und den Frack mit einem leichten weiten Sommerrock vertauscht hatte,
lag halb in einem jener großen amerikanischen Schaukelstühle von feinen
elastischen Holzstreifen, den Kopf auf eine an der Lehne des Stuhls
hängende Schlummerrolle gestützt und in ruhiger Träumerei seine Cigarre
rauchend. Mit einem leisen Seufzer über die Störung seines Dolce far
niente erhob er sich mit einiger Mühe und ging dem Minister einige
Schritte entgegen, welcher sich in einer gewissen Erregung zu befinden
schien.
„Ich habe Eurer Majestät eine günstige und wichtige Nachricht
mitzutheilen,“ sagte der Herzog von Gramont, „und Ihre Befehle zu
erbitten, wie die durch dieselbe geschaffene neue Situation behandelt
werden soll.“
Der Kaiser athmete wie erleichtert auf.
„Hat der König Wilhelm die Forderung Benedetti's erfüllt,“ fragte er.
„Ist dieser unangenehme und peinliche Fall erledigt?“
„Der Prinz von Hohenzollern, Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, „hat
seine Candidatur zurückgezogen. Olozaga ist so eben bei mir gewesen, um
mir dies mitzutheilen und nach einem Telegramm von Benedetti hat der
König Wilhelm ihm ebenfalls die Verzichtleistung des Prinzen durch einen
Adjutanten mittheilen und erklären lassen, daß er diese
Verzichtleistung autorisire.“
„Ah,“ sagte der Kaiser mit zufriedenem Lächeln, „unser energisches
Auftreten hat also schnell seine Früchte getragen.“
„Wie immer, Sire,“ sagte der Herzog mit dem Ausdruck stolzer
Befriedigung, „für eine Macht wie Frankreich ist Energie und Festigkeit
immer die beste Politik, und ich freue mich von ganzem Herzen, daß durch
unser Auftreten in dieser Sache nicht nur vor der Nation, sondern vor
ganz Europa der Beweis geliefert worden ist, daß das Wort Frankreichs
noch nicht ungehört verhalle, und daß die Zeit beendet sei, in welcher
man glaubte, ohne unsere Zustimmung die großen und wichtigen
europäischen Fragen entscheiden zu können. Das einfache Wort Eurer
Majestät hat genügt, um diese Combination des Grafen von Bismarck
scheitern zu lassen. Die Situation hat sich ungemein günstig für uns
verändert, denn wir haben alle europäischen Cabinette für uns, welche
sämmtlich in der Thronbesteigung eines Hohenzollerschen Prinzen in
Spanien eine bedenkliche Gefahr für die Ruhe und das Gleichgewicht
Europas erblickten. Es kommt nun nur darauf an, den Erfolg, den wir
errungen haben, vor den Kammern und der öffentlichen Meinung in das
richtige Licht zu stellen, damit alle die Feinde der Regierung sich
überzeugen, daß das Kaiserthum noch groß und glänzend da steht, und daß
Frankreich nach der langen Zurückhaltung, welche auf die Schlacht von
Sadowa folgte, wieder entschlossen ist, mit entscheidender Hand in die
Politik einzugreifen.“
„Sehr gut, sehr gut,“ sagte der Kaiser, „das wird einen vortrefflichen
Eindruck machen. Wir haben da einen großen Schlag gethan, und zwar ohne
alle heftigen Verwickelungen und ohne daß selbst unsere Beziehungen zu
Preußen irgend wie getrübt werden, denn Benedetti berichtet ja, daß er
mit der größten Auszeichnung vom Könige Wilhelm behandelt worden sei.
Ich gratulire Ihnen, mein lieber Herzog, zu diesem ersten Debut als
Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Es ist ein Triumph ohne Opfer,
und ich bin überzeugt, daß einem solchen vortrefflichen Anfang immer
glänzendere Resultate folgen werden.“
Er reichte dem Herzog die Hand, welche dieser, sich verbeugend, mit
strahlendem Lächeln ergriff.
„Es kommt nun darauf an,“ fuhr der Kaiser fort, „die Fassung der
Mittheilungen dieses so erfreulichen Ereignisses für die Kammer und die
Journale fest zu stellen. Es thut mir leid, Sie wieder fort zu
schicken, aber ich glaube, Sie müssen sogleich nach Paris zurückkehren,
sich mit Ollivier darüber zu verständigen. Er ist ja Meister in der
Redewendung, setzen Sie mit ihm eine Erklärung auf, welche in solenner
Weise die ganze Angelegenheit beendet und ohne Preußen zu verletzen, im
Gegentheil mit anerkennendem Ausdruck für die Weisheit und das
Entgegenkommen des Königs Wilhelm, dennoch unsern Sieg in helles Licht
stellt.“
„Ollivier,“ erwiderte der Herzog, „hat die Nachricht bereits privatim im
Corps legislatif verschiedenen Deputirten mitgetheilt, die Befriedigung
darüber war allgemein.“
„Um so besser,“ sagte der Kaiser, „wird morgen die feierliche Erklärung
aufgenommen werden. Ich bitte Sie also, dieselbe aufzusetzen und sie
mir, so bald Sie sie redigirt haben, mittheilen zu lassen — auf
Wiedersehen, lieber Herzog. Nachdem wir diesen Sturm beschworen haben,“
fügte er lächelnd hinzu, „hoffe ich, Sie auf einige Tage hier zu sehen,
um sich in ländlicher Ruhe von den Aufregungen der letzten Tage etwas zu
erholen.“
Der Herzog empfahl sich Seiner Majestät und verließ immer das stolze
zufriedene Lächeln auf den Lippen das Cabinet.
Der Kaiser athmete erleichtert auf, blickte einen Augenblick schweigend
nach dem in immer tiefere Schatten versinkenden Park hinaus und ergriff
dann eine neue Cigarre, um sie anzuzünden und sich abermals der durch
den Besuch seines Ministers unterbrochenen Träumerei zu überlassen.
Da öffnete sich schnell die Thür, General Favé erschien und sagte:
„Der österreichische Botschafter bittet Eure Majestät, ihn empfangen zu
wollen.“
Verwundert blickte der Kaiser auf.
„Metternich,“ sagte er, „zu dieser Stunde? Was kann er bringen? — bitten
Sie ihn, einzutreten.“
Indem er seufzend seine Cigarre wieder fortlegte, ging er einige
Schritte dem Fürsten Richard Metternich entgegen, den der General in das
Cabinet führte.
Der Sohn des großen Staatsmannes, welcher einst so lange die Geschicke
der österreichischen Monarchie und ein wenig diejenigen von ganz Europa
in seinen Händen gehalten hatte, war damals ungefähr zwei und vierzig
Jahre alt. Er war eine angenehme, sympathisch anmuthende Erscheinung,
die Fülle seiner Gestalt that der elastischen Eleganz seiner Bewegungen
keinen Eintrag, sein etwas bleiches Gesicht, auf dessen hohe Stirn die
leicht gelockten, dünn gewordenen Haare herabfielen, war von einem
starken, lang hinab hängenden Backenbart umrahmt; seine edel
geschnittenen Züge zeigten den Ausdruck ruhiger und sorgloser
Heiterkeit, während seine geistvollen Augen zugleich scharf beobachtend
umher blickten. Heute aber lag auf diesem Gesicht eine gewisse unruhige
Aufregung — ernst erwiderte er die Begrüßung des Kaisers und sprach,
indem er sich auf den Wink desselben ihm gegenüber setzte, mit leicht
erregter Stimme:
„Ich bitte Eure Majestät um Verzeihung, daß ich es wage, noch in so
vorgerückter Abendstunde um Gehör zu bitten; aber die beunruhigenden
Nachrichten, welche die ganze politische Welt erfüllen, machen es mir
zur Pflicht, mich unverzüglich des Auftrages zu entledigen, welchen der
Graf Beust, der seine Badekur in Gastein verschoben hat, mir so eben
ertheilte.“
Der Kaiser lächelte ein wenig, neigte leicht das Haupt und sprach:
„Sie wissen, lieber Fürst, daß Ihr Besuch mir zu jeder Zeit angenehm und
erfreulich ist, auch wenn Sie mir keine Mittheilung des Grafen Beust zu
machen hätten. Der Besuch eines Freundes ist immer willkommen, und zu
meinen Freunden gehört der Fürst Metternich ebenso sehr als der
Botschafter des Kaisers von Oesterreich.“
Der Fürst dankte durch eine ehrerbietige Verneigung für die freundlichen
Worte des Kaisers und fuhr dann in demselben ernsten Ton wie vorher
fort:
„Das gütige Wohlwollen Eurer Majestät, von welchem ich schon so viele
Beweise erhalten habe, und welches Sie so eben von Neuem auszusprechen
die Gnade haben, giebt mir die Hoffnung, daß Sie auch dem, was ich Ihnen
zu sagen habe, ein gnädiges und aufmerksames Ohr schenken werden. Sire,“
sprach er weiter, „die Regierung meines allergnädigsten Herrn kann sich
der Besorgniß nicht erwehren, daß die Erörterungen, welche zwischen
Frankreich und Preußen in diesem Augenblick über die Hohenzollersche
Candidatur Statt finden, bei der hoch gehenden Aufregung der
Volksstimmung in Frankreich und bei dem Beginn einer ähnlichen Aufregung
in Deutschland zu ernsten Conflicten und gefährlichen Catastrophen
führen möchte. Ich habe zu verschiedenen Zeiten zu meiner großen
Genugthuung Gelegenheit gehabt, Eurer Majestät gegenüber zu constatiren,
daß die politischen Interessen Frankreichs und Oesterreichs in allen
großen Fragen die gleichen seien, und daß eine gleichmäßige Behandlung
aller dieser Fragen im Interesse beider Staaten liege. Die gleiche
Versicherung hat auch der Herzog von Gramont während seines Aufenthalts
in Wien bei jeder Gelegenheit von dem Reichskanzler selbst erhalten.“
Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf.
„Graf Beust hat aber bei allen solchen Gelegenheiten,“ fuhr der Fürst
Metternich fort, „dem Herzog gegenüber auch ganz bestimmt betont, daß
Oesterreich noch auf lange hinaus nicht in der Lage sei, an irgend einer
militairischen Action, selbst wenn dieselbe in seinem Interesse liegen
könnte, Theil zu nehmen, ohne dadurch die ruhige Entwickelung und damit
die Zukunft der österreichischen Monarchie auf das Höchste zu gefährden,
und daß es deßhalb für die österreichische Politik geboten sei, überall
und zu jeder Zeit zur Vermeidung von Conflicten beizutragen, welche
geeignet wären, kriegerische Consequenzen herbeizuführen. Der
_gegenwärtige_ Augenblick und die zwischen Frankreich und Preußen
schwebende Frage scheinen nun, wie ich zu bemerken die Ehre hatte, die
Befürchtung solcher Consequenzen sehr nahe zu legen, und ich bin deßhalb
beauftragt, Eurer Majestät bestimmt zu erklären, daß Oesterreich, wenn
aus dieser Hohenzollerschen Candidatur kriegerische Entwickelungen
entstehen sollten, nicht im Stande sei, in denselben irgend eine active
Rolle zu spielen und sich auf die Seite Frankreichs zu stellen.“
Der Kaiser blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder, dann
sagte er.
„Mein lieber Fürst, die Erklärung, welche Herr von Beust mir da durch
Sie abgeben läßt, überrascht mich in ihrem allgemeinen Inhalt nicht,
dennoch scheint mir ihre bestimmte Wiederholung gerade in diesem
Augenblick nicht vollkommen mit der auch vom Grafen Beust anerkannten
Identität der politischen Interessen Oesterreichs und Frankreichs
übereinzustimmen. Sollte ich jemals in einen ernsten Conflict mit
Preußen gerathen, so würde, scheint es mir, der Augenblick gekommen
sein, in welchem jene Identität der Interessen sich practisch zu
bethätigen hätte, — wenn sie überhaupt irgend eine Bedeutung haben
soll, — und Oesterreich müßte doch in der That mit Freuden eine solche
Gelegenheit begrüßen, welche ihm die Möglichkeit bietet, ohne große
eigene Gefahr das im Jahre 1866 Verlorene wieder zu gewinnen; von vorn
herein eine solche Gelegenheit ausschließen zu wollen, scheint mir nicht
im Interesse Oesterreichs zu liegen, und wenn eine solche Erklärung
öffentlich abgegeben wird, — wenn sie auch andern Cabinetten bekannt
wird,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu, „so wird das sehr wenig
dazu beitragen können, die nachdrückliche Vertretung der Interessen
Frankreichs zu unterstützen.“
„Sire,“ erwiderte der Fürst Metternich, „nach meiner Ueberzeugung,
welche wie ich glaube auch diejenige des Grafen Beust ist, würde es
allerdings Eventualitäten geben, unter denen es für Oesterreich
vortheilhaft, ja geboten erscheinen könnte, im Verein mit Frankreich
Preußen von der 1866 eroberten Stellung zurückzuwerfen, — eine solche
Eventualität könnte aber nur dann eintreten, wenn einmal der _Grund_ des
Conflicts Oesterreich das Recht und die Möglichkeit gebe, in demselben
Stellung zu nehmen und wenn sodann die Aussichten des Erfolges
einigermaßen sicher sind. In diesem Augenblick ist aber beides nicht der
Fall. Der einzige Kriegsgrund für Oesterreich könnte in einem Eingriff
Preußens in die unabhängige Selbstständigkeit der Süddeutschen Staaten
liegen; bei einem solchen Kriegsgrund würde ein großer Theil der
deutschen Nation auf Oesterreichs Seite stehen, und der Kampf würde die
großen Fragen von 1866 wieder aufnehmen unter der Mitwirkung
Frankreichs, welche damals die Verhältnisse Eurer Majestät unmöglich
machten. Gegenwärtig ist aber von einem solchen Kriegsgrunde nicht die
Rede, der Erbprinz von Hohenzollern ist ein deutscher Fürst, und wenn
Preußen einen Krieg annehmen sollte, weil Frankreich sich der
Thronbesteigung eines deutschen Prinzen in Spanien widersetzt, so würde
das Nationalgefühl sich auf die Seite Preußens stellen, und eine
Alliance Oesterreichs mit Frankreich würde in diesem Falle nur dazu
beitragen, Oesterreich als den Nationalfeind Deutschlands vor dem Volk
erscheinen zu lassen, das heißt, uns jede moralische Unterstützung zu
rauben, welche in einem solchen Kampf unumgänglich nothwendig ist.
Außerdem aber, Sire,“ fuhr er fort, „sind die Chancen des Erfolges, wie
es mir scheint, äußerst unsicher. Unsere militairischen Vorbereitungen
sind nicht beendet, unsere Finanzen sind noch nicht geordnet, schon aus
diesem Grunde würde Oesterreich zu einer nachdrücklichen Kriegführung
kaum im Stande sein —“
„Man würde aber doch,“ fiel der Kaiser ein, „lediglich durch eine
drohende Haltung große preußische Truppenmassen absorbiren.“
„Auch das ist nicht möglich, Sire,“ sagte Fürst Metternich seufzend,
„denn leider muß ich Eurer Majestät mittheilen, daß von Seiten Rußlands
uns deutlich zu verstehen gegeben worden, jede feindliche Bewegung
gegen Preußen werde sofort gleiche Schritte Rußlands gegen unsere
Grenzen zur Folge haben. Damit würde also unsere Drohung wirkungslos
gemacht und wir gezwungen werden, unsere disponiblen Truppen zur
Selbstvertheidigung an die russische Grenze zu schicken.“
„Der Kaiser Alexander,“ fiel Napoleon ein, „hat sich aber doch
entschieden gegen die Hohenzollersche Kandidatur erklärt und versichert
außerdem den General Fleury unausgesetzt seiner Freundschaft und seiner
Sympathien gegen Frankreich.“
„Das Alles wird nicht hindern, Sire,“ sagte der Fürst Metternich, „daß
wenn es wirklich zum Conflict kommt, Rußland sehr entschieden auf die
Seite Preußens treten und wenigstens ganz bestimmt Oesterreich
verhindern wird, irgend etwas zu unternehmen. Ich beschwöre also Eure
Majestät,“ fiel er lebhafter sprechend fort, „glauben zu wollen, daß
Oesterreich sich von der Liga der Neutralen nicht wird trennen
können — ich bitte Eure Majestät inständigst, in dieser ganzen Sache
keinen Schritt zu thun, der zu unheilbaren Conflicten führen kann, denn
Eure Majestät würden ganz isolirt sein und sich dem hoch aufgeregten
deutschen Nationalgefühl gegenüber befinden, welches, von Preußen
organisirt, ein furchtbar gefährlicher Gegner sein wird.“
„Glauben Sie,“ sagte der Kaiser, den Blick scharf und forschend auf
Metternich richtend, „daß das deutsche Nationalgefühl in Baiern und
Würtemberg sich jemals für Preußen wird erheben können, da man dort doch
einsehen muß, daß wenn man unter preußischer Führung gegen Frankreich zu
Felde zieht, man für immer die eigene Selbstständigkeit aufgiebt. Man
hat mir berichtet,“ sagte er, „daß die Stimmung in jenen Staaten sehr
preußenfeindlich ist und Sie selbst, lieber Fürst, haben mir früher
Aehnliches mitgetheilt. Sollte das Alles sich schnell ändern können?“
„Es wird sich ändern, Sire,“ sagte der Fürst, „und hat sich zum Theil
schon geändert, und von Berlin aus wird mit großer Geschicklichkeit
gearbeitet, um der öffentlichen Meinung die Haltung Frankreichs
gegenüber der Candidatur des Prinzen von Hohenzollern als eine der
ganzen Nation angethane Beleidigung darzustellen. Glauben mir Eure
Majestät, die Süddeutschen Staaten werden in dieser Frage mit Preußen
gehen — die Süddeutschen Fürsten zunächst, sie haben im Jahre 1866
gesehen, wie unerbittlich Preußen mit seinen Feinden verfährt, und um
sich von Neuem in einen Kampf einzulassen, müßten sie eine große
Coalition auf ihrer Seite sehen, welche ihnen Gewißheit des Sieges oder
wenigstens des Schutzes ihrer Throne gewährt.“
Der Kaiser versank in schweigendes Nachdenken.
Fürst Metternich sah ihn in tiefer Bewegung an. Seine großen, klaren und
ausdrucksvollen Augen verschleierten sich mit einem leichten
Thränenschimmer und mit dem Ausdruck inniger Ueberzeugung sprach er:
„Eure Majestät haben die Gnade gehabt, die Gefühle der tiefen
persönlichen Ergebenheit, welche ich für Allerhöchstdieselben hege,
anzuerkennen und mich Ihren Freund zu nennen. Erlauben Sie mir, Sire,
jetzt nachdem der Botschafter von Oesterreich gesprochen, auch als
treuer und ergebener Freund zu sprechen. Ich weiß sehr gut,“ fuhr er
fort, „daß die Strömung der öffentlichen Meinung Frankreichs in diesem
Augenblick zum Kriege treibt, und ich weiß ebenso gut, Sire, daß viele
Personen in Ihrer Umgebung — in Ihrer nächsten und unmittelbaren
Umgebung,“ fügte er mit Betonung hinzu, „sich die angelegentlichste Mühe
geben, jene Richtung der öffentlichen Meinung zu unterstützen und Eure
Majestät in gefährliche Unternehmungen hineinzudrängen, welche nach
meiner innigsten Ueberzeugung in diesem Augenblick nur zum Unglück
Frankreichs und zum Unglück Eurer Majestät ausschlagen können. Preußen
ist furchtbar gerüstet, Deutschland wird in dieser Hohenzollernschen
Frage hinter Preußen stehen und die Eurer Majestät feindlichen Parteien
in Frankreich, welche sich augenblicklich vor dem Plebiscit
zurückgezogen haben, warten nur auf den Augenblick eines Mißerfolges im
Kriege, um sich von Neuem zu erheben und einen entscheidenden Schlag
gegen das Kaiserreich zu führen. Ebenso wie man in Italien nur darauf
wartet, sich Roms zu bemächtigen. Allen diesen Gefahren gegenüber werden
Eure Majestät isolirt da stehen, keine der europäischen Mächte wird sich
Frankreich in dieser Frage zur Seite stellen, und ich bitte Eure
Majestät, zu glauben, daß die Erklärung, die ich Ihnen als Botschafter
gegeben, unbedingte Wahrheit ist. Der Fürst Metternich giebt Ihnen sein
Wort darauf. Oesterreich wird nicht für Eure Majestät Partei nehmen,
weil es das nicht thun kann, in dieser Frage am allerwenigsten thun
kann, und selbst wenn der Graf Beust, selbst wenn der Kaiser dazu
geneigt sein sollten, wie der Herzog von Gramont vorauszusetzen scheint,
so wird diese Neigung vor dem Widerstande des Grafen Andrassy erfolglos
bleiben. Der Graf Andrassy vertritt Ungarn, und Ungarn will keinen Krieg
mit Deutschland, da auch der günstige Ausgang desselben nur dahin
führen könnte, die dominirende Stellung des deutschen Elements im
Kaiserstaate wieder zu befestigen, ohne Ungarn aber, ohne diese
wichtigste militairische Hülfsquelle Oesterreichs ist jede Action für
uns unmöglich — ich bitte Eure Majestät,“ fuhr er fort, „dies als ganz
gewiß anzunehmen, — Graf Andrassy hat hohe Verehrung vor Eurer Majestät
und tiefe Sympathie für Frankreich. Täuschen sich aber Eure Majestät
nicht über die Bedeutung von Aeußerungen, welche diese seine Gefühle ihm
eingegeben haben können. Unter andern Umständen, wenn Frankreich
vielleicht mit Italien in Conflikt geriethe, würde Oesterreich bei einer
französischen Alliance auf die Unterstützung Ungarns rechnen
können, — gegen Deutschland niemals, — am allerwenigsten in einer Frage,
in welcher kein Vertragsrecht Oesterreichs Intervention zur Seite steht.
Eure Majestät,“ fuhr er mit tief, eindringendem Tone fort, „kennen meine
aufrichtige und liebevolle Ergebenheit für Ihre Person, Eure Majestät
haben mir Gelegenheit gegeben, die edlen Eigenschaften Ihres Herzens
ebenso sehr zu erkennen und zu bewundern, als die Klarheit und die
überlegene Schärfe Ihres Geistes — es ist die tiefe Ergebenheit, die
aufrichtige Liebe für Eure Majestät, welche mir die Worte in den Mund
legt, die ich Ihnen jetzt zu sagen mir erlaube. Hören Eure Majestät die
Bitte eines Freundes, welche ich ohne Rücksicht auf meine Eigenschaft
als Botschafter Oesterreichs aus treu besorgtem Herzen an Sie richte.
Treiben Sie, Sire, diese Sache nicht weiter, betreten Sie den
gefahrvollen Weg nicht, auf welchen man Sie drängen möchte und an dessen
Ende kaum ein glücklicher Ausgang zu erwarten ist.“
Der Fürst schwieg.
Der Kaiser beugte sich vor, reichte ihm mit einem liebenswürdigen
Lächeln die Hand, indem zugleich ein warmer Strahl seinen freien Blick
erleuchtete.
„Ich danke Ihnen, mein lieber Fürst,“ sagte er, „für die Aufrichtigkeit
und den Eifer, mit welchem Sie mir Ihre Ueberzeugung ausgesprochen und
Ihren Rath ertheilt haben. Ihre Gesinnungen für mich machen mich
stolz, — doch,“ sagte er dann, „Sie beunruhigen sich ohne Noth, die
Besorgnisse, welche gestern noch bestehen konnten, existiren heute nicht
mehr, der Prinz von Hohenzollern hat seine Candidatur zurückgezogen.“
Fürst Metternich athmete erleichtert auf.
„Ich hörte davon im Augenblick meiner Abfahrt in Paris,“ sagte er. „Ist
die Nachricht bereits offiziell angekommen?“
„Olozaga,“ sagte der Kaiser, „hat die Mittheilung im Auftrage der
spanischen Regierung an den Herzog von Gramont gemacht, und somit
scheint mir die Angelegenheit erledigt. Die Verzichtleistung des Prinzen
wird morgen in den Kammern mitgetheilt werden, und die europäische
Diplomatie,“ fügte er lächelnd hinzu, „kann wieder ruhig baden und
Brunnen trinken.“
Der Fürst Metternich schwieg einen Augenblick, als zögerte er, einen
Gedanken auszusprechen, der ihn beschäftigte.
„Sire,“ sagte er dann, „die extreme Kriegspartei wird vielleicht nach
Andeutungen, die ich hier und da gehört habe, mit der Lösung der Frage
noch nicht zufrieden sein, da sie gehofft hat, jetzt endlich mit ihren
Ideen durchzudringen. Man wird von Neuem die Stimmung zu reizen und
aufzuregen suchen, und da, wie ich weiß, auch in Deutschland bereits die
Geister sich zu entflammen beginnen, so könnte leicht irgend ein
Incidenzfall eintreten, der die Beruhigung Europa's von Neuem in Frage
stellt. Ich bitte, Eure Majestät, aus der Erklärung, welche den Kammern
gegeben werden soll, jede provocirende und verletzende Aeußerung gegen
Preußen fern halten zu lassen, damit ein für allemal alle
Auseinandersetzungen über den Gegenstand aufhören. Graf Bismarck,“ fuhr
er fort, „hat bis jetzt alle Conflikte zu vermeiden gesucht, einen
günstigeren Kriegsfall als in diesem Augenblick könnte er aber kaum
finden, und man muß ihn nicht in die Versuchung führen, durch einen
großen Aufschwung des Nationalgefühls aus der Waffenbrüderschaft aller
deutschen Staaten ein neues deutsches Reich zusammen zu schmieden.“
Der Kaiser lächelte.
„Seien Sie ganz ruhig, mein lieber Fürst,“ sagte er, „ich habe Gramont
den Auftrag ertheilt, mit Ollivier eine definitive Erklärung über die
Beendigung der ganzen Sache an die Kammer zu redigiren, und morgen um
diese Stunde wird jede Besorgniß für die Störung des Friedens
verschwunden sein.“
Fürst Metternich stand auf.
„Ich verlasse Eure Majestät mit erleichtertem Herzen und bitte um die
Erlaubniß, sogleich nach Paris zurückkehren zu dürfen, um das so
erfreuliche Resultat dieser Unterredung nach Wien melden zu können.“
„Meine herzlichsten Empfehlungen der Fürstin,“ sagte der Kaiser, „ich
hoffe, Sie Beide in den nächsten Tagen hier zu sehen.“
Er drückte dem Fürsten die Hand und begleitete ihn einige Schritte nach
der Thür hin.
„Durch die Beseitigung der Candidatur des Erbprinzen von Hohenzollern,“
sprach er leise, als er allein war „soll das Prestige Frankreichs wieder
hergestellt sein, sagt man mir, — sehr gut, wenn die öffentliche Meinung
dies glaubt. Leider,“ fuhr er seufzend fort, „ist es nicht der Fall,
jenes Prestige besteht in Wahrheit nicht mehr. Denn wenn es bestände, so
würde Österreich nicht zögern, in diesem Augenblick frei und offen auf
die Seite Frankreichs zu treten und die Suprematie des Hauses Habsburg
in Deutschland wieder zu erringen. Man glaubt nicht mehr an die Macht
Frankreichs, und auch meine besten Freunde nicht, — auch Metternich
nicht, der wirklich mein Freund ist. Das Ansehen Frankreichs, so wie es
früher war, wieder herzustellen, gäbe es nur ein Mittel, und dies Mittel
wäre der Sieg — aber,“ sagte er düster vor sich hin starrend, „wo ist die
Hand, welche den Sieg mit Sicherheit erkämpfen könnte, — — wenn er mir
entginge — —“