Cappei sprang auf, ein leiser Hoffnungsschimmer erfüllte ihn, vielleicht

war es doch möglich, daß man von seiner Unschuld sich überzeugt,

jedenfalls konnte ihm ein neues Verhör Gelegenheit geben, die gegen ihn

erhobenen Anklagen zu entkräften, und mühsam zwang er sich, seinen

schwankenden Schritten Festigkeit zu geben, als er dem Diener in das

Bureauzimmer folgte.

Der Amtmann blickte erschrocken auf den jungen Mann, welcher sich in

kurzer Zeit in entsetzlicher Weise verändert hatte.

Seine Augen blickten hohl und trübe, seine Wangen waren eingefallen,

sein Mund zuckte fast convulsivisch, sein Haar hing wirr und ungeordnet

über die Stirn herab, kaum konnte er sich aufrecht halten und

unwillkürlich griff seine Hand nach der Lehne des Sessels.

„Setzen Sie sich,“ sagte der Amtmann freundlich. „Sie sind angegriffen.

Ich hoffe, Ihnen Ihre Kraft und Ihren Muth wiedergeben zu können, denn

ich habe Ihnen eine gute Nachricht zu geben.“

Wie erstaunt blickte Cappei auf den Beamten. Die Leiden, welche er

ausgehalten, hatten ihn fast unfähig gemacht, das Gefühl der Hoffnung zu

empfinden.

„Der Krieg mit Frankreich ist ausgebrochen,“ sagte der Beamte ernst, „in

wenigen Tagen wird das ganze deutsche Volk in Waffen den frevelhaften

Übermuth seiner Erbfeinde zurückweisen. Beim Beginn dieses großen

nationalen Kampfes hat Seine Majestät der König eine allgemeine Amnestie

für politische Vergehen erlassen, welche vor der Kriegserklärung gegen

Frankreich begangen sind. Auch Sie fallen unter diese Amnestie, die

Untersuchung gegen Sie ist daher beendet. Sie sind frei.“

Cappei sprang auf. Seine Muskeln spannten sich, seine Gestalt richtete

sich kräftig und elastisch empor und mit leuchtenden Blicken rief er:

„Frei! Frei! Oh! mein Gott, vergieb mir, daß ich an Deiner Gerechtigkeit

gezweifelt habe. Es war ja unmöglich, daß das Werk finsterer Bosheit

triumphiren konnte. Ich darf also zu meiner Mutter zurückkehren, ich

darf —“

„Sie sind frei und außer aller Verfolgung,“ sagte der Beamte, „aber Sie

stehen in der allgemeinen Landwehrpflicht, hier ist eine

Einberufungsordre für Sie, welche Ihnen befiehlt, sich sogleich in

Hannover zu stellen, um dem Regiment, für welches Sie bestimmt sind,

zugetheilt zu werden. Sind Sie bereit,“ fuhr er mit einem forschenden

Blick auf den jungen Mann fort, „diese Pflicht zu erfüllen?“

„Bereit?“ rief Cappei, indem ein Blitz aus seinen Augen zuckte, „bereit?

Oh, Herr Amtmann,“ fuhr er fort, den Arm erhebend, „geben Sie mir eine

Waffe in die Hand, um hinaus zu ziehen in den Kampf gegen jenes Land,

dessen Erde den Elenden trägt, der mich verderben wollte, und der das

Glück und die Hoffnung meines Lebens zerstört hat — er wird auch dort

nicht müßig gewesen sein,“ fügte er mit bitterm Lachen hinzu, „und

nachdem er meiner Luise den Glauben an mich geraubt hat, wird er ihrem

leidenden Herzen sich als tröstender Freund genähert haben — aber die

rächende Gerechtigkeit wird mich führen, daß ich auf den Wegen dieses

Krieges ihm begegne, um ihn zu vernichten und, wenn es Gott will,

vielleicht noch seine Pläne zu durchkreuzen.“

„Sie sind also bereit, sich sofort Ihrer Ordre gemäß zu stellen und den

Fahneneid zu leisten, den man natürlich nochmals von Ihnen verlangen

wird, da Sie früher dem Könige von Hannover geschworen haben.“

„Ich bin bereit,“ sagte Cappei.

„Sie dürfen nicht vergessen,“ fuhr der Beamte ernst fort, „daß wenn Sie

den Versuch machen sollten, Ihre Freiheit zu benutzen, um sich Ihrer

Landwehrpflicht zu entziehen, Sie damit das Verbrechen der Desertion

begehen würden, welches im gegenwärtigen Kriegszustande unfehlbar die

Todesstrafe nach sich zieht.“

„Seien Sie unbesorgt, Herr Amtmann,“ rief Cappei, „ich werde mich

pünktlich stellen, und ich wünsche nur, daß mein Regiment das erste sei,

welches die französischen Grenzen überschreitet. Darf ich vorher meine

Mutter und meinen Oheim besuchen?“ fragte er dann.

„Sie sind vollkommen frei zu thun, was Sie wollen,“ sagte der Beamte,

„vorausgesetzt, daß Sie sich pünktlich zur rechten Zeit zur Einstellung

melden. Leben Sie wohl. Ich freue mich, daß Ihre Angelegenheit dies Ende

genommen hat, und ich wünsche, daß Sie gesund und wohl behalten aus dem

Kriege zurückkehren mögen.“

Er neigte freundlich den Kopf.

Cappei grüßte in militairischer Haltung und verließ kräftigen und festen

Schrittes das Zimmer.

Groß war die Freude bei seinem Erscheinen in dem Hause seines Oheims,

wo seit seiner Verhaftung tiefe Trauer und Bekümmerniß geherrscht hatte.

Groß aber auch war der Schmerz der alten Frau, als sie vernahm, daß sie

ihren Sohn nur wiedersehen sollte, um ihn sogleich wieder zu verlieren

und ihn hinausziehen zu sehen in die Todesgefahr eines furchtbaren

Krieges.

Ernst und feierlich saßen die drei Menschen bei dem letzten Wahl

zusammen, welches nach alter Bauernsitte reichlich für den Scheidenden

aufgetragen wurde, und welches fast Keiner von ihnen berührte.

Mit thränenden Augen blickte die alte Frau auf den Sohn, der ihr so

schnell wieder entrissen werden sollte, nachdem Verbannung und

Gefangenschaft ihn getroffen, um noch größeren Gefahren

entgegenzugehen — finster saß der alte Niemeyer da.

Er sah zwar lieber den jungen Menschen mit der Waffe in der Hand nach

Frankreich hinausziehen, als daß dieser sich eine Heimath gesucht hätte

in dem Lande, das er den alten Traditionen nach, doch immer als den

Feind Deutschlands ansah, aber die drohende Todesgefahr des Sohnes

seiner Schwester, den er wie sein Kind liebte, bewegte ihn tief.

Doch endlich tröstete ihn das glaubensstarke Vertrauen auf die Alles

zum Besten kehrende Vorsehung, dies Vertrauen, das in all' den alten

markigen Niedersachsen so fest und unerschütterlich lebt und auch in den

schwersten Prüfungen ihren Muth aufrecht erhält.

„Gott erhalte Dich, mein Junge,“ sagte er einfach, indem er kräftig die

Hand des Scheidenden schüttelte und obwohl seine Stimme leicht zitterte,

so klang doch die ruhig vertrauensvolle Ergebung in den göttlichen

Willen in diesen Worten wieder.

Die Mutter hatte den Ränzel ihres Sohnes mit Brod, kaltem Fleisch und

Branntwein gefüllt, der Oheim fügte eine mit harten Thalern

wohlgespickte Börse hinzu und dann beugte sich der junge Mann tief vor

der alten Frau nieder.

„Segne mich, meine Mutter,“ sagte er leise.

Die Alte legte ihre zitternden Hände auf das Haupt des Sohnes und

bewegte ihre Lippen, ohne daß laute Worte aus denselben hervordrangen,

aber die Thränen, welche voll und heiß in diesem letzten Augenblick des

Scheidens aus ihren Augen strömten, fielen über das Haar des jungen

Mannes herab. Er fühlte, wie diese Tropfen seine Stirne benetzten, und

heilige Rührung durchzitterte sein Herz, — er empfand all' den reichen

Segen, all' die heißen Gebete, all' die frommen Wünsche, welche die

Abschiedsthräne aus dem Mutterauge in sich schließt.

Dann wandte er sich rasch ab und schritt fest und kräftig über den Hof

hinaus, vom Thor her sich noch einmal umblickend nach dem alten

niedersächsischen Glauben, der an einen letzten Rückblick auf das

heimathliche Haus eine frohe und glückliche Heimkehr knüpft.

Bald hatte er die nächste Eisenbahnstation erreicht, wo schon eine

Anzahl anderer Einberufener wartete, und nach wenig Augenblicken führte

ihn der dahinrollende Zug fort, einer dunklen Zukunft voll Kampf und

Gefahr entgegen, während in seinem Herzen alle anderen Gefühle

zurücktraten vor der glühenden Sehnsucht, Rache zu nehmen für die

Frevelthat an seiner Liebe.

Dreizehntes Capitel.

Ein buntes und lärmendes Treiben herrschte in den Straßen und der

Umgebung von Metz. Die Wälle der alten Festungsstadt waren von den

weißen Zelten des Lagers der französischen Armee umgeben und Truppen

aller Waffengattungen durchzogen die Straßen der Stadt und des Lagers.

Man sah die riesigen Cürassiere ernst und ruhig einherschreiten, — man

sah die bunten afrikanischen Truppen, — die leichtfüßigen Voltigeurs und

Jäger und all' dies Leben war von fröhlicher Heiterkeit und

Siegeszuversicht getragen, — die Truppen im Lager sangen, tranken und

spielten, Polichinelbuden waren vorhanden und Alles erwartete mit

Ungeduld den Aufbruch gegen den Feind, überzeugt, daß es nur eines

Vorstoßes dieser berühmten französischen Armee bedürfe, um siegreich und

unüberwindlich bis zum Herzen Deutschlands vorzudringen.

Der Kaiser war seit einigen Tagen von St. Cloud angekommen und hatte

mit dem kaiserlichen Prinzen in der Präfectur Wohnung genommen. Vor dem

Präfecturgebäude schilderten die Cavallerie-Doppelposten, und die

glänzende Generalität mit ihrem Gefolge, die Adjutanten und

Ordonnanzofficiere des Kaisers, welcher den ganzen Pomp seines

militairischen Hofes entfaltete, gingen aus und ein.

Inmitten all' dieses Lärms und all' dieses Glanzes saß der Kaiser in der

Generalscampagneuniform trübe und niederschlagen in seinem Zimmer,

dessen Fenster durch dichte Vorhänge beschattet waren, um die heißen

Strahlen der Sonne abzuhalten und der Imperator, welcher hier in der

Mitte seiner siegesgewissen Truppen sich befand, blickte finster mit

einem gramvollen, resignirten Ausdruck vor sich nieder.

Er hielt einige Depeschen in der Hand, welche er eben durchlesen hatte,

und die Nachrichten, welche dieselben brachten, schienen nicht

erfreulicher Natur zu sein, denn mit einem unwillkürlichen Griff hatten

die Hände des Kaisers das Papier zerknittert.

„Welch ein entsetzlicher Zustand in dieser Armee,“ sagte er, „welch ein

Chaos unter dieser glänzenden Außenseite — oh, warum habe ich nicht

vorher das Alles klar gesehen, was sich jetzt so furchtbar und

unerbittlich vor meinem Blick öffnet, — jetzt wo keine Umkehr, kein

Einhalt des Verhängnisses mehr möglich ist. Ich habe eine Verständigung

im letzten Augenblick noch gehofft, ich habe irgend ein Entgegenkommen

von Berlin aus erwartet, um noch an der Spitze der gegenüberstehenden

Armeen das drohende Unheil beschwören zu können und die Concessionen zu

erreichen, nach denen ich so lange gestrebt. Alles ist vergebens, man

ist dort entschlossen, das Äußerste zu wagen. Diese Veröffentlichung des

Benedettischen Vertragsentwurfs, diese Depesche des Grafen Bismarck an

die Mächte, das Alles beweist mir, daß alle Brücken abgebrochen sind,

und daß das furchtbare Verhängniß des Krieges seinen Weg gehen muß. Und

welche Hoffnungen bleiben mir,“ sprach er mit dumpfer Stimme, „mir, der

ich schon vor dem Beginn des Kampfes ein zerbrochenes Schwert in der

Hand halte.“

Er starrte im finstern Schweigen vor sich hin.

Die dienstthuende Ordonnanz trat ein und meldete den Prinzen Napoleon,

welcher unmittelbar der Meldung folgend, in das Zimmer trat. Der Prinz

trug die Uniform eines Divisionsgenerals und in dieser militairischen

Tenue trat seine Ähnlichkeit mit dem großen Kaiser noch mehr als sonst

hervor, wenn dieselbe auch immerhin jetzt noch einen gewissen Anflug

von Carricatur hatte durch die weit stärkere Corpulenz des Prinzen,

durch seine unruhige Haltung und durch die nervösen zuckenden Bewegungen

seines Gesichts. Die Augen des Prinzen flammten, eine dunkle Zornesröthe

bedeckte seine Stirn, mit hastigen Schritten trat er bis dicht vor den

Kaiser hin und die dunklen Augen groß auf seinen wie gebrochen da

sitzenden Vetter richtend, rief er, hastig die Worte hervorstoßend:

„Weißt Du, mein Vetter, in welchem Zustande die Armee ist?“

Der Kaiser senkte schweigend das Haupt auf die Brust.

„Ich habe,“ fuhr der Prinz fort, „schon als ich von den Haiden Norwegens

nach Paris zurückkehrte, um die erste Entwickelung dieses unseligen

Krieges mit anzusehen, Dir gesagt, was ich über dieses Abenteuer

denke — das gefährlichste und verhängnißvollste, welches Du seit Deiner

Regierung unternommen, — was ich jetzt aber hier täglich, stündlich sehe

und erfahre, das übersteigt die Grenzen alles dessen, was ich mir als

möglich gedacht habe. Ich sehe einen ungeordneten Haufen Soldaten ohne

Organisation, ohne Führung, ohne gesicherte Verpflegung, und wenn jeder

dieser Soldaten für sich den alten Paladinen Karl's des Großen an

Tapferkeit gleichkäme, so ist es unmöglich, daß sie etwas ausrichten

können gegen die Tactik und die Ordnung des preußischen Generalstabes.

Wahrlich, mein Vetter, der Marschall Leboeuf muß ein Interesse haben,

Dich und uns Alle zu verderben. Selbst die gewaltigste menschliche

Dummheit kann ein Verfahren, wie das Seinige, nicht erklären.“

Der Kaiser schwieg noch immer.

„Was denkst Du zu thun? Kannst Du noch Frieden machen?“

„Der Frieden jetzt,“ sagte der Kaiser, „käme der Streichung des

französischen Namens aus der Reihe der Großmächte, käme der Abdankung

unserer Dynastie gleich,“ fügte er mit leiser, tonloser Stimme hinzu.

„Was aber denkst Du zu thun,“ rief der Prinz, „willst Du Dich, willst Du

uns Alle zu den Todten werfen lassen? Willst Du Dich nicht entschließen,

an Rigault de Genouilly den Befehl einer unmittelbaren Expedition in der

Ostsee zu übergeben. Ich bitte Dich, übertrage mir das Commando der

Landungstruppen, wir werden dort die Gegner zwingen, zahlreiche

Streitkräfte hinzusenden, um wenigstens uns hier vor einem

überwältigenden Angriff zu schützen.“

„Ich darf Rußland nicht verletzen,“ sagte der Kaiser, wie zögernd,

„auch England hat sich sehr entschieden gegen eine Bedrohung des

preußischen Handels ausgesprochen —“

„Willst Du nach Rußland fragen,“ rief der Prinz, zornig mit dem Fuß auf

den Boden stoßend, „nach England, in dem Augenblick, wo es sich um die

Ehre, um die Existenz Frankreichs handelt und um die Existenz unseres

Hauses?“

„Der Marschall Leboeuf,“ meldete die dienstthuende Ordonnanz.

„Dein böser Genius,“ sagte Prinz Napoleon und wandte sich zum Fenster

hin, ohne den Gruß des eintretenden Marschalls zu erwidern, welcher mit

ruhig heiterer Miene in das Zimmer trat und mit seiner vollen, langsamen

Stimme sagte:

„Die Regimenter, welche Eure Majestät heute zu mustern befahl, stehen an

dem Eingang der Straße nach Thionville bereit, wenn Eure Majestät die

Gnade haben wollen, hinauszureiten.“

„Der Kaiser sollte lieber die Commandos, die Arsenale und die

Feldzugspläne besichtigen, als diese armen unglücklichen Truppen, die

verlorenen Schlachtopfer einer entsetzlichen Vernachlässigung, in

Augenschein zu nehmen,“ rief der Prinz Napoleon, sich schnell umwendend.

Der Marschall Leboeuf richtete sich hoch auf und blickte mit seinen

großen, etwas vorstehenden Augen den Prinzen starr an.

„Das Alles ist von mir geordnet,“ sprach er, „und der Kriegsplan

sichert, wie ich glaube, so gut als das möglich ist, den Erfolg.“

„Der Kriegsplan,“ rief der Prinz, „das nennen Sie einen Kriegsplan, Herr

Marschall, einen Plan, der darin besteht, auf dieser ganzen weiten Linie

von Straßburg bis Thionville die Armeecorps wie einen Zoll-Cordon

auszustreuen, so daß sie sich weder einzeln behaupten, noch gegenseitig

unterstützen können. Der Vorstoß der preußischen Armee wird das Alles

aufrollen und zerbröckeln, ehe man überhaupt noch zum Nachdenken

gekommen ist, und all' die Tapferkeit dieser braven Soldaten wird

vergebens sein. Wenn der Krieg,“ fuhr er immer heftiger fort, „in dem

Gehirn einzelner Menschen seit Monaten beschlossen war, wenn er seit

vierzehn Tagen erklärt ist, so verstehe ich nicht, daß während die

deutsche Armee in erdrückenden Massen auf uns losrückt, man da nicht ein

einziges Corps mit dem Nöthigen versehen, vollständig hat hinstellen

können.“

Bevor der Marschall antworten konnte, erhob sich der Kaiser, faltete die

zerknitterten Depeschen in seiner Hand auseinander, richte sie dem

Marschall und sprach mit kaltem, strengem Ton:

„Ich bitte Sie, Herr Marschall, diese Depeschen zu lesen, welche ich so

eben aus Paris erhalten habe.“

Der Marschall nahm die Depeschen eine nach der andern und las:

„General Ducrot an das Kriegsministerium in Paris.

Morgen werden wir kaum fünfzig Mann haben, um den Platz Neu-Breisach zu

halten und Mortier, Schlettstadt, Lichtenberg sind in gleicher Weise

entblößt. Die Preußen sind Herren aller Defileen des Schwarzwaldes.“

„Lesen Sie weiter,“ sprach der Kaiser, während der Prinz Napoleon die

Hände zusammenschlug.

Der Marschall Leboeuf las:

„Der General-Commandant des vierten Corps an das Kriegs-Ministerium in

Paris.

Das vierte Corps hat weder Cantinen, Ambulancen noch

Ausrüstungsgegenstände. Alles ist vollständig entblößt.“

„Weiter,“ sprach der Kaiser kalt und kurz.

Der Marschall las die folgende Depesche:

„Der Intendant des sechsten Corps an das Kriegs-Ministerium in Paris.

Ich erhalte von dem Chef der Rheinarmee das Verlangen nach vierhundert

tausend Rationen Zwieback. Ich habe nicht eine einzige Ration.“

„Immer weiter,“ sagte der Kaiser.

Der Marschall fuhr fort, die nächste Depesche ergreifend.

„Marschall Canrobert an das Kriegs-Ministerium in Paris.

Ich habe weder Kochtöpfe, noch Näpfe, die Kranken sind von Allem

entblößt. Wir haben weder Betten, noch Hemden, noch Schuhe.“

„Endlich die letzte,“ sagte der Kaiser, indem er dem Marschall eine

Depesche reichte, die er noch zurückbehalten hatte.

Marschall Leboeuf las immer in demselben ruhigen, gleichmäßigen Ton:

„General Michel an das Kriegs-Ministerium in Paris.

Angekommen zu Belfort, meine Brigade nicht gefunden, Divisionsgeneral

nicht gefunden. Was soll ich machen? Ich weiß nicht, wo meine Regimenter

sind.“

Mit einem Satz sprang der Prinz zu dem Kaiser heran.

„Dieser General,“ rief er, „welcher im Angesicht des Feindes seine

Armee sucht, das ist das Schlußwort aller dieser Lächerlichkeit, einer

Lächerlichkeit, welche aber zugleich die furchtbarste Tragödie in sich

schließt, da sie der Untergang Frankreichs und des Kaiserreichs sein

wird. Ich will hier nichts mehr sehen und hören, ich verlasse die Stadt

und beziehe mein Zelt im Lager; wenn ich länger in diesem Hauptquartier

bleibe, so wird der Wahnsinn mein Gehirn erfassen.“

Und ohne ein Wort zu sagen, stürmte er hinaus.

„Sire,“ sagte der Marschall Leboeuf im ruhigen Tone, „solche kleine

Unordnungen kommen jedesmal vor, wenn eine große Armee sich

zusammenzieht. In wenigen Tagen wird sich das Alles von selbst ordnen.“

„Ich glaube nicht, Herr Marschall,“ sagte der Kaiser kalt, „daß ähnliche

Unordnungen auf der Seite unserer Feinde vorkommen, und ich wünsche, daß

dieselben in der That in wenigen Tagen geordnet sein mögen. Sie werden

Ihre ganze Thätigkeit und Energie entwickeln, damit das geschehe, — denn,

Herr Marschall, die Verantwortung für die Folgen solcher Unordnungen

wird eine große und schwere sein und in voller Wucht auf Ihrem Haupte

lasten. Jetzt will ich hinaus, um die Truppen zu sehen.“

Und mit einer stolzen Neigung des Hauptes, welche andeutete, daß er kein

Wort weiter zu hören wünsche, wandte er sich von dem ganz erstaunt

dastehenden Marschall ab. Indem er sich der Thür näherte, öffnete sich

dieselbe schnell und mit Freude strahlendem Gesicht trat der kaiserliche

Prinz in seiner kleinen, zierlichen Lieutenantsuniform herein.

Er hielt einen Brief in der Hand, küßte schnell seines Vaters Hand und

rief mit fröhlichem Tone:

„Ein Brief von Mama, den man mir so eben gebracht. Alles ist wohl und

voll Siegeshoffnungen in Paris. Die kleine Malakoff hat zwei Stück

vierblättrigen Klee gefunden, welche Mama mir sendet und welche mir

Glück bringen werden. Ich werde die Blätter in ein Medaillon fassen

lassen und stets bei mir tragen.“

Er zog den Brief der Kaiserin aus der Enveloppe und hielt die beiden

vierblättrigen Kleeblätter ganz stolz dem Kaiser entgegen.

Napoleon antwortete nicht. Mit einem wunderbaren Ausdruck aus Liebe und

schmerzlicher Wehmuth gemischt, sah er einige Augenblicke seinen Sohn

an, dann beugte er sich zu demselben nieder, drückte seine Lippen auf

die reine Stirn und sagte:

„Ich will zu den Truppen hinausreiten, Du sollst mich begleiten.“

Der Prinz steckte die Enveloppe mit den Kleeblättern, ganz überrascht,

daß sein Vater dieselben so wenig beachtete, in seine Uniform und ging

mit dem Kaiser hinaus.

Der Marschall Leboeuf folgte ihnen. Man stieg zu Pferde.

An der Spitze seines glänzenden Generalstabes ritt der Kaiser hinaus

durch die belebten Straßen der Stadt nach dem Felde.

Auf der Straße von Thionville, wo zwei Brigaden der Garde aufgestellt

waren, begrüßten diese prächtigen Elitetruppen in ihrer musterhaften

Haltung den Kaiser mit jubelnden Hochrufen, in welche die in dichten

Massen umherstehenden einzelnen Soldaten laut und begeistert mit

einstimmten. Aber das Gesicht Napoleons erhellte sich nicht beim Anblick

dieser herrlichen Regimenter. Schweigend ritt er die Front ab,

schweigend ließ er die Truppen an sich vorbei defiliren und immer

schweigend wandte er nach kurzem Gruß, den Hut erhebend, sein Pferd, um

nach der Stadt zurückzureiten.

Noch einmal brauste das vive l'empereur donnernd durch das Lager hin,

die Strahlen der Sonne funkelten auf allen diesen Waffenspitzen, auf

allen diesen Gold schimmernden Uniformen des Generalstabes, an dessen

Spitze der Kaiser gebeugt auf seinem Pferde sitzend, im langsamen

Schritt nach der Stadt zurückritt, während der kaiserliche Prinz

ungeduldig sein Pferd zügelte, um an der Seite seines Vaters zu bleiben.

Überall grüßten erneute Hochrufe und die Klänge der Musikkorps, welche

partant pour la Syrie und die Marseillaise spielten.

Der Kaiser schien von Allem dem nichts zu hören und zu sehen.

Ausdruckslos starrten seine Augen in's Leere und leise die Lippen

bewegend, sprach er:

„Ave, Caesar, morituri te salutant!“

Ende des dritten Bandes.

Der Todesgruß der Legionen, 3. Band · 第 19 / 19 段