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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1910 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des
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Kultur-Kuriosa
Zweiter Band
von
Dr. Max Kemmerich
Erstes bis viertes Tausend
[Illustration]
Albert Langen, München
Von Dr. +Max Kemmerich+ erschienen bei +Albert Langen+:
Kultur-Kuriosa Erster Band 7. Tausend
Dinge, die man nicht sagt 5. Tausend
Copyright 1910 by Albert Langen, Munich
Vorwort
Der Erfolg des ersten Bandes der Kultur-Kuriosa hat mich veranlaßt,
diesen zweiten, der nach den gleichen Gesichtspunkten geschrieben wurde
und nach mancher Richtung hin Ergänzungen enthält, folgen zu lassen.
Für die Berichtigung eventueller Irrtümer bin ich dankbar.
Leute, denen ein sittlicher Klerus, ein vorurteilsfreier Gelehrter
oder ein gerechter Richter kurios erscheinen, werden sich hoffentlich
über dieses Buch geradeso alterieren, wie über seinen Vorgänger. Ich
schreibe aber ausschließlich für Gebildete und kann daher auf sie
leider keine Rücksicht nehmen.
+München+, den 5. August 1910
+Der Verfasser+
Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Abschnitt: Modernes und Merkwürdiges im Altertum 1
2. Abschnitt: Wissenschaft 18
3. Abschnitt: Autoritäten, gelehrte Zunft und Fortschritt 42
4. Abschnitt: Die »Dilettanten« und Outsider 84
5. Abschnitt: Von Universität und Schule 113
6. Abschnitt: Zensur und Prüderie 140
7. Abschnitt: Frömmigkeit 164
8. Abschnitt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt 186
9. Abschnitt: Klerus und Sittlichkeit 200
10. Abschnitt: Ehe 230
11. Abschnitt: Rechtspflege 246
12. Abschnitt: Von allerlei Sitten und Zeremoniell 266
Anmerkungen 287
Erster Abschnitt
Modernes und Merkwürdiges im Altertum
Das Interesse, das gerade diesem Kapitel der Kultur-Kuriosa
entgegengebracht wurde, rechtfertigt eine Fortsetzung. So seien auch
hier zwanglos Tatsachen aneinandergereiht.
Die italienische archäologische Kommission hat bei Ausgrabungen im
Königspalast zu Phaistos (Kreta) einen Fund gemacht, der Gutenbergs
geniale Erfindung in graueste Vorzeit -- etwa Mitte des zweiten
vorchristlichen Jahrtausends -- zurückverfolgen läßt. Man fand eine
große Terrakottascheibe, die auf beiden Seiten eine Inschrift in
Hieroglyphen enthält. Und zwar wurde diese zweihundertundvierzig Zeilen
lange Inschrift auf die noch ungebrannte Scheibe mit +beweglichen
Lettern+ gedruckt.[1]
Die Römer waren der Erfindung der +Buchdruckerkunst+ außerordentlich
nahe. Nicht nur, daß wir aus Quintilian wissen (I, 1. 25), daß Kinder
mit beweglichen Lettern spielten, um so leicht buchstabieren zu lernen,
Cicero (de natura deorum II, 37) macht die Bemerkung, daß es gerade so
undenkbar sei, die Welt sei aus einer zufälligen Verbindung der Atome
entstanden, wie die Annahme, aus einem Haufen auf die Erde geschütteter
Metallbuchstaben könnten die Annalen des Ennius werden. Also kannte man
sogar +Metallbuchstaben+! Es ist daher viel verwunderlicher, daß die
Römer keinen Buchdruck hatten, als es das Gegenteil sein würde.
*
Die technischen und chemischen Kenntnisse der ältesten Griechen und
deren Vorgänger waren ebenfalls weit bedeutender, als man bisher geahnt
hat. Man fand bei den Ausgrabungen des deutschen archäologischen
Instituts in Pylos Gegenstände aus Pate vitreuse, schönes blaues
Kaliglas und Fayence. Also war die +Glasfabrikation+ den Trägern der
mykenischen Kultur bereits um die Mitte des zweiten vorchristlichen
Jahrtausends bekannt. Ferner besaß man bewundernswerte Kenntnisse in
der Farbenbereitung, konnte farbiges Kali- und Natronglas herstellen,
wußte Kupfer mit Zinn und Blei in ganz bestimmtem Verhältnis zu
legieren, wie man das Kupfer chemisch rein darzustellen vermochte.
Ferner konnte man +versilbern+. In einem Grabe um 2500 v. Chr. fand man
eine mit Silberfolie teilweise bedeckte Tonvase.
Am erstaunlichsten sind aber die +theoretischen Anschauungen+: Man
hatte den +Begriff der Atome+, der +Einheit der Materie+, deren
+Unzerstörbarkeit+ und +Unerschaffbarkeit+ und +kannte die Identität
von Materie und Energie+. D. h. man hatte eine physikalische
Weltanschauung, wie wir sie erst seit relativ sehr kurzer Zeit
besitzen.[2]
*
Daß bereits um 400 v. Chr. +mit Gas geheizt+ wurde, dürfte nicht
vielen bekannt sein. Ktesias berichtet, daß in Karamanien das dort
entweichende Erdgas als Heizmaterial für den Hausgebrauch Verwendung
fand.[3]
Vor achtzig Jahren erhielt der Ingenieur Neilson ein Patent auf ein
+Heißluftgebläse für Hochöfen+. Bei den Ausgrabungen in Tel el Hesey
in Südpalästina sind Funde gemacht worden, die es so gut wie sicher
erscheinen lassen, daß schon um 1400 v. Chr. die alten Orientalen
dieses Verfahren kannten. Man fand einen Hochofen für Eisenbereitung,
der eine Vorrichtung besaß, welche bezweckte, die Außenluft vor ihrer
Einführung in den Ofen zu erwärmen.[4]
*
Daß der Gedanke +des Seeweges nach Ostindien+ und der +Entdeckung
Amerikas+ der Antike keineswegs fremd war, ist eine gewiß erstaunliche
Tatsache. Krates verlegte -- im Gegensatz zu Aristarch -- die
Wanderfahrten des Odysseus in den Atlantischen Ozean (Gellius 14,
6. 3). Und zwar ließ er den Menelaos von Gadeira (Cadix) aus,
Afrika umschiffend, Indien erreichen und nach siebenjähriger Fahrt
zurückkehren (Strabo I, 31). Bekanntlich war Vasko de Gama der erste,
der im Jahre 1498 auf diesem Wege das Wunderland erreichte. Einen noch
kühneren Gedanken sprach fünfzig Jahre später der große Poseidonius
mit der Behauptung aus, daß Indien von Spanien aus bei günstigen
Ostwinden in kurzer Zeit zu erreichen sei (Strabo II, 6 und Seneca
nat. I, prol. 13). Strabo aber wurde bereits im Jahre 1470 von Guarino
ins Lateinische übersetzt und war nachweislich dem Kolumbus durch
Toscanelli bekannt geworden. Es ist also +höchst wahrscheinlich, daß
Kolumbus, als er auf dem angegebenen Wege 1492 Amerika entdeckte,
nur einen Gedanken zur Ausführung brachte, der ihm aus dem Altertum
übermittelt worden war+.[5]
*
Beim Wort »Amerika« denken wir gern an »unbegrenzte Möglichkeiten«, an
Wolkenkratzer und gigantische Projekte. Auch sie sind keineswegs neuen
Datums, selbst wenn wir nicht auf die Pyramiden oder die gewaltigen
altägyptischen Tempelanlagen blicken. Der berühmten Neu-Yorker
Freiheitsstatue ist wohl vergleichbar der +Koloß von Rhodos+. Dieser
war 70 Ellen oder 105 römische Fuß (32 m) hoch und stand in der Nähe
des Hafeneinganges. Nur wenige konnten den Daumen der Figur umfassen
und jeder seiner Finger war größer wie die meisten Statuen. Nachdem er
nur 66 Jahre gestanden hatte, zerbrach er infolge eines Erdbebens 227
v. Chr. Fast 900 Jahre lag er auf der Erde, bis ein arabischer General
die Reste im Jahre 672 an einen Juden verkaufte, der 900 Kamele mit dem
Erz belud (Plinius 34, 41).
*
Noch amerikanischer als der Sonnenkoloß mutet uns der Plan des
Stasikrates, eines Schülers des Lysippos an. Er wollte -- wie Plinius,
Plutarch und Strabo übereinstimmend bezeugen -- den felsigen +Athosberg
in eine Kolossalbildsäule Alexanders des Großen verwandeln+. Diese
größte aller existierenden Statuen sollte in der linken Hand eine Stadt
halten, groß genug, 10000 Einwohner zu fassen, und in der Rechten eine
Urne, aus der sich ein Strom ins Meer ergösse.
*
+Streiks+ sind uns auch aus der Antike überliefert. Im Jahre 311 v.
Chr. fühlte sich die ehrenwerte Zunft der Musikanten (tibicines)
schwer beleidigt, weil der ihnen von alters her zustehende festliche
Freischmaus, den sie jährlich einmal auf dem Kapitol in aede Jovis auf
Staatskosten abhalten durften, gestrichen worden war. Sie verließen
alle Rom und begaben sich nach Tibur. Das war aber für die Behörden
höchst peinlich, denn ohne Musik konnten die Opfer nicht abgehalten
werden. Man holte sie durch eine List zurück, indem man sie einzeln
betrunken machte und voll des süßen Weines auf Leiterwagen nach
Rom schaffte. Übrigens gaben die Zensoren nach und billigten den
feuchtfröhlichen Musikern ihre alte Gerechtsame wieder zu (Livius IX,
30, Ovid. fast. VI, 665 ff.).
*
Nichts wäre irriger als die Anschauung, in prähistorischen Zeiten sei
man aller ärztlichen Kenntnisse bar gewesen. Im Gegenteil haben wir es
hier mit +hervorragenden Chirurgen+ zu tun. In dem altbajuwarischen
Reihengräberfeld bei Allach in Oberbayern fand man z. B. einen Schädel,
an dem einst ein taubeneigroßes Stück abgeschlagen, später aber
vorzüglich und fast genau an derselben Stelle zum Anwachsen gebracht
worden war. Dieser Schädel befindet sich in der prähistorischen
Sammlung zu München. Ferner verstand man es, Arm- und Beinbrüche
vortrefflich zu heilen. So lieferte das alemannische Reihengräberfeld
bei Memmingen ein Beispiel eines Flötenschnabelbruches. In diesem auch
für heutige Begriffe sehr schwierigen Falle kann nur ein ausgebildeter
Arzt tätig gewesen sein. Ebenso fand man im merowingischen
Reihengräberfeld von Wies-Oppenheim einen befriedigend verheilten
Schulterknochen. Die Trepanation der Schädeldecke war bereits in der
älteren Bronzezeit geübt, wie ein Fund aus Giebichenstein bei Halle
lehrt. Das Loch besaß die Größe eines Markstückes und ist in der
späteren Lebenszeit der Person durch reichliche Knochenneubildung
wieder ganz gefüllt worden.[6]
Daß schon im Altertum eine +Ärztin+ ihre Kunst zu allgemeiner
Anerkennung ausübte, lehrt ein Fund, den die österreichische Expedition
des Jahres 1892 auf dem Trümmerfeld der alten lykischen Stadt Tlos
im südlichen Kleinasien machte. Man fand eine Statuenbasis mit der
griechischen Inschrift: »Antiochis, die Tochter des Diodotes aus
Tlos, deren ärztliche Empirie von Rat und Gemeinde der Stadt Tlos
beglaubigt ist, hat sich das ihr zuerkannte Standbild auf eigene Kosten
errichten lassen.« Also auch die weibliche Eitelkeit läßt sich so weit
zurückverfolgen!
Mag der amerikanische Zahnarzt auch ein Produkt der Neuzeit sein, seine
Leistungen sind es nicht so sehr. So wurde ein antikes +künstliches
Gebiß+ in der uralten Etruskerstadt Tarquinii gefunden. Es wird jetzt
im Museo Municipale in Corneto, drittes Zimmer, gezeigt.
*
Auch +Nahrungsmittelfälscher+ gab es im Altertum, und zwar wurde Brot
mit Gips versetzt. Besonders häufig waren Weinpantschereien, wie nach
zahlreichen Klagen alter Autoren feststeht. Man setzte dem Gepansch
eine Art von Fuchsin zu.
Wer meinen sollte, die berühmte +Worcestershire-Sauce+ sei ohne
Vorläufer, wird sich wundern, daß die Römer im Garum (Garon), einer
sehr kostbaren, aus Fischen bereiteten Sauce, etwas Ähnliches besaßen.
Sogar koschere (garum castimoniale), aus schuppenlosen Fischen
bereitete gab es. In Pompeji wurde ein irdenes Gefäß damit gefunden.
Plinius (nat. his. XXXI, 93-95) beschreibt die Verfertigung dieser
Würze.[7] Apicius (de re coquinaria I, 32) kennt eine Reihe von
Speisen, denen er Garum zugesetzt wissen will, z. B. ein Oenogarum,
eine Weinbrühe mit Trüffel.
Auch +Bowlen+ kannten die Alten. Der berühmte Feinschmecker
Apicius beschreibt nicht nur Rosenbowle (I, 4), Honigwein, der mit
verschiedenen Gewürzen gekocht wird (I, 1) und anderes, sondern sogar
einen Rosenwein ohne Rosen (I, 4), wie wir ja auch Maibowlen haben, die
aus Surrogaten hergestellt sind.
Übersetze ich das Rezept richtig -- ich interessierte mich einst sehr
für Apicius, den ich in Übersetzung herausgeben wollte, was inzwischen
von anderer Seite geschehen sein soll -- dann lautet es: »Rosenwein
ohne Rosen bereite folgendermaßen: Grüne Zitronenblätter in einem
Palmenkörbchen gib in ein Faß Most, bevor er gärt, und nimm sie nach
vierzig Tagen heraus. Falls es nötig sein sollte, setze Honig hinzu
und bediene dich (dieses Getränkes) statt des Rosenweins«. Genau im
Stile der modernen Kochbücher! Vielleicht probiert einmal eine geneigte
Leserin dieses oder jenes Rezept, doch empfiehlt es sich, dazu Johann
Heinrich Diernbachs »Flora Apiciana« (Heidelberg und Leipzig 1831) zu
konsultieren, da hier die Gewürze usw. genau bestimmt sind.
*
Die +künstliche Bebrütung+ von Eiern der Gänse, Enten und Hühner, die
noch 1829 dem Franzosen Copineau trotz vieler Versuche nicht glücken
wollte, war bereits den alten Ägyptern geläufig. Und zwar legten sie
die Eier in Kammern aus Lehm, die mittels großer, aus Ziegelsteinen
zusammengesetzter und in die Erde hineingebauter Öfen täglich drei
bis vier Stunden geheizt wurden. Die Eier lagen auf Stroh und wurden
alle sechs Stunden umgewendet, nach zehn Tagen untersucht und die gut
befundenen in eine höhere wärmere Abteilung desselben Gemachs gelegt.
Die Temperatur wurde natürlich nur nach dem Gefühl abgeschätzt und nach
Bedarf durch Öffnen von Luftzügen vermindert (Aristoteles hist. anim.
VI, 2, 3 und Diodor I, 74).
*
Auch +Schneckenzuchtgärten+ besaß man, wie heute in Frankreich und
bei uns besonders in Württemberg. Man war so raffiniert, daß man die
verschiedenen Rassen gesondert zog, und verwendete zur Verfeinerung
des Geschmacks bei der Fütterung Zucker und gekochten Wein (Plinius
nat. hist. IX, 173 und XXX, 45).
*
Daß diese Züchtungsmethoden nur auf Grund eingehender Kenntnis der
Lebensweise der Tiere möglich waren, ergibt sich von selbst. Die Alten
waren keineswegs die schlechten Beobachter, für die wir sie, uns an
manche Märchen und Irrtümer klammernd, gerne ausgeben. Daß der Löwe
am Ende seines Schwanzes einen in der Haarquaste verschwindenden
+Knochenstachel+ besitzt, behauptet Aelian (Peri zoon VI, 1). Niemand
wollte das glauben, bis Blumenbach zu Anfang des 19. Jahrhunderts die
Beobachtung bestätigte.
Vom +Gorilla+ wissen wir erst seit etwa 60 Jahren. Vor mehr als 2000
Jahren aber war er schon den Karthagern bekannt, als sie mit einer
Flotte von 60 Schiffen der Westküste Afrikas entlang fuhren. Hanno
hielt diesen Anthropoiden für einen Menschen (Periplus 17 = Geogr.
Graeci min. I, 13, Plinius nat. hist. VI, 200), die Wissenschaft
verwies aber seine Entdeckung ins Fabelreich, bis 1847 der erste nach
Europa kommende Gorillaschädel die Existenz dieses Menschenaffen bewies.
Aristoteles wußte über die +Haifische+ mehr, als die neueren
Naturforscher vor Johannes Müller.
Er kannte auch schon das Prinzip der +Korrelation der Organe+, die
+Schutzfärbung der Tiere+, sowie den +Farbwechsel des Chamäleons+ als
Anpassungserscheinung an die Umgebung. Ferner kannte er den Einfluß,
den +Klima+ und +Nahrung+ auf die Größe der Tiere ausüben, ja den
des Landschaftscharakters auf ihre Gemütsart. Weder die +Tier-+ noch
die +Pflanzengeographie+ war den alten Autoren unbekannt. Die des
Theophrast ist geradezu von imponierender Größe.
Im letzten Jahre ging durch die Zeitungen eine Notiz, daß ein
Naturforscher die Entdeckung gemacht habe, die +Lungen seien
Kühlapparate+ mit dem Zweck, die Bluttemperatur herabzumindern.
Wer ahnte, daß Aristoteles bereits diese Tatsache vor dritthalb
Jahrtausenden konstatiert hatte?[8]
Der Unterschied der +männlichen und weiblichen Pflanzen+ war schon zu
Herodots Zeit bekannt.
Den +Spiritismus+, und zweifellos auch +Hypnotismus+ und verwandte
Phänomene gab es auch schon in der Antike. Auch das +Tischrücken+, bei
uns erst seit wenig mehr als einem halben Jahrhundert bekannt, war den
Griechen und Römern nicht neu. Man setze zur Erforschung der Zukunft
geweihte Dreifüße in Bewegung. Ein derartiges Verfahren gab unter
Valens († 378) Veranlassung zu einem ungeheuern Zaubereiprozeß.
Der hl. Augustinus kannte auch schon das +Gedankenlesen+ (Contra Acad.
II, 17).
*
Die Frauenrechtlerinnen werden nicht ohne Neid hören, daß Kaiser
Heliogabal einen +Weiberrat+ eingerichtet hatte, wie Aelius Lampridius
im Leben dieses Monarchen erzählt. Die ihm unterstehenden Fälle waren
allerdings nicht welterschütternd. Der auf dem Quirinal tagende
Weibersenat hatte nämlich über Kleiderfragen zu entscheiden, ferner
darüber, wer auf Wagen, Pferd, Esel oder Tragstuhl befördert werden
solle usw., ob dieser Tragstuhl aus Fell oder Knochen gemacht sein
sollte, wer Gold oder Edelsteine an den Stiefeln tragen dürfe und
Ähnliches.
*
Daß im alten Rom +griechische Erzieher+ gehalten wurden und das
Griechische überhaupt die Stelle des Französischen bei uns einnahm
-- besonders instruktiv ist hierfür Suetons Leben des Augustus --
ist hinlänglich bekannt. Nicht allzuviele aber dürften wissen, daß
unsere halbbarbarischen Vorfahren schon im 12. Jahrhundert Franzosen
engagierten, damit die Kinder in der Jugend schon die damals bereits
hochgeschätzte Sprache erlernten. So kann z. B. Wolfram von Eschenbach
zwar weder lesen noch schreiben, wohl aber französisch reden.[9]
*
Bemerkenswert ist der Konservativismus der +Kinderspiele+. Das Altertum
hatte nicht nur +Puppen+, es kannte auch +Steckenpferde+, auf denen
die jungen Griechen und Römer ganz wie unsere Kinder ritten (Horaz
Sat. II, 3. 248, Plutarch, Agesilaos 25 etc.). Ferner spielten sie mit
+Kreiseln+, die wie heute durch Peitschenhiebe in Bewegung gesetzt
wurden (Persius, Sat. III, 51). Auch Brummkreisel waren bekannt.
Ferner +schaukelte+ sich damals das junge Volk wie heute, spielte auch
+Blindekuh+ (Poll. IX, 123), König und Soldaten (Herodot I, 114),
+Plumpsack+ oder +Der Fuchs geht ’rum+ (Poll. IX, 115), ferner mit
+Reifen+ und +Ball+. Auch das +Anschlagspiel+ war bekannt (Poll. IX,
117), das Raten auf Grad oder Ungrad und ein Spiel, bei dem einer sich
in Gegenwart mehrerer Mitspieler die Augen zuhalten mußte und sich
schlagen ließ. Erriet er den Richtigen, dann kam der, der geschlagen
hatte, an die Reihe, erriet er ihn nicht, dann mußte er sich solange
von den Anwesenden schlagen lassen, bis er den richtigen Namen nannte.
Alle diese Spiele haben natürlich im Griechischen und Lateinischen
ihre eigenen Namen. Das letztgenannte heißt in gewissen Gegenden
Schinkenklopfen.
Wie unsere Kinder törichterweise mit dem Schwarzen Mann, dem
Daumenschneider und andern Schreckfiguren geängstigt werden, so
die der Alten mit Gespenstern namens Mormo, Lamia, Gello usw.
Bezeichnenderweise hieß es noch lange nach 212 v. Chr. bei unartigen
Kindern: »Warte, Hannibal kommt!«
*
Wer heute über die +Baupolizei+ schimpft -- und welcher Hausbesitzer
täte das nicht mit dem größten Recht! -- mag sich trösten. Auch in
Athen gab es diese Behörde schon. Sie hatte dafür zu sorgen, daß
altersschwache Bauten nicht einstürzten, daß Neubauten den erlassenen
Vorschriften gemäß errichtet wurden usw. (Plato, Legg. VI, p. 763;
Aristoteles Polit. VI, 5).
*
+Wettersäulen+, wie wir sie da und dort an Plätzen finden, gab es
auch schon vor mehr als 2000 Jahren. Schon der alte Astronom und
Hydrauliker Meton stellte kurz vor dem Peloponnesischen Kriege in
Athen eine astronomische Säule auf, an der eine von ihm erfundene Art
Sonnenuhr angebracht war nebst Registern für Sonnen- und Sternen-Auf-
und Niedergang. Diese Wettersäule, die auch die Windrichtung angab, und
zwar durch Windfahnen ähnlich wie heute, stand ursprünglich auf der
Pnyx, später am Kolonos Agoraios (Aelian, var. hist. X, 7; Diodor XII,
36 etc.).
*
Im alten Konstantinopel gab es auch bereits öffentliche
+Bedürfnisanstalten+. Der Häretiker Arius starb in einer solchen im
Jahre 336. (Athanasius, de morte Arii c. 2 sq. Sokrates h. e. I.
38.)[10]
*
Das Altertum kannte auch den im Deutschen +Lift+ genannten Personen-
und Güter-+Aufzug+. Professor Boni, Direktor der Ausgrabungen am
Forum Romanum, hat den Nachweis erbracht, daß man bereits im alten
Rom zur Zeit Julius Cäsars den Aufzug benutzte. Man fand am Forum
eine Reihe von Nischen, die zweifellos dazu dienten, richtige Lifts
unterzubringen, in denen schwere Lasten, wie Gladiatoren und wilde
Tiere, aus den unterirdischen Gängen zur Oberfläche befördert wurden.
An einen großen unterirdischen Gang sind vier kleinere Quergänge
angegliedert, ein jeder dieser Quergänge enthält drei Kammern für das
Hebewerk und drei Schächte für die Lifts. In den zwölf Kammern -- so
wird in La Casa berichtet -- sieht man heute noch die großen schweren
Würfelblöcke aus Tuffstein, die zum Hebewerk gehörten, und aus der
Abnutzung kann man genau erkennen, wie hoch die Lifts liefen und wie
stark sie benutzt wurden. Da jeder Aufzug imstande war, fünf bis sechs
Menschen zu heben, so konnten gleichzeitig mehr als sechzig Menschen
zur Oberfläche des Forums gehoben werden. Übrigens ging der Gebrauch
der Aufzüge, wie es scheint, bereits in der Kaiserzeit wieder verloren.
Mehr als anderthalb Jahrtausende mußten vergehen, bis der erste Aufzug
-- und zwar in Jena -- wieder eingerichtet wurde. Aber erst seit
wenigen Dezennien hat er allgemeine Verbreitung gefunden.
*
+Zünfte+ sind ja gewiß nicht mehr modern, aber daß sie ins alte Rom
zurückreichen, hat doch erst Mommsen in seiner Schrift »De collegiis et
sodaliciis Romanorum« nachgewiesen.
Wer aber hält nicht die Mitteilung, das +Altertum habe geraucht+, für
einen schlechten Witz? Und doch unterliegt es nicht dem allergeringsten
Zweifel. Bereits in vorgeschichtlichen Gallo-römischen Gräbern, in
Neufville-le-Pollet und in Seine-inférieure in Frankreich, ferner
in Schottland, Irland und anderwärts fand man Pfeifenköpfe aus
gebranntem Ton, Eisen und Bronce. Ferner in Massen am Hadrianswall, in
holländischen Grabhügeln, römische aber noch in der Schweiz, im Berner
Jura und natürlich in Rom selbst. Plinius berichtet uns darüber von
den Barbaren. Daß die Skythen Hanf rauchten, steht fest, während wir
das Material, das sonst verwandt wurde, nicht kennen.[11]
*
Daß die Römer in den »tironischen Noten« eine Art +Stenographie+
hatten, ist hinlänglich bekannt. Cicero benutzte diese Kurzschrift
nicht nur zur Aufzeichnung seiner Reden, sondern auch für seine
Korrespondenz. Aber die Erfindung reicht weit höher in die
Vergangenheit hinauf. Ennius kannte bereits 1100 Zeichen, Seneca aber
vermehrte den überkommenen Schatz auf etwa 5000 Zeichen und Siegel, so
ein ungeheures Material liefernd, das sich zum Teil das Mittelalter
hindurch erhielt. Wie nun Louis Prosper und Eugène Guénin in einem
»Geschichte der Stenographie im Altertum und im Mittelalter« genannten
Werke (Paris 1909) feststellen konnten, ist die Stenographie sogar
vorrömischer Herkunft. Sie weist eine so große Ähnlichkeit mit der
altägyptischen Kursivschrift, dem sogenannten Demotischen, auf, daß
sie unzweifelhaft von diesen vereinfachten Hieroglyphen herstammt. Das
Prinzip ist auch das gleiche: ein beschränktes Alphabet, verbunden mit
einer Silbenschrift, die durch Ideogramme ergänzt wird. Das Demotische
kam auf dem Umweg über Griechenland nach Rom, um dort zur Stenographie
zu werden.
Daß die Stenographie erst 1786 von Samuel Taylor wieder erfunden,
von Gabelsberger 1817 vervollkommnet, dürfte allgemein bekannt sein.
Jedenfalls genügten auch schon die alten Stenographen den an sie
gestellten Anforderungen, denn Martial singt (XIV, 208):
»Mögen die Worte auch eilen, die Hand ist schneller als jene Ehe
die Zunge ihr Werk, hat es die Rechte vollbracht.«
*
Mancher wird geneigt sein, wenigstens +Börsenkrachs+ für eine neuere
Erscheinung zu halten. Das ist aber durchaus nicht richtig. Schon das
ptolemäische Ägypten hat einen regelrechten Kupferkrach aufzuweisen.
Während das Verhältnis des Silberwertes zu dem des Goldes von 1 : 15½
vor vier Jahrtausenden und länger schon annähernd bestand und erst bei
der großen Silberentwertung der letzten Jahrzehnte wesentlich gestört
wurde, ist das beim Kupfer ganz anders. Im Anfang der Ptolemäerzeit war
das Wertverhältnis von Silber und Kupfer wie 120: 1. Wenige Jahrzehnte
später war der Wert des Kupfers auf ein Drittel bzw. ein Viertel des
früheren gesunken, nachdem schon vorher sich im Großverkehr ein Agio
für Silber gezeigt hatte.[12]
Die Naturalwirtschaft hat in Deutschland erst zur Zeit der Kreuzzüge
der Geldwirtschaft weichen müssen, daß sie völlig verschwand, ist
aber erst wenige Jahrhunderte her. Da kann uns nun mit Bewunderung
vor der uralten Kultur des Zweistromlandes die Tatsache erfüllen,
daß bereits die dem vierten vorchristlichen Jahrtausend angehörigen
altbabylonischen Texte der Nippur-Sammlung im K. O. Museum in
Konstantinopel den Beweis liefern, daß man längst zur +Geldwirtschaft+
übergegangen war. Allerdings war das Geld sehr teuer. Man zahlte
gewöhnlich 33⅓% Zins.[13]
Eine Klage, die man zu Beginn unseres Jahrhunderts, als unsere jungen
Männer mit Weltschmerz und runden Rücken herumliefen und Dekadenz
tot-chik war, häufig hören konnte, findet sich schon beim Kirchenvater
Cyprian. Nachdem er darüber gejammert hat, daß die Welt immer
schlechter wird, fährt er fort: »Grauköpfe sehen wir unter den Knaben;
die Haare fallen aus, bevor sie wachsen und das Leben hört nicht auf
mit dem Greisenalter, sondern fängt mit ihm an.« (An Demetrianus c.
4.)[14]
Zweiter Abschnitt
Wissenschaft
Die Wissenschaft ist bekanntlich um ihrer selbst willen da. Das
rechtfertigt es, wenn Dinge, deren Wert der Laie mit dem besten Willen
nicht verstehen kann, mit heiligem Eifer untersucht werden. Es macht es
geradezu zur Pflicht. Nicht nur heute, sondern seit je. Dem Gelehrten
aber, der sich am meisten plagt, als wolle er ein Thema zu einer
Dissertation oder Habilitationsschrift aufstöbern, dem gebührt die
Palme der Unsterblichkeit, die wir ihm hiermit überreichen. Daneben
mögen in diesem Kapitel einige Meinungen Platz finden, die wir nicht
für klug oder richtig halten.
Doch beginnen wir mit einer Ehrenrettung!
Wer wird es wagen, der Kirche noch fernerhin den Vorwurf zu machen, sie
sei eine Feindin der Wissenschaft, wenn man tief gerührt liest, was für
köstliche Blüten ihrem Schoße entsproßten?
Was will das Forschen unserer Physiker und Chemiker bedeuten gegenüber
Fragen, wie sie der große Scholastiker +Petrus Lombardus+ († 1164)
aufwirft? Ob ein Vorhersehen und Vorherbestimmen Gottes möglich gewesen
wäre, wenn es keine Geschöpfe gegeben hätte? So lautet eine dieser
Fragen, aus seinen vier Libri sententiarum, dem Hauptlehrbuch, nach dem
die Theologie in den gelehrten Schulen vorgetragen wurde.
Zweifellos ist das Interesse daran brennend. Aber was bedeutet sie
gegenüber der andern: Wo war Gott vor der Schöpfung?
Daß Seelenheil und kultureller Fortschritt unlöslich von der
Beantwortung abhängig sind, fühlen wir, auch ohne daß es uns jemand
sagte.
Doch der Wissensdrang, nicht etwa der nach nichtigen Dingen,
sondern nach solchen von ewiger Bedeutung, war bei Petrus Lombardus
unersättlich. So fragte er denn weiter:
Ob Gott mehr wissen kann, als er weiß?
Ob ein Prädestinierter verdammt oder ein Verworfener selig werden könne?
Ob Gott etwas Besseres oder etwas auf bessere Weise machen könne, als
er es macht?
Ob Gott allezeit alles könne, was er gekonnt hat?
Doch nicht auf Gott beschränkt sich die Fragefreudigkeit des großen
Kirchenlehrers. Beschäftigt er sich auch natürlich am liebsten mit ihm,
so ist er doch viel zu leutselig, um sein Interesse nicht bisweilen
minder Vornehmen zuzuwenden. So wirft er die Frage auf: Wo die Engel
nach ihrer Schöpfung gewesen sind?
Ob die guten Engel sündigen, die bösen rechtschaffen leben können?
Ob alle Engel körperlich sind? (kleiner Schäker!)
Ob die Rangordnung der Engel seit dem Anfang der Schöpfung bestimmt
worden sei?
Sogar auf den Menschen dehnt sich der scholastische Frageeifer aus.
Probleme von größter Bedeutung beschäftigen die Denker und zeigen uns
aufs neue, wie unrecht wir der Kirche tun mit dem Vorwurf, sie habe
auf Kosten einer brauchbaren irdischen eine verschrobene überirdische
Afterwissenschaft kultiviert.
Wen interessiert es nicht zu wissen, in welchem Alter der Mensch
geschaffen worden ist? Warum wurde Eva nun gerade aus der Rippe und
nicht aus einem andern Teil des Mannes geschaffen? Und warum schlief
Adam dabei? Die Wichtigkeit der Sache hätte schon gerechtfertigt, daß
er wach gewesen wäre. Das findet wenigstens Petrus Lombardus.
Interessanter noch ist die Frage, ob der Mensch ewig hätte leben
können, wenn er auch nicht vom Baume der Erkenntnis genossen hätte?
Etwas indiskreter lautet: Warum sich die Menschen im Paradies nicht
begattet hätten? Jetzt verstehen wir auch des Petrus Lombardus Neugier
nach dem Alter, in dem sie geschaffen wurden!
Wie hätten die ersten Menschen sich fortgepflanzt, wenn sie nicht
gesündigt hätten? Eine Frage von hochaktuellem Interesse. Gibt es
doch heute noch genug Frömmler, die im Geschlechtsverkehr eine Sünde
erblicken und damit tatsächlich der Sünde das größte aller Wunder und
aller Güter zuschreiben: das Leben.
Petrus muß auch so etwas ahnen, wenn er fragt, ob -- ohne den
Sündenfall -- die Kinder mit vollkommen ausgewachsenen Gliedern und mit
dem vollen Gebrauch der Sinne würden geboren worden sein?
Von höchster Neugier zeugt die Frage, warum der Sohn und nicht der
Hl. Geist oder der Vater Mensch geworden seien? Mit großem Ernst
wurde natürlich alles behandelt, was mit der sogenannten Erlösung
zusammenhing. So die Frage, ob Gott das durch Christus dargebrachte
Opfer auch hätte annehmen können, wenn dieser ein Weib gewesen wäre.
Mit Rücksicht auf die außerordentliche Wichtigkeit und Vordringlichkeit
gerade dieser Frage wurde in der Schule des Petrus Lombardus nicht
minder, wie in der seines Schülers Petrus von Poitiers das Thema emsig
diskutiert. Man war sich einig, daß nur ein ganz verruchtes Scheusal,
dem das schamlose Maul (os impudicum) in gehöriger Weise gestopft
werden muß, in dem Sinne hätte antworten können, daß Christus auch als
Weib den an einen Erlöser zu stellenden Anforderungen hätte genügen
können.[15]
Occam hat in seinem Centilogium folgende Thesen: C. 8-11: »Zulässig
sind die Sätze: Gott der Vater ist der Sohn der hl. Jungfrau; der Hl.
Geist ist der Mensch, welcher der Sohn der hl. Jungfrau ist; der Vater,
der niemals starb, kann gestorben sein, der Sohn, der starb, kann auch
niemals gestorben sein.«... C. 29: »Der Leib Christi kann sich zu
gleicher Zeit in entgegengesetzter Richtung bewegen und wird faktisch
so bewegt, wenn z. B. ein Priester ihn emporhebt und der andere ihn in
demselben Moment niederlegt.«[16]
*
Unter dem Titel: »+Disputatio nova contra mulieres qua probatur eas
homines non esse+« erschien 1595 ein Büchlein ohne Verfassernamen und
Druckort.
Der gelehrte Autor rühmt sich in diesem Elaborat durch 50
unwiderlegliche Stellen der Heiligen Schrift den Beweis geführt zu
haben, daß +Weiber weder Menschen seien, noch von Christus erlöst
wurden+.
Er beginnt mit der These, Christus habe nicht für die Frauen gelitten
und sie deshalb auch nicht erlöst. Sehr merkwürdig und bezeichnend für
den scholastischen Geist und die ganze Rabulistik des Mittelalters
ist seine Beweisführung. So heißt es im vierten Absatz: Da die Hl.
Schrift alle verflucht, die etwas Gottes Wort hinzufügen, so sind auch
alle jene verflucht, die hinzufügen, die Weiber seien Menschen und es
glauben. Denn weder im Alten noch im Neuen Testament werde ein Weib
Mensch genannt. Wären sie Menschen, dann hätte aber der Hl. Geist sie
auch zweifellos so genannt. Wer trotzdem behauptet, sie seien Menschen,
der maßt sich an, mehr zu wissen als Gott.
Im achten Absatz heißt es: Eva war kein Mensch, denn sie wurde nicht
etwa geschaffen, damit Adam nicht allein sei, sondern damit Adam
durch sie Menschen zeugen sollte, deren Dasein ihn von der Einsamkeit
befreite.
Im zwölften Absatz sagt der Autor: Da Gott allwissend ist, so wußte er
auch bei der Schöpfung Adams, daß er Eva erschaffen würde. Hätte er
gewollt, daß sie auch ein Mensch sei wie Adam, dann hätte er nicht im
Singularis gesprochen: »ich will +einen+ Menschen schaffen«, sondern er
hätte gesagt: »ich will Menschen schaffen«. Weil er aber so sprach,
besitzen wir den sichersten Beweis aus Gottes eigenem Munde, daß Gott
nicht gewollt habe, daß das Weib ein Mensch sei, und daß er nur +einen+
Menschen geschaffen hat und nicht etwa zwei.
Auch aus dem Sündenfall folgt im 14. Absatz die weibliche
Unebenbürtigkeit: Wäre das Weib dem Adam gleich gewesen, dann hätten
im Paradiese zwei Menschen gesündigt. Denn Eva beging denselben
Fehltritt wie Adam. Der Apostel sagt aber ausdrücklich: durch +einen+
Menschen sei die Sünde in die Welt gekommen. In diesem Stile wird der
»Beweis« weiter geführt, um mit der gewiß vielen Damen schmerzlichen
Konstatierung zu schließen, daß das Alte Testament so gut wie das Neue
den Weibern nicht nur ihr Menschentum abspreche, sondern daß Christus
auch nicht für sie gestorben sei.
Doch der Anonymus hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.
Diese Einmischung in ihre Domäne konnten sich die Erbpächter der
Unsterblichkeit nicht bieten lassen. Noch im gleichen Jahre 1595
erschien die Schrift: »+Admonitio Theologicae Facultatis+ in
Academia VVittebergensi ad scholasticam Juventutem, de libello
famoso & blasphemo recens sparso, cuius titulus est: Disputatio Nova
contra mulieres, qua ostenditur, eas homines non esse«. Wiewohl die
theologische Fakultät in der Einleitung ausdrücklich sagt, daß es
möglich sei, daß impurus iste canis (»jener unreine Hund«), wie die
milden Streiter Gottes sich so geschmackvoll ausdrücken, nur im Spaß
seinen Angriff gemeint habe, sieht sie sich doch genötigt, nicht nur
durch Worte der heiligen Schrift zu beweisen, daß das Weib doch ein
Mensch sei, sondern sich hochoffiziell zu unterschreiben: »12. Januar
1595 Decanus, Senior et Professores Theologicae Facultatis in Academia
VVittebergensi.« Man hielt es also offenbar für sehr notwendig, mit
schwerem Geschütz den Angreifer der Weiber niederzukämpfen. Sei es, daß
man ein schlechtes Gewissen hatte, sei es, daß er begeisterten Beifall
gefunden hatte.
Trotz dieser Kathedralentscheidung scheinen die Verächter der holden
Weiblichkeit noch lange nicht Ruhe gegeben zu haben. Wenigstens liegt
mir noch aus dem Jahre 1690, also nach einem vollen Jahrhundert, unter
dem Titel »Mulier homo« ohne Erscheinungsort und Verfassernamen ein
Neudruck vor. Hier ist auch der feierliche Schluß fortgelassen. Sollten
etwa trostbedürftige Ehemänner die Abnehmer gewesen sein?
Noch im Jahre 1767 erschien unter dem Titel »Beantwortung der Frage, ob
das Frauenzimmer ein notwendiges Uebel sey« zu Frankfurt und Leipzig
ein Büchlein, das allerdings das Thema mehr humoristisch behandelt,
auch keinen Verfassernamen trägt.
Ja, noch aus dem Jahre 1791 liegt mit eine Broschüre über das Thema
vor. Sie trägt den Titel »Apologie des schönen Geschlechts oder Beweis,
daß die Frauenzimmer Menschen sind«, wurde von Heinrich Nudow aus dem
Lateinischen übersetzt und erschien in Königsberg.
Interessant ist die Bemerkung der Vorrede, »daß einige neuere
spekulative Naturforscher des schönen Geschlechts« zu der »sehr
wahrscheinlichen« Annahme gelangt seien, daß »der +Sitz der Seele+ bei
den Frauenzimmern nicht wie bei den Männern im Gehirn, sondern in
+der Gebärmutter seyn+ soll; -- daß da sich alles Leben und Seyn, --
alles Dichten und Trachten beim andern Geschlecht von einem gewissen
inneren Triebe ableiten, und wieder darauf zurückführen läßt, dem die
Natur jenes Eingeweide zu einem Hauptwerkzeug bestimmte, auch wohl
das andere Geschlecht großenteils (und vielleicht gänzlich) nur durch
die Gebärmutter denken dürfe.« Der Verfasser konstatiert und beweist
übrigens die Menschheit des schönen Geschlechts.
Lassen wir dahingestellt, was in diesen Schriften, die wir
keineswegs vollzählig aufführten, Ernst, was Witz ist, so viel steht
unwiderleglich fest, daß eine ganze theologische Fakultät es für
notwendig hielt, feierlich dagegen Stellung zu nehmen, daß das Weib
kein Mensch sei. Wäre es ihnen nicht möglich gewesen, durch Bibelworte
den Gegenbeweis zu führen, so hätte selbstverständlich die fromme Herde
noch etliche Jahrhunderte lang das Weib für ein Tier gehalten.
*
Ein gewisser Georgius Fridericus +Gublingius+ schrieb im Jahre 1725
eine Dissertation in Wittenberg mit dem Titel: +De barba Deorum+ ex
priscarum Graeciae et Latii maxime Religionum monumentis. Behandelte er
in dieser gelehrten Schrift die Frage, ob die +Götter bärtig waren+, so
in einer andern im gleichen Jahre ebenfalls in Wittenberg erschienenen
unter dem Titel: »De causis barbae Deorum«, die ebenso wichtige nach
den +Gründen dieser Bärtigkeit+.
*
Eine außerordentliche gelehrte Arbeit erschien 1705 zu Leipzig mit
folgendem Titel: »Cogitationes admodum probabiles de vestimentis
Israelitarum in deserto an per miraculum duraverint aut creverint in
dissertatione academica indultu Philosophici Ordinis Lipsiae ad II.
Aprilis A. MDCCV habenda eruditorum examini exhibitae a Gottfrido
Zeibigio & Johann Andrea Beckero.« Die philosophische Fakultät
promovierte also zwei Doktoranden, die Herren +Zeibig+ und +Becker+,
weil sie Betrachtungen darüber anstellten, ob +die Kleider der Juden in
der Wüste durch ein Wunder alle Strapazen ausgehalten haben oder gar
nachwuchsen+!
*
Ein gewisser Paul Christian +Hilscher+ prüft in Dresden 1703 in einer
seinem Schwiegervater, dem Dr. der Theologie und Superintendenten zu
Freiberg, Christian Lehmann gewidmeten Gratulationsschrift zum 60.
Geburtstage die hochwichtige Frage nach der +Bibliothek Adams+. (De
bibliotheca Adami.) Das Heftchen ist mit wundervollen Schriftzeichen
geschmückt und natürlich grundgelehrt. So eine Art Seitenstück also zu
Beringers Würzburger Petrefaktenbuch, das wir bald kennen lernen werden.
*
Christian Tobias Ephraim +Reinhard+, ein sonst ganz ernster
Schriftsteller, der auch über die in der Bibel vorkommenden
Krankheiten geschrieben hat, veröffentlichte im Jahre 1752 zu Hamburg
eine Schrift: »Untersuchung der Frage, ob +unsere ersten Urältern Adam
und Eva einen Nabel gehabt+.« Er kommt im § 17 dieser Abhandlung, die
wohl ernst gemeint sein dürfte, zu folgendem Resultat: »Genug, Adam
und Eva sind nicht gebohren, sondern gemacht, nicht gezeuget, sondern
geschaffen worden, und wer hieran zweifelt, der ist kein würdiges Glied
der Kirche, sondern wird kraft meines Amts dem Teufel übergeben. Von
dieser Wahrheit gibt der heilige Geschichtschreiber Moses in seinem
Buche von der Erzeugung das allerbewährteste Zeugnis. Da es nun eine
unumstößliche Wahrheit bleibet: daß unsere ersten Stammväter nicht
gebohren worden sind, so muß es auch wahr sein, daß sie keinen Nabel
nöthig gehabt haben. Denn da dieselben niemals im Mutterleibe verborgen
gewesen sind, so hat ihnen fraglich keine Nabelschnur zu statten kommen
dürfen. Haben sie nun keine Nabelschnur nöthig gehabt, so haben sie
auch keinen Nabel, als dessen Überrest derselbe ist, besitzen können.«
Reinhard war »Der Arzneygelahrtheit Doktor und Heilarzt zu Camenz«, wie
er auf dem Titelblatt des Schriftchen vermerkt.
*
Das erleichtert uns den Übergang zu den Naturwissenschaften.
*
Jahrhunderte nahm man an, die Meergänse sollten aus einer Muschel, der
Entenmuschel, hervorgehen. Diese Theorie ist weniger verwunderlich,
als die Tatsache, daß bedeutende Gelehrte sich +durch Augenschein davon
überzeugt haben wollten+. So schrieb der Leibarzt Rudolfs II., Michael
Mayer, er habe in den Muschelschalen den wie in seinem Ei liegenden
Fötus des Vogels +selbst gesehen+ und sich überzeugt, daß er Schnabel,
Augen, Füße, Flügel und selbst angehende Federn besaß. Der gleichfalls
im 17. Jahrhundert lebende Sir Robert Moray, dessen Bericht in den
Schriften der Londoner königlichen Gesellschaft 1677-78 veröffentlicht
ist, behauptete, in jeder Entenmuschel, die er öffnete, ein vollkommen
ausgebildetes Vögelchen gefunden zu haben.[17]
*
Daß auch die Universitäten ähnliche Fabeln verbreiteten, zumal dort, wo
die Jesuiten für das Fortbestehen des Autoritätsglaubens wirkten, kann
nicht verwundern.
Unter dem Titel: »Positiones ex universa philosophia Aristotelis tum
contemplativa tum politica, quas in Alma ac Celeberrima Herbipolensium
Universitate pro suprema Doctoratus philosophici laurea praeside R.
P. Ignatio Zinck e Soc. Jesu AA. LL. & Philos. Magistro e jusdemque
in praedicta Universitate Professore publice defendendas suscepit D.
Joannes Bernardus Dill Herbipolensis etc. etc.« erschien im Jahre 1700
eine philosophisch-naturwissenschaftliche Dissertation zu Würzburg.
Das hochgelahrte Werk, das den Joh. Bernh. +Dill+ zum Verteidiger, den
Jesuiten Prof. P. Ignaz +Zinck+ zum Verfasser hatte, läßt schon ahnen,
welch außerordentlichen Ruhm diese christ-katholische Universität noch
erringen sollte.
Da wird erzählt, wie der Blick eines Vogels heile, verschiedene Steine
auf den Menschen wirkten, z. B. Jaspis die Lebensgeister wecke, der
Amethyst, auf den Nabel des Berauschten gelegt, die Dünste aus dem Kopf
zieht und die Trunkenheit verscheucht oder der im Magen des Haushahns
sich bildende lapis alectorius denjenigen, der ihn im Munde trägt,
mutig und tapfer macht. Als Belege für die Möglichkeit ewigen Feuers
wird erzählt, daß im Jahre 1041 im Grabe des von Turnus getöteten
Pallas eine Lampe gefunden wurde, die bereits 1611 Jahre brannte und
vielleicht noch brennen würde, wenn sie damals nicht zerbrochen und
das künstlich präparierte Öl verschüttet worden wäre. Ferner brannte
die unter Paul III. gefundene Grablampe von Ciceros Tochter Tulliola
ebenfalls noch.
Mit dem gleichen Ernst gibt diese Dissertation den Bericht des
Jesuiten Schott wieder, daß in Schottland, auf den Hebriden und in
einigen Gegenden Indiens an den Bäumen Enten und andere Vogelarten
wachsen, die wie Blätter hervorsprossen, dann wie Obst sich runden,
endlich Vogelgestalt bekommen und an dem Schnabel gleich dem Stiele
herabhängen, bis sie ganz ausgereift abfallen und davonfliegen.
Auf die Autorität des »Apostels« hin wird endlich gelehrt: im
künftigen Leben werden »wir Auserwählten alle« eine Größe von 4 Ellen
= 6 Fuß haben, nicht mehr und nicht weniger, denn dies sei, wie die
Geschichtschreiber und Väter allenthalben berichten, die Größe Christi
gewesen. Den Größeren werden -- so fügt der englische Lehrer bei --
der Überschuß über die Normalgröße genommen und damit die Kleinen
aufgebessert werden.[18]
*
Im Jahre 1726 erschien zu Würzburg ein Buch, das für uns unschätzbaren
Wert besitzt. Es trug nach dem Gebrauche der Zeit folgenden etwas
langatmigen Titel: LITHOGRAPHIAE WIRCEBURGENSIS, DUCENTIS LAPIDUM
FIGURATORUM, A POTIORI INSECTIFORMIUM, PRODIGIOSIS IMAGINIBUS EXORNATAE
SPECIMEN PRIMUM, Quod IN DISSERTATIONE INAUGURALI PHYSICO-HISTORICA,
CUM ANNEXIS COROLLARIIS MEDICIS, AUTHORITATE ET CONSENSU INCLYTAE
FACULTATIS MEDICAE, IN ALMA EOO-FRANCICA WIRCEBURGENSIUM UNIVERSITATE,
PRAESIDE Praenobili, Clarissimo Expertissimo Viro ac Domino, D.
JOANNE BARTHOLOMAEO ADAMO BERINGER, Philosophiae & Medicinae Doctore,
Ejusdémque Professore Publ:Ordin:Facult:Medicae h. t. Decano &
Seniore, Reverendissimi & Celsissimi PINCIPIS (sic!) Wirceburgensis
Consiliario, & Archiatro, Aulae, nec non Principalis Seminarii DD.
Nobilium & Clericorum, ac Magni Hospitalis Julianaei Primo loco Medico,
Exantlatis de more rigidis Examinibus, PRO SUPREMA DOCTORATUS MEDICI
LAUREA, annexisque Privilegiis ritè consequendis, PUBLICAE LITTERATORUM
DISQUISITIONI SUBMITTIT GEORGIUS LUDOVICUS HUEBER Herbipolensis, AA.
LL. & Philosophiae Baccalaureus, Medicinae Candidatus. IN CONSUETO
AUDITORIO MEDICO.
Dieser schöne Titel, auch typographisch bedeutend reicher, als es hier
zum Ausdruck kommt, dazu ein schöner Titelkupferstich stehen zu Beginn
eines Buches, das auf Erden nicht viele Rivalen haben dürfte.
+Georg Ludwig Hueber+ heißt also der Verfasser, dessen medicinische
Habilitationsschrift vor uns liegt, sein Lehrer aber Johann
Bartholomäus Adam +Beringer+, ein Mann schwer an Weisheit, Würden und
Titeln, Professor, Leibarzt des Fürstbischofs und anderes mehr. Da es
damals Sitte war, daß die Promotionsschrift vom Professor abgefaßt
wurde, so war Beringer der eigentliche Autor.[19]
Es handelt sich um eine großartige Entdeckung, die er gemacht
hatte oder doch gemacht haben wollte. In der Nähe von Würzburg
waren Petrefakte gefunden worden, die er auf schönen Kupfertafeln
gewissenhaft abbildete. Da gab es Blumen und Frösche, Fische und
anderes Getier. Auch eine Spinne mit Netz war versteinert (Taf. X),
ferner eine Spinne im Begriff eine Fliege zu fangen, zusammen mit
ihrem Opfer, ein reizendes Tierstückchen! Aber auch Stilleben fehlten
unter den Versteinerungen nicht, so ein Schmetterling, der an einer
Blume saugt (Taf. VI). Noch viel abenteuerlichere Dinge waren vom
hochgelahrten Herren zutage gefördert worden: ein versteinerter Stern,
ein Halbmond, ein Stern mit Halbmond, ja Figuren so ähnlich aussehend,
wie die primitive Kunst Kometen zeichnet (Taf. III). Das und noch
vieles andere war auf den schönen Kupfertafeln zu sehen. Besonderes
Interesse verdienten Versteinerungen, auf denen in hebräischen Lettern
Jehova und ähnliches stand (Taf. VII).
Natürlich war auch für begleitenden Text gesorgt. War doch die
Entdeckung so verblüffend, so über alle Maßen großartig, daß ein
ausgiebiger Kommentar sich von selbst verstand. So bewies Beringer vor
allem, daß es sich hier nicht etwa um Überreste aus heidnischer Zeit
handle, auch nicht um Kunstgegenstände jüdischer Herkunft. O nein, +es
war alles Natur+. Es waren Versteinerungen von Tieren und Pflanzen, die
vor unvordenklichen Zeiten das Meer ausgespült hatte (vgl. Kap. 4 und
13). Daran ließen sich natürlich die weitgehendsten Schlüsse knüpfen
sowie Ausfälle auf Zweifler. Und das tat auch der gelehrte Verfasser.
Aber leider blieb seine große wissenschaftliche Tat nicht vom Neide der
Götter verschont. Es stellte sich heraus, daß Schüler und Gegner des
Professors aus Ulk Pseudopetrefakte künstlich hergestellt hatten und in
dem Steinbruch finden ließen, den der Professor häufig besuchte.
Es dürfte sich hier um eine der größten akademischen Dummheiten
handeln, von der die Geschichte der Wissenschaften weiß. Das fühlte
auch Beringer, denn er ließ alle erreichbaren Exemplare des Werkes
vernichten, so daß es zur großen Seltenheit wurde. Die kgl. Hof- und
Staatsbibliothek in München ist im Besitze eines tadellos erhaltenen
Exemplars.[20]
*
Auf moralischem Gebiete hat aber Beringer einen Konkurrenten in der
Person des nicht unbedeutenden Kulturhistorikers Friedrich von
+Hellwald+. Wenn er die Ursache unserer heutigen Milde und unseres
Entsetzens über die früheren Gräuel der Hexenprozesse nicht darin
findet, daß wir so viel bessere Menschen als unsere Vorfahren sind,
sondern einfach, weil wir wissen, daß es keine schädlichen Hexen gibt,
so hat er recht. Wahrscheinlich würden wir uns nicht viel anders als
das Mittelalter benehmen, wenn wir noch heute unter dem verdummenden
Einfluß der Kirche ständen. Grotesk aber ist die Art, wie Hellwald zu
beweisen versucht, daß die Inquisition gar nicht so schlimm war. Er
ähnelt darin einem gewissen Hoeniger, dessen Methode die Harmlosigkeit
des Dreißigjährigen Krieges zu beweisen, wir im I. Bande (S. 126)
kennen lernten.