Er hob den Bogen Papier empor und las langsam, mit tief bewegter Stimme:

„An mein Volk! Indem ich heute zur Armee gehe, um mit ihr für

Deutschlands Ehre und für Erhaltung ihrer höchsten Güter zu kämpfen,

will ich im Hinblick auf die einmüthige Erhebung meines Volkes eine

Amnestie für politische Verbrechen und Vergehen ertheilen.“

„Ich habe das Staatsministerium beauftragt, mir einen Erlaß in diesem

Sinne zu unterbreiten.

„Mein Volk weiß mit mir, daß Friedensbruch und Feindschaft wahrhaftig

nicht auf unserer Seite waren.

„Aber herausgefordert, sind wir entschlossen, gleich unsern Vätern und

in fester Zuversicht auf Gott, den Kampf zu bestehen zur Errettung des

Vaterlandes.“

Er hielt inne und blickte wie fragend auf den Ministerpräsidenten,

dessen Züge in mächtiger Rührung zuckten.

„Majestät,“ sagte er, auf die stumme Frage des Königs antwortend, „an

diesem Erlaß darf kein Titelchen geändert werden. Es ist das

königlichste Wort, das ein christlicher Fürst zu seinen Unterthanen

sprechen kann, einfach und groß, wie die Zeit. Und dies königliche Wort

wird einen mächtigen Wiederhall finden in allen Herzen.“

Der König neigte den Kopf, wandte sich dann zu seinem Schreibtisch,

ergriff eine Feder und setzte mit kräftigen Zügen seinen Namen unter das

Papier, das er dem Ministerpräsidenten reichte.

„Sorgen Sie für die Veröffentlichung und für die schleunige Vorlegung

des Amnestieerlasses. Nun sind die Geschäfte hier beendet,“ sprach er

mit tiefem Athemzug, „ich habe für die Meinigen das Werk des Friedens

und der Liebe gethan. Jetzt soll die Spitze unseres Schwertes sich gegen

die Feinde richten.“

„Noch möchte ich,“ sagte der Ministerpräsident, „eine Bitte an Eure

Majestät richten, eine Bitte, deren Erfüllung ein schöner Nachklang zu

dem großen Wort ist, das Eure Majestät soeben gesprochen. Eure Majestät

wissen,“ fuhr er fort, als der König ihn fragend ansah, „daß wir von der

früher so weit verbreiteten Agitation in Hannover nichts mehr zu

befürchten haben, die früheren Führer derselben sind vom Könige Georg

getrennt und entschlossen, in diesem Nationalkampf nichts gegen

Deutschland zu thun. Einzelne Personen in Hannover, welche vielleicht zu

gefährlichen Unternehmungen irre geleitet werden könnten, sind in

Sicherheit gebracht, um sie vor sich selbst zu schützen, und um sie

durch eine kurze Haft der Möglichkeit zu entziehen, Dinge zu

unternehmen, für welche sie in der gegenwärtigen Zeit mit der ganzen

Schwere des Gesetzes gestraft werden müßten.“

„Ich weiß, ich weiß,“ sagte der König — „auch der Verdacht gegen den

Grafen Wedell hat sich nicht betätigt? —“

„Nein, Majestät,“ sagte der Ministerpräsident, „Graf Wedell steht mit

der Agitation in keiner Verbindung mehr, und es freut mich das um so

mehr, da seine ganze Familie ohnehin durch die Ereignisse schwer

getroffen ist — doch,“ fuhr er dann fort, „wovon ich Eurer Majestät

sprechen wollte, das ist das Schicksal aller hannöverschen Officiere,

welche mit der Emigration nach Frankreich gegangen waren und dort die

sogenannte Welfenlegion commandirten.“

„Nun?“ fragte der König.

„Diese Officiere, Majestät,“ sprach Graf Bismarck weiter, „befinden

sich, wie ich höre, in einer verzweiflungsvollen Lage. Sie waren in

Deutschland geächtet, — das ist durch Eurer Majestät großmüthige Amnestie

beseitigt — aber sie sind ohne Subsistenzmittel, sie sind sogar der

französischen Regierung verdächtigt, und ihre Lage ist derartig, daß

nach den Äußerungen Einzelner, die mir mitgetheilt sind — ihnen nichts

übrig bliebe, als sich irgendwo mit Anstand todtschießen zu lassen.“

„Die armen, jungen Leute,“ sagte der König — „sie haben sich schwer

vergangen, aber es sind doch brave junge Männer und ihre Handlungsweise

ist doch nur hervorgegangen aus einem irre geführten, aber innerlich

edlen und richtigen Gefühl der Anhänglichkeit an ihren frühern

Herrn — was kann ich für sie thun?“ fragte er mit weicher, milder Stimme.

„Majestät,“ sagte Graf Bismarck, „politisch liegt kein Grund vor, ihnen

zu Hülfe zu kommen, sie können nicht gefährlich werden, und wenn sie

wirklich, durch die Noth gedrängt, sich zu irgend einer strafbaren

Handlung hinreißen ließen, so würde dadurch in den Augen von ganz

Deutschland die welfische Agitation und alle etwa für dieselbe noch

begehende Sympathie vollkommen und für immer vernichtet werden. Aber ich

glaube nicht, Majestät,“ fuhr er im wärmeren Ton fort, „daß jenen armen

jungen Leuten gegenüber politische Betrachtungen in diesem Augenblick

maßgebend sein können. Jene Unglücklichen sind von aller Welt verlassen,

sie sind die Opfer ihrer irregeleiteten, aber doch immerhin edlen Treue

geworden, und ich möchte Eure Majestät bitten, ihnen zu helfen und ihnen

eine Grundlage für ein neues Leben zu gewähren.“

„Mit Freuden,“ rief König Wilhelm lebhaft, „schlagen Sie mir vor, was

ich thun soll.“

„Majestät,“ erwiderte Bismarck, „es befinden sich unter diesen

Emigranten frühere Offiziere verschiedener Grade, darnach aber zwischen

ihnen einen Unterschied zu machen, ist nicht möglich, — der König Georg

hat im Exil noch Ernennungen vorgenommen, die doch nicht in Betracht

gezogen werden können. Ich würde daher Eurer Majestät unterthänigst

vorschlagen, sie Alle gleich zu behandeln und Jedem von ihnen eine

lebenslängliche Pension von zwölfhundert Thalern zu geben, damit haben

sie eine Basis für ihre Existenz und einen Ersatz für ihre zerbrochene

Carriere.“

„Genehmigt,“ rief der König, „genehmigt, mein lieber Graf, es thut mir

unendlich wohl, diesen armen jungen Leuten helfen zu können, und ich

danke Ihnen, daß Sie mich darauf aufmerksam gemacht und mir Gelegenheit

gegeben, noch vor meiner Abreise dies gute Werk zu thun.“

Und leise die Lippen bewegend, flüsterte er vor sich hin:

„Thut wohl denen, die Euch verfolgen.“ — —

„Es müßte dann,“ sagte Graf Bismarck, „eine Garantie von ihnen gegeben

werden, daß sie nicht etwa abermals mißleitet werden —“

„Sie sollen ihr Ehrenwort geben, nichts gegen mich zu unternehmen, das

genügt,“ sagte der König, „sie haben die Gesetze verletzt, aber ihre

Ehre trifft kein Vorwurf und ihrem Ehrenwort will ich glauben.“

„Eure Majestät haben durch diesen Entschluß,“ sagte Graf Bismarck,

„einer Anzahl junger und hoffnungsvoller Herzen Leben und Zukunft wieder

gegeben, und auch das wird zum Segen unserer Waffen werden. So ist denn

auch diese letzte schmerzliche Dissonanz des Jahres 1866 im schönen und

wohlthuenden Accord geendet und nun, Majestät, —

Vorwärts mit Gott für König und Vaterland.“

„Auf Wiedersehen am Bahnhof, mein lieber Graf,“ sagte der König, „wir

werden hier wohl lange nicht wieder zusammen arbeiten —“

„Dann aber, Majestät,“ rief Graf Bismarck mit leuchtendem Blick, „wird

der preußische Adler seinen höchsten Siegesflug vollendet haben, und

eine neue, strahlende Krone wird über seinem Haupte glänzen.“

Er ergriff seinen Stahlhelm, der neben ihm auf einem Stuhl lag, richtete

sich hoch empor und verließ mit militairischem Gruß das Cabinet.

Der König trat an's Fenster und richtete den sinnenden Blick auf das

Standbild Friedrich des Großen. Er bewegte leise die Lippen, ohne daß

hörbare Worte aus denselben hervordrangen.

War es ein Gebet, das er sprach, — oder verkehrten seine Gedanken mit dem

Geiste seines großen Ahnherrn, der zuerst das alte Brandenburg in

Wahrheit zu einer Großmacht Preußens erhoben, der der Königskrone

Friedrich I. das schneidige siegreiche Schwert hinzugefügt hatte und der

wieder seinen Nachkommen die hohe Aufgabe hinterlassen hatte, durch

preußischen Geist und preußische Kraft einst das zerbröckelte

Deutschland zu einiger Macht und Herrlichkeit wieder aufzurichten?

Die auf dem Platz vor dem königlichen Palais versammelte Menge erhob

beim Anblick des Königs die Hüte und laute Rufe grüßten den Monarchen.

Der König dankte freundlich mit dem Kopfe nickend. Ein Ausdruck

heiterer, ruhiger Zuversicht erschien auf seinem Gesicht. Langsam wandte

er sich ab, um zur Königin zu gehen und mit seiner Gemahlin das letzte

Diner vor seiner Abreise zur Armee einzunehmen.

* * * * *

Es war halb sechs Uhr Abends. Dicht gedrängt standen die Menschenmassen

die Linden entlang, vom Thiergarten her bis zum Anhalter Bahnhof. Die

sonst so lauten und unruhigen Berliner hatten diesmal ihre gewöhnliche

Natur verleugnet, und eine fast lautlose Stille herrschte auf den dicht

belebten Straßen.

Da kam vom königlichen Palais her ein einfacher zweispänniger Wagen mit

offenem Verdeck dahergefahren. Der König, im Überrock und Helm, fuhr,

von seiner Gemahlin begleitet, nach dem Bahnhof und blickte zum letzten

Mal ernst und gedankenvoll auf diese Straße seiner Residenz hin, welche

bereits so viele Herrscher seines Hauses gesehen hatte in den Tagen des

Glücks und des Unglücks, in den Tagen des Leidens und der Demüthigung,

wie in den stolzen Triumphzügen nach gewaltigen Siegen — immer aber in

gegenseitiger Liebe und Treue innig vereint mit ihrem Volk, welches das

Unglück mit ihnen getragen und opferfreudig sein Blut vergossen hatte

zur Erringung der Triumphe und Siege.

Kein lauter Ruf ertönte, still und schweigend entblößten sich alle

Häupter und durch diese schweigenden, feierlichen Grüße hin fuhr der

königliche Wagen hinaus, während der König freundlich ernst mit der Hand

winkte und die Königin, von Bewegung überwältigt, ihr Taschentuch vor

die Augen drückte.

Im Wartesaal des Bahnhofes erwarteten den König der

Generalfeldzeugmeister Prinz Carl und der jugendliche Erbgroßherzog von

Mecklenburg-Schwerin, die Prinzen Alexander und Georg, der Admiral Prinz

Adalbert, der Herzog Wilhelm von Mecklenburg mit der Großherzogin

Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin, der Prinzessin Karl und der jungen

Herzogin Alexandrine. Daneben sah man alle in Berlin noch anwesenden

Generale, die Minister, den Geheimrath Abeken, den Legationsrath von

Kendell und neben den königlichen Prinzen den Grafen Bismarck, die

Generale von Roon und von Moltke und den alten Feldmarschall Wrangel;

die Angehörigen der Herren, welche den König begleiten sollten, waren

mit anwesend. Neben dem Grafen Bismarck standen seine Gemahlin und seine

Tochter, in letzter wehmüthiger Unterhaltung mit dem Scheidenden. Neben

dem General von Roon, in seiner ernsten strengen Haltung, sah man seinen

Sohn, der Adjutantendienste bei ihm that — auch viele Damen der übrigen

Minister und der Hofchargen waren anwesend.

Auch diese ganze Gesellschaft war ernst und still, wie über der

Bevölkerung von Berlin, so lag auch über diesen höchsten Spitzen des

preußischen Staats der tiefe Ernst des Augenblicks.

Der königliche Wagen fuhr an die Rampe, der König stieg aus und reichte

dann der Königin die Hand, ihr ebenfalls aus dem Wagen zu helfen. Dann

blickte er hin über den mit Menschen dicht besetzten Platz und erhob zum

letzten Gruß die Hand.

Jetzt zum ersten Mal wurde das ernste, feierliche Schweigen gebrochen,

wie ein einziger Ruf, weithin brausend in gewaltigen Klängen die Luft

erschütternd, erhob sich ein dreimal wiederholtes Hurrah. Es war als ob

wie aus einem Munde, vom gleichen Pulsschlag bewegt, das Volk den

scheidenden König begrüßte.

Dann trat abermals tiefe Stille ein.

Der König winkte noch einmal mit der Hand, gab der Königin den Arm und

wandte sich nach dem Wartesaal hin. Da fiel sein Auge auf einen jungen

Officier mit blassem Gesicht, welcher in einem kleinen Rollwagen auf die

Rampe gefahren war und mit leuchtenden Blicken den königlichen

Kriegsherrn ansah, während er die in unwillkürlicher Bewegung erhobenen

Hände gegen ihn ausstreckte.

Der König blieb einen Augenblick stehen, dann schritt er rasch auf den

jungen Mann zu und reichte ihm die Hand, dieser aber faßte sie mit

seinen beiden Händen und führte sie an die Lippen, indem Thränen aus

seinen Augen stürzten. Dann faßte er sich, richtete sich in seinem Wagen

empor und sprach im Ton dienstlicher Meldung:

„Lieutenant von Sierrakowsky, Majestät —“

„Ich weiß, ich weiß,“ sagte der König freundlich, durch einen Wink die

Meldung unterbrechend, „ich vergesse die Tapfern nicht, die für mich und

das Vaterland geblutet haben — Gott hat Ihnen nicht vergönnt, auch in

diesem Kampf mit mir hinaus zu ziehen — aber trösten Sie sich, Sie haben

dem Vaterland Ihre Schuld reichlich bezahlt und Beispiele, wie das Ihre,

werden neue Helden schaffen.“

„Gott segne Eure Majestät!“ sagte der junge Officier, mit erstickter

Stimme; „Gott segne unsere preußischen Fahnen!“

Der König drückte dem armen Invaliden noch einmal herzlich die Hand und

trat dann in den Wartesaal. Nur wenige Worte sprach er mit den dort

Versammelten. Alle Damen reichten ihm Blumensträuße entgegen.

„Ich kann sie nicht alle mitnehmen,“ sagte der König freundlich

lächelnd, indem er einen schönen Strauß aus den Händen der Gräfin

Itzenplitz entgegennahm. „Diese Blumen sollen mir eine Erinnerung an Sie

Alle und an Ihre guten Wünsche sein.“

Kein Auge blieb trocken, Alle drängten dem scheidenden König nach, der

an der Thür des Wartesaals die Königin umarmte und dann mit den Herren

des Gefolges schnell in das Coupé stieg.

Dahin brauste der Zug nach dem Westen, nach dem Schauplatz des noch von

den dunklen Wolken der Zukunft verhüllten Krieges.

Zwölftes Capitel.

Der junge Cappei hatte in einem fast bewußtlosen Zustand stumpfer

Resignation die ersten Tage nach seiner Verhaftung in dem Amtsgefängniß

zu Bodenfeld zugebracht. Vergebens strengte er sich an, um die Fäden des

Netzes zu entdecken, das ihn so geheimnißvoll und unerklärlich umsponnen

hatte. Seine Gedanken verwirrten sich, das fortwährende Schweigen seiner

Geliebten, dieser so plötzliche und unerwartet gegen ihn erhobene

Vorwurf staatsgefährlicher Verbindungen, das Alles vermochte er in

keinen klaren Zusammenhang zu bringen, und nur wenn er auf den Verdacht

zurückkam, welchen die Handschrift des ihm vorgelegten Schreibens in ihm

erweckte, so erfaßte ihn ein heftiger Paroxismus des Zornes und der

Verzweiflung.

Oft war er nahe daran nach Mitteln zu suchen, seinem so plötzlich von

der Höhe der glücklichsten Hoffnungen in die Tiefe eines vernichtenden

Schmerzes herabgestürzten Leben ein gewaltsames Ende zu machen, und nur

die von früher Jugend in ihm gepflegte gläubige Frömmigkeit gab ihm die

Kraft, diese traurige Existenz zu ertragen und ließ ihn die Hoffnung

nicht verlieren, daß die Vorsehung Wege finden würde, das Dunkel zu

erhellen, welches ihn umgab und seine Unschuld dem wider ihn erhobenen

Verdacht gegenüber an das Licht zu bringen.

In dieser qualvollen Ungewißheit, allein mit seinen in demselben Kreise

sich stets bewegenden Gedanken brachte er drei furchtbare Tage zu, ohne

das Geringste von der Außenwelt zu hören oder zu sehen, als ein kleines

Stück des Himmels, das über eine hohe Mauer durch das vergitterte

Fenster seines Gefängnisses hereinsah.

Dann wurde er zum ersten Verhör vorgeführt. Ein Untersuchungsrichter aus

der nächsten Stadt war in Bodenfeld erschienen, um in Gegenwart des

Amtmanns die Vernehmung des jungen Menschen vorzunehmen.

Cappei antwortete auf alle an ihn gestellten Fragen im vollen Bewußtsein

seiner Schuldlosigkeit, und der günstige Eindruck, den seine klaren und

bestimmten Angaben, die sich in keinem Punkt widersprachen, auf den

Richter und den Amtsverwalter machten, war unverkennbar.

Schon begann die Hoffnung in ihm aufzuleben, daß das Alles sich als ein

Mißverständniß herausstellen werde, da legte der Untersuchungsrichter

ihm aus den beim Amte geführten Acten eine Reihe von Briefen vor mit der

Frage, ob er die Handschrift kenne, und ob diese an ihn adressirten

Briefe unter ihren scheinbar unverfänglichen Worten einen andern Sinn

verbärgen.

Der Richter sprach dabei zugleich nochmal die Ermahnung aus, durch ein

offenes Geständniß eine mildere Beurtheilung seiner Handlungen zu

ermöglichen, zu denen eine irre geleitete Anhänglichkeit an die frühere

Regierung seines Landes ihn bestimmt haben möchte.

Der junge Cappei trat ruhig und unbefangen an den Tisch heran, um die

ihm vorgelegten Papiere näher zu betrachten und vielleicht durch

dieselben einen Anhalt zur Aufklärung des Mißverständnisses zu gewinnen.

Kaum hatte er indeß einen Blick auf die Briefe geworfen, als eine

schnelle fliegende Röthe auf seinem Gesicht erschien. Seine kräftige

Gestalt zitterte und bebte, und wie zusammenbrechend stützte er sich mit

beiden Händen auf den Tisch, während seine groß geöffneten Augen mit dem

starren Ausdruck des Schreckens und des Entsetzens auf den Papieren

hafteten.

Er erkannte Luisens Handschrift, und als er sich so weit gesammelt

hatte, um die im ersten Augenblick vor seinen Augen hin und her

schwirrenden Buchstaben festhalten zu können, las er, in fliegender Hast

die Blätter umwendend, immer dringendere, immer sehnsuchtsvollere Bitten

um Nachricht, Besorgnisse, daß er krank sein möge, und voll Schmerz und

Verzweiflung sah er zwischen den Zeilen dieses Briefes das Bild seiner

Geliebten erscheinen, welche in gleicher Ungewißheit und Bangigkeit wie

er, gewartet und immer wieder gewartet und vergebens um Antwort und

Nachricht gefleht hatte.

Ein dämonischer Einfluß hatte hier die Hand im Spiele gehabt, ein wohl

durchdachter Plan voll Hinterlist und Bosheit hatte sich zwischen diese

beiden liebenden Herzen gestellt, um nicht nur ihre äußere Verbindung zu

unterbrechen, sondern sie auch mit Mißtrauen gegen einander zu erfüllen

und ihre Liebe zu zerstören.

Als er die Briefe sämmtlich durchflogen hatte, wurde ihm Alles

klar; — wie er schon beim ersten Verhör geglaubt hatte in dem ihm damals

vorgelegten an ihn gerichteten compromittirenden Brief die Hand des

Herrn Vergier zu erkennen, so wurde ihm jetzt vollkommen deutlich, daß

dieser und kein anderer der Urheber dieses Werkes finsterer Heimtücke

sei. Und eine wilde, wüthende Verzweiflung, ein brennender Durst nach

Rache bemächtigte sich seines ganzen Wesens.

Schweigend starrte er fortwährend auf die vor ihm liegenden Briefe, als

sei plötzlich ein drohendes Gespenst vor ihm aufgestiegen, dessen kalte

Hand sich todtbringend nach seinem Herzen ausstreckte.

Betroffen blickte ihn der Untersuchungsrichter an. Der ganze bisherige

Verlauf des Verhörs hatte einen günstigen Eindruck für den jungen Mann

in ihm hervorgebracht, dessen plötzliche, so sichtbar tiefe Bestürzung

jedoch schien jenen Eindruck wieder zu verwischen.

„Kennen Sie diese Briefe?“ fragte er mit strengem Ton.

Der junge Cappei fuhr bei dieser Frage, die ihn aus seiner Betäubung

aufschreckte, empor und erwiderte, indem seine Stimme vor mächtiger

innerer Erregung zitterte:

„Ja, ich kenne sie, sie sind an mich gerichtet, — es sind Briefe meiner

Braut, sie haben mir die Augen geöffnet über den ganzen heillosen Plan,

welchen eifersüchtiger Haß gesponnen, um uns von einander zu reißen.

Diese Briefe haben keinen verborgenen Sinn, sie bedeuten nur das, was

mit klaren Worten in ihnen geschrieben steht. Oh, mein Gott,“ rief er,

den brennenden Blick aufwärts richtend, „wie ist es möglich, daß so viel

Schlechtigkeit auf Erden wohnen kann.“

„Sie behaupten also,“ fuhr der Untersuchungsrichter fort, „daß dies

wirklich Briefe eines jungen Mädchens sind, und daß dieselben keine

Bedeutung haben? — Ich muß Ihnen sagen,“ fügte er hinzu, „daß Ihre so

heftige und sichtbare Bestürzung beim Anblick dieser Papiere nicht zu

Ihren Gunsten spricht, um so weniger als unmittelbar nach Ihrer Ankunft

ein Schreiben an Sie hierher gekommen ist, in welchem Ihnen die

mündliche Verabredung in's Gedächtniß zurückgerufen wird, die

Nachrichten, welche man von Ihnen erwartet und die Fragen, welche man an

Sie stellen würde, in die Form von einfachen Liebesbriefen zu kleiden.“

„Welch ein Abgrund, — welch ein Abgrund,“ rief der junge Cappei

verzweiflungsvoll. „Und kann ich jenen Brief sehen?“ fragte er dann.

Der Untersuchungsrichter nahm ein Papier und legte es ihm vor.

„Ja, ja,“ rief Cappei heftig auffahrend, „es ist dieselbe Handschrift.

Es ist die Handschrift jenes Elenden, der mich um mein Glück betrügen

will, der es gewagt hat, mich in Frankreich als preußischen Spion zu

verdächtigen, und der nun durch seine teuflischen Künste mich hier als

Verschwörer verfolgen läßt. Ich schwöre Ihnen, meine Herren, das Alles

ist schändlicher Betrug, ich bin das Opfer der Hinterlist eines

Todfeindes, der mich verderben will. Ich bitte Sie um Gottes Willen,

lassen Sie mich einmal hier in Ihrer Gegenwart einen Brief an meine

Braut schreiben. Sie werden die Antwort sehen, Sie werden sehen, daß

nichts Geheimnißvolles, nichts Verfängliches dahinter steckt —“

„Die Antwort würde vielleicht ebenso unverfänglich sein, als diese

Briefe es sämmtlich zu sein scheinen,“ sagte der Untersuchungsrichter

den Kopf schüttelnd. „Ich will zu Ihrem Besten hoffen, junger Mann, daß

Ihre Angaben die Wahrheit seien, indessen kann ich Ihnen nicht

verbergen, daß das Alles sehr unwahrscheinlich scheint, — ich will für

heute das Verhör schließen, um Ihnen Zeit zu lassen, wenn Sie etwas

auszusagen haben, durch ein umfassendes und aufrichtiges Geständniß Ihre

Lage zu erleichtern.“

„Darf ich nicht,“ fragte der junge Mann im Ton dringendster Bitte, „darf

ich nicht zwei Worte nur an meine Braut schreiben?“

„Es würde zu nichts führen,“ sagte der Untersuchungsrichter, „denn eine

gleichgültige Antwort würde noch nichts zu Ihren Gunsten beweisen, — wenn

diese Briefe wirklich nur der Deckmantel einer geheimen Correspondenz

sind, so würde ohne den Schlüssel derselben, ohne Kenntniß der

chemischen Mittel,“ fuhr er fort, den Blick scharf auf den jungen Mann

richtend, „durch welche etwa andere geheime Schriftzeichen auf dem

Papier sichtbar werden, noch immer keine Klarheit in die Sache kommen.

Ich wünsche nochmals,“ sprach er dann, „daß Ihre Schuldlosigkeit an den

Tag kommen möge, denn ich habe hier über Sie und Ihre Familie nur Gutes

gehört. Wenn Sie jetzt unter dem auf Ihren Schultern ruhenden Verdacht

bleiben müssen, so trifft die Schuld zunächst davon Diejenigen, welche

nicht aufhören durch fortwährende Agitationen das Land zu beunruhigen,

und welche uns dadurch zwingen, mit den schärfsten Mitteln den

verborgenen Fäden nachzuspüren, durch die jene Agitation geleitet

wird.“

In dumpfem Schweigen ließ sich der junge Mann nach seiner Gefängnißzelle

zurückführen. Es war eine Art von Ermattung über ihn gekommen, der

vernichtende Erfolg, welchen die vor seinen Augen jetzt klar liegende,

gegen ihn gespielte Intrigue gehabt, beraubte ihn fast des Glaubens an

die ewige Gerechtigkeit, und in stumpfer Resignation brachte er die dem

Verhör folgenden Tage zu, ohne sich von seinem Lager zu erheben, nur die

nothwendigsten Nahrungsmittel zu sich nehmend. Im Schmerz um sein

zerstörtes Liebesglück, um alle seine gebrochenen Lebenshoffnungen,

versank er in eine Art von dumpfer Lethargie, aus welcher nur die

brennende Sehnsucht emporflammte, sich an demjenigen zu rächen, dessen

Hand aus feiger Verborgenheit heraus ihn so tödtlich getroffen hatte.

* * * * *

Kaum hatte er die Tage gezählt, welche in diesem Zustande an ihm

vorübergegangen waren, seine ewig auf ein und denselben Punkt

gerichteten Gedanken erfüllten sein Gehirn und sein Blut mit Fieber,

seine Kräfte begannen sich zu erschöpfen, — zuweilen dachte er fast mit

Wonne daran, daß eine tödliche Krankheit ihn ergreifen und seinen Leiden

ein Ende machen könnte. Dann wieder versuchte er mit aller

Willenskraft, sich aufrecht zu erhalten, um das Ziel seines Lebens, die

Rache, nicht zu verlieren.

Da trat eines Morgens der Amtsdiener in sein Zimmer und forderte ihn

auf, ihn zum Amtsverwalter zu begleiten.

Der Todesgruß der Legionen, 3. Band · 第 18 / 19 段