Extreme Positionen werden nicht durch ermäßigte abgelöst, sondern

wiederum durch extreme, aber *umgekehrte*. Und so ist der Glaube an die

absolute Immoralität der Natur, an die Zweck- und Sinnlosigkeit der

psychologisch-notwendige *Affekt*, wenn der Glaube an Gott und eine

essentiell moralische Ordnung nicht mehr zu halten ist. Der Nihilismus

erscheint jetzt, nicht weil die Unlust am Dasein größer wäre als

früher, sondern weil man überhaupt gegen einen „Sinn“ im Übel, ja im

Dasein mißtrauisch geworden ist. *Eine* Interpretation ging zugrunde:

weil sie aber als *die* Interpretation galt, erscheint es, als ob es

gar keinen Sinn im Dasein gebe, als ob alles *umsonst* sei.

Daß dies „Umsonst!“ der Charakter unseres gegenwärtigen Nihilismus

ist, bleibt nachzuweisen. Das Mißtrauen gegen unsere früheren

Wertschätzungen steigert sich bis zur Frage: „sind nicht alle ‚Werte‘

Lockmittel, mit denen die Komödie sich in die Länge zieht, aber

durchaus nicht einer Lösung näherkommt?“ Die *Dauer*, mit einem

„Umsonst“ ohne Ziel und Zweck, ist der *lähmendste* Gedanke, namentlich

noch, wenn man begreift, daß man gefoppt wird und doch ohne Macht ist,

sich nicht foppen zu lassen.

* * * * *

Denken wir diesen Gedanken in seiner furchtbarsten Form: das Dasein, so

wie es ist, ohne Sinn und Ziel, aber unvermeidlich wiederkehrend, ohne

ein Finale ins Nichts: „*die ewige Wiederkehr*“.

Das ist die extremste Form des Nihilismus: das Nichts (das „Sinnlose“)

ewig!

Europäische Form des Buddhismus: Energie des Wissens und der Kraft

zwingt zu einem solchen Glauben. Es ist die *wissenschaftlichste* aller

möglichen Hypothesen. Wir leugnen Schlußziele: hätte das Dasein eins,

so müßte es erreicht sein.

* * * * *

Da begreift man, daß hier ein Gegensatz zum Pantheismus angestrebt

wird: denn „alles vollkommen, göttlich, ewig“ zwingt *ebenfalls zu

einem Glauben an die „ewige Wiederkunft“*. Frage: ist mit der Moral

auch diese pantheistische Ja-Stellung zu allen Dingen unmöglich

gemacht? Im Grunde ist ja nur der moralische Gott überwunden. Hat es

einen Sinn, sich einen Gott „jenseits von Gut und Böse“ zu denken?

Wäre ein Pantheismus in *diesem* Sinne möglich? Bringen wir die

Zweckvorstellung aus dem Prozesse weg, und bejahen wir *trotzdem* den

Prozeß? -- Das wäre der Fall, wenn etwas innerhalb jenes Prozesses in

jedem Momente desselben *erreicht* würde -- und immer das Gleiche.

Spinoza gewann eine solche bejahende Stellung, insofern jeder Moment

eine *logische* Notwendigkeit hat: und er triumphierte mit seinem

logischen Grundinstinkte über eine *solche* Weltbeschaffenheit.

Aber sein Fall ist nur ein Einzelfall. *Jeder Grundcharakterzug*,

der *jedem* Geschehen zugrunde liegt, der sich in jedem Geschehen

ausdrückt, müßte, wenn er von einem Individuum als *sein*

Grundcharakterzug empfunden würde, dieses Individuum dazu treiben,

triumphierend jeden Augenblick des allgemeinen Daseins gutzuheißen. Es

käme eben darauf an, daß man diesen Grundcharakterzug bei sich als gut,

wertvoll, mit Lust empfindet.

Nun hat die *Moral* das Leben vor der Verzweiflung und dem Sprung

ins Nichts bei solchen Menschen und Ständen geschützt, welche von

*Menschen* vergewalttätigt und niedergedrückt wurden: denn die

Ohnmacht gegen Menschen, *nicht* die Ohnmacht gegen die Natur, erzeugt

die desperateste Verbitterung gegen das Dasein. Die Moral hat die

Gewalthaber, die Gewalttätigen, die „Herren“ überhaupt als die Feinde

behandelt, gegen welche der gemeine Mann geschützt, *das heißt zunächst

ermutigt, gestärkt* werden muß. Die Moral hat folglich am tiefsten

*hassen* und *verachten* gelehrt, was der Grundcharakterzug der

Herrschenden ist: *ihren Willen zur Macht*. Diese Moral abschaffen,

leugnen, zersetzen: das wäre den bestgehaßten Trieb mit einer

*umgekehrten* Empfindung und Wertung ansehen. Wenn der Leidende,

Unterdrückte *den Glauben verlöre*, ein *Recht* zu seiner Verachtung

des Willens zur Macht zu haben, so träte er in das Stadium der

hoffnungslosen Desperation. Dies wäre der Fall, wenn dieser Zug dem

Leben essentiell wäre, wenn sich ergäbe, daß selbst in jenem Willen zur

Moral nur dieser „Wille zur Macht“ verkappt sei, daß auch jenes Hassen

und Verachten noch ein Machtwille ist. Der Unterdrückte sähe ein, daß

er mit dem Unterdrücker *auf gleichem Boden* steht und daß er kein

*Vorrecht*, keinen *höheren* Rang vor jenem habe.

Vielmehr *umgekehrt*! Es gibt nichts am Leben, was Wert hat, außer dem

Grade der Macht -- gesetzt eben, daß Leben selbst der Wille zur Macht

ist. Die Moral behütete die *Schlechtweggekommenen* vor Nihilismus,

indem sie *jedem* einen unendlichen Wert, einen metaphysischen Wert

beimaß und in eine Ordnung einreihte, die mit der der weltlichen

Macht und Rangordnung nicht stimmt: sie lehrte Ergebung, Demut usw.

*Gesetzt, daß der Glaube an diese Moral zugrunde geht*, so würden die

Schlechtweggekommenen ihren Trost nicht mehr haben -- und *zugrunde

gehen*.

*Das Zugrundegehen* präsentiert sich als ein *Sich-zugrunde-richten*,

als ein instinktives Auslesen dessen, was *zerstören muß*.

*Symptome* dieser Selbstzerstörung der Schlechtweggekommenen: die

Selbstvivisektion, die Vergiftung, Berauschung, Romantik, vor allem

die instinktive Nötigung zu Handlungen, mit denen man die Mächtigen zu

*Todfeinden* macht (-- gleichsam sich seine Henker selbst züchtend),

der *Wille zur Zerstörung* als Wille eines noch tieferen Instinkts, des

Instinkts der Selbstzerstörung, des *Willens ins Nichts*.

Nihilismus als Symptom davon, daß die Schlechtweggekommenen keinen

Trost mehr haben: daß sie zerstören, um zerstört zu werden, daß sie,

von der Moral abgelöst, keinen Grund mehr haben, „sich zu ergeben“,

-- daß sie sich auf den Boden des entgegengesetzten Prinzips stellen

und auch ihrerseits *Macht wollen*, indem sie die Mächtigen *zwingen*,

ihre Henker zu sein. Dies ist die europäische Form des Buddhismus, das

*Nein-tun*, nachdem alles Dasein seinen „Sinn“ verloren hat.

Die Not ist nicht etwa größer geworden: im Gegenteil! „Gott, Moral,

Ergebung“ waren Heilmittel auf furchtbar tiefen Stufen des Elends:

der *aktive Nihilismus* tritt bei relativ viel günstiger gestalteten

Verhältnissen auf. Schon daß die Moral als überwunden empfunden wird,

setzt einen ziemlichen Grad geistiger Kultur voraus; diese wieder ein

relatives Wohlleben. Eine gewisse geistige Ermüdung, durch den langen

Kampf philosophischer Meinungen bis zur hoffnungslosesten Skepsis

*gegen* Philosophie gebracht, kennzeichnet ebenfalls den keineswegs

*niederen* Stand jener Nihilisten. Man denke an die Lage, in der

Buddha auftrat. Die Lehre der ewigen Wiederkunft würde *gelehrte*

Voraussetzungen haben (wie die Lehre Buddhas solche hatte, zum Beispiel

Begriff der Kausalität usw.).

Was heißt jetzt „schlechtweggekommen“? Vor allem *physiologisch*: nicht

mehr politisch. Die *ungesundeste* Art Mensch in Europa (in allen

Ständen) ist der Boden dieses Nihilismus: sie wird den Glauben an die

ewige Wiederkunft als einen *Fluch* empfinden, von dem getroffen man

vor keiner Handlung mehr zurückscheut: nicht passiv auslöschen, sondern

alles auslöschen *machen*, was in diesem Grade sinn- und ziellos ist:

obwohl es nur ein Krampf, ein blindes Wüten ist bei der Einsicht, daß

alles seit Ewigkeiten da war -- auch dieser Moment von Nihilismus und

Zerstörungslust. -- Der *Wert* einer solchen *Krisis* ist, daß sie

*reinigt*, daß sie die verwandten Elemente zusammendrängt und sich

aneinander verderben macht, daß sie den Menschen entgegengesetzter

Denkweisen gemeinsame Aufgaben zuweist -- auch unter ihnen die

schwächeren, unsichreren ans Licht bringend und so zu einer

*Rangordnung der Kräfte*, vom Gesichtspunkt der Gesundheit, den Anstoß

gibt: Befehlende als Befehlende erkennend, Gehorchende als Gehorchende.

Natürlich abseits von allen bestehenden Gesellschaftsordnungen.

Welche werden sich als die *Stärksten* dabei erweisen? Die Mäßigsten,

die, welche keine extremsten Glaubenssätze *nötig* haben, die, welche

einen guten Teil Zufall, Unsinn nicht nur zugestehen, sondern lieben,

die, welche vom Menschen mit einer bedeutenden Ermäßigung seines Wertes

denken können, ohne dadurch klein und schwach zu werden: die Reichsten

an Gesundheit, die den meisten Malheurs gewachsen sind und deshalb sich

vor den Malheurs nicht so fürchten -- Menschen, die *ihrer Macht sicher

sind* und die die *erreichte* Kraft des Menschen mit bewußtem Stolze

repräsentieren.

Wie dächte ein solcher Mensch an die ewige Wiederkunft? --

Zweites Buch.

Kritik der höchsten bisherigen Werte

(Einsicht in das, was durch sie Ja und Nein sagte).

I. Moral.

1. Entstehung und Sieg.

76.

Ich verstehe unter „Moral“ ein System von Wertschätzungen, welches mit

den Lebensbedingungen eines Wesens sich berührt.

77.

Das Problem der Moral *sehen* und *zeigen* -- das scheint mir die

neue Aufgabe und Hauptsache. Ich leugne, daß das in der bisherigen

Moralphilosophie geschehen ist.

78.

*Mein Problem*: Welchen Schaden hat die Menschheit bisher von der Moral

sowohl wie von ihrer Moralität gehabt? Schaden am Geiste usw.

79.

Mein Versuch, die moralischen Urteile als Symptome und Zeichensprachen

zu verstehen, in denen sich Vorgänge des physiologischen Gedeihens

oder Mißratens, ebenso das Bewußtsein von Erhaltungs- und

Wachstumsbedingungen verraten, -- eine Interpretationsweise vom Werte

der Astrologie, Vorurteile, denen Instinkte soufflieren (von Rassen,

Gemeinden, von verschiedenen Stufen, wie Jugend oder Verwelken usw.).

Angewendet auf die speziell christlich-europäische Moral: unsere

moralischen Urteile sind Anzeichen von Verfall, von Unglauben an das

*Leben*, eine Vorbereitung des Pessimismus.

*Mein Hauptsatz: es gibt keine moralischen Phänomene, sondern nur eine

moralische Interpretation dieser Phänomene. Diese Interpretation

selbst ist außermoralischen Ursprungs.*

Was bedeutet es, daß wir einen *Widerspruch* in das Dasein

hineininterpretiert haben? -- Entscheidende Wichtigkeit: hinter

allen andern Wertschätzungen stehen kommandierend jene moralischen

Wertschätzungen. Gesetzt, sie fallen fort, wonach messen wir dann? Und

welchen Wert haben dann Erkenntnis usw., usw.???

80.

Ehemals sagte man von jeder Moral: „an ihren Früchten sollt ihr sie

erkennen“. Ich sage von jeder Moral: „Sie ist eine Frucht, an der ich

den *Boden* erkenne, aus dem sie wuchs“.

81.

*Meine Absicht*, die absolute Homogeneität in allem Geschehen zu

zeigen und die Anwendung der moralischen Unterscheidung nur als

*perspektivisch bedingt*; zu zeigen, wie alles das, was moralisch

gelobt wird, wesensgleich mit allem Unmoralischen ist und nur,

wie jede Entwicklung der Moral, mit unmoralischen Mitteln und zu

unmoralischen Zwecken ermöglicht worden ist --; wie umgekehrt alles,

was als unmoralisch in Verruf ist, ökonomisch betrachtet, das Höhere

und Prinzipiellere ist, und wie eine Entwicklung nach größerer Fülle

des Lebens notwendig auch den *Fortschritt der Unmoralität* bedingt.

„Wahrheit“ der Grad, in dem wir uns die Einsicht in *diese* Tatsache

*gestatten*.

82.

Das sind meine Forderungen an euch -- sie mögen euch schlecht genug

zu Ohren gehen -- : daß ihr die moralischen Wertschätzungen selbst

einer Kritik unterziehen sollt. Daß ihr dem moralischen Gefühlsimpuls,

welcher hier Unterwerfung und nicht Kritik verlangt, mit der Frage:

„warum Unterwerfung?“ Halt gebieten sollt. Daß ihr dies Verlangen nach

einem „Warum?“, nach einer Kritik der Moral, eben als eure *jetzige*

Form der Moralität selbst ansehen sollt, als die sublimste Art von

Moralität, die euch und eurer Zeit Ehre macht. Daß eure Redlichkeit,

euer Wille, euch nicht zu betrügen, sich selbst ausweisen muß: „warum

*nicht*? -- Vor welchem Forum?“ --

83.

Die Frage nach der *Herkunft unsrer Wertschätzungen* und Gütertafeln

fällt ganz und gar nicht mit deren *Kritik* zusammen, wie so oft

geglaubt wird: so gewiß auch die Einsicht in irgendeine ~pudenda origo~

für das Gefühl eine Wertverminderung der so entstandenen Sache mit

sich bringt und gegen dieselbe eine kritische Stimmung und Haltung

vorbereitet.

Was sind unsere Wertschätzungen und moralischen Gütertafeln selber

wert? *Was kommt bei ihrer Herrschaft heraus?* Für wen? in bezug

worauf? -- Antwort: für das Leben. Aber *was ist Leben*? Hier tut also

eine neue, bestimmtere Fassung des Begriffs „Leben“ not. Meine Formel

dafür lautet: Leben ist Wille zur Macht.

*Was bedeutet das Wertschätzen selbst?* Weist es auf eine andere,

metaphysische Welt zurück oder hinab? (wie noch Kant glaubte, der *vor*

der großen historischen Bewegung steht.) Kurz: *wo ist es entstanden*?

Oder ist es nicht „entstanden“? -- Antwort: das moralische Wertschätzen

ist eine *Auslegung*, eine Art zu interpretieren. Die Auslegung selbst

ist ein *Symptom* bestimmter physiologischer Zustände, ebenso eines

bestimmten geistigen Niveaus von herrschenden Urteilen: *Wer legt aus?*

-- Unsre Affekte.

84.

*Wessen Wille zur Macht ist die Moral?* -- *Das Gemeinsame* in der

Geschichte Europas seit *Sokrates* ist der Versuch, die *moralischen

Werte* zur Herrschaft über alle anderen Werte zu bringen: so daß

sie nicht nur Führer und Richter des Lebens sein sollen, sondern

auch 1. der Erkenntnis, 2. der Künste, 3. der staatlichen und

gesellschaftlichen Bestrebungen. „Besserwerden“ als einzige Aufgabe,

alles übrige dazu *Mittel* (oder Störung, Hemmung, Gefahr: folglich

bis zur Vernichtung zu bekämpfen....). -- Eine ähnliche Bewegung in

*China*. Eine ähnliche Bewegung in *Indien*.

Was bedeutet dieser *Wille zur Macht seitens der moralischen Werte*,

der in den ungeheuren Entwicklungen sich bisher auf der Erde abgespielt

hat?

*Antwort*: -- *drei Mächte sind hinter ihm versteckt*:

1. der Instinkt der *Herde* gegen die Starken und Unabhängigen; 2.

der Instinkt der *Leidenden* und Schlechtweggekommenen gegen die

Glücklichen; 3. der Instinkt der *Mittelmäßigen* gegen die Ausnahmen.

-- *Ungeheurer Vorteil dieser Bewegung*, wieviel Grausamkeit,

Falschheit und Borniertheit auch in ihr mitgeholfen hat (: denn die

Geschichte vom *Kampf der Moral mit den Grundinstinkten des Lebens* ist

selbst die größte Immoralität, die bisher auf Erden dagewesen ist....).

85.

Die ganze Moral Europas hat den *Nutzen der Herde* auf dem Grunde:

die Trübsal aller höheren, seltneren Menschen liegt darin, daß

alles, was sie auszeichnet, ihnen mit dem Gefühl der Verkleinerung

und Verunglimpfung zum Bewußtsein kommt. Die *Stärken* des jetzigen

Menschen sind die Ursachen der pessimistischen Verdüsterung: die

Mittelmäßigen sind, wie die Herde ist, ohne viel Frage und Gewissen, --

heiter. (Zur Verdüsterung der Starken: Pascal, Schopenhauer.)

*Je gefährlicher eine Eigenschaft der Herde scheint, um so gründlicher

wird sie in die Acht getan.*

86.

Ich lehre: die Herde sucht einen Typus aufrecht zu erhalten und wehrt

sich nach beiden Seiten, ebenso gegen die davon Entartenden (Verbrecher

usw.), als gegen die darüber Emporragenden. Die Tendenz der Herde ist

auf Stillstand und Erhaltung gerichtet, es ist nichts Schaffendes in

ihr.

Die angenehmen Gefühle, die der Gute, Wohlwollende, Gerechte uns

einflößt (im Gegensatz zu der Spannung, Furcht, welche der große,

neue Mensch hervorbringt), sind *unsere* persönlichen Sicherheits-,

Gleichheitsgefühle: das Herdentier verherrlicht dabei die Herdennatur

und empfindet sich selber dann wohl. Dies Urteil des Wohlbehagens

maskiert sich mit schönen Worten -- so entsteht „Moral“. -- Man

beobachte aber den *Haß der Herde* gegen den Wahrhaftigen. --

87.

*Tendenz der Moralentwicklung.* -- Jeder wünscht, daß keine andere

Lehre und Schätzung der Dinge zur Geltung komme außer einer solchen,

bei der er selbst gut wegkommt. *Grundtendenz* folglich *der Schwachen

und Mittelmäßigen* aller Zeiten, *die Stärkeren schwächer zu machen,

herunterzuziehen*: *Hauptmittel das moralische Urteil*. Das Verhalten

des Stärkeren gegen den Schwächeren wird gebrandmarkt; die höheren

Zustände des Stärkeren bekommen schlechte Beinamen.

Der Kampf der Vielen gegen die Wenigen, der Gewöhnlichen gegen

die Seltenen, der Schwachen gegen die Starken -- eine seiner

feinsten Unterbrechungen ist die, daß die Ausgesuchten, Feinen,

Anspruchsvolleren sich als die Schwachen präsentieren und die gröberen

Mittel der Macht von sich weisen --

88.

Der heuchlerische Anschein, mit dem alle *bürgerlichen Ordnungen*

übertüncht sind, wie als ob sie *Ausgeburten der Moralität* wären

-- zum Beispiel die Ehe; die Arbeit; der Beruf; das Vaterland; die

Familie; die Ordnung; das Recht. Aber da sie insgesamt auf die

*mittelmäßigste* Art Mensch hin begründet sind, zum Schutz gegen

Ausnahmen und Ausnahmebedürfnisse, so muß man es billig finden, wenn

hier viel gelogen wird.

89.

Daß man sich nicht über sich selbst vergreift! Wenn man in sich den

moralischen Imperativ so hört, wie der Altruismus ihn versteht, so

gehört man zur *Herde*. Hat man das umgekehrte Gefühl, fühlt man in

seinen uneigennützigen und selbstlosen Handlungen seine Gefahr, seine

Abirrung, so gehört man nicht zur Herde.

90.

Die drei *Behauptungen*:

Das Unvornehme ist das Höhere (Protest des „gemeinen Mannes“);

das Widernatürliche ist das Höhere (Protest der Schlechtweggekommenen);

das Durchschnittliche ist das Höhere (Protest der Herde, der

„Mittleren“).

In der *Geschichte der Moral* drückt sich also ein *Wille zur Macht*

aus, durch den bald die Sklaven und Unterdrückten, bald die Mißratenen

und An-sich-Leidenden, bald die Mittelmäßigen den Versuch machen, die

*ihnen* günstigsten Werturteile durchzusetzen.

Insofern ist das Phänomen der Moral vom Standpunkt der Biologie aus

höchst bedenklich. Die Moral hat sich bisher entwickelt *auf Unkosten*:

der Herrschenden und ihrer spezifischen Instinkte, der Wohlgeratenen

und *schönen* Naturen, der Unabhängigen und Privilegierten in

irgendeinem Sinne.

Die Moral ist also eine Gegenbewegung gegen die Bemühungen der Natur,

es zu einem *höheren Typus* zu bringen. Ihre Wirkung ist: Mißtrauen

gegen das Leben überhaupt (insofern dessen Tendenzen als „unmoralisch“

empfunden werden), -- Sinnlosigkeit, Widersinn (insofern die obersten

Werte als im Gegensatz zu den obersten Instinkten empfunden werden), --

Entartung und Selbstzerstörung der „höheren Naturen“, weil gerade in

ihnen der Konflikt *bewußt* wird.

91.

„Die guten Leute sind alle schwach: sie sind gut, weil sie nicht stark

genug sind, böse zu sein“, sagte der Latukahäuptling Comorro zu Baker.

„Für schwache Herzen gibt es kein Unglück“ -- sagt man im Russischen.

92.

Bescheiden, fleißig, wohlwollend, mäßig: so wollt ihr den Menschen? den

*guten Menschen*? Aber mich dünkt das nur der ideale Sklave, der Sklave

der Zukunft.

93.

*Die Metamorphosen der Sklaverei*; ihre Verkleidung unter religiöse

Mäntel; ihre Verklärung durch die Moral.

94.

Erwägen wir, wie teuer sich ein solcher moralischer Kanon („ein

*Ideal*“) bezahlt macht. (Seine Feinde sind -- nun? Die „Egoisten“.)

Der melancholische Scharfsinn der Selbstverkleinerung in Europa

(Pascal, Larochefoucauld), -- die innere Schwächung, Entmutigung,

Selbstannagung der Nicht-Herdentiere, --

die beständige Unterstreichung der Mittelmäßigkeitseigenschaften

als der wertvollsten (Bescheidenheit, in Reih und Glied, die

Werkzeugnatur), --

das schlechte Gewissen eingemischt in alles Selbstherrliche, Originale:

-- die Unlust also: -- also *Verdüsterung* der Welt der

Stärkergeratenen!

-- das Herdenbewußtsein in die Philosophie und Religion übertragen:

auch seine Ängstlichkeit.

-- Lassen wir die psychologische Unmöglichkeit einer rein selbstlosen

Handlung außer Spiel!

95.

Der *ideale Sklave* (der „gute Mensch“). -- Wer *sich* nicht als

„Zweck“ ansetzen kann, noch überhaupt von sich aus Zwecke ansetzen

kann, der gibt der Moral der *Entselbstung* die Ehre -- instinktiv.

Zu ihr überredet ihn alles: seine Klugheit, seine Erfahrung, seine

Eitelkeit. Und auch der Glaube ist eine Entselbstung.

*Atavismus*: wonnevolles Gefühl, einmal unbedingt gehorchen zu können.

Fleiß, Bescheidenheit, Wohlwollen, Mäßigkeit sind ebenso viele

*Verhinderungen der souveränen Gesinnung*, der großen *Erfindsamkeit*,

der heroischen Zielsetzung, des vornehmen Für-sich-seins.

Es handelt sich nicht um ein *Vorangehen* (-- damit ist man bestenfalls

Hirt, das heißt oberster Notbedarf der Herde), sondern um ein

*Für-sich-gehen-können*, um ein *Anders-sein-können*.

96.

Die *gelobten* Zustände und Begierden: -- friedlich, billig, mäßig,

bescheiden, ehrfürchtig, rücksichtsvoll, tapfer, keusch, redlich, treu,

gläubig, gerade, vertrauensvoll, hingebend, mitleidig, hilfreich,

gewissenhaft, einfach, mild, gerecht, freigebig, nachsichtig, gehorsam,

uneigennützig, neidlos, gütig, arbeitsam --

Zu unterscheiden: inwiefern *solche Eigenschaften* bedingt sind als

*Mittel* zu einem bestimmten Willen und *Zweck* (oft einem „*bösen*“

Zweck); oder als natürliche *Folgen* eines dominierenden Affektes (zum

Beispiel *Geistigkeit*): oder Ausdruck einer Notlage, will sagen: als

*Existenzbedingung* (zum Beispiel Bürger, Sklave, Weib usw.).

~Summa~: sie sind allesamt *nicht um ihrer selber willen als „gut“

empfunden*, sondern bereits unter dem Maßstab der „Gesellschaft“,

„Herde“, als Mittel zu deren Zwecken, als notwendig für deren

Aufrechterhaltung und Förderung, als Folge zugleich eines eigentlichen

*Herdeninstinktes* im einzelnen: somit im Dienste eines *Instinktes*,

*der grundverschieden* von diesen *Tugendzuständen* ist. Denn die Herde

ist nach außen hin *feindselig*, *selbstsüchtig*, *unbarmherzig*,

voller Herrschsucht, Mißtrauen usw.

Im „*Hirten*“ kommt der *Antagonismus heraus*: er muß die

*entgegengesetzten* Eigenschaften der Herde haben.

Todfeindschaft der Herde gegen die *Rangordnung*: ihr Instinkt

zugunsten der *Gleichmacher* (Christus). Gegen die *starken Einzelnen*

(~les souverains~) ist sie feindselig, unbillig, maßlos, unbescheiden,

frech, rücksichtslos, feig, verlogen, falsch, unbarmherzig, versteckt,

neidisch, rachsüchtig.

97.

*Zur Kritik der Herdentugenden.* -- Die ~inertia~ tätig 1. im

Vertrauen, weil Mißtrauen Spannung, Beobachtung, Nachdenken nötig

macht; -- 2. in der Verehrung, wo der Abstand der Macht groß ist und

Unterwerfung notwendig: um nicht zu fürchten, wird versucht zu lieben,

hochzuschätzen und die Machtverschiedenheit als *Wert*verschiedenheit

auszudeuten: so daß das Verhältnis *nicht mehr revoltiert*; -- 3. im

Wahrheitssinn. Was ist wahr? Wo eine Erklärung gegeben ist, die uns das

Minimum von geistiger Kraftanstrengung macht (überdies ist Lügen sehr

anstrengend); -- 4. in der Sympathie. Sich gleichsetzen, versuchen,

gleich zu empfinden, ein vorhandenes Gefühl *anzunehmen*, ist eine

Erleichterung: es ist etwas Passives gegen das Aktivum gehalten,

welches die eigensten Rechte des Werturteils sich wahrt und beständig

betätigt (letzteres gibt keine Ruhe); -- 5. in der Unparteilichkeit und

Kühle des Urteils: man scheut die Anstrengung des Affekts und stellt

sich lieber abseits, „objektiv“; -- 6. in der Rechtschaffenheit: man

gehorcht lieber einem vorhandenen Gesetz, als daß man sich und anderen

befiehlt: die Furcht vor dem Befehlen -- : lieber sich unterwerfen

als reagieren; -- 7. in der Toleranz: die Furcht vor dem Ausüben des

Rechts, des Richtens.

98.

Moral der *Wahrhaftigkeit* in der Herde. „Du sollst erkennbar sein,

dein Inneres durch deutliche und konstante Zeichen ausdrücken, -- sonst

bist du gefährlich: und wenn du böse bist, ist die Fähigkeit, dich zu

verstellen, das Schlimmste für die Herde. Wir verachten den Heimlichen,

Unerkennbaren. -- *Folglich* mußt du dich selber für erkennbar halten;

du darfst dir nicht *verborgen* sein, du darfst *nicht* an deinen

*Wechsel* glauben.“ Also: die Forderung der Wahrhaftigkeit setzt

die *Erkennbarkeit* und die *Beharrlichkeit* der Person voraus.

Tatsächlich ist es Sache der Erziehung, das Herdenmitglied zu einem

*bestimmten Glauben* über das Wesen des Menschen zu bringen: sie *macht

erst diesen Glauben* und fordert dann daraufhin „Wahrhaftigkeit“.

99.

Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens · 第 4 / 29 段