Er versank, die Augenbrauen finster zusammengezogen, in tiefes Sinnen.

„Meine Gemahlin wird nicht zufrieden sein,“ sagte er dann, „über die so

friedliche Lösung — sie glaubt an den Sieg — ich will ihr selbst die Sache

sogleich mitteilen, damit sie vorsichtig in ihren Äußerungen ist und die

Kriegspartei nicht durch hingeworfene Worte ermuthigt.“

Er verließ sein Cabinet und begab sich nach den Gemächern der Kaiserin.

Der Huissier öffnete die Thür.

Der Kaiser durchschritt das Vorzimmer und trat in den Salon, an dessen

Schwelle ihn die Kaiserin empfing.

Napoleon blieb einen Augenblick erstaunt stehen, denn hinter seiner

Gemahlin, deren Gesichtszüge eine lebhafte Erregung ausdrückten, sah er

neben dem, von großen Fauteuils umgebenen, mit Albums aller Art

bedeckten Tisch in der Mitte des Salons den Baron Jérome David und den

Herzog von Gramont.

Der Baron Jérome David, der Führer der entschiedensten Anhänger des

Kaiserreichs im Corps legislatif, war ein Mann von etwa fünfzig Jahren

von kräftiger, schlanker Gestalt; sein auf einem kurzen Halse sich

erhebender Kopf hatte scharf markirte, von energischer Willenskraft und

etwas colerischem Temperament zeugende Gesichtszüge; das dunkle volle

Haar war über der niedrigen Stirn leicht gekräuselt; unter

hochgeschwungenen Augenbrauen blickten große, etwas hervorstehende Augen

hervor, deren etwas stechender Blick fast immer den Ausdruck zorniger

und unruhiger Erregung hatte; die etwas abgestumpfte starke Nase, die

hoch aufgedrehten Spitzen des dunklen Schnurrbarts und das mächtig

hervorspringende Kinn ließen seinen Gesichtsausdruck in der Erregung

einer lebhaften Conversation fast herausfordernd erscheinen.

Der Kaiser trat langsam in den Salon und wandte sich mit einer Miene, in

welcher eben so viel Erstaunen, als Unzufriedenheit lag, an den Herzog

von Gramont.

„Ich hätte nicht erwartet, Sie noch hier zu finden, Herr Herzog,“ sagte

er, ohne die Höflichkeit und den verbindlichen Ton, die ihm sonst eigen

war.

„Ich glaubte Sie schon in Paris, um mit Ollivier jene Erklärung zu

verabreden, über welche wir vorher gesprochen haben.“

„Der Herzog,“ fiel die Kaiserin schnell ein, „wollte vor seiner Rückkehr

mich begrüßen, und mir zugleich die Nachricht von der Verzichtleistung

des Prinzen von Hohenzollern bringen. Ich habe ihn noch zurückgehalten,

um ihm Gelegenheit zu geben, die Mittheilungen anzuhören, welche der

Baron Jérome David mir so eben über die Stimmung in Paris und in den

Kreisen der Deputirten gemacht hat, und welche vielleicht von einigem

Einfluß auf die Entschließungen sein könnten, die man in diesem

Augenblick zu fassen hat.“

Der Kaiser verneigte sich leicht gegen den Baron Jérome David und sagte

immer noch in demselben strengen Ton seiner Stimme.

„Und welche Mittheilungen haben Sie der Kaiserin gemacht, Baron?“

Er reichte seiner Gemahlin die Hand, führte sie zu einem der neben dem

Tisch stehenden Sessel und setzte sich an ihre Seite, den Blick mit

gespannter Aufmerksamkeit auf den Baron richtend.

„Sire,“ sagte dieser, „ich habe mir erlaubt, der Kaiserin

mitzutheilen, — und würde im nächsten Augenblick mich bei Eurer Majestät

haben melden lassen, um auch Ihnen mitzutheilen, — daß die Nachricht von

der Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern auf seine Candidatur

in Spanien, welche heute Abend in Paris bekannt wurde, unter den

Deputirten und in den journalistischen Kreisen durchaus nicht den

befriedigenden und beruhigenden Eindruck gemacht hat, welchen ich bei

dem Herzog von Gramont gefunden, also auch bei Eurer Majestät

voraussetzen muß.“

„Nun,“ sagte der Kaiser, den Baron fragend und erstaunt anblickend, „die

Sache ist doch erledigt, jene Candidatur ist verschwunden, — — vor der

Intervention Frankreichs verschwunden, — ich begreife nicht, — —“

„Niemand in Frankreich, Sire,“ fiel der Baron Jérome David rasch und

lebhaft ein, „hat jemals dem jungen Prinzen von Hohenzollern es

verdacht, daß er ein Abenteuer unternehmen wollte, bei welchem der

Ehrgeiz eines thatkräftigen Mannes seine Rechnung finden

könnte. — Niemandem ist es eingefallen, die spanische Nation in der

freien Wahl ihres Königs zu beschränken, die Besorgniß und die

Entrüstung Frankreichs über diese Combination hatte nur darin ihren

Grund, daß die Hohenzollernsche Candidatur ein Werk der preußischen

Politik war, daß diese Combination in Berlin vorbereitet und vom Könige

von Preußen feierlich genehmigt wurde, ohne daß man sich mit Frankreich,

das doch so nahe und so unmittelbar dabei interessirt ist, auch nur

darüber in Vernehmen gesetzt hätte. Das ist eine Nichtachtung der

französischen Würde und außerdem eine Bedrohung unserer Interessen durch

die offen kund gegebene Absicht an unserer Südgrenze eine Macht

aufzurichten, welche bei jeder Gelegenheit die preußische Politik gegen

uns zu unterstützen bestimmt sein sollte. Wenn nun der Prinz von

Hohenzollern einfach seine Candidatur zurückzieht, so ist Frankreich

dadurch keine Genugtuung gegeben, vor allen Dingen aber auch keine

Sicherheit, daß die Combination, welche heute gescheitert ist, nicht

jeden Augenblick wieder aufgenommen werden könne, wenn die europäische

Constellation derselben vielleicht günstiger sein möchte und Preußen die

Aussicht hätte, Alliirte in einem Conflikt mit uns zu finden. — Ohne eine

Genugthuung für unsere Würde, ohne eine Sicherstellung unserer

Interessen für die Zukunft aber,“ — fuhr er laut mit entschiedenem Tone

fort, „wird die öffentliche Meinung sich nicht beruhigen die bloße

einfache Anzeige der Zurückziehung der Candidatur des Prinzen Leopold

wird im Corps legislatif eine sehr ungünstige Aufnahme finden, und wenn

die Regierung sich damit begnügt, so wird man das allgemein als ein

Zeichen großer Schwäche ansehen, und das so lebhaft erregte

Nationalgefühl wird sich auf das Entschiedenste gegen Eure Majestät

wenden, zum großen Schaden für den Nimbus des Kaiserreichs, welcher erst

so eben durch das Plebiscit wieder hergestellt worden ist.“

„Aber welche Genugthuung, welche Garantien,“ fragte der Kaiser,

„könnten denn gegeben werden?“

Die Kaiserin unterdrückte mühsam ihre innere Erregung, während sie ihr

Spitzentaschentuch in der Hand zusammenpreßte.

„Sire,“ antwortete Jérome David, „die Beleidigung Frankreichs bestand

darin, daß über die Hohenzollernsche Combination von Preußen keine

Mittheilung an Frankreich gemacht wurde. Die Frage für die Zukunft

besteht darin, daß jene heut zurückgezogene Candidatur jeden Augenblick

wieder aufgenommen werden kann, — dem entsprechend muß die Genugtuung und

diese Garantie gefordert werden. Die Genugthuung muß meiner Überzeugung

darin bestehen, daß der König von Preußen Eurer Majestät anzeigt, er

habe dem Prinzen befohlen und — zwar mit Rücksicht auf die Intervention

Frankreichs — von seiner Bewerbung um den spanischen Königsthron Abstand

zu nehmen. Die Garantie muß darin bestehen, daß der König weiter

erklärt, er werde auch in der Zukunft niemals erlauben, daß der Prinz

auf jene Candidatur zurückkomme. Wenn der Kammer eine solche Erklärung

vorgelegt wird, so wird der Eindruck ein tiefer und befriedigender sein,

jeder andere Abschluß der Sache wird dem Nationalgefühl nicht genügen

und dasselbe, wie ich wiederholen muß, gegen Eure Majestät und die

kaiserliche Regierung richten.“

Der Kaiser strich langsam mit der Hand über seinen Bart, dann richtete

er den Blick fragend auf den Herzog von Gramont.

„Sire,“ sagte dieser, „ich kann den Bemerkungen des Herrn Baron David

die innere Berechtigung nicht absprechen, vor Allem aber muß derselbe

die Stimmung im Corps legislatif am allerbesten und genauer kennen, als

ich; und das Ziel, nach welchem bei der Behandlung dieser ganzen

Angelegenheit gestrebt werden muß, ist ja doch jedenfalls die Bestärkung

des Ansehens der kaiserlichen Regierung. Nachdem die Sache so weit

gediehen ist, dürfen wir nach meiner Ansicht mit keiner Halbheit

abschließen, sondern müssen wirklich den als vollgültig anerkannten

Beweis liefern, daß man die Würde Frankreichs nicht ungestraft

beleidigen, seine Interessen nicht ungestraft gefährden könne.“

„Nur ein solcher Beweis, über alle Zweifel und Mißdeutungen erhaben,“

fiel der Baron Jérome David lebhaft ein, „wird das Corps legislatif und

die öffentliche Meinung von ganz Frankreich beruhigen.“

Der Kaiser sank seufzend in sich zusammen.

„Ich war so zufrieden, diese Angelegenheit endlich beendet zu wissen,“

sagte er leise.

Die Kaiserin zuckte fast unmerklich die Achseln, ein Blitz sprühte aus

ihren Augen.

„Glauben Sie denn,“ sagte Napoleon sich zum Herzog von Gramont wendend,

„daß eine solche Erklärung, wie sie der Baron für nöthig hält, zu

erreichen und schnell zu erreichen möglich sei, damit diese Sache nicht

noch mehr in die Länge gezogen werde und die öffentliche Meinung sich

immer mehr echauffire.“

„Ich bin überzeugt, Sire,“ sagte der Herzog, „daß nichts leichter sein

wird, als eine solche definitive Erklärung zu erlangen, um so mehr, wenn

man die Form wählt, welche der Baron David so eben schon angedeutet hat,

die Form eines persönlichen Briefes des Königs Wilhelm an Eure Majestät

und sich damit gewißermassen auf den vom Könige selbst eingenommenen

Standpunkt stellt, daß diese ganze Angelegenheit ihn nur persönlich als

Chef seines Hauses berühre und die preußische Regierung als solche

nichts angehe. Wenn Benedetti, der ja dem Könige eine angenehme und

sympathische Person ist, in der ihm eigenen geschickten Weise die Sache

dort darstellt, so bin ich überzeugt, daß der König keinen Augenblick

zögern wird, einen Brief an Eure Majestät zu schreiben, der die

geforderte Erklärung enthält und den man ja dann nachher der

öffentlichen Meinung in Frankreich dennoch als einen Act der preußischen

Regierung wird darstellen können. Denn,“ fügte er lächelnd hinzu, „diese

öffentliche Meinung kann sich nicht zu dem subtilen Unterschied erheben,

welchen Seine preußische Majestät zwischen seinen beiden Eigenschaften

als Familienchef und Staatsoberhaupt zu machen sich gefällt.“

„Die Sache müßte aber durchaus,“ sagte der Kaiser, „in aller

vorsichtigster und versöhnlichster Weise behandelt werden, damit ja kein

ernster Conflict daraus entsteht.“

„Und wenn ein solcher Conflict daraus entstünde,“ rief die Kaiserin,

welche ihre innere Erregung nicht länger bemeistern konnte, „wollen wir

davor zurückschrecken? Soll Frankreich, welches in der Krim und in

Italien gesiegt hat, welches die Adler des großen Kaisers auf seinen

Fahnen trägt, sich von einem Wege abschrecken lassen, welchen das Recht

und die Ehre, die Klugheit, ja die politische Nothwendigkeit

vorschreibt, aus Besorgniß, daß der Widerstand der Gegner auf diesem

Wege kriegerische Verwickelungen entstehen lassen könnte? Unsere Armee

ist im herrlichsten Zustand, sie brennt vor Ungeduld, zu zeigen, daß sie

noch immer die erste in Europa ist.“

„Was sagt der Marschall Leboeuf,“ fragte der Kaiser den sinnenden,

sorgenvollen, nachdenklichen Blick auf den Herzog von Gramont gerichtet.

„Der Marschall erklärt, so bereit zu sein, als nur immer möglich,“

erwiderte der Herzog, „er wird Eurer Majestät ohne Zweifel den Beweis

darüber liefern —“

„Auch sind wir der thätigen Mitwirkung Österreichs sicher,“ rief die

Kaiserin, „um dieses übermüthige Preußen von zwei Seiten zu fassen und

ihm zu zeigen, was es heißt, Frankreich zu beleidigen.“

„Österreich,“ sagte der Kaiser, abermals fragend den Blick auf den

Herzog von Gramont richtend, „glauben Sie, daß wir auf Österreich

rechnen können — Fürst Metternich sagt das Gegentheil wie Sie wissen

werden,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu.

„Sire,“ sagte der Herzog lächelnd, „Fürst Metternich sagt, was er sagen

soll, und was man für die offizielle Constatirung der Haltung

Österreichs nöthig zu haben glaubt. Wenn wirklich, was ich in keiner

Weise glaube, aus der Behandlung der schwebenden Angelegenheit ein

ernster Conflict erwachsen sollte, so wird allerdings Österreich im

ersten Augenblick eine neutrale abwartende Stellung einnehmen, schon

weil der russische Einfluß lähmend auf seinen Entschlüssen lastet. Nach

den ersten Niederlagen der preußischen Armee aber“ —

„Die sehr schnell kommen werden,“ rief die Kaiserin.

„Nach diesen ersten Niederlagen, Sire,“ fuhr der Herzog fort, „wird

Österreich aus seiner Reserve hervortreten. Dann wird auch in Rußland

die ganze französisch gesinnte Partei mächtig werden, und der

vorsichtige Fürst Gortschakoff wird nicht wagen, sich diese Partei und

das siegreich vorschreitende Frankreich zu gleicher Zeit zu Feinden zu

machen. Dann, Sire, wird der Augenblick gekommen sein, in welchem

Preußen isolirt von zwei Seiten gefaßt, von seiner Höhe herabgestürzt

werden wird. Das Werk von 1866 wird in Trümmer sinken, und wir werden es

in unserer Hand haben, Deutschlands politische Organisation so zu

construiren, wie es für unsere Interessen genehm ist, und zugleich für

Frankreich diejenigen Gebiete zurück zu nehmen, welche man uns in der

Zeit des großen nationalen Unglücks entrissen hat.“

Die Augen des Kaisers leuchteten einen Augenblick in freudigem Stolz

auf. Er erhob sein Haupt, als sähe er die Bilder der Zukunft, welche der

Herzog andeutete, vor seinem Blick aufzeigen. Dann aber ließ er den Kopf

wieder matt herabsinken und sprach:

„Dazu gehören zwei gewonnene Schlachten — und wer giebt mir die

Bürgschaft, daß sie gewonnen werden? Gewonnen über eine Armee, von

welcher mir der Oberst Stoffel schreibt, daß keine andere in Europa ihr

gleich kommt an innerer moralischer Kraft, an Intelligenz und an

einheitlicher Organisation.“

„Der Oberst Stoffel,“ sagte der Herzog von Gramont, während die Kaiserin

zornig mit den schönen Zähnen auf die Lippen biß, „ist ein wenig

geblendet durch die persönlichen Eigenschaften des Grafen Bismarck,

durch die Liebenswürdigkeit, mit welcher man ihn dort behandelt — er

sieht außerdem nur die Garde und nicht die Linien und die Milizen in den

Provinzen, welche nur zögernd und widerwillig in den Krieg ziehen —“

„Das hat das Jahr 1866 nicht bewiesen,“ sagte Napoleon, — „auch beweisen

die Berichte des Oberst Stoffel, daß er sehr genau über die ganze

militairische Organisation in Preußen unterrichtet ist, daß er

namentlich auch die Landwehrorganisation und die ausgezeichneten

Eigenschaften des preußischen Generalstabs sehr genau kennt —“

„Vielleicht aber hat er vergessen,“ sagte die Kaiserin heftig, „daß dem

Allen gegenüber die feurige und unwiderstehliche Tapferkeit der

französischen Armee steht —“

„Und das,“ fiel der Baron Jérome David ein, „in einem solchen Kriege der

gewaltig aufflammende Nationalgeist Frankreichs hinter seiner Armee

stehen würde, ebenso wie dies in den großen Kriegen Napoleon's I der

Fall war. Dieser Geist des Volks ist unbeweglich und,“ fügte er hinzu,

„wenn er richtig geleitet wird, so wird bei dieser Gelegenheit eine neue

gewaltige Macht zur Alliirten des Kaiserthums gemacht werden können.“

Der Kaiser sah ihn fragend an.

„Diese Macht, Sire,“ sagte der Baron Jérome David, „ist die

Marseillaise, die Marseillaise, Sire, welche man verboten hat, weil sie

ein Gesang des Aufruhrs geworden, die man aber darum nicht aus dem

Herzen der Franzosen hat reißen können. Würde man bewirken können, daß

die Marseillaise aufhörte, ein Gesang der Revolution zu sein, daß sie

das Kriegslied der französischen Nation würde, daß unter ihren Klängen

die kaiserlichen Adler den Feinden entgegen getragen würden, so würde

das Kaiserreich und Eurer Majestät Dynastie von dem zauberisch

gewaltigen Hauch dieses großen Nationalhymnus auf eine vorher nie

geahnte Höhe empor getragen werden. Eine französische Armee, Sire,

welche unter den Klängen der Marseillaise ins Feld rückte, würde alle

Combinationen des preußischen Generalstabs zertrümmern und die

preußischen Landwehren in unaufhaltsamer Flucht vor sich her fegen.“

Die Kaiserin blickte gespannt auf ihren Gemahl.

Napoleon schüttelte langsam und schweigend das Haupt.

„Und wenn dann, Sire,“ fuhr der Baron David fort, „die französische

Armee siegreich zurückkehrte, so wäre der Revolution ihre Zauberformel

genommen, und die Marseillaise würde aus einem wilden Revolutionsgesang

ein kaiserlicher Siegeshymnus geworden sein.“

Abermals leuchteten die Augen des Kaisers auf, seine Brust dehnte sich

mit einem tiefen Athemzug aus, und er sprach nach einem Augenblick:

„Wir debattiren da über den Krieg, zu dem es nicht kommen wird — zu dem

es nicht kommen soll,“ fügte er mit fester Stimme hinzu. „Doch in Ihrer

Bemerkung, mein lieber Baron, liegt eine tiefe Wahrheit, und ich danke

Ihnen für die Idee, welche Sie mir gegeben. Je mehr man in Frankreich an

die Möglichkeit eines Krieges glaubt, um so höher wird der Triumph

sein, wenn man ohne denselben dem Nationalgefühl volle Genugtuung

schafft. Die Gelegenheit ist günstig, um die Zaubermacht der

Marseillaise über die Franzosen, welche ich kenne und nach ihrem vollen

Werth schätze, zu einer mächtigen Waffe des Kaiserreichs zu machen. Ich

werde den Befehl geben, daß man die Marseillaise erlaubt, bewirken Sie,

daß man sie singt, daß man sie in den Theatern verlangt — das Plebiscit,

die Marseillaise und ein diplomatischer Erfolg gegen Preußen — das wird

ein festes Fundament für den Thron Napoleon's IV — das wird die Krönung

meines Gebäudes sein. Senden Sie also sogleich,“ sagte er zum Herzog von

Gramont gewendet, „den Befehl an Benedetti, die besprochene Erklärung

vom Könige von Preußen zu erbitten, aber in der geschmeidigsten und

sanftesten Form; er muß sie zu erreichen suchen, ohne daß man dort der

Sache eine zu große Bedeutung beilegt. Er wird das können, wenn er den

Schritt, den wir vom Könige von Preußen verlangen, demselben als eine

Unterstützung darstellt, die er mir zur Beruhigung der öffentlichen

Meinung gewährt — dann wird sich Alles leicht erledigen.“

Die Kaiserin trat leicht mit dem Fuß auf den Boden, ein Zug fast

höhnischen Unmuths erschien auf ihrem Gesicht, dann aber lächelte sie

wieder und lehnte sich schweigend in ihren Fauteuil zurück.

„Der Baron Werther kommt heute von Ems zurück, Sire,“ sagte der Herzog

von Gramont, „ich werde ihm, nachdem ich die Instructionen an Benedetti

abgesendet, die Sache ganz in dem von Eurer Majestät gegebenen Sinn

darstellen, und er wird gewiß dazu beitragen, die so wünschenswerthe,

baldige und befriedigende Erledigung der Sache zu erreichen.“

„Thun Sie das, Herr Herzog,“ sagte der Kaiser, „und vergessen Sie nicht,

Benedetti die äußerste Vorsicht und die höflichste Geschmeidigkeit

anzuempfehlen.“

„Und ich, Sire,“ sagte der Baron Jérome David, „werde dafür sorgen, daß

morgen in Paris die Marseillaise erklingt, — man wird sich in Berlin

erinnern, daß es gefährlich ist, Frankreich entgegenzutreten, wenn

dieses Lied über seinen Heeren schwebt, und wenn die Tricolore und die

kaiserlichen Adler seinen Regimentern vorangetragen werden.“

Beide Herren verließen nach ehrerbietigem Gruß gegen die Majestäten das

Cabinet.

„Nun,“ sagte der Kaiser, indem er aufstand und sich lächelnd zur

Kaiserin wandte, „Sie werden jetzt zufrieden sein, Eugenie, wir werden

einen großen Triumph erleben, ohne uns der Gefahr eines Krieges

auszusetzen, und Sie werden endlich die Genugthuung haben, die Politik

dieses Grafen Bismarck ein wenig gedemüthigt zu sehen. Werden Sie heute

Abend noch empfangen?“

„Nur meinen kleinen Cirkel,“ antwortete die Kaiserin leicht hin und

etwas zerstreut, als folge sie Gedanken, die unausgesprochen ihr Inneres

erfüllten.

„Ich bin ermüdet,“ sagte der Kaiser, „und bitte Sie, mich zu

entschuldigen, ich möchte ein wenig meine Privatcorrespondenz ordnen,

die ich in den letzten Tagen etwas vernachlässigt habe.“

Er küßte seiner Gemahlin die Hand und kehrte langsam in seine Gemächer

zurück.

„Welche Schwäche, welche Unschlüssigkeit!“ rief die Kaiserin, als sie

allein war. „Er möchte die Früchte des Sieges genießen und will doch den

Kampf nicht wagen. Nun,“ fuhr sie mit flammendem Blick und einem

stolzen, fast höhnischen Lächeln fort, „die Verhältnisse werden

mächtiger sein, als er; sie werden ihn über den Rubicon drängen, den er

nicht wie Cäsar zu überschreiten wagt. So sehr der König von Preußen

auch den Frieden zu erhalten wünschen mag, seine Geduld wird sich

endlich erschöpfen, wenn Forderung auf Forderung an ihn gestellt wird,

und wenn man in Paris erst die Marseillaise singt, wenn die Presse und

die Tribüne in immer steigendem Maß das Nationalgefühl erhitzen, so wird

trotz aller Unschlüssigkeit der Krieg kommen — dieser Krieg, der mein

Krieg ist, den man mir einst danken wird, der mich in den Augen von ganz

Frankreich zur wahren Französin machen wird, der nothwendig ist, um

meinem Sohn den Thron zu sichern, meinem Sohn, den ich hinaus senden

werde, um auf den Schlachtfeldern gegenwärtig zu sein, — wo man ihn

niemals gesehen hat, diesen anmaßenden Prinzen Napoleon, welcher es zu

behaupten wagt, daß in den Adern seiner Nachkommenschaft allein das Blut

des großen Kaisers fließe, und welcher so stolz darauf ist, daß seine

Mutter und die Mutter seiner Kinder purpurgeborne Prinzessinnen

waren. — Die Stunde der Entscheidung naht — sie wird den Sieg bringen — und

dieser Sieg wird Mein sein!“

Sie stand noch einige Augenblicke schweigend, den strahlenden Blick

auswärts gerichtet, die schönen Züge verklärt von stolzer Zuversicht.

Dann bewegte sie die Glocke.

„Man soll den Thee serviren,“ befahl sie dem Kammerdiener, „ich lasse

meine Damen und die Herren vom Dienst bitten, einzutreten.“

Achtes Capitel.

Die Morgenpromenade in Ems war beendet. Langsam und nachdenklich

kehrte Graf Benedetti nach seiner Wohnung in der Stadt Brüssel zurück.

Sein Kammerdiener übergab ihm zwei für ihn eingegangene Depeschen.

Benedetti trat in sein Zimmer, und reichte seinem Secretair, welcher ihn

erwartete die beiden Telegramme. Dieser zerriß hastig die Umschläge und

öffnete den großen Folioband, der den Chiffre des Botschafters enthielt,

um die Depeschen zu dechiffriren.

Hier in seinem Zimmer verschwand von dem Gesicht Benedetti's jene

gleichgültige, höfliche, freundliche und undurchdringliche Ruhe, welche

sonst Alles verhüllte, was in seinen Gedanken vorging. Heftig bewegt

schritt er auf und nieder, sein blasses Gesicht zuckte in nervöser

Aufregung und seine sonst so klaren, unzerstörbar, heiteren Augen

blickten trübe und sorgenvoll vor sich hin.

„Welch eine furchtbare Verantwortung liegt auf meinem Haupt,“ sagte er,

„ich fühle, daß der Faden der Unterhandlungen mir entschlüpft, weil man

ihn in Paris so scharf anzieht, daß es in der That kaum mehr möglich ist

ein anderes Ende, als den Bruch vorherzusehen — den Bruch — das heißt

einen Krieg, wie er seit Generationen Europa nicht erschüttert hat; das

heißt ein Meer von Blut, das heißt, die Zerstörung so vieler Güter,

welche der Fleiß und die Arbeit langer Jahre geschaffen haben.

Der Todesgruß der Legionen, 3. Band · 第 11 / 19 段