Was will man in Paris?“ fuhr er fort, indem er die Hand vor die Stirn

legte und unruhig nachdenkend schnell auf und nieder ging. „Will man den

Krieg? Das ist ja beinahe unmöglich, so wie ich den Kaiser kenne, — er

hat viele bessere Gelegenheiten vorübergehen lassen, wie sollte er jetzt

die Dinge auf's Äußerste treiben wollen. Sollte man aber wirklich den

Krieg wollen — warum es mir verheimlichen? Warum mich diese traurige und

undankbare Rolle eines Ueberlästigen spielen lassen? Warum diese unklare

Verworrenheit, welche nur dahin führen kann, daß der Bruch, wenn er

erfolgt, uns vor den Augen von ganz Europa als die absichtlichen

Friedensstörer hinstellt? Warum ist man da nicht gleich mit einer

klaren bestimmten Forderung hervorgetreten, die wenigstens zu einem

würdigen Abbruch der Verhandlungen hätte führen können? Ich habe,“

sprach er weiter, indem er an das Fenster trat und auf die Straße

hinabblickte, „ich habe auf die coulanteste und freundlichste Weise das

erste Ziel meiner Mission erreicht — die Zurücknahme der Hohenzollerschen

Candidatur unter Autorisation des Königs. Nun steigert man successive

die Forderungen — giebt es einen Diplomaten in der Welt, der im Stande

wäre, eine solche Negotiation zu einem günstigen und würdevollen Ende zu

führen? Man verlangt die Erklärung des Königs, daß er für alle Zukunft

eine Wiederaufnahme der jetzt gescheiterten Combination nicht erlauben

werde. Eine solche Erklärung hätte sich erreichen lassen, wenn man nicht

zugleich die Aufregung in Frankreich begünstigt hätte, wenn man sich

größere Reserve bei den Erklärungen im Corps legislatif auferlegt hätte,

wenn man das persönliche Gefühl des Königs und den nationalen Stolz in

Deutschland nicht verletzt hätte, jetzt aber nach der kurzen

Unterredung, die ich so eben mit dem Könige auf der Brunnenpromenade

gehabt, ist an Erfüllung dieser Forderung garnicht zu denken. Und wenn

sie nicht erfüllt wird,“ sagte er seufzend, „nachdem man einen so

starken Anlauf genommen, nachdem man so hohe Worte gebraucht hat, so ist

der Krieg unvermeidlich — die Welt wird diesen Grund desselben kaum

verstehen, mag man nun den Bruch gewollt haben, oder mag man ohne Willen

und Plan zu demselben hingetrieben werden.

Was telegraphirt der Herzog?“

Der Secretair hatte die beiden Depeschen dechiffrirt und reichte sie dem

Botschafter.

Dieser durchflog raschen Blickes die Telegramme, seufzend warf er sie

auf den Tisch.

„Die Festigkeit meiner Sprache,“ sagte er bitter lächelnd, „soll nicht

dem Ernst der Situation entsprechen. Aber, mein Gott, vergißt man denn

in Paris ganz, daß es sich hier um keine Unterhandlungen mit dem

Minister der auswärtigen Angelegenheiten handelt, sondern daß ich in

unmittelbarem persönlichem Verkehr mit dem Souverain stehe? Man kann

doch unmöglich von mir verlangen, daß ich die Formen verletzen sollte,

welche für diesen Verkehr maßgebend sind. Ich muß noch einen Versuch

machen, — vielleicht hat die Bitte, welche ich dem Könige durch den

Prinzen Radziwill aussprechen ließ, irgend einen Erfolg, vielleicht

entschließt sich der König, irgend ein Wort zu sagen, welches man in

Paris als genügend annehmen möchte, wenn der Grundgedanke des Kaisers

wirklich ist, den Frieden zu erhalten.“

Der Kammerdiener meldete den Flügeladjutanten Seiner Majestät des Königs

von Preußen, und einen Augenblick darauf trat der Oberstlieutenant Prinz

Radziwill, ein noch junger, schlanker Mann mit militairisch

geschnittenem vollem Bart in Civilmorgenanzug in das Zimmer.

Das Gesicht des Grafen Benedetti hatte seine glatte und

undurchdringliche Ruhe wieder angenommen, er trat dem Prinzen mit

verbindlicher Höflichkeit entgegen.

„Seine Majestät der König,“ sagte dieser im artigen Ton, „hat mich

beauftragt, Eurer Excellenz mitzutheilen, daß er sich nicht in der Lage

befinde, von einer neuen Unterredung ein Resultat voraussehen zu können,

da seine Entschließungen vollkommen fest ständen. Der König hat mir

zugleich befohlen, Eurer Excellenz in seinem Namen zu erklären, daß

Seine Majestät die Verzichtleistung des Prinzen Leopold approbirte und

zwar in demselben Sinne und demselben Geist, wie er seine Zustimmung zu

der Annahme dieser Candidatur ertheilt habe. Was den zweiten Punkt

betrifft, eine Verpachtung für die Zukunft zu übernehmen, so könne sich

Seine Majestät nur auf diejenige ablehnende Erklärung zurück beziehen,

welche er heute Morgen Eurer Excellenz persönlich gegeben habe.“

Keine Muskel bewegte sich im Gesicht Benedetti's, und mit ruhiger,

klarer Stimme sprach er:

„Ich bin dem Könige unendlich dankbar, daß er die Gnade gehabt hat, mir

diese Erklärung durch Eure Durchlaucht zugehen zu lassen, und ich werde

dieselbe sogleich meiner Regierung mittheilen. Doch muß ich,“ fuhr er in

demselben ruhigen Ton fort, „Eurer Durchlaucht sagen, daß ich betreffs

des zweiten Punktes soeben noch sehr bestimmte Instructionen vom Herzog

von Gramont erhalten habe. Ich muß daher meine Bitte um eine neue

Unterredung mit Seiner Majestät nochmals wiederholen, um so mehr, als

ich dem Könige vielleicht einige neue, noch nicht erwogene

Gesichtspunkte mittheilen könnte. Ich muß nach den Instructionen, die

ich erhalten, den größten Werth auf die gnädige Gewährung meiner Bitte

um eine nochmalige Audienz legen, sei es auch nur, um nochmal von Seiner

Majestät die Erklärung wiederholen zu hören, welche er mir heute Morgen

gegeben hat. Ich bitte Eure Durchlaucht deshalb, den Wunsch, welchen ich

aussprechen muß, nochmal Seiner Majestät mittheilen zu wollen.“

„Ich werde nicht unterlassen, Eurer Excellenz Auftrag sogleich Seiner

Majestät auszurichten,“ erwiderte der Fürst Radziwill, „und werde nicht

verfehlen, Eurer Excellenz die Allerhöchste Antwort mitzuteilen.“

Mit ausgesuchter Höflichkeit, in welcher jedoch eine gewisse, kalte und

stolze Zurückhaltung lag, verneigte er sich und verließ von dem

Botschafter bis zur Thür geleitet, das Zimmer.

„Der Krieg liegt in der Luft,“ sagte er dann, indem er sich seufzend an

seinen Secretair wandte. „Ich kenne die Höfe, ich fühle, — ich weiß, was

geschehen wird. Der König wird mich nicht mehr empfangen — er hat sein

letztes Wort gesprochen.“

„Wenn der König den Botschafter Frankreichs zu empfangen verweigert,“

rief der Secretair mit blitzenden Augen, „so ist das allein ein Grund

des Krieges, dessen Gerechtigkeit das Gefühl der ganzen Nation

anerkennen wird.“

„Sollte es das sein?“ sagte Benedetti leise, indem er nachdenklich den

Kopf schüttelte, „das würde freilich die nationale Entrüstung

entflammen. Aber,“ fuhr er fort, „würde darum der Kriegsgrund besser

werden, der Erfolg gesicherter sein? Doch ich bin erschöpft,“ sagte er

dann, „und Sie werden es auch sein, können wir auch die Entbehrung des

Schlafs ertragen, so fordert doch die körperliche Natur ihr Recht auf

Ergänzung der Substanz, lassen Sie uns frühstücken.“ — Er ließ das

Frühstück in seinem Zimmer serviren und beide Herren setzten sich

schweigend und gedankenvoll zu Tisch. —

* * * * *

Mehrere Stunden waren verstrichen voll unruhiger Erwartung für den

Grafen Benedetti, welcher sich in seinem Zimmer auf ein Canapé

niedergelegt hatte, um nach all der Aufregung der letzten Tage wenn

nicht Schlaf, so doch wenigstens Ruhe für seine erschöpften und

abgespannten Nerven zu finden.

Endlich, es war bereits Abend — die Zeit des Diners des Königs war

vorüber — wurde dem Botschafter abermals der Fürst Radziwill gemeldet.

Rasch sprang Benedetti empor und kaum gelang es ihm, den Ausdruck

unruhiger Spannung von seinem Gesicht verschwinden zu lassen, als er dem

Adjutanten des Königs entgegentrat.

Noch kälter, noch zurückhaltender als vorher war der Ton, in welchem

dieser dem Botschafter sagte:

„Der König hat mir befohlen, Eurer Excellenz mitzutheilen, daß er sich

verpflichtet sähe, eine neue Discussion über den zweiten, von Ihnen

angeregten Punkt — betreffend die Verpflichtungen und Garantien für die

Zukunft ganz bestimmt und kategorisch abzulehnen. Was Seine Majestät

Eurer Excellenz heute Morgen zugesagt hat, ist des Königs letztes Wort

in dieser Angelegenheit, und der König bittet Eure Excellenz sich

lediglich und ausschließlich an jenes Wort zu halten.“

Das Gesicht des Grafen Benedetti wurde bei diesen mit äußerster

Artigkeit, aber auch mit entschiedenster Festigkeit gesprochenen Worten

des Fürsten Radziwill noch um eine Nüance bleicher. Er ließ einen

Augenblick die Augenlider herabfallen, wie um den Ausdruck seines

Blickes zu verhüllen, und ein leichtes Nervenzucken zeigte sich eine

Secunde um seinen Mund. Schweigend neigte er den Kopf und sprach dann

mit ruhiger Stimme, in deren Ton keine Aufregung bemerkbar war.

„Ich danke Eurer Durchlaucht für diese Mittheilung und möchte Sie nur

noch bitten, mir zu sagen, ob die Ankunft des Grafen Bismarck hier, von

welcher in diesen Tagen gesprochen wurde, heute oder morgen zu erwarten

ist.“

„Soviel mir bekannt geworden,“ erwiderte der Fürst Radziwill, „hat der

Graf Bismarck seine Reise hierher aufgeschoben und morgen jedenfalls

wird seine Ankunft hier nicht zu erwarten sein.“

„Dann bitte ich Eure Durchlaucht,“ sagte Benedetti, „Seiner Majestät zu

sagen, daß ich nicht weiter auf meiner Bitte bestehe und mich bei den

Erklärungen des Königs beruhigen wolle.“

Der Fürst verabschiedete sich. Graf Benedetti begleitete ihn zur Thür

und blieb dann einige Augenblicke schweigend in tiefen Gedanken stehen.

„Der Würfel ist gefallen,“ sagte er mit düsterem Ton, „das Verderben ist

entfesselt! Wen wird der Blitz treffen, der noch verborgen im Schoß der

Wolken ruht, welche den Himmel des europäischen Friedens überziehen.“

Er öffnete die Thür des Nebenzimmers und rief seinen Secretair.

„Bereiten Sie Alles zur Abreise vor,“ sagte er im ernsten Ton, „meine

Mission hier ist zu Ende. Doch,“ fuhr er fort, „ich will bis zum letzten

Augenblick alle Pflichten der Höflichkeit erfüllen. Wenn es das

Schicksal will, kann sich vielleicht doch noch eine Gelegenheit bieten,

das Verhängniß zu beschwören. Gehen Sie zum Hause des Königs und sagen

Sie dem Adjutanten vom Dienst, daß ich um die Erlaubniß bäte, mich von

Seiner Majestät verabschieden zu dürfen. Damit verletze ich keine Form

und kann zugleich meinen persönlichen Wunsch erfüllen, von dem

Monarchen, der mir soviel Gnade und Wohlwollen bewiesen hat, und von

dem ich in so verhängnißvollem Augenblick scheiden muß, einen

freundlichen Abschied zu nehmen.“

* * * * *

Die Aufregung unter den Badegästen in Ems, welche die ersten Nachrichten

von den Differenzen über die Hohenzollersche Candidatur erregt hatten,

war fast vollständig wieder verschwunden. Man hatte zwar die heftigen

Artikel der französischen Journale gelesen, die nationale Entrüstung,

welche ganz Deutschland bei diesen Provocationen erfaßte, war auch

dorthin in die stillen Kreise des Badelebens gedrungen, aber man hatte

auch wieder Gelegenheit gehabt, hier in unmittelbarer Nähe den so

freundlichen Verkehr des Könige mit dem französischen Botschafter zu

sehen. Man hatte gesehen, wie Seine Majestät den Grafen Benedetti

täglich auf der Promenade auf das huldvollste anredete und einige Zeit

in lebhafter Conversation mit ihm auf- und niederging. Das Lächeln

verschwand keinen Augenblick von dem glatten Gesicht des Botschafters

und der König war ruhig und heiter wie immer.

Baron Werther war wieder nach Paris zurückgereist; der Minister des

Innern, welchen der Graf Bismarck, der von Barzin kommend, in Berlin

leicht erkrankt war, zum Könige nach Ems entsendet hatte, war wieder

nach Berlin zurückgekehrt; der Finanzminister war angekommen, um wie man

erzählte, Seiner Majestät über Angelegenheiten seines Ressorts Vortrag

zu halten, und Alles schien wieder in das gewohnte Geleis

zurückzukehren.

Als nun gar der Telegraph die Nachricht brachte, daß der Prinz Leopold

von Hohenzollern auf seine Candidatur Verzicht geleistet, und daß Graf

Bismarck, darin die vollständige Erledigung der ganzen Angelegenheit

erblickend, seine Reise nach Ems aufgegeben habe, da verschwanden

vollends die letzten Besorgnisse, und man sah auf der Brunnenpromenade

nur heitere und lächelnde Gesichter, man verabredete Partien in die

Berge, und die Unterhaltung, welche so lange von den ernsten

Gegenständen der Politik in Anspruch genommen war, wandte sich wieder

den kleinen Ereignissen des Tages zu.

Man sprach von den Toiletten der Herzogin von Ossuna, welche soeben mit

ihrem Gemahl angekommen war und Alles durch ihren Geschmack und ihre

Eleganz in den Schatten stellte. Man wiederholte die märchenhaften

Erzählungen über den Reichthum dieses spanischen Granden, welcher die

Königin Isabella am Hofe von St. Petersburg vertreten und an diesem

prachtvollsten Hof Europas einen Glanz entwickelt hatte, der selbst

dort noch nicht gesehen worden war.

Da plötzlich drang am Nachmittag des 14. Juli in diese wieder zu

sorgloser, heiterer Geselligkeit sich zusammenschließenden Kreise wie

ein unvorbereiteter Wetterschlag die Nachricht, daß der König, den man,

wie er öfter that, nach Coblenz zu seiner Gemahlin hatte fahren sehen,

der am Abend zurückerwartet wurde, schon in der Frühe des nächsten

Morgens nach Berlin abreisen werde, daß alle Verhandlungen abgebrochen

seien, daß Seine Majestät sogar jede weitere Unterredung mit dem

Botschafter abgelehnt habe, und daß der Krieg unvermeidlich scheine.

Die tiefste Bestürzung verbreitete sich überall. Diejenigen, welche mit

dem einen oder dem andern Herrn aus der Umgebung des Königs bekannt

waren, suchten sich demselben zu nähern, um Ausführliches zu

erfahren — die Umgebung des Königs vermied es zwar, sich in lange

Gespräche über die Situation einzulassen, doch der ernste, fast

feierliche Eindruck, welcher auf den Gesichtern aller dieser Herren lag,

einzelne hingeworfene Bemerkungen und die Bestätigung der für den

nächsten Morgen feststehenden Abreise des Königs zeigten deutlich genug,

daß die Befürchtungen, welche überall erregt waren, vollkommen begründet

seien.

Der französische Botschafter war noch nicht abgereist, aber er hielt

sich in seiner Wohnung und erschien nicht auf der Abendpromenade.

Bis spät in die Nacht hinein waren alle Straßen mit Menschen gefüllt,

und die ganze Nacht über dauerte die Unruhe in allen Häusern, denn fast

alle fremden Badegäste trafen Anstalten zur schnellen Abreise, und die

Bewohner von Ems sahen mit Bekümmerniß dem plötzlichen Ende einer so

glänzend begonnenen Saison entgegen.

Schon lange vor acht Uhr am nächsten Morgen, zu welcher Stunde die

Abreise des Königs befohlen war, hatte der Bahnhof sich dicht gefüllt

mit einem zahlreichen Publikum, unter welchem die Damen und Herren aus

dem Kreise der Badegäste, die dem König persönlich bekannt waren, die

ersten Reihen am Perron einnahmen, der in der Nacht mit Blumenguirlanden

geschmückt worden war.

Allmälig erschien die Umgebung des Königs, welche den Monarchen nach

Berlin begleitete. Die Waggons fuhren heran und das zahlreiche Gepäck

wurde in den bereits vorgefahrenen Zug, in dessen Mitte man den großen

königlichen Salonwagen erblickte, eingeladen.

Zum Erstaunen aller Anwesenden erschien auch der französische

Botschafter Graf Benedetti am Bahnhof und begab sich mit unbefangen

heiterer Miene, Einen oder den Andern aus der Badegesellschaft begrüßend

auf den Perron, wo er seinen Ueberrock ablegte und im schwarzen Anzug,

das Band des schwarzen Adlerordens über der Brust, ruhig dastand, mit

den Andern den König erwartend, ohne die erstaunten und wenig

freundlichen Blicke zu beachten, mit welchen man ihn von allen Seiten

ansah.

Die Wagen waren bepackt; die Locomotive war schnaubend herangefahren und

hatte sich an die Spitze des Zuges gestellt; die Lakaien in Reiselivreen

standen an den Thürschlägen.

Da ertönten vom Badehause einzelne, sich schnell fortpflanzende

Hochrufe. Wenige Augenblicke darauf fuhr der König an den Perron heran,

er trug Militair-Rock und Mütze. Der Flügel-Adjutant Fürst Radziwill

begleitete ihn, der Hofmarschall Graf Perponcher ging dem Könige

entgegen und meldete, daß Alles bereit sei.

Der König sah frisch und kräftig aus, seine Haltung war stolz und fest,

und trotz des tiefen Ernstes, der auf seinen Zügen lag, blickten seine

Augen doch in milder Heiterkeit auf die zu seiner Begrüßung Versammelten

hin. Er richtete, schnell die Reihe herabschreitend, mit freundlichem

Kopfnicken alle diese ehrerbietigen Grüße erwidernd, an einzelne

Bekannte einige Worte. Bei dem Polizei-Präsidenten von Wurmb, welcher im

Reiseanzug gegenwärtig war, blieb der König einen Augenblick stehen.

„Ich habe Sie gebeten mit mir abzureisen,“ sagte er. „Sie werden viel zu

thun finden, — unsere Vorbereitungen für die Enthüllung des Denkmals des

hochseligen Königs,“ fügte er mit wehmüthigem Lächeln hinzu, „werden nun

wohl für längere Zeit vertagt bleiben.“

„Möge die Errichtung des ehernen Denkmals auch noch hinausgeschoben

werden, Majestät,“ erwiderte Herr von Wurmb mit bewegter Stimme, „das

lebendige Denkmal an die große Zeit des hochseligen Herrn, welches in

jedem Preußenherzen fest begründet ist, wird in diesen Tagen mit

lebendigen Kränzen der Erinnerung und neuer Hoffnung geschmückt. Wieder

durchdringt das ganze Volk wie damals der heilige Ruf aus der Zeit des

eisernen Kreuzes „Mit Gott für König und Vaterland.“

Der König neigte das Haupt, sein Blick fiel auf das schwarz-weiße Band

des eisernen Kreuzes, das er trug, und indem er dasselbe leicht mit der

Hand berührte, sagte er halb laut:

„In diesem Zeichen werden wir siegen.“

Er ging weiter. Raschen und festen Schrittes trat er zu dem sich tief

verneigenden Grafen Benedetti.

„Sie haben gewünscht, Herr Graf,“ sagte der König mit freundlicher

Höflichkeit, „sich von mir zu verabschieden — leben Sie wohl.“

Trotz der Gewalt, mit welcher der französische Diplomat den Ausdruck

seiner Züge beherrschte, zeigte sich doch einen Augenblick eine mächtige

Bewegung auf seinem Gesicht.

„Ich danke Eurer Majestät,“ sagte er mit leicht zitternder Stimme, „daß

Sie mir Gelegenheit geben, von Ihnen Abschied zu nehmen, und ich danke

Ihnen auch in diesem Augenblick noch einmal für die Gnade und das

Wohlwollen, welches Sie mir während der Zeit meiner Beglaubigung an

Ihrem Hofe bewiesen haben. Möchte die Zukunft Alles zum Guten wenden.“

„Die Zukunft liegt in Gottes Hand,“ sagte der König mit fester Stimme,

und indem er freundlich den Kopf neigte, wandte er sich zur Thür des

Salonwagens, an welcher der Hofmarschall und die übrigen Herren des

Gefolges ihn erwarteten.

„Kommen Sie zu mir, lieber Abeken,“ sagte der König, „wir haben

unterwegs viel zu arbeiten und nehmen Sie St. Blanquart mit, damit alle

ankommenden Depeschen sogleich dechiffrirt werden können.“

Der Geheime Legationsrath nahm aus der Hand eines Dieners die große

Mappe, welche seine Papiere enthielt, winkte den Hofrath St. Blanquart,

welcher in einiger Entfernung von dem königlichen Gefolge stand, heran,

und beide folgten dem Könige, welcher bereits eingestiegen war, in den

Salonwagen, während die übrigen Herren ihre Plätze in den Coupés vor und

hinter demselben einnahmen.

Die Locomotive pfiff, der König trat noch einmal an das Fenster und

winkte grüßend mit der Hand.

Ein brausender Hochruf ertönte als Antwort auf den königlichen

Abschiedsgruß und wiederholte sich mit wachsender Begeisterung, während

der immer schneller dahin rollende Zug den Monarchen aus dem stillen,

friedlichen Badeort nach seiner Residenz zurückführte, von wo er bald

hinausziehen sollte an der Spitze des waffengerüsteten Deutschlands, um

von Neuem den Kampf aufzunehmen gegen den alten Feind seines Hauses und

seines Landes.

Der König hatte an dem Fenster des Salonwagens Platz genommen und

blickte durch die hellen Glasscheiben in die lachende Gegend hinaus,

während der Geheimrath Abeken ihm gegenüber Platz genommen hatte, um

ihm die verschiedenen eingegangenen Depeschen vorzutragen.

Der Hofrath St. Blanquart saß am Ende des Salons, den Chiffre vor sich,

eine nach der andern die Depeschen dechiffrirend, welche unmittelbar vor

der Abreise eingegangen waren und bereit, diejenigen in Empfang zu

nehmen, welche man auf den einzelnen Stationen erwarten mußte.

„Ich habe Eurer Majestät,“ sagte der Geheimrath Abeken, „sogleich zu

Anfang eine wichtige und erfreuliche Nachricht mitzutheilen. Aus München

ist gemeldet, daß der König auf den Vorschlag des Ministeriums erklärt

hat den Casus foederis für gegeben zu erachten, auch hat seine Majestät

die vorgelegte Mobilisirungsordre genehmigt.“

Der Blick des Königs leuchtete freudig auf.

„Das deutsche Blut der Wittelsbacher verläugnet sich nicht,“ sagte er,

„sie haben gegen uns gestanden im Kriege von 1866, und sie lieben dort

vielleicht Preußen nicht zu sehr — aber jetzt wo Deutschland in den Kampf

tritt, zweifelt dieser junge König nicht, wo sein Platz ist. Nun

Deutschland wird ihm das nicht vergessen und ich auch nicht, denn von

nun an, wenn Gott uns in diesem Kampfe beisteht, wird ja die Geschichte

Preußens und Deutschlands für immer die gleiche sein. Künftig wird die

deutsche Armee ins Feld ziehen —“

„Wie Brandenburg Preußen wurde, Majestät,“ sagte der Geheime

Legationsrath, „so wird Preußen Deutschland werden und damit seine große

Mission vollenden.“

Der König blickte schweigend weit hinaus nach dem Horizont, an welchem

die an der Bahn liegenden Bäume schnell vorüberflogen.

„Der feste und patriotische Entschluß des Königs Ludwig,“ sagte er nach

einigen Augenblicken, „ist um so höher anzuerkennen, als es in Baiern in

allen Kreisen nicht an eifrigen Bemühungen gefehlt hat, die Gelegenheit

zu benutzen, um eine Sonderpolitik zu machen. Nun ist Deutschland einig,

und jede Hoffnung Napoleons, die Südstaaten zu sich herüber zu ziehen,

gescheitert. Von Würtemberg sind noch keine Nachrichten da?“

„Noch nicht,“ sagte der Geheime Legationsrath Abeken, „doch hat Herr von

Rosenberg berichtet, daß an der patriotischen Haltung Würtembergs nicht

zu zweifeln sei.“

„So ist denn Deutschland zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich

einig,“ sagte der König, „die Zeit ist gekommen, in welcher jener alte

Spottname der Reichsarmee verschwinden wird, und in welcher die

deutschen Heere, von Preußen geführt, den alten Kriegsruhm der Nation zu

neuem Glanz erheben sollen.“

„Alles vereinigt sich,“ sagte der Geheime Legationsrath, „um die

Zuversicht auf den Sieg, welche ich fest in dem Herzen trage, zu

bestärken. Auch die Besorgnisse, welche die Haltung Österreichs

einflößen könnte, sind beseitigt durch die Gewißheit von der

freundlichen Haltung Rußlands, welche Graf Bismarck meldet. Der

Ministerpräsident wird Eurer Majestät darüber persönlich ausführlicher

berichten, doch ist als gesichert zu betrachten, daß jeder feindlichen

Bewegung Österreichs energisch entgegengetreten werden wird, daß der

Handel der Ostsee keiner Gefahr ausgesetzt werden soll, alle früheren

Besprechungen über diese Eventualität sind von Neuem bestätigt worden

und es ist die volle Sicherheit vorhanden, die ganze ungeschwächte und

ungetheilte Militairkraft nach der französischen Grenze hin verwenden zu

können.“

„Der Kaiser Alexander ist ein treuer Freund,“ sagte der König. „Er

erkennt wie ich auch die politische Notwendigkeit, daß Deutschland und

Rußland fest zusammenhalten, um gegenseitig ihre Aufgabe zu erfüllen

und ihre Zielpunkte zu erreichen. Möchten diese beiden Mächte immer

einig bleiben, dann wird Frankreich die übermüthige Prätension aufgeben

müssen, die dominirende Rolle in Europa zu spielen.“

Der Zug hielt in Coblenz. Der König trat an das Fenster, nahm die

Meldung der Generalität entgegen und begrüßte freundlich die zahlreiche

Menge, welche ihm ihr jubelndes Hurrah entgegen rief. Nach wenigen

Minuten fuhr man weiter. Depeschen auf Depeschen kamen an. Der Hofrath

St. Blanquart entzifferte unermüdlich mit lang geübter Sicherheit deren

Inhalt aus den langen Zahlenreihen und der Geheime Legationsrath Abeken

trug dem Könige immer neue Nachrichten vor, welche Kunde brachten von

der immer mächtiger aufflammenden Begeisterung des deutschen Volkes in

allen Gebieten des weiten Vaterlandes.

Nach einigen Stunden wurde im Salonwagen das einfache Frühstück des

Königs servirt, der Leibjäger brachte Körbe mit kalter Küche und das

einfache Reiseservice.

Und einen Augenblick den Vortrag unterbrechend, aß Seine Majestät etwas

kalten Hummer und trank ein Glas Wein, während er zugleich den Geheimen

Legationsrath Abeken aufforderte, die ermatteten Kräfte nach so langer

Arbeit wieder zu ergänzen.

Dann winkte der König noch einmal dem Leibjäger und ließ sich den Korb

reichen. Er nahm ein Butterbrod und etwas kaltes Fleisch und legte es

auf einen kleinen Teller.

„Ein Glas Wein,“ befahl er dann.

Der Leibjäger servirte ein Glas Bordeaux.

Der Todesgruß der Legionen, 3. Band · 第 12 / 19 段