Der König nahm es in die Hand, den kleinen Teller in die andere und so

ging er durch den Salon zum Hofrath St. Blanquart hin, der noch immer

eifrig und unermüdlich eine Zahlenreihe nach der andern dechiffrirte.

„Halten Sie einen Augenblick ein,“ sagte der König mit freundlichem

Lächeln, „mein lieber St. Blanquart, von Chiffrezahlen kann kein Mensch

leben. Nehmen Sie hier, was ich Ihnen bringe, wir müssen uns schon ein

wenig an das Campagneleben gewöhnen.“

St. Blanquart stand ganz erschrocken auf.

„Majestät,“ sagte er, „welche Gnade — Eure Majestät denken selbst an

mich —“

„Soll ich denn nicht an meine Diener denken,“ sagte der König, „die Tag

und Nacht für mich arbeiten — nehmen Sie schnell, wir haben nicht viel

Zeit zur Ruhe.“

Er stellte den Teller vor den Hofrath hin, gab ihm das Glas Wein in die

Hand und kehrte dann wieder zu seinem Sitz am Fenster zurück, wo er

gedankenvoll hinaus in die Ebene schaute, wartend, bis die beiden Herren

ihr Frühstück vollendet hatten, dann erst ließ er den Korb und das

Service hinaustragen und die Arbeiten wieder aufnehmen.

Weiter und weiter brauste der Zug. An allen Bahnhöfen wurde der König

von dichten Menschenmassen begrüßt, deren jubelnde Zurufe immer

lebhafter und begeisterter wurden.

„Krieg! Krieg gegen Frankreich!“ hörte man fast überall.

Dazwischen ertönten einzelne Stimmen:

„Nach Paris! Nieder mit Napoleon!“

Auf jede Weise documentirte sich die patriotische Begeisterung des

Volkes.

Bei allen solchen Rufen blickte der König tief ernst über die

Menschenmenge hin.

„Sie rufen nach Krieg,“ sprach er leise, „sie bewegt die patriotische

Begeisterung und hebt sie über alle Sorgen der Zukunft hinweg. Aber

Niemand kennt so genau wie ich die Opfer, welche die nächste Zeit dem

gesammten Vaterlande auflegen wird, und ich muß ja doch das

entscheidende Wort sprechen. Nun, Gott weiß, daß dies entscheidende Wort

mir abgerungen ist, und daß nicht Ehrgeiz und Übermuth mich zum Kampfe

treibt, darum wird mir Gott seinen Segen geben, an dem Alles gelegen

ist. Eine solche Hingebung, eine solche Begeisterung des Volkes ist ja

der beste Segen Gottes!“

Nachdem in Cassel ein schnelles Diner eingenommen war, nachdem in

Magdeburg auf dem geschmückten Bahnhof der König mit hohem Enthusiasmus

begrüßt worden, hielt der Zug in Burg. Auch hier war eine Kopf an Kopf

gedrängte Menschenmenge versammelt, und ein donnerndes Hurrahrufen

begrüßte die Abfahrt des königlichen Salonwagens.

Der König trat abermals an das Fenster und winkte mit der Hand über den

Platz hin.

Da mit einem Mal verstummten die jubelnden Stimmen, eine tiefe Stille

trat ein, und ein an der Seite des Perrons aufgestelltes Musikcorps

begann eine voll anklingende ergreifende Melodie zu spielen.

Der König lauschte den Tönen, welche hier an Stelle des „Heil Dir im

Sieger-Kranz“, das ihn sonst überall begrüßt hatte, ertönten. Er schien

in seiner Erinnerung zu suchen nach diesen Tönen und blickte wie

fragend auf den Legationsrath Abeken hin, welcher rückwärts vom Fenster

neben seinem Sessel stand.

„Es ist die Wacht am Rhein, Majestät,“ sagte der Geheime Legationsrath.

Still schweigend blickte der König vor sich hin.

„Die Wacht am Rhein, — die Wacht am Rhein,“ sagte er tief sinnend,

während die Melodie draußen weiter klang, und erst einzelne Stimmen,

dann ein immer vollerer Chor die Musik zu begleiten begann. —

„Die Wacht am Rhein, — ja, ja, das ist es, das ist schön — das ist sehr

schön, das ist das wahre Wort, welches einfach, herrlich und groß den

tiefen Gedanken ausdrückt, der diese Tage bewegt, und der das ganze Volk

zusammenführt zur Abwehr des verwegenen Angriffs.“

Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Kein Hurrahrufen erscholl, aber

die ganze große Menschenmenge war in den Gesang eingefallen, der voll

und gewaltig dem Könige nachklang, welcher am Fenster stand und auf alle

diese entblößten Häupter, auf alle diese von Begeisterung flammenden

Gesichter hinblickend, mit leisen Bewegungen des Hauptes den Rhythmus

der Melodie begleitete, bis dieselbe unter dem Rollen der Räder und dem

Schnauben der Maschine in der Ferne verklang.

So kam man näher und näher nach Brandenburg, wo, wie dem Könige durch

den Telegraphen gemeldet war, der Kronprinz, Graf Bismarck, der

Kriegsminister von Roon und der General von Moltke den König erwarteten.

Endlich, der Abend dunkelte bereits herein, fuhr der Zug in den Bahnhof

der alten märkischen Stadt ein. Fast die ganze Bevölkerung war dort

versammelt, die Spitzen der Behörden, und die Officiercorps standen auf

dem Perron hinter den Ministern; Allen voran der Kronprinz, welcher, als

kaum der Zug zum Stehen gebracht war, selbst die Thür öffnete, in den

Salonwagen hineinsprang und in tiefer Bewegung die Hand des Königs an

seine Lippen führte.

Der König breitete seine Arme aus und drückte seinen Sohn einen

Augenblick schweigend an die Brust.

„Ich hatte gehofft,“ sagte er dann ruhig und milde, „daß der Abend

meines Lebens in Frieden enden würde, und daß die Kämpfe der Zukunft

Deinem jüngeren und kräftigeren Arm überlassen bleiben sollten, — Gott

hat es anders gewollt, Du wirst mir zur Seite stehen, um unser Volk

nochmals zum Siege zu führen.“

Dann trat er auf den Perron hinaus und unter den immer von Neuem sich

wiederholenden Zurufen, die sich weithin in der Umgebung des Bahnhofs

fortpflanzten, begrüßte er mit herzlichem Händedruck den Grafen Bismarck

und die Generale von Moltke und von Roon, welche ihm ernst und tief

bewegt entgegentraten.

„Der Augenblick ist da,“ sagte Graf Bismarck, „den wir so lange mit

aller Anstrengung hinauszuschieben versucht haben. Die letzte

Entscheidung naht, und fast möchte ich frei aufathmen, nun da die Nebel

zerreißen, da die frische Luft uns umweht und in reiner Klarheit unser

großes Ziel vor uns liegt, die heiligsten Güter des Vaterlandes zu

vertheidigen, Deutschland heraufzuheben auf den ersten Platz unter den

europäischen Nationen. Der Morgen einer großen Zeit bricht an, einer so

großen Zeit, wie sie kaum je die Geschichte gekannt hat; und Gott sei

Dank, das Schwert Deutschlands liegt in Händen, die es nicht niederlegen

werden, bevor der Sieg nicht erkämpft ist.“

Der König neigte nur langsam das Haupt, ohne etwas zu erwidern, dann

wandte er sich auf den Perron zu den Officieren und Civilbeamten, sprach

mit den obersten Vertretern derselben einige Worte und befahl bald die

Weiterreise, indem er den Geheimen Legationsrath Abeken und den Hofrath

St. Blanquart entließ und die Minister aufforderte, mit ihm und dem

Kronprinzen in den Salonwagen zu steigen.

„Nun, meine Herren,“ sagte der König, als der Zug sich in Bewegung

gesetzt hatte, „wir werden von Neuem zu Felde ziehen müssen, denn ich

glaube nicht, daß jetzt noch eine friedliche Wendung möglich ist und

Jeder von uns wird mit Aufbietung aller Kräfte auf dem Posten stehen

müssen, denn diesmal handelt es sich um noch schwerere Kämpfe als im

Jahre 1866, schwerer vielleicht an Anstrengung und Arbeit,“ fügte er

hinzu. „Aber,“ sagte er dann, den hellen, klaren Blick auf den

Kronprinzen richtend, „ich ziehe mit leichterem, froherem Herzen ins

Feld gegen den alten Feind Deutschlands, als damals, da ich gegen den

alten Verbündeten, da ich gegen einen Fürsten aus deutschem Stamme

kämpfen mußte.“

„Und Alles ist vorbereitet, Majestät,“ sagte Graf Bismarck fast im

heiteren Ton, „um uns nach allen Richtungen den Erfolg zu sichern.

Frankreich hat sich durch diesen mit so unglaublichem Unverstand

ausgewählten Kriegsfall vollkommen isolirt, so daß auch diejenigen

Mächte, welche ihm vielleicht innerlich günstiger gesinnt sind, als uns,

sich außer Stande befinden, ihm irgend welche Sympathie zu beweisen,

und vor allen Dingen sind wir nach einer vielleicht bedenklichen Seite

hin vollkommen gesichert. Ich habe ausführlich mit dem Fürsten

Gortschakoff über die Situation verhandelt, die russische Politik ist

vollkommen durchdrungen von der Notwendigkeit, den unvermeidlichen Krieg

zwischen uns und Frankreich zu localisiren und wird die strenge

Neutralität Österreichs überwachen.“

Der König nickte mit dem Kopf.

„Wir werden weiter darüber sprechen,“ sagte er. — „Süddeutschland steht

ohne Rückhalt und ohne Schwanken zu uns?“

„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte Graf Bismarck, „trotz aller Agitationen

der feindlichen Parteien werden die Könige von Baiern und Würtemberg

fest an ihren Verträgen halten, und die Stimmung der Bevölkerung hebt

sich nach Allem, was mir berichtet wird, immer mehr zu einmüthiger

nationaler Begeisterung. Ich denke meinerseits noch ein wenig dazu

beizutragen, die ganze öffentliche Meinung in Deutschland und in den

übrigen Ländern von der Gerechtigkeit unserer Sache zu überzeugen und

den eigentlichen Kernpunkt des französischen Angriffs klar zu legen.“

Der König blickte den Minister fragend an.

„Eure Majestät erinnern sich,“ sagte Graf Bismarck, „der schmählichen

Propositionen, welche von Frankreich uns bei wiederholten Gelegenheiten

gemacht worden sind, und welche uns einen unwürdigen Handel um die

nationale Entwickelung Deutschlands anboten, indem wir durch Raub an

Dritten das erkaufen sollten, was das selbstständige Recht Deutschlands

ist. Eure Majestät erinnern sich des Vertragsentwurfs, welchen mir

Benedetti einst gegeben hat, und in welchem für die Eroberung Belgiens

die Süddeutschen Staaten, über deren Selbständigkeit und Unabhängigkeit

man in Paris so viel gesprochen hat, uns von Frankreich überliefert

werden sollten.“

„Ich erinnere mich,“ sagte der König.

„Nun, nun, Majestät,“ fuhr Graf Bismarck fort, „der innere, der wahre

Grund dieses jetzt so vermessen heraufbeschworenen Krieges liegt darin,

daß wir jenen Handel alle Zeit fest und entschieden zurückgewiesen

haben. Man will jetzt versuchen mit Gewalt zu nehmen, was wir nicht

verkaufen wollten. Ich habe über alle jene Vorschläge bisher das tiefste

Stillschweigen beobachtet, damit von unserer Seite nichts geschehe, um

einen so verhängnißvollen Bruch herbeizuführen. Nun aber, Majestät, ist

wie ich glaube der Augenblick gekommen, um die wahren Absichten und

Pläne Frankreichs vor aller Welt zu enthüllen, und wenn Eure Majestät es

erlauben, werde ich jenen Vertragsentwurf, den Benedetti und der Kaiser

Napoleon nicht ableugnen können, den Vertretern der Mächte und der

öffentlichen Meinung Europas mittheilen. Die Süddeutschen werden sehen,

wohin sie mit der hier und da gehegten Hoffnung auf Frankreich gekommen

wären. England wird sehen, was die Verträge über Belgien in Frankreichs

Augen zu bedeuten haben und abgesehen von der äußeren Form dieser

unerhörten Provocation wird auch die innere Gerechtigkeit unserer Sache

vor den Augen aller Welt klar werden. Damit wird eine große moralische

Macht uns zugeführt werden.“

Der König nickte zustimmend mit dem Kopfe.

„Ja, ja, darin liegt der wahre Grund dieses so lang zurückgehaltenen

Krieges, und es kann nur nützlich sein, wenn alle Welt das klar

erkennt. — Ich habe auch,“ sagte er nach einigen Augenblicken, während

eine tiefe Bewegung aus seinen Augen leuchtete, „ich habe auch daran

gedacht, unsere Waffenmacht durch eine moralische Kraft zu verstärken

und der Begeisterung des Volkes einen idealen Halt, ein heiliges Zeichen

zu geben, zu dessen siegreichem Einfluß ich ein gläubiges Vertrauen

habe.“

Der Kronprinz und die andern Herren blickten erwartungsvoll in das

bewegte Gesicht des Königs.

„Ich will das eiserne Kreuz wieder herstellen,“ sagte der König, indem

er wie unwillkürlich die Hände faltete und einen Augenblick die Augen

niederschlug, um den feuchten Schimmer zu verbergen, der an seinen

Wimpern erglänzte — „das wird die großen, frommen Erinnerungen wach rufen

und die Begeisterung jener vergangenen Zeit auch der Gegenwart wieder

erwecken. Die Ritter des eisernen Kreuzes sterben aus, ich will das edle

Zeichen auch für Dich und Deine Generation,“ sagte er zum Kronprinzen

gewendet, „erhalten als ein Vermächtniß der Erinnerung an mich und

meinen Vater.“

„Und ich verspreche Dir,“ rief der Kronprinz in mächtiger Erregung, „daß

ich nicht ruhen und rasten will, bis ich dies heilige Zeichen mir

erkämpft habe.“

Schweigend, voll Liebe und Bewunderung blickten die Minister auf den

König, der noch einige Augenblicke in stillem Sinnen da saß.

Ein langer Pfiff der Lokomotive ertönte. Man fuhr in den provisorischen

Potsdamer Bahnhof ein. Bereits war die Dunkelheit des späten Abends

herabgesunken, der mit Blumenguirlanden geschmückte Bahnhof war

erleuchtet, ein einfacher Kronleuchter hing an der Decke des

provisorisch hergestellten königlichen Wartezimmers.

Auf dem Perron erwarteten den König die Spitzen der Behörden, der

Magistrat, die Generalität, die Hofchargen und zahlreiche Damen mit

prachtvollen Blumenbouquets in der Hand.

Ein mächtiger Hurrahruf erschallte über den ganzen Bahnhofsplatz hin als

der königliche Zug am Perron vorfuhr. Auf dem Perron entblößten sich

alle Häupter, die Hüte wurden in die Luft erhoben, die Damen wehten mit

den Tüchern.

Der König und der Kronprinz stiegen aus.

In der vordersten Reihe stand der greise Feldmarschall Wrangel.

Rasch schritt der König zu demselben hin und reichte ihm die Hand, in

tiefer Bewegung beugte sich der Feldmarschall nieder und drückte seine

Lippen auf die königliche Rechte.

„Ich begrüße in Ihnen, mein lieber General-Feldmarschall, meine Armee,

die von Neuem zeigen wird, daß sie ihrer Veteranen würdig ist.“

Der Feldmarschall wollte sprechen, aber die Stimme versagte ihm einige

Augenblicke.

„Oh warum, Majestät,“ sagte er endlich in abgebrochenen Worten, „warum

gehöre ich heute zu diesen Veteranen, warum wollen die alten Glieder

heute nicht so vorwärts wie das Herz, das noch immer nicht alt wird.“

„Nun,“ sagte der König, die Hand leicht auf die Schulter des

Feldmarschalls legend, „wenn Sie auch heute nicht mehr ins Feld ziehen

können, Ihr Geist und Alles, was Sie für meine Armee gethan, das zieht

doch mit hinaus und das wird ebenso schwer bei der Entscheidung wiegen,

ja schwerer, als die Kraft der jungen Arme, denn der ruhmvolle Geist der

Vergangenheit, der in meiner Armee weht, ist es, der sie zum Siege

führen wird. Ich werde,“ fügte er freundlich zu dem Feldmarschall

gewendet, hinzu, „das eiserne Kreuz wieder herstellen, damit die

Veteranen der künftigen Generation auch dasselbe schöne Zeichen tragen

können, das wir Alten uns in den großen Tagen der Vergangenheit erworben

haben.“

„Das freut mir von ganzem Herzen,“ sagte der Feldmarschall, indem sein

altes, treuherziges Gesicht von Glück und Freude strahlte. „Das haben

Eure Majestät recht gemacht, das wird unseren Jungens wieder den Geist

von 1813 einhauchen. Dieser Geist fängt schon an zu wehen, ich habe da

gestern ein Witzblatt gesehen, worüber ich mir sonst geärgert habe, die

Berliner Wespen, die haben einen preußischen Soldaten gemalt, der dem

Napoleon die Faust unter die Nase hält und ihm sagt: „Dir hat wohl lange

nicht die Nase geblutet.“ Das ist richtiger preußischer Geist, Majestät,

und ich habe mir auch gleich hingesetzt und dem Schreiber von diesem

Wespenblatt über sein Bild meinen Glückwunsch gesagt.“

Der König lächelte.

„Sie haben Recht, lieber Feldmarschall, je ernster die Zeit, um so

weniger darf dem Soldaten der Humor ausgehen, und damit hat es bei uns

Berlinern noch gute Wege.“

Er wandte sich um und begrüßte freundlich die Damen, deren dargereichte

Bouquets er entgegennahm, sich entschuldigend, daß er sie nicht alle

halten könne und sie dem Adjutanten zur Aufbewahrung übergeben müsse.

Dann trat er in das Wartezimmer, wohin ihm die Deputationen der

städtischen Behörden, die Generale und die Hofchargen folgten.

Der Unterstaatssecretair von Thiele war unterdessen an den Grafen

Bismarck herangetreten und hatte ihm ein für ihn angekommenes Telegramm

übergeben.

Graf Bismarck durchflog es, dann trat er mit blitzenden Augen in das

Wartezimmer zum König, der so eben die Begrüßung des Magistrats

entgegennahm.

„Majestät,“ rief der Graf, „ich habe so eben ein Telegramm des

Wolf'schen Bureaus erhalten. Die Entscheidung ist da.“

„Ist der Krieg erklärt?“ fragte der König.

„Die Kriegserklärung ist hier noch nicht übergeben,“ erwiderte Graf

Bismarck, „aber die Erklärung, welche Ollivier im Corps legislatif

abgegeben hat, ist so gut, wie die formelle Erklärung.

„Ich bitte Sie, zu lesen.“

Graf Bismarck trat, die Depesche in der Hand in den Lichtkreis des

Kronleuchters und begann mit lauter Stimme zu lesen. Das Telegramm

enthielt die Darstellung, welche der Großsiegelbewahrer im

Gesetzgebenden Körper über die Verhandlungen in Ems gegeben hat.

„Der König weigert sich,“ las Graf Bismarck in erhöhtem Ton, „die von

uns geforderten Verpflichtungen einzugehen und erklärte Benedetti, er

wolle sich für diesen, wie für jeden andern Fall vorbehalten, die

Verhältnisse zu Rathe zu ziehen.“

„Richtig,“ sagte der König leise vor sich hin.

„Trotzdem,“ fuhr Graf Bismarck zu lesen fort, „brachen wir aus

Friedensliebe die Verhandlungen nicht ab, um so größer war unsere

Überraschung, als wir erfuhren, der König von Preußen habe sich

geweigert, Benedetti zu empfangen, und die preußische Regierung habe

das amtlich mitgeteilt.“

„Ist das geschehen,“ fragte der König.

„Nein, Majestät,“ erwiderte Graf Bismarck, „ein Telegramm darüber ist in

den Zeitungen erschienen. Darüber werden die Vertreter Eurer Majestät an

den Höfen, bei denen sie beglaubigt sind, gesprochen haben. Es ist eine

der Verdrehungen der Wahrheit, welche den Zweck haben, uns die Schuld

des Friedensbruchs aufzuladen und die öffentliche Meinung in Frankreich

zu erhitzen, vielleicht den Kaiser zum Äußersten zu reizen.“

Finster blickte der König vor sich nieder, und biß die Zähne auf

einander, ein bitterer Zug legte sich um seinen Mund.

„Unter diesen Umständen,“ las Graf Bismarck weiter, „wäre es ein

Vergessen unserer Würde und eine Unklugheit gewesen, keine

Vorbereitungen zu treffen. Wir haben uns bereitet den Krieg, den man uns

anbietet, anzunehmen, indem wir Jedem seinen Antheil an der

Verantwortlichkeit hierfür überlassen.“

Zornig trat der König mit dem Fuß auf den Boden, mit dem etwas

verkürzten Finger seiner rechten Hand fuhr er mehrfach von oben herab

über den Schnurrbart, wie es in Augenblicken heftiger Erregung seine

Gewohnheit war.

„General von Roon,“ rief er dann, als Graf Bismarck die Depesche

zusammenfaltete, zum Zeichen, daß er zu Ende gelesen.

Der Kriegsminister trat heran.

„Ich befehle die Mobilmachung der ganzen Armee,“ sagte der König im

festen Ton, „sorgen Sie für die unmittelbare Ausführung meiner Befehle.“

„Hurrah!“ rief der General-Feldmarschall von Wrangel. „Es lebe der

König!“

Die Umstehenden wiederholten diesen Ruf, brausend setzte sich derselbe

weithin über den Platz und durch die Menschen gefüllten Straßen fort.

„Ich erwarte Sie in einer Stunde bei mir, Graf Bismarck und auch Sie,

General von Moltke, um alles weiter Erforderliche zu beschließen,“ sagte

der König.

Dann grüßte er mit freundlichem Ernst die Anwesenden und bestieg mit dem

Kronprinzen seinen Wagen, in welchen bereits in dichter Menge die ihm

überreichten Blumenbouquets gelegt waren. Langsam fuhr er durch die

jubelnden Menschenmassen nach seinem Palais, von neuen, immer lauter

anschwellenden Hurrahrufen begrüßt, stieg er hier aus, trat noch einmal

auf die Rampe vor und winkte mit der Hand über den Platz hin.

„Bei einer solchen Begeisterung meines Volkes ist uns der Sieg sicher,

wir können der Zukunft ohne Furcht entgegen gehen,“ sagte er dann mit

bewegter Stimme, indem er sich langsam abwandte und in sein Palais

eintrat.

Lange noch blieb die Menge dicht gedrängt auf dem Platz versammelt,

immer nach dem Fenster hinblickend und jedesmal, so oft die Gestalt des

Königs oder auch nur ein vorübergehender Schatten dort sichtbar wurde,

in erneute Rufe ausbrechend.

Endlich trat ein Leibjäger des Königs auf die Rampe hinaus, winkte einen

der dort aufgestellten Schutzmänner heran und sprach einige Worte mit

ihm.

Der Schutzmann näherte sich den Ersten in seiner Nähe.

„Meine Herren,“ sagte er, „Seine Majestät läßt bitten, nach Hause zu

gehen, der König hat diese Nacht noch viel zu arbeiten.“

„Der König will Ruhe,“ ertönte es unmittelbar durch die Massen hin.

„Nach Hause! Nach Hause!“

Einen Augenblick legte sich eine tiefe Stille über den ganzen Platz.

Dann begannen einige Stimmen die feierliche, allbekannte Melodie des

„Heil Dir im Siegerkranz“ zu intoniren.

Mit gewaltigem Klang stieg dies Lied, das in so einfach großer Weise den

Geist der unvergeßlichsten Zeit der preußischen Geschichte ausdrückte,

zum nächtlichen Himmel auf, — dann wurde wieder Alles still.

Leise und ruhig nur in flüsternden Gesprächen sich unterhaltend,

zerstreute sich diese ganze unabsehbare Menschenmenge, um dem Könige

Ruhe zu lassen für seine Arbeit, welche dem deutschen Volk in den großen

nationalen Entscheidungskämpfen den Sieg sichern sollte.

Bald lag der ganze weite Platz im schweigenden nächtlichen Dunkel, nur

in den Zimmern des Königs brannte bis zum Morgen hin das Licht, welches

die Arbeit beleuchtete, in die der unermüdliche Monarch sich mit seinem

Minister und seinem Heerführer vertiefte, und durch die Scheiben des

Fensters fiel der Strahl dieses Lichts in die Nacht hinaus, auf das aus

der Dunkelheit in riesigen Umrissen hervortretende Denkmal des großen

Königs hin, — die Sterne des Himmels blickten in ewiger lichter Ruhe

herab auf die schlummernde Residenzstadt, welche im täuschenden Schein

friedlicher Stille da lag, während sie schon in den nächsten Tagen

Tausende ihre Söhne hinaussenden sollte, um auf blutigen Schlachtfeldern

von Neuem ihre opferfreudige Treue für den König und das Vaterland zu

beweisen.

Neuntes Capitel.

Ernst und still saß Fräulein Luise Challier in dem Wohnzimmer des

alten Hauses in St. Dizier. Traurige Wochen und Monate waren verflossen,

seit ihr Geliebter sie voll freudiger Hoffnung und Zuversicht verlassen

hatte. So schwer auch der Abschied von ihm sie erschüttert hatte, so

hatte sie doch in den ersten Tagen glücklich und froh seiner gedacht;

sie hatte die Tage gezählt, welche er zu seiner Reise bedurfte, sie

hatte ausgerechnet, wie lange ein Brief von Hannover gehen müsse, um zu

ihr zu gelangen und hatte nach Verlauf dieser Zeit mit zweifelloser

Gewißheit, ungeduldig die Augenblicke zählend, einer Nachricht von ihrem

Geliebten entgegengesehen.

Als ein Tag nach dem andern vergangen war, ohne daß eine solche

Nachricht eintraf, hatte sie dann alle Möglichkeiten der Verzögerung

sich klar gemacht, sie hatte auch wohl mit einem leichten Gefühl von

Traurigkeit sich oft gesagt, daß der junge Mann unter dem Eindruck der

Rückkehr in seine alte Heimath erfüllt von den lebhaften Gefühlen des

Wiedersehens seiner Mutter gezögert habe, ihr zu schreiben. Ja sie hatte

sich sogar in eine freudige Stimmung hinein gedacht, indem sie sich

sagte, daß ihm die Ordnung seiner Verhältnisse und die Erlangung der

Einwilligung seiner Mutter und seines Oheims zu der neuen Wendung seines

Schicksals vielleicht schneller gelungen wäre, als er selbst es gehofft,

und daß er ihr mit der ersten Nachricht vielleicht zugleicht seine

Wiederkehr nach Ueberwindung aller Schwierigkeiten anzeigen wolle — damit

war wieder eine Reihe von Tagen vergangen, bis endlich auch dieser Grund

nicht mehr zur Beruhigung ihrer immer banger werdenden Unruhe genügen

wollte. Dann war jene entsetzliche, das ganze innere Wesen des Menschen

zerstörende Zeit des Wartens gekommen, welche in ihrer dumpfen,

bleiernen Schwere auf die Seele und den Geist vernichtender wirkt, als

der härteste, aber bestimmt und klar eintretende Unglücksfall.

Der Todesgruß der Legionen, 3. Band · 第 13 / 19 段