+Ampère+ aufstellte, wurden anfänglich von den Physikern +abgelehnt+.
+Biot+ war des Unterganges dieser Lehren ganz sicher und +erhoffte von
den Physikern, daß sie ihm seinerzeit die Ehre zollen würden, daß er
von Anfang an diese Hypothesen abgelehnt habe+.[37]
*
Als +Sadi Carnot+ 1824, 28jährig, sein Werk »Réflexions sur la
puissance motrice du feu et les machines propres à développer cette
puissance« veröffentlicht hatte, durch das er der +Vater der neueren
Wärmetheorie+ wurde und in dem er zum ersten Male klar und deutlich
die Erschaffung mechanischer nicht bloß, sondern auch physischer
Kräfte leugnete und das perpetuum mobile mechanicum so gut wie das
perpetuum mobile physicum, wenigstens soweit es thermodynamische
Maschinen betraf, für unmöglich erklärte, erfuhr sein Werk +völlige
Nichtbeachtung+. Weder +Berzelius+ noch +Gehlers+ Wörterbuch der Physik
erwähnen Carnot. Erst nach der Entdeckung des mechanischen Äquivalents
der Wärme fanden seine Arbeiten die verdiente Aufmerksamkeit.[38]
*
Die von +George Green+ 1828 gefundene Potentialfunktion wurde
+überhaupt nicht beachtet+, ebenso die Arbeiten +Hamiltons+ über
dasselbe Thema +nur wenig+. Erst als +Gauß+ 1840 die von ihm kurz
Potential genannte Funktion bearbeitete, fand sie allgemeine
Verbreitung und Anerkennung.[39]
*
+Faradays+ Bemerkungen über die Influenz fanden keine ungeteilt
günstige Aufnahme und die meisten Physiker, zumal die deutschen, waren
mit seiner Gegnerschaft gegen die actio in distans durchaus nicht
einverstanden. Man hielt seine Ideen von einer vermittelten Fernwirkung
für Gebilde +einer ausschweifenden Phantasie+ oder verkehrt geleiteter
Philosophie.[40]
*
+Euler+ führte 1762 Licht, Wärme und Elektrizität auf eine allgemeine
Ursache, den Äther, zurück. Damit kam er, trotz mancher Mängel der
Hypothese, dem Gesetz der Umwandlung der Kräfte sehr nahe und verdient
unsere höchste Bewunderung dafür, daß er vor mehr als einem Jahrhundert
nicht nur auf eine gemeinsame Wurzel aller Kräfte hinwies, sondern daß
es ihm auch gelang, wenigstens teilweise die Erscheinungen aus ihr
abzuleiten. Da er jedoch +mit Newtons Autorität kollidierte, wußten
seine Zeitgenossen sein Verdienst nicht zu schätzen+. Bezeichnend ist,
daß Priestley in seiner zu London 1772 erschienenen Geschichte der
Optik in bezug auf den großen Mathematiker es +ablehnt+, »+den Leser
mit bloßen Hypothesen aufzuhalten+«.[41]
+Graf Rumford+ (1753-1814) hatte durch Beobachtungen beim Kanonenbohren
in den Werkstätten des Militärzeughauses zu München und daran
anschließende Versuche festgestellt, daß durch Reiben zweier Körper
aneinander unbestimmte, vielleicht unbegrenzte Mengen von Wärme erzeugt
werden könnten. Daraus folgerte er, daß man +unmöglich diese Wärme+
selbst als einen +Stoff annehmen könne+ -- dies nach der gültigen
+Phlogistontheorie+ geschah --, sondern was durch Bewegung immer
unerschöpflich erzeugt werden könne, selbst nur Bewegung sei. Daher
müsse man alle Wärmeerscheinungen als Bewegungserscheinungen auffassen.
+Humphry Davy+ (1778-1829) prüfte Rumfords Versuche nach und erzeugte
Wärme sogar durch Reibung von Eisstücken, wobei sich herausstellte,
daß das sich bildende Wasser eine höhere Temperatur erhielt, als die
Lufttemperatur gerade betrug. Das war eine glänzende Bestätigung von
Rumfords Versuchen. Er stellte eine Vibrationstheorie auf und erklärte
alle Erscheinungen der Wärme durch die Annahme, daß in einem festen
Körper die Teilchen in beständig schwingender Bewegung sind. Auch
+Thomas Young+, der Wiedererwecker der Undulationstheorie des Lichtes,
bekannte sich zur +Vibrationstheorie+ und gelangte zur Überzeugung,
daß Licht und Wärme aus ganz gleichartigen Schwingungen bestehen, die
sich nur dadurch unterscheiden, daß die Wärmeschwingungen langsamer
sind, als die des Lichtes. Trotzdem fühlten sich die +Physiker nicht
veranlaßt, diesen Behauptungen+ Youngs eine größere +Beachtung zu
schenken+, als seinen Bemühungen um die Reform der Optik. Die meisten
Physiker kehrten, wiewohl sie merkten, daß sich die genannten Versuche
mit der Annahme eines Wärmestoffes schwer vereinigen ließen, doch zu
ihm zurück. Man betrachtete die Erzeugung der Wärme durch Reibung nur
als einen nicht geklärten dunklen Punkt an dem sonst reinen Himmel der
herrschenden Theorie, und bemühte sich mit gutem Erfolg, diesen dunklen
Punkt ganz zu übersehen.[42]
*
Giovanni Battista +Guglielmini+ († 1817) stellte Berechnungen an
über die Abweichung fallender Körper von der Lotlinie und fand, daß
die östliche Abweichung eines von der St. Peterskirche in Rom 240
Fuß hoch fallenden Körpers durch die Rotation der Erde ½ Zoll von
der Vertikalen betragen müsse. In den Jahren 1790 und 1791 machte er
diesbezügliche Versuche, die mit den Resultaten seiner Berechnung
ziemlich gut übereinstimmten. Wunderbarerweise fand er aber auch
gleichzeitig eine, allerdings geringe, südliche Abweichung. +Laplace
schloß aus dieser Abweichung+, die ihm theoretisch unmöglich erschien,
nur, daß die +ganzen Versuche gänzlich ungenau+ und +ihr Zeugnis für
die Achsendrehung der Erde ganz unkräftig sei+.
Auch als +Benzenberg+ im Jahre 1802 vom Michelsturm in Hamburg und im
nächsten Jahre in einem Kohlenschacht zu Schlehbusch in der Mark die
Versuche mit gleichem Resultat wieder aufnahm, gelang es ihm nicht, die
meisten Physiker davon zu überzeugen, daß die südliche Abweichung in
Zusammenhang mit der Schwere und Rotation der Erde stünde.[43]
*
Als es +Davy+, der übrigens als Lehrling bei einem Chirurgen und
Apotheker seine glänzende Laufbahn begonnen hatte, gelungen war, noch
vor dem Jahre 1812 das +elektrische Bogenlicht+ zu erzeugen, mit dem er
Platina, Quarz, Kalk etc. schmolz, erregten diese Entdeckungen +nicht
das Aufsehen+, das man hätte erwarten dürfen. Ja, theoretisch erschien
die kolossale Wärme- und Lichtproduktion bei der geltenden materiellen
Theorie der Wärme sogar +beunruhigend+ und +unbequem+! Man beobachtete
hinfort unter den Physikern über dieses Thema +Schweigen+![44]
+Dufay+ (1698-1733) war es ein Jahrhundert früher nicht besser
ergangen. Er hatte u. a. die Verschiedenheit der positiven von der
negativen Elektrizität entdeckt. »Das entscheidende Kennzeichen
besteht darin, daß sie sich selbst abstoßen und im Gegenteil eine die
andere anzieht.« Dieses äußerst wichtige Prinzip fand nicht gleich die
verdiente Anerkennung und ist später erst zur Geltung gebracht worden,
+ohne daß man dabei die Verdienste Dufays anerkannt hätte+.[45]
*
Der geniale Erfinder +Papin+, der bereits den Gedanken hatte, Wagen
durch Dampfkraft zu bewegen, der Versuche mit einem Taucherschiff
anstellte, eine Zentrifugalpumpe erfand, die ohne Ventile und Klappen
kontinuierlich das Wasser heben und auch als Blasebalg gut verwendbar
sein sollte, der ferner den nach ihm benannten Dampfkochtopf erfand,
der aber auch erst der Neuzeit die Dienste leistete, die Papin sich
von ihm versprach, hatte den +Plan, ein Schiff durch Dampfkraft zu
bewegen. Es gelang ihm jedoch nicht, die Royal Society, die überhaupt
die Entwicklung der Dampfmaschine wenig beachtete, für seine Idee zu
gewinnen.+ Er starb in Dürftigkeit.[46]
*
Im Jahre 1663 erschien aus der Feder des Edward +Somerset, Marquis of
Worcester+, in London ein Schriftchen unter dem Titel: A century of the
names and scantlings of such inventions as at present I can coll to
mind to have tried and perfected. Hier erwähnt unter No. 68 Worcester
eine Maschine, die, mit Dampf betrieben, Wasser in beliebiger Menge
auf beliebige Höhe fortdauernd zu heben vermag. Obwohl er auf diesen
+Vorläufer der Dampfmaschine+ im gleichen Jahre für sich und seine
Erben ein +Patent+ auf 90 Jahre erhielt, geriet die Erfindung mit
seinem 1667 erfolgten Tode bereits in +Vergessenheit+.[47]
*
Als Poggendorf im XLVIII. Bande seiner Annalen 1839 (S. 193) einen
Aufsatz über +Daguerres+ Erfindung der +Photographie+ brachte,
rechtfertigte er die Veröffentlichung folgendermaßen: »Bei dem
allgemeinen und, man kann wohl sagen, +übertriebenen Interesse+,
welches die Anzeige von Herrn Daguerres Entdeckung im Publikum gefunden
hat...« Das Publikum, d. h. die Nichtzünftler, hat allerdings häufig
genug mehr Verständnis für das Neue bewiesen, als die Hochgelahrten.
*
Das +Telephon+, die Erfindung des Autodidakten Philipp +Reis+, wurde
zwar in wissenschaftlichen Werken, ja sogar in populären Schriften
erwähnt. Das hinderte aber nicht, daß es allmählich +in Vergessenheit
geriet+. Und zwar so gründlich, daß die mit Unterstützung der
historischen Kommission der bayerischen Akademie der Wissenschaften
herausgegebene »Geschichte der Technologie« von Karl Kramarsch (München
1872) weder den Namen des Erfinders Reis, noch die von ihm geprägte
Bezeichnung Telephon aufführt. Erst als +Graham Bell+, der den Apparat
verbesserte, auch die Idee für sich in Anspruch nahm, erinnerte man
sich in Deutschland des ursprünglichen Erfinders, dessen Tage gezählt
waren.[48]
*
Die »Edinburgh Review« forderte das Publikum auf, +Thomas Gray+ in eine
+Zwangsjacke zu stecken, weil er den Plan von Eisenbahnen entwarf+.
*
Ein so großer Gelehrter wie +Sir Humphry Davy lachte+ über +die
Vorstellung, daß London einmal mit Gas beleuchtet werden solle+.
*
Die französische Akademie der Wissenschaften verspottete den großen
Astronomen +Arago+, als er nur das Verlangen stellte, über das Projekt
eines +elektrischen Telegraphen+ eine Diskussion zu eröffnen.
*
Als +Stephenson+ vorschlug, +Lokomotiven+ auf der Liverpool- und
Manchestereisenbahn zu benutzen, führten gelehrte Männer den +Beweis,
daß es unmöglich sei, zwölf englische Meilen in einer Stunde
zurückzulegen+. Eine andere hohe wissenschaftliche Autorität erklärte
es für gleich unmöglich, daß +Meeresdampfer+ jemals den Atlantischen
Ozean durchkreuzen könnten.[49]
*
Als die +Gasbeleuchtung+ der Straßen eingeführt werden sollte,
eiferte die +Kölnische Zeitung+ in der Nummer vom 23. April 1828 aus
theologischen Gründen dagegen. +Es sei unzulässig, die von Gott dunkel
geschaffene Nacht zu erhellen.+
*
+Helmholtz+ erklärte im Jahre 1872 als Mitglied einer vom
preußischen Staate eingesetzte Kommission zur Prüfung äronautischer
Fragen für nicht wahrscheinlich, daß der Mensch, auch durch den
allergeschicktesten flügelähnlichen Mechanismus, den er durch seine
eigene Muskelkraft zu bewegen hätte, jemals sein eigenes Gewicht in die
Höhe heben und dort erhalten könne. Mag der große Gelehrte mit der
menschlichen Muskelkraft auch recht behalten haben, so +lähmte doch
anderseits seine Autorität die aviatischen Bestrebungen überhaupt+.[50]
*
Der Professor am Polytechnikum in Hannover und dessen nachmaliger
Rektor Wilhelm +Launhardt+ (geb. 1832), ein hochangesehener Ingenieur
und Fachschriftsteller, warnte seine Zuhörer davor, sich mit den
stets vergeblich gewesenen Versuchen zur Erfindung eines +Automobils+
abzuplagen.[51]
*
Wenden wir uns nun der Medizin zu, in der es den großen Männern um kein
Haar besser erging als in den Naturwissenschaften oder der Technik.
+Leopold Auenbrugger+ (1722-1809), Arzt in Wien, erfand die
+Perkussionsmethode+, über deren Unentbehrlichkeit zur physikalischen
Untersuchung des Körpers niemand im Zweifel ist. Und zwar fand er nicht
durch Zufall diese großartige Erleichterung der Diagnose, sondern durch
Nachdenken und Experiment, dabei ganz unvorbereitet und ohne jegliche
Andeutung früherer Beobachter. Er veröffentlichte seine hochbedeutende
Erfindung im Jahre 1761 in Wien nach siebenjähriger Vorarbeit unter dem
Titel Inventum novum ex percussione thoracis humani ut signo abstrusos
interni pectoris morbos detegendi.
Es handelt sich hier um einen der ersten und glänzendsten Triumphe der
anatomischen Forschung, und der Gedanke liegt nahe, daß das auch die
Zeitgenossen erkannt hätten. Wer aber das Verhalten der Zunft und
Autoritäten dem Neuen gegenüber kennt, wird es weniger erstaunlich
finden, daß nur ein einziger Arzt namens +Stoll+ den Wert der
Untersuchungsmethode durch Perkussion, wenn auch nicht ihrem vollen
Umfange nach, erkannt und dieselbe geübt hat. +Van Swieten+ und +de
Haën+ schenkten Auenbruggers großer Leistung keine Aufmerksamkeit. Von
einigen Seiten wurde die Entdeckung lächerlich gemacht, von andern
mißverstanden. So schrieb unter andern +Vogel+ in einer Kritik der
Auenbruggerschen Schrift (Neue med. Bibliothek 1766, VI, S. 89), daß
dieses Inventum mit besserem Recht novum antiquum, als novum hätte
benannt werden können, +da es nichts anderes als die von Hippokrates
geübte Sukkussion sei+.
Es ist ja eine beliebte Methode, das Neue zunächst als schlecht
abzulehnen. Dann den Nachweis zu erbringen, daß es überhaupt nicht
neu ist. Leute, deren Sitzorgane in umgekehrtem Verhältnis zu den
Denkorganen entwickelt sind, werden auch stets Anklänge in irgendeinem
alten Schmöker finden. Vogel war jedenfalls vorsichtig, als er das
hohe Alter einer Erfindung festzustellen versuchte, bevor deren Wert
anerkannt worden war. Bezeichnend ist das Urteil des berühmten +Haller+
(Göttingische gelehrte Anzeigen 1762, S. 1013). »Alle dergleichen
Vorschläge verdienen zwar nicht auf der Stelle angenommen, aber mit
Achtung gehört zu werden.« Nur keine Eile!
Da die wenigen günstigen Urteile keine Beachtung fanden, geriet
Auenbruggers Erfindung und Schrift in +völlige Vergessenheit+, bis der
große Pariser Arzt +Corvisart+ ihr den ihr gebührenden Platz in der
praktischen Heilkunde sicherte. Im Jahre 1808, also ein Jahr vor des
genialen Erfinders Tode, aber +47 Jahre nach ihrer Veröffentlichung+,
gab er unter dem Titel »Nouvelle methode pour reconnaître les maladies
internes de la poitrine par la percussion de cette cavité« eine
Übersetzung des Werkes heraus, deren Vorwort bewies, daß er als erster
die Bedeutung dieser Erfindung für das Heil der Kranken in ihrem ganzen
Umfange vollkommen gewürdigt hatte.[52]
*
Ganz ähnlich wie der Perkussion erging es der zur Diagnose nicht minder
wichtigen +Auskultation+. Der selbständige Erfinder der klinischen
Auskultation war der bekannte französische Arzt +Laënnec+ (1781 bis
1826). Zwar hatten bereits die alten griechischen Ärzte diese Methode
angewandt, sie war aber völlig in Vergessenheit geraten, so daß
Laënnecs Erfinderruhm nicht gemindert wird, um so weniger, als er auch
das Stethoskop anwandte und sich als Meister in der Determination
akustischer Zeichen erwies. Der von ihm in die Auskultation
eingeführten Nomenklatur bedienen sich noch die heutigen Ärzte. Sein
Werk ist ein vollständiges Handbuch der Diagnostik, zumal in seiner
zweiten 1826 erschienenen Auflage. Übrigens gedenkt Laënnec auch der
Perkussion, nur daß er die Leistungen dieser Methode für sich allein
für eng begrenzt und zweifelhaft hält.
Zunächst fand Laënnec auch bei seinen Landsleuten +keine allgemeine
Anerkennung+. Man eiferte von mancher Seite gegen die »Cylindromanes«.
Besonders +Broussais+ (Examen des doctrines médicales ... T. II,
Paris 1821) hatte vielfache oft recht kleinliche Bemängelungen und
Ausstellungen. Am ersten wurde die neue Methode in England, zuletzt in
Deutschland angenommen.[53]
*
+Franz Anton Mesmer+ (1733-1815) suchte nachzuweisen, daß die
Himmelskörper durch ihre gegenseitigen Anziehungskräfte einen Einfluß
auf unser Nervensystem ausüben (de Planetarum influxu 1766). Ferner
beschäftigte er sich viel mit Magnetismus, den er für heilkräftig
hielt und mit dem er auch Heilungen vollführte. Als er bemerkte, daß
auch ohne Anwendung des Magnetes durch bloßes Streichen mit den Händen
eigentümliche Wirkungen hervorgebracht wurden, schloß er daraus auf
eine von ihm ausströmende, dem Magnetismus verwandte Kraft, die er
»+tierischen Magnetismus+« nannte und in sein Heilsystem aufnahm.
(Sendschreiben an einen auswärtigen Arzt über die Magnetkunde, Wien
1775.) Tatsächlich gelang es ihm, Schlaf zu erzeugen, er beobachtete
den Somnambulismus und das Hellsehen, ließ mit den Fingerspitzen
verschlossene Briefe lesen u. a. m. Andere identifizierten die
zugrundeliegende geheimnisvolle Kraft nicht mit dem Magnetismus,
sondern, wie Reichenbach mit dem von ihm angenommenen Od, oder wie
Kieser, Gmelin, Passavant mit Tellurismus, Siderismus oder Nervenäther.
Doch die Erklärungsversuche der Phänomene haben für uns weniger
Interesse, als die Stellung der wissenschaftlichen Welt zu Mesmer.
In Wien hatte er wenig Glück. Eine Partei tat das, was dem unbequemen
Neuen gegenüber immer das Naheliegendste ist und was deshalb unsere
offizielle Wissenschaft auch heute noch den okkulten Phänomenen
gegenüber tut: +sie leugnete kurzweg alles+. Selbst Wiener Augenzeugen
(Störck, Barth, Ingenhouß) sprachen sich nicht für die Glaubwürdigkeit
seiner magnetischen Kuren aus. Nur wenige Ärzte, die die Vorgänge an
Magnetisierten beobachtet hatten, gaben ein, wenn auch nicht absolut
günstiges, so doch reserviertes Urteil über die Vorgänge ab. Zwar
begründete Mesmer in Wien ein Spital zur Ausübung seiner Heilmethode,
mußte die Kaiserstadt aber 1778 verlassen, um sich nach Paris zu
begeben. Hier wurde der Magnetismus zur Modesache. Das hinderte aber
-- und mit Recht -- die Gelehrten natürlich nicht, nach wie vor ihm
kritisch gegenüberzustehen. Daß die Pariser Akademie der Wissenschaften
und die medizinische Fakultät, Instanzen, denen 1784 die Untersuchung
übertragen war, und in denen Männer wie Leroy, Bailly, Lavoisier
u. a. saßen, die Heilerfolge einfach auf die Macht der Einbildung
zurückführten und damit alle Mesmerschen Experimente leugneten, zeugt
allerdings nicht von übergroßem Scharfblick. Mesmer sah sich daraufhin
gezwungen, nach Deutschland zurückzukehren.
Daß sich Mystik und Schwärmerei der wunderbaren Entdeckung
bemächtigten, liegt nahe, ebenso daß dadurch ernste Männer zu erhöhter
Skepsis veranlaßt wurden. Tatsächlich fiel bereits in den dreißiger
Jahren des 19. Jahrhunderts der tierische Magnetismus bei den Ärzten
in Mißachtung, nachdem er eine Zeitlang Anhänger gehabt hatte. Mesmer
aber galt hinfort als Schwindler.
Wir wollen hier natürlich keine Lanze für den tierischen Magnetismus
brechen, noch für Reichenbachs Od oder andere Erklärungsversuche.
Wohl aber legen wir Gewicht auf die sich auch hier wiederholende
Erscheinung, daß +Tatsachen geleugnet werden, weil sie in das gerade
herrschende System nicht passen, oder weil Phantasten aus ihnen zu weit
gehende Schlüsse ziehen+.
Doch Mesmer sollte eine, allerdings sehr späte, Rechtfertigung
erfahren. Im Jahre 1841 machte der Arzt +James Baid+ (1795-1860) in
Manchester die Entdeckung, daß bei einzelnen Individuen durch jedes
beliebige Verfahren, das die Aufmerksamkeit auf +einen+ Punkt lenkt,
ein eigentümlicher Schlaf hervorgerufen werden kann und daß dieses
Verfahren sich unter Umständen auch als Heilmittel empfehle. In seiner
1843 erschienenen Schrift nannte er diese Erscheinung Neurypnologie
(so der Titel des Buches) oder Hypnotismus. Er beobachtete dieselben
Erscheinungen wie beim Mesmerismus, verwahrte sich aber -- vielleicht
durch das Beispiel jenes gewarnt -- mit aller Entschiedenheit gegen die
Annahme einer besonderen, vom Arzt ausgeübten, Kraft und betonte, daß
sie lediglich auf einer eigentümlichen subjektiven Stimmung beruhe,
in der das Individuum durch nervöse Erregung, herbeigeführt durch
Konzentration des Geistes auf einen Gedanken, versetzt werde oder sich
selbst versetze. Erst im Todesjahre Braids 1860 wurde durch Broca und
Azam der Braidismus als ein wichtiger Fortschritt erkannt und der
Pariser Akademie der Wissenschaften davon Mitteilung gemacht. Trotzdem
blieben diese Erscheinungen bis zum Ende der siebziger Jahre ziemlich
unbekannt. Erst durch das Auftreten des gewerbsmäßigen Hypnotiseurs
+Hansen+ 1879 angeregt, haben seit 1880 die exakten Untersuchungen
von seiten kompetenter Naturforscher die +Realität der mit dem Namen
Hypnotismus bezeichneten Erscheinungen+ und die +Identität derselben
mit den von fremden Zutaten entkleideten Beobachtungen Mesmers außer
aller Frage gestellt+.[54]
+Virchow+ blieb bekanntlich zeitlebens ein Leugner und Hauptgegner des
Hypnotismus.
Bedenkt man nun, daß Suggestion, Hypnotismus, Somnambulismus,
Hellseherei und wie diese Erscheinungen alle heißen mögen, seit vielen
Jahrtausenden bekannt und geübt sind, daß Mesmer zuerst die Augen des
gebildeten Europa mit negativem Erfolg auf seine Experimente richtete
und daß nach seinem Tode 70, nach der ersten Veröffentlichung seiner
Beobachtungen mehr als 100 Jahre vergingen, dann wird man gegen
Negationen von Autoritäten und Akademien nicht minder mißtrauisch
werden, als man vorurteilslos an irgendwelche noch so phantastisch
erscheinende Behauptungen herantreten wird. Was aber Hypnotismus und
Suggestion ihrem Wesen nach sind, weiß man heute ebensowenig, wie in
Mesmers Tagen. Man begnügt sich mit Beschreibung der Beobachtungen
und Anwendung der gemachten Erfahrungen. Ob das aber prinzipiell den
Hypothesen eines Mesmer und Reichenbach gegenüber ein Fortschritt ist,
sei dahingestellt. Auch auf diesem Felde wird die Zukunft uns nicht
durch, sondern trotz der Autoritäten die Wahrheit entschleiern.
*
Die Dialectical Society in London hielt im Jahre 1869 eine große
Anzahl von Sitzungen zur Erforschung der sogenannten okkulten
Phänomene ab, an denen unter anderen bedeutenden Männern auch +Alfred
Russel Wallace+ teilnahm. Die Resultate über Tischrücken, Klopfen,
Bewegung von Gegenständen ohne Kontakt etc. waren so erstaunlich,
daß mehrere Mitglieder der Gesellschaft sich weigerten, die Schlüsse
anzuerkennen, es sei denn, der Chemiker +Crookes+ hätte sie
nachgeprüft. Der berühmte Gelehrte unterzog sich dieser Aufgabe mit
dem Erfolge, daß er die erstaunlichsten Beobachtungen der Dialectical
Society nicht nur bestätigen, sondern sogar ergänzen konnte. Z. B.
gelang es, eine Ziehharmonika ohne Berührung zum Spielen zu bringen,
Gewichtsveränderungen von Körpern zu erzielen, Tische und Stühle, ja
menschliche Körper ohne Berührung in die Höhe zu heben etc. Hatte
früher Crookes Bereiterklärung, sich der Nachprüfung zu unterziehen,
das Entzücken aller Kritiker geweckt, schlug die Stimmung ins konträre
Gegenteil um, als die Hoffnungen, der Gelehrte werde ein neues
Zeugnis zugunsten ihrer Ansichten bringen, sich nicht erfüllten.
+Die Königliche Gesellschaft in London aber+, deren Mitglied Crookes
ist, und die seine Beteiligung an den okkulten Forschungen gebilligt
hatte, solange sie annehmen konnte, es handle sich um Schwindel,
+nahm seine Schrift nicht an+, als er den Bekennermut bewies, das zu
bestätigen, was er gesehen hatte. Professor +Stokes+, der Sekretär
der Gesellschaft, weigerte sich, sich mit diesem Gegenstande zu
befassen und +auch nur den Titel unter den akademischen Publikationen
einzutragen+. Es war die genaue Wiederholung dessen, was an der
Akademie in Paris im Jahre 1853 den Versuchen des Grafen +Gasparin+
gegenüber geschehen war und was die Londoner Gesellschaft einst
Franklins Blitzableiter gegenüber getan hatte.[55]
*
Als +Lombroso+ den Nachweis erbracht hatte, daß +das Pelagra+, eine
in Italien furchtbare Opfer fordernde Krankheit, durch Vergiftung mit
verdorbenem Mais entstehe, wurde diese Theorie jahrelang +mit wahrer
Wut bekämpft+, bis sie sich allgemein durchsetzte. Heute zweifelt
niemand mehr daran, daß Lombroso die Ursache des Pelagra richtig
erkannte.
Ähnlich ging es ihm mit der Theorie des +geborenen Verbrechers+,
die auch heute noch von vielen abgelehnt wird. Immerhin ist sie ins
Strafrecht eingedrungen, z. B. in Ungarn, aber auch in Deutschland, wo
man versucht, der Person des Verbrechers Rechnung zu tragen.