Diese einem Aufsatz von Lombrosos langjährigem Freunde A. +Pfungst+

entnommenen Angaben sind auch deshalb interessant, weil der Autor das

Eintreten des italienischen Gelehrten für Okkultismus und Spiritismus

damit entschuldigt, »daß das Alter seine eminente Beobachtungsgabe, auf

die er sich bei den spiritistischen Experimenten blindlings verließ,

schon sehr geschwächt hatte« (S. 641). Also auch hier Theorie gegen

Beobachtung und Experiment.[56]

*

Karl +Schleich+, der Erfinder der subkutanen Einspritzung zur

Erreichung der Anästhesie wurde von den Kollegen heftig bekämpft.

*

+Lord Lister+ (geb. 1827), der Vater der modernen +Wundbehandlung+,

der zuerst Desinfektion der Wunde, dann aller mit der Wunde in

Berührung kommenden Gegenstände anwandte und empfahl, hatte zwar in

Deutschland größeren Erfolg als in seinem Vaterlande, aber auch bei uns

wurde seine großartige Entdeckung von +einigen bedeutenden Chirurgen

skeptisch aufgenommen+. Und doch wüteten damals Pyämie (Eiterfieber),

Septichämie (Blutvergiftung), Wundrose, Hospitalbrand, Lymphgefäß-

und Venenentzündung in entsetzlicher Weise. In Nußbaums Krankenhaus

verfielen diesen Infektionskrankheiten alle komplizierten Brüche, fast

alle Amputationen. 1872 kam dazu der Hospitalbrand, der sich bis 1874

so vermehrte, daß 80% +aller Wunden+ und Geschwüre von ihm ergriffen,

vielfach Knochen abgestoßen, Gefäße angefressen wurden, und zwar in

Fällen, die vielleicht wegen eines entzündeten Fingers, einer Schrunde

am Kopf oder einer anderen Kleinigkeit ins Spital kamen. »+Eine

wirklich glatte Heilung hat man vor dem Jahre 1875 auf dieser Klinik

nie gesehen.+« Wie durch einen Zauber verschwand das alles durch

Listers große, von Nußbaum in ihrer Tragweite erkannte Erfindung.[57]

*

Der Pfarrer I. F. +Esper+ (1742-1810) hatte in den Gailenreuther Höhlen

der Fränkischen Schweiz zwischen den Resten vorweltlicher Tiere auch

Menschenknochen entdeckt, und die Fundgeschichte 1774 veröffentlicht.

In seinem Werke »Ausführliche Nachricht von neuentdeckten Zoolithen«,

das sich durch heute noch vollkommen brauchbare Abbildungen der von ihm

entdeckten diluvialen Höhlentiere auszeichnet, hatte er ganz im Sinne

der modernen Wissenschaft argumentiert: Der Mensch, dessen Reste mit

denen der diluvialen Säugetiere im Höhlenschlamme begraben wurden, muß

auch mit diesen Tieren gelebt haben, er war sonach Zeuge der »großen

Flut«.

Daß sein Fund falsch gedeutet wurde, war des großen +Cuvier+

(1769-1832) Schuld. Er erkannte zwar die wissenschaftliche Richtigkeit

des Esperschen Fundes an, aber für den diluvialen Menschen war in

seinem Weltsystem kein Raum. Seine bis vor wenigen Jahrzehnten in

der Wissenschaft herrschende Katastrophentheorie nahm gewaltige

Erdrevolutionen an, die die organischen Schöpfungen der vorausgehenden

geologischen Periode vollkommen vernichteten, so daß durch Neuschöpfung

sich nach jeder solchen Revolution die Erde neu bevölkern mußte. Da sei

es undenkbar, daß der Mensch, der Periode des Alluviums angehörig, die

Katastrophe, die vor 5-10000 Jahren das Diluvium mit Mammut, Elefant,

Nashorn etc. vernichtete, überdauert hätte.

Cuviers Autorität wurde noch gestützt durch die der +Bibel+, deren

Sintflutsage er eine gewisse wissenschaftliche Stütze gewährte.

Deshalb wurde dieser Katastrophentheorie besonders in England, »wo

theologische Vorurteile von jeher die geologischen Anschauungen

beeinflußten«, gehuldigt. Sie erschwerte +Darwin+ und +Lyell+ den Sieg

der Evolutionstheorie, die uns heute beherrscht.

Ohne Cuvier würde man ohne Zweifel den Homo diluvii testis, den

Diluvialmenschen, weiter gesucht haben, wie +Scheuchzer+ (1672-1733)

ihn ja bereits gefunden zu haben glaubte. Allerdings erkannte Cuvier

in der Versteinerung, die Scheuchzer in einem vortrefflichen Kupfer

publizierte und mit dem schönen Vers:

»Betrübtes Bein-Gerüst von einem alten Sünder,

Erweiche Stein und Hertz der neuen Boßheits-Kinder«

zierte, statt eines Kindes, einen 1 m langen +Wassermolch+.[58]

*

Im Jahre 1856 wurde im Devonkalk des Neandertales bei Düsseldorf

ein Skelett gefunden, das nach den geologischen Umständen des Ortes

zweifellos in außerordentlich hohe Vorzeit hinauf reicht. Heute

weiß man, zumal inzwischen in Spy, Krapina, Brünn, La Naulette und

anderwärts ähnliche Reste gefunden wurden, daß es sich hier um

Überbleibsel einer tiefstehenden fossilen Menschenrasse handelt. Das

hatte bereits Dr. +Fuhlrott+, dem die betreffenden Skelettteile zuerst

übermittelt wurden, festgestellt. Daß er damals mit seiner Ansicht

vom europäischen Urmenschen nicht durchdrang, lag an den Autoritäten.

+Professor Mayer+ in Bonn meinte, die Gebeine rührten von einem 1814

gestorbenen Kosaken her, Professor +Rudolf Wagner+ in Göttingen

erkannte in ihnen einen alten Holländer wieder, Dr. +Pruner-Bey+ in

Paris aber einen Kelten. Maßgebend blieb die Ansicht +Virchows+, der

größten damaligen Autorität, der die Reste mit einem gichtbrüchigen

Greis identifizierte. +Ihm war es zuzuschreiben, daß lange Zeit die

Anthropologen von der richtigen Deutung abgehalten wurden.+[59]

*

Abraham Gottlob +Werner+ (1750-1817), hervorragender Mineraloge und

Vater der Geognosie, stellte die »neptunische Lehre« auf, d. h. die

Hypothese, daß der Ozean der Quell aller Bildungen der Erde sei und

jede neue Gestaltung im Mineralreich sich aus dem Wasser bilde. Sein

Schüler Voigt bestritt das, besonders mit Rücksicht auf den Basalt,

erlitt aber durch Werners Autorität eine Niederlage. +Erst nach seinem

Tode+ konnte +Buchs+ und +Humboldts+ Vulkantheorie Boden fassen.[60]

*

Über den großen 1751 bei Agram gefallenen Meteorstein schrieb der

gelehrte Wiener Professor +Stütz+ 1790: »daß das Eisen vom Himmel

gefallen sein soll, mögen wohl 1751 selbst Deutschlands aufgeklärte

Köpfe bei der damals unter uns herrschenden Ungewißheit in der

Naturgeschichte und Physik geglaubt haben, aber in unseren Zeiten wäre

es +unverzeihlich, solche Märchen auch nur wahrscheinlich zu finden+.«

An mehreren Museen wurden solche Meteorsteine sogar +weggeworfen+, »+um

sich nicht durch das Behalten derselben lächerlich zu machen+«.

Im gleichen Jahre 1790 fiel ein Stein bei Juillac in Frankreich nieder,

und der Maire dieser Stadt sandte einen mit der Unterschrift von 300

Zeugen versehenen Bericht an die +Akademie der Wissenschaften+. Aber

die Herren Akademiker waren ihrer Sache zu sicher.

Der Referent +Bertholon+ sagte, man müsse eine Gemeinde bemitleiden,

welche einen so törichten Maire habe, daß er solche +Märchen+ glaube.

Und er fügte hinzu: »Wie traurig ist es nicht, eine ganze Munizipalität

durch ein Protokoll in aller Form Volkssagen bescheinigen zu sehen, die

nur zu +bemitleiden+ sind. Was soll ich einem solchen Protokoll weiter

beifügen? Alle Bemerkungen ergeben sich einem philosophisch gebildeten

Leser von selbst, wenn er dieses authentische Zeugnis eines offenbar

falschen Faktums, eines +physisch unmöglichen Phänomens+ liest.«

Alle, die den herrschenden Ansichten dieser Gelehrten nicht beistimmen

wollten, wurden +verlacht+.

Der sonst sehr ruhig denkende Gelehrte A. +Deluc+ sagte sogar: Wenn

ihm ein solcher Stein vor die Füße fallen würde, müßte er zwar sagen,

er habe es gesehen, +könne es aber doch nicht glauben+. Auch +Vaudin+

sagte, man müsse so unglaubliche Dinge +lieber wegleugnen, als sich

auf Erklärungen derselben einlassen+.

Das war die Ansicht der französischen Akademie, die damals unter

dem Vorsitz des berühmten Laplace in der Wissenschaft unbedingt

dominierte.[61]

*

Als +Piazzi+ im Jahre 1801 die Entdeckung des ersten Planetoiden

Ceres machte, wies sie +Hegel+ (De orbitis planetarum, Jena 1801) aus

philosophischen Gründen zurück.[62]

*

Bekanntlich ist heute noch nicht der Kampf zwischen Lamarckismus und

Darwinismus völlig entschieden und wird es wohl auch nur im Sinne

einer Verschmelzung beider Lehren werden können. Da ist es nicht nur

erstaunlich, daß Lamarcks »Philosophie zoologique«, wiewohl sie in

einem naturphilosophischen Zeitalter erschien, fast unbeachtet blieb,

mehr noch ist es des großen Darwin Urteil über dieses hervorragende

Werk. Er nennt die Philosophie zoologique ein +wertloses Buch+, aus

dem er nicht +eine+ Tatsache und nicht +eine+ Idee entnommen habe.

Mit diesem widersinnigen Buche habe Lamarck der Abstammungslehre mehr

geschadet als genützt.[63]

*

+Herbert Spencer+ (1821-1903), der größte englische Philosoph des

ausgehenden 19. Jahrhunderts, wurde in solchem Maße als Autodidakt

behandelt, daß sein bedeutendes Buch »Social Statics«, das im ganzen

nur in erster Auflage in 157 Exemplaren erschien, +erst in 14 Jahren

abgesetzt wurde+. Als nach 24jähriger Tätigkeit sein Erfolg gesichert

war, lehnte er die dem unstudierten Manne von den Universitäten von

St. Andrews, Bologna, Cambridge, Edinburgh und Budapest zugedachte

Würde eines Ehrendoktors ab, wie er auch den Antrag der Akademien

von Rom, Turin, Neapel, Paris, Philadelphia, Kopenhagen, Brüssel,

Wien und Mailand, ihn zum korrespondierenden Mitglied zu ernennen,

zurückwies.[64]

*

Wie +Robert Mayers+ erste Arbeiten überall totgeschwiegen wurden, und

zwar so gründlich, daß weder in akademischen Zeitschriften darüber

referiert noch in anderen Werken von ihnen Notiz genommen wurde, so

erging es auch ähnlich +Helmholtz’+ Abhandlung »Über die Erhaltung

der Kraft«. Er sagt selbst darüber: »+Die Aufnahme meiner Arbeit in

Poggendorffs Annalen wurde mir verweigert+, und unter den Mitgliedern

der Berliner Akademie war es nur C. G. +Jacobi+, der Mathematiker, der

sich meiner annahm. Ruhm und äußere Förderung war in jenen Zeiten mit

der neuen Überzeugung noch nicht zu gewinnen, eher das Gegenteil!«[65]

*

Auch die prophetischen Worte E. H. +Webers+, die er im Jahre 1835 über

die zukünftigen Funktionen des elektromagnetischen Telegraphen sprach,

blieben vom Spott nicht verschont.[66]

Übrigens hat der gleiche große Physiologe Ernst Heinrich Weber zu

wiederholten Malen +Zöllner+ gegenüber geäußert, daß von allen

wissenschaftlichen Theorien +Virchows auch nicht eine einzige das Ende

seines irdischen Daseins überdauern würde+.

*

Als +William Jones+ und +Henry Thomas Colebrooke+ (1765-1857) das

+Sanskrit+ erstmalig gründlich studiert, teilweise übersetzt und

gefunden hatten, daß es eine reiche Literatur und nicht geringe

Verwandtschaft mit den klassischen Sprachen aufwies, stießen sie

auf nicht geringen Widerstand. Da sich mit dieser innigen Beziehung

des Sanskrits zu den geographisch so weit entlegenen europäischen

Sprachen die alten Anschauungen, welche entweder alle Sprachen aus

dem Hebräischen ableiteten oder größtenteils von einander isolierten,

nicht in Einklang bringen lassen, so ergriff der +berühmte Philologe

Dugald Steward+ (1753-1828) den einfachsten Ausweg, indem er +die

ganze Geschichte mit der Sanskritsprache für eine Lüge erklärte+.

Er schrieb einen Essay, in dem er zu beweisen suchte, daß sie von

den spitzbübischen Brahmanen nach dem Muster des Griechischen und

Lateinischen zusammengeschmiedet sei und +die Sprache sowohl als auch

die Literatur eine Fälschung+ seien. Diese Ansicht entwickelte noch im

Jahre 1840 der Professor in Dublin, +Charles William Wall+, weitläufig

(Göttingische gelehrte Anzeigen 1842 S. 1888).[67]

*

Endlich wollen wir die Niederlage nicht vergessen, die sich Autoritäten

und Fachleute noch in allerletzter Zeit in der Frage der +Wünschelrute+

holten. Bekanntlich versteht man darunter eine Rute oder auch einen

Draht, der in der Hand gewisser besonders dazu disponierter Leute durch

heftiges Ausschlagen das Vorhandensein von unterirdischen Wasserläufen

anzeigt. Auch Erzlager sollen auf diese Weise auffindbar sein. Das

Gerücht von der wunderbaren Kraft der Wünschelrute, die zumeist aus

Hasel oder Weide gemacht wird, geht seit Urzeiten im Volke. Statt nun

nachzuprüfen und dabei zu finden, daß die Beobachtungsgabe des Volkes,

wie sich schon oft zeigte, der der Gelehrten kaum nachsteht, wenn auch

die kritische Sichtung mangelhaft ist, wurde das Phänomen von den

Gelehrten +rundweg als Humbug abgelehnt+.

Das geschah auch, nachdem Landrat von +Uslar+ unbestreitbare Erfolge

in Südwestafrika aufzuweisen hatte. Im »Prometheus« wurde in den

neunziger Jahren ein heftiger Kampf über die Möglichkeit des Phänomens

bzw. dessen Wirklichkeit zwischen Theoretikern, die negierten, und

Praktikern, die auf die unleugbaren Erfolge hinwiesen, geführt.

Besonders ein Ingenieur H. +Ehlert+ konnte sich in gehässigen Angriffen

nicht genug tun.

Da griff in den Jahren 1908 und 1909 der Münchner Arzt Dr. +Aigner+,

also natürlich wieder ein Laie, die Frage auf und es gelang ihm durch

eine große Zahl praktischer Beweise, die er in Gegenwart von Vertretern

des Magistrates erbrachte, festzustellen, daß die Wünschelrute

tatsächlich in den Händen von gewissen Leuten die ihr zugeschriebene

Wirkung ausübt.

Über die Erklärung des Phänomens mögen sich die Fachleute in die Haare

geraten. Das Wichtigste ist die Konstatierung der Tatsächlichkeit.

Der dem Mittelalter gemachte Vorwurf, statt die eigenen Augen zu

gebrauchen, nach »Beweisen« bei Aristoteles, Galen und anderen

Autoritäten zu fahnden, kann auch der gelehrten Zunft von heute nicht

erspart werden. Auch sie lehnt schlankweg alles ab, was nicht in ihre

Theorien und Hypothesen paßt, statt die Phänomene zu prüfen und von

der festen Basis des Experimentes aus die Richtigkeit der Theorien zu

untersuchen.[68]

*

Nicht nur auf dem weiten Felde der Wissenschaft, nicht minder im Reiche

der Kunst deckt sich eine Geschichte der Kritik mit einer solchen der

Blamage der Autoritäten und Sachverständigen. Es sei zugegeben, daß

gerade in der Musik sehr viel auf den Geschmack ankommt, da es einen

objektiven Maßstab entsprechend der wissenschaftlichen Wahrheit nicht

gibt. Immerhin ist es amüsant und lehrreich zu sehen, wie auf allen

Gebieten der Fortschritt sich nur im harten Kampfe mit dem Bestehenden

durchsetzen konnte.

*

Im »Musikalischen Wochenblatt« sprach ein zeitgenössischer Leser seine

»freimütigen Gedanken« über +Mozart+ aus und zwar +nach+ dessen Don

Giovanni:

»Niemand wird in Mozart den Mann von Talenten und den erfahrenen,

reichhaltigen und angenehmen Komponisten verkennen. Noch habe ich ihn

aber von keinem gründlichen Kenner der Kunst für einen +korrekten+,

viel weniger +vollendeten+ Künstler halten sehen, noch weniger wird ihn

der geschmackvolle Kritiker für einen in Beziehung auf Poesie richtigen

und +feinen+ Komponisten halten.«[69]

Übrigens beschuldigte man Mozart auch des +Plagiats+ in der Ouvertüre

zu Don Giovanni.[70]

Mozart war, wie Brendel in seiner Geschichte der Musik schreibt, den

Zeitgenossen ein Buch mit sieben Siegeln. »Man traut seinen Augen

nicht, wenn man die damaligen Zeitungen nachliest und kaum hie und da

eine dürftige Notiz über ihn findet. Erst die Zauberflöte machte ihn

populär.«

Doch selbst das trifft nicht ganz zu. In Schauls Briefen über Geschmack

wird gefragt, ob sich der Anfang des zweiten Finales, dem er eine

schöne Melodie zugesteht, mit +der gesunden Vernunft+ vertrüge, da

drei kleine Knaben in so schweren Halbtönen singen müßten, daß es

einem geübten Sänger schwer werde, sie rein zu treffen. Man warf ihm

auch vor, für die Instrumente Unmögliches zu schreiben. Einer der drei

Posaunisten in der Friedhofsszene erklärte: »Das kann man so nicht

blasen und von Ihnen werde ich es auch nicht lernen!«

+Beethoven+ erging es von seiten der Kritik nicht besser. Er hatte das

gemein mit allen genialen Menschen, die neue Wege einschlugen. Die

Allgemeine Musikalische Zeitung in Leipzig, damals das einzige deutsche

kritische Organ von allgemein anerkannter Autorität, schreibt in einer

Besprechung der drei Violinsonaten op. 12: »Herr van Beethoven geht

einen eigenen Gang; aber was ist das für ein bizarrer, mühseliger

Gang! Gelehrt, gelehrt und immerfort gelehrt und +keine Natur, kein

Gesang+!«[71]

*

Im gleichen Organ erschien 1805 über die Eroika folgende

verständnisvolle Kritik: »Diese lange, äußerst schwierige Komposition

ist eigentlich eine sehr weit ausgeführte +kühne und wilde Phantasie+.

Es fehlt ihr gar nicht an frappanten und schönen Stellen, in denen man

den energischen, talentvollen Geist ihres Schöpfers erkennen muß: sehr

oft scheint sie sich ins +Regellose+ zu verlieren.«

C. M. +von Weber+, der Komponist des »Freischütz«, schrieb 23jährig

über Beethoven folgendes erstaunliche Urteil: »Die feurige, ja beinahe

unglaubliche Erfindungsgabe, die ihn beseelt, ist von einer solchen

+Verwirrung in Anordnung seiner Ideen+ begleitet, daß nur seine

früheren Kompositionen mich ansprechen, die letzteren hingegen mir nur

ein +verworrenes Chaos+, ein +unverständliches Ringen+ nach Neuem sind,

aus denen einzelne himmlische Genieblitze hervorleuchten, die zeigen,

wie groß er sein könnte, wenn er seine üppige Phantasie zügeln wollte.«

Die Kreutzersonate (op. 47) wurde zu Beethovens Zeit als +unaufführbar+

erklärt. (Nach Schindler.)

*

Als +Franz Schubert+ der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien seine

große C-dur-Symphonie aus Dankbarkeit für eine ihm dargebrachte

Huldigung übergab, wurde sie von den Künstlern der Gesellschaft als

+unaufführbar abgelehnt+.[72]

+Tieck+ nennt den »Freischütz« das »+unmusikalischste Getöse+, das je

über die Bühne getobt ist«. +Ludwig Spohr+ urteilte über die Oper auch

ungünstig.

Über die Euryanthe schreibt die »Zeitung für Literatur, Kunst, Theater

und Mode«, nachdem sie dem Komponisten Bizarrerie und Mangel an Einheit

und Klarheit vorgeworfen hat. »+Mangel an Melodie+ zeige sich da gerade

am meisten, wo sie am ehesten zu erwarten gewesen wäre....«

Franz Schubert sagt vom gleichen Werk, daß es »+keine Musik, keine

legitime Form und Durchführung+ enthalte, sondern lediglich auf Effekt

berechnet sei und weit hinter dem Freischütz zurückstehe.« (Nach La

Mara.)

Dem melodienreichen Oberon ging es nicht besser.

*

Daß +Wagners+ Tristan für unaufführbar gehalten wurde, ist allgemein

bekannt. Merkwürdig ist, daß Mozarts Biograph +Otto Jahn+ in seinen

Gesammelten Aufsätzen über Musik nicht nur Tannhäuser ablehnt, sondern

+Wagner schöpferisches Genie abspricht+!!

Der bekannte Tadel gegen Wagner, er übertöne mit seinen Instrumenten

die Sänger, findet sich auch schon Mozart gegenüber. Kaiser Josef II.

äußerte es gegen Dr. Hersdorf.

*

Endlich noch einige Urteile über +Goethe+.

Im Oktoberheft des Jahres 1832, ein halbes Jahr nach seinem Tode,

schreibt im »Sachsenfreund«, einer damals viel gelesenen Monatsschrift,

ein Anonymus aus +Weimar+:

»Unser Goethe ist +vergessen, wie zu erwarten war+, zu erwarten nicht

der Unempfänglichkeit halber, welche die Weimaraner für achtbare

Erscheinungen hätten, sondern seiner eigenen Individualität wegen. Der

Mensch fühlt sich nur vom Menschlichen angezogen, solange er es hat,

und sieht ihm trauernd nach, wenn’s ihm entrissen wird. +Menschliches

aber hatte Goethe nicht+, wie alle wissen, die ihn näher kannten, und

nicht, wie eine Handvoll hiesiger Goethemanen, mit Blindheit über ihn

geschlagen sind. Er fühlte und litt mit keinem menschlichen Wesen

außer ihm, und +die großen Interessen der Menschheit waren ihm völlig

fremd+, insofern nicht etwa im Gefolge derselben die aristokratischen

Gesellschaftsverhältnisse bedroht waren, an denen sein Herz hing.

Er war eine in sich abgeschlossene Marmorstatue, in welcher nur das

große Talent wohnte, die Welterscheinungen, die sich an und in ihr

abspiegelten, mit der objektivischen Anschaulichkeit und Vollendung

wiederzugeben. Einen Eindruck brachten sie aber nicht auf ihn hervor.

Denn dazu gehört das Medium des +Gemütes, und das hatte Goethe nicht+.

Darum kamen seine Ansichten und Maximen, wenn sie ihm einmal über

die weniger bewachte Lippe fuhren, dem gemütvollen Menschen fast

schauerlich vor, und man hatte Mühe, sich von der ihm innewohnenden

Selbstsucht und Härte einen angemessenen Begriff zu machen. Nie tat er

einem wohl, der ihm nicht persönlich dienstfertig dafür wurde, und für

Wohltaten wußte er seinen größten Gönnern nicht Dank. Das Testament,

das er hinterließ, zeugt für jenes, und der Mann, der fast +ohne

alle unmittelbar geleisteten Dienste+ Weimar in mehr als 50 Jahren

Hunderttausende kostete, vermachte den Armen oder irgendeinem milden

Institut bei seinem Tode -- nicht einen Heller. Seine Werke, nun ja,

sie werden ihn überleben, nämlich die sechs bis acht Bände, in die eine

kritische Hand einmal die Weizenkörner sammelt, welche in vierzig und

mehr Bänden voll Spreu enthalten sind. Diese Spreu wird aber vergessen

werden. Die Nemesis wird auch hier ihr Amt verwalten, wie sie es in

Hinsicht seiner häuslichen Verhältnisse tat.«[73]

Des Witzes halber seien diesem klassischen Urteile eines Anonymus noch

einige neuere von katholischen Autoritäten angereiht.

Baumgarten S. J. schreibt in »Goethes Lehr- und Wanderjahre« (Freiburg

1882, S. 99) über die Sturm- und Drangperiode:

»Da sitzen nun die Götterjünglinge, Goethe, Lenz, Klinger, Kaufmann,

gelegentlich auch Herder und Wieland; von ferne hört man ein

Waldhorn, und der Mond hat nichts zu tun, als das phantasiebedürftige

Conciliabulum anzuscheinen. Sehen Sie, meine Herren! Hier haben wir

die Anfänge unserer unsterblichen deutschen Nationalliteratur, welche

alle bisherigen Literaturen und Kulturen eminent in sich begreift, wie

der erwachsene Mann alle früheren Stadien des Lebens. Da die Poesie

der beiden Sturm- und Drangpoeten Lenz und Klinger sich hauptsächlich

in der Analyse der gemeinsten und wütendsten Leidenschaften, toller

Liebe, Eifersucht, Unzucht, Kindsmord und anderer schauerlicher Greuel

bewegte, und da sie in Sprache und Ausdruck keine Grenzen kannte, so

läßt sich denken, was sie in halben und ganzen Nächten in Goethes

Gartenhaus verhandelt haben mögen. Gevatter Wieland hatte an solchen

Kapiteln auch seinen Spaß.«

Über »Hermann und Dorothea« urteilt Norrenberg in seiner Allgemeinen

Geschichte der Literatur (Münster 1884, III. Bd., S. 181):

»Nirgendwo offenbart sich Goethes Gesinnung abstoßender als in ›Hermann

und Dorothea‹. Das glaubens- und inhaltsleere, trotz aller Noblesse

spießbürgerliche Gesellschaftsleben des ausgehenden achtzehnten

Jahrhunderts ist nie mit einer so abschreckend photographischen

Treue geschildert worden, als in diesem Epos. Man muß den blasierten

Quietismus des Weimarer Lebens kennen, das versumpft in dem deistischen

Humanismus, auch in der so nahen Perspektive der tragischen Ereignisse

der französischen Revolution nicht im mindesten religiösen oder

patriotischen Aufschwungs fähig war, um diese Dichtung zu verstehen.

Ich kann mir keine entnervendere Lektüre für die Jugend denken, als

›Hermann und Dorothea‹.«

Der verstorbene Bischof Paul Haffner (Frankfurter zeitgemäße Broschüren

II, 9 [1880]) stellt fest:

»Es ist bezeichnend für unsere heutige Bildung, daß von Goethes

Schriften diejenigen am meisten gelesen werden, welche an obszönen

Stellen am reichsten sind.«[74]

*

+Heinrich Heine+ hatte im Jahre 1910, außer dem in den Herzen des

Volkes errichteten, noch kein Denkmal in Deutschland. Oder wollen wir

das literarische, das der Heinetöter Adolf Bartels Heine und sich

errichtet, dafür gelten lassen?[75] Das einzige ihm von der Kaiserin

Elisabeth in Korfu geweihte wurde +entfernt+, nachdem das Achilleion in

den Besitz Kaiser Wilhelms II. übergegangen war.

Vierter Abschnitt

Die „Dilettanten“ und Outsider

Kultur-Kuriosa, Zweiter Band · 第 4 / 17 段