war es doch möglich, daß man von seiner Unschuld sich überzeugt,
jedenfalls konnte ihm ein neues Verhör Gelegenheit geben, die gegen ihn
erhobenen Anklagen zu entkräften, und mühsam zwang er sich, seinen
schwankenden Schritten Festigkeit zu geben, als er dem Diener in das
Bureauzimmer folgte.
Der Amtmann blickte erschrocken auf den jungen Mann, welcher sich in
kurzer Zeit in entsetzlicher Weise verändert hatte.
Seine Augen blickten hohl und trübe, seine Wangen waren eingefallen,
sein Mund zuckte fast convulsivisch, sein Haar hing wirr und ungeordnet
über die Stirn herab, kaum konnte er sich aufrecht halten und
unwillkürlich griff seine Hand nach der Lehne des Sessels.
„Setzen Sie sich,“ sagte der Amtmann freundlich. „Sie sind angegriffen.
Ich hoffe, Ihnen Ihre Kraft und Ihren Muth wiedergeben zu können, denn
ich habe Ihnen eine gute Nachricht zu geben.“
Wie erstaunt blickte Cappei auf den Beamten. Die Leiden, welche er
ausgehalten, hatten ihn fast unfähig gemacht, das Gefühl der Hoffnung zu
empfinden.
„Der Krieg mit Frankreich ist ausgebrochen,“ sagte der Beamte ernst, „in
wenigen Tagen wird das ganze deutsche Volk in Waffen den frevelhaften
Übermuth seiner Erbfeinde zurückweisen. Beim Beginn dieses großen
nationalen Kampfes hat Seine Majestät der König eine allgemeine Amnestie
für politische Vergehen erlassen, welche vor der Kriegserklärung gegen
Frankreich begangen sind. Auch Sie fallen unter diese Amnestie, die
Untersuchung gegen Sie ist daher beendet. Sie sind frei.“
Cappei sprang auf. Seine Muskeln spannten sich, seine Gestalt richtete
sich kräftig und elastisch empor und mit leuchtenden Blicken rief er:
„Frei! Frei! Oh! mein Gott, vergieb mir, daß ich an Deiner Gerechtigkeit
gezweifelt habe. Es war ja unmöglich, daß das Werk finsterer Bosheit
triumphiren konnte. Ich darf also zu meiner Mutter zurückkehren, ich
darf —“
„Sie sind frei und außer aller Verfolgung,“ sagte der Beamte, „aber Sie
stehen in der allgemeinen Landwehrpflicht, hier ist eine
Einberufungsordre für Sie, welche Ihnen befiehlt, sich sogleich in
Hannover zu stellen, um dem Regiment, für welches Sie bestimmt sind,
zugetheilt zu werden. Sind Sie bereit,“ fuhr er mit einem forschenden
Blick auf den jungen Mann fort, „diese Pflicht zu erfüllen?“
„Bereit?“ rief Cappei, indem ein Blitz aus seinen Augen zuckte, „bereit?
Oh, Herr Amtmann,“ fuhr er fort, den Arm erhebend, „geben Sie mir eine
Waffe in die Hand, um hinaus zu ziehen in den Kampf gegen jenes Land,
dessen Erde den Elenden trägt, der mich verderben wollte, und der das
Glück und die Hoffnung meines Lebens zerstört hat — er wird auch dort
nicht müßig gewesen sein,“ fügte er mit bitterm Lachen hinzu, „und
nachdem er meiner Luise den Glauben an mich geraubt hat, wird er ihrem
leidenden Herzen sich als tröstender Freund genähert haben — aber die
rächende Gerechtigkeit wird mich führen, daß ich auf den Wegen dieses
Krieges ihm begegne, um ihn zu vernichten und, wenn es Gott will,
vielleicht noch seine Pläne zu durchkreuzen.“
„Sie sind also bereit, sich sofort Ihrer Ordre gemäß zu stellen und den
Fahneneid zu leisten, den man natürlich nochmals von Ihnen verlangen
wird, da Sie früher dem Könige von Hannover geschworen haben.“
„Ich bin bereit,“ sagte Cappei.
„Sie dürfen nicht vergessen,“ fuhr der Beamte ernst fort, „daß wenn Sie
den Versuch machen sollten, Ihre Freiheit zu benutzen, um sich Ihrer
Landwehrpflicht zu entziehen, Sie damit das Verbrechen der Desertion
begehen würden, welches im gegenwärtigen Kriegszustande unfehlbar die
Todesstrafe nach sich zieht.“
„Seien Sie unbesorgt, Herr Amtmann,“ rief Cappei, „ich werde mich
pünktlich stellen, und ich wünsche nur, daß mein Regiment das erste sei,
welches die französischen Grenzen überschreitet. Darf ich vorher meine
Mutter und meinen Oheim besuchen?“ fragte er dann.
„Sie sind vollkommen frei zu thun, was Sie wollen,“ sagte der Beamte,
„vorausgesetzt, daß Sie sich pünktlich zur rechten Zeit zur Einstellung
melden. Leben Sie wohl. Ich freue mich, daß Ihre Angelegenheit dies Ende
genommen hat, und ich wünsche, daß Sie gesund und wohl behalten aus dem
Kriege zurückkehren mögen.“
Er neigte freundlich den Kopf.
Cappei grüßte in militairischer Haltung und verließ kräftigen und festen
Schrittes das Zimmer.
Groß war die Freude bei seinem Erscheinen in dem Hause seines Oheims,
wo seit seiner Verhaftung tiefe Trauer und Bekümmerniß geherrscht hatte.
Groß aber auch war der Schmerz der alten Frau, als sie vernahm, daß sie
ihren Sohn nur wiedersehen sollte, um ihn sogleich wieder zu verlieren
und ihn hinausziehen zu sehen in die Todesgefahr eines furchtbaren
Krieges.
Ernst und feierlich saßen die drei Menschen bei dem letzten Wahl
zusammen, welches nach alter Bauernsitte reichlich für den Scheidenden
aufgetragen wurde, und welches fast Keiner von ihnen berührte.
Mit thränenden Augen blickte die alte Frau auf den Sohn, der ihr so
schnell wieder entrissen werden sollte, nachdem Verbannung und
Gefangenschaft ihn getroffen, um noch größeren Gefahren
entgegenzugehen — finster saß der alte Niemeyer da.
Er sah zwar lieber den jungen Menschen mit der Waffe in der Hand nach
Frankreich hinausziehen, als daß dieser sich eine Heimath gesucht hätte
in dem Lande, das er den alten Traditionen nach, doch immer als den
Feind Deutschlands ansah, aber die drohende Todesgefahr des Sohnes
seiner Schwester, den er wie sein Kind liebte, bewegte ihn tief.
Doch endlich tröstete ihn das glaubensstarke Vertrauen auf die Alles
zum Besten kehrende Vorsehung, dies Vertrauen, das in all' den alten
markigen Niedersachsen so fest und unerschütterlich lebt und auch in den
schwersten Prüfungen ihren Muth aufrecht erhält.
„Gott erhalte Dich, mein Junge,“ sagte er einfach, indem er kräftig die
Hand des Scheidenden schüttelte und obwohl seine Stimme leicht zitterte,
so klang doch die ruhig vertrauensvolle Ergebung in den göttlichen
Willen in diesen Worten wieder.
Die Mutter hatte den Ränzel ihres Sohnes mit Brod, kaltem Fleisch und
Branntwein gefüllt, der Oheim fügte eine mit harten Thalern
wohlgespickte Börse hinzu und dann beugte sich der junge Mann tief vor
der alten Frau nieder.
„Segne mich, meine Mutter,“ sagte er leise.
Die Alte legte ihre zitternden Hände auf das Haupt des Sohnes und
bewegte ihre Lippen, ohne daß laute Worte aus denselben hervordrangen,
aber die Thränen, welche voll und heiß in diesem letzten Augenblick des
Scheidens aus ihren Augen strömten, fielen über das Haar des jungen
Mannes herab. Er fühlte, wie diese Tropfen seine Stirne benetzten, und
heilige Rührung durchzitterte sein Herz, — er empfand all' den reichen
Segen, all' die heißen Gebete, all' die frommen Wünsche, welche die
Abschiedsthräne aus dem Mutterauge in sich schließt.
Dann wandte er sich rasch ab und schritt fest und kräftig über den Hof
hinaus, vom Thor her sich noch einmal umblickend nach dem alten
niedersächsischen Glauben, der an einen letzten Rückblick auf das
heimathliche Haus eine frohe und glückliche Heimkehr knüpft.
Bald hatte er die nächste Eisenbahnstation erreicht, wo schon eine
Anzahl anderer Einberufener wartete, und nach wenig Augenblicken führte
ihn der dahinrollende Zug fort, einer dunklen Zukunft voll Kampf und
Gefahr entgegen, während in seinem Herzen alle anderen Gefühle
zurücktraten vor der glühenden Sehnsucht, Rache zu nehmen für die
Frevelthat an seiner Liebe.
Dreizehntes Capitel.
Ein buntes und lärmendes Treiben herrschte in den Straßen und der
Umgebung von Metz. Die Wälle der alten Festungsstadt waren von den
weißen Zelten des Lagers der französischen Armee umgeben und Truppen
aller Waffengattungen durchzogen die Straßen der Stadt und des Lagers.
Man sah die riesigen Cürassiere ernst und ruhig einherschreiten, — man
sah die bunten afrikanischen Truppen, — die leichtfüßigen Voltigeurs und
Jäger und all' dies Leben war von fröhlicher Heiterkeit und
Siegeszuversicht getragen, — die Truppen im Lager sangen, tranken und
spielten, Polichinelbuden waren vorhanden und Alles erwartete mit
Ungeduld den Aufbruch gegen den Feind, überzeugt, daß es nur eines
Vorstoßes dieser berühmten französischen Armee bedürfe, um siegreich und
unüberwindlich bis zum Herzen Deutschlands vorzudringen.
Der Kaiser war seit einigen Tagen von St. Cloud angekommen und hatte
mit dem kaiserlichen Prinzen in der Präfectur Wohnung genommen. Vor dem
Präfecturgebäude schilderten die Cavallerie-Doppelposten, und die
glänzende Generalität mit ihrem Gefolge, die Adjutanten und
Ordonnanzofficiere des Kaisers, welcher den ganzen Pomp seines
militairischen Hofes entfaltete, gingen aus und ein.
Inmitten all' dieses Lärms und all' dieses Glanzes saß der Kaiser in der
Generalscampagneuniform trübe und niederschlagen in seinem Zimmer,
dessen Fenster durch dichte Vorhänge beschattet waren, um die heißen
Strahlen der Sonne abzuhalten und der Imperator, welcher hier in der
Mitte seiner siegesgewissen Truppen sich befand, blickte finster mit
einem gramvollen, resignirten Ausdruck vor sich nieder.
Er hielt einige Depeschen in der Hand, welche er eben durchlesen hatte,
und die Nachrichten, welche dieselben brachten, schienen nicht
erfreulicher Natur zu sein, denn mit einem unwillkürlichen Griff hatten
die Hände des Kaisers das Papier zerknittert.
„Welch ein entsetzlicher Zustand in dieser Armee,“ sagte er, „welch ein
Chaos unter dieser glänzenden Außenseite — oh, warum habe ich nicht
vorher das Alles klar gesehen, was sich jetzt so furchtbar und
unerbittlich vor meinem Blick öffnet, — jetzt wo keine Umkehr, kein
Einhalt des Verhängnisses mehr möglich ist. Ich habe eine Verständigung
im letzten Augenblick noch gehofft, ich habe irgend ein Entgegenkommen
von Berlin aus erwartet, um noch an der Spitze der gegenüberstehenden
Armeen das drohende Unheil beschwören zu können und die Concessionen zu
erreichen, nach denen ich so lange gestrebt. Alles ist vergebens, man
ist dort entschlossen, das Äußerste zu wagen. Diese Veröffentlichung des
Benedettischen Vertragsentwurfs, diese Depesche des Grafen Bismarck an
die Mächte, das Alles beweist mir, daß alle Brücken abgebrochen sind,
und daß das furchtbare Verhängniß des Krieges seinen Weg gehen muß. Und
welche Hoffnungen bleiben mir,“ sprach er mit dumpfer Stimme, „mir, der
ich schon vor dem Beginn des Kampfes ein zerbrochenes Schwert in der
Hand halte.“
Er starrte im finstern Schweigen vor sich hin.
Die dienstthuende Ordonnanz trat ein und meldete den Prinzen Napoleon,
welcher unmittelbar der Meldung folgend, in das Zimmer trat. Der Prinz
trug die Uniform eines Divisionsgenerals und in dieser militairischen
Tenue trat seine Ähnlichkeit mit dem großen Kaiser noch mehr als sonst
hervor, wenn dieselbe auch immerhin jetzt noch einen gewissen Anflug
von Carricatur hatte durch die weit stärkere Corpulenz des Prinzen,
durch seine unruhige Haltung und durch die nervösen zuckenden Bewegungen
seines Gesichts. Die Augen des Prinzen flammten, eine dunkle Zornesröthe
bedeckte seine Stirn, mit hastigen Schritten trat er bis dicht vor den
Kaiser hin und die dunklen Augen groß auf seinen wie gebrochen da
sitzenden Vetter richtend, rief er, hastig die Worte hervorstoßend:
„Weißt Du, mein Vetter, in welchem Zustande die Armee ist?“
Der Kaiser senkte schweigend das Haupt auf die Brust.
„Ich habe,“ fuhr der Prinz fort, „schon als ich von den Haiden Norwegens
nach Paris zurückkehrte, um die erste Entwickelung dieses unseligen
Krieges mit anzusehen, Dir gesagt, was ich über dieses Abenteuer
denke — das gefährlichste und verhängnißvollste, welches Du seit Deiner
Regierung unternommen, — was ich jetzt aber hier täglich, stündlich sehe
und erfahre, das übersteigt die Grenzen alles dessen, was ich mir als
möglich gedacht habe. Ich sehe einen ungeordneten Haufen Soldaten ohne
Organisation, ohne Führung, ohne gesicherte Verpflegung, und wenn jeder
dieser Soldaten für sich den alten Paladinen Karl's des Großen an
Tapferkeit gleichkäme, so ist es unmöglich, daß sie etwas ausrichten
können gegen die Tactik und die Ordnung des preußischen Generalstabes.
Wahrlich, mein Vetter, der Marschall Leboeuf muß ein Interesse haben,
Dich und uns Alle zu verderben. Selbst die gewaltigste menschliche
Dummheit kann ein Verfahren, wie das Seinige, nicht erklären.“
Der Kaiser schwieg noch immer.
„Was denkst Du zu thun? Kannst Du noch Frieden machen?“
„Der Frieden jetzt,“ sagte der Kaiser, „käme der Streichung des
französischen Namens aus der Reihe der Großmächte, käme der Abdankung
unserer Dynastie gleich,“ fügte er mit leiser, tonloser Stimme hinzu.
„Was aber denkst Du zu thun,“ rief der Prinz, „willst Du Dich, willst Du
uns Alle zu den Todten werfen lassen? Willst Du Dich nicht entschließen,
an Rigault de Genouilly den Befehl einer unmittelbaren Expedition in der
Ostsee zu übergeben. Ich bitte Dich, übertrage mir das Commando der
Landungstruppen, wir werden dort die Gegner zwingen, zahlreiche
Streitkräfte hinzusenden, um wenigstens uns hier vor einem
überwältigenden Angriff zu schützen.“
„Ich darf Rußland nicht verletzen,“ sagte der Kaiser, wie zögernd,
„auch England hat sich sehr entschieden gegen eine Bedrohung des
preußischen Handels ausgesprochen —“
„Willst Du nach Rußland fragen,“ rief der Prinz, zornig mit dem Fuß auf
den Boden stoßend, „nach England, in dem Augenblick, wo es sich um die
Ehre, um die Existenz Frankreichs handelt und um die Existenz unseres
Hauses?“
„Der Marschall Leboeuf,“ meldete die dienstthuende Ordonnanz.
„Dein böser Genius,“ sagte Prinz Napoleon und wandte sich zum Fenster
hin, ohne den Gruß des eintretenden Marschalls zu erwidern, welcher mit
ruhig heiterer Miene in das Zimmer trat und mit seiner vollen, langsamen
Stimme sagte:
„Die Regimenter, welche Eure Majestät heute zu mustern befahl, stehen an
dem Eingang der Straße nach Thionville bereit, wenn Eure Majestät die
Gnade haben wollen, hinauszureiten.“
„Der Kaiser sollte lieber die Commandos, die Arsenale und die
Feldzugspläne besichtigen, als diese armen unglücklichen Truppen, die
verlorenen Schlachtopfer einer entsetzlichen Vernachlässigung, in
Augenschein zu nehmen,“ rief der Prinz Napoleon, sich schnell umwendend.
Der Marschall Leboeuf richtete sich hoch auf und blickte mit seinen
großen, etwas vorstehenden Augen den Prinzen starr an.
„Das Alles ist von mir geordnet,“ sprach er, „und der Kriegsplan
sichert, wie ich glaube, so gut als das möglich ist, den Erfolg.“
„Der Kriegsplan,“ rief der Prinz, „das nennen Sie einen Kriegsplan, Herr
Marschall, einen Plan, der darin besteht, auf dieser ganzen weiten Linie
von Straßburg bis Thionville die Armeecorps wie einen Zoll-Cordon
auszustreuen, so daß sie sich weder einzeln behaupten, noch gegenseitig
unterstützen können. Der Vorstoß der preußischen Armee wird das Alles
aufrollen und zerbröckeln, ehe man überhaupt noch zum Nachdenken
gekommen ist, und all' die Tapferkeit dieser braven Soldaten wird
vergebens sein. Wenn der Krieg,“ fuhr er immer heftiger fort, „in dem
Gehirn einzelner Menschen seit Monaten beschlossen war, wenn er seit
vierzehn Tagen erklärt ist, so verstehe ich nicht, daß während die
deutsche Armee in erdrückenden Massen auf uns losrückt, man da nicht ein
einziges Corps mit dem Nöthigen versehen, vollständig hat hinstellen
können.“
Bevor der Marschall antworten konnte, erhob sich der Kaiser, faltete die
zerknitterten Depeschen in seiner Hand auseinander, richte sie dem
Marschall und sprach mit kaltem, strengem Ton:
„Ich bitte Sie, Herr Marschall, diese Depeschen zu lesen, welche ich so
eben aus Paris erhalten habe.“
Der Marschall nahm die Depeschen eine nach der andern und las:
„General Ducrot an das Kriegsministerium in Paris.
Morgen werden wir kaum fünfzig Mann haben, um den Platz Neu-Breisach zu
halten und Mortier, Schlettstadt, Lichtenberg sind in gleicher Weise
entblößt. Die Preußen sind Herren aller Defileen des Schwarzwaldes.“
„Lesen Sie weiter,“ sprach der Kaiser, während der Prinz Napoleon die
Hände zusammenschlug.
Der Marschall Leboeuf las:
„Der General-Commandant des vierten Corps an das Kriegs-Ministerium in
Paris.
Das vierte Corps hat weder Cantinen, Ambulancen noch
Ausrüstungsgegenstände. Alles ist vollständig entblößt.“
„Weiter,“ sprach der Kaiser kalt und kurz.
Der Marschall las die folgende Depesche:
„Der Intendant des sechsten Corps an das Kriegs-Ministerium in Paris.
Ich erhalte von dem Chef der Rheinarmee das Verlangen nach vierhundert
tausend Rationen Zwieback. Ich habe nicht eine einzige Ration.“
„Immer weiter,“ sagte der Kaiser.
Der Marschall fuhr fort, die nächste Depesche ergreifend.
„Marschall Canrobert an das Kriegs-Ministerium in Paris.
Ich habe weder Kochtöpfe, noch Näpfe, die Kranken sind von Allem
entblößt. Wir haben weder Betten, noch Hemden, noch Schuhe.“
„Endlich die letzte,“ sagte der Kaiser, indem er dem Marschall eine
Depesche reichte, die er noch zurückbehalten hatte.
Marschall Leboeuf las immer in demselben ruhigen, gleichmäßigen Ton:
„General Michel an das Kriegs-Ministerium in Paris.
Angekommen zu Belfort, meine Brigade nicht gefunden, Divisionsgeneral
nicht gefunden. Was soll ich machen? Ich weiß nicht, wo meine Regimenter
sind.“
Mit einem Satz sprang der Prinz zu dem Kaiser heran.
„Dieser General,“ rief er, „welcher im Angesicht des Feindes seine
Armee sucht, das ist das Schlußwort aller dieser Lächerlichkeit, einer
Lächerlichkeit, welche aber zugleich die furchtbarste Tragödie in sich
schließt, da sie der Untergang Frankreichs und des Kaiserreichs sein
wird. Ich will hier nichts mehr sehen und hören, ich verlasse die Stadt
und beziehe mein Zelt im Lager; wenn ich länger in diesem Hauptquartier
bleibe, so wird der Wahnsinn mein Gehirn erfassen.“
Und ohne ein Wort zu sagen, stürmte er hinaus.
„Sire,“ sagte der Marschall Leboeuf im ruhigen Tone, „solche kleine
Unordnungen kommen jedesmal vor, wenn eine große Armee sich
zusammenzieht. In wenigen Tagen wird sich das Alles von selbst ordnen.“
„Ich glaube nicht, Herr Marschall,“ sagte der Kaiser kalt, „daß ähnliche
Unordnungen auf der Seite unserer Feinde vorkommen, und ich wünsche, daß
dieselben in der That in wenigen Tagen geordnet sein mögen. Sie werden
Ihre ganze Thätigkeit und Energie entwickeln, damit das geschehe, — denn,
Herr Marschall, die Verantwortung für die Folgen solcher Unordnungen
wird eine große und schwere sein und in voller Wucht auf Ihrem Haupte
lasten. Jetzt will ich hinaus, um die Truppen zu sehen.“
Und mit einer stolzen Neigung des Hauptes, welche andeutete, daß er kein
Wort weiter zu hören wünsche, wandte er sich von dem ganz erstaunt
dastehenden Marschall ab. Indem er sich der Thür näherte, öffnete sich
dieselbe schnell und mit Freude strahlendem Gesicht trat der kaiserliche
Prinz in seiner kleinen, zierlichen Lieutenantsuniform herein.
Er hielt einen Brief in der Hand, küßte schnell seines Vaters Hand und
rief mit fröhlichem Tone:
„Ein Brief von Mama, den man mir so eben gebracht. Alles ist wohl und
voll Siegeshoffnungen in Paris. Die kleine Malakoff hat zwei Stück
vierblättrigen Klee gefunden, welche Mama mir sendet und welche mir
Glück bringen werden. Ich werde die Blätter in ein Medaillon fassen
lassen und stets bei mir tragen.“
Er zog den Brief der Kaiserin aus der Enveloppe und hielt die beiden
vierblättrigen Kleeblätter ganz stolz dem Kaiser entgegen.
Napoleon antwortete nicht. Mit einem wunderbaren Ausdruck aus Liebe und
schmerzlicher Wehmuth gemischt, sah er einige Augenblicke seinen Sohn
an, dann beugte er sich zu demselben nieder, drückte seine Lippen auf
die reine Stirn und sagte:
„Ich will zu den Truppen hinausreiten, Du sollst mich begleiten.“
Der Prinz steckte die Enveloppe mit den Kleeblättern, ganz überrascht,
daß sein Vater dieselben so wenig beachtete, in seine Uniform und ging
mit dem Kaiser hinaus.
Der Marschall Leboeuf folgte ihnen. Man stieg zu Pferde.
An der Spitze seines glänzenden Generalstabes ritt der Kaiser hinaus
durch die belebten Straßen der Stadt nach dem Felde.
Auf der Straße von Thionville, wo zwei Brigaden der Garde aufgestellt
waren, begrüßten diese prächtigen Elitetruppen in ihrer musterhaften
Haltung den Kaiser mit jubelnden Hochrufen, in welche die in dichten
Massen umherstehenden einzelnen Soldaten laut und begeistert mit
einstimmten. Aber das Gesicht Napoleons erhellte sich nicht beim Anblick
dieser herrlichen Regimenter. Schweigend ritt er die Front ab,
schweigend ließ er die Truppen an sich vorbei defiliren und immer
schweigend wandte er nach kurzem Gruß, den Hut erhebend, sein Pferd, um
nach der Stadt zurückzureiten.
Noch einmal brauste das vive l'empereur donnernd durch das Lager hin,
die Strahlen der Sonne funkelten auf allen diesen Waffenspitzen, auf
allen diesen Gold schimmernden Uniformen des Generalstabes, an dessen
Spitze der Kaiser gebeugt auf seinem Pferde sitzend, im langsamen
Schritt nach der Stadt zurückritt, während der kaiserliche Prinz
ungeduldig sein Pferd zügelte, um an der Seite seines Vaters zu bleiben.
Überall grüßten erneute Hochrufe und die Klänge der Musikkorps, welche
partant pour la Syrie und die Marseillaise spielten.
Der Kaiser schien von Allem dem nichts zu hören und zu sehen.
Ausdruckslos starrten seine Augen in's Leere und leise die Lippen
bewegend, sprach er:
„Ave, Caesar, morituri te salutant!“
Ende des dritten Bandes.