des vereinigten Deutschlands zu fallen, und noch ist ja nicht jede
Möglichkeit der Rettung ausgeschlossen. Lassen Sie mich handeln. Ich
kann Ihnen nichts versprechen — aber es giebt vielleicht noch einen Weg,
der Sie alle mit Ehren vom Rande des Abgrundes zurückführt und Ihnen
eine freundliche Zukunft öffnen kann — lassen Sie mich meinen Weg gehen,
ich habe ein Gefühl, das mir sagt, er werde zum guten Ende führen.
Versprechen Sie mir nur das Eine, daß Sie sich in keine Unternehmungen
gegen Deutschland hineinziehen lassen, und daß Sie auch in der
verzweiflungsvollsten Lage des Augenblicks nicht den Muth verlieren — den
Sie sich ja so lange erhalten haben — versprechen Sie mir das, meine
Herren, und wenn es sein kann, verlassen Sie Frankreich so schnell als
möglich und geben Sie mir Nachricht, wo Sie zu finden sind — ich hoffe,
daß Sie von mir hören sollen. Ich muß Sie wieder verlassen,“ fuhr er
fort, „ich muß noch mit dem nächsten Zug wieder abreisen. Ich bin nur
gekommen, um Ihnen zu sagen, was ich Ihnen gesagt habe und bitte Sie
nochmals um Ihr Versprechen, nichts gegen Deutschland zu unternehmen.“
Er reichte Herrn von Tschirschnitz die Hand.
Dieser schlug kräftig ein und sagte mit bewegter Stimme:
„Ich verspreche es, möge kommen, was da wolle.“
Die übrigen Herren wiederholten die Worte.
„Und ich, meine Herren,“ rief der Regierungsrath Meding, „verspreche
Ihnen, daß ich nicht ruhen und rasten will, bis es mir gelungen ist,
einen Weg der Rettung zu finden. Leben Sie wohl, und so Gott will, auf
baldiges Wiedersehen.“
Er wandte sich tief ergriffen ab, verließ mit Herrn von Düring das Local
und stieg mit demselben an der Ecke der Passage in einen dort bereit
stehenden Fiaker, in welchem sich bereits sein Diener mit dem kleinen
Reisegepäck befand.
Sie kamen auf dem Ostbahnhof eine Viertelstunde vor Abgang nach Basel
an. Ernst und schmerzlich bewegt, ging der Regierungsrath Meding mit dem
Major von Düring in der großen Vorhalle auf und nieder, von welchem man
den großen Platz vor dem Bahnhof und die weite Reihe der neuen
Boulevards überblickte, welche bereits im Schein der Gaslaternen
schimmerten und auf denen sich eine zahlreiche jubelnde und lärmende
Menschenmenge hin und her bewegte.
„Der Anblick dieses Paris,“ sagte der Regierungsrath Meding, „in seinem
trunkenen Rausch ist mir tief schmerzlich. Ich liebe Frankreich, und
diese Stadt Paris ist mir fast zu einer lieben Heimath geworden. Und ich
sehe eine furchtbare Zeit über dies Land und diese schöne Stadt mit
ihrem wunderbar reichen Leben heraufziehen, eine Zeit, welche alle diese
Jubelklänge, die da jetzt zu uns herübertönen, in Jammer und Wehklage
verwandeln wird.“
„Sie glauben an die Niederlage Frankreich,“ fragte Herr von Düring, „an
eine so schwere Niederlage?“
„Ich bin von derselben überzeugt,“ erwiderte der Regierungsrath. „Ich
bin gestern von Basel herauf bis hierher durch die nach der Grenze hin
sich bewegenden Truppen gefahren, aber was ich gesehen habe, läßt mich
nur das Traurigste für Frankreich erwarten. Überall habe ich Truppen der
verschiedensten Waffen ohne Officiere, Cavallerie ohne Pferde, Geschütze
auf den Eisenbahnwagen ohne Bespannung gesehen. Alle diese Leute waren
im Zustande der unnatürlichen Aufregung, die meisten berauscht, und wenn
ich sie fragte, wohin sie gingen, zu welchem Corps sie gehörten, so
konnten sie mir keine genügende Antwort geben, die Meisten antworteten
mit dem fanatisch stereotypen Ruf „nach Berlin“. Mit solchen Truppen
schlägt man die preußische Armee nicht und der Elan, von dem man so viel
spricht, wird wie ein vorübergehender Rausch schnell vor der ruhigen und
sichern Taktik der deutschen Heeresleitung verfliegen. Glauben Sie mir,“
fuhr er fort, indem er noch einmal wehmüthig über die glänzenden Reihen
der Boulevards hinblickte, „Frankreich wird einen furchtbaren Schlag zu
erleiden haben, und das Kaiserreich mit allem seinem Glanz wird
vielleicht unter diesem Schlage zusammenbrechen — ich habe hier lange
die Elemente beobachtet, welche in der Tiefe der Gesellschaft sich
organisirt haben und sie werden nicht zögern, heraufzusteigen, um von
unten her das Gebäude zu zersprengen, wenn dessen Zinnen unter den
Schlägen der deutschen Waffen fallen werden.“
Das Signal zur Abfahrt des Zuges ertönte.
„Noch einmal, lieber Düring,“ sagte der Regierungsrath Meding, indem er
sich am Eingang des Wartezimmers von dem Major verabschiedete, „halten
Sie den Muth unserer Freunde aufrecht und sorgen Sie dafür, daß auf
unsere, so lange mit Ehren vertheidigte Sache kein Flecken falle.“
Mit Thränen in den Augen trennten sich die beiden mehrjährigen Genossen
der Verbannung. Der Regierungsrath Meding stieg in das Coupé und fuhr
unter dem gellenden Pfeifen der Locomotive in die Nacht hinaus, während
der Major von Düring ernst und traurig über die hellen Boulevards hin zu
seinen Kameraden zurückkehrte, um in den Herzen dieser tapfern und
treuen Diener einer untergegangenen Sache, welche Heimath und Vaterland,
Vergangenheit und Zukunft verloren hatten, die letzten Funken der
Hoffnung und des Muthes wieder anzufachen.
Elftes Capitel.
Die Verlobung der Tochter des Commerzienrath Cohnheim mit dem jungen
Baron von Rantow war wenige Tage nach der Erledigung der zwischen ihm
und dem Lieutenant von Büchenfeld entstandenen Differenz proclamirt
worden.
Der Commerzienrath hatte es sich nicht nehmen lassen, bei dieser
Gelegenheit ein großes Fest zu veranstalten, bei welchem die zahlreichen
Bekannten des Barons zu seiner und seiner Gemahlin höchsten Befriedigung
eine Menge hoch aristokratischer Namen und Erscheinungen in seine Salons
führten.
Der kleine Commerzienrath schwamm in Entzücken. Noch behaglicher als
sonst eilte er hin und her, indem er in gelegentlichen Gesprächen seinem
alten Freunde aus der Finanzwelt auf alle diese Elemente der ersten
Gesellschaft aufmerksam machte, die sich jetzt bei ihm vereinigten.
Die Commerzienräthin war noch steifer, noch würdevoller, noch
unnahbarer als sonst, und Fräulein Anna überstrahlte Alle durch ihre
Schönheit und die ausgesuchte Eleganz ihrer Toilette. Aber jener
Ausdruck kindlich freier Heiterkeit, welcher früher in ihren Augen
gelegen hatte, war verschwunden. Kalt und stolz wie eine Königin blickte
sie umher, mit ruhig und sicher gewählten Worten beantwortete sie die
Gluckwünsche, welche man an sie richtete, und wenn sie lächelte, so
schien es fast, als ob höhnischer Spott mehr Antheil an ihrem Lächeln
habe, als die glückliche Freude der Braut.
Der junge Herr von Rantow war dann täglich im Hause des Commerzienraths
erschienen, hatte für seine Braut alle Höflichkeit und Aufmerksamkeit,
welche dieselbe irgend erwarten konnte und welche sie ebenso höflich und
freundlich entgegennahm. Doch war keine innere Annäherung zwischen den
beiden jungen Leuten eingetreten. Herr von Rantow blieb mit vollkommenem
Takt in einer gewissen Zurückhaltung und Fräulein Anna war ihm dafür von
Herzen dankbar und nahm mit um so größerer Aufmerksamkeit alle äußeren
Rücksichten, welche ihr Verhältniß erforderte, entgegen; so daß die
Commerzienräthin äußerst befriedigt war und ihrer Tochter häufig
anerkennende Worte über ihr Verhalten sagte, das so vollkommen dem
Brautstand zwischen vornehmen und distinguirten Personen entsprach.
Herr von Rantow hatte sein Staatsexamen überstanden, und die Hochzeit
war für den September festgesetzt, bis zu welcher Zeit der für die
Aufnahme des jungen Paares bestimmte Flügel des Schlosses auf dem
Rantow'schen Familiensitz hergestellt sein sollte, zu dessen
Ausschmückung der Commerzienrath nicht müde wurde, von überall her das
Schönste und Kostbarste an Mobilien und Stoffen kommen zu lassen.
Da brach mitten in diese Vorbereitungen die große Catastrophe herein,
welche ganz Europa bewegte. Und wie diese Catastrophe die Fürsten und
Diplomaten aus ihren Villeggiaturen und Badekuren aufschreckte und in
den furchtbaren Ernst des Lebens zurücktrieb, so unterbrach sie auch die
Vorbereitungen zu der Verbindung des Barons von Rantow mit Fräulein Anna
Cohnheim.
Sorgenvoll ging der Commerzienrath einher. Es war nicht nur der Aufschub
des von ihm so sehnlichst gewünschten Familienereignisses, welcher ihn
bewegte und bekümmerte — der plötzlich hereinbrechende Krieg griff auch
zerstörend in alle seine finanziellen Operationen ein. Die
Unternehmungen, welche er mit dem Baron verabredet hatte, mußten
natürlich vorläufig bis zur Wiederkehr ruhiger Verhältnisse aufgeschoben
werden.
Der junge Baron von Rantow war zur Zeit seines Eintritts in das
militairpflichtige Alter wegen der Anlage zu einem Brustleiden, die ohne
unmittelbar gefährlich zu werden, ihm große körperliche Anstrengungen
unmöglich machte, für dienstunfähig erklärt. Von dieser Seite hätte
daher der Verbindung der beiden jungen Leute nichts entgegen gestanden.
Indeß Fräulein Anna erklärte mit großer Bestimmtheit, daß sie vor dem
Ende des Krieges, welcher das ganze Vaterland in so große Gefahr stürzte
und so viel Trauer in zahlreiche Familien bringen müßte, an die Hochzeit
nicht denken wolle.
So war denn die Hochzeit wieder in unbestimmte Fernen hinausgeschoben.
Am Vormittage des verhängnißvollen einunddreißigsten Juli, an welchem
der König Berlin verlassen sollte, um zur Armee sich zu begeben, befand
sich die Commerzienräthin Cohnheim bei dem Baron von Rantow und seiner
Gemahlin.
Die Königin Augusta hatte wenige Tage zuvor einen Aufruf an alle Frauen
des Vaterlandes erlassen, um Hülfsmittel für die Verpflegung der
Verwundeten an den Rhein zu senden. Und die Commerzienräthin hatte mit
Eifer diese Gelegenheit ergriffen, um sich der Baronin von Rantow
anzuschließen bei der Bildung eines kleinen Damenvereins zur Erfüllung
dieser patriotischen Aufgabe.
Sie war mit ihrer Tochter gekommen, um das Nähere über die Organisation
der Thätigkeit dieses Vereins zu verabreden, und Frau von Rantow hatte
mit einer gewissen, kalten Zurückhaltung den sehr beträchtlichen Beitrag
in Empfang genommen, welchen die Commerzienräthin für die Zwecke des
Vereins ihr überreichte.
Die beiden Damen sprachen eifrig über die zweckmäßigste Herstellung von
Charpie und Verbandzeug, während der Baron sich mit Fräulein Anna
unterhielt, für welche er eine besonders sympathische Zuneigung gefaßt
hatte, und welcher er stets mit um so größerer Herzlichkeit begegnete,
je weniger es ihm möglich war sich dem Commerzienrath und seiner
Gemahlin, deren ganzes Wesen von seinen Lebensanschauungen so tief
verschieden war, zu nähern.
„Wir sind glücklicher,“ sagte er, „als so viele andere Familien, deren
Söhne zu den Gefahren des Krieges hinausziehen müssen, und doch macht es
mich fast traurig, daß in einem Augenblick, wo die ganze Jugend des
Landes unter den Fahnen des Königs ins Feld zieht, der Name der Rantows
in den Reihen der Armee nicht vertreten ist. Das Gefühl des Vaters und
des Patrioten streiten in mir mit einander, und oft möchte ich fast
wünschen, daß auch mein Sohn berufen wäre zu dem großen nationalen
Kampf.“
„Es bleibt ja auch hier noch genug zu thun,“ erwiderte Fräulein Anna in
einem ziemlich kalten und gleichgültigen Ton. „Der Staat braucht ja auch
während des Krieges Beamte, vielleicht wäre es gut, wenn Ihr Sohn
wenigstens bis zur Beendigung des Krieges seine Carriere wieder
aufnehmen würde. Für uns Frauen,“ fuhr sie lebhafter fort, „bildet ja
die Zeit ein reiches Feld der Thätigkeit, und ich fühle den lebhaftesten
Wunsch, hinauszugehen, um als Pflegerin der Kranken in dieser großen
Zeit meine Pflicht zu erfüllen.“
„Sie, mein Kind,“ rief der Baron erstaunt, „Sie, gewöhnt an alle
Bequemlichkeiten des Lebens, fast ein wenig verwöhnt, Sie wollten sich
einer so mühevollen angreifenden Thätigkeit widmen, welche Ihre zarten
Kräfte vielleicht bald aufreiben möchte.“
„Meine zarten Kräfte?“ — sagte Fräulein Anna, die Achseln zuckend, „und
wären sie es, — der feste Wille und die Begeisterung für eine große Sache
sind im Stande, auch die schwächste Kraft stark zu machen. Und wofür
könnte ein Frauenherz sich höher begeistern, als dafür, die Leiden
Derjenigen zu erleichtern, welche heldenmüthig ihr Blut und Leben zum
Schutz des Vaterlandes, zu unserm Schutz dahin geben. Glauben Sie mir,
Herr Baron, ich würde nicht ermatten in einem so hohen und heiligen
Beruf. Und wenn der Krieg fortschreitet,“ fuhr sie ernst mit dem
Ausdruck eines festen Entschlusses fort, „wenn die Lazarethe sich füllen
werden und das Bedürfniß nach weiblicher Pflege immer größer und größer
werden wird, dann werde ich doch noch die Erlaubniß meiner Eltern
erhalten, dem Zuge meines Gefühls zu folgen, und ich bin überzeugt, daß
viele Frauen denken und handeln werden, wie ich.“
Der junge Herr von Rantow trat ein. Er war ernster als sonst, der
gleichgültige, oberflächliche Ausdruck, welcher gewöhnlich auf seinem
Gesicht lag, war verschwunden. Eine gewisse stolze Befriedigung blickte
aus seinen Augen.
„Ich habe einen Entschluß gefaßt,“ sagte er, nachdem er die Damen
begrüßt hatte, „einen Entschluß, den meine theure Anna gewiß billigen
wird und mit dem auch Du, mein Vater, zufrieden sein wirst.“
Fragend blickte Fräulein Cohnheim auf ihren Verlobten.
„Ich habe,“ fuhr dieser fort, „mich zur Aufnahme in den Johanniterorden
gemeldet. Du wünschtest das früher, mein Vater, um mir eine ehrenvolle
Decoration zu verschaffen, in dieser Zeit gewinnt das Zeichen des
Johanniterordens, zu welchem meine Geburt mich berechtigte, eine höhere
und ernstere Bedeutung. Ich habe so eben die Mittheilung erhalten, daß
meine Bewerbung angenommen werden wird und habe zugleich die Bitte
gestellt, wenn eine Annahme erfolgen sollte, mich einer der Deputationen
beizuordnen, welche die Armee zur Leitung der Krankenpflege begleiten
werden. So werde auch ich im Stande sein, das Meinige in dem Kampf zu
thun und die Pflicht zu erfüllen, welche mein Name mir auflegt und zu
welcher mein Gefühl mich treibt.“
Der Baron neigte zustimmend den Kopf.
Fräulein Anna erhob sich schnell und reichte ihrem Verlobten die Hand,
indem aus ihrem Blick ein warmes Gefühl leuchtete, wie sie es bisher
noch nie dem jungen Manne gegenüber gezeigt hatte.
„Ich danke Ihnen von Herzen für diesen Entschluß,“ sagte sie mit
herzlichem Ton, „und da Sie ihn gefaßt haben, darf ich Ihnen sagen, daß
mich der Gedanke betrübt hat, Sie in dieser Zeit hier zurückbleiben zu
sehen — Sie werden das nicht mißverstehen,“ fügte sie hinzu, „meine
treuesten und aufrichtigen Wünsche werden Sie begleiten.“
Herr von Rantow küßte die Hand seiner Braut, seine Mutter blickte
liebevoll zu ihm hinüber, und die Commerzienräthin richtete sich hoch
auf, indem sie mit feierlicher Stimme sagte:
„Das ist ein sehr edler Entschluß, ganz meines vortrefflichen
Schwiegersohns würdig.“
Der Diener trat ein, meldete den Oberstlieutenant und den Lieutenant von
Büchenfeld.
Schnell erhob sich der Baron, um den Herren entgegen zu gehen.
Die Commerzienräthin warf einen scharfen und strengen Blick auf ihre
Tochter.
Fräulein Anna zuckte zusammen und machte eine Bewegung, als wolle sie
das Zimmer verlassen, dann aber faßte sie sich, tief erbleichend stützte
sie die Hand auf die Lehne eines neben ihr stehenden Sessels. Kalte und
stolze Entschlossenheit lag auf ihrem Gesicht.
Der Oberstlieutenant und sein Sohn traten ein. Der alte Herr trug
Uniform, sein Gesicht strahlte vor freudiger Aufregung. Der Lieutenant
folgte ihm ernst und still, als er Fräulein Anna und den jungen Herrn
von Rantow erblickte, flog eine dunkle Röthe über sein Gesicht. Dann
näherte er sich Frau von Rantow, begrüßte dieselbe ehrerbietig und
verneigte sich mit kalter Höflichkeit gegen die Übrigen.
Die Commerzienräthin saß gerade und steif da und erwiderte den Gruß der
eintretenden Herren mit einer kaum bemerkbaren Neigung des Kopfes.
„Ich bringe Ihnen noch einmal meinen Sohn, gnädige Frau,“ sagte der
Oberstlieutenant, „er muß noch heute zu seinem Regiment abgehen, um in
die beste Kriegsschule hinauszuziehen, — draußen im Felde, wo man in
einem Monat mehr lernt, als in Jahren hinter den Büchern. Er wollte in
der Eile gar keine Besuche machen, aber hier von den alten Freunden
seines Vaters muß er sich doch verschieden, bevor er auszieht, um sich
den Feldmarschallstab zu erkämpfen,“ fügte er lächelnd hinzu. „Er hat es
glücklich getroffen, mir wurde es in meiner Jugend nicht so gut, ich
habe mich während meiner besten Jahre durch den ewigen Garnisonsdienst
hindurch schleppen müssen, in welchem Körper und Geist müde werden.“
„Unsere herzlichsten Wünsche werden Sie begleiten,“ sagte Frau von
Rantow zu dem jungen Officier. „Aber Sie, lieber Büchenfeld,“ fuhr sie
lächelnd fort, „tragen ja auch wieder Uniform, Sie wollen doch nicht
etwa auch mit hinausziehen —“
„Wollte Gott, ich könnte es,“ sagte der Oberstlieutenant traurig, „doch
mein Podagra sorgt schon dafür, daß ich hier bleiben muß. Aber,“ fuhr
er, sich militairisch aufrichtend, fort, „ich habe mich um ein
Etappencommando beworben und es erhalten und so habe ich doch wenigstens
das Herzeleid nicht, daß ich in dieser Zeit unthätig im Civilrock
einhergehen muß. Ich kann wenigstens die alte Uniform tragen und dem
Könige dienen, so gut es mir noch möglich ist.“
Der Oberstlieutenant und sein Sohn blieben etwa eine Viertelstunde lang,
während welcher die Unterhaltung fast ausschließlich von dem alten Herrn
und dem Baron geführt wurde.
Der Oberstlieutenant war in sprudelnd heiterer Laune, im Herzen des
alten Soldaten fand der Gedanke an die Gefahren, denen sein Sohn
entgegen ging, keinen Platz, für ihn war der Krieg der Beruf des
Officiers, er dachte nur an die Hoffnung auf Ruhm und Ehre, welche
dieser Krieg in sich schloß und fühlte sich neu geboren in dem Gedanken,
daß auch er in dieser großen Zeit noch einmal in der Lage sei, Dienst zu
thun und den Rock des Königs zu tragen.
„Wir müssen aufbrechen,“ sagte er endlich, „ich weiß noch nicht, wo
meine Bestimmung sein wird und erwarte dieselbe stündlich, — mein Sohn
hat nur noch kurze Zeit bis zu seiner Abreise.“
Er küßte mit ritterlicher, etwas altmodischer Galanterie der Frau von
Rantow die Hand und drückte lange und herzlich die Rechte des Barons.
Der Lieutenant, welcher während der ganzen Zeit ernst und stumm mit
niedergeschlagenem Blick da gesessen hatte, erhob sich, in rascher
Bewegung trat der junge Herr von Rantow auf ihn zu.
„Lebe wohl, Büchenfeld,“ sprach er, — „in einer Zeit, wie die jetzige,
muß jeder vergangene Groll vergessen werden. Gott schütze Dich! Ich
werde mit den Johannitern der Armee folgen und sollte Dir ein Unglück
begegnen, so hoffe ich, daß ein gütiges Schicksal mich zu Dir führen
wird, um Dir beizustehen.“
Der Lieutenant hatte bei den Worten des Barons eine unwillkürliche
Bewegung gemacht, als wolle er von demselben zurücktreten. Abermals
färbte sich sein Gesicht mit dunklem Roth, er schlug die Augen auf und
richtete seine Blicke an dem Baron vorbei, mit bitterem, feindlichem
Ausdruck auf Fräulein Anna.
Das junge Mädchen sah ihn mit großen Augen an. Aus diesen Augen
strahlte es wunderbar und eigenthümlich zu ihm hin, es lag darin wie
eine Bitte, wie eine Frage, ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie
sprechen, aber nur ein leiser Hauch drang aus denselben hervor und wie
unwillkürlich streckte sie zitternd die Hand nach ihm aus.
Ein tiefer Athemzug hob die Brust des Lieutenants, sein kalter, harter
Blick wurde weicher und weicher. Kräftig drückte er die Hand des Herrn
von Rantow und sagte mit fast erstickter Stimme:
„Vergessen und vergeben!“
Dann trat er rasch, wie einem übermächtigen Zuge folgend, zu Fräulein
Anna hin, deren Hand noch immer leicht erhoben, sich gegen ihn
ausstreckte und deren Augen mit immer tieferer Innigkeit auf ihm ruhten.
Er ergriff die Hand des jungen Mädchens, drückte seine Lippen auf
dieselbe und fast unhörbar, nur ihr verständlich, hauchten seine Lippen
nochmal die Worte:
„Vergessen und vergeben!“
Dann wandte er sich schnell um und mit kurzer rascher Verbeugung eilte
er seinem Vater nach, welcher, von dem Baron geleitet, bereits das
Zimmer verlassen hatte, während Fräulein Anna, die Hände faltend, auf
einen Stuhl niedersank und ihm mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer
nachsah.
* * * * *
König Wilhelm stand an seinem Schreibtisch neben dem Fenster seines
Arbeitszimmers. Der König trug den Militairüberrock und blickte mit
tiefem Ernst auf den Ministerpräsidenten Grafen Bismarck, welcher in der
Uniform des Magdeburgischen Cürassierregiments No. 7 vor Seiner Majestät
stand und die letzten noch vor der Abreise zu erledigenden
Vortragssachen beendet hatte.
„So ist denn,“ sagte der König, „Alles vorbereitet, was menschliche
Berechnung vermag, um nach allen Seiten hin in ungehemmter Spannung
unsere Kräfte entfalten zu können, — unser Haus ist bestellt, die Armee
ist in ordnungsmäßiger Bewegung und es ist nun an unserem Alliirten da
oben, mit uns hinauszuziehen in den Kampf, an dem wir wahrlich
unschuldig sind und uns den Sieg zu verleihen, wie er ihn uns schon
einmal gab gegen den Übermuth desselben Feindes.“
„Und dieser Sieg wird nicht fehlen, Majestät,“ rief Graf Bismarck, indem
seine linke Hand sich fest um den Griff seines Pallaschs spannte, — „er
wird schneller und entscheidender kommen, als die Welt ihn erwartet und
er wird Alles, was sich im deutschen Nationalleben in diesen Jahren
vorbereitet hat, zu herrlicher Erfüllung bringen. Meine Zuversicht steht
fest — in diesem Kampfe wird Deutschlands glänzende Zukunft entschieden
werden!“
Auch über das Gesicht des Königs zog der lichte Schimmer freudiger
Siegeszuversicht, — aber er sprach sie nicht aus und nachdem er einige
Augenblicke schweigend vor sich niedergeblickt hatte, wendete er sich zu
seinem Schreibtisch und ergriff einen dort liegenden Bogen Papier.
„Wir haben Alles geordnet,“ sagte er, die wenigen Zeilen überlesend,
welche dieser Bogen enthielt, — „wir haben die diplomatischen Fäden
gezogen, — um unsere wohlwollenden Freunde“ fuhr er mit eigenthümlichem
Lächeln fort, „in ihrer neutralen Haltung zu befestigen, — wir haben für
die Regierung während meiner Abwesenheit gesorgt. Unsere Pflichten
liegen jetzt draußen bei der Armee, — ich habe jetzt nur noch ein
Bedürfniß meines Herzens zu erfüllen, das ist ein letztes Wort des
Abschieds an mein Volk zu richten, — wenn mich auch die Hoffnung erfüllt,
daß wir mit Gott den Sieg erringen werden, so gehen wir doch einer
schweren Zeit entgegen, und Niemand vermag zu berechnen, wie bald ich
wieder nach der Heimath werde zurückkehren können. Auch kann,“ sprach er
mit tiefem Ernst, „eine feindliche Kugel da draußen mein Leben enden. In
diesem Augenblick fühle ich mehr wie je den innerlich tiefen
Zusammenhang, ich möchte sagen, die Blutsverwandtschaft, welche mich,
wie alle Könige meines Hauses mit dem preußischen Volk verbindet, und
ich möchte all den Meinen ein so recht herzliches Abschiedswort sagen
und ihnen auch eine Gabe des Abschieds geben, die beste Gabe, welche mir
zu geben mein königliches Recht vergönnt, — ich möchte in dem Augenblick,
in welchem ich hinausziehe zu schwerem Entscheidungskampf, hinter mir
den Frieden zurücklassen, — den Frieden und die Versöhnung!“
Erwartungsvoll blickte Graf Bismarck mit seinen hellen, klaren Augen den
König an, welcher wie zögernd, als suche er die Worte für seine
Gedanken, sagte:
„Die letzten Jahre haben viel Verwirrung in Deutschland hervorgerufen,
manches an sich edle Gefühl hat viele meiner Unterthanen, namentlich
meiner neuen Unterthanen auf Irrwege geführt und mit der nothwendigen
Strenge der Gesetze in Conflict gebracht — jetzt, wo ganz Deutschland
einmüthig in den Kampf hinauszieht, möchte ich dazu beitragen, jenen
Verwirrungen Lösung zu bringen im edelsten und besten Sinne, jetzt, wo
ich Gott um Beistand anrufe in dem mir aufgedrungenen Krieg, möchte ich
auch die herrliche Lehre des Christenthums befolgen, — die Lehre der
Vergebung und nach den Worten handeln. Richtet nicht, auf daß Ihr nicht
gerichtet werdet. — Der letzte Abschiedsgruß an mein Volk soll deshalb
zugleich eine Amnestie enthalten für alle politischen Verbrechen und
Vergehen. Liebe und Versöhnung soll die Vergangenheit abschließen, damit
wir freien und leichten Herzens der Zukunft entgegengehen können.“