vermöge deren das Ziel *von außen her* gestellt, gegeben, gefordert
schien -- nämlich durch irgendeine *übermenschliche Autorität*. Nachdem
man verlernt hat, an diese zu glauben, sucht man doch nach alter
Gewöhnung nach einer *anderen* Autorität, welche *unbedingt zu reden
wüßte* und Ziele und Aufgaben *befehlen könnte*. Die Autorität des
*Gewissens* tritt jetzt in erster Linie (je mehr emanzipiert von der
Theologie, um so imperativischer wird die *Moral*) als Schadenersatz
für eine *persönliche* Autorität. Oder die Autorität der *Vernunft*.
Oder der *soziale Instinkt* (die Herde). Oder die *Historie* mit
einem immanenten Geist, welche ihr Ziel in sich hat und der man sich
*überlassen kann*. Man möchte *herumkommen* um den *Willen*, um das
*Wollen* eines Zieles, um das Risiko, *sich selbst* ein Ziel zu geben;
man möchte die Verantwortung abwälzen (-- man würde den *Fatalismus*
akzeptieren). Endlich: *Glück*, und, mit einiger Tartüfferie, das
*Glück der Meisten*.
Man sagt sich
1. ein bestimmtes Ziel ist gar nicht nötig,
2. ist gar nicht möglich vorherzusehen.
Gerade jetzt, wo der *Wille* in der *höchsten Kraft nötig* wäre, ist er
am *schwächsten* und *kleinmütigsten*. *Absolutes Mißtrauen gegen die
organisatorische Kraft* des Willens *fürs Ganze*.
29.
Der Nihilismus ist nicht nur eine Betrachtsamkeit über das „Umsonst!“
und nicht nur der Glaube, daß alles wert ist, zugrunde zu gehen: man
legt Hand an, man *richtet zugrunde*.... Das ist, wenn man will,
*unlogisch*: aber der Nihilist glaubt nicht an die Nötigung, logisch zu
sein.... Es ist der Zustand starker Geister und Willen: und solchen ist
es nicht möglich, bei dem Nein „des Urteils“ stehen zu bleiben: -- das
*Nein der Tat* kommt aus ihrer Natur. Der Vernichtsung durch das Urteil
sekundiert die Vernichtsung durch die Hand.
30.
*Zur Genesis des Nihilisten.* -- Man hat nur spät den Mut zu dem, was
man eigentlich *weiß*. Daß ich von Grund aus bisher Nihilist gewesen
bin, das habe ich mir erst seit kurzem eingestanden: die Energie, der
Radikalismus, mit dem ich als Nihilist vorwärts ging, täuschte mich
über diese Grundtatsache. Wenn man einem Ziele entgegengeht, so scheint
es unmöglich, daß „die Ziellosigkeit an sich“ unser Glaubensgrundsatz
ist.
31.
Der philosophische Nihilist ist der Überzeugung, daß alles Geschehen
sinnlos und umsonstig ist; und es sollte kein sinnloses und umsonstiges
Sein geben. Aber woher dieses: Es sollte nicht? Aber woher nimmt
man *diesen* „Sinn“, *dieses* Maß? -- Der Nihilist meint im Grunde,
der Hinblick auf ein solches ödes, nutzloses Sein wirke auf einen
Philosophen *unbefriedigend*, öde, verzweifelt. Eine solche Einsicht
widerspricht unserer feineren Sensibilität als Philosophen. Es läuft
auf die absurde Wertung hinaus: der Charakter des Daseins *müßte dem
Philosophen Vergnügen machen*, wenn anders es zu Recht bestehen soll....
Nun ist leicht zu begreifen, daß Vergnügen und Unlust innerhalb des
Geschehens nur den Sinn von *Mitteln* haben können: es bliebe übrig, zu
fragen, ob wir den „Sinn“, „Zweck“ überhaupt sehen *könnten*, ob nicht
die Frage der Sinnlosigkeit oder ihres Gegenteils für uns unlösbar ist.
--
32.
*Die Arten der Selbstbetäubung.* -- Im Innersten: nicht wissen,
wohinaus? *Leere.* Versuch, mit Rausch darüber hinwegzukommen:
Rausch als Musik, Rausch als Grausamkeit im tragischen Genuß des
Zugrundegehens des Edelsten, Rausch als blinde Schwärmerei für
einzelne *Menschen* oder *Zeiten* (als Haß usw.). -- Versuch,
besinnungslos zu arbeiten, als Werkzeug der Wissenschaft: das Auge
offen machen für die vielen kleinen Genüsse, zum Beispiel auch als
Erkennender (Bescheidenheit gegen sich); die Bescheidung über sich zu
generalisieren, zu einem Pathos; die Mystik, der wollüstige *Genuß*
der ewigen Leere; die Kunst „um ihrer selber willen“ („~le fait~“),
das „reine Erkennen“ als Narkosen des Ekels an *sich* selber; irgend
welche beständige Arbeit, *irgend*ein kleiner dummer Fanatismus; das
Durcheinander aller Mittel, Krankheit durch allgemeine Unmäßigkeit (die
Ausschweifung tötet das Vergnügen).
1. Willensschwäche als Resultat.
2. Extremer Stolz und die Demütigung kleinlicher Schwäche im Kontrast
*gefühlt*.
33.
Der *unvollständige* Nihilismus, seine Formen: wir leben mitten drin.
Die Versuche, dem Nihilismus zu entgehen, *ohne* die bisherigen Werte
umzuwerten: bringen das Gegenteil hervor, verschärfen das Problem.
34.
1. Der Nihilismus steht vor der Tür: woher kommt uns dieser
unheimlichste aller Gäste? -- Ausgangspunkt: es ist ein *Irrtum*,
auf „soziale Notstände“ oder „physiologische Entartungen“ oder gar
auf Korruption hinzuweisen als *Ursache* des Nihilismus. Es ist
die honnetteste, mitfühlendste Zeit. Not, seelische, leibliche,
intellektuelle Not ist an sich durchaus nicht vermögend, Nihilismus
(das heißt, die radikale Ablehnung von Wert, Sinn, Wünschbarkeit)
hervorzubringen. Diese Nöte erlauben immer noch ganz verschiedene
Ausdeutungen. Sondern: in einer *ganz bestimmten Ausdeutung*, in der
christlich-moralischen, steckt der Nihilismus.
2. Der Untergang des Christentums -- an seiner *Moral* (die unablösbar
ist --), welche sich gegen den christlichen Gott wendet (der Sinn
der Wahrhaftigkeit, durch das Christentum hoch entwickelt, bekommt
*Ekel* vor der Falschheit und Verlogenheit aller christlichen Welt-
und Geschichtsdeutung. Rückschlag von „Gott ist die Wahrheit“ in den
fanatischen Glauben „Alles ist falsch“. Buddhismus der *Tat*...).
3. Skepsis an der Moral ist das Entscheidende. Der Untergang der
*moralischen* Weltauslegung, die keine *Sanktion* mehr hat, nachdem
sie versucht hat, sich in eine Jenseitigkeit zu flüchten: endet in
Nihilismus. „Alles hat keinen Sinn“ (die Undurchführbarkeit einer
Weltauslegung, der ungeheure Kraft gewidmet worden ist -- erweckt
das Mißtrauen, ob nicht *alle* Weltauslegungen falsch sind --).
Buddhistischer Zug, Sehnsucht ins Nichts. (Der indische Buddhismus hat
nicht eine grundmoralische Entwicklung hinter sich, deshalb ist bei
ihm im Nihilismus nur unüberwundene Moral: Dasein als Strafe, Dasein
als Irrtum kombiniert, der Irrtum also als Strafe -- eine moralische
Wertschätzung). Die philosophischen Versuche, den „moralischen Gott“
zu überwinden (Hegel, Pantheismus); Überwindung der volkstümlichen
Ideale: der Weise, der Heilige; der Dichter. Antagonismus von „wahr“
und „schön“ und „gut“ -- --
4. Gegen die „Sinnlosigkeit“ einerseits, gegen die moralischen
Werturteile andererseits: inwiefern alle Wissenschaft und Philosophie
bisher unter moralischen Urteilen stand? und ob man nicht die
Feindschaft der Wissenschaft mit in den Kauf bekommt? Oder die
Antiwissenschaftlichkeit? Kritik des Spinozismus. Die christlichen
Werturteile überall in den sozialistischen und positivistischen
Systemen rückständig. Es fehlt eine *Kritik der christlichen Moral*.
5. Die nihilistischen Konsequenzen der jetzigen Naturwissenschaft
(nebst ihren Versuchen, ins Jenseitige zu entschlüpfen). Aus ihrem
Betriebe *folgt* endlich eine Selbstzersetzung, eine Wendung gegen
*sich*, eine Antiwissenschaftlichkeit. Seit Kopernikus rollt der Mensch
aus dem Zentrum ins ~x~.
6. Die nihilistischen Konsequenzen der politischen und
volkswirtschaftlichen Denkweise, wo alle „Prinzipien“ nachgerade zur
Schauspielerei gehören: der Hauch von Mittelmäßigkeit, Erbärmlichkeit,
Unaufrichtigkeit usw. Der Nationalismus. Der Anarchismus usw. Strafe.
Es fehlt der *erlösende* Stand und Mensch, die Rechtfertiger --
7. Die nihilistischen Konsequenzen der Historie und der „*praktischen*
Historiker“, das heißt der Romantiker. Die Stellung der Kunst: absolute
Unoriginalität ihrer Stellung in der modernen Welt. Ihre Verdüsterung.
Goethes angebliches Olympiertum.
8. Die Kunst und die Vorbereitung des Nihilismus: Romantik (Wagners
Nibelungen-Schluß).
35.
Der moderne Pessimismus ist ein Ausdruck von der Nutzlosigkeit der
*modernen* Welt, -- nicht *der* Welt und *des* Daseins.
36.
Das *allgemeinste Zeichen der modernen Zeit*: der Mensch hat in seinen
eigenen Augen unglaublich an *Würde* eingebüßt. Lange als Mittelpunkt
und Tragödienheld des Daseins überhaupt; dann wenigstens bemüht, sich
als verwandt mit der entscheidenden und an sich wertvollen Seite des
Daseins zu beweisen -- wie es alle Metaphysiker tun, die die *Würde des
Menschen* festhalten wollen, mit ihrem Glauben, daß die moralischen
Werte kardinale Werte sind. Wer Gott fahren ließ, hält um so strenger
am Glauben an die Moral fest.
37.
Ursachen für die *Heraufkunft des Pessimismus*:
1. daß die mächtigsten und zukunftsvollsten Triebe des Lebens bisher
*verleumdet* sind, so daß das Leben einen Fluch über sich hat;
2. daß die wachsende Tapferkeit und Redlichkeit und das kühnere
Mißtrauen des Menschen die *Unablösbarkeit dieser Instinkte* vom Leben
begreift und dem Leben sich entgegenwendet;
3. daß nur die *Mittelmäßigsten*, die jenen Konflikt gar nicht
*fühlen*, gedeihen, die höhere Art mißrät und als Gebilde der Entartung
gegen sich einnimmt, -- daß andererseits das Mittelmäßige, sich als
Ziel und Sinn gebend, *indigniert* (-- daß niemand *ein Wozu*? mehr
beantworten kann --);
4. daß die Verkleinerung, die Schmerzfähigkeit, die Unruhe, die Hast,
das Gewimmel beständig zunimmt, -- daß die *Vergegenwärtigung* dieses
ganzen Treibens, der sogenannten „Zivilisation“, immer leichter wird,
daß der einzelne angesichts dieser ungeheuren Maschinerie *verzagt* und
sich *unterwirft*.
38.
Welche *Vorteile* bot die christliche Moralhypothese?
1. Sie verlieh dem Menschen einen absoluten *Wert*, im Gegensatz zu
seiner Kleinheit und Zufälligkeit im Strom des Werdens und Vergehens;
2. sie diente den Advokaten Gottes, insofern sie der Welt trotz Leid
und Übel den Charakter der *Vollkommenheit* ließ, -- eingerechnet jene
„Freiheit“ -- das Übel erschien voller *Sinn*;
3. sie setzte ein *Wissen* um absolute Werte beim Menschen an und gab
ihm somit gerade für das Wichtigste *adäquate Erkenntnis*;
4. sie verhütete, daß der Mensch sich als Mensch verachtete, daß er
gegen das Leben Partei nahm, daß er am Erkennen verzweifelte: sie war
ein *Erhaltungsmittel*.
~In summa~: Moral war das große *Gegenmittel* gegen den praktischen und
theoretischen *Nihilismus*.
39.
Die Zeit kommt, wo wir dafür *bezahlen* müssen, zwei Jahrtausende lang
*Christen* gewesen zu sein: wir verlieren das *Schwergewicht*, das uns
leben ließ, -- wir wissen eine Zeitlang nicht, wo aus noch ein. Wir
stürzen jählings in die *entgegengesetzten* Wertungen, mit dem gleichen
Maße von Energie, das eben eine solche extreme *Überwertung* des
Menschen im Menschen erzeugt hat.
Jetzt ist alles durch und durch falsch, „Wort“, durcheinander, schwach
oder überspannt:
a) man versucht eine Art von *irdischer Lösung*, aber im gleichen
Sinne, in dem des *schließlichen Triumphs* von Wahrheit, Liebe,
Gerechtigkeit (der Sozialismus: „Gleichheit der Person“);
b) man versucht ebenfalls das *Moral-Ideal* festzuhalten (mit
dem Vorrang des Unegoistischen, der Selbstverleugnung, der
Willensverneinung);
c) man versucht selbst das „Jenseits“ festzuhalten: sei es auch nur
als antilogisches ~x~; aber man deutet es sofort so aus, daß eine Art
metaphysischer Trost alten Stils aus ihm gezogen werden kann;
d) man versucht die *göttliche Leitung alten Stils*, die belohnende,
bestrafende, erziehende, zum *Besseren* führende Ordnung der Dinge aus
dem Geschehen herauszulesen;
e) man glaubt nach wie vor an Gut und Böse: so, daß man den Sieg des
Guten und die Vernichtung des Bösen als *Aufgabe* empfindet (-- das ist
englisch, typischer Fall der Flachkopf John Stuart Mill);
f) die Verachtung der „Natürlichkeit“, der Begierde, des ~ego~:
Versuch, selbst die höchste Geistlichkeit und Kunst als Folge einer
Entpersönlichung und als ~désintéressement~ zu verstehen;
g) man erlaubt der *Kirche*, sich immer noch in alle wesentlichen
Erlebnisse und Hauptpunkte des Einzellebens einzudrängen, um
ihnen *Weihe*, *höheren Sinn* zu geben: wir haben noch immer den
„christlichen Staat“, die „christliche Ehe“ --
40.
Aber unter den Kräften, die die Moral großzog, war die
*Wahrhaftigkeit*: *diese* wendet sich endlich gegen die Moral, entdeckt
ihre *Teleologie*, ihre *interessierte* Betrachtung -- und jetzt
wirkt die *Einsicht* in diese lange eingefleischte Verlogenheit,
die man verzweifelt, von sich abzutun, gerade als Stimulans. Wir
konstatieren jetzt Bedürfnisse an uns, gepflanzt durch die lange
Moral-Interpretation, welche uns jetzt als Bedürfnisse zum Unwahren
erscheinen: andererseits sind es die, an denen der Wert zu hängen
scheint, derentwegen wir zu leben aushalten. Dieser Antagonismus
-- das, was wir erkennen, *nicht* zu schätzen und das, was wir uns
vorlügen möchten, nicht mehr schätzen zu *dürfen* -- ergibt einen
Auflösungsprozeß.
41.
Dies ist die *Antinomie*:
Sofern wir an die Moral glauben, *verurteilen* wir das Dasein.
42.
Die obersten Werte, in deren Dienst der Mensch leben *sollte*,
namentlich wenn sie sehr schwer und kostspielig über ihn verfügten,
-- diese *sozialen Werte* hat man zum Zweck ihrer *Tonverstärkung*,
wie als ob sie Kommandos Gottes wären, als „Realität“, als „wahre“
Welt, als Hoffnung und *zukünftige* Welt über dem Menschen aufgebaut.
Jetzt, wo die mesquine Herkunft dieser Werke klar wird, scheint uns
das All damit entwertet, „sinnlos“ geworden, -- aber das ist nur ein
*Zwischenzustand*.
43.
*Ursachen des Nihilismus*:
1. *Es fehlt die höhere Spezies*, das heißt die, deren unerschöpfliche
Fruchtbarkeit und Macht den Glauben an den Menschen aufrecht erhält.
(Man denke, was man Napoleon verdankt: fast alle höheren Hoffnungen
dieses Jahrhunderts.)
2. *Die niedere Spezies* („Herde“, „Masse“, „Gesellschaft“) verlernt
die Bescheidenheit und bauscht ihre Bedürfnisse zu *kosmischen*
und *metaphysischen* Werten auf. Dadurch wird das ganze Dasein
*vulgarisiert*: insofern nämlich die *Masse* herrscht, tyrannisiert
sie die *Ausnahmen*, so daß diese den Glauben an sich verlieren und
*Nihilisten* werden.
Alle Versuche, *höhere Typen auszudenken*, *manquiert* („Romantik“; der
Künstler, der Philosoph; gegen Carlyles Versuch, ihnen die höchsten
Moralwerte zuzulegen).
*Widerstand* gegen höhere Typen als Resultat.
*Niedergang* und *Unsicherheit aller höheren Typen*. Der Kampf gegen
das Genie („Volkspoesie“ usw.). Mitleid mit den Niederen und Leidenden
als *Maßstab* für die *Höhe der Seele*.
Es *fehlt der Philosoph*, der Ausdeuter der Tat, *nicht* nur der
Umdichter.
44.
Die *nihilistische* Konsequenz (der Glaube an die Wertlosigkeit)
als Folge der moralischen Wertschätzung: -- *das Egoistische ist
uns verleidet* (selbst nach der Einsicht in die Unmöglichkeit des
Unegoistischen); -- *das Notwendige ist uns verleidet* (selbst nach
der Einsicht in die Unmöglichkeit eines ~liberum arbitrium~ und einer
„intelligiblen Freiheit“). Wir sehen, daß wir die Sphäre, wohin wir
unsere Werte gelegt haben, nicht erreichen -- damit hat die andere
Sphäre, in der wir leben, noch *keineswegs* an Wert gewonnen: im
Gegenteil, wir sind *müde*, weil wir den Hauptantrieb verloren haben.
„Umsonst bisher!“
45.
Man hat neuerdings mit einem zufälligen und in jedem Betracht
unzutreffenden Wort viel Mißbrauch getrieben: redet überall von
„*Pessimismus*“, man kämpft um die Frage, auf die es Antworten geben
müsse, wer recht habe, der Pessimismus oder der Optimismus.
Man hat nicht begriffen, was doch mit Händen zu greifen: daß
Pessimismus kein Problem, sondern ein *Symptom* ist, -- daß der
Name ersetzt werden müsse durch „*Nihilismus*“, -- daß die Frage,
ob Nichtsein besser ist als Sein, selbst schon eine Krankheit, ein
Niedergangsanzeichen, eine Idiosynkrasie ist.
Die nihilistische Bewegung ist nur der Ausdruck einer physiologischen
~décadence~.
46.
Grundeinsicht über das Wesen der ~décadence~: *was man bisher als deren
Ursachen angesehen hat, sind deren Folgen*.
Damit verändert sich die ganze Perspektive *der moralischen Probleme*.
Der ganze Moralkampf gegen Laster, Luxus, Verbrechen, selbst Krankheit
erscheint als Naivität, als überflüssig: -- es gibt keine „*Besserung*“
(gegen die *Reue*).
Die ~décadence~ selbst ist nichts, *was zu bekämpfen wäre*: sie ist
absolut notwendig und jeder Zeit und jedem Volk eigen. *Was* mit aller
Kraft zu bekämpfen ist, das ist die Einschleppung des Kontagiums in die
gesunden Teile des Organismus.
Tut man das? Man tut das *Gegenteil*. Genau darum bemüht man sich
seitens der *Humanität*.
-- Wie verhalten sich zu dieser *biologischen* Grundfrage die
bisherigen *obersten Werte*? Die Philosophie, die Religion, die Moral,
die Kunst usw.
(Die Kur: zum Beispiel der *Militarismus*, von Napoleon an, der in der
Zivilisation seine natürliche Feindin sah.)
47.
*Zum Begriff* „~décadence~“.
1. Die Skepsis ist eine Folge der ~décadence~: ebenso wie die
Libertinage des Geistes.
2. Die Korruption der Sitten ist eine Folge der ~décadence~ (Schwäche
des Willens, Bedürfnis starker Reizmittel....).
3. Die Kurmethoden, die psychologischen und moralischen, verändern
nicht den Gang der ~décadence~, sie halten nicht auf, sie sind
physiologisch *null* -- :
Einsicht in die *große Nullität* dieser anmaßlichen „Reaktionen“; es
sind Formen der Narkotisierung gegen gewisse fatale Folgeerscheinungen;
sie bringen das morbide Element nicht heraus; sie sind oft heroische
Versuche, den Menschen der ~décadence~ zu annullieren, ein Minimum
seiner *Schädlichkeit* durchzusetzen.
4. Der Nihilismus ist keine Ursache, sondern nur die Logik der
~décadence~.
5. Der „Gute“ und der „Schlechte“ sind nur zwei Typen der ~décadence~:
sie halten zueinander in allen Grundphänomenen.
6. *Die soziale Frage* ist eine Folge der ~décadence~.
7. Die Krankheiten, vor allem die Nerven- und Kopfkrankheiten,
sind Anzeichen, daß die *Defensiv*kraft der starken Natur fehlt;
ebendafür spricht die Irritabilität, so daß *Lust* und *Unlust* die
Vordergrundsprobleme werden.
48.
Allgemeinste Typen der ~décadence~:
1. Man wählt im *Glauben*, Heilmittel zu wählen, das, was die
Erschöpfung beschleunigt; -- dahin gehört das Christentum (um den
größten Fall des fehlgreifenden Instinkts zu nennen); -- dahin gehört
der „Fortschritt“ --
2. Man verliert die *Widerstandskraft* gegen die Reize, -- man wird
bedingt durch die Zufälle: man vergröbert und vergrößert die Erlebnisse
ins Ungeheure.... eine „Entpersönlichung“, eine Disgregation des
Willens; -- dahin gehört eine ganze Art Moral, die altruistische,
die, welche das Mitleiden im Munde führt: an der das Wesentliche die
Schwäche der Persönlichkeit ist, so daß sie *mitklingt* und wie eine
überreizte Saite beständig zittert.... eine extreme Irritabilität....
3. Man verwechselt Ursache und Wirkung: man versteht die ~décadence~
nicht als physiologisch und sieht in ihren Folgen die eigentliche
Ursache des Sich-schlecht-befindens; -- dahin gehört die ganze
religiöse Moral....
4. Man ersehnt einen Zustand, wo man nicht mehr leidet: das Leben
wird tatsächlich als Grund zu *Übeln* empfunden, -- man taxiert die
*bewußtlosen*, gefühllosen Zustände (Schlaf, Ohnmacht) unvergleichlich
wertvoller, als die bewußten; daraus eine *Methodik*....
49.
Was sich vererbt, das ist nicht die Krankheit, sondern die
*Krankhaftigkeit*: die Unkraft im Widerstande gegen die Gefahr
schädlicher Einwanderungen usw.; die gebrochene Widerstandskraft;
*moralisch* ausgedrückt: die Resignation und Demut vor dem Feinde.
Ich habe mich gefragt, ob man nicht alle diese obersten Werte der
bisherigen Philosophie, Moral und Religion mit den Werten der
Geschwächten, *Geisteskranken* und *Neurastheniker* vergleichen kann:
sie stellen in einer milderen Form *dieselben Übel* dar....
Der Wert aller morbiden Zustände ist, daß sie in einem
Vergrößerungsglas gewisse Zustände, die normal, aber als normal
schlecht sichtbar sind, zeigen....
*Gesundheit* und *Krankheit* sind nichts wesentlich Verschiedenes,
wie es die alten Mediziner und heute noch einige Praktiker glauben.
Man muß nicht distinkte Prinzipien oder Entitäten daraus machen, die
sich um den lebenden Organismus streiten und aus ihm ihren Kampfplatz
machen. Das ist albernes Zeug und Geschwätz, das zu nichts mehr
taugt. Tatsächlich gibt es zwischen diesen beiden Arten des Daseins
nur Gradunterschiede: die Übertreibung, die Disproportion, die
Nichtharmonie der normalen Phänomene konstituieren den krankhaften
Zustand (Claude Bernard).
So gut „*das Böse*“ betrachtet werden kann als Übertreibung,
Disharmonie, Disproportion, so gut kann „*das Gute*“ eine *Schutzdiät*
gegen die Gefahr der Übertreibung, Disharmonie und Disproportion sein.
Die *erbliche Schwäche*, als *dominierendes* Gefühl: Ursache der
obersten Werte.
Nebenbei: Man *will* Schwäche: warum?.... meistens, weil man
*notwendig* schwach ist.
Die *Schwächung* als *Aufgabe*: Schwächung der Begehrungen, der Lust-
und Unlustgefühle, des Willens zur Macht, zum Stolzgefühl, zum Haben-
und Mehr-haben-wollen; die Schwächung als Demut; die Schwächung als
Glaube; die Schwächung als Widerwille und Scham an allem Natürlichen,
als Verneinung des Lebens, als Krankheit und habituelle Schwäche....
die Schwächung als Verzichtleisten auf Rache, auf Widerstand, auf
Feindschaft und Zorn.
Der *Fehlgriff* in der Behandlung: man will die Schwäche nicht
bekämpfen durch ein ~système fortifiant~, sondern durch eine Art
Rechtfertigung und *Moralisierung*: das heißt durch eine *Auslegung*....
Die *Verwechslung* zweier gänzlich verschiedener Zustände: zum
Beispiel die *Ruhe der Stärke*, welche wesentlich Enthaltung der
Reaktion ist (der Typus der Götter, welche nichts bewegt), -- und
die *Ruhe der Erschöpfung*, die Starrheit, bis zur Anästhesie. Alle
philosophisch-asketischen Prozeduren streben nach der zweiten, aber
meinen in der Tat die erste.... denn sie legen dem erreichten Zustande
die Prädikate bei, wie als ob ein göttlicher Zustand erreicht sei.
50.
*Das gefährlichste Mißverständnis.* -- Es gibt einen Begriff, der
anscheinend keine Verwechslung, keine Zweideutigkeit zuläßt: das ist
der der *Erschöpfung*. Diese kann erworben sein; sie kann ererbt sein,
-- in jedem Falle verändert sie den Aspekt der Dinge, den *Wert der
Dinge*....
Im Gegensatz zu dem, der aus der Fülle, welche er darstellt und
fühlt, unfreiwillig *abgibt* an die Dinge, sie voller, mächtiger,
zukunftsreicher sieht, -- der jedenfalls schenken *kann* --,
verkleinert und verhunzt der Erschöpfte alles, was er sieht, -- er
*verarmt* den Wert: er ist schädlich....
Hierüber scheint kein Fehlgriff möglich: trotzdem enthält die
Geschichte die schauerliche Tatsache, daß die Erschöpften immer
*verwechselt* worden sind mit den Vollsten -- und die Vollsten mit den
Schädlichsten.
Der Arme an Leben, der Schwache, verarmt noch das Leben: der Reiche an
Leben, der Starke, bereichert es.... Der erste ist dessen Parasit: der
zweite ein Hinzu-Schenkender.... Wie ist eine Verwechslung möglich?....
Wenn der Erschöpfte mit der Geberde der höchsten Aktivität und Energie
auftrat (wenn die Entartung einen Exzeß der geistigen oder nervösen
Entladung bedingte), dann *verwechselte* man ihn mit dem Reichen... Er
erregte Furcht... Der Kultus des *Narren* ist immer auch der Kultus
des An-Leben-Reichen, des Mächtigen. Der Fanatiker, der Besessene, der
religiöse Epileptiker, alle Exzentrischen sind als höchste Typen der
Macht empfunden worden: als *göttlich*.