Wie die Blume vor dem mächtig niederrauschenden Wetter ihr Haupt senkt,

um es später wieder frisch und duftig erheben, wie sie, wenn die Blüthe

gebrochen wird, neue Blüthen treibt, so kann ein mächtiger Wetterschlag

des Schicksals das menschliche Herz und den menschlichen Geist schwer

und gewaltig erschüttern; aber nach dieser Erschütterung richtet sich

der Muth wieder empor, die Kraft kehrt zurück, und neues Glück, neue

Freude können unter wiederkehrendem Sonnenschein freundlicher

Schicksalswendungen erwachsen.

Aber wie die Pflanze, der in dürrer Erde das Wasser entzogen wird,

langsam erstirbt, vergeblich lechzend nach frischer erquickender

Lebenskraft, und wie die vertrockneten Blüthen die verdorrten Blätter,

langsam erstarrt und gestorben, sich niemals wieder zu neuem Leben

aufrichten können, so tödtet und erstarrt das langsame erbarmungslose

Verschwinden der Hoffnung den Glauben des menschlichen Herzens, und wenn

es auch mechanisch in regelmäßigem Pulsschlag das Blut durch die Adern

treibt, sein inneres Leben, der Duft und die Farben kehren ihm nie

wieder zurück, und es ist todt, lange, lange, bevor es aufhört, zu

schlagen.

So erstarb langsam und qualvoll die Freude und das Glück und endlich die

Hoffnung und der Glaube in dem Herzen des jungen Mädchens, und wenn auch

die Liebe, diese Tochter des Himmels, welche in dem geschaffenen

Menschen Alles überlebt, weil sie unsterblich ist, wie der Schöpfer, der

sie in sein Geschöpf legte, — wenn auch diese Liebe nicht aus ihrem

Herzen verschwand, so erfüllte sie doch das Herz nicht mehr mit Licht

und Wärme. Es war nur noch eine traurige Flamme frommer Erinnerung wie

die ewige Lampe in einem Grabgewölbe.

Luise hatte sich zuerst in ihrer feurigen und kräftigen Natur lebhaft

aufgebäumt gegen den Gedanken, daß der, den sie so sehr liebte und an

dem ihr Herz mit so vollem und hingebendem Vertrauen hing, sie so

schnell habe vergessen können.

Qualvolle Unruhe, Zorn, Erbitterung hatten sie erfüllt, immer und immer

wieder hatte sie Gründe für sein Verstummen gesucht, und von Neuem hatte

sie ihre Hoffnungen wieder aufgerichtet, um sie immer wieder von Neuem

zusammen sinken zu sehen. Und alle diese Kämpfe, alle diese Qualen und

Leiden hatte sie tief in sich selbst verschlossen.

Mit lächelnder Miene hatte sie, als ihr Vater anfing, seine Verwunderung

über das Schweigen des jungen Mannes auszusprechen, Gründe aufgesucht,

an welche sie selbst nicht glaubte. Mit Anstrengung aller Willenskraft

hatte sie sich den Tag über aufrecht erhalten, um vor den Augen ihres

Vaters und ihrer Hausgenossen ruhig und heiter zu erscheinen;

sorgfältig hatte sie am Morgen ihre von Thränen und Nachtwachen

gerötheten Augen gekühlt, um die Spuren ihres innern Leidens zu

verbergen, und stolz und kalt hatte sie Herrn Vergier, wenn derselbe sie

zuweilen mit dem Anschein freundlicher Theilnahme nach dem jungen Cappei

fragte, geantwortet, daß derselbe sich vortrefflich befinde, und daß sie

hoffe, er werde bald zurückkehren.

Endlich aber war das Alles über ihre Kräfte gegangen, alle Gründe, die

sie für sich selbst und ihren Vater aufsuchen mochte, konnten nicht mehr

ausreichen, um dies wochenlange Schweigen des jungen Hannoveraners zu

erklären, und als endlich eines Tages der alte Challier deutlicher und

bestimmter seine Besorgnisse und seine Unruhe über das Benehmen des

jungen Mannes, zu dem er so großes Vertrauen gehabt, aussprach, da war

sie wie gebrochen in sich zusammen gesunken, zu schwach, den Kampf

länger auszuhalten und ihre inneren Qualen unter lächelnder Miene zu

verbergen.

Ein Strom heißer Thränen stürzte aus ihren Augen und laut schluchzend

warf sie sich in die Arme ihres Vaters.

„Oh, er hat mich verlassen!“ rief sie. „Er hat mich vergessen! Er hat

sein Spiel mir getrieben hier in der Verbannung, — nun er zurückgekehrt

ist zu den Seinen in sein Vaterland und in seine alte Heimath, da

gedenkt er meiner nicht mehr. Und,“ fuhr sie heftiger weinend fort, „da

hält er es nicht einmal für nöthig, einen Vorwand zu suchen — mir ein

Wort des Abschieds zu sagen! Nein, er läßt mich langsam vergehen in

vergeblicher Erwartung! Oh, das ist schlecht,“ rief sie, den Kopf

emporhebend und mit fast verwirrtem Blick im Zimmer umher starrend — „das

ist schlecht, das habe ich nicht um ihn verdient! Ich habe ihn doch so

sehr geliebt, und auch jetzt noch liebe ich ihn,“ rief sie. „Ich zürne,

mir selbst, fast möchte ich mich verachten, daß ich ihn noch lieben

kann. Aber dann wieder, wenn sein Bild vor mich hintritt, wenn ich an

seine Augen denke, die so gut und treu blicken, an alle seine Worte so

voll Wahrheit und tiefen Gefühls — dann kann ich es nicht glauben, kann

ich es nicht für möglich halten, daß er mich so vergessen, so unwürdig

bei Seite werfen sollte, dann erfaßt mich eine namenlose Angst, daß ihm

ein Unglück widerfahren sei, daß er todt sein möchte. Oh, mein Gott,

mein Gott,“ rief sie laut aufschreiend, „gieb mir ein Ende dieser

Qualen, ein Ende dieser Angst, nur einen Lichtblick der Gewißheit, und

wäre es die traurigste, die schmerzlichste, sie wäre ein Glück gegen

diesen Zustand.“

Ernst und traurig hatte der alte Herr Challier diesen so plötzlichen

Ausbruch des Jammers seiner Tochter mit angehört. Voll tiefen,

liebevollen Mitgefühls sah er auf das junge Mädchen herab, welches

zitternd in sich zusammen geschmiegt vor ihm stand, die Hände gefaltet

und den brennenden Blick fragend auf ihn gerichtet, als erwarte sie von

ihm das Licht und die Aufklärung nach denen ihre Seele dürstete.

„Meine Tochter,“ sagte er, „gieb Dich nicht der Verzweiflung hin. Das

Leben bietet harte und schwere Schicksalsschläge genug, es muß immer in

unserm Herzen etwas leben, das uns über das Unglück erhebt, und wäre es

nur der Stolz und das muthige Selbstgefühl, welches eine Tochter der

Bragars niemals verlassen soll.“

„Oh, mein Vater,“ rief sie, „ich würde Muth und Kraft haben, Alles zu

ertragen, wenn er mir gestorben wäre, wenn die Hand der Vorsehung mit

unwiderstehlicher übermächtiger Gewalt in meine Hoffnungen und in die

Träume meines Glücks eingegriffen hätte; aber daß es so enden soll, daß

er mich vergißt, daß er aus dem Kreise meines Lebens verschwindet, ohne

daß ich weiß wodurch und warum. Das, mein Vater, zerstört meinen Geist,

das zerbricht meinen Willen und meine Kraft, das untergräbt mein

Vertrauen an die Gerechtigkeit Gottes.“

„Wenn er sich unwürdig gegen Dich betragen hat, mein Kind, wenn er Dich

so leicht vergessen konnte, so sollte Dein Stolz sich um so höher

erheben und Dir den Willen und die Kraft Deiner Seele wiedergeben,“

sagte Herr Challier mit ernstem, fast vorwurfsvollem Ton. „Aber,“ fuhr

er fort, „noch ist es so weit nicht, noch kann irgend ein Mißverständniß

vorliegen. Er kann krank geworden sein, — wenn ich an den jungen Mann

zurückdenke, wie ich ihn gekannt habe, als er unter uns lebte, wenn ich

mir sein ganzes Wesen, seinen Charakter vergegenwärtige, so kann ich es

kaum glauben, daß er Dich so leicht vergessen und verlassen hat; und ich

muß fast an irgend ein äußeres Hinderniß glauben, das diesem

unerklärlichen Schweigen zu Grunde liegt.“

„Das sagt auch mir mein Herz,“ rief Luise, indem sie mit einem dankbaren

und hoffnungsvollen Ausdruck zugleich ihren Vater ansah, „eine Stimme in

meinem Innern ruft mir zu, er kann nicht so niedrig, so schlecht und

undankbar sein, um, selbst wenn das Schicksal unserer Verbindung

unübersteigliche Hindernisse in den Weg entgegenstellte, sich so von mir

zu trennen.“

„Wenn Du das glaubst,“ sagte der alte Challier, „so mußt Du an ihn

schreiben und Erklärung von ihm verlangen. Ist er krank, was ja möglich

ist, so wird der Brief in die Hände der Seinigen kommen, und Alles wird

klar werden.“

„Ich soll ihm zuerst schreiben,“ rief Luise, indem eine dunkle Röthe ihr

Gesicht überflog, „ich soll ihn mit meiner Liebe verfolgen — wenn er mich

vergessen hätte.“

„Wenn Du ihn liebst,“ sagte Herr Challier, „wenn Du Vertrauen zu ihm

hast, so bist Du ihm und Dir selber schuldig, jenen Schritt zu thun, der

Dir Aufklärung über ein Mißverständniß oder die unleugbare Gewißheit

seiner Unwürdigkeit giebt. Es mag ihm widerfahren sein, was da wolle, so

wird Dein Brief in die Hände seiner Angehörigen kommen und Du wirst

irgend eine Nachricht erhalten. Und nur wenn er Dich wirklich verlassen

will, oder wenn er uns eine falsche Adresse gegeben hätte, um seine Spur

verschwinden zu lassen, wirst Du ohne Antwort bleiben.“

„Du hast Recht, mein Vater,“ sagte Luise, „ich will den Glauben und das

Vertrauen nicht so leicht aufgeben. Ich will ihm schreiben.“

Sie ging sogleich in ihr Zimmer und schrieb in fliegender Eile Alles,

was ihr Herz ihr eingab, und als sie geendet hatte und den Brief nochmal

überlas, sprach sie hoch aufathmend zu sich selbst:

„Wenn dieser Brief in die Hände seiner Mutter gelangt, wenn er nur von

einem Menschen gelesen wird, der ein fühlendes Herz hat, so werde ich

erfahren, was ihm begegnet ist, und warum ich keine Nachricht von ihm

erhalten habe.“

Ihr Vater las den Brief, den sie geschrieben, mit wehmüthigem Blick,

voll inniger Theilnahme sah er sein Kind an. Die ganze Qual ihres

Herzens lag zwischen den Zeilen.

Er siegelte den Brief und versah ihn mit der Adresse, welche Cappei

zurückgelassen hatte und brachte ihn selbst zur Post.

Abermals begann nun jene Zeit der unruhigen Erwartung, des bangen

Zweifelns zwischen Furcht und Hoffen. Abermals zählte das junge Mädchen

die Tage, welche ihr eine Antwort bringen konnten. Abermals aber

verflossen diese Tage, ohne daß die ersehnte Nachricht kam, abermals

arbeitete sich ihr gemartertes Herz durch alle Fasern dieses

entsetzlichen Wartens hindurch, dessen Pein keine Ruhe und Rast, keinen

Unterschied zwischen Tag und Nacht kennt.

Bleicher und bleicher wurden die Züge dieses sonst so lebensfrischen

Gesichts, aber es war diesmal nicht die zitternde, sehnsuchtsvolle

Unruhe, nicht die schmerzvoll ringende Verzweiflung, welche sich in

diesen Zügen malte. Kalt, finster und stolz wurde der Blick des jungen

Mädchens, oft lächelten ihre Lippen bitter oder preßten sich mit dem

Ausdruck düsterer Resignation auf einander. Kalt und ruhig ging sie

einher, verrichtete genau und pünktlich ihre häuslichen Besorgungen, und

sorgfältig wich sie jedem Gespräch mit ihrem Vater aus, welcher mit

kummervollen Blicken ihr Treiben beobachtete.

Es waren fast drei Wochen vergangen, seit sie ihren Brief abgesendet, da

trat sie eines Tages ernst und ruhig vor ihren Vater hin, als derselbe

nach dem Diner in seinem Lehnstuhl saß und mit klarem Blick und mit

fester Stimme sprach sie zu ihm:

„Es ist jetzt vorbei, mein Vater, der Traum, welcher eine Zeit lang mein

Leben erfüllte, ist ausgeträumt. Die Liebe, welche mein ganzes Wesen

durchdrang, ist in meinem Herzen gestorben, ich habe sie ausgerissen mit

den letzten Wurzeln, ich habe sie verachten gelernt und will sie nun

auch vergessen können. Du hast Recht gehabt, mein Vater, der Stolz

giebt die Kraft, sich aus dem Bann leidenden Jammers zu erheben und im

Gefühl der eigenen Würde die Niedrigkeit und Schlechtigkeit derer zu

vergessen, die unser Herz mit Füßen traten. Ich habe ein Jahr meines

Lebens verloren — das ist Alles,“ sagte sie bitter und hart, „vielleicht

habe ich dabei gewonnen, denn ich habe die Menschen verachten und die

eigene Kraft schätzen gelernt. Nimm mich hin, mein Vater, es ist Alles,

wie es früher war, Deine Tochter gehört wieder Dir und Dir ganz allein.“

Sie schlang ihre Arme um die Schultern ihres Vaters und ließ ihren Kopf

an seine Brust sinken. Ein leises Zittern flog durch ihre Gestalt wie

eine letzte Regung des tief schneidenden Schmerzes, der so lange ihr

innerstes Wesen erschüttert hatte.

Dann aber hob sie den Kopf empor und blickte ihren Vater fest an, wie um

zu zeigen, daß ihre Kraft größer sei, als ihr Schmerz. Ihre Gesichtszüge

waren ruhig und unbeweglich, ihre Augen klar und trocken.

Ihr Vater schüttelte langsam und schmerzlich den Kopf.

„Ich freue mich,“ sagte er, „daß Du die eigene Kraft kennen und schätzen

gelernt hast, aber nicht so darfst Du in Dein künftiges Leben gehen, Du

darfst die Menschen nicht verachten, weil Einer sich Dir niedrig gezeigt

hat, weil Einer unwürdig gegen Dich gehandelt. Auch diese Wunde wird

heilen, mein Kind, wie so Vieles heilt in der geschaffenen Natur — Du

wirst auch das Vertrauen zu den Menschen wieder finden, Du wirst Dich

dem Leben und seinen reichen Gaben nicht verschließen. Du bist noch so

jung und es wird die Zeit kommen, wo Alles, was Du jetzt gelitten, wie

ein ferner Traum verklungen sein wird. Vergiß auch nicht,“ fügte er

hinzu, „daß Derjenige, der Dich unwürdig verlassen, kein Sohn Deines

edlen Vaterlandes war. Vielleicht ist es ein Glück, daß es so kam, für

das Leid, das der Fremde Dir zugefügt, wird, so Gott will, Frankreich

Dir Ersatz bieten.“

Luise trat einen Schritt von ihrem Vater zurück, hoch richtete sie sich

empor und sprach stolzen, flammenden Blickes.

„Glaube nicht, mein Vater, daß ich mit dem Leben abschließen will,

glaube nicht, daß ich etwa daran denke, in klösterlicher Einsamkeit den

Unwürdigen zu beweinen, der mein liebevolles Vertrauen getäuscht hat.

Nein, ich werde frei und muthig, aber auch klar und kalt in das Leben

treten, ich werde alle seine Pflichten erfüllen, — aber mein Herz werde

ich für mich allein behalten und — für Dich, mein Vater,“ fügte sie mit

einem innigen Blick hinzu. „Es soll nicht wieder der Spielball

unwürdiger Laune werden.“ „Das ist brav und recht, mein Kind,“ sagte

Herr Challier, „das ist tapfer und meiner Tochter würdig. Und Gott, der

die Zukunft der Menschen lenkt,“ fügte er die Hände faltend hinzu, „er

wird auch nicht zulassen, daß Dein Herz in kalte Einsamkeit verschlossen

bleibt, auch Dir wird noch Glück, Wonne und Freude zu Theil werden.“

Schweigend, mit schmerzlichem Lächeln schüttelte Luise den Kopf und ging

hinaus, um die Geschäfte der häuslichen Wirthschaft zu ordnen.

Von diesem Augenblick an war zwischen Vater und Tochter von der Sache

nie mehr die Rede, und ruhig ging das einfache Leben in dem alten Hause

seinen Weg.

Herr Vergier, welcher sich eine Zeit lang wenig im Hause hatte sehen

lassen, kam wieder öfter dorthin. Er leistete dem Alten Gesellschaft,

sprach mit ihm über die Geschichte und über die Fragen der Politik,

welche die öffentliche Meinung bewegten. Sein früher so heftiges und

aufgeregtes Wesen war augenscheinlich ruhiger und sanfter geworden; er

schien sich allmählig von den Ansichten des alten Herrn überzeugen zu

lassen und hielt sich von allen heftigen Ausfällen gegen das

Kaiserthum, von allen scharfen Urtheilen über die Regierung zurück — er

hatte während des Plebiscits sich von jeder Agitation der democratischen

Partei, mit welcher er früher innig verbunden gewesen war, fern

gehalten, — der alte Herr Challier war darüber sehr erfreut und erblickte

darin eine Wirkung des Einflusses, den er auf die Ansichten des Herrn

Vergier ausübte. Das Verhältniß zwischen Beiden war in Folge dessen ein

immer freundschaftlicheres und herzlicheres geworden.

Auch Fräulein Luise trat Herrn Vergier immer näher, er unterhielt sich

freundlich und ruhig mit ihr; er sprach mit ihr über viele Dinge, welche

den regen Geist des jungen Mädchens interessirten, und niemals kam ein

Wort über seine Lippen, das an die Vergangenheit erinnerte oder die

Hoffnungen und die Wünsche berührte, die er früher gehegt, und die er

früher in so heftiger und leidenschaftlicher Weise gegen sie

ausgesprochen hatte.

Das junge Mädchen, das anfänglich verschlossen, kalt und zurückhaltend

gegen ihn gewesen war, begann in seiner Unterhaltung Zerstreuung und

Beruhigung zu finden, und so kam es, daß nach Verlauf einiger Zeit Herr

Vergier wieder der tägliche und gern gesehene Gast im Hause des Herrn

Challier war, der in den kleinen Kreis freundliches und heiteres Leben

brachte.

Die verhängnißvollen Tage des Juli waren gekommen, die gewaltige

Aufregung, welche Paris bewegte, und welche bereits ganz Europa zu

ergreifen begann, schlug ihr helles Feuer auch hier in diesem ruhig

abgeschlossenen Leben der alten Stadt St. Dizier, und das Gefühl aller

dieser Nachkommen der Soldaten Franz I. wallte hoch auf bei den

Berichten über die Vorgänge im Corps legislatif, und als die Rede des

Herzogs von Gramont in den Journalen erschien, in welcher dieser Träger

eines edlen, alt französischen Namens das Nationalgefühl Frankreichs

aufrief gegen die Wiederherstellung des Reiches Karl V., dieses

deutschen Kaisers, der einst in seinen Kämpfen gegen den ritterlichen

König Franz I. die Stadt St. Dizier belagert und vor deren Mauern den

entscheidenden Widerstand gegen sein siegreiches Vordringen gefunden

hatte, da war in dieser kleinen Stadt nur eine Stimme der Entrüstung und

der Begeisterung, und jeder Bürger von St. Dizier wäre bereit gewesen,

die Waffen zu ergreifen, um unter den Fahnen Frankreichs hinaus zu

ziehen zum Kampf gegen die Nachkommen der Soldaten Karl V.

Die vollste Übereinstimmung zwischen ihren Anschauungen und Gefühlen

herrschte zwischen Herrn Challier und Herrn Vergier, und wenn die

Abendzeitungen die neuesten Nachrichten über die Vorgänge in Paris und

in Ems brachten, so ergingen sich Beide in gleichen und einander

ergänzenden Ausdrücken der Entrüstung gegen die deutsche Anmaßung und

der begeisterten Hoffnung auf einen siegreichen Krieg Frankreichs; und

mit leuchtenden Blicken hörte Luise diesem Gespräch zu, — jedes Wort fand

einen Wiederhall in ihrem Herzen. Zum ersten Mal nach langer Zeit schlug

dies Herz wieder in höherer Wallung auf, die Erinnerung an ihre

verlorene Liebe verschwand fast vor dem Gefühl des nationalen Stolzes,

der sie erfüllte.

Eines Abends trat Herr Vergier hastig und von heftiger Aufregung

zitternd in das Wohnzimmer, in welchem der alte Challier mit seiner

Tochter saß.

„Die Entscheidung ist da,“ rief er, dem alten Herrn ein Zeitungsblatt

hinreichend, „alle diplomatischen Künste können diesmal den Krieg, nach

welchem Frankreich dürstet, nicht aufhalten. Unsere Ehre ist engagirt,

und wenn die Regierung jetzt nicht unmittelbar handelt, so wird das

Nationalgefühl dies nicht länger ertragen. Der König von Preußen,“

sagte er, zu Luise gewendet, während Herr Challier das Zeitungsblatt

durchlas, „hat es verweigert, den Botschafter Frankreichs anzuhören, ja

nur zu empfangen. Das ist eine Beleidigung, wie sie im Verkehr der

Nationen noch nicht vorgekommen ist, und zum Überfluß hat die preußische

Regierung diese unerhörte Thatsache noch in der schroffsten und

verletzendsten Form allen übrigen Cabinetten Europa's mitgetheilt. Die

unmittelbare Kriegserklärung ist die einzige mögliche Antwort auf diese

Provocation. Bereits sind Eisenbahnzüge angemeldet,“ fuhr er fort,

„welche die Truppen nach den Grenzen führen, die Commando's sind

vertheilt, und in vierzehn Tagen vielleicht schon können wir die

Nachricht von den ersten Siegen unserer Armeen erhalten.“

Einen Augenblick zuckte es schmerzlich über das Gesicht Luisens, dann

aber leuchteten ihre Augen in hoher Begeisterung auf, fragend richtete

sie den Blick auf ihren Vater.

Dieser hatte das Zeitungsblatt langsam durchgelesen.

„Ja,“ sagte er ernst, „das ist der Krieg. Ein Krieg, der die Welt

erschüttern wird, und der hoffentlich alles Unrecht wieder gut machen

wird, welches das coalirte Europa uns einst gethan. Gott segne

Frankreich!“ fügte er hinzu, die Hände gefaltet.

„Ja, Gott segne Frankreich,“ flüsterte Luise leise, indem ihr Blick sich

mit dem Ausdruck innigsten Gebets auswärts richtete.

Herr Vergier schlug einen Moment die Augen zu Boden, dann trat er zu

Luise hin und sprach nach einem leichten Zögern:

„Fräulein Luise, ich habe nie wieder dessen erwähnt, was früher zwischen

uns vorgegangen, obgleich die schmerzliche Erinnerung daran mich keinen

Augenblick verlassen hat. Verzeihen Sie, wenn ich Sie heute daran

erinnere, aber in einem Augenblick wie dieser, in welchem alle Kinder

Frankreichs in gemeinsamen Wünschen und Hoffnungen sich begegnen, soll

es auch zwischen uns klar werden. Sie haben mir einst schwer gezürnt,

als ich dem bitteren Schmerz Worte verlieh, den mein Herz darüber

empfand, daß Sie Ihre Liebe einem Fremden, einem Feinde Frankreichs,

zugewendet. Fräulein Luise, mein treues und tiefes Gefühl für Sie hat in

seinem Instinct das Richtige erkannt, jener Fremde hat Sie verlassen,

Ihre Liebe verachtet, — ich habe das nie erwähnt, aber ich habe es wohl

gesehen, und ich habe auch gesehen, was Sie gelitten haben. Ich will

heute nicht noch einmal den Verdacht aussprechen, den ich gegen jenen

Fremden gehegt; die Ereignisse haben jenen Verdacht nicht entkräftet,

und vielleicht werden auch Sie heute meine damaligen Besorgnisse anders

beurtheilen, als Sie es zu jener Zeit gethan. Ich kann mir,“ fuhr er

fort, „nicht denken, daß heute noch in Ihrem Herzen ein Rest von Liebe

gegen Denjenigen bestehen soll, der vielleicht in diesem Augenblick

schon mit der Waffe in der Hand gegen die Grenzen unseres heiligen

Vaterlandes heranzieht —“

Mit stolz blitzenden Augen schüttelte Luise schweigend den Kopf.

„Ich will mir auch nicht anmaßen,“ fuhr Herr Vergier fort, indem bei der

Bewegung des jungen Mädchens ein freudiger Strahl in seinen dunklen

Augen aufleuchtete, „ich will mir auch nicht anmaßen, daß es mir möglich

sei, so schnell in Ihrem Herzen die Gefühle erwecken zu können, welche

Sie mir früher versagten, aber Freundschaft und Vertrauen werden Sie mir

heute hoffentlich nicht mehr verweigern können, heute, wo alle Franzosen

nur eine große Familie bilden.“

Luise reichte ihm mit einer Bewegung voll aufrichtiger Herzlichkeit die

Hand.

„In Zeiten wie die heutigen, in denen wir großen und vielleicht

langwierigen Entscheidungskämpfen entgegengehen, bedarf eine Frau mehr

als je des Schutzes und der Gewißheit einer sichern und ruhigen Zukunft.

Sie wissen, Fräulein Luise, daß ich mein Glück nur an Ihrer Seite finden

kann, Sie wissen auch, daß Sie in mir eine treue und feste Stütze für

das ganze Leben finden werden, Sie wissen, daß Ihr Vater unsere

Verbindung einst wünschte, und daß er sie vielleicht jetzt wieder

wünscht. Erlauben Sie mir in diesem großen Augenblick die Frage an Sie

zu richten, ob Sie in Erwiderung meiner tiefen und glühenden Liebe mir

Vertrauen und Freundschaft schenken, mir Ihr Leben anvertrauen wollen.“

Luise sah ihn klar und frei an.

„Ich danke Ihnen, Herr Vergier,“ sagte sie, „dafür, daß Sie all des

Schmerzlichen, das zwischen uns liegt, bisher niemals erwähnt haben, — ob

in meinem Herzen Dasjenige jemals wieder erwachen kann, was man die

Liebe nennt,“ fuhr sie mit traurigem Ton, durch welchen eine gewisse

Bitterkeit hindurchklang, fort, „weiß ich nicht. Freundschaft und

Vertrauen glaube ich Ihnen geben zu können, und in dieser Freundschaft

und in diesem Vertrauen antworte ich Ihnen frei und offen. Ja, ich will

Ihren Antrag annehmen und ich will versuchen, Ihrem Leben soviel Freude

und Glück zu geben, als aus meinem Herzen noch erblühen kann.“

Mit ruhigem, freundlichem Lächeln reichte sie ihm die Hand, welche er,

seine leidenschaftliche Bewegung bemeisternd, ehrerbietig an die Lippen

drückte.

„Aber,“ fuhr Luise fort, „Sie müssen mir versprechen, daß über diesen

Gegenstand jetzt nicht weiter gesprochen wird. In diesem Augenblick, in

welchem das Vaterland in Gefahr ist, in welchem Frankreich sich zu einem

gewaltigen Kampf rüstet, schickt es sich nicht, an etwas Anderes zu

denken, als an die Zukunft unseres Landes. An dem Tage, an welchem

unsere Heere wieder siegreich in Paris einziehen, will ich Ihnen meine

Hand reichen, an jenem Tage soll unsere Verbindung vor dem Altar den

Segen des Himmels erhalten.“

„Das ist brav gesprochen,“ rief der alte Challier, „gesprochen wie eine

Französin, wie eine Tochter der alten Bragars.“

„Und damit bin ich von Herzen einverstanden,“ rief Herr Vergier, „und

wenn es möglich ist, werden nun meine Wünsche noch glühender die Waffen

Frankreichs begleiten, denn der stolze Tag des großen Nationalsieges

wird zugleich mit der erneuten herrlichen Größe des Vaterlandes das

Glück meines Lebens begründen.“

Der Todesgruß der Legionen, 3. Band · 第 14 / 19 段