Luise stand langsam auf und trat an ein Pianino, welches zur Seite des

Fensters stand, sie öffnete dasselbe, setzte sich auf den davorstehenden

Sessel und schlug in einfachen kräftigen Accorden die ergreifende

Melodie des Chant du départ an, welche so mächtig und gewaltig alle

französischen Herzen erfaßt und die Erinnerung an jene von Begeisterung

glühenden Freiwilligen aufsteigen läßt, die voll Muth und

Todesverachtung nach den Grenzen hinauszogen, um dort Zeugniß abzulegen

für die edlen und großen Gedanken, welche in der Revolution lebten und

welche in dem blutigen Schlamme von Paris untergingen.

Leise bewegte Herr Challier die Lippen, die Melodie begleitend, — Herr

Vergier wandte sich ab und trat an das Fenster, nach dem dunkel

glühenden Abendhimmel hinausblickend.

„Ich habe gesiegt,“ flüsterte er vor sich hin, — „möchte nun,“ fuhr er

fort, indem ein düsterer Grimm in seinen Augen brannte, „die erste

französische Kugel jenen verhaßten Feind meines Landes treffen, der fast

das Glück meines Lebens zerstört hätte.“

Zehntes Capitel.

Eine unruhige, lebhaft bewegte Menge wogte in den Straßen von Paris

auf und nieder. Die Boulevards, die Champs Elysées, der Tuileriengarten,

Alles war mit Menschen gefüllt und überall sah man laut sprechende und

lebhaft gesticulirende Gruppen.

Die Zeitungen vom Abend vorher hatten die Nachricht verkündet, daß der

König von Preußen es verweigert habe, den Botschafter Frankreichs zu

empfangen und daß dieses die Würde Frankreichs beleidigende Factum durch

eine Depesche von Berlin den europäischen Höfen mitgetheilt sei.

Ungeheuer war die Aufregung, welche diese Mittheilung in ganz Paris

hervorgerufen hatte. Diese Aufregung wurde fortwährend gesteigert durch

alle die Mittel, über welche die Polizei des Kaiserreichs in so reichem

Maße verfügen konnte. Man sprach nicht mehr von der Candidatur des

Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron, eine Sache, die man

niemals so recht eigentlich begriffen und verstanden hatte. Man sprach

nicht mehr von dieser oder jener politischen Frage, man sprach nur noch

von der Beleidigung Frankreichs. Die ganze Entrüstung der Bevölkerung

richtete sich gegen diesen preußischen Minister, den die Erfolge von

Sadowa so weit verblendet hatten, daß er es wagen könne, Frankreich, das

unbesiegliche Frankreich, die erste Macht Europa's zu beleidigen. Im

Corps legislatif hatten zwar die Tage vorher die Mitglieder der Linken

die Vorlegung der Depesche verlangt, durch welche jene Thatsache von

Preußen den übrigen Mächten mitgetheilt worden wäre und sie hatten den

ausweichenden Antworten der Minister gegenüber die schärfsten Reden

gegen dieselben geführt.

Alle diese Reden hatten die Pariser nicht gehört und gelesen, denn man

las zu jener Zeit keine Journale, sie hatten sie auch nicht lesen

wollen, denn wenn die Pariser einmal bis zu einem gewissen Grade der

Erregung gelangt sind, so weisen sie jede Beruhigung zurück und steigern

in immer wachsendem Maße ihre Gefühle bis zur höchsten Siedehitze.

Die Nachricht hatte sich verbreitet, daß der Kaiser von St. Cloud

kommen werde, um in den Tuilerien einen Ministerrath abzuhalten.

Die glühende Mittagssonne, welche schon so oft die Pariser bis zum

politischen Wahnsinn exaltirt hatte, hielt sie auch diesmal nicht ab, in

dicht gedrängten Massen auf den Champs Elysées, der Place la Concorde

und auf dem Carousselplatz die Ankunft des Kaisers zu erwarten.

Endlich hörte man vom Arc de Triomphe her laute Hochrufe erschallen und

bald sah man die beiden Piqueurs in den grün goldenen Livreen, welche

der vierspännigen Kalesche des Kaisers voranritten an dem Eingang der

Champs Elysées nach dem Place la Concorde zu.

Der Kaiser hatte keine militairische Escorte, er saß in Civil gekleidet,

mit dem General Favé allein im Wagen, der langsam über den

Eintrachtsplatz fuhr, der so von Menschen angefüllt war, daß nur mit

Mühe ein Weg für die kaiserliche Equipage frei gemacht werden konnte.

Der Kaiser sah wohler und heiterer aus, als man ihn in den letzten Tagen

zu sehen gewohnt gewesen war. Er saß gerade aufgerichtet da, ein

heiteres stolzes Lächeln lag auf seinem Gesicht und mit offenen klaren

Blicken sah er über diese Menschenmassen hin, welche ihn mit einem

Enthusiasmus, den er in solchem Maße lange nicht mehr gewohnt war, mit

unausgesetzten Hurrahrufen begrüßten.

Napoleon dankte wiederholt mit der Hand winkend und wendete sich

zuweilen mit heiterer Miene zu dem General, um demselben einige Worte zu

sagen.

Als der Wagen dem alten Hotel Talleyrands gegenüber in die Rue Rivoli

bog, stimmte eine dort stehende Gruppe junger Leute, die Hüte dem Kaiser

entgegen schwenkend mit lauter Stimme die Marseillaise an.

Napoleon wandte schnell den Kopf nach der Seite hin, woher diese so

lange in Frankreich verpönten Töne erklangen, — er hätte auf alle Grüße

bisher nur mit freundlichen Handbewegungen gedankt. Jetzt nahm er den

Hut ab und hielt denselben, den Kopf nach jener Gruppe hinneigend, so

lange in der Hand, bis der Wagen sich der Eingangsthür des innern Hofes

der Tuilerien näherte.

Ein betäubender Jubelruf, welcher sich bis auf den Carousselplatz

fortsetzte, dankte dem Kaiser für diese dem wieder erwachten

Nationalhymnus dargebrachte Huldigung, und immer heiterer und stolzer

wurde das Gesicht des Kaisers, der nun im schnellen Trabe durch den

innern Hof am großen Portal des Pavillon de l'Horloge vorfuhr; indem er

sich nur ganz leicht auf den Arm des General Favé stützte, stieg er mit

elastischen Schritten die Treppe hinauf und trat in sein Cabinet.

„Sind die Minister hier,“ fragte er den Huissier, der ihm die Thür

öffnete.

„Zu Befehl, Sire.“

„Ich lasse Sie bitten sogleich einzutreten.“ Wenige Augenblicke darauf

traten der Herzog von Gramont, Herr Emil Ollivier und der Marschall Le

Boeuf in das Cabinet des Kaisers.

Trotz seiner vornehmen, ruhigen Sicherheit zeigte der Herzog von Gramont

eine gewisse Präoccupation, ein wenig unruhig und leicht befangen

blickte er auf den Kaiser, der stolz aufgerichtet, die Hand auf die

Lehne seines Sessels gestützt, neben dem runden Tisch in der Mitte des

Cabinets stand und mit freundlichem Kopfneigen die drei Minister

begrüßte.

Herr Ollivier befand sich in zitternder, nervöser Erregung. Sein Gesicht

war bleicher als sonst, seine Lippen zuckten und sein unsicheres Auge

blickte fast fieberhaft brennend unter der schmalen Brille hervor.

Die schwere markige Gestalt des Marschall Le Boeuf stand fest und ruhig

da wie immer, sein martialisches Gesicht mit den etwas starr blickenden

Augen und dem mächtigen Schnurrbart zeigte keinen anderen Ausdruck als

den einer ruhigen, sorglosen Sicherheit.

Auf einen Wink des Kaisers nahmen die drei Herren um den Tisch Platz, an

dessen Mitte Napoleon sich niederließ.

„Die Lage ist ernst, meine Herren,“ sagte der Kaiser mit fester voll

klingender Stimme und ohne jenen Ausdruck unschlüssigen Zögerns, der

sonst auf seinem Gesicht zu liegen pflegte. „Preußen hat die

Verhandlungen, welche ich in dem versöhnlichsten Sinne begonnen,

abgebrochen, und wir werden demgemäß unsere Entschlüsse zu fassen haben.

Sie haben mir mitgetheilt, Herr Herzog, daß der König von Preußen in

beleidigender Weise Benedetti zu empfangen, verweigert habe.“

Der Herzog hustete leicht.

„Die Beleidigung, welche Preußen gegen uns begangen, Sire,“ sagte er,

„liegt nicht so sehr in der Weigerung des Königs mit Benedetti über

diesen Gegenstand nicht mehr sprechen zu wollen, da er ihm bereits seine

Meinung bestimmt und endgültig mitgetheilt hatte, als in der Thatsache,

daß die Weigerung von Berlin aus den übrigen europäischen Mächten

mitgetheilt wurde.“

Ein sprühendes Feuer blitzte in den groß geöffneten Augen des Kaisers

auf.

„Das hat man gethan?“ rief er.

„Ich habe heute morgen von allen Seiten,“ erwiderte der Herzog von

Gramont, „die Mittheilung darüber durch unsere Vertreter erhalten,

überall ist das Factum durch die preußischen Diplomaten mitgetheilt

worden, und hierin, Sire, erblicke ich das letzte Glied in jener Kette

von Nichtachtung, Provokationen und Beleidigungen gegen uns, welche

Preußen seit langer Zeit an einander gefügt hat. Mein französisches

Gefühl, Sire, empört sich, das Maß der Geduld und Langmuth ist voll. War

es schon sachlich, nachdem der König von Preußen die verlangte

Genugthuung und Garantie für die Zukunft verweigert, sehr schwer, eine

friedliche Lösung für die vorliegende Differenz zu finden, so ist dies

nach meiner Überzeugung, welche von meinen Collegen getheilt wird,

nunmehr ganz unmöglich. Die öffentliche Meinung ist in einer Weise

aufgeregt, daß wenn nicht die energischste und festeste Antwort auf

diese preußische Beleidigung erfolgt, der ganze Zorn des empörten

Nationalgefühls sich gegen die Regierung wenden wird. Nach meiner

Überzeugung kann diese Antwort nur eine einzige sein. Der Würfel ist

gefallen, Sire! Wir müssen den Krieg erklären!“

Der Kaiser blickte auf Ollivier und den Marschall Leboeuf.

Auf ihren Zügen lag deutlich die Zustimmung zu den Worten des Collegen.

Napoleon erhob das Haupt und sagte ruhig und fest:

„Ihre Ansicht, Herzog, ist die meinige. Ich habe soeben selbst die

mächtige Erregung der Bevölkerung wahrgenommen, und eine Regierung, die

wie die meinige auf dem Willen des Volkes beruht, muß einer so

gewaltigen und einmüthigen Strömung des Nationalgefühls folgen. Ich

konnte in den diplomatischen Fragen der Erhaltung des Friedens

Zugeständnisse machen, und ich habe dies gethan seit einer Reihe von

Jahren, ich habe die Ansprüche, welche Frankreich machen konnte und

vielleicht noch entschiedener hätte machen sollen, um das gestörte

Gleichgewicht in Europa wieder herzustellen, vertagt, bis dieselben

vielleicht durch günstige diplomatische Constellationen ohne

kriegerische Conflicte hätten durchgeführt werden können. Ich habe

Vorschläge auf Vorschläge nach Berlin gehen lassen, um durch Erlangung

von Compensationen die Freundschaft mit Preußen zu erhalten und

vielleicht auch zu einer Allianz mit demselben zu kommen. Man hat das

Alles zurückgewiesen und ich habe geschwiegen, — immer wartend, immer

noch hoffend, endlich doch ein Arrangement zu erreichen. Jetzt aber

handelt es sich nicht mehr um das europäische Gleichgewicht, es handelt

sich nicht mehr um diese oder jene politischen Arrangements, — Frankreich

ist beleidigt! Die Ehre Frankreichs ist engagirt! — Es giebt für mich nur

einen Weg, und diesen Weg bin ich um so fester und um so ruhiger zu

gehen entschlossen, als die hohe nationale Begeisterung mir die

Bürgschaft giebt, daß selbst im Falle unglücklicher Zwischenfälle das

ganze Volk um so einmüthiger und fester hinter mir stehen wird.“

Der Herzog von Gramont athmete auf, seine anfängliche Befangenheit

schwand bei den Worten des Kaisers, stolze Freude lag auf seinem

Gesicht.

„Ich glaube an den Sieg, Sire,“ rief Ollivier mit einer gewissen,

ungeduldigen Hast das Wort ergreifend, als der Kaiser schwieg. „Denn wir

sind stark und gerüstet nach allen Seiten. Aber sollte auch ein

augenblicklicher Mißerfolg uns treffen, so wird dies die nationale

Begeisterung noch mehr und mehr entflammen, und das Kaiserreich wird

sich in diesem heiligen Feuer immer fester und unauflöslicher mit dem

Blut und Leben der Nation verbinden. Eure Majestät wissen, wie ich den

Frieden gewünscht habe, wie die Erhaltung des Friedens meine Bedingung

bei Übernahme des Portefeuilles war, wenn ich jetzt sage: Der Krieg ist

nothwendig, sofortige Kriegserklärung ist eine nationale Pflicht für

Eure Majestät, dann werden Sie überzeugt sein, daß kaum Jemand in

Frankreich in diesem Augenblick den Frieden wünschen kann, wenn er nicht

zu gleicher Zeit der Feind Eurer Majestät und des Kaiserreichs ist, wenn

er nicht wünscht, daß das Kaiserreich sich von dem nationalen Aufschwung

trennen und damit den ersten Schritt zu seinem Untergang thun soll.“

„Herr Thiers wünscht den Frieden,“ sagte der Kaiser leicht lächelnd, „er

hat sich im Corps legislatif und auch sonst so öffentlich als möglich

dafür ausgesprochen.“

„Die öffentliche Meinung, Sire,“ erwiderte Herr Ollivier, „hat ihm

sogleich darauf die Antwort gegeben, man hat vor seinem Hotel sehr

lebhafte Demonstrationen gemacht und ihm zugerufen. „Nieder mit dem

kleinen Preußen!“

„Herr Thiers sollte nicht vergessen,“ sagte der Kaiser, „daß sein König

Louis Philippe gefallen ist, weil er einen Krieg nicht führen wollte,

den das Nationalgefühl verlangte, und weil er die Demüthigung

Frankreichs weiter trieb, als der französische Stolz es ertragen kann.

Vielleicht möchte Herr Thiers wünschen daß ich denselben Fehler begehe,

um demselben Schicksal zu verfallen, — sein Wunsch soll nicht erfüllt

werden. Wollen Sie, mein lieber Herzog, mit Herrn Ollivier die

Kriegserklärung entwerfen? Ich werde morgen wieder hereinkommen, da ich

Sie in dieser viel bewegten Zeit, nicht durch eine Fahrt nach St. Cloud

ihren Geschäften entziehen darf, um dann im gesammten Ministerrath die

Erklärung fest zu stellen. Bereiten Sie die Pässe für den Baron Werther

vor.“

„Der Baron, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „ist heute bereits

bei mir gewesen, um mir anzuzeigen, daß er sich auf Urlaub begebe. Es

sind,“ fuhr er fort, „vor seinem Hotel einige unangenehme

Demonstrationen vorgekommen.“

„Man soll dort sogleich starke Polizeimacht, — wenn es nöthig ist,

Truppen aufstellen,“ rief der Kaiser, „und den Botschafter gegen jede

feindliche Kundgebung auf das Entschiedenste schützen. Die nationale

Entrüstung darf die Grenzen der völkerrechtlichen Pflichten und des

Anstandes, den die civilisirten Nationen unter allen Umständen einander

schuldig sind, nicht überschreiten. Nun aber, meine Herren,“ sagte er

dann, „nachdem der entscheidende Entschluß gefaßt ist, haben wir nicht

mehr rückwärts, sondern vorwärts zu blicken. Wir müssen uns klar machen,

auf welche Weise wir alle Chancen des Erfolges auf unserer Seite

vereinigen. Wie stehen unsere Beziehungen zu den Mächten? Haben wir

Aussichten auf Allianzen und directe Unterstützungen?“ fragte er, zum

Herzog von Gramont gewendet, — „unsere ganze Diplomatie muß die höchste

Anstrengung entwickeln, um der militairischen Action zur Seite zu

stehen.“

„Alle Mächte, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „haben die

Gerechtigkeit unserer Forderung auf Beseitigung der Hohenzollernschen

Candidatur anerkannt, und es liegt in der Natur der Sache, daß

Österreich, Schweden und Dänemark schon zu Anfang eine uns freundliche

Neutralität beobachten werden. Auch rechne ich auf die Preußen so

äußerst feindliche Stimmung in Süddeutschland, so wie auf die

unterwühlten Zustände in den annectirten Provinzen.“

„Alles das ist gut,“ sagte der Kaiser mit einer leichten Nüance von

Ungeduld im Ton, „aber wir haben keine bestimmten Thatsachen, keine

bestimmten Erklärungen.“

„Ich kann die vielfachen Versicherungen des Herrn von Beust über die

Identität der Interessen Frankreichs und Österreichs,“ erwiderte der

Herzog, „nur als die Grundlage der bestimmten Erwartung ansehen, daß

Österreich mindestens bei den ersten günstigen Erfolgen unserer Waffen

activ auf unsere Seite treten werde. Noch gestern habe ich eine Depesche

des Herrn von Beust erhalten, in welcher jene Versicherungen wiederholt

werden und zugleich ausgesprochen ist, daß Österreich für den Erfolg

unserer Waffen Alles in den Grenzen der Möglichkeit Liegende thun

werde, — ich habe Eurer Majestät diese Depeschen sofort zugehen lassen —“

„Ich habe sie gelesen,“ sagte Napoleon die Achseln zuckend, „die Grenzen

der österreichischen Möglichkeiten sind sehr weit gezogen, — Fürst

Metternich hat mich beschworen, den Conflict zu vermeiden.“

„Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „ich gebe auf die officiellen

Schritte Österreichs wenig, sie werden gethan, um nach allen Seiten hin

sich zu decken und die neutrale Haltung constatiren zu können. Ich lege

das Hauptgewicht auf meine Kenntnisse der dortigen Verhältnisse und auf

den natürlichen und nothwendigen Wunsch, von dem sowohl der Kaiser als

Herr von Beust beseelt sein müssen, jede Gelegenheit zu benutzen, um die

Niederlage von 1866 wieder gut zu machen.“

„Ich rechne nicht auf Österreich,“ sagte der Kaiser, „seit Jahren habe

ich dort nichts gefunden, als ohnmächtige Wünsche und schwankendes

Zögern, das sich nach keiner Seite compromittiren möchte. Etwas Anderes

ist es mit den Sympathien, die wir in Deutschland selbst finden könnten.

Baiern und Würtemberg sind durch Frankreich auf ihre heutige Stellung

erhoben, sie werden sich hoffentlich daran erinnern, und in Baiern hat

ja die ultramontane Partei eifrig in diesem Sinne gearbeitet. Auf die

annectirten Provinzen rechne ich weniger, — höchstens bei einem Rückzug

der preußischen Armee könnte uns dort ein Aufstand unterstützen.“

„Ich muß Eurer Majestät mittheilen,“ sagte der Herzog von Gramont, „daß

sich ein Graf Breda auf dem auswärtigen Ministerium gemeldet hat,

welcher Propositionen zu einem Bündniß mit dem König von Hannover zu

machen beauftragt sein will.“

„Graf Breda?“ fragte der Kaiser, „derselbe, der früher bei unserer

Gesandtschaft in Stockholm war und dort —“

„Derselbe, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „er scheint jetzt

im Dienste der Depossedirten seine unterbrochene diplomatische Carriere

fortsetzen zu wollen.“

Der Kaiser zuckte die Achseln.

„Was proponirt er,“ fragte er.

„Ein hannöversches Corps von zwanzigtausend Mann, wogegen im Fall des

Sieges die früheren Besitzungen des Welfenhauses zu einem

Niedersächsischen Königreich wieder vereinigt werden sollen.“

Napoleon lächelte mitleidig.

„Ein Corps von zwanzigtausend Mann,“ sagte er, — „nachdem der König seine

Legion, die ihm vielleicht die Möglichkeit hätte geben können, in die

Entwickelung der Action einzugreifen, nach allen vier Winden zerstreut

hat. Der arme König,“ fuhr er fort, „welch ein trauriges Schicksal, — in

welche Hände ist dieser arme Fürst gefallen, — ich bitte Sie, mein lieber

Herzog, diesen Grafen Breda nicht zu empfangen. Der beste Dienst, den

ich dem unglücklichen König von Hannover leisten kann, ist der, daß ich

solche Propositionen von Personen, die sich für seine Agenten ausgeben,

vollständig ignorire. Wollen die Hannoveraner sich zu seinen Gunsten

erheben, so mögen sie es thun, ich kann mich mit dieser Sache nicht

weiter befassen und ohne jeden Nutzen und Beistand den Kampf mit Preußen

nicht auf das Äußerste verbittern, — übrigens bin ich überzeugt, daß der

arme König von solchen abenteuerlichen Propositionen selbst garnichts

weiß und daß er mir dankbar sein wird, wenn ich dieselben der

Vergessenheit übergebe.

„Ich habe ein Programm an die deutschen Völker entworfen,“ sagte er nach

einer kurzen Pause, „in welchem ich ihnen sage, daß ich nicht die

Grenzen überschreite, um Deutschland den Krieg zu erklären, daß ich im

Gegentheil Deutschland befreien will von einer übermächtigen und

übermüthigen Gewalt, welche die freie Autonomie und Selbstbestimmung der

deutschen Stämme vernichtet, und daß ich vor allen Dingen keine

Eroberung auf deutschem Boden machen will —“

„Eine solche Proclamation, Sire,“ fiel Herr Ollivier lebhaft ein, „ist

vortrefflich und wird unendlich dazu beitragen, daß Preußen in

Deutschland selbst jede moralische Unterstützung verliert. Wenn ich in

demselben Sinne eine Rede im Corps legislatif hielte —“

„Das französische Nationalgefühl, Sire,“ sagte der Marschall Leboeuf,

indem er seinen großen starken Schnurrbart an beiden Enden heraufdrehte,

„wird einen solchen platonischen Krieg nicht verstehen. Der

öffentlichen Meinung in Frankreich im Allgemeinen,“ fuhr er fort, „ist

es sehr gleichgültig, wie Deutschland sich constituirt, ob es unter

preußischer Suprematie steht oder nicht, wenn nur Frankreich den Rhein

besitzt, so mag dann auf der andern Seite desselben geschehen, was da

will.“

Der Kaiser blickte fragend auf den Herzog von Gramont.

„Was der Herr Marschall so eben bemerkt, Sire,“ sagte dieser, „scheint

mir nicht unbegründet, auf der andern Seite aber erkenne ich die Wirkung

einer Proclamation, wie Eure Majestät die Gnade hatten, sie anzudeuten

im hohen Grade an, sowohl in Betreff ihrer Wirkung auf die süddeutsche

Bevölkerung, als auch auf die übrigen europäischen Cabinette. Denn durch

eine solche Proclamation würde der Vorwurf eines Eroberungskrieges von

Frankreich zurückgewiesen werden. Es käme nur darauf an, durch eine

geschickte Fassung der Worte beiden Gesichtspunkten gerecht zu werden,

und die Proclamation so zu redigiren, daß sie sowohl in Frankreich, als

auch in Deutschland eine günstige Wirkung erzielt.“

„Eine solche Redaction wird sich finden lassen,“ rief Herr Ollivier,

„wenn Eure Majestät —“

„So ganz platonisch,“ sagte der Kaiser lächelnd, „würde übrigens der

Krieg nicht sein. Zunächst wird Jedermann erkennen, daß wenn wir siegen

und wenn dadurch die Constituirung eines politisch und militairisch

geeinigten Deutschlands unter preußischer Führung definitiv verhindert

wird, die Erwerbung von Compensationen auf deutschem oder anderem Gebiet

weit weniger nothwendig wird, als sie es wäre, wenn wir uns mit dem

preußischen Deutschland in Güte verständigen wollten, — sodann aber wird

wohl Niemand in ganz Europa dem siegreichen Frankreich das Recht

streitig machen wollen, diejenigen Grenzen zurückzufordern, welche man

ihm im Jahre 1814 zugestand, als es von der europäischen Coalition

besiegt darniederlag, und Niemand wird in der Wiederherstellung dieser

damals von ganz Europa sanctionirten Grenzen eine Eroberung erblicken

können.“

Der Geheimsecretair Pietri trat durch den besondern, für ihn bestimmten

Eingang in das Cabinet.

„Sire,“ sagte er, „es sind zwei Depeschen vom auswärtigen Amt so eben

gebracht worden, um dieselben dem Herrn Herzog von Gramont zu

übergeben —“

„Ich habe die Anweisung hinterlassen, Sire,“ fiel der Herzog ein, „alle

ankommenden Depeschen sofort hierherzubringen, da sie für die von Eurer

Majestät zu fassenden Entschlüsse von Einfluß sein könnten.“

Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf und auf seinen Wink reichte Pietri

die beiden Depeschen, welche er in der Hand hielt, dem Herzog von

Gramont, der sie schnell eröffnete und ihren Inhalt überflog.

Er erbleichte und eine unruhige, zornige Erregung trat an die Stelle der

heitern, sorglosen Zuversicht, welche bisher auf seinen Zügen gelegen

hatte.

„Nun,“ fragte der Kaiser, forschend in das so schnell veränderte Gesicht

des Herzogs blickend.

„Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, indem die Depeschen in seinen

Händen leise zitterten, „eine ebenso unerwartete als unangenehme

Nachricht! Aus München und Stuttgart wird gemeldet, daß man dort an dem

Bündniß mit Preußen festhält, die Armee mobil gemacht und unter den

Befehl des Königs von Preußen gestellt hat, — unsere Gesandten sehen

jeden Augenblick der Zustellung ihrer Pässe entgegen.“

Ollivier blickte ganz erstaunt und unruhig umher.

Der Marschall Leboeuf strich lächelnd über seinen dichten, mächtig

hervorspringenden Kinnbart, — der Kaiser blickte einen Augenblick in

düsterm Schweigen vor sich nieder, dann hob er mit klarem, stolzem Blick

das Haupt wieder empor und sagte.

Der Todesgruß der Legionen, 3. Band · 第 15 / 19 段