Diese Art Stärke, die *Furcht* erregt, galt vor allem als göttlich:

von hier nahm die Autorität ihren Ausgangspunkt, hier interpretierte,

hörte, suchte man *Weisheit*.... Hieraus entwickelte sich überall

beinahe ein *Wille* zur „Vergöttlichung“, das heißt, zur typischen

Entartung von Geist, Leib und Nerven: ein Versuch, den Weg zu dieser

höheren Art Sein zu finden. Sich krank, sich toll machen, die Symptome

der Zerrüttung provozieren -- das hieß stärker, übermenschlicher,

furchtbarer, weiser werden: -- man glaubte damit so reich an Macht zu

werden, daß man *abgeben* konnte. Überall, wo angebetet worden ist,

suchte man einen, der abgeben kann.

Hier war irreführend die Erfahrung des *Rausches*. Dieser *vermehrt*

im höchsten Grade das Gefühl der Macht, folglich, naiv beurteilt, *die

Macht*. -- Auf der höchsten Stufe der Macht mußte der *Berauschteste*

stehen, der Ekstatische. (-- Es gibt zwei Ausgangspunkte des

*Rausches*: die übergroße Fülle des Lebens und einen Zustand von

krankhafter Ernährung des Gehirns.)

51.

*Zu begreifen*: -- Daß alle Art Verfall und Erkrankung fortwährend

an den Gesamt-Werturteilen mitgearbeitet hat: daß in den herrschend

gewordenen Werturteilen die ~décadence~ sogar zum Übergewicht gekommen

ist: daß wir nicht nur gegen die Folgezustände alles gegenwärtigen

Elends von Entartung zu kämpfen haben, sondern *alle bisherige*

~décadence~ rückständig, das heißt *lebendig* geblieben ist. Eine

solche Gesamtabirrung der Menschheit von ihren Grundinstinkten,

eine solche Gesamt-~décadence~ des Werturteils ist das Fragezeichen

~par excellence~, das eigentliche Rätsel, das das Tier „Mensch“ dem

Philosophen aufgibt. --

52.

*Schwäche des Willens*: das ist ein Gleichnis, das irreführen kann.

Denn es gibt keinen Willen, und folglich weder einen starken, noch

schwachen Willen. Die Vielheit und Disgregation der Antriebe, der

Mangel an System unter ihnen resultiert als „schwacher Wille“; die

Koordination derselben unter der Vorherrschaft eines einzelnen

resultiert als „starker Wille“; -- im ersteren Falle ist es das

Oszillieren und der Mangel an Schwergewicht; im letzteren die Präzision

und Klarheit der Richtung.

53.

*Hauptsymptome des Pessimismus*: -- die ~dîners chez Magny~; der

russische Pessimismus (Tolstoi, Dostoiewsky); der ästhetische

Pessimismus, ~l'art pour l'art~, „~description~“ (der romantische

und der antiromantische Pessimismus); der erkenntnistheoretische

Pessimismus (Schopenhauer; der Phänomenalismus); der anarchistische

Pessimismus; die „Religion des Mitleids“, buddhistische Vorbewegung;

der Kultur-Pessimismus (Exotismus, Kosmopolitismus); der moralistische

Pessimismus: ich selber.

54.

Es gibt eine tiefe und vollkommen unbewußte Wirkung der ~décadence~

selbst auf die Ideale der Wissenschaft: unsere ganze Soziologie ist

der Beweis für diesen Satz. Ihr bleibt vorzuwerfen, daß sie nur das

*Verfallsgebilde* der Sozietät aus Erfahrung kennt und unvermeidlich

die eigenen Verfallsinstinkte als Norm des soziologischen Urteils nimmt.

Das *niedersinkende* Leben im jetzigen Europa formuliert in ihnen seine

Gesellschaftsideale: sie sehen alle zum Verwechseln dem Ideal *alter

überlebter* Rassen ähnlich....

Der *Herdeninstinkt* sodann -- eine jetzt souverän gewordene Macht

-- ist etwas Grundverschiedenes vom Instinkt einer *aristokratischen

Sozietät*: und es kommt auf den Wert der *Einheiten* an, was die Summe

zu bedeuten hat.... Unsre ganze Soziologie kennt gar keinen andern

Instinkt als den der Herde, das heißt der *summierten Nullen*, -- wo

jede Null „gleiche Rechte“ hat, wo es tugendhaft ist, Null zu sein....

Die Wertung, mit der heute die verschiedenen Formen der Sozietät

beurteilt werden, ist ganz und gar eins mit jener, welche dem

*Frieden* einen höheren Wert zuerteilt als dem Krieg: aber dies Urteil

ist antibiologisch, ist selbst eine Ausgeburt der ~décadence~ des

Lebens.... Das Leben ist eine Folge des Kriegs, die Gesellschaft selbst

ein Mittel zum Krieg.... Herr Herbert Spencer ist als Biologe ein

~décadent~, -- er ist es auch als Moralist (-- er sieht im *Sieg* des

Altruismus etwas Wünschenswertes!!!).

55.

Entwicklung des *Pessimismus* zum *Nihilismus*. -- Entnatürlichung der

*Werte*. Scholastik der Werte. Die Werte, losgelöst, idealistisch,

statt das Tun zu beherrschen und zu führen, wenden sich verurteilend

*gegen* das Tun.

Gegensätze eingelegt an Stelle der natürlichen Grade und Ränge. Haß

auf die Rangordnung. Die Gegensätze sind einem pöbelhaften Zeitalter

gemäß, weil leichter *faßlich*.

Die *verworfene* Welt, angesichts einer künstlich erbauten „wahren,

wertvollen“. -- Endlich: man entdeckt, aus welchem Material man die

„wahre Welt“ gebaut hat: und nun hat man nur die verworfene übrig

und *rechnet jene höchste Enttäuschung mit ein auf das Konto ihrer

Verwerflichkeit*.

Damit ist der *Nihilismus* da: man hat die *richtenden Werte* übrig

behalten -- und nichts weiter!

Hier entsteht das Problem *der Stärke und der Schwäche*:

1. die Schwachen zerbrechen daran;

2. die Stärkeren zerstören, was nicht zerbricht;

3. die Stärksten überwinden die richtenden Werte.

*Das zusammen macht das tragische Zeitalter aus.*

56.

*Der Pessimismus der Tatkräftigen*: das „Wozu?“ nach einem furchtbaren

Ringen, selbst Siegen. Daß irgend etwas hundertmal *wichtiger* ist als

die Frage, ob *wir* uns wohl oder schlecht befinden: Grundinstinkt

aller starken Naturen, -- und folglich auch, ob sich die *anderen* gut

oder schlecht befinden. Kurz, daß wir ein Ziel haben, um dessentwillen

man nicht zögert, *Menschenopfer* zu bringen, jede Gefahr zu laufen,

jedes Schlimme und Schlimmste auf sich zu nehmen: die *große

Leidenschaft*.

57.

Das „Übergewicht von *Leid über Lust*“ oder das Umgekehrte (der

*Hedonismus*): diese beiden Lehren sind selbst schon Wegweiser zum

Nihilismus....

Denn hier wird in beiden Fällen kein anderer letzter *Sinn* gesetzt,

als die Lust- oder Unlust-Erscheinung.

Aber so redet eine Art Mensch, die es nicht mehr wagt, einen Willen,

eine Absicht, einen *Sinn* zu setzen: -- für jede gesündere Art

Mensch mißt sich der Wert des Lebens schlechterdings nicht am Maße

dieser Nebensachen. Und ein *Übergewicht* von Leid wäre möglich

und *trotzdem* ein mächtiger Wille, ein *Ja-sagen* zum Leben; ein

Nötig-haben dieses Übergewichts.

„Das Leben lohnt sich nicht“; „Resignation“; „warum sind die

Tränen?...“ -- eine schwächliche und sentimentale Denkweise. „~Un

monstre gai vaut mieux qu'un sentimental ennuyeux.~“

3. Krisis.

58.

Ich habe das Glück, nach ganzen Jahrtausenden der Verirrung und

Verwirrung den Weg wiedergefunden zu haben, der zu einem Ja und einem

Nein führt.

Ich lehre das Nein zu allem, was schwach macht, -- was erschöpft.

Ich lehre das Ja zu allem, was stärkt, was Kraft aufspeichert, was das

Gefühl der Kraft rechtfertigt.

Man hat weder das eine noch das andere bisher gelehrt: man hat Tugend,

Entselbstung, Mitleiden, man hat selbst Verneinung des Lebens gelehrt.

Dies sind alles Werte der Erschöpften.

Ein langes Nachdenken über die Physiologie der Erschöpfung zwang mich

zu der Frage, wie weit die Urteile Erschöpfter in die Welt der Werte

eingedrungen seien.

Mein Ergebnis war so überraschend wie möglich, selbst für mich, der

in mancher fremden Welt schon zu Hause war: ich fand alle obersten

Werturteile, alle, die Herr geworden sind über die Menschheit,

mindestens zahm gewordene Menschheit, zurückführbar auf die Urteile

Erschöpfter.

Unter den heiligsten Namen zog ich die zerstörerischen Tendenzen

heraus; man hat Gott genannt, was schwächt, Schwäche lehrt, Schwäche

infiziert... ich fand, daß der „gute Mensch“ eine Selbstbejahungsform

der ~décadence~ ist.

Jene Tugend, von der noch Schopenhauer gelehrt hat, daß sie die

oberste, die einzige und das Fundament aller Tugenden sei: eben jenes

Mitleiden erkannte ich als gefährlicher, als irgendein Laster. Die

Auswahl in der Gattung, ihre Reinigung vom Abfall grundsätzlich

kreuzen -- das hieß bisher Tugend ~par excellence~....

Man soll das *Verhängnis* in Ehren halten; das Verhängnis, das zum

Schwachen sagt „geh zugrunde!“...

Man hat es *Gott* genannt, daß man dem Verhängnis widerstrebte, -- daß

man die Menschheit verdarb und verfaulen machte.... Man soll den Namen

Gottes nicht unnützlich führen....

Die Rasse ist verdorben -- nicht durch ihre Laster, sondern ihre

Ignoranz: sie ist verdorben, weil sie die Erschöpfung nicht als

Erschöpfung verstand: die physiologischen Verwechslungen sind die

Ursache alles Übels....

Die Tugend ist unser großes Mißverständnis.

Problem: wie kamen die Erschöpften dazu, die Gesetze der Werte zu

machen? Anders gefragt: wie kamen die zur Macht, die die Letzten

sind?.... Wie kam der Instinkt des Tieres Mensch auf den Kopf zu

stehen?....

59.

Grundsatz: es gibt etwas von Verfall in allem, was den modernen

Menschen anzeigt: aber dicht neben der Krankheit stehen Anzeichen einer

unerprobten Kraft und Mächtigkeit der Seele. *Dieselben Gründe, welche

die Verkleinerung der Menschen hervorbringen, treiben die Stärkeren und

Seltneren bis hinauf zur Größe.*

60.

*Gesamteinsicht.* -- Tatsächlich bringt jedes große Wachstum auch

ein ungeheures *Abbröckeln* und *Vergehen* mit sich: das Leiden,

die Symptome des Niedergangs *gehören* in die Zeiten ungeheuren

Vorwärtsgehens; jede fruchtbare und mächtige Bewegung der Menschheit

hat zugleich eine nihilistische Bewegung *mitgeschaffen*. Es wäre unter

Umständen das Anzeichen für ein einschneidendes und allerwesentlichstes

Wachstum, für den Übergang in neue Daseinsbedingungen, daß die

*extremste* Form des Pessimismus, der eigentliche *Nihilismus*, zur

Welt käme. *Dies habe ich begriffen.*

61.

Unzählig viele einzelne höherer Art gehen jetzt zugrunde: aber wer

*davon kommt*, ist stark wie der Teufel. Ähnlich wie zur Zeit der

Renaissance.

62.

Es ist die Zeit des *großen Mittags, der furchtbaren Aufhellung*:

*meine Art von Pessimismus*: -- großer Ausgangspunkt.

I. Grundwiderspruch in der Zivilisation und der Erhöhung des Menschen.

II. Die moralischen Wertschätzungen als eine Geschichte der Lüge

und Verleumdungskunst im Dienste eines Willens zur Macht (des

*Herden*willens, welcher sich gegen die stärkeren Menschen auflehnt).

III. Die Bedingungen jeder Erhöhung der Kultur (die Ermöglichung

einer *Auswahl* auf Unkosten einer Menge) sind die Bedingungen alles

Wachstums.

IV. Die *Vieldeutigkeit* der Welt als Frage der *Kraft*, welche

alle Dinge unter der *Perspektive ihres Wachstums* ansieht.

Die moralisch-christlichen Werturteile als Sklavenaufstand und

Sklavenlügenhaftigkeit (gegen die aristokratischen Werte der *antiken*

Welt).

63.

Ich fand noch *keinen* Grund zur Entmutigung. Wer sich einen *starken

Willen* bewahrt und anerzogen hat, zugleich mit einem weiten Geiste,

hat günstigere Chancen als je. Denn die *Dressierbarkeit* der

Menschen ist in diesem demokratischen Europa sehr groß geworden;

Menschen, welche leicht lernen, leicht sich fügen, sind die Regel: das

Herdentier, sogar höchst intelligent, ist präpariert. Wer befehlen

kann, findet die, welche gehorchen *müssen*: ich denke zum Beispiel an

Napoleon und Bismarck. Die Konkurrenz mit starken und unintelligenten

Willen, welche am meisten hindert, ist gering. Wer wirft diese Herren

„Objektiven“ mit schwachem Willen, wie Ranke oder Renan, nicht um!

64.

Der Sozialismus -- als die zu Ende gedachte *Tyrannei* der Geringsten

und Dümmsten, das heißt der Oberflächlichen, Neidischen und der

Dreiviertels-Schauspieler -- ist in der Tat die Schlußfolgerung der

„modernen Ideen“ und ihres latenten Anarchismus: aber in der lauen

Luft eines demokratischen Wohlbefindens erschlafft das Vermögen, zu

Schlüssen oder gar zum *Schluß* zu kommen. Man folgt, aber man folgert

nicht mehr. Deshalb ist der Sozialismus im ganzen eine hoffnungslose,

säuerliche Sache: und nichts ist lustiger anzusehen als der Widerspruch

zwischen den giftigen und verzweifelten Gesichtern, welche heute die

Sozialisten machen -- und von was für erbärmlichen, gequetschten

Gefühlen legt gar ihr Stil Zeugnis ab! -- und dem harmlosen

Lämmerglück ihrer Hoffnungen und Wünschbarkeiten. Dabei kann es doch

an vielen Orten Europas ihrerseits zu gelegentlichen Handstreichen

und Überfällen kommen: dem nächsten Jahrhundert wird es hier und da

gründlich im Leibe „rumoren“, und die Pariser Kommune, welche auch in

Deutschland ihre Schutzredner und Fürsprecher hat, war vielleicht nur

eine leichtere Unverdaulichkeit gewesen an dem, was kommt. Trotzdem

wird es immer zu viel Besitzende geben, als daß der Sozialismus mehr

bedeuten könnte als einen Krankheitsanfall: und diese Besitzenden

sind wie Ein Mann Eines Glaubens, „man muß etwas besitzen, um etwas

zu *sein*“. Dies aber ist der älteste und gesündeste aller Instinkte:

ich würde hinzufügen „man muß mehr haben wollen als man hat, um mehr

zu *werden*“. So nämlich klingt die Lehre, welche allem, was lebt,

durch das Leben selber gepredigt wird: die Moral der Entwicklung.

Haben und mehr haben wollen, *Wachstum* mit einem Wort -- das ist das

Leben selber. In der Lehre des Sozialismus versteckt sich schlecht

ein „Wille zur Verneinung des Lebens“; es müssen mißratene Menschen

oder Rassen sein, welche eine solche Lehre ausdenken. In der Tat, ich

wünschte, es würde durch einige große Versuche bewiesen, daß in einer

sozialistischen Gesellschaft das Leben sich selber verneint, sich

selber die Wurzeln abschneidet. Die Erde ist groß genug und der Mensch

immer noch unausgeschöpft genug, als daß mir eine derart praktische

Belehrung und ~demonstratio ad absurdum~, selbst wenn sie mit einem

ungeheuren Aufwand von Menschenleben gewonnen und bezahlt würde,

nicht wünschenswert erscheinen müßte. Immerhin, schon als unruhiger

Maulwurf unter dem Boden einer in der Dummheit rollenden Gesellschaft

wird der Sozialismus etwas Nützliches und Heilsames sein können: er

verzögert den „Frieden auf Erden“ und die gänzliche Vergutmütigung des

demokratischen Herdentieres, er zwingt die Europäer, Geist, nämlich

List und Vorsicht, übrig zu behalten, den männlichen und kriegerischen

Tugenden nicht gänzlich abzuschwören und einen Rest von Geist, von

Klarheit, Trockenheit und Kälte des Geistes übrig zu behalten, -- er

schützt Europa einstweilen vor dem ihm drohenden ~marasmus femininus~.

65.

Ich *freue* mich der militärischen Entwicklung Europas, auch

der inneren anarchistischen Zustände: die Zeit der Ruhe und des

Chinesentums, welche Galiani für dies Jahrhundert voraussagte, ist

vorbei. Persönliche *männliche* Tüchtigkeit, Leibestüchtigkeit bekommt

wieder Wert, die Schätzungen werden physischer, die Ernährungen

fleischlicher. Schöne Männer werden wieder möglich. Die blasse

Duckmäuserei (mit Mandarinen an der Spitze, wie Comte träumte) ist

vorbei. Der Barbar ist in jedem von uns *bejaht*, auch das wilde Tier.

*Gerade deshalb* wird es mehr werden mit den Philosophen. -- Kant ist

eine Vogelscheuche, irgendwann einmal!

66.

*Die günstigsten Hemmungen und Remeduren der Modernität*:

1. die allgemeine *Wehrpflicht* mit wirklichen Kriegen, bei denen der

Spaß aufhört;

2. die *nationale* Borniertheit (vereinfachend, konzentrierend);

3. die verbesserte *Ernährung* (Fleisch);

4. die zunehmende *Reinlichkeit* und Gesundheit der Wohnstätten;

5. die Vorherrschaft der *Physiologie* über Theologie, Moralistik,

Ökonomie und Politik;

6. die militärische Strenge in der Forderung und Handhabung seiner

„Schuldigkeit“ (man *lobt* nicht mehr....).

67.

Wenn irgend etwas erreicht ist, so ist es ein harmloseres Verhalten

zu den Sinnen, eine freudigere, wohlwollendere, Goetheschere Stellung

zur Sinnlichkeit; insgleichen eine stolzere Empfindung in betreff des

Erkennens: so daß der „reine Tor“ wenig Glauben findet.

68.

Wenn irgend etwas unsere *Vermenschlichung*, einen wahren,

tatsächlichen *Fortschritt* bedeutet, so ist es, daß wir keine

exzessiven Gegensätze, überhaupt keine Gegensätze mehr brauchen....

Wir dürfen die Sinne lieben, wir haben sie in jedem Grade vergeistigt

und artistisch gemacht;

wir haben ein Recht auf alle die Dinge, die am schlimmsten bisher

*verrufen* waren.

69.

Daß man den Menschen den *Mut* zu ihren Naturtrieben wiedergibt --

Daß man ihrer *Selbstunterschätzung* steuert (*nicht* der des Menschen

als Individuums, sondern der des Menschen als Natur....) --

Daß man die *Gegensätze* herausnimmt aus den Dingen, nachdem man

begreift, daß wir sie hineingelegt haben --

Daß man die *Gesellschafts-Idiosynkrasie* aus dem Dasein überhaupt

herausnimmt (Schuld, Strafe, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Freiheit,

Liebe usw.) --

Fortschritt zur „*Natürlichkeit*“: in allen politischen Fragen, auch

im Verhältnis von Parteien, selbst von merkantilen oder Arbeiter- oder

Unternehmerparteien, handelt es sich um *Machtfragen* -- „was man

*kann*“ und erst daraufhin, was man *soll*.

70.

*Die Umkehrung der Rangordnung.* -- Die frommen Falschmünzer,

die Priester, werden unter uns zu Tschandalas: -- sie nehmen die

Stellung der Charlatans, der Quacksalber, der Falschmünzer, der

Zauberer ein: wir halten sie für Willensverderber, für die großen

Verleumder und Rachsüchtigen des Lebens, für die *Empörer* unter den

Schlechtweggekommenen. Wir haben aus der Dienstbotenkaste, den Sudras,

unsern Mittelstand gemacht, unser „Volk“, das, was die politische

Entscheidung in den Händen hat.

Dagegen ist der Tschandala von ehemals obenauf: voran die

*Gotteslästerer*, *die Immoralisten*, die Freizügigen jeder Art, die

Artisten, die Juden, die Spielleute, -- im Grunde alle *verrufenen*

Menschenklassen --.

Wir haben uns zu *ehrenhaften* Gedanken emporgehoben, mehr noch, wir

*bestimmen* die Ehre auf Erden, die „Vornehmheit“.... Wir alle sind

heute die *Fürsprecher des Lebens* --. Wir *Immoralisten* sind heute

die *stärkste Macht*: die großen andern Mächte brauchen uns.... wir

konstruieren die Welt nach unserm Bilde --

Wir haben den Begriff „Tschandala“ auf die *Priester*,

*Jenseits-Lehrer* und die mit ihnen verwachsene *christliche

Gesellschaft* übertragen, hinzugenommen, was gleichen Ursprungs

ist, die Pessimisten, Nihilisten, Mitleids-Romantiker, Verbrecher,

Lasterhaften, -- die gesamte Sphäre, wo der Begriff „Gott“ als

*Heiland* imaginiert wird....

Wir sind stolz darauf, keine Lügner mehr sein zu müssen, keine

Verleumder, keine Verdächtiger des Lebens....

71.

Das *Problem des neunzehnten Jahrhunderts*. Ob seine starke und

schwache Seite zueinander gehören? Ob es aus Einem Holze geschnitzt

ist? Ob die Verschiedenheit seiner Ideale und deren Widerspruch in

einem höheren Zweck bedingt ist: als etwas Höheres? -- Denn es konnte

die *Vorbestimmung zur Größe* sein, in diesem Maße in heftiger Spannung

zu wachsen. Die Unzufriedenheit, der Nihilismus *könnte* ein *gutes

Zeichen sein*.

72.

*Die Vernatürlichung des Menschen im 19. Jahrhundert* (-- das 18.

Jahrhundert ist das der Eleganz, der Feinheit und der ~sentiments

généreux~). -- Nicht „Rückkehr zur Natur“: denn es gab noch niemals

eine natürliche Menschheit. Die Scholastik un- und *wider*natürlicher

Werte ist die Regel, ist der Anfang; zur Natur kommt der Mensch nach

langem Kampfe, -- er kehrt nie „zurück“.... Die Natur: das heißt, es

wagen, unmoralisch zu sein wie die Natur.

Wir sind gröber, direkter, voller Ironie gegen generöse Gefühle, selbst

wenn wir ihnen unterliegen.

Natürlicher ist unsre erste *Gesellschaft*, die der Reichen, der

Müßigen: man macht Jagd aufeinander, die Geschlechtsliebe ist eine

Art Sport, bei dem die Ehe ein Hindernis und einen Reiz abgibt; man

unterhält sich und lebt um des Vergnügens willen; man schätzt die

körperlichen Vorzüge in erster Linie, man ist neugierig und gewagt.

Natürlich ist unsere Stellung zur *Erkenntnis*: wir haben die

Libertinage des Geistes in aller Unschuld, wir hassen die pathetischen

und hieratischen Manieren, wir ergötzen uns am Verbotensten, wir wüßten

kaum noch ein Interesse der Erkenntnis, wenn wir uns auf dem Wege zu

ihr zu langweilen hätten.

Natürlicher ist unsere Stellung zur *Moral*. Prinzipien sind lächerlich

geworden; niemand erlaubt sich ohne Ironie mehr von seiner „Pflicht“ zu

reden. Aber man schätzt eine hilfreiche, wohlwollende Gesinnung (-- man

sieht im *Instinkt* die Moral und dédaigniert den Rest. Außerdem ein

paar Ehrenpunktsbegriffe --).

Natürlicher ist unsere Stellung ~in politicis~: wir sehen Probleme der

Macht, des Quantums Macht gegen ein anderes Quantum. Wir glauben nicht

an ein Recht, das nicht auf der Macht ruht, sich durchzusetzen: wir

empfinden alle Rechte als Eroberungen.

Natürlicher ist unsre Schätzung *großer Menschen und Dinge*: wir

rechnen die Leidenschaft als ein Vorrecht, wir finden nichts groß, wo

nicht ein großes Verbrechen einbegriffen ist; wir konzipieren alles

Groß-sein als ein Sich-außerhalb-stellen in bezug auf Moral.

Natürlicher ist unsere Stellung zur *Natur*: wir lieben sie nicht mehr

um ihrer „Unschuld“, „Vernunft“, „Schönheit“ willen, wir haben sie

hübsch „verteufelt“ und „verdummt“. Aber statt sie darum zu verachten,

fühlen wir uns seitdem verwandter und heimischer in ihr. Sie aspiriert

*nicht* zur Tugend: wir achten sie deshalb.

Natürlicher ist unsere Stellung zur *Kunst*: wir verlangen nicht von

ihr die schönen Scheinlügen usw.; es herrscht der brutale Positivismus,

welcher konstatiert, ohne sich zu erregen.

~In summa~: es gibt Anzeichen dafür, daß der Europäer des 19.

Jahrhunderts sich weniger seiner Instinkte schämt; er hat einen guten

Schritt dazu gemacht, sich einmal seine unbedingte Natürlichkeit,

das heißt seine Unmoralität, einzugestehen, *ohne Erbitterung*: im

Gegenteil, stark genug dazu, diesen Anblick allein noch auszuhalten.

Das klingt in gewissen Ohren, wie als ob die *Korruption*

fortgeschritten wäre: und gewiß ist, daß der Mensch sich nicht

der „*Natur*“ angenähert hat, von der *Rousseau* redet, sondern

einen Schritt weiter getan hat in der Zivilisation, welche er

*perhorreszierte*. Wir haben uns *verstärkt*: wir sind dem 17.

Jahrhundert wieder näher gekommen, dem Geschmack seines Endes

namentlich (Dancourt, Lesage, Regnard).

73.

*Fortschritt* des neunzehnten Jahrhunderts gegen das achtzehnte (-- im

Grunde führen wir *guten Europäer* einen Krieg gegen das achtzehnte

Jahrhundert --):

1. „Rückkehr zur Natur“ immer entschiedener im umgekehrten Sinne

verstanden, als es Rousseau verstand. *Weg vom Idyll und der Oper!*

2. immer entschiedener antiidealistisch, gegenständlicher, furchtloser,

arbeitsamer, maßvoller, mißtrauischer gegen plötzliche Veränderungen,

*antirevolutionär*;

3. immer entschiedener die Frage der *Gesundheit des Leibes* der „der

Seele“ voranstellend: letztere als einen Zustand in Folge der ersteren

begreifend, diese mindestens als die Vorbedingung der Gesundheit der

Seele.

74.

*Das 20. Jahrhundert.* -- Der Abbé Galiani sagt einmal: ~La prévoyance

est la cause des guerres actuelles de l'Europe. Si l'on voulait se

donner la peine de ne rien prévoir, tout le monde serait tranquille, et

je ne crois pas qu'on serait plus malheureux parce qu'on ne ferait pas

la guerre.~ Da ich durchaus nicht die unkriegerischen Ansichten meines

verstorbenen Freundes Galiani teile, so fürchte ich mich nicht davor,

einiges vorherzusagen und möglicherweise damit die Ursache von Kriegen

heraufzubeschwören.

Eine ungeheure *Besinnung*, nach dem schrecklichsten Erdbeben: mit

neuen Fragen.

75.

Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens · 第 3 / 29 段