Auch +H. Helmholtz+, der dritte Große auf diesem Felde, war, als

er im Jahre 1847 seine Abhandlung »Über die +Erhaltung der Kraft+«

veröffentlichte, in der er mathematisch das Gesetz bewies, nicht

Physiker oder Mathematiker, sondern ein +junger Arzt+. Helmholtz, 1821

geboren, studierte Medizin, wurde 1843 Militärarzt in Potsdam, 1848

Lehrer der Anatomie an der Kunstakademie in Berlin und erst 1871 --

nach verschiedenen anderen Stellen als Professor der Physiologie --

Professor der Physik in Berlin.[101]

*

+Leclerc de Buffon+ (1707-1788) studierte Mathematik und Physik und war

Intendant des Jardin royal des plantes in Paris. Wiewohl er also +nicht

Geologe+ von Fach war, ja auf geologischem Gebiete nur in beschränktem

Maße als Beobachter und Forscher tätig war, +bekämpfte+ er bereits die

Annahme einer universellen +Sintflut+ und erkannte u. a., daß ein Teil

+der in der Erde begrabenen Fossilien zu erloschenen Arten gehört+.

Auch lehrte er die Abplattung der Erde an den Polen und Erhöhung am

Äquator. Zittel sagte von Buffon: »Ein Vergleich der Epoques de la

nature (1778) mit den zum Teil kindischen Hypothesen seiner Vorgänger

und Zeitgenossen zeigt am deutlichsten die geistige Überlegenheit des

großen Naturforschers.« Die Grundgedanken dieses Outsiders haben sich

als richtig bis heute bewährt.[102]

*

+Leopold von Buch+ (1774-1852) galt mit vollem Recht für den größten

Geologen seiner Zeit. Weder er noch +Alexander von Humboldt+

(1769-1859), dessen Auftreten durch die Anregung, die er auf weite

Kreise ausübte und der in Deutschland der jungen Wissenschaft viele

Freunde und Anhänger zuführte, wie das Buffon und Cuvier in Frankreich

getan hatten, nicht hoch genug zu veranschlagen ist, haben +je ein

öffentliches Lehramt bekleidet+. In völlig unabhängiger Lebensstellung

widmeten sie sich ganz der Wissenschaft, darin ihrem großen englischen

Kollegen +Lyell+ (1797-1875) gleichend.

Die größten Geologen waren also entweder überhaupt nicht Fachleute im

strengen Sinne oder doch nicht zünftige Gelehrte.[103]

*

Der französische Ingenieur +Claude Chappe+ hatte einen +optischen

Telegraphen+ im Jahre 1792 konstruiert, der schon zwei Jahre später

zwischen Paris und Lille fertiggestellt wurde, um bald in der Länge

von etwa 5000 km sich durch ganz Frankreich zu ziehen. Die 300 km von

Paris nach Toulouse wurden in 20 Minuten durch die Zeichensprache

zurückgelegt. Da aber nur an hellen Tagen, wenn es weder regnete noch

schneite, telegraphiert werden konnte, war die Benutzung der Linien vom

Zufall abhängig. Darüber sprach im Jahre 1809 der bayerische Minister

Graf Montgelas in Gegenwart des +Professors der Anatomie Thomas

Sömmering+. Da dieser sich in seinen Mußestunden mit allen möglichen

Dingen beschäftigte, kam er auch auf den Gedanken, die Elektrizität zu

verwenden und konnte schon acht Wochen später der bayerischen Akademie

der Wissenschaften einen von ihm erfundenen +elektromagnetischen

Telegraphen+ vorführen, den ersten elektrischen Telegraphen, den

es je gegeben hat. Wenn auch das System unpraktisch oder doch sehr

kostspielig war, so hatte er zweifellos das Verdienst, gezeigt zu

haben, daß man die Elektrizität überhaupt zum Zwecke der Telegraphie

benutzen könne.

Merkwürdig ist aber, daß ein so genialer und weitblickender Mann wie

+Napoleon+ sich allein abfällig über die Erfindung äußerte und sie

wegwerfend als »une idée germanique« bezeichnete. Oder sollte ihn die

Unvollkommenheit im praktischen Sinne dazu bewogen haben?[104]

*

+George Stephenson+ (1781-1848), der Hauptbegründer des

Eisenbahnwesens, der auch die erste Eisenbahn zur Beförderung von

Personen zwischen Stockton und Darlington baute, fing seine glänzende

Laufbahn als einfacher +Dampfmaschinenwärter+ an.[105]

*

+Samuel Morse+ (1791-1872) war +Maler+. Auf der Heimreise von Europa,

wo er die Mal- und Zeichenschulen studiert hatte, nach Amerika,

entwarf er 1832 einen +Drucktelegraphen+ und das nach ihm benannte,

aus Punkten und Linien bestehende +Zeichensystem+. 1837 erhielt er auf

seine Erfindung ein amerikanisches Patent und baute 1843 die erste

Versuchslinie zwischen Washington und Baltimore ein. Die Erfindung

dieses Autodidakten und Outsiders wurde bekanntlich allgemein

eingeführt.[106]

*

Der Erfinder des +Kehlkopfspiegels+ war nicht etwa ein Arzt, sondern

der berühmte +Gesanglehrer Manuel Garcia+ (1805-1906). Diese Erfindung

ermöglichte erst die Laryngoskopie.[107]

*

Wie die Erfinder des Luftballons, Joseph Michel +Mongolfier+

(1740-1810) und Jacques Etienne +Mongolfier+ (1745-1799)

Papierfabrikanten waren, so die der drei +lenkbaren Luftschiffe+, des

starren, halbstarren und unstarren Systems, sämtlich nicht Fachmänner,

sondern, wie jedermann weiß, die Offiziere Graf +Zeppelin+, Major

+Groß+ und Major +von Parseval+.

*

Übrigens war der erste, der einen noch dazu erfolgreichen Versuch zur

Konstruktion eines lenkbaren Luftschiffes machte, ein armer römischer

+Schuster+, der im Palazzo Aldobrandini wohnte. Dort besuchte ihn Le

Bar, der Erzieher Napoleons III., mit seinem Zögling am 18. November

1823. Die Flugmaschine bestand aus zwei Teilen, von denen der eine

den Ballon in horizontaler Richtung halten, während der andere die

Sicherheit der Fahrt verbürgen sollte.[108]

*

+Daguerre+ (1783-1851), der im Jahre 1838 die Erfindung der

+Photographie+ machte, d. h. das Licht zur Bildererzeugung zwang, war

nicht nur kein Fachmann, sondern sogar »eigentlicher Fachkenntnisse

bar« und seines Zeichens +Maler+. Ursprünglich war er Steuerbeamter

gewesen. Übrigens hatten sich schon vorher Physiker (+Davy+ und

+Wedgewood+) erfolglos damit beschäftigt.[109]

*

+Foucault+ (1819-1868) veröffentlichte seine berühmten +Pendelversuche+

»Démonstration physique du mouvement de rotation de la terre au moyen

du pendule« im Jahre 1850, also 31jährig. Er bekleidete damals die

Stellung eines +Redakteurs+ des wissenschaftlichen Teiles des Journal

des Débats.

*

Die ersten Versuche zur Umwandlung der Elektrizität in Töne machte

1837 +Page+ (1812-1868). Er war seines Zeichens Agent und Patentanwalt

in Washington. +Ph. Reis+ (1834-1874) trat 1850 als Lehrling in ein

Farbwarengeschäft zu Frankfurt a. M. ein und studierte privatim

seit 1853 Mathematik und Naturwissenschaften. Um das Jahr 1860

konstruierte der erst 24jährige Autodidakt das erste +Telephon+, an

dem er seit 1857 gearbeitet hatte. Das erste praktisch verwendbare

Telephon aber konstruierte der +Taubstummenlehrer Graham Bell+, geb.

1847 in Boston, im Jahre 1876. Also kein einziger Physiker, sondern

ausschließlich »Dilettanten«, von denen noch dazu kein einziger das 30.

Lebensjahr erreicht hatte, waren die Erfinder dieses außerordentlichen

Verkehrsmittels.[110]

*

Die beiden Weltfirmen Siemens & Halske in Berlin und Karl Zeiß in

Jena sind aus bescheidenen mechanischen Werkstätten hervorgegangen

und verdanken ihre Blüte dem Eintritt von Männern, die außerhalb

der Zunft standen. Dort des +Artillerieoffiziers Werner Siemens+

(1816-1892), dessen Erfindungen und Verbesserungen, besonders auf dem

Gebiet des Telegraphenwesens, außerordentlich zahlreich sind; hier

des Universitätsdozenten +Ernst Abbe+. +Karl Zeiß+ (1816-1888) selbst

besaß +keine Universitätsbildung+, sondern hatte vor der Prima das

Gymnasium verlassen, um dann in mechanischen und Maschinenwerkstätten

zu lernen.[111]

*

Der Erfinder des +Zweirades+, +Karl von Drais+ (1784-1851), war

von Beruf nicht etwa Mechaniker, sondern badischer Forstmeister.

Er war auch der erste, der eine +Schreibmaschine+, und zwar auf

stenographischer Grundlage, konstruierte.[112]

*

+Charles Darwin+ (1809-1892), über dessen Leistungen sich wohl jedes

Wort erübrigt, war in der Schule des Dr. Buttler in Shrewsbury ein

so +schlechter Schüler+, daß sein Vater ihn mit 16 Jahren herausnahm

und +Medizin+ studieren ließ. Da er auch da nichts leistete, widmete

er sich nach zwei Jahren in Cambridge der +Theologie+, in der er nach

drei Jahren das Baccalaureusexamen bestand. Nebenher interessierte

er sich für Mineralien, Pflanzen, Muscheln, Insekten, aber auch

für Münzen und Siegel, die er sammelte. Auch Geologie, Botanik und

besonders Zoologie zog er in den Bereich seines Interesses, ohne aber

den Vorsatz, Geistlicher zu werden, um dieser Liebhabereien willen,

zu denen noch leidenschaftliche Liebe zur Jagd kam, aufzugeben. Nach

seinem eigenen Geständnis »würde er sich damals für verrückt gehalten

haben, wenn er in den ersten Tagen nach Eröffnung der Rebhuhnjagd

zugunsten von Geologie oder einer anderen Wissenschaft auf die Jagd

hätte verzichten wollen«. Als für die fünfjährige Weltumseglung des

englischen Kriegsschiffes »Beagle« ein Naturforscher gesucht wurde,

empfahl Professor Henslow Darwin. Da aber dessen Vater kein rechtes

Vertrauen zur Ernsthaftigkeit des Jünglings hatte, schrieb er ab,

und nur dem Zufall ist es zu danken, daß aus der Reise doch etwas

wurde. Tatsächlich trat er sie (1831) an, +ohne in irgendeiner der

vier Wissenschaften, auf welche er während der Reise hauptsächlich

sein Augenmerk zu richten hatte: Zoologie, Botanik, Geologie und

Paläontologie, ein abgerundetes Schulwissen zu besitzen+. Dafür besaß

er allerdings den freien, durch keine Lehrmeinungen beeinträchtigten

Blick für die Erscheinungen der Umgebung, ein Gewinn, der fürstlichen

Lohn trug. So hat der in der ersten Hälfte der Zwanziger stehende

Forscher, der schon vor der Reise die Flimmerlarven der Moostierchen

und das Keimen der Pollenschläuche entdeckt hatte, auf ihr die Theorie

der Entstehung der Korallenriffe, ja, seine +Deszendenztheorie+

aufgestellt. Der große Forscher und edle Mensch hat niemals ein

öffentliches Lehramt bekleidet.[113]

*

Darwin mag uns daran erinnern, daß außer den bereits oben genannten

noch eine Reihe von +schlechten Schülern+ mit ihren Erfolgen im

späteren Leben ganz zufrieden sein konnten. Bekanntlich war +J.

J. Rousseau+ ein solcher Ausreißer, der nach einer jämmerlichen

Schulbildung seinem Meister, einem Kupferstecher in Genf, 16jährig

durchging, später Bedienter wurde, sich auch eine Zeitlang einem

Hochstapler anschloß und sich als schon berühmter Mann vom

Notenabschreiben nährte.

*

+Liebig+ erzählt von sich selbst, daß er als Schüler keine Erfolge

hatte. +Bürger+ wurde als zwölfjähriges Bürschchen von der Stadtschule

zu Aschersleben geschwenkt, der große Dichter +Shelley+ erlebte

auf der Schule zu Eton ein gleiches Schicksal und nochmals auf der

Universität zu Oxford. Auch Edgar +Poe+ wurde relegiert. +Schiller+

ging bekanntlich von der Karlsschule durch, der Turnvater +Jahn+ aber

entfloh dem Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin.

*

+Van Erpecum+, ein Schüler an der Höheren Schule in Batavia, machte die

Beobachtung -- es dürfte 1902 gewesen sein --, daß in einem bis zum

Rande mit Wasser und darin herumschwimmenden Eisstückchen gefülltem

Gefäß das Wasser nicht überfloß, als das Eis schmolz. Daraus folgerte

er das »+Gesetz der permanenten Oberfläche+«, das er mit Hilfe seines

Lehrers in den Sitzungsberichten der Kgl. Niederländischen Akademie der

Wissenschaften veröffentlichte.[114]

*

Wie die genialsten Gedanken und Beobachtungen in den

Naturwissenschaften und der Technik von Dilettanten bzw. Outsiders

stammen, also von Männern, die nicht der gelehrten Zunft angehörten

und häufig das Gebiet nur im Nebenfach bestellten, sahen wir

eben. Ja, wir trafen auch in späteren Jahrhunderten eine Reihe von

Männern, die auf vielen Gebieten geniale Bahnbrecher wurden, wie das

in der Renaissance so häufig war. Ebenso verhält es sich auch in

den Geisteswissenschaften. Auch hier ist der Beweis nicht schwer zu

erbringen.

*

+William Jones+ (1746-1794) war es, der sich zuerst eine eindringende

Kenntnis des Sanskrit erwarb und in wesentlich richtigen und

geschmackvollen Übersetzungen erprobte. Er führte Cakuntala so gut wie

die Gesetze des Manu und Teile der Rigveda in die europäische Literatur

ein. Natürlich war er nicht Philologe oder Orientalist von Fach,

sondern +Oberrichter+ in Fort William in Bengalen.[115]

*

Der erste, der +Sanskrit+ und seine Literatur in wahrhaft

philologischem Sinne behandelte -- schreibt Benfey -- und dadurch einen

sicheren Grund für eine Sanskritphilologie legte, war Henry Thomas

+Colebrooke+ (1765-1837). Auch er war +Jurist+, nämlich Richter in

Mirzapoor in Indien, dann politischer Resident am Hofe von Berar.[116]

*

Der erste Entzifferer der +Keilinschrift+ war der klassische Philologe

Georg Friedrich +Grotefend+ (1775-1853). Die größten Kenner der

Keilinschriften räumen ihm nicht nur die Priorität der Entzifferung,

sondern auch die Größe der Entdeckung an sich ein, wie sie auch die

Bedeutung seiner Methode für die weiteren Entzifferungsversuche

anerkennen. Schon im Jahre 1802, also 27jährig, legte Grotefend seine

ersten Entzifferungsresultate der Göttinger Akademie der Wissenschaften

vor. Das erstaunlichste war nun, daß dieser Mann, der die Genialität

besaß, die seit Jahrtausenden schweigenden Steine zum Reden zu bringen,

+gar nicht Sanskrit konnte+![117]

*

Der Ruhm, den rechten Weg zur Entzifferung der +Hieroglyphen+ gefunden

und weiter gegangen zu sein, gebührt dem englischen +Arzt+ Thomas

+Young+, von dessen Genialität im Reiche der Naturwissenschaften wir

schon früher Zeugen waren. Er veröffentlichte 1815 in dem Cambridger

»Museum criticum« eine mutmaßliche Übersetzung des ganzen demotischen

Teils der Inschrift von Rosette, die Entzifferung sämtlicher darin

vorkommender Eigennamen und außerdem die Erklärung von 80 andern

Wörtern und ein aus diesen Erklärungen sich ergebendes demotisches

Alphabet. Er entdeckte sogar, daß viele Wörter nicht alphabetisch,

sondern symbolisch geschrieben seien. Eine außerordentliche Förderung

ließ Jean François +Champollion+ le jeune (1790 bis 1832) der

Entzifferung der Hieroglyphen angedeihen, ja, er ist der eigentliche

Vater der neuen Wissenschaft geworden. Er war seit 1809 Professor der

+Geschichte+ in Grenoble. Ihm glückte die Entzifferung 1822, also in

seinem 32. Lebensjahre.[118]

*

Enden wir hier das Kapitel. Wohl niemand wird mehr bestreiten wollen,

daß uns der Beweis gelang. Und doch können wir mit einem Trostwort

schließen.

Die Universitäten sind im allgemeinen nicht schlechter geworden. Sie

verbannen heute die Genialität nicht weiter von sich als in früheren

Jahrhunderten. Sie waren immer eine Organisation der Mittelmäßigkeit.

*

Das sei zum Schluß durch Beispiele und Worte eines berufenen Kenners

belegt.

+Georg von Peurbach+, dem bereits Padua und Bologna einen Lehrstuhl

für Astronomie angeboten hatten, las in Wien als Magister der

Artistenfakultät 1434-1460 vorzugsweise über römische +Dichter+.

Nur 1458 hielt er eine mathematische Vorlesung. Sein großer Schüler

+Regiomontanus+ war an keiner Universität, sondern in Nürnberg tätig,

da er an den damaligen Universitäten +wenig Förderung seiner Studien

zu finden meinte+. Georg Kaufmann konstatiert, daß »die Wirksamkeit

der beiden großen Astronomen und Mathematiker, die den +Ruhm der

Wiener Universität zu bilden pflegen+, der Wiener Universität

nur lose verwandt waren, daß ihre Studien außerhalb des Rahmens

ihrer akademischen Tätigkeit lagen, und daß sie die Ordnung des

mathematischen Unterrichts in Wien nicht umgestaltet haben.«[119]

*

Es ist immer dieselbe Sache: Von der Universität und der gelehrten

Zunft gering geschätzt oder bekämpft, wird der »Dilettant« nach

seinem Tode mit Gewalt zum Professor und Kollegen gestempelt. Denn,

wollte die gelehrte Zunft auf die Outsider verzichten, dann wäre

das gleichbedeutend mit einem Verzicht auf die größten Förderer der

Wissenschaft.

+Anm.+ Hierzu ist in meinem Buch: »Dinge, die man nicht sagt«, das

Kapitel: »Kunst und Dilettantismus« zu vergleichen, das noch eine

Reihe Ergänzungen liefert.

Fünfter Abschnitt

Von Universität und Schule

Die mittelalterlichen Scholaren der Artistenfakultät, also die große

Masse, lebte in den Bursen in größtem Zwang. Sie standen den ganzen Tag

unter Aufsicht, ihr Aufstehen, Essen und Trinken, Studium, Ausgehen,

alles war vorgeschrieben, das Verbot der Wirtshäuser und Tanzräume, des

Kartenspiels bestand bei ihnen wie bei unsern Mittelschülern, kurz, sie

waren durchaus unfrei im Gegensatz zum modernen Studenten, hinter dem

sie an Lebensalter allerdings bedeutend zurückstanden.

Nichts aber wäre falscher, als die Annahme, sie hätten deshalb einen

halbwegs anständigen Lebenswandel geführt. So muß ein Heidelberger

Statut von 1466 verbieten, daß die Scholaren den Magister +während der

Vorlesungen+ durch Geschrei und Schimpfreden +störten+, oder dadurch,

daß sie einen Fuchs zwängen, +das Salve anzustimmen+ oder +mit Dreck

würfen+. Schon früher mußte in Heidelberg verboten werden, +in den

Vorlesungen mit Steinen zu werfen+ oder ähnlichen Unfug zu verüben. Wer

während der Vorlesung mit Steinen wirft -- heißt es dort 1444 -- oder

andere Unverschämtheiten sich zuschulden kommen läßt, dem soll -- man

meint das Sitzorgan gegerbt werden. O nein -- dem soll +eine Vorlesung

als versäumt angerechnet werden+!

Die groben Späße der Scholaren arteten bisweilen geradezu in Verbrechen

aus. Sie plünderten die Gärten der Bürger, drangen nachts in die

Häuser, beleidigten die Braut auf dem Zuge zur Kirche, drängten sich in

Hochzeitsgesellschaften und wollten hier die Herren spielen, erregten

nachts Waffenlärm, indem sie auf die Steine der Straßen schlugen, und

griffen die Wächter an und wer sonst über die Straße kam. An allen

Universitäten ereignete sich dergleichen Unfug. In Köln, Heidelberg und

anderwärts kam es wiederholt zu förmlichen Tumulten, bei denen +Sturm

geläutet+ und das Banner entfaltet wurde.

Nur +einen+ Unfug kannte man damals noch nicht, den der späteren

Duelle. Von ihnen findet sich keine Spur. Beleidigungen wurden von

Magistern und Scholaren auf dem Rechtswege ausgetragen, ohne Schaden

an ihrer Ehre. Sonst setzte es tüchtige Prügel ab, was jedenfalls

weit verständiger ist, als die Säbelschlägerei und Pistolenschießerei

zwischen den dümmsten Grünlingen, die sich in ihrer funkelnagelneuen

Ehre jeden Augenblick beleidigt fühlen. Wer den haarsträubenden Unfug

und den frivolen Leichtsinn vieler studentischer »Ehrengerichte« kennt,

wird das nur bestätigen können.[120]

*

Einst frug der Kurfürst Christian von Sachsen Friedrich Taubmann

(1565-1613), »was die Studenten in Wittenberg machten? Taubmann stehet

von der Taffel auff, gehet mit dem Degen in den Hoff hinunter, hauet

in die Steine, grabet etliche auss und wirfft zu dem Churfürsten in

die Fenster und schreyet: ›Herunter, du Penal, du Spulwurm‹ etc. Der

Churfürst läßt ihm sagen: Er sol nur auffhören, er hätte Bescheids

genug.«[121]

*

Prinz Wilhelm von Nassau-Dillenburg erzählt in seiner 1694 abgefaßten

Reisebeschreibung über die Studenten in Padua: »Padua ist eine

weitläufige, aber menschenleere Stadt, in deren Straßen man auch im

größten Regen trocken einhergehen kann, unter den Gängen, die vor den

Häusern sind. Es ist aber wunderlich, daß dort +die Studenten Macht

haben, Arme und Beine nicht nur sich selbst, sondern auch Fremden zu

zerschießen+.

Sobald es Nacht wird, gehen sie gewaffnet in Scharen aus, auf

verschiedenen Parteien, und verstecken sich hin und wieder hinter die

steinernen Pfeiler. Kömmt einer, so rufen sie ihn an: Qui va li? Da

trägt es sich bisweilen zu, daß man zwischen zwei Qui va li? kömmt,

und also in der größten Gefahr ist. -- Auch dieses läßt die Republik

(Venedig) aus Politik zu.«[122]

*

Das wilde Leben der Scholaren wurde durch das ihrer Lehrer höchstens

noch übertroffen. Da ist verboten, daß +ein Magister mit einem Stein,

einem Becher oder etwas ähnlichem werfe+. Wer nur den Arm zum Werfen

erhob, aber nicht warf, hatte zehn neue Groschen Strafe zu zahlen,

wer warf, aber nicht traf, hatte acht Gulden zu erlegen, wer aber

traf, wurde nach der Größe des Schadens bestraft. Auch +Faustschläge+

und +Reißen an den Haaren+ hatten ihre +Tarife+! Man stelle sich

vor: Professoren! Niemand sollte auch durch das Fenster einsteigen.

Tief blicken läßt die Bestimmung, daß kein Lehrer ad commodum suum

meretricem (zu seinem Nutzen eine Prostituierte) ins Kollegium

mitbringen dürfe. Das war sehr teuer und kostete eine ganze Jahresrente

als Strafe, ebenso wie das andere Verbot, das man zu erlassen für nötig

befunden hatte: vel actum venereum inibi exercere (den Beischlaf dort

auszuüben). Bei den Disputationen aber war das Verbot von Schimpfworten

wie ketzerisch, der Ketzerei verdächtig, Eselei oder Dummheit

verboten.[123] Leider besitzen wir keine Instanz, die aus den Polemiken

unserer Gelehrten die Schimpfereien und Lackelhaftigkeiten entfernte,

die immer noch an den sozialen Tiefstand früherer Jahrhunderte

unliebsam erinnern.

*

Von der kläglichen Finanzlage, in der sich in der Regel die

mittelalterlichen Universitäten, Fakultäten und Professoren befanden,

gibt eine Vorstellung die Motivierung der Wiener Fakultät für das

Unterlassen einer Beschickung der Nürnberger Tagung, auf der der Kaiser

über die Berufung eines andern Konzils verhandeln wollte. Sie schreibt

am 30. Dezember 1442: »weil die Universitätskasse vollkommen leer sei

und die Universität selbst in großen Schulden stecke.«

Mag auch der Wunsch, sich überhaupt zu drücken, bei der Schwarzfärbung

mitbestimmend gewesen sein, so beweisen doch die Schwierigkeiten, die

die gleiche Universität hatte, um ihren Gesandten 1433 in Basel mit

Geld auszustatten, daß Schmalhans Küchenmeister war. Jeder Professor

hätte im Durchschnitt jährlich drei Gulden beisteuern müssen. Das

ist allerdings sehr viel, wenn man bedenkt, daß der Mindestbesoldete

nur 30 Gulden im Jahre an Gehalt erhielt und daß nur die Professoren

der oberen Fakultäten -- in Wien etwa 30 Gelehrte -- Einnahmen von

80-100 Gulden buchen konnten. Ganz wenige unter ihnen zogen bedeutende

Revenuen aus Prüfungen, sowie ihrer Praxis als Anwälte oder Ärzte.[124]

Jede Nebeneinnahme war natürlich hochwillkommen. Am meisten warfen

die Promotionen in den oberen Fakultäten ab. Der Doktorand war

verpflichtet, an die bei der Promotion anwesenden Magister und

Doktoren Geschenke zu verteilen, und zwar zumeist ein Paar Handschuhe,

wobei auch wohl unterschieden wurde, wer solche aus Hirschleder

bekommen solle oder aus einer geringeren Qualität. Auch ein Barett,

ein Geldstück oder einige Ellen Tuch waren übliche Geschenke. In

Frankfurt wurden zwischen den Doktoren der oberen Fakultäten förmliche

Verträge geschlossen, welche z. B. den Doktoren der Medizin das Recht

verbürgten, bei der Promotion von Juristen und Theologen mit solchen

Geschenken bedacht zu werden und umgekehrt. Dazu mußte der Doktorand

Wein und Konfekt den Examinatoren und dem Kanzler liefern und den

Doktorschmaus, dem sich bisweilen auch ein Ball anreihte, bezahlen. Da

ist es dann kein Wunder, wenn die Kosten einer Promotion enorm waren.

So mußte in Leipzig zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein Doktor der

Rechte bei seiner Promotion für Gelage, Umzüge, Musik und Geschenke die

Summe von 250 Dukaten aufwenden.[125]

*

Wie kläglich die finanzielle Lage der Professoren war, geht aus

einer Klageschrift der Universität Heidelberg von 1462 an den Papst

hervor. Sie seien großenteils alte Männer, die von ihrer akademischen

Tätigkeit leben müßten und gezwungen wären, zu +betteln+, wenn der

Papst ihnen die mit ihren Professuren verbundenen Pfründen entzöge.

Deshalb möchte der Papst ihre unentschiedene Stellung in den wegen der

Konzilien entstandenen Parteikämpfen nicht verübeln, da sie auch von

ihrem Landesherren abhängig seien. »Wenn wir ihm nur im geringsten

entgegentreten, dann verlieren wir unsere Einkünfte.«[126]

*

Kultur-Kuriosa, Zweiter Band · 第 6 / 17 段