Umfang in gleicher Proportion zunimmt, wie der Gesichtskreis ihrer
Vertreter sich verengert, hat nicht nur zu einer kaum je dagewesenen
Unterschätzung des gesunden Menschenverstandes, ja des Genialen
geführt, sie geht auch mit einer übermäßigen Hochschätzung der
technischen, handwerksmäßigen Routine einher. Nur was der Spezialist
leistet, vermag sich heute durchzusetzen. Unter diesen Umständen
scheint es nicht zwecklos, den Beweis zu erbringen, daß auf allen
Gebieten nicht dem Fachmann, sondern dem »Dilettanten«, dem Outsider
die größten Entdeckungen und Erfindungen zu danken sind. Daß eine Reihe
der Größten +Autodidakten+ waren, ist nicht ohne Interesse.
Während sich um den Fachmann, der immer mehr zum Handwerker wird, die
hohen Mauern seiner Spezialdisziplin im immer enger werdenden Kreise
schließen, ist es das verächtlich »Dilettant« genannte Genie oder doch
Talent mit weitem Horizont, das allein die Flugkraft besitzt, sie zu
überwinden. Gleicht letzteres dem Entdecker neuer Länder, so ist es
der Zünftler, der dort Käfern und Läusen nachjagt, um sie in dicken
Folianten zu edieren.
Diesem schon wiederholt von mir ausgesprochenen Gedanken mögen die
Beweise nun folgen.
*
+Otto von Guericke+ (1602-1686), der größte deutsche Physiker des
17. Jahrhunderts, war von Beruf Jurist, wenn er sich auch kurze Zeit
in Leyden neben neueren Sprachen mit Physik, angewandter Mathematik,
Mechanik und Fortifikationslehre beschäftigt hatte. Im Jahre 1626 trat
er in das Ratskollegium seiner Vaterstadt Magdeburg ein, wurde dann
Schutz- oder Kriegsherr der Stadt, in welcher Stellung er während der
Belagerung durch Tilly (1631) vollauf seine Pflicht tat, wurde später
Generalquartiermeister und Ingenieur Gustav Adolfs, beteiligte sich am
Wiederaufbau der Stadt Magdeburg, wo er eine Schiffbrücke über die Elbe
legte und trieb daneben Ackerwirtschaft und Bierbrauerei. Im Jahre 1646
wurde er zum Bürgermeister erwählt und vorzugsweise zu diplomatischen
Geschäften verwandt. So nahm er auch an den Friedensverhandlungen in
Osnabrück teil. Erst seit 1660 konnte er nach vielen Missionen in Ruhe
zu Hause leben. Seine physikalischen Versuche konnte er also +nur neben
seinem Berufe+ ausführen!
Guericke kam zu seiner Erfindung der +Luftpumpe+ im Bestreben, den
alten philosophischen Streit über die Existenz eines leeren Raumes zu
entscheiden, und zwar als erster auf experimentellem Wege. Er wies
durch seine Versuche sowohl die bedeutende Größe des +Luftdrucks+,
wie die +Elastizität der Luft+ nach, und zwar erbrachte er den
öffentlichen Beweis 1654 auf dem Magdeburger Reichstage, also mitten
in seiner anderweitigen Berufstätigkeit. Vielleicht machte er alle
seine Entdeckungen bereits in den Jahren 1632-1638, jedenfalls sind
alle vor 1663 abgeschlossen. Dieser Dilettant erfand ferner 1657 oder
58 ein +Wasserbarometer+, 1661 das +Manometer+, bestimmte die +Schwere
der Luft+, bewies, daß zum Brennen Luft gehöre und die Flamme die
Luft verzehre, konstruierte eine +primitive Elektrisiermaschine+, die
hinreichte, um die Tatsache des elektrischen Abstoßens und Leuchtens
zu finden und vervollständigte die magnetischen Kenntnisse seiner
Zeit. Ferner stellte er zuerst im Mittelalter die Meinung auf, daß die
Wiederkehr der Kometen sich bestimmen lassen müsse.[76]
Wie Herr Professor A. Gudemann mir mitzuteilen die Liebenswürdigkeit
hatte, war auf letzteren Gedanken bereits Seneca (nat. Quaest. 7, 25,
7) gekommen. »Es wird einmal jemand kommen, der beweist, in welchen
Teilen die Kometen umlaufen, warum sie so getrennt von den anderen
umlaufen, wie viele und in welcher Beschaffenheit sie sind.«
*
+Simon Stevin+ (1548-1620) war ursprünglich Kaufmann, dann
Steueraufseher in seiner Vaterstadt Brügge, endlich Oberaufseher der
Land- und Wasserwerke in Holland, dann Generalquartiermeister. Er
erwarb sich große Verdienste um das Artillerie- und Befestigungswesen,
erfand den +Segelwagen+ und den +Segelschlitten+, stellte 1586 die
erste richtige Theorie über die +schiefe Ebene+ auf, deutete den
Satz vom +Parallelogramm der Kräfte+ an, erklärte das +Gleichgewicht
in kommunizierenden Röhren+, führte die +Dezimalbruchrechnung+ 1596
ein und sprach schon aus, daß dadurch die Dezimalteilung von Maßen,
Gewichten und Münzen nötig würde. Endlich erwarb er sich als Geograph
und durch die unter dem Namen Hylokinese veröffentlichten Prinzipien
der tellurischen Morphologie Verdienste.[77]
*
+J. Baptista Benedetti+ (1530-1590) hatte nie eine Schule besucht
und nur unter Tartaglia die vier ersten Bücher des Euklid gelesen,
wonach er sich dann allein weiterbildete. Trotzdem ließ er schon mit
23 Jahren das bedeutende Werk »resolutio omnium Euclidis problematum«
erscheinen, in welchem er alle Probleme des großen Griechen mit +einer+
Zirkelöffnung lösen lehrte. In einem späteren Werke bewies er Kenntnis
der Beharrung eines Körpers auch in der Bewegung, behauptete, daß alle
Körper ohne Rücksicht auf ihr Gewicht von gleicher Höhe in gleicher
Zeit zur Erde fallen und daß im Kreise geschwungene Körper, sich selbst
überlassen, in der Tangente des Kreises fortgehen. Endlich löste er die
Aufgabe vom schiefen Hebel.[78]
*
+Giambattista della Porta+ (1538-1615), ein reicher neapolitanischer
Edelmann, betrieb die Physik als Liebhaberei. Trotzdem haben wir in
ihm den Erfinder der +camera obskura+ und einer Art +laterna magica+
zu erblicken. Er erkannte auch zuerst, daß man in einem Hohlspiegel
die Brennpunkte aller Strahlen, die in der Nähe der Achse einfallen,
ohne merklichen Fehler in den Mittelpunkt des Halbkreises setzen könne.
Porta wurde später von der Inquisition der Zauberei und übernatürlicher
Kräfte angeklagt.[79]
*
Der Begründer der Pflanzenphysiologie war +Stephan Hales+
(1677-1761), ein sehr tüchtiger +Theologe+ und Pfarrer in
verschiedenen Grafschaften. Noch einmal zeigte sich in ihm der
originelle Erfindergeist und die gesunde, urwüchsige Logik der großen
Naturforscher aus Newtons Zeitalter. Sein »Statical essays« (1727)
war das erste umfangreiche, ganz der Ernährung und Selbstbewegung der
Pflanzen gewidmete Werk. Es berücksichtigte zwar die ältere Literatur,
teilte aber doch im wesentlichen neue Untersuchungen des Verfassers
mit. Eine Fülle neuer Experimente und Beobachtungen, Messungen und
Berechnungen vereinigen sich hier zu einem lebensvollen Bild.[80]
*
+Halley+ (1656-1742), übrigens der Sohn eines Seifensieders, hatte
bekanntlich die Wiederkehr des nach ihm benannten +Kometen+, der auch
in diesem Jahre erschien, im Jahre 1703 berechnet und auf den Anfang
des Jahres 1759 vorherbestimmt. Alle Astronomen Europas suchten daher,
als das Jahr 1758 seinem Ende sich näherte, den Himmel mit Fernrohren
ab, jedoch vergeblich. Anders der +Bauer+ Johann +Palitzsch+
(1723-1788). Schon als Hüterjunge hatte er sich für die Sternenwelt
interessiert, dann sich durch Selbststudium ansehnliche astronomische
Kenntnisse erworben. Als nun der Siebenjährige Krieg sein Vaterland
Sachsen heimsuchte, versteckte er seine primitiven astronomischen
Instrumente, aus Furcht, sie könnten ihm gestohlen werden. Um die
Weihnachtszeit 1758 trat in der Kriegsführung eine Pause ein. Diese
benutzte er dazu, um sein Fernrohr auszugraben und die Stelle des
Himmels abzusuchen, wo er den Komet erwartete. Tatsächlich entdeckte
er ihn als erster als nebeligen Stern im Sternbild der Fische. Damit
hatte der +Bauernastronom einen Vorsprung vor der ganzen Welt gewonnen+
und sein Name wurde überall genannt. In Paris sah man ihn erst vier
Wochen später. Palitzsch blieb hinfort mit der Londoner Akademie in
ständiger Korrespondenz. Übrigens war er nichts weniger als einseitig,
besaß vielmehr bedeutende botanische und physikalische Kenntnisse, die
ihn dazu befähigten, im Großen Garten zu Dresden einen Süßwasserpolypen
zu entdecken. Er errichtete auch als erster in Sachsen 1775 einen
+Blitzableiter+ und zwar auf dem Schloßturm in Dresden. Er blieb bis zu
seinem Tode, durch zahlreiche Ehrungen ausgezeichnet, ein schlichter
Landmann.[81]
*
+Thomas Young+ (1773-1829) studierte Medizin und betrieb nur nebenbei
mathematische, physikalische, botanische und philologische Studien.
Von 1801 bis 1804 war er Professor an der Royal Institution, von 1811
bis zu seinem Tode war er Arzt am St. Georges-Hospital in London.
Seine wissenschaftlichen, +überall wertvollen Arbeiten+ betreffen
+Mechanik+, +Optik+, +Wärmetheorie+, +Akustik+, +theoretische Chemie+,
+die Bewegung des Blutes+, den +Schiffbau+, die +mittlere Lebensdauer
des Menschen+, die +Dichte der Erde+, das wahrscheinlich richtigste
Resultat aus mehreren Beobachtungen, die +Ursache der Schwere+, +Ebbe+
und +Flut+, die +Figur der Erde+, die +Mondatmosphäre+. Er leistete
auch wichtige Dienste für die Entzifferung der +Hieroglyphen+. Außerdem
war er schriftstellerisch tätig, ein gründlicher Kenner der Musik,
ausgezeichneter Maler und geübter Reiter, der gegen Kunstreiter
Wetten gewann. Er war ein Vorkämpfer gegen die Emissionstheorie,
von der er sich bereits 1801 in einer der Royal Society vorgelegten
Abhandlung zugunsten der Undulationstheorie lossagte. Schon in seiner
1800 erschienenen akustischen Abhandlung hatte er eine epochemachende
Entdeckung gemacht, die ihn zum Reformator der Theorie der Optik werden
ließ: die +Interferenz von Wellenbewegungen+.[82]
*
+Humphrey Potter+ war, wie berichtet wird, an der Konstruktion der
ersten praktisch tätigen +Dampfmaschine+, die 1711 zu Wolverhamton für
einen Herrn Back zum Heben von Wasser aufgestellt wurde, beteiligt.
Und zwar sei er als +Knabe+ mit dem Auf- und Zudrehen der Hähne,
welche den Dampf oder das kalte Wasser vom Dampfzylinder abschlossen,
beauftragt gewesen. Weil ihm diese Manipulationen zu langweilig
wurden, habe er die Hähne durch Bindfäden so mit dem Balancierer der
Maschine verbunden, daß +dieser statt seiner das Umstellen derselben
zur richtigen Zeit besorgte+. Daß diese geniale Erfindung der
Vervollkommnung der Dampfmaschine vorausgehen mußte, ist hinlänglich
bekannt.[83]
*
Der geniale Erfinder Denys +Papin+ (1647-1710, vgl. S. 54) war
studierter +Mediziner+.
*
+Maupertuis+ (1698-1759) war ursprünglich Soldat und zwar von
1718-1723. Er entdeckte das Prinzip der kleinsten Wirkung, nach dem
alle mechanischen Probleme analytisch zu lösen waren.[84]
*
+Benjamin Franklin+ (1706-1790) war der Sohn eines unbemittelten
Seifensieders, besuchte, da er früh seinem Vater im Geschäft helfen
mußte, eine mittelmäßige Schule mit nur geringem Erfolg und erwarb
sich später seine Kenntnisse +ohne Lehrer. Ohne jegliche Gymnasial-
oder gar Universitätsbildung+, allein durch Selbststudium, brachte er
es nicht nur zu einem hervorragenden Staatsmann, sondern auch zu einem
epochemachenden Gelehrten. Seine Erfindung des Blitzableiters und
andere große Taten sind zu bekannt, um hier näher dargelegt zu werden.
Sicher ist, daß die Welt es nur dem Fehlen der gelehrten Zunft und des
Befähigungsnachweises in Amerika zu danken hat, wenn dieser seltene
Mann seinen Fähigkeiten gemäß Großes leisten durfte.[85]
*
Doch wie so oft zwei Personen gleichzeitig ein Problem lösen, so auch
beim Blitzableiter. Gleichzeitig und unabhängig von Franklin wurde er
auch in Europa erfunden, und zwar von +Prokop Divisch+ zu Prenditz bei
Znaim im Jahre 1750. Der Erfinder war wieder kein Fachmann, sondern ein
Pfarrer.[86]
*
+Luigi Galvani+ (1737-1798) war Professor der Medizin und beschäftigte
sich besonders mit vergleichender Anatomie und Physiologie. Ist die
Tatsache, daß hier wieder kein Fachmann, sondern ein Outsider eine der
großartigsten Entdeckungen machte, schon bemerkenswert genug, so sind
es die Nebenumstände nicht minder. Wie er in seiner 1791 erschienenen
Schrift »De viribus electricitatis in motu musculari commentarius«
erzählt, trug sich die Geschichte seiner Entdeckung folgendermaßen zu:
»Ich zerschnitt einen Frosch..., legte ihn, ohne etwas zu vermuten,
auf die Tafel, worauf die Elektrisiermaschine stand, die gänzlich
vom Konduktor getrennt und ziemlich weit davon entfernt war. Als
aber einer meiner Zuhörer die Spitze des Messers von ungefähr ein
wenig an die inneren Schenkelnerven brachte, wurden die Muskeln aller
Glieder sogleich zusammengezogen, als ob sie von heftigen Konvulsionen
ergriffen würden. +Ein anderer von den Anwesenden+ glaubte zu bemerken,
es geschähe nur zur Zeit, wenn der Konduktor einen Funken gäbe. Er
bewunderte die Neuheit der Sache und machte mich, der ich eben etwas
ganz anderes vorhatte, aufmerksam darauf.«
Wer der »andere von den Anwesenden« war, ist niemals mit Sicherheit
festgestellt worden. In Bologna ging das Gerücht, es sei +die eigene
Gattin Galvanis gewesen+. Danach gebührte ihr ein nicht geringes
Verdienst an dieser unsterblichen Entdeckung.[87]
Wie Wilhelm Ostwald in seiner »Entwicklung der Elektrochemie« erzählt,
verdankte Galvani gerade der +Lückenhaftigkeit seiner Kenntnisse+ diese
Entdeckung, da die damaligen Theorien, wenn er sie gekannt hätte, eine
Erklärung des Phänomens geboten hätten.
*
+Etienne Louis Malus+ (1775-1812) war auf der polytechnischen Schule
gebildet, wurde 1796 Kapitän im Geniekorps, erkrankte als Teilnehmer
an der ägyptischen Expedition an der Pest, wurde, nach Frankreich
zurückgekehrt, von 1806-1808 Unterdirektor der Fortifikationen in
Straßburg und im folgenden Jahre Examinator an der polytechnischen
Schule in Paris. Dieser Offizier entdeckte die +Polarisation des
Lichtes+, was er schon 1808 dem Institute von Frankreich mitteilte.
Er gab auch alle Methoden an, die zu einer richtigen Beschreibung und
Messung der Polarisationserscheinungen dienlich sind.[88]
*
+Augustin Jean Fresnel+ (1788-1827), der in höchst genialer Weise
die Anwendung der Undulationstheorie auf die Polarisation und
Doppelbrechung des Lichtes bewerkstelligte, war Ingenieur, also
ebenfalls kein Fachmann.[89]
*
+Johann Fraunhofer+ (1787-1826) war der Sohn eines armen Glasers, in
dessen Geschäft er so viel helfen mußte, daß er bis zum +14. Jahre
des Lesens und Schreibens unkundig+ blieb. Nachdem er schon vorher
bei einem Spiegelmacher und Glasschleifer in der Lehre gewesen war,
kam er 1806 in das mechanisch-optische Institut von Utzschneider in
Benediktbeuern, in das er 1809 als Teilhaber eintrat. Als die Anstalt
1819 nach München verlegt worden war, wurde er dort Professor. Die
genialen Arbeiten dieses Selfmademan über das +Spektrum+, sowie seine
+Fernrohre+ sind hinlänglich bekannt. Zu beachten aber ist, daß viele
dieser großen Entdecker nicht nur Dilettanten im Sinne der Zunft waren,
sondern auch im jugendlichsten Alter in bahnbrechender Weise die
Wissenschaft förderten.[90]
*
Besonders das mathematische Talent zeigt sich häufig sehr früh. So
bezog +William Thomson+, der von nahezu beispielloser Frühreife
war, im +Alter von 10 Jahren die Universität+. +Gauß+ schrieb seine
1804 erschienenen »Disquisitiones Arithmeticae«, die höchste seiner
Leistungen, als +Primaner+. +Evariste Galois+, dem manche die größte
mathematische Begabung aller Zeiten zuerkennen wollen, schrieb eine
Reihe von Arbeiten als 20jähriger Jüngling innerhalb von +drei Wochen+,
einer ihm bis zu einem Duell, in dem er fiel, verbleibenden Frist.
Die Pariser Akademie, die diese Arbeiten gegenwärtig herausgibt, ist
bereits bis zu ihrem +achten Bande+ gekommen!
+Niels Henrik Abel+ schrieb seine ersten Abhandlungen mit 18 Jahren
und starb mit 27 Jahren, nachdem er seinen Namen gegen den des großen
Gauß gestellt hatte. +William Thomson+ aber löste noch als Knabe an der
Universität Glasgow eine Preisaufgabe über die Gestalt der Erde und
behandelte in Cambridge mit 18 Jahren in einer grundlegenden Abhandlung
die Analogie der Theorie der Wärmeleitung in festen Körpern mit der der
elektromagnetischen Anziehung streng mathematisch.[91]
*
Hier mag auch an die bekannte Tatsache erinnert werden, daß +Pierre
Fermat+ (1601-1665), ein so hervorragender Mathematiker, daß bis heute
noch trotz eines Preises von 100000 M. es nicht gelingen wollte, seine
berühmte Gleichung elementar zu lösen, +Jurist+ war.
+André Marie Ampère+ (1775-1836) wuchs auf einer kleinen Besitzung
seiner Eltern bei Lyon auf. Hier war der Knabe viel auf sich selbst
angewiesen und versuchte seinen Wissensdurst durch das Studium des
großen Dictionnaire von D’Alembert und Diderot zu stillen, dessen 20
Bände er gründlich und ohne Auslassung durcharbeitete. Später -- nach
der Hinrichtung seines Vaters war er ein Jahr in geistige Apathie
verfallen -- regte ihn die Botanik und das Studium der lateinischen
Dichter vor allem an. Um sich eine Lebensstellung zu schaffen, wurde
Ampère 1796 Privatlehrer der Mathematik in Lyon und studierte in den
+Mußestunden+ die Chemie von Lavoisier. Dieser geniale Autodidakt
wurde Lehrer der Physik an der Zentralschule zu Bourg im Jahre 1807,
später Professor an der polytechnischen Schule zu Paris. Von 1800-1820,
wo seine elektrischen Untersuchungen begannen, beschäftigte er sich
viel mit mathematischen Arbeiten. Über ihn urteilt Maxwell (Lehrbuch
der Elektrizität, Berlin 1883, II, S. 216): »Ampères Untersuchungen,
durch die er die Gesetze der mechanischen Wirkungen elektrischer
Ströme aufeinander begründete, gehören zu den +glänzendsten Taten,
die je in der Wissenschaft vollbracht worden sind+. Theorie und
Experiment scheinen in voller Macht und Ausbildung dem Hirn des
›Newton der Elektrizität‹ entsprungen zu sein. Seine Schrift (Théorie
des Phénomènes etc.) ist in der Form vollendet, in der Präzision des
Ausdrucks unerreichbar, und ihre Bilanze besteht in einer +Formel, aus
der man alle Phänomene, welche die Elektrizität bietet, abzuleiten
vermag+, und die in allen Zeiten als Kardinalformel der Elektrodynamik
bestehen bleiben wird.«[92]
*
Die Voltasche Säule wurde von +Cruikshank+ (1745-1800), Arzt und
Chemiker seines Zeichens, verbessert durch einen Trog, in den 60
aufeinandergelötete Plattenpaare von Zink und Silber eingelassen
wurden. Die Zwischenräume zwischen den Plattenpaaren füllte er mit
salzsaurem Ammoniak. Eine bedeutende Verbesserung brachte +Wilkinson+,
ein Londoner Wundarzt, an, indem er diese Trogapparate in ihrer
äußeren Einrichtung den heutigen Tauchbatterien annäherte. Weiter auf
diese Details einzugehen ist zwecklos. Desto interessanter aber die
Feststellung, daß zwei so wichtige Fortschritte elektrotechnischer Art
von Nichtfachleuten herrühren.[93]
*
+Chladni+ (1756-1827), der Vater der Akustik, der unter anderem
die nach ihm genannten berühmten Klangfiguren entdeckte, studierte
auf den Wunsch seines Vaters +Jura+ und erst nach dessen Tode
Naturwissenschaften. Erst im Alter von 19 Jahren fing er an, Klavier
zu spielen und erfand 1790 im Euphon ein neues Toninstrument, mit
dem er als Virtuose Kunstreisen machte, von deren Ertrag er sich ein
beträchtliches Vermögen ersparen konnte.[94]
*
+Thomas Johann Seebeck+ (1770-1831), der Entdecker des heute
Thermoelektrizität genannten »Thermomagnetismus«, hatte +Medizin+
studiert, lebte dann als +Privatmann+ in Jena, Bayreuth und Nürnberg
und wurde 1818 Mitglied der Berliner Akademie. Also auch er war kein
Fachmann; so wenig wie +Carnot+, der +Vater der neuen Wärmetheorie+,
insofern dieselbe mathematisch ist und man die Größenverhältnisse der
Wirkungen betrachtet. Er war nach Absolvierung der polytechnischen
Schule 1814 französischer Genieoffizier, trat 1819 als Leutnant in
den Generalstab ein und wandte sich, da er nicht befördert wurde,
dem Studium der Wärmeerscheinungen zu. Nachdem er 1828 seinen
Abschied genommen hatte, starb er 1832 im Alter von 36 Jahren. Aus
hinterlassenen Papieren geht hervor, daß er bereits den +Satz von der
Erhaltung der Kraft allgemein ausgesprochen hat+, in der Form, »daß
die bewegende Kraft in der Natur eine unveränderliche Größe ist, daß
sie im eigentlichen Sinne des Wortes weder geschaffen noch zerstört
wird«.[95]
*
+Michael Faraday+ wurde 1791 als Sohn eines Hufschmiedes geboren. Im
Alter von 13 Jahren trat er bei einem +Buchhändler und Buchbinder+
ein, um dort acht Jahre zu bleiben. In seinen Mußestunden las er Mrs.
Marcets Gespräche über Chemie und aus der Encyklopädia Britannica
die Abhandlungen über Elektrizität und bemühte sich auch, die dort
angegebenen Versuche zu wiederholen. 1810 und 1811 erlaubte ihm sein
Meister, an einigen Abenden populäre Vorlesungen eines Herrn Tatum
über Physik zu besuchen. 1812 hörte er die vier letzten Vorlesungen
Humphrey Davys. Auf Grund seiner Ausarbeitung der gehörten Vorlesungen,
die er an Davy sandte, erhielt dieser Autodidakt 1813 die Stelle eines
Assistenten am Laboratorium der Royal Institution, trat dann mit Davy
eine größere Reise an und hielt 1816 seine erste Vorlesung. 1824 wurde
er, nicht ohne vorheriges Widerstreben Davys, zum Mitglied der Royal
Society gewählt, und nun folgten die Ehren schnell.
Faraday war einer der bedeutendsten Naturforscher aller Zeiten, dessen
Entdeckungen zahllos sind. Er hatte auch schon die klare Einsicht in
die +Einheit aller Naturkräfte+, welche die moderne Physik erst nach
längerer Zeit und nach vielen Kämpfen sich erworben hat. Die Idee
der gegenseitigen Umwandlungsfähigkeit der Naturkräfte war bei seinen
bedeutendsten Entdeckungen der leitende Gedanke.[96]
*
+George Green+ (1793-1841), der 1828 die Potentialfunktion zur
Bestimmung physikalischer Kräfte zuerst einführte, war Sohn eines
Bäckers und Müllers und +setzte anfangs das Gewerbe seines Vaters
fort+, um später in Cambridge zu studieren.[97]
*
+Siméon Denis Poisson+ (1781-1840) wurde in der Jugend zu einem
verwandten +Chirurgen+ in die Lehre geschickt, +da der Familienrat
ihn der geistigen Anstrengungen eines Notariates nicht für gewachsen
hielt+. Hier war er +gänzlich unbrauchbar+. Als er 1798 in die
polytechnische Schule eintrat, behauptete er immer den ersten Platz,
wurde bereits 1800 Repetent und 1806 Professor. Er hat sich um die
mathematische Mechanik große Verdienste erworben.[98]
*
+Julius Robert Mayer+ (1814-1878), der Entdecker des Gesetzes von der
+Erhaltung der Energie+, aus dem er die Äquivalenz von Arbeit und Wärme
folgerte und das mechanische Äquivalent der Wärme berechnete, war
+Arzt+. Als Schiffsarzt machte ihn 1840 in Java die veränderte Farbe
des Venenblutes darauf aufmerksam, daß zwischen dem Stoffverbrauch
und der produzierten Wärme im menschlichen Körper ein direkter
Zusammenhang bestehen müsse. Seiner Arbeit »Bemerkungen über die
Kräfte der unbelebten Natur« +versagte Poggendorff die Aufnahme in
seine Annalen der Physik und Chemie+, wie +er auch keine der späteren
Arbeiten Mayers abdruckte+.
Also auch der Entdecker eines der größten physikalischen Gesetze war
kein Fachmann, sondern ein junger Arzt.[99]
*
Das andere Genie, das sich mit diesem Thema befaßte, das uns in
ungeahnter Weise einen Einblick in die Ökonomie des Weltalls eröffnet,
und der auch das Glück hatte, Anerkennung zu finden, war ebenfalls kein
Physiker, sondern der Besitzer einer +Bierbrauerei+: +James Prescott
Joule+ (1818-1889). Er begründete die mechanische Wärmetheorie auf
experimentellem Wege und zwar in völliger Unabhängigkeit von Mayer.
Die Hauptabhandlung des 32jährigen erschien 1850, nachdem er bereits
1843 Gedanken geäußert hatte, die an Kühnheit den Mayerschen von 1845
fast gleichkamen. Übrigens war Joule auch der Begründer der Kinetischen
Theorie der Gase.[100]
*