische Priesterschaft.
118.
Die *Überreste der Naturentwertung* durch Moral-Transzendenz: Wert der
*Entselbstung*, Kultus des Altruismus: Glaube an eine *Vergeltung*
innerhalb des Spiels der Folgen; Glaube an die „Güte“, an das „Genie“
selbst, wie als ob das eine wie das andere *Folgen der Entselbstung*
wären; die Fortdauer der kirchlichen Sanktion des bürgerlichen Lebens;
absolutes Mißverstehen-wollen der Historie (als Erziehungswerk zur
Moralisierung) oder Pessimismus im Anblick der Historie (-- letzterer
so gut eine Folge der Naturentwertung wie jene *Pseudorechtfertigung*,
jenes Nicht-Sehen-wollen dessen, was der Pessimist *sieht*....).
119.
„*Die Moral um der Moral willen*“ -- eine wichtige Stufe in ihrer
Entnaturalisierung: sie erscheint selbst als letzter Wert. In dieser
Phase hat sie die Religion mit sich durchdrungen: im Judentum zum
Beispiel. Und ebenso gibt es eine Phase, wo sie die Religion wieder
*von sich abtrennt* und wo ihr kein Gott „moralisch“ genug ist: dann
zieht sie das unpersönliche Ideal vor.... Das ist jetzt der Fall.
„*Die Kunst um der Kunst willen*“ -- das ist ein gleichgefährliches
Prinzip: damit bringt man einen falschen Gegensatz in die Dinge, -- es
läuft auf eine Realitätsverleumdung („Idealisierung“ ins *Häßliche*)
hinaus. Wenn man ein Ideal ablöst vom Wirklichen, so stößt man das
Wirkliche hinab, man verarmt es, man verleumdet es. „*Das Schöne um des
Schönen willen*“, „*das Wahre um des Wahren willen*“, „*das Gute um
des Guten willen*“ -- das sind drei Formen des *bösen Blicks* für das
Wirkliche.
-- *Kunst*, *Erkenntnis*, *Moral* sind *Mittel*: statt die Absicht
auf Steigerung des Lebens in ihnen zu erkennen, hat man sie zu einem
*Gegensatz des Lebens* in Bezug gebracht, zu „*Gott*“, -- gleichsam
als Offenbarungen einer höheren Welt, die durch diese hier und da
hindurchblickt....
„*Schön* und *häßlich*“, „*wahr* und *falsch*“, „*gut* und *böse*“
-- diese *Scheidungen* verraten Daseins- und Steigerungsbedingungen,
nicht vom Menschen überhaupt, sondern von irgendwelchen festen und
dauerhaften Komplexen, welche ihre Widersacher von sich abtrennen. Der
*Krieg*, der damit geschaffen wird, ist das Wesentliche daran: als
Mittel der *Absonderung*, die die Isolation *verstärkt*....
120.
Daß man endlich die menschlichen Werte wieder hübsch in die Ecke
zurücksetze, in der sie allein ein Recht haben: als Eckensteherwerte.
Es sind schon viele Tierarten verschwunden; gesetzt, daß auch der
Mensch verschwände, so würde nichts in der Welt fehlen. Man muß
Philosoph genug sein, um auch *dies* Nichts zu bewundern (-- ~Nil
admirari~ --).
121.
Der Mensch, eine kleine, überspannte Tierart, die -- glücklicherweise
-- ihre Zeit hat; das Leben auf der Erde überhaupt ein Augenblick,
ein Zwischenfall, eine Ausnahme ohne Folge, etwas, das für den
Gesamtcharakter der Erde belanglos bleibt; die Erde selbst, wie jedes
Gestirn, ein Hiatus zwischen zwei Nichtsen, ein Ereignis ohne Plan,
Vernunft, Wille, Selbstbewußtsein, die schlimmste Art des Notwendigen,
die *dumme* Notwendigkeit.... Gegen diese Betrachtung empört sich etwas
in uns; die Schlange Eitelkeit redet uns zu, „das alles muß falsch
sein: *denn* es empört.... Könnte das nicht alles nur Schein sein? Und
der Mensch trotzalledem, mit Kant zu reden -- --“
122.
Der *Sieg* eines moralischen Ideals wird durch dieselben
„unmoralischen“ Mittel errungen wie jeder Sieg: Gewalt, Lüge,
Verleumdung, Ungerechtigkeit.
123.
Wer weiß, wie aller *Ruhm* entsteht, wird einen Argwohn auch gegen den
Ruhm haben, den die Tugend genießt.
124.
*Vom Ideal des Moralisten.* -- Dieser Traktat handelt von der großen
*Politik* der Tugend. Wir haben ihn denen zum Nutzen bestimmt, welchen
daran liegen muß, zu lernen, nicht wie man tugendhaft *wird*, sondern
wie man tugendhaft *macht*, -- wie man die Tugend *zur Herrschaft
bringt*. Ich will sogar beweisen, daß, um dies eine zu wollen --
die Herrschaft der Tugend --, man grundsätzlich das andere nicht
wollen darf; eben damit verzichtet man darauf, tugendhaft zu werden.
Dies Opfer ist groß: aber ein solches Ziel lohnt vielleicht solch
ein Opfer. Und selbst noch größere.... Und einige von den berühmten
Moralisten haben so viel riskiert. Von diesen nämlich wurde bereits
die Wahrheit erkannt und vorweggenommen, welche mit diesem Traktat zum
ersten Male gelehrt werden soll: daß man die *Herrschaft der Tugend*
schlechterdings *nur durch dieselben Mittel erreichen kann*, mit denen
man überhaupt eine Herrschaft erreicht, jedenfalls nicht *durch* die
Tugend..