Lesern vor. Die 6. Strophe lautet:
»Juchei! alle Welt!
Juchei in Liebe!
Liebeslust und Wonneschall,
Erd’ und Himmel halten Ball.«
Liebeslust -- Wonneschall und dann noch einen Ball! Das ist entschieden
zu viel. In der richtigen Erwägung, die sträflichen Orgien dieser Welt
dürfen nicht in die Schule verpflanzt werden, strich der Herausgeber.
Schade, daß wir so um eine Bereicherung unserer Poesie gekommen sind.
Wie schön hätte er das umdichten können! Aber vielleicht war es doch
besser so, wenn auch nicht für unsere Literatur, so doch für die
Unverdorbenheit der Kinder.[154]
*
Der preußische Kultusminister hat das »Lesebuch für höhere
Mädchenschulen« von Karl Hessel, das bereits in 6. Auflage vorliegt,
für die paritätische höhere Mädchenschule in Kreuznach verboten wegen
konfessioneller und moralischer Bedenken. Ausdrücklich sind zwei
Bedenken ersterer Art angeführt: erstens heißt es in Peter Roseggers
humoristischer Erzählung »Der Gansräuber«, daß die Staudenbäuerin bei
der Nachricht von der Ermordung ihrer Martinsgans entrüstet ausgerufen
habe: »Das ist ja eine Todsünde gegen den heiligen Martinus!« Es ist
ohne weiteres klar, daß eine solche mangelhafte Beschlagenheit der
Staudenbäuerin in der Dogmatik mit Rücksicht auf die verhängnisvollen
Wirkungen auf die Seelen der höheren Töchter nicht geduldet werden kann.
Dann hat auch Freiligrath in seinem berühmten Gedicht »Am Baum der
Menschheit drängt sich Blüt’ an Blüte«, in dem er die Völker und
Länder mit Blüten vergleicht, in höchst sträflicher Weise auf den
paritätischen Charakter der Schule nicht Rücksicht genommen.
Er spricht nämlich den Gedanken, mit Luthers Auftreten sei eine
Blütezeit angebrochen, als Zukunftsaussicht des Reformators aus. Vor
katholischen Ohren! Man denke! Wie könnten da die Seelen der armen
Schäflein in Anfechtungen fallen!
Die schrecklichen Verse lauten:
»Der Knospe Deutschland auch, Gott sei gepriesen!
Regt sich’s im Schoß! Dem Bersten scheint sie nah,
Frisch, wie sie Hermann auf den Weserwiesen,
Frisch, wie sie Luther vor der Wartburg sah!«
Nicht minder gefahrdrohend wie für das Glaubensleben der Kinder ist das
genannte Buch für ihre Moral. In dem Märchen vom Schlaraffenland heißt
es nach Bechsteins Erzählung, dort flögen gebratene Tauben den Leuten
ins Maul, auch müsse man sich durch einen Reisbrei +durchfressen+, um
ins Land zu kommen. Solche Ausdrücke, sagt der Minister -- übrigens mit
Recht --, dürften Mädchen nicht in den Mund nehmen. Aber einen solch
gesegneten Appetit, daß man sich durch einen Reisberg durch»essen«
kann, hat doch nicht jeder!
In Hebels Gedicht »Der Schneider in Pensa« wird erzählt, wie ein
wohlhabender deutscher Schneider 1812 badische Soldaten zu Pensa in
Rußland bewirtet habe. Es heißt da, der Schneider habe sich schon
vorher auf solche Einquartierung gefreut; er liebte sie, sagt Hebel,
schon zum voraus ungesehenerweise, wie eine Frau ihr Kindlein schon
liebt und ihm Brei geben kann, ehe sie es hat.
Diesen Satz bezeichnet der Minister als anstößig![155]
*
Die Tugendhaftigkeit unserer Zeit macht keineswegs vor der Kastration
von Gedichten und Volksliedern halt. Sie hat auch rückwirkende Kraft.
Jeder wahre Tugendheld muß sein Herz höher schlagen hören, wenn er
wahrnimmt, daß nichts so klein oder kleinlich ist, daß die Sittlichkeit
sich nicht seiner bemächtigt.
Ein Beispiel für viele: Ungezählte Jahre stand in den
Schülerverzeichnissen, die den Jahresberichten der bayerischen
Gymnasien angehängt sind, unter der Rubrik »Stand des Vaters« Privatier
etc. Das ist nunmehr insofern geändert, als bei unehelichen Kindern in
diesem Falle Privatiere stehen würde, also der Stand der Mutter! Die
Folge dieser sittenstrengen Maßnahme ist klar. Die Kinder werden mit
der ihnen eigenen Grausamkeit sich die Schande der Eltern, oder das,
was die Spießbürger so zu nennen pflegen, vorwerfen und damit einen
Wermuttropfen in die Seele des schuldlosen Opfers träufeln. Aber was
schadet das weiter? Wenn nur die Moral gerettet wurde![156]
*
Mit der Prüderie der Behörden und Geistlichkeit kontrastiert
ganz merkwürdig das Verhalten in der Beichte. Der Redakteur der
Aschaffenburger Zeitung Pepi Matthes hat vor einigen Jahren unter
dem Titel »Wenn Kinder beichten. Eine Anklage« ein Schriftchen
herausgegeben, das inzwischen recht selten geworden ist und in dem er
seine Erfahrungen mit dem Beichtstuhl voller Entrüstung veröffentlicht.
Seine Zentrumsgegner denunzierten ihn darauf, er wurde in eine sehr
unangenehme Untersuchung verwickelt und die Schrift konfisziert. Aber
da es ihm gelang, den Wahrheitsbeweis zu erbringen, mußte das Verfahren
nach § 184 Abs. 1 RStrGB. eingestellt und die Broschüre frei gegeben
werden.
Statt nun, daß die Frommen voller Entrüstung sich vom System der
Beichte oder mindestens dessen Handhabung abgewandt hätten, verfolgen
sie Matthes heute noch mit Feuereifer nach dem altbewährten deutschen
Prinzip, nicht den Brandleger zu bekämpfen, sondern den Passanten, der
»Es brennt« ruft.
Bezeichnend für die Kampfesweise ist u. a. der in Nr. 410 der
Münchener Neuesten Nachrichten vom Jahre 1909 abgedruckte Brief des
Gymnasialrektors Dr. J. Straub. Darin heißt es: »... Wohl aber begab
ich mich vor einiger Zeit... zu sämtlichen hiesigen Buchhandlungen
und erklärte dort, ich müßte den Schülern das Betreten ihrer
Geschäftsräume unter Androhung der schwersten Strafen verbieten, wenn
sie das angedeutete Preßerzeugnis auf Lager hielten. Damit tat ich
lediglich meine Pflicht und erfüllte einen ausdrücklichen Auftrag des
k. Staatsministeriums. Auch an Herrn Bürgermeister Dr. Matt wandte
ich mich mit der Anfrage, ob von Polizei wegen gegen die Verbreitung
solcher Produkte nicht vorgegangen werden könnte.«
In diesem Schriftchen, dessen Wahrheit also gerichtlich festgestellt
wurde, finden sich folgende Proben aus der Beichte:
Ich war 14 Jahre alt und legte meine Osterbeichte ab.
»Hast du Unzüchtiges getan?«
»Nein.«
»Hast du dich niemals angerührt?«
»Nein, nur wenn ich’s mußte.«
»Hast du niemals mit der Hand dich an schamhafter Stelle angefaßt,
jenen Teil in die Hand genommen und hast so gesündigt?«
»Aber nein.«
»Hast du nie etwas Besonderes aus deinem schamhaftesten Teil kommen
sehen oder das gefühlt, wenn du im Bett lagst?«
»Nein, Hochwürden.« -- -- --
Schon oft hatte ich so etwas von Kameraden gehört, die der Beichtvater
auch so ausgefragt hatte. Aber ich verstand all das nicht. Am Abend
nach jener Beichte lag ich unruhig im Bett. Es war mir so heiß, so
schwül.
Meine Beichte fiel mir ein.
Ich warf Bett und Decke zurück, damit ich nicht so heiß bliebe.
Ich mußte am nächsten Morgen kommunizieren. Ach, wie ist das, wenn man
so ist, wie der Beichtvater heute gesagt hat? Ich preßte die Schenkel
aufeinander. Es half nichts. So war ich noch niemals.
»Hast du...?« »Hast du...?« »Tatest du...?«
Die Fragen gingen mir immer schneller durch den Kopf. »Vater unser...«
Meine Sinne waren nicht beim Beten, sondern bei der Beichte.
Die Hand... »Hast du noch nie...?« »Hast du niemals...?«
Gott, Gott, wie +reizten+ mich diese Fragen, so oft ich daran dachte.
-- -- --
Am nächsten Morgen konnte ich +nicht+ kommunizieren. »Ich habe aus
Versehen nach 12 Uhr noch ein bißchen Brot gegessen,« belog ich meinen
Religionslehrer.
Bei der nächsten Beichte aber mußte ich antworten: »Ich habe es getan.«
*
Wie Matthes bei einem Augustiner einige Zeit später beichtet, der ihn
gleich fragt, wo er wohnt und sich nach den Töchtern der Wirtsleute
erkundigt, erzählt er folgendermaßen:
»Die eine heißt Emmy und die andere Anna?«
»Ja.«
»Hast du mit diesen noch nicht unschamhaft verkehrt?«
»Nein.«
»Hast du sie nicht mit lüsternen Blicken angesehen? Auch das ist eine
Sünde.«
»Nein.«
»Hast du sie nicht, auch nicht wie zum Scherz, an der Brust gefaßt?
Oder am Schenkel, oder gar dazwischen, über oder unter dem Kleid, oder
dorthin lüstern gesehen?«
»Nein.«
Matthes bekam drei »Vaterunser« und »Gegrüßet seist du, Maria«, nebst
einem Rosenkranz als Buße auf.
Hinfort konnte er die Töchter seiner Wirtsleute nicht mehr so ruhig
ansehen.
*
Wir wollen den Fall des Pater Sanktes, eines Religionslehrers an
unteren Klassen, der sich an seinen Schülern sittlich verfehlt,
übergehen, da einzelne Entgleisungen überall vorkommen können. Ob
Sanktes wirklich, wie er klagte, in der Beichte von der Versuchung
besiegt wurde, bleibe dahingestellt. Wichtiger ist die Feststellung des
Matthes, daß er von +sämtlichen+ Beichtvätern mit alleiniger Ausnahme
von zweien, mit ähnlichen Fragen gequält wurde. Sogar ob sie mit ihrer
Schwester zusammen geschlafen hätten, wurden die Buben gefragt.!!
Ein Schüler erhängte sich aus Furcht vor den Folgen des Lasters, das er
in der Beichte gelernt hatte.
Ein Beichtvater fragt: »Hast du dich nie, vielleicht unter einem
harmlosen Vorwand, an den Beinen gefaßt?«
»Nein, nein.«
»Hast du niemals ein Mädchen geküßt?«
»Ja.«
»Hast du dabei sinnliche Gefühle erweckt, indem du vielleicht deine
Knie oder deinen Körper an sie gepreßt hast, oder deine Brust? Oder
hast du mit deiner Zunge zwischen ihren Lippen geleckt?«
»Aber nein.«
»Hast du auf einem Schoße einer weiblichen Person gesessen und dabei
Böses gedacht?«
»Nein.«
»+Auch bei deiner Mutter nicht?+«
*
Von der Art eines Ordensgeistlichen, die Beichte bei Mädchen anzuhören,
berichtet Matthes:
Die kleine Bertha war Erstkommunikantin und wird, nachdem der Pater
jedes Gebot einzeln durchgegangen ist, auch nach dem sechsten gefragt.
»Hast du niemals mit Buben gespielt?«
»Ja, oft.«
»Hast du sie auch berührt?«
»Ja.«
»Sie dich auch?«
»Ja.«
»Natürlich, um Schlechtes zu tun!«
»Aber nein, nein, so nicht! Gespielt, so gespielt halt, Nachlaufen,
Verstecken, Fangen und so, und so anderes.«
»Lüge nicht! +Ich habe es gesehen+, wie dich Buben angegriffen haben.«
»Aber nein, nein!«
»Hast du dich selbst angegriffen?«
»Ja; nein, so nicht, wie Sie wieder denken!«
»Gewiß, du hast es getan! +Ich weiß es.+ Du hast dich angerührt.«
»Aber nein doch, nein!«
»Sagst du gleich ja? Willst du gleich ja sagen? Nun, wird es bald,
willst du ja sagen?«
Dabei polterte der Beichtvater wider das Gitter, das ihn von seinem
Beichtkind trennte. Und bebend kam es da von den Lippen:
»Ja.«
»Nun, mit der Hand oder mit dem Stöcken.«
Keine Antwort.
»Mit der Hand oder mit dem Stöcken?«
Wieder schwieg die Kleine.
Da polterte Hochwürden wieder und leise sagte das Kind:
»Mit der Hand.« Nur, damit Hochwürden zufrieden war.
»Sag, hast du auch mit einem Hund dich abgegeben?« usw. usw.
*
Man kann sehr freie Ansichten haben und wird doch voller Empörung sich
von dieser systematischen Jugendverderbnis abwenden. Gesellt sich dazu
aber die Scheinheiligkeit und Prüderie der schwarzen Rotte, dann kann
der ehrliche Mann nur bedauern, sich voll Ekel abwenden zu müssen,
statt mit einem kräftigen Fußtritt die ganze Gesellschaft an die Luft
zu setzen.
Aber was nützt die Keuschheit in Worten, wenn +die in Werken fehlt+!
Wenn es auch sehr zu beklagen ist, daß in dieser Hinsicht nicht so
viel geschieht, wie zur Reinhaltung der Literatur, so ist doch schon
der Anfang zu begrüßen. Die +Keuschheitsgürtel werden nämlich wieder
modern+! Das beweist nachstehende Geschichte. Heil allen Tugendhaften!
Halleluja!
Der Apotheker Parat wurde im Februar 1910 in Paris zum Gegenstand
des Interesses der ganzen Welt, weil sich herausstellte, daß er aus
Eifersucht seine Frau in Ketten legte und durch Keuschheitsgürtel ihre
Treue sich sicherte. Würde es sich hier um die wahnsinnige Handlung
eines einzelnen handeln, dann könnten wir sie so wenig unter die
Kultur-Kuriosa aufnehmen, wie die Prozesse in Madrid im Jahre 1892 und
in Paris 1899 aus dem gleichen Grunde. In beiden wurden die Männer
bestraft, weil ein gewaltsamer Zwang vorlag. Es handelt sich hier aber
keineswegs um Unica, vielmehr sind noch heute Keuschheitsgürtel bei uns
in Gebrauch. Es existiert sogar eine +Industrie+, die solche »Edozone«
erzeugt. Dem Pariser Korrespondenten des Berliner Tageblattes fielen
zwei solcher Geschäftsanzeigen in die Hände, aus den Jahren 1879 und
1885, die eine aus Paris, die andere aus einem Orte im Departement
Aveyron. In ihnen werden Keuschheitsgürtel je nach der Ausführung im
Preise von 120-380 Frs. angeboten. Die Verfasser der Prospekte waren
zweifellos geschichtlich unterrichtete Persönlichkeiten. Der eine
rechtfertigt sein Angebot wie folgt: »Man wird sagen, ein verrücktes
Unternehmen: aber wer ist verrückter, der Mann, der die Zwangsjacke
erfunden hat, oder der Wahnsinnige, dem sie angelegt werden muß?«
Dr. Cabanès, der bekannte Sammler von geschichtlichen Kuriositäten,
erzählt, daß es in Paris Fabrikanten gibt, die diese merkwürdigen
Instrumente auf Bestellung anfertigen und Ehemänner und Liebhaber, die
sie für teures Geld kaufen und natürlich ihren Freundinnen anlegen.
Das schönste Exemplar, das Cabanès gesehen hat, war ein Gürtel mit
kostbarem Goldbeschlag und ziseliertem Schloß und wurde zum Preise von
500 Frs. von einer Demimondaine der Rue de Penthicore einem Sammler zum
Kaufe angeboten.[157]
Siebenter Abschnitt
Frömmigkeit
Alle frühmittelalterlichen Heiligen zeichneten sich schon in früher
Jugend durch hohe Begabung aus, so daß sie an Sitten und Erfahrung
Greisen glichen. Juvenis senex, greisenhafter Jüngling, war, anders wie
heute, höchstes Lob und daher stehende Redensart. Dieser Abgeklärtheit
entsprach auch der Tatendrang, der dem hl. Bernward von Hildesheim
wiederholt den Ehrentitel einer »mater ecclesiae«, dem Sankt Johann
sogar den einer »virgo egregius«, einer ausgezeichneten +Jungfrau+
einträgt. Auf +einem+ Gebiet aber kannten Erfindungsreichtum und
Energie der frommen Männer keine Grenzen: auf dem der Sonderbarkeiten.
Quaeque extrema semper appetiit (Was es nun Sonderbares gab, erstrebte
er immer), heißt es von Angilram[158], und das trifft den Nagel auf den
Kopf. Es waren wirklich auch für ihre Zeitgenossen sonderbare Heilige,
und doch ist die Art ihres Wirkens, da es in fast gleicher Weise stets
wiederkehrt, so charakteristisch, ja sogar typisch, daß es wohl mit
in erster Linie dazu führte, ihnen Heiligenqualitäten zu verleihen,
lag ihm doch das tiefernste Bestreben zugrunde, durch Überwindung der
Welt den Himmel zu erobern. Diese Eroberung, im strategischen Plane bei
allen gleich, wird taktisch verschieden in Angriff genommen.
Am harmlosesten erscheint uns das Streben, ein »Bild« der Demut und
Milde abzugeben. Kein Abschied ohne Tränenfluten, keine Verzeihung,
ohne daß die Umstehenden mit dem am Boden sich Windenden nicht
mitgeweint hätten. Die Kunst, nach Belieben zu weinen -- wir reden
despektierlich in solchen Fällen von Krokodilstränen --, die gratia
lacrimarum galt als eine jener Himmelsgaben, die nur dem Erwählten
zuteil werden. Kaiser Otto III. und der hl. Bernward weinten beim
Abschied so heftig, daß sie sich schämten, unter die Leute zu gehen,
Alfkerus weinte, wenn er die hl. Messe las, so ausgiebig, daß der
größte Teil seines Körpers naß wurde; Eid von Meißen hatte vom
vielen Weinen immer entzündete Augen. Eine Gelegenheit, in Tränen
zu zerfließen, durfte, wer nur einigermaßen auf Heiligkeit oder
Heiligmäßigkeit Anspruch erheben wollte, niemals ungenutzt vorübergehen
lassen. Ob es sich um Reue, Erbitten einer Gnade, Beichte, Messe oder
Gebet handelte, wer nur irgend konnte, weinte. Die Tränenfröhlichkeit
besonders des 10. Jahrhunderts kann kühn mit der der Wertherzeit in
Konkurrenz treten. So +tadelt+ Adam von Bremen an den Dänen, daß sie
Tränen und Wehklagen aus Reue oder sogar für Tote verabscheuten. (Mon.
germ. SS. VII, p. 336.)
Ernster schon waren die Kasteiungen durch Geißelung, Entzug des
Schlafes, Hunger und Durst, besonders wirksam aber die Handlungen,
die dem Bestreben, der Niedrigste von allen zu sein, ihr Dasein
verdankten. Adalbert von Bremen bittet seinen Feind, der ihn
mißhandelt, um Verzeihung.[159] Johann von Gorze hat über jeden
heiteren Augenblick nachträglich die schwersten Gewissensbisse. Er
putzt (wie auch der hl. Adalbert) seinen Mitbrüdern oder gar dem
Gesinde die Stiefel, sogar gegen deren Willen, buttert, bis ihm der
Schweiß kommt und flickt in den nächtlichen Mußestunden Netze, ja,
er reinigt oft die Latrinen! Ganz ähnlich handelt Angilram.[160] Die
Königin Mathilde begibt sich nur scheinbar zur Ruhe, verläßt vielmehr
ihr Lager, sobald alles schläft und tut die Nacht durch Gutes, um dann
morgens, von niemand bemerkt, wieder ihr Lager aufzusuchen. Sie dringt
auch heimlich in die Zellen, um beim Baden der Armen behilflich zu
sein, während sie sich selbst Bäder versagt.[161] Der stolze Adalbert
von Bremen wusch vor dem Schlafengehen 30 und mehr Bettlern die Füße.
Ähnliches hatte schon die Tochter König Chilperichs von Burgund,
Chrotechilde, getan, wie Fredegar erzählt. Brun von Köln, der Bruder
Ottos des Großen, sitzt im Schafpelz unter Königen.[162] Fast keiner
aber gönnt sich den damals so beliebten Genuß eines Bades, und doch
berichten die Biographen von der Schönheit ihrer Helden!
Diese Kasteiungen müssen für sehr harmlos gelten im Vergleich zur Sitte
der ersten Christen, +sich zu entmannen+. Justinus erzählt von dem
Gesuche eines Christen in Alexandrien an den Präfekten Felix: er möchte
einem Arzt gestatten, ihn zu entmannen. Denn ohne diese Genehmigung
durften die Ärzte die Operation nicht vornehmen. +Origenes entmannte
sich selbst+ und das Konzil zu Nicäa von 325 sah sich genötigt,
Stellung zu nehmen zu der Frage dieser Verstümmelung.[163]
Rühmend erzählt der Biograph vom hl. Ulrich, daß er sich zwar das
Gesicht wusch, aber nicht badete, außer an drei Festtagen im Jahre.
Dafür wusch er aber eigenhändig 12 Armen die Füße. Der Königssohn
Brun war nicht weniger wasserscheu wie Johann von Gorze, der auch
Medikamente verschmähte. Angilram badete auch nicht.[164] Waren die
frommen Männer so auch zu Lebzeiten keine Nasenweide der frommen
Gemeinde, so holten sie das doch im Tode nach. Denn dann entströmten --
das müssen wir wohl oder übel den Chronisten glauben -- den Särgen der
frommen Männer liebliche Düfte. Von Eid, Ansfrid, Evergerius von Köln
und Udalrich wird es wenigstens ausdrücklich erzählt.[165]
*
Das Weinen gehörte auch noch zur Zeit der Kreuzzüge selbst beim Militär
zur Frömmigkeit. Der Chronist erzählt: »Es war Sitte im Heere, daß
in jeder Nacht, ehe sie sich zum Schlafen niederlegten, ein dazu
bestimmter Mann mit lauter Stimme inmitten des Heeres den gewöhnlichen
Spruch rief: ›Hilf, heiliges Grab!‹ In diesen Ruf stimmten alle ein,
wiederholten ihn, streckten mit reichlichen Tränen die Hände zum Himmel
empor und erflehten Gottes Barmherzigkeit und Hilfe. Dann hub der
Herold selbst wieder an, indem er wie vorher ausrief: ›Hilf, heiliges
Grab!‹ Und alle wiederholten es; und als er gleichfalls zum dritten
Male rief, so taten es ihm alle nach mit großer Herzenszerknirschung
und unter Tränen. Wer würde dies in solcher Lage nicht tun? da doch
schon diese Tatsache zu berichten Tränen den Hörern entlocken kann.
Durch diese Anrufung schien das Heer sich gar sehr gestärkt zu
fühlen.[166]«
*
Die durch Schönheit, Klugheit, Sittenstrenge und Frömmigkeit
ausgezeichnete Athenerin +Irene+ wurde durch den Tod ihres Gemahles,
des Kaisers Leo IV., im Jahre 780 für ihren zehnjährigen Sohn Regentin
des byzantinischen Reiches. Als der Sohn regierungsfähig geworden
war, ließ sie die Truppen auf die noch nie dagewesene Formel »Solange
du lebst, werden wir uns deinen Sohn als Kaiser nicht gefallen
lassen« schwören. Doch der Staatsstreich mißlang, Irene wurde von der
Regierung entfernt, und Konstantin VI., der zuerst sieben Jahre mit
Karls des Großen Tochter Rothrude verlobt gewesen war, kam endlich
zur Herrschaft. Aus Gutmütigkeit verzieh er schon nach einem Jahre
seiner Mutter und setzte sie wieder in ihre bevorzugte Stellung ein.
Nach fünfjähriger Wühlarbeit gegen den tapferen Sohn machte sie ihn
unpopulär. Dann riet sie ihm, seine Gemahlin zu verstoßen und die
schöne Hofdame Theodote zu heiraten (795). Jetzt war der Kaiser
verloren. Die Kirche trat wegen des ungesetzlichen Schrittes gegen ihn
auf, Irene nahm ihn gefangen und ließ ihm in demselben Purpurgemache
des Kaiserpalastes, in dem sie ihm das Leben gegeben hatte, +durch den
Henker die Augen ausstechen+! Wiewohl die Verstümmelung mit besonderer
Grausamkeit ausgeführt war und in der Absicht, seinen Tod zu
veranlassen, ohne der Mutter das Odium der Mörderin aufzuladen, lebte
der Kaiser noch einige Jahre. Irene aber nahm mit Ignorierung ihres
Geschlechtscharakters den Titel »Kaiser« an. Doch schon 802 fiel sie,
deren Ehrgeiz eine Ehe mit Karl dem Großen im Bereiche der Möglichkeit
gehalten hatte, als Opfer einer Revolution. Sie starb einsam und
verlassen 803 auf Lesbos.
Die byzantinischen Schriftsteller finden für diese Kaiserin
kaum ein Wort des Tadels. War sie doch die Wiederherstellerin
der Bilderverehrung. Als +Heilige+ gehört sie dem Himmel der
griechisch-katholischen Kirche an.[167]
*
Robert von Arbrissel (Albresec in der Bretagne), der Stifter des
Ordens von Fontaevraud hatte eine sonderbare Probe seiner Keuschheit
ersonnen. Er ging nicht nur in +Bordelle+ und bewog durch seine Predigt
die Prostituierten, +fromm+ zu werden -- und zwar so viele, daß er für
sie drei Klöster errichten mußte, von denen deshalb das eine de la
Magdelaine benannt wurde, +er schlief auch öfter zwischen zwei Nonnen
-- nackt natürlich, gemäß der damaligen Sitte --, bloß um die Kraft des
Willens über das Fleisch zu erproben+.
Der Abt Gottfried von Vendome tadelte ihn wegen der unklugen Erfindung
dieses neuen Martyriums; Marbod, Bischof von Rennes, aber ermahnte
ihn, sich solchen Verführungen nicht auszusetzen, die den guten Ruf,
wenn auch nicht die Seele verwundeten. Er tadelte ihn auch, daß er in
haarigem Fell und zerrissenen Kleidern, mit halbnackten Hüften, langem
Bart, abgeschnittenem Haupthaar und bloßen Füßen gehe.[168]
*
Das Mittelalter in seinem Kinderglauben suchte Befreiung von Sünden,
weniger durch innere Einkehr, als dadurch, daß es durch weite Reisen,
nach Rom, Jerusalem oder an andere geheiligte Orte, räumlich der
Gnadenquelle nahte. Jeglicher Schmerz, jede Form irdischer Qual, selbst
jedes Verbrechen konnte sich hoffend nach Rom wenden, um zu den Füßen
des Papstes Erlösung zu empfangen. Aber neben wahrhaft Reuigen, die
in hellen Haufen jahrhundertelang den Weg über die Alpen einschlugen,
befand sich auch manch räudiges Schaf. Ja, die damaligen Anschauungen
trieben entsittlichte Menschen, fluchwürdige Verbrecher, die heute
in Gefängnissen sorgfältig vom Kontakt mit der Mitwelt ferngehalten
werden, zu solchen Pilgerfahrten, trugen sie ihnen doch neben der
Hochachtung vor freiwilliger Buße auch noch +sicheren Unterhalt+ ein.
Der Schuldige ward in die Welt geschickt, versehen mit einem Schein
seines Bischofs, welcher ihn als Mörder oder Blutschänder offen
bezeichnete, ihm seine Reise, ihre Art und Dauer vorschrieb, und
ihn zugleich mit einer +Legitimation+, entsprechend unseren Pässen,
versah. Er zeigte seine Legitimation allen Äbten und Bischöfen der
Orte vor, durch welche er kam. Diesem Verdammungs- und gleichzeitigen
Empfehlungsbrief verdankte er +überall gastliche Aufnahme+. Deshalb
hüllten sich nicht selten Gauner, die gar kein schweres Verbrechen
begangen hatten, in die Maske der scheußlichsten Untat. So hatten sie
Gelegenheit zu sorgenfreier Reise und Aussicht auf betrügerischen
Gewinn. In Ketten, mit schweren Eisenringen um Hals und Arme, halbnackt
zogen sie mit ihren falschen Pässen durch die Länder, stellten sich
auch vielfach besessen, warfen sich vor den Heiligenbildern der
Kirchen und Klöster nieder und erlangten, indem sie durch deren
Anblick plötzlich zur Besinnung gekommen zu sein vortäuschten, von den
beglückten Mönchen Geschenke.