Hellwald schreibt (mit Kürzungen): »Nach Llorente, Histoire critique

de L’Inquisition d’Espagne, 1815-1817, sollen von 1481-1808 in Spanien

31912 Menschen verbrannt worden sein. Nach glaubwürdigen Quellen betrug

die Bevölkerung Spaniens um 1500 n. Chr. 9320691, welche Ziffer 2½

Jahrhunderte, bis 1768 (Jahr der ersten verläßlicheren Volkszählung)

stationär blieb.

Gesetzt nun, die Ketzerverbrennungen wären über diese Periode

gleichmäßig verteilt gewesen, so hätten dieselben alljährlich 97,6

oder rund 100 Menschen, d. h. 1:90000, das Leben gekostet. Nun soll

aber Torquemada in den 15 Jahren von 1483-1498 allein 8300, d. h.

durchschnittlich 586 Menschen jährlich, nach den glaubwürdigen

Angaben Marianas, dem Maurenbrecher folgt, 1481-1498 nur 2000 Opfer

zum Scheiterhaufen gesandt haben; diese Ziffern wären also von den

obigen abzuziehen, d. h. auf 312 Jahre entfallen 23112 Opfer = 74 im

Jahre = 1: 121756. Diese Zahlen sind nicht so furchtbar groß, wie

nachstehendes, der Gegenwart entnommenes Beispiel illustriert. Nach dem

»American Railroad Journal« fanden im Jahre 1873 im ganzen 576 Menschen

den Tod durch Unglücksfälle auf Eisenbahnen im Gebiete der Vereinigten

Staaten, 1112 wurden verletzt. Diese Ziffern findet das genannte Blatt

ziemlich unbedeutend und in der Tat fällt es niemandem bei, über

dieselben ein Klagegeschrei zu erheben. Wenn nun diese Ziffern immer

so ›unbedeutend‹ blieben, so würden in dem gleichen Zeitraume von 327

Jahren nicht weniger als 188352 Tote und 363624 Verwundete diesem

Fortschritte der Zivilisation zum Opfer fallen.«

Daß der relative Menschenverlust nicht allzu groß war, wenn auch die

Opfer der Inquisition bedeutend unterschätzt sind und tatsächlich

einzelne Ortschaften und Landstriche entvölkert wurden, sei zugegeben.

Aber ist deshalb der Wahn weniger gräßlich?

Köstlich ist auch folgende Meditation: »Endlich, so banal es klingt,

so wahr ist doch, daß alle die beklagenswerten Opfer menschlicher

Torheit eines anderen Todes einmal hätten sterben müssen. Ihr Leben

ist wohl verkürzt worden, doch käme es noch sehr darauf an zu wissen,

wie groß der durch diese Verkürzung verursachte Schaden war. Dazu

müßte man genau kennen: Lebensalter und Lebensverhältnisse, leibliche

Konstitution und geistige Gaben dieser vorzeitig Gestorbenen; wie viele

dem Greisenalter gehörten und schon zeugungsunfähig waren, wie vielen

eine kränkliche Organisation nur mehr eine kurze Lebensfrist gegönnt

hätte; man müßte veranschlagen, wie viele durch anderweitige Zufälle

oder in Ausübung ihres Berufes ohnedies ein vorzeitiges Ende gefunden

hätten, wie viele von akuten Krankheiten dahingerafft worden wären

u. dgl. Erst die Eliminierung aller dieser komplexen Faktoren würden

gestatten, den erlittenen Verlust auf ein annähernd richtiges Maß

zurückzuführen.«[21]

*

Bekanntlich behaupten die bayerischen Lyzeen, den Universitäten im

Range gleichstehende Hochschulen zu sein, und die schwarze Gesellschaft

wird zu betonen nicht müde, daß die wissenschaftlichen Leistungen

diesem Range auch völlig entsprechen.

Wir können ohne Zaudern weiter gehen: sie übertreffen ihn! Sie lassen

alle weltlichen Bildungsstätten weit hinter sich.

Ihr fordert Beweise? Nichts einfacher als das. Wo hätte uns je eine

Universität eine +Topographie der Hölle+ geschenkt, wenn nicht Münster,

das glorreiche Wirkungsfeld des großen Bautz? (Vgl. 1. Bd. S. 225 ff.)

Wären wir etwa über Satan informiert, wenn nicht +David Leiste+,

Professor der Moraltheologie, Patrologie und Pädagogik am k. Lyzeum in

Dillingen unter dem Titel »+Die Besessenheit+« ein Programm im Jahre

1886/87 darüber veröffentlicht hätte. Ein grundgelehrtes Werk noch

dazu. Wir schlagen auf gut Glück S. 24 ff. auf.

»Die Wirklichkeit dämonischer Erscheinungen in einem objektiv

wirklichen, materiellen Körper, nicht etwa in einem bloß eingebildeten

imaginären, bezeugt die Heil. Schrift. Nach ihrem Bericht hat Satan die

Eva in sichtbarer Schlangengestalt versucht; daß auch die Versuchung

Christi eine rein äußerliche war, ist zweifellos; es ist gewöhnliche,

wenn auch nicht ausdrücklich durch die Heil. Schrift verbürgte Annahme,

daß Satan hiebei sich mit einem materiellen Leibe umkleidet habe, der

ihn als Geist der Hölle verbergen solle. Wieder wird Satan in die

Erscheinung treten am Ende der Menschengeschichte in den großen Kämpfen

des Reiches Gottes mit dem Antichrist.

Es bestätigen uns dann auch die hl. Väter und Theologen die Tatsache,

daß Satan zum Zwecke der Menschenverführung und Menschenplage auf

Erden sich zeige in der angenommenen Gestalt von Verstorbenen, von

wilden Tieren, von Vögeln. Unter den verschiedensten Tiergestalten

ist Satan schon erschienen, nur die der Taube und des Lammes, sagt

Majolus, glaubt man, sei ihm verboten. Die Form der Ziege und des

Bockes kommt gar häufig in den Versuchungen vor. »Weil im großen Drama

des Weltgerichts dem Bock als Symbol des Sklaven der Sünde seine Rolle

zugewiesen ist, so steht der Annahme, der Dämon habe je bisweilen unter

dieser oder einer entsprechenden Gestalt seine Besuche gemacht, nichts

im Wege.« (Rütjes, Der Teufel, Essen 1878, S. 60.) Majolus sagt, diese

Erscheinungsgestalt komme ihm zu, weil dies geile und hochmütige Tiere

seien. Satan ist ferner schon erschienen als Löwe, Wolf, Bär, Stier,

Schwein, Fuchs, als schwarzer Kater oder Hund. So z. B. erblickten

der hl. Stanislaus und der ehrwürdige Pfarrer von Ars den Teufel in

Hundegestalt, mit feurigen Augen, also in der Gestalt eines Tieres, das

als Sinnbild der Schamlosigkeit bekannt ist; letzterer sah ihn auch

in der Gestalt eines Kopfkissens, oder die bösen Geister belästigten

ihn auch in der Gestalt von Fledermäusen. Ferner zeigte sich Satan

als Hahn, Eule, Geier, Drache, Schlange, Kröte, Eidechse, Skorpion,

Spinne, Fliege, Mücke, Wespe. Auch die Menschengestalt gebraucht er als

Hülle und erscheint als Bauer, Schiffer, Geistlicher, als geputztes,

verführerisches Weib, als Mädchen. Der ehrwürdigen Maria Crescentia von

Kaufbeuren zeigte sich der Teufel in Gestalt einer Nonne, eines Negers,

eines Jägers oder auch in verschiedenen Tiergestalten« etc.

Trotzdem brauchen wir keine allzu große Furcht zu haben. Denn -- und

daß er das zu unserer Beruhigung sagt, spricht für das gute Herz

des Herrn Verfassers -- »Seinem Erscheinungsleibe das Bild eines

+vollkommenen+ Leibes aufzudrücken, ist Satan nicht allweg gestattet;

er ist genötigt, ihm teilweise eine tierische Bildung oder eine andere

verzerrte und fratzenhafte Form zu geben. Und während der gute Engel

seinen Leib aus edlen, ätherischen Stoffen bildet, ist der Teufel für

diesen Zweck auf unreine, schmutzige Materien angewiesen.« (S. 28.)

Die historische Tatsächlichkeit wenn auch nicht aller, so doch vieler

Teufelserscheinungen steht fest. »... sicherlich (ist) ein bedeutender

Teil der von der Geschichte aufbewahrten Vorgänge dieser Art als

historisch glaubwürdig anzunehmen und haben wir es nicht mit lauter

›Teufeleien der Mönchsphantasie‹ zu tun.« (S. 30.)

Das ist ja entschieden unheimlich. Und doch braucht es uns nicht

ins Bockshorn zu jagen. Denn wie der gelehrte Autor auf S. 139 ff.

ausführt, hat der Satan gegenwärtig die Taktik geändert und die

offenkundige leibliche Besessenheit hat -- hurra! -- +abgenommen+.

Und doch ist die Sache nicht ganz geheuer. »Sollte es vielleicht eine

furchtbare Strafe der so weit verbreiteten Apostasie sein, daß Gott dem

Teufel die Taktik erlaubt hat, +inkognito+ sein Geschäft zu treiben und

so die blinden Seelen um so sicherer in den Abgrund zu jagen?« (S. 145

f., zitiert nach dem Kirchenlexikon, 2. Aufl., II, S. 517 ff., Art.

Besessene.) Daß die spiritistischen, somnambulistischen und verwandten

Phänomene auf den Teufel zurückgehen, steht fest.

Verlassen wir dies unheimliche Thema, um uns heiterern Gesichtern

zuzuwenden.

*

Papst Alexander VI. schenkte durch die Bulle Inter cetera vom 4. Mai

1493 den Spaniern alle entdeckten und noch zu entdeckenden Länder nicht

nur westlich, sondern auch +südlich+ eines bestimmten Längengrades!

Und zwar tat das der damals noch fehlbare Nachfolger Petri »ex certa

scientia«. Er wußte es also ganz genau![22]

*

Da lobe ich mir doch die deutsche Gründlichkeit. Bekanntlich entdeckte

ein Gelehrter bereits die Wichtigkeit von +Goethes Wäschezettel+ für

die deutsche Literatur. Er wird aber noch übertroffen vom »Altmeister

der chemischen Geschichtsforschung H. Kopp«, der die Worte Encheiresin

naturae aus der Schülerszene des Faust zum Gegenstand +jahrzehntelanger

Nachforschungen+ machte.[23]

Zu diesem Kapitel gehört auch folgendes: In der Berliner Wochenschrift

»Die Standarte« schreibt ein Germanist, er habe in einem Goetheseminar

der Berliner Universität +tagelang+ an der Frage gearbeitet, +ob in

einem Heft Goethes die Ausstreichungen mit schwarzer oder roter Tinte

oder mit Bleistift gemacht worden sind+. Das tiefe Problem, ob der

vorgoethische Faust mit Vornamen Heinrich oder Johann geheißen habe,

läßt die Forscher nicht zur Ruhe kommen. Und von höchster Bedeutung

ist, ob Goethe +Lieschen+ oder +Liesgen+ geschrieben hat, wie der

+Wasserstempel+ im Konzept zu den »Wahlverwandtschaften« aussieht, ob

eine Notiz am 21. oder 22. oder gar -- wie Pniower behauptet -- am

24. Oktober eingetragen ist. +Das ist Goetheforschung!+ Wer aber etwa

gar denkt, es sei gleichgültig, ob das »Kophtische Lied« 1789 oder

1791 geschrieben sei, wird erbarmungslos aus diesem geweihten Kreise

verbannt.[24]

*

Auf diesen Ton ist auch die Gründlichkeit wissenschaftlicher Kritiken

und Kontroversen gestimmt. In der Historischen Vierteljahrsschrift,

einem angesehenen Fachorgane, finde ich -- um ein Beispiel für

unzählige zu nennen -- folgende schöne Stelle: »Eine ›mißverständliche‹

Äußerung ist nach meinem Sprachgebrauch keine solche, die von

Mißverständnis zeugt, sondern die Mißverständnis erzeugen könnte.

›Mißverständlich› in diesem Sinne erschienen mir die Worte: ›B.

setzt die Urkunde nach 1162‹. Setzen ist ein örtlicher Ausdruck; man

kann also richtig sagen: ›B. setzt die Urkunde vor 1162‹, weil wir

die Präposition vor ebensowohl örtlich als zeitlich gebrauchen. Der

richtige Gegensatz zu dem örtlichen vor ist aber nicht nach, sondern

hinter (hinter 1162), während nach in örtlichem Gebrauche uns zunächst

die Richtung bedeutet, aber damit zugleich häufig die Vorstellung des

›hinein in‹ verbindet; man vergleiche: ›er ist nach Frankfurt gesetzt‹

und ›das Regiment ist nach Krefeld verlegt‹. Ein Leser von korrektem

Sprachgefühl, der B.s eigene Darstellung noch nicht kennt, muß hier

also geradezu verstehen: ›B. setzt die Urkunde in das Jahr 1162‹,

wiewohl die S.sche Ausdrucksweise häufiger vorkommen mag. Müßig war

meine Bemerkung also nicht.«[25]

Im engen Kreis verengert sich der Sinn.

Mir selbst ist eine ähnliche Geschichte, die mich königlich

amüsierte, mit einem Geheimrat Harry Breßlau passiert. In meiner

»Frühmittelalterlichen Porträtplastik in Deutschland« hatte ich

auch die Siegelkunde gestreift und zum Belege dafür, daß mir der

Beweis, bereits die frühmittelalterliche Kunst habe eine gewisse

Porträtfähigkeit besessen -- was bisher unbekannt war und von einem

großen Teil der gelehrten Zunft heute noch bestritten wird -- u. a. auf

folgendes hingewiesen: Im Allgemeinen Reichsarchiv in München befindet

sich -- auch unter der Abgußsammlung echter Kaisersiegel -- ein Siegel,

das bisher den Namen Heinrichs II. trug. Ich sah sofort, daß hier ein

Irrtum vorliege und es eine Porträtdarstellung Heinrichs III. sei.

Daraufhin wurde dann der Irrtum richtiggestellt.

Das muß nun den Herrn Geheimrat tief empört haben, denn er schreibt

im 35. Bde. des Neuen Archivs der Gesellschaft für ältere deutsche

Geschichtskunde S. 297: »Wenn die Kenntnisse und die Sorgfalt des Herrn

ebenso groß wären, wie sein Selbstbewußtsein, würde er vielleicht einen

Blick in den dritten Band unserer Diplomata-Ausgabe geworfen und sich

überzeugt haben, +daß die Tatsache bereits in der Note p. zu DH. H. 332

b auf S. 421 festgestellt war+.«

Tant de bruit!!!

Dritter Abschnitt

Autoritäten, gelehrte Zunft und Fortschritt

Schon an anderer Stelle habe ich meine Ansichten über das Versagen

der sogenannten Autoritäten nicht minder als der ganzen gelehrten

Zunft dem Genialen und Neuen gegenüber ausgesprochen. Der letzte

Abschnitt des ersten Bandes dieses Buches enthält genügend Material

zum Beweise dafür, daß der Fortschritt sich nicht durch, sondern

trotz Autoritäten vollzieht und daß keineswegs nur im Mittelalter,

sondern auch heute noch vorgefaßte Meinungen, Theorien und Hypothesen

höher bewertet werden, als gut beglaubigte Beobachtungen, falls sie

ihnen widersprechen. Dazu kommt das Gesetz der Trägheit, das gerade

in Gelehrtenkreisen unverbrüchlich befolgt wird. Weiteres Material in

dieser Richtung zu sammeln, war mir eine besondere Freude.

Beginnen wir mit den Naturwissenschaften.

Bekanntlich war Aristoteles das ganze Mittelalter hindurch eine

unbestrittene Autorität in allen weltlichen Fragen. Wie wir noch später

bei Betrachtung der Universitäten sehen werden, durfte niemand von

seiner Lehre abweichen, es sei denn, sie widersprach einem Dogma.

Galens Autorität als Arzt war nicht geringer, die der Bibel in allen

Fragen ist hinlänglich bekannt. So werden wir denn sehen, daß es vor

allem die genannten Autoritäten sind, denen der Fortschritt im harten

Kampfe fußweise den Boden abgewinnen muß, um -- andere Autoritäten

dafür einzutauschen.

+Galilei+, 25jährig im Jahre 1589 zum Professor an der Universität

Pisa ernannt, trat öffentlich gegen Aristoteles auf, indem er durch

Vernunftschlüsse bewies, daß alle Körper gleich schnell fallen.

Gleichzeitig trat er den experimentellen Beweis an, indem er vom

schiefen Turm der Stadt unter anderem eine 100pfündige Bombe und

eine halbpfündige Kanonenkugel fallen ließ, die bei der ungefähren

Fallhöhe von 70 m kaum eine Handbreit abwichen. Trotzdem vertrauten

die peripatetischen Kollegen ihrem Aristoteles mehr, als der direkten

Naturbeobachtung, ja, sie empfingen den unbequemen Gegner mit Pfeifen.

Dadurch wurde der große Forscher +gezwungen, die Universität zu

verlassen+, um einer Kündigung seines Kontraktes zuvorzukommen. Als er

die Jupitermonde entdeckt hatte, +scheuten sich die peripatetischen

Professoren, in ein Fernrohr zu sehen, aus Furcht, sie könnten diese

Beobachtung bestätigt finden+! Daß sie später die kirchliche Hilfe in

Anspruch nahmen, um den Mann zu vernichten, der es gewagt hatte, das

Aristotelische Himmelsgebäude zu stürzen, ist hinlänglich bekannt.

Aber auch die wissenschaftlichen »Autoritäten« traten gegen seine

Verteidigung des Kopernikus und der Drehung der Erde auf. Der Professor

der Philosophie in Pisa, +Scipione Chiaramonti+ (1565-1652), schrieb

heftig gegen seine epochemachende Vergleichung des Ptolemäischen und

Kopernikanischen Weltsystems und der Peripatetiker +Claude Berigard+

(1578-1663) behauptete, Galilei habe dem Simplicius nicht die stärksten

Gründe gegen die Bewegung der Erde in den Mund gelegt.[26]

*

Da J. Baptista +Benedettis+ mechanische Entdeckungen wiederholt

Aristoteles widersprachen, fanden sie nicht die verdiente Beachtung. Im

16. Jahrhundert mußte die Physik nach Aristoteles oder zur Not, wenn

es sich um statische Verhältnisse handelte, nach Archimedes gelehrt

werden. Sonst konnte das Werk nicht den Beifall der zünftigen Gelehrten

finden und wurde, soweit irgend möglich, +totgeschwiegen+.[27]

*

+Tycho de Brahe+ lehnte das Kopernikanische System ab, unter

anderem, weil die +Bibel+ (Josua 10, 12) +direkt der Bewegung der

Erde widerspräche+. Allerdings stürzte er das bisher herrschende

Ptolemäische System.[28]

*

+Peter Ramus+ (Ramée geb. 1515), ein verdienstvoller französischer

Mathematiker, der auch als Lehrer der Beredsamkeit und Philosophie

tätig war, griff Aristoteles, dessen Logik er noch nicht einmal

gelten lassen wollte, kühn an. Dadurch entfesselte er einen förmlichen

Sturm der Entrüstung an allen Universitäten, der für ihn die schlimme

Folge hatte, daß er seiner +Lehrerstelle in Paris entsetzt wurde+ und

aus der Stadt fliehen mußte. Als er später zurückzukehren wagte und

seine Lehrtätigkeit wieder aufnahm, wurde er in der Bartholomäusnacht

1572 +ermordet+, wie man sagt auf Anstiften des Carpentarius, seines

scholastischen Gegners.[29]

*

+Newton+, der erst im 12. Lebensjahre auf die Schule kam und dort

anfänglich als schlechter Schüler galt, veröffentlichte 1687 in

seinem berühmten Werke Philosophia naturalis principia mathematica

das bereits früher von ihm entdeckte Gravitationsgesetz. Statt nun

anzuerkennen, was Newton unwiderleglich bewiesen hatte, daß alle

Himmelserscheinungen wenigstens so vor sich gehen, als strebten alle

Körper nach dem direkten Verhältnis ihrer Massen und dem indirekt

quadratischen Verhältnis ihrer Entfernungen zueinander, +negierten

seine Cartesianischen Gegner einfach Newtons große Entdeckung+.[30]

Später erklärte er kategorisch, »Hypothesen bilde ich nicht«. Durch

die Autorität, die dieser Mann, dessen Schüler nach und nach mehr oder

weniger alle Physiker wurden, im Laufe der Zeit erlangt hatte, bekamen

die +Hypothesen+ lange Zeit einen verächtlichen Beigeschmack und

+verschwanden mehr als nötig und dienlich aus der Physik+.

+Cotes+, der Schüler Newtons, erklärte, allerdings nicht ohne seines

Meisters Verschulden, die Schwere für eine einfachste, vom Schöpfer

der Materie direkt eingepflanzte Ursache. Er hält es für +irreligiös+,

nach weiteren Erklärungen derselben zu suchen und so den Schöpfer ganz

eliminieren, oder doch ganz begreifen zu wollen. In der von ihm zu

Newtons Lebzeiten veranstalteten 2. Auflage der »Principien« erklärte

er schon +das Suchen nach der Ursache der Schwere oder Vermittlung der

Fernwirkung als ein Zeichen des Atheismus+![31]

*

+Huygens+ veröffentlichte 1690 seine bereits 1678 vor der Pariser

Akademie verlesene Abhandlung über das Licht, in der er eine

vollständige Undulationstheorie des Lichtes entwickelte, die bis auf

einen Hauptpunkt ganz mit unserer jetzigen Lichttheorie übereinstimmt.

Huygens setzt nämlich einen höchst feinen und beweglichen, durch das

ganze Weltall verbreiteten Stoff, den Äther, voraus. Wird an einer

Stelle ein Ätherteilchen in Schwingung versetzt, so teilen sich die

Schwingungen allen benachbarten Teilchen mit und durch den Raum

pflanzt sich eine Ätherwelle fort, die jenes Teilchen zum Mittelpunkt

hat. Trifft eine solche Welle unser Auge, so haben wir die Empfindung

von Licht. Dank dieser Theorie gelang es für jede Richtung des in

einen Doppelspat einfallenden Lichtstrahles die Richtung auch des

außerordentlich gebrochenen Strahles durch Rechnung oder Konstruktion

ohne jede weitere Beobachtung zu finden. Dieser Traité de la lumière,

bzw. diese Undulationstheorie fand nicht die Anerkennung Newtons. Die

Abhandlung wurde von den Physikern einfach +totgeschwiegen+ und +blieb

in der Folgezeit ohne jede Wirkung+. Sie war für ein ganzes folgendes

Jahrhundert so gut wie nicht geschrieben. Noch die bedeutenden

Geschichtschreiber zu Ende des 18. Jahrhunderts erwähnen das Werk fast

nur als +Kuriosität+![32]

*

+Jean Richer+ († 1696) wurde von der Pariser Akademie im Jahre 1671

nach Cayenne geschickt, und kehrte zwei Jahre später von dieser Reise

heim. Anfänglich wurde er wegen der Genauigkeit seiner Arbeiten sehr

belobt, doch brachte er auch eine Entdeckung mit, die den Akademikern

bald sehr unangenehm wurde. Er hatte von Paris nach Cayenne eine gute

Pendeluhr mitgenommen, fand aber, daß sie in Cayenne täglich um zwei

Minuten zu langsam ging und daß er das Pendel um 1,25 Linien verkürzen

mußte. Er glaubte zuerst an einen Irrtum seinerseits, als er aber bei

seiner Rückkehr nach Paris das Pendel wieder auf die frühere Länge

stellen mußte, behauptete er mit Sicherheit die +Veränderlichkeit

der Länge des Sekundenpendels mit der geographischen Breite+. Richer

erklärte diese daraus, daß durch die Umdrehung der Erde die Schwere

am Äquator verringert werde und daß auch vielleicht die Erde an den

Polen abgeplattet sei und darum die Schwere nach den Polen hin zunehme.

Die +Akademie aber wollte durchaus nicht an eine Abplattung der Erde

glauben+. Übrigens widersetzte sich die Pariser Akademie auch dieser

Tatsache, als Newton sie 1687 bewies. Man führte die Verlängerung des

Pendels auf das heiße Klima zurück, wiewohl Newton nachwies, daß die

Ausdehnung durch die Wärme viel zu gering sei.

Für Richer war seine Entdeckung sehr verhängnisvoll. Die eine

unbequeme, weil in den Augen der Akademiker der geltenden Theorie

widersprechende Beobachtung verringerte den Wert aller übrigen, so

daß er schwer darunter leiden mußte und kränkelnd von der Reise

zurückgekehrt, hinfort nur mehr geringen Anteil an den Arbeiten der

Akademie nahm.[33]

*

+Thomas Youngs+ Arbeiten, durch die er zu einem Reformator der Theorie

der Optik wurde, hatten zu seinen Lebzeiten gar keinen Erfolg. +Henry

Brougham+ (1778-1868) schrieb in der angesehenen Edinburgh Review

vom Jahre 1803 sehr ungünstig über seine Arbeiten. Er vermochte in

denselben absolut nichts, was den Namen einer Entdeckung, ja nur eines

wissenschaftlichen Experiments verdiente, zu finden und konnte seinen

Bericht überhaupt nicht schließen, »ohne die Aufmerksamkeit der Royal

Society darauf zu lenken, daß sie in den letzten Zeiten so +viele

flüchtige und inhaltsleere Aufsätze in ihre Schriften aufgenommen

habe+«. Als +William Hyde Wollaston+ sich für Youngs Interferenztheorie

günstig ausgesprochen hatte, äußerte Brougham auch darüber seine

Unzufriedenheit, »daß ein so genauer und scharfsinniger Experimentator

die seltsame Undulationstheorie angenommen hat«. Die englischen

Gelehrten gingen über Youngs Arbeiten ohne weitere Diskussion zur

Tagesordnung über, die Deutschen übersetzen sie, ohne Gebrauch davon

zu machen und die Franzosen lernten sie gar nicht oder doch nur ganz

unvollkommen kennen. Schließlich wurde Young selbst wankend und bereit

sein System aufzugeben![34]

*

Als +Fresnel+ durch seine Arbeiten die feste Begründung der

Undulationstheorie des Lichtes gab, die Theorie der Interferenz und

Beugung des Lichtes durch seine meisterhaften Messungen bestätigte,

die Gesetze der Reflexion und Brechung des polarisierten Lichtes

entwickelte, desgleichen die der Doppelbrechung des Lichtes in

Kristallen u. a. m. konnte er doch den vollen Sieg seiner Ansichten

nicht mehr erleben. Der gefeierte Physiker +Biot+ vertrat nach wie vor

die Emanationstheorie. Ganz ungeheuerlich aber erschien den Physikern

die Annahme der Transversalschwingungen des Äthers. Weder +Arago+ noch

+Laplace+ noch +Poisson+ konnten sich zu ihr bekehren. Noch bis 1830

blieb die Allgemeinheit der Physiker dabei, daß Emissionstheorie und

Undulationstheorie die optischen Erscheinungen ungefähr gleich gut

erklären. +Brewster+ lehnte die letztere sogar noch 1833 erbittert

ab.[35]

*

Als +Fraunhofer+ im Sonnenspektrum die bekannten Linien fand und

feststellte, daß sie immer unter denselben Umständen vorhanden waren

und unter allen Umständen in denselben Farbentönen liegen blieben,

was er im I. Band der Denkschriften für die Münchener Akademie der

Wissenschaften 1814/15 veröffentlichte, legten die Physiker den Linien

wenig theoretische Wichtigkeit bei. +Biot erwähnte sie+ selbst in der

3. Auflage seines Lehrbuches +noch nicht+ und die ersten Bände von

Gehlers physikalischem Lexikon machten auch nur wenig Aufhebens von

ihnen.[36]

*

Kultur-Kuriosa, Zweiter Band · 第 2 / 17 段