„So weit wie die Dinge jetzt gekommen sind, darf uns keine

fehlgeschlagene Erwartung erschüttern. Das Schicksal will den

Entscheidungskampf, und wir müssen mit festem und ungebeugtem Muth in

denselben eintreten. Die Geschichte unseres Landes lehrt uns, daß die

eigene Kraft Frankreichs die beste und kräftigste Bürgschaft für unseren

Erfolg ist. Wir haben,“ fügte er mit erhobener Stimme hinzu, „öfter

durch unsere Siege Bundesgenossen gefunden, als durch unsere

Bundesgenossen Siege erfochten. Der Gegenstand, über den wir soeben

sprachen, ist durch diese Mittheilung erledigt,“ fuhr er fort, indem er

einen vor ihm liegenden, ganz mit seiner kleinen zierlichen Handschrift

beschriebenen Bogen zusammenfaltete. „Da ganz Deutschland es für gut

findet, sich unter die Führung und Botmäßigkeit Preußens zu stellen, so

haben wir nicht nöthig, uns für die Ausnutzung unseres Sieges Schranken

aufzulegen. Die Proclamation, von der wir sprachen, ist überflüssig

geworden. Frankreich wird sich die volle Freiheit erhalten, Alles das zu

nehmen und zu behalten, was seine Interessen ihm nothwendig und

wünschenswerth machen. Finden wir aber keine Alliirte in Deutschland

selbst,“ sagte er dann, „so müssen wir uns um so mehr Diejenigen zu

sichern suchen, welche außerhalb Deutschlands durch ihre eigenen

Interessen auf uns angewiesen sind. Dänemark hat seine Neutralität

erklärt, — das mag gut sein für den Beginn des Krieges; aber ich lege

einen großen Werth darauf, daß nach den ersten Erfolgen dort eine für

uns freundschaftliche Action eintrete, welche preußische Kräfte

absorbirt und uns die Möglichkeit einer Landung erleichtert. Ich will

den Herzog von Cadorn in außerordentlicher Mission nach Kopenhagen

schicken, damit er den dortigen Hof veranlasse, bei der ersten sich

darbietenden Gelegenheit, aus seiner Neutralität herauszutreten, — ich

hoffe, das wird nicht schwer sein, und das Vorgehen Dänemarks wird

dasjenige Schwedens auf der Stelle nach sich ziehen, — würde damit auch

nichts weiter erreicht, als daß Rußlands Kräfte nach dem Norden gezogen

und von einer Pression auf Österreich abgezogen werden, so wird das

schon von großer Bedeutung sein. Wollen Sie, mein lieber Herzog die

Instructionen und Creditive für Cadorn so schnell als möglich bereit

stellen lassen.“

„Zu Befehl, Sire,“ sagte der Herzog sich verneigend, „ich bewundre den

Gedanken Eurer Majestät und die vortreffliche Wahl der Person —“

„Zugleich aber,“ fuhr der Kaiser fort, „ist es nothwendig, eine

energische, diplomatische Action in Wien eintreten zu lassen, um auch

dort den ersten günstigen Augenblick zu benutzen und Alles aufzubieten,

einen schnellen Entschluß hervorzurufen. Der Fürst Latour d'Auvergne muß

sogleich seine Thätigkeit beginnen, und ich bitte Sie, auch in dieser

Beziehung das Nöthige zu veranlassen, mein lieber Herzog. Man muß auf

der Basis derjenigen Unterhandlungen wieder beginnen, welche der General

Türr eingeleitet hatte und deren Ziel die im Princip bereits approbirte

Vertragsskizze sein wird, nach welcher gegen Abtretung von Welsch-Tyrol

Italien im Fall einer russischen Intercession sich zur activen

Unterstützung Österreichs und zum Anmarsch gegen die Süddeutschen

Grenzen verpflichtet. Herr von Beust hat dem Abschluß dieses Vertrages

einst Schwierigkeiten entgegen gestellt, der erste Erfolg unserer Waffen

muß benutzt werden, um unter dem dadurch hervorgebrachten Eindruck den

unmittelbaren Abschluß jenes Vertrages kategorisch zu fordern.“

Der Herzog von Gramont hatte sich mit einem Crayon einige Notizen auf

einem vor ihm liegenden Blatt Papier gemacht und verneigte sich zum

Zeichen seines Einverständnisses mit den Anordnungen des Kaisers.

„Nun, mein Herr Marschall,“ sagte Napoleon, sich zum Kriegsminister

wendend, — „Sie sehen, daß die Vorbereitungen der Diplomatie getroffen

sind, wie steht es mit den Ihrigen?“

„Alles ist bereit, Sire,“ erwiderte der Marschall Leboeuf mit seiner

starken rauhen Stimme, „es fehlt nicht ein Knopf an der Ausrüstung der

Armee, nicht eine Bajonettspitze an ihrer Bewaffnung. Unsere Magazine

sind gefüllt, in Toulon liegen sieben Transportschiffe bereit, um die

Armee von Algier herüberzuschaffen. Alle Vorbereitungen sind getroffen,

um die Truppen von Châlons in sechszehn Stunden an die Grenze zu

bringen. Heute sind zwölftausend Eisenbahnwagen mit Mehl und Zwieback

nach den Ostgrenzen abgegangen, und in wenigen Tagen wird Eurer Majestät

Armee bereit sein, in Deutschland einzurücken.“

Der Kaiser nickte bei den Mittheilungen des Marschalls mit dem Kopfe.

„Und der Generalstab,“ fragte er dann.

„Der Generalstab, Sire, wie Eurer Majestät Hauptquartier,“ erwiderte

der Marschall, „für welches Sie mich zu Ihrem Major-General zu bestimmen

die Gnade gehabt haben, ist formirt aus den besten Officieren, die ich

habe finden können, und in kürzester Frist werden auch die Generalstäbe

der einzelnen Corps mit tüchtigen Kräften besetzt sein.“

„Und hat man genügend Karten von Deutschland,“ fragte der Kaiser, „nicht

nur für den Generalstab, sondern auch für die übrigen Officiere?“

„Sire,“ erwiderte der Marschall, sich martialisch aufrichtend, „jeder

Officier Ihrer Armee hat eine Karte, welche ihm den sichersten und

geradesten Weg nach Berlin zeigen wird, und ich habe die Meinige bei

mir.“

Er schlug schallend an seinen Degen, indem er zugleich mit der andern

Hand die Spitzen seines Schnurrbarts emporkräuselte.

Der Kaiser sah ihn einen Augenblick ganz betroffen an, während Herr

Ollivier sich ebenfalls mit kriegerisch stolzer Miene aufrichtete, und

der Herzog von Gramont noch einige Notizen niederschrieb.

„Die Vortrefflichkeit Ihrer Karten,“ sagte Napoleon lächelnd, „hat sich

in den verschiedenen Feldzügen Frankreichs mehrfach bewährt, indessen

wäre es doch gut, wenn die Officiere daneben auch noch andere Karten

zur Verfügung hätten und nicht bloß auf die magnetische Anziehungskraft

angewiesen blieben, welche die feindliche Hauptstadt auf die Spitze

ihres Degens ausübt, ich hoffe daß Sie dafür Sorge tragen werden,“ fügte

er mit festem und bestimmtem Ton hinzu.

Der Marschall verneigte sich, jedoch zeigte seine Miene dabei deutlich,

daß er auf die Hülfsmittel der geographischen Wissenschaft von seinem

soldatischen Gesichtspunkt aus einen nicht eben allzugroßen Werth zu

legen geneigt sei.

„Ich erwarte Sie morgen in St. Cloud, Herr Marschall,“ fuhr Napoleon

fort, „um mir die Bestimmungen über die einzelnen Corps der Armee zur

definitiven Entscheidung vorzulegen, — eine Anweisung darüber habe ich

Ihnen schon zugehen lassen. Und nun bleibt Ihnen noch überlassen, mein

lieber Herr Ollivier,“ fuhr er dann fort, „das große Agens aller Kriege

herbeizuschaffen, nämlich das Geld. Wir bedürfen nach den angestellten

Berechnungen einen Credit von dreißig Millionen für die Armee und einen

weitern Credit von sechzig Millionen für die Marine. Die Vorlage muß so

schnell als möglich im Corps legislatif gemacht werden.“

„Und sie wird mit jubelnder Acclamation aufgenommen werden, Sire,“ rief

Herr Ollivier, „und wenn Eure Majestät das Doppelte und Dreifache

fordern würden, — in diesem Augenblick würde Frankreich Ihnen nichts

verweigern.“

„Also, meine Herren,“ sagte Napoleon aufstehend, „ich erwarte die

Vorlage der Kriegserklärung, sowie die schnelle und pünktliche

Ausführung aller eben besprochenen Maßregeln.

„So treten wir denn nun,“ fügte er ernst hinzu, „der großen Entscheidung

entgegen, welche so lange wie ein schwüles Wetter über unsern Häuptern

geschwebt hat, und es bleibt uns nur noch die Bitte übrig: Gott schütze

Frankreich!“

Er sprach diese Worte tief aus der Brust heraus, während er die Augen

wie fragend emporschlug.

„Gott schütze Frankreich!“ wiederholten die drei Minister —

Vom Carousselplatz herauf ertönte in diesem Augenblick die Melodie der

Marseillaise, welche ein vorüberziehendes Musikkorps intonirte, und in

welche die versammelte Menge sogleich laut und kräftig einfiel.

Der Marschall Leboeuf blickte ganz erstaunt auf, Herr Ollivier hob die

Hand empor und rief mit pathetischem Ton:

„Der Geist Frankreichs, Sire, spricht aus diesen Tönen zu Euer

Majestät, der Geist der Freiheit und der Civilisation, vor welchem diese

preußischen Armeen schnell werden zersprengt werden.“

Der Kaiser lauschte einen Augenblick schweigend den immer mächtiger

anschwellenden Klängen.

„Möchten sie,“ sprach er leise, „die Dämonen der Revolution hinausführen

auf die Schlachtfelder des nationalen Ruhms, damit ihre gewaltige Kraft

sich zu immer festerer Erstarkung des Kaiserthums entwickele.“

Er schwieg noch einige Augenblicke — sein brennender Blick schien den

Schleier der Zukunft durchdringen zu wollen.

Dann sprach er mit liebenswürdiger Artigkeit.

„Nun, meine Herren Minister, schicke ich Sie fort — Jeder von uns muß an

seine Arbeit, und die nächste Zeit wird uns deren viele bringen.“

Er reichte den Herren die Hand.

Dieselben verließen ernst und schweigend das Cabinet.

Unmittelbar darauf meldete der Kammerdiener Herrn Rouher, den früheren

Staatsminister und gegenwärtigen Senatspräsidenten.

Auf den zustimmenden Wink Napoleons trat dieser langjährige Leiter der

kaiserlichen Regierung langsam und in fast feierlicher Haltung ein.

Der Kaiser ging ihm heiter lächelnd entgegen und reichte ihm die Hand,

welche Herr Rouher ehrerbietig ergriff und einen Augenblick in der

Seinen hielt, während er mit einem traurigen Ausdruck den Kaiser ansah.

„Nun, mein lieber Rouher,“ sagte Napoleon, „wir stehen an der großen

Entscheidung, und ich hoffe, daß es nunmehr gelingen wird, die Krönung

des Gebäudes zu vollenden, dessen Grundmauern Sie mit so viel Eifer und

Beharrlichkeit aufgeführt haben.“

Das volle Gesicht des Herrn Rouher mit dem feinen beredten Munde und den

klaren, scharf blickenden Augen zeigte eine Bewegung, welche diesem

scharf berechnenden Meister der Dialektik und der parlamentarischen

Debatte sonst nicht eigentümlich war.

„Sire,“ sagte er, „Eure Majestät wissen, mit welcher Mühe ich Jahre lang

daran gearbeitet habe, die Krönung des kaiserlichen Gebäudes auf andere

Weise und ohne eine kriegerische Catastrophe abzuschließen. Eure

Majestät haben die Führung Ihrer Regierung andern Händen anzuvertrauen

für gut befunden, und mir bleibt nur zu hoffen übrig, daß der Erfolg den

Erwartungen Eurer Majestät und den heißen Wünschen entsprechen möge,

welche ich für denselben im Herzen trage.“

Der Kaiser blickte seinen langjährigen Rathgeber einen Augenblick

nachdenklich an.

„Sie sind nicht einverstanden, mein lieber Rouher,“ sagte er dann mit

einer gewissen unsichern Befangenheit in der Stimme, „mit dem Gange der

Ereignisse und doch müssen Sie zugeben, daß es jetzt unmöglich ist, die

Dinge auf einen andern Weg zu lenken.“

„Majestät,“ erwiderte Herr Rouher, „ich würde niemals das Verfahren

desjenigen billigen können, der durch sichere und ruhige Unternehmungen

ein großes Vermögen zu gründen und zu erhalten im Stande ist und der,

statt diese Unternehmungen mit Consequenz zu verfolgen, sich auf ein

Hazardspiel einläßt, das ihn in einem Augenblick zum Millionair

machen, — aber verzeihen Eure Majestät — auch den Verlust vieler

erworbenen Güter herbei führen kann. Ebenso —“

„Ebenso,“ fiel der Kaiser ein, „finden Sie, daß der Krieg in der Politik

ein Hazardspiel sei, das man nicht unternehmen müsse und das vieles

bereits Erreichte in Frage stellen könne. Aber mein Gott,“ fuhr er

lebhafter fort, „wenn die ganze Nation den Krieg will, — ich bin der

Erwählte der Nation, — ich muß dem Nationalwillen mehr Rechnung tragen,

als irgend ein andrer Regent, Sie müssen zugeben, daß ganz Frankreich

zum Kriege drängt, daß Ollivier, dieser Mann des Friedens, und die ganze

hinter ihm stehende liberale Partei von der Notwendigkeit des Krieges

durchdrungen sind und denselben mit Enthusiasmus aufnehmen.“

Herr Rouher schüttelte langsam den Kopf.

„Ollivier, Sire,“ sagte er dann achselzuckend, „wird Alles wollen, was

ihm Gelegenheit giebt, eine jener pathetischen Reden zu halten, in denen

er sich so sehr gefällt. Wenn Ollivier Eurer Majestät übrigens,“ fuhr er

fort, „von der liberalen Partei spricht, welche hinter ihm steht, so

möchte ich mir eine abweichende Ansicht auszusprechen erlauben — hinter

Ollivier steht Niemand. Eure Majestät haben mit ihm nicht seine früheren

Gesinnungsgenossen gewonnen, Eure Majestät haben ihn isolirt und nur

einen einzelnen Mann auf Ihre Seite gebracht. Den Werth dieses Gewinns,“

sagte er mit einem leisen Anklang von Ironie, „wird die Zukunft zeigen.

Eure Majestät haben ferner,“ sprach er dann weiter, „von der

öffentlichen Meinung Frankreichs gesprochen, welche den Krieg verlangt,

Eure Majestät haben Recht, die öffentliche Meinung verlangt den Krieg.

Aber hat man sie denn nicht dahin gebracht, ihn zu verlangen? — und

dann, Sire, die öffentliche Meinung ist ein wunderbares Ding. Sollte

dieser Krieg, was Gott verhüten wolle, unglücklich für Frankreich

ausfallen, so wird jeder Einzelne aus dieser Menge, deren zusammen

tönender Ruf jetzt die öffentliche Meinung bildet, seine Urheberschaft

an dem Krieg verleugnen, auf Eure Majestät und Ihre Regierung allein

wird man die Schuld desselben werfen.“

„Aber halten Sie es denn für möglich,“ fragte der Kaiser, „jetzt noch

den Krieg zu vermeiden?“

„Nein, Majestät,“ erwiderte Herr Rouher, „jetzt nicht mehr. Vor wenigen

Tagen vielleicht wäre das noch möglich gewesen. Man konnte die

Zurücknahme der Hohenzollernschen Candidatur als einen großen Triumph

der französischen Intercession darstellen, und wenn dies von allen

Organen der Regierung und der ihr zu Gebote stehenden Presse geschehen

wäre, so würde ganz Frankreich in diesem Augenblick ebenso befriedigt

sein und ebenso stolz auf das wieder hergestellte Prestige des

Kaiserreichs blicken, als es nun nach der Entscheidung durch die Waffen

ruft. Wenn diese unglückliche Frage der Garantie für die Zukunft, welche

ja doch practisch kaum eine Bedeutung gehabt hätte, nicht gestellt wäre,

wenn man der Kammer und der ganzen französischen Nation die

Zurückweisung einer fernern Discussion von Seiten des Königs von Preußen

nicht als eine Beleidigung des Vertreters Frankreichs dargestellt hätte,

dann, Sire, wäre es noch möglich gewesen, dieses gefahrvolle Spiel mit

den eisernen Würfeln des Krieges zu vermeiden — jetzt, Sire, ist es nicht

mehr möglich! Unter den Umständen, welche jetzt geschaffen sind, können

wir nur noch von Gott und unserm Muthe den Triumph des französischen

Degens erwarten. Und meine Aufgabe wird es sein, Sire, mit allen

Mitteln, die mir zu Gebote stehen, durch den Einfluß der Körperschaft,

an deren Spitze Eure Majestät mich gestellt haben, ganz Frankreich mit

dem Muthe und der Begeisterung zu erfüllen, deren wir in dieser

Katastrophe bedürfen. Ich bitte Eure Majestät um die Erlaubniß, morgen

mit einer Deputation des Senats vor Ihnen erscheinen zu dürfen, um die

Gefühle auszusprechen, welche in diesem Augenblick ganz Frankreich

beseelen müssen. Ich bitte Gott, daß die Befürchtungen, welche ich nicht

ganz unterdrücken kann, welche ich aber in die verborgensten Tiefen

meines Herzens zu verschließen für heilige Pflicht halte, niemals

Wirklichkeiten werden mögen.“

Der Kaiser hatte ernst und sinnend den im Ton tiefer Überzeugung

gesprochenen Worten des Herrn Rouher zugehört. Mit einer Bewegung voll

herzlicher Freundlichkeit reichte er ihm die Hand und sprach.

„Der Würfel rollt, so bleibt nichts anderes übrig, als muthig zu

erwarten, auf welche Seite er fallen wird. Das Unglück nicht zu

fürchten, ist das beste Mittel, uns das Glück dienstbar zu machen.“

Herr Rouher verneigte sich schweigend und ging hinaus.

Napoleon blickte ihm lange sinnend nach.

„Vielleicht hat er Recht,“ sagte er, träumerisch vor sich

hinblickend, „vielleicht hätte ich versuchen sollen, das Verhängniß

aufzuhalten, — nun,“ sagte er tiefaufathmend, „vielleicht findet sich

dazu noch der günstige Augenblick, vielleicht ist diese kalte

Zurückweisung aller meiner Anerbietungen nur hervorgegangen aus der

Voraussetzung, daß ich den letzten und entscheidenden Schritt zu thun

nicht wagen würde. Wenn meine Armee schlagfertig an den Grenzen steht,

wenn man sieht, daß ich zum vollen Ernst entschlossen bin, dann wird

sich vielleicht noch einmal der Augenblick finden, um auf die Frage der

Compensationen zurückzukommen, und ich werde dann in der günstigen Lage

sein, daß nicht ich es bin, der Vorschläge macht und Anträge stellt.“

Er ging noch einige Augenblicke schweigend und tief nachdenkend auf und

nieder; dann klingelte er und befahl seinen Wagen, um nach St. Cloud

zurückzufahren.

Langsam fuhr er aus dem Hof der Tuilerien heraus und über den Place la

Concorde nach den Champs Elysées hin. Überall wogten dichte

Menschenmassen, und bis nach dem Bois de Boulogne hin wurde der Kaiser

mit enthusiastischen Hochrufen begrüßt.

„Nieder mit Preußen!“ rief man ihm aus allen Gruppen entgegen.

„Nach Berlin!“

Am Arc de Triomphe begegnete der Kaiser einem Bataillon der Voltigeurs

der Garde, welches von einer Feldübung zurückkehrte und bestimmt war, in

den nächsten Tagen nach Metz abzugehen.

Der Kaiser fuhr langsam im Schritt an den Soldaten vorbei, welche bei

seinem Anblick ihre Käppis auf die Spitze der Bajonette steckten und

laut sangen:

„Ça ira, ça ira, ça ira — Bismarc à la lanterne,

Ça ira, ça ira, ça ira — Bismarc on le pendra.“

Napoleon legte lächelnd die Hand an den Hut und lange noch klang seinem

Wagen diese alte Melodie aus der Schreckenszeit der Revolution nach,

welche der Soldatenwitz mit diesem neuen Text versehen hatte.

Der Arc de Triomphe glänzte im Licht der Abendsonne, ruhig blickte das

steinerne Antlitz des großen Kaisers von dem stolzen Bau herab.

Die jubelnde Menge begleitete die Soldaten, in ihren Gesang einfallend,

während der Kaiser in den frischen, zierlich gepflegten Park einfuhr, in

welchem die elegante Welt von Paris ihre Abendpromenade machte, und über

welchem am Horizont die gewaltigen Umrisse des Mont Valerien

emporragten.

Alles war Freude, Jubel und stolze Siegeszuversicht, und kein Auge

durchdrang den Schleier der Zukunft, hinter welchem unmittelbar das

furchtbare Bild sich erhob, das die siegreichen deutschen Truppen

zeigte, wie sie in geschlossenen Reihen durch diesen Triumphbogen des

französischen Ruhmes einzogen, während aus den Tiefen von Paris jene

finstern Mächte heraufstiegen, um die Denkmäler der Jahrhunderte in

Schutt und Asche zu verwandeln.

* * * * *

Um dieselbe Zeit, während ganz Paris in jubelnder Aufregung sich befand,

waren in einem bescheidenen Restaurant der Passage Jeouffroi die

Officiere der früheren hannöverschen Legion versammelt.

Sie saßen finster um den Tisch, auf welchem der Kellner mit der großen

weißen Schürze soeben ihr Diner zu serviren begann. Auf allen diesen

jugendlichen kräftigen Gesichtern war keine Spur von der Heiterkeit

ihres Alters zu entdecken, und Sorge und Kummer blickten aus Aller

Augen.

Der Lieutenant von Tschirschnitz strich den vollen blonden Schnurrbart

zur Seite und sprach, finster die Zähne zusammenbeißend, indem er sich

zu dem neben ihm sitzenden Kriegscommissair Ebers, dem einzigen älteren

Manne von der Gesellschaft wandte.

„Wie lange kann unsere Kasse noch reichen?“

„Vierzehn Tage vielleicht,“ erwiderte der Commissair Ebers

achselzuckend, „wenn wir uns auf das Äußerste einschränken, und wenn wir

alle unsere nothwendigsten Kleidungsstücke verkaufen, so können wir

vielleicht noch weitere vierzehn Tage gewinnen, dann aber ist es

jedenfalls aus.“

„Wer uns das gesagt hätte,“ rief der Lieutenant Götz von Ohlenhusen,

indem er einen tiefen Zug aus einem vor ihm stehenden Seidel Dreherschen

Bieres that, „als wir von Hannover auszogen und Alles im Stich ließen,

um uns dem Dienst des Königs zu erhalten —“

„Der hätte uns jedenfalls einen großen Dienst geleistet,“ sagte Herr von

Tschirschnitz, „ich hätte jetzt meine Kompagnie in Sachsen, eine

ehrenvolle Stellung und eine schöne Carriere vor mir, während wir uns

jetzt hier in einer Lage befinden, die in Wahrheit geeignet ist, selbst

unserem bisher unzerstörbaren Humor den Todesstoß zu geben. Hier im

fremden Lande ohne Mittel, ohne Stütze, ohne Anhalt — in Deutschland als

Hochverräther verurtheilt! — Wir werden bald in der Lage sein, daß kein

Fuß breit Erde, kein Athemzug Luft mehr in dieser Welt für uns übrig

ist.“

„Was bleibt uns übrig,“ sagte Herr von Götz finster, „als uns irgendwo

anwerben zu lassen. Man denkt ja daran, eine Fremdenlegion zu bilden.“

„Ein Glück für uns wäre es gewesen, wenn uns bei Langensalza eine Kugel

getroffen hätte,“ rief der Lieutenant von Dinklage, indem er ein großes

Glas Rothwein herunterstürzte und das leere Glas dann heftig auf den

Tisch stieß, „dann wären wir doch in Ehren aus der Welt gekommen, in

welcher wir doch keinen Raum mehr für ein anständiges Leben finden.“

Durch die Reihen der hier zahlreich versammelten Gäste trat schnell der

Major von Düring an den Tisch der Offiziere heran. Ihm folgte der

Regierungsrath Meding im Reiseanzug.

Die Offiziere erhoben sich.

„Mein Gott, Sie hier,“ rief Herr von Tschirschnitz, indem er dem

Regierungsrath Meding die Hand reichte, „was führt Sie aus der Schweiz

hierher? Will der König uns rufen? Will er irgend etwas unternehmen — in

diesem Augenblick?“

„Nein, meine Herren,“ sagte der Regierungsrath, indem er die übrigen

Offiziere herzlich begrüßte und mit Herrn von Düring an deren Tisch

Platz nahm. „Ich komme nicht vom Könige, ich habe keine Verbindung mit

Hietzing und erfahre nur zufällig und auf Umwegen, was dort vorgeht. Ich

bin nur hergekommen, weil unser Schicksal uns so lange Zeit mit einander

verbunden hat, und weil ich dringend wünschte, in diesem Augenblick der

schwersten Krisis, die die Welt seit lange erlebt hat, als Ihr alter

Freund und Ihr Genosse der Verbannung, Sie zu warnen und Sie auf das

dringendste zu bitten, sich um Gottes Willen in keine gefährlichen und

bedenklichen Unternehmungen einzulassen und allen Lockungen und

Anforderungen zu widerstehen, sie mögen kommen, woher sie wollen.“

„Wir haben eben darüber gesprochen, was aus uns werden soll,“ erwiderte

Herr von Tschirschnitz, „unsere Bezüge von Hietzing sind uns, wie Sie

wissen, seit lange entzogen. Wir haben Alle unsere Baarschaft

zusammengeschossen und damit diese Zeit her unter den äußerten

Einschränkungen gelebt — der Augenblick ist sehr nahe, in welchem wir

sämmtlich nichts mehr besitzen werden —“

„und in welchem uns nichts mehr übrig bleiben wird,“ rief Herr von Götz,

„als uns, wenn es sein muß, als gemeine Soldaten anwerben zu lassen.“

„Um Gottes Willen, meine Herren,“ rief der Regierungsrath

Meding, — „bedenken Sie, was Sie thun. Bedenken Sie, daß es sich in

diesem Augenblick nicht um eine erneute Aufnahme des Kampfes von 1866

handelt. Bedenken Sie, daß in diesem Krieg das ganze Deutschland vereint

gegen Frankreich steht. Bedenken Sie, daß jeder Deutsche, der in diesem

Augenblick in irgend einer Weise auf der Seite der Feinde unseres

gesammten Vaterlandes stünde, ewiger Schande verfallen müßte; daß die

Verachtung der Franzosen selbst ihn treffen würde, und daß selbst im

Falle eines französischen Sieges die deutsche Erde niemals wieder Raum

für ihn haben würde. Deshalb bin ich hierher gekommen, um Sie auf das

dringendste vor allen übereilten und verzweiflungsvollen Entschlüssen zu

warnen. Ich bitte und beschwöre Sie, verlassen Sie Frankreich, gehen Sie

nach der Schweiz und warten Sie dort die Ereignisse ab. Ich habe gehört,

daß hier durch den Grafen Breda Versuche gemacht werden, die Trümmer

der auseinander gesprengten Legion wieder zu vereinigen.“

Herr von Tschirschnitz lachte laut und höhnisch auf.

„Dieser Graf Breda,“ rief er, „ist ein Franzose, ein Agent des

dunkelsten Ultramontanismus — daß er sich als Vertreter des Königs von

Hannover gerirt und eine hannöversche Legion formiren will, das ist

allerdings die Krone von allem, was bis jetzt geschehen.“

„Aber,“ fiel Herr von Düring ein, indem er sich zu dem Regierungsrath

Meding wendete, „Sie kennen unsere Lage und ich kann Ihnen nur

wiederholen, was ich Ihnen schon sagte, als ich Sie vom Bahnhof

hierherbrachte, was bleibt uns denn anders übrig, als uns irgendwo auf

die möglichst anständige Weise todtschießen zu lassen. Wir haben keine

andere Rettung aus unserer Lage.“

Der Regierungsrath Meding blickte sinnend vor sich nieder.

Der Todesgruß der Legionen, 3. Band · 第 16 / 19 段