„Alles ist vorbereitet,“ las er dann, den Zeilen folgend, „die

maßgebenden Personen sind der Proclamation des Prinzen von Asturien

günstig. Das Volk im Ganzen mit Ausnahme einiger unterwühlten großen

Städte würde jede feste Regierung, welche Ruhe und Stabilität verbürgt,

mit Freuden begrüßen. Die Armee ist zum großen Theil ganz alphonsistisch

gesinnt und die Proklamation des Prinzen, namentlich wenn derselbe die

unmittelbare und bestimmte Anerkennung Frankreichs fände, würde nirgends

ernsten Schwierigkeiten begegnen. Vor allen Dingen aber ist es nöthig,

daß die Königin Isabella so schnell als möglich feierlich abdicirt und

alle ihre Rechte auf ihren Sohn überträgt, zugleich auch jeden Anspruch

auf die Regentschaft ausdrücklich aufgiebt und sich verpflichtet, auch

nach der etwaigen Thronbesteigung ihres Sohnes im Auslande zu leben und

nicht nach Spanien zurückzukehren. Dies Document ist unerläßlich für

jede weitere Thätigkeit, denn Niemand, die Alphonsisten ebenso wenig,

wie alle Andern, will die Rückkehr der Königin, und man fürchtet, daß

selbst bei ihrer persönlichen Anwesenheit in Spanien sie und ihre

Umgebung auf die Regierung von Neuem einen Einfluß ausüben würden, den

man mit Recht oder Unrecht für verderblich hält. Wenn Eure Majestät die

Abdication der Königin in der oben angedeuteten Weise erreichen können,

so scheint die Thronbesteigung des Prinzen von Asturien sicher zu sein.“

Der Kaiser warf den Brief zurück.

„Ich kann mich auf diese Mittheilung verlassen,“ sagte er, — „das Glück

scheint mir zu lächeln. Die Regierung des Prinzen von Asturien, mag sie

in seinem Namen geführt werden, durch wen sie wolle, wird Frankreich

günstig sein und in der auswärtigen Politik im Großen und Ganzen

derjenigen der Königin Isabella sich anschließen. Vor allen Dingen aber

wird sie dem Herzog von Montpensier und den Orleans unversöhnlich

feindlich sein — vielleicht ließe sich dann doch noch auf jene

Combination zurückkommen, welche durch diese unglückliche Revolution in

Spanien vereitelt wurde. —

Die Königin wird sich freilich schwer zur Abdankung entschließen. Das

Document darüber ist schon aufgesetzt und befindet sich in ihren Händen.

Sie hat bis jetzt die Unterzeichnung verweigert, weil sie Bürgschaft

verlangte, daß nach ihrer Abdication die Thronbesteigung ihres Sohnes

wirklich gesichert sei. Ich glaube ihr nach dieser Nachricht, welche

durch die Mittheilungen Olozaga's vollständig bestätigt wird, jede

Garantie geben zu können.“

Er sann einige Minuten nach.

„In Augenblicken wie dieser,“ sagte er dann, „kommt es auf schnelles und

entschiedenes Handeln an. Günstige Situationen muß man benutzen und zu

rascher Entscheidung führen, — man weiß niemals, wie lange sie dauern

können. Ich will sogleich zur Königin, um womöglich gleich die Sache mit

einem Schlage zu erledigen.“ Er klingelte.

„Meinen Wagen,“ befahl er dem eintretenden Kammerdiener, „große

Attelage, ich will nach Paris fahren. General Favé soll mich begleiten.“

Er stand auf und ging in sein Toilettenzimmer.

* * * * *

An der Avenue du Roi de Rome liegt das prachtvolle Hotel Basilensky,

welches die Königin Isabella gekauft und eingerichtet hatte und über

dessen vergoldeten Gitterthoren der Lilienschild des königlichen Wappens

von Spanien glänzte.

Die innere Eingangsthür dieses Hotels stand weit offen und ließ durch

die Gitter des äußeren Hofes den Blick in die prachtvolle weite Halle

dringen, in deren Hintergrund die breite Marmortreppe nach den obern

Gemächern emporführt.

In dieser Halle war die Dienerschaft der Königin in ihrer dunkelblauen

goldgestickten Livrée mit den rothen Strümpfen aufgestellt, und am Fuß

der Treppe stand der Graf von Ezpeleta, der Oberhofmeister der Königin,

ein alter Mann mit grauem Haar, mit dem großen blauen Bande des Ordens

Karls III. geschmückt; neben ihm der Kammerherr Albacete, ein noch

junger, schöner Mann mit schwarzem gelocktem Haar, kleinem schwarzem

Schnurrbart und dunklen Augen, mit dem Cordon des Ordens Isabella der

Katholischen.

Bereits eine Viertelstunde standen die beiden Herren hier, von Zeit zu

Zeit einige Worte mit einander wechselnd und oft ungeduldig durch die

Thür nach dem Vorhof hinaus blickend, zu welchem wenige Stufen

hinabführten.

Endlich fuhr ein einfaches Coupé mit dunkler Livrée durch das Gitterthor

in den Hof und hielt vor dem Haupteingang des Hotels.

Graf Ezpeleta eilte schnell an den Schlag des Wagens, den der vom Bock

herabspringende Diener bereits geöffnet hatte. Herr von Albacete folgte

ihm, den Hut in der Hand; beide Herren verbeugten sich tief vor einem

jungen Manne von etwa zwei und zwanzig Jahren, der hoch und schlank

gewachsen war und leicht und gewandt aus seinem Wagen auf den Boden

sprang.

Dieser junge Mann hatte ein blasses längliches Gesicht von vornehm

strengem, aber ein wenig apathischem Ausdruck. Seine Nase war lang und

etwas stark, die von Natur weichen Linien seines Mundes waren durch

feste und energische Willenskraft zusammengezogen, — aus seinen kleinen

Augen leuchtete ein hoher unbeugsamer Stolz. Er trug einen schwarzen

Salonanzug, einen Cylinderhut auf dem Kopf, das goldene Vließ am rothen

Bande um den Hals.

Mit einer leichten Neigung des Kopfes, ohne den Hut zu berühren,

erwiderte er die ehrfurchtsvollen Begrüßungen des Grafen Ezpeleta und

des Herrn von Albacete. Dann stieg er, ohne ein Wort an die Herren zu

richten, die Stufen des Eingangs hinauf und schritt durch die Reihen der

sich tief verneigenden Lakaien zu der großen Treppe hin, während Herr

von Albacete halb rückwärts gewendet, einige Schritte vor ihm herging,

und der Graf Ezpeleta ehrerbietig ihm folgte. Der junge Mann stieg mit

leichtem elastischem Schritt die Stufen der Treppe hinauf.

Am obern Ende derselben vor dem Eingang in ihre Gemächer stand die

Königin Isabella. Sie trug eine weite Robe von dunkelblauer Seide, das

rothe Band des goldenen Vließes um den Hals.

Ihr zur Seite befand sich die Gräfin Ezpeleta und einige Hofdamen.

Der junge Mann, welchen die Cavaliere der Königin mit so viel Ehrfurcht

begrüßt hatten, stieg ruhig die letzte Stufe der Treppe hinauf, und erst

als er unmittelbar vor der Königin stand, nahm er mit einer Bewegung

voll ritterlicher Höflichkeit, aber ohne jeden Ausdruck von Ehrerbietung

oder Unterwürfigkeit den Hut ab, ergriff die Hand, welche die Königin

ihm entgegenstreckte und führte sie leicht an die Lippen.

„Ich danke Ihnen, mein Vetter,“ sagte die Königin, „daß sie gekommen

sind, und ich bitte Gott, daß er unsere Begegnung und unsere Unterredung

segnen möge zum Wohle Spaniens und zum Wohl unseres Hauses.“

Der Infant Don Carlos, welchem man bei seiner Geburt den Namen des

Herzogs von Madrid gegeben, welcher in der Verbannung den Titel eines

Grafen von Monte Molin führte, und welchen die spanischen Legitimisten

den König Carlos VII nannten, erwiderte nichts auf diese Worte.

Schweigend reichte er der Königin den Arm und führte sie durch einen

großen, mit reich vergoldeten Meubeln ausstatteten Salon, in welchem

über den Fenstern und Thüren, so wie über dem großen prachtvollen Kamin

die Lilien des königlichen Hauses von Bourbon auf blauem Grunde

glänzten, nach dem Cabinet der Königin, welches von dem vordern Salon

durch eine einzige große Glaswand aus mächtigen Spiegelscheiben getrennt

war, so daß man aus dem einen Raum vollständig den andern übersehen

konnte.

Dies Cabinet, in welchem die Königin ihre Audienzen zu ertheilen

pflegte, war mit weißem Marmor ausgelegt, neben dem Kamin, welcher der

Glaswand sich gegenüber befand, standen einander gegenüber einige große

Fauteuils mit vergoldeter Lehne und mit purpurrothem Seidendamast

überzogen.

Die Königin nahm auf einem dieser Lehnstühle Platz. Don Carlos setzte

sich, immer schweigend und kalt, ihr gegenüber.

„Erlauben Sie, mein Vetter,“ sagte Isabella, absichtlich jede Titulatur

in ihrer Anrede vermeidend, „daß ich Ihnen die Infanten, meine Kinder,

vorstelle?“

Der Graf von Monte Molin neigte artig das Haupt.

Die Königin winkte durch die Glaswand nach dem andern Zimmer hin, in

welchem ihr Gefolge zurückgeblieben war, und kurze Zeit darauf führte

die Gräfin Ezpeleta den dreizehnjährigen Prinzen Alphons von Asturien

und seine drei jüngeren Schwestern in das Cabinet, worauf sie sich

wieder in das Vorzimmer zurückzog.

Der Prinz von Asturien, ein bleicher, zarter Knabe mit sanftem und

kränklichem, aber intelligentem Gesicht, in einen Anzug von schwarzem

Sammet gekleidet, welcher die zarte Farbe seines Gesichts noch mehr

hervorhob, näherte sich mit offenem und unbefangenem Anstand dem Grafen

von Monte Molin. Er küßte seinem Oheim die Hand, während die drei

Infantinnen sich in einer gewissen kindlichen Befangenheit neben den

Stuhl ihrer Mutter stellten.

„Don Alphonso,“ sagte die Königin, ihren Sohn vorfallend, „Donna Maria

del Pilar — Donna Maria della Pay, — Donna Eulalia,“ — fuhr sie fort, die

kleinen Prinzessinnen bezeichnend, welche sich nach der Reihe ihrem

Oheim näherten und ihre Lippen auf seine Hand drückten.

Das bisher so ernste, strenge und unbewegliche Gesicht des Grafen von

Monte Molin wurde einen Augenblick von einem feuchten Schimmer

überstrahlt. Ein weiches und inniges Gefühl leuchtete aus seinen Augen,

wie in unwillkürlicher Bewegung umarmte er den Prinzen von Asturien, zog

dann die kleinen Infantinnen an sich heran und küßte sie eine nach der

andern auf die Stirn.

„Die lieben Kinder,“ sagte er, — „die Glücklichen, die noch allen Sorgen

des Lebens — und der Politik fern stehen, — Gott segne sie.“

Die Königin hatte mit bewegtem Ausdruck diese Scene mit angesehen, eine

tiefe, mächtige Rührung zuckte über ihr Gesicht, ein feuchter Schimmer

verhüllte ihren Blick. Dann winkte sie mit der Hand, die Gräfin

Ezpeleta erschien wieder und führte, sich tief und ceremoniell

verneigend, die Kinder hinaus.

„Ich habe Sie gebeten, zu nur zu kommen, mein Vetter,“ sagte die

Königin, „um mit Ihnen über die Lage Spaniens zu sprechen und mit Ihnen

zu berathen, was wir, die wir durch unser Blut mit dem Geschick der

spanischen Nation verknüpft sind, thun können, um das edle Volk aus

seiner traurigen Lage zu befreien und um auch in unserm Hause den

Frieden wieder herzustellen.“

Das Gesicht des Grafen von Monte Molin nahm wieder seinen früheren,

kalten und strengen Ausdruck an.

„Über die spanische Nation,“ sagte er, „ist das Strafgericht

hereingebrochen, dem kein Volk entgehen kann, das sich von Gott abwendet

und das heilige Recht seiner Könige verleugnet. Spanien wird durch

dieses Strafgericht geläutert und so Gott will, einer glücklichen

Zukunft zugeführt werden.“

„Sie haben Recht, mein Vetter,“ sagte die Königin mit sanfter Stimme.

„Indeß,“ fuhr sie fort, „ist das spanische Volk vielleicht entschuldbar,

wenn es sich über das Recht seiner Fürsten täuscht, da ja bei den

Trägern dieses Rechts selbst zwei verschiedene Anschauungen über

dasselbe bestehen.“

„Es giebt nur ein Recht,“ erwiderte Don Carlos, „und wenn zwei

verschiedene Anschauungen darüber bestehen, so trifft die Schuld

denjenigen Fürsten unseres Hauses, welcher in unverzeihlicher Weise die

alten, die heiligsten Satzungen nach seiner persönlichen Willkür zu

ändern unternommen hat. Und Ruhe und Frieden,“ fuhr er in klangvoller

Stimme fort, „wird in Spanien nicht eher wieder herrschen, als bis das

alte, gottgeheiligte Recht wieder zur vollen Geltung gekommen ist.“

„Ich will darüber nicht mit Ihnen streiten, mein Vetter,“ sagte die

Königin, „wo das wahre Recht liegt. Sie müssen mir aber zugeben,“ fuhr

sie fort, indem sie ihn mit weichem Blick ansah und die Hand wie bittend

gegen ihn erhob, „daß ich unschuldig bin an dem, was vor mir — was zu

meinen Gunsten geschah. Ich habe im guten Glauben meinen Thron

bestiegen, überzeugt, daß das Gesetz, welches mich auf denselben berief,

ein im Rechte begründetes gewesen sei.“

„Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, meine Cousine,“ sagte Don Carlos, in

sanftem Tone, „es ist Ihre Schuld nicht, daß Sie die Vertreterin eines

Prinzips geworden sind, welchem dem wahren Königthum und der von Gott

eingesetzten Monarchie ebenso feindlich gegenüber steht, als es diese

Revolution thut, welche heute unser armes Spanien zerrüttet.“

„Wenn Sie das anerkennen, mein Vetter,“ sagte die Königin, „so werden

Sie mit mir auch den Wunsch theilen, daß das traurige Zerwürfniß,

welches die Linien unseres königlichen Hauses von einander trennt, und

welches uns unsern Gegnern gegenüber schwächt und lähmt, beendet werde.

Sie werden gewiß die Hand dazu bieten, daß wieder das Königthum in

Spanien einig und in geschlossener Macht den Elementen des Unglaubens

und Aufruhrs gegenüber gestellt werde.“

Und in lebhafter, offener Bewegung reichte sie dem Infanten ihre Hand,

dieser berührte dieselbe sich artig verbeugend, einen Augenblick und

sprach dann, indem er die Königin gerade und fest ansah:

„Sobald sich das ganze königliche Haus von Spanien unter meiner Fahne

vereinigt, wird jene traurige Spaltung verschwunden sein, und wir werden

kräftiger und erfolgreicher als bisher der Revolution gegenüber treten

können.“

Die Königin schwieg einen Augenblick.

„Ich schwöre es Ihnen bei Gott, mein Vetter,“ sagte sie dann, „daß ich

mich wahrlich nicht nach der Herrschaft und nach dem Throne sehne, — sie

haben mir kein Glück in meinem Leben gebracht. Unruhe, Sorge und Kummer

ist mein Loos gewesen, und auch das Glück meines Herzens ist diesem

traurigen Glanz der Krone zum Opfer gefallen. Aber,“ fuhr sie fort, „ich

habe die Rechte meines Sohnes zu vertreten, und man sagt mir, daß die

monarchische Partei in Spanien zu einem großen Theil auf ihn seine

Hoffnungen setzt und durch seinen Namen zusammengehalten werde.“

Don Carlos hörte ruhig und unbeweglich zu.

„Ich setze voraus,“ fuhr die Königin fort, „daß in Ihrem Herzen, wie in

dem meinen das Wohl Spaniens, die Größe und der Glanz unseres Hauses

weit über allen persönlichen Rücksichten und Wünschen stehen — wenn dies

der Fall ist, wenn wir uns darüber verständigen könnten, die

Vergangenheit und die Gegenwart einer besseren und glücklicheren Zukunft

zu opfern, so würde es vielleicht in unsere Hände gegeben sein, das

Schicksal Spaniens und unseres Hauses neuem Glück und neuem Glanz

entgegen zu führen.“

„Mein Volk und mein Haus stehen mir wahrlich höher, als meine Person,“

erwiderte Don Carlos, „und für das Wohl Beider bin ich jeden Augenblick

bereit, mich zum Opfer zu bringen.“

„Oh,“ rief die Königin lebhaft, „dann werden Sie gewiß auf die Idee

eingehen, die ich Ihnen aussprechen möchte, — eine Idee, von der mir so

viele einsichtsvolle Personen sagen, daß durch sie Spanien aus seinem

jetzigen, traurigen Zustand gerettet werden könne.“

Don Carlos sah die Königin fragend an.

„Mein Vetter,“ fuhr Isabella fort, „Sie sind der Vertreter des Rechts

der einen Linie unseres Hauses; ich stehe an der Spitze der andern. Sie

haben zahlreiche opferbereite Anhänger in Spanien, und auch an mir hängt

noch ein großer Theil des Volkes und der Armee. Könnten wir diese Alle

vereinigen zu gemeinsamem Kampf, der Sieg müßte unser sein. Und dazu

gehört,“ fuhr sie fort, „nichts weiter, als daß wir, Sie und ich auf den

Thron verzichten, daß wir die Selbstverleugnung haben, unsere eigenen

persönlichen Rechte aufzugeben, um diejenigen unserer Kinder sicher zu

stellen. Mein Vetter, vereinigen wir unsere beiden Linien und deren

Rechte, beschließen wir die Verbindung meines Sohnes, den Sie so eben

gesehen, mit der Infantin, Ihrer Tochter. Wenn ich dann auf die Krone

verzichte, die ich getragen und welche die Revolution mir vom Haupte

gerissen hat, wenn Sie Ihre persönlichen Ansprüche auf die älteren

Rechte Ihrer Linie aufgeben, so wird Don Alphonso der allein berechtigte

und allseitig anerkannte König von Spanien werden, Ihre Tochter wird

dereinst seinen Thron mit ihm theilen, und in Zukunft wird das

vereinigte Blut beider Linien unseres Hauses das ungetheilte

monarchische Prinzip aufrecht erhalten.“

Don Carlos sah die Königin, welche immer bewegter gesprochen hatte, mit

einem gewissen Erstaunen an.

„Eine Verbindung des Infanten Don Alphonso,“ sagte er, „mit meiner

Tochter ist ein Gegenstand, der wohl ernste Erwägung verdient und der

allerdings dazu beitragen möchte, die so beklagenswerte Spaltung des

königlichen Hauses von Spanien auszugleichen. Doch begreife ich nicht,

Madame,“ fuhr er fort, „wie durch eine solche Verbindung Don Alphonso

unmittelbare Rechte auf den spanischen Thron erwerben sollte, selbst

wenn ich auf die meinigen verzichten würde, was nach meiner Überzeugung

kein Fürst, den Gott zum Throne hat geboren werden lassen, thun darf.“

„Wenn Sie, mein Vetter,“ erwiderte die Königin „zugleich mit der

besprochenen Verbindung Don Alphonso adoptiren würden, so wären, wie mir

scheint, alle Schwierigkeiten gelöst, der Infant würde in seiner Person

die Rechte Ihrer und meiner Linie vereinigen und der einzige Mittelpunkt

für alle Anhänger und Vertheidiger der Monarchie in Spanien sein.“

Don Carlos richtete sich hoch empor.

„Ich bewundere, Madame,“ sagte er mit schneidendem Hohn, „die Klugheit

Ihrer Rathgeber, welche die Schwierigkeiten auf so einfache Weise lösen

wollen, auf die so unendlich einfache Weise, daß sie das hohe und

unveräußerliche Recht, welches Gott mir und meinen Nachkommen gegeben,

einfach wegwerfen und alle die Rechtswidrigkeiten anerkennen, durch

welche Spanien in sein gegenwärtiges Unglück gestürzt ist.“

„Aber, mein Gott,“ sagte die Königin erstaunt über die plötzliche

Veränderung in dem Gesichtsausdruck und Ton des Grafen von Monte Molin,

„der Vorschlag, den ich so eben gemacht, beruht ja auf der Anerkennung

Ihres Rechtes, denn mein Sohn soll ja den spanischen Thron gerade

gestützt auf unsere beiden bisher sich entgegen stehenden Rechte in

Anspruch nehmen.“

„Das heißt mit andern Worten,“ fiel Don Carlos ein, „ich soll mit

meinem königlichen Siegel legalisiren, was zur Verletzung des legitimen

Rechts geschehen ist. Ich soll aufgeben alle Ansprüche, welche Gottes

Willen mir gegeben und soll das alte heilige Recht in den Dienst treten

lassen der willkürlichen Verfügungen, welche die unumstößlichen

Satzungen des spanischen Königshauses verändert haben. Und wenn ich für

meine Person dies Opfer bringen wollte, wenn ich auf mein Recht

verzichten wollte, um das Unrecht zu sanctioniren, wie könnte ich eine

solche That vertreten meinen Nachkommen gegenüber, das darf ich Sie wohl

fragen, — Sie, Madame, die Sie von mir verlangen, daß ich Ihrem Sohn den

Anspruch opfern soll auf die Krone der edelsten und vornehmsten Nation

der Welt.“

„Aber, mein Vetter,“ sagte die Königin, „Sie haben nur eine Tochter und

wenn Sie heute König von Spanien werden, so wäre ja Don Alphonso Ihr

legitimer Erbe.“

„Sie vergessen, Madame,“ rief Don Carlos, „daß in den nächsten Tagen

vielleicht die Gnade der Vorsehung mir einen neuen Nachkommen schenken

wird. Wenn ich heute mit Ihnen diesen Kauf abschlösse,“ rief er lebhaft,

„über die Rechte und die Zukunft meines Hauses, und wenn dann dieses

Kind, das ich erwarte, ein Sohn wäre, müßte ich nicht erröthend die

Augen niederschlagen vor der Wiege des Säuglings, den ich um sein

königliches Recht vor seiner Geburt betrogen hätte. Nein, Madame,“ sagte

er kalt und ruhig, jedes Wort scharf und nachdrücklich betonend, „seien

Sie überzeugt, daß niemals, niemals von mir ein solcher Pact geschlossen

werden wird, und selbst wenn ich heute ein Greis wäre, der keine

Nachkommenschaft mehr zu erwarten hat — selbst dann würde ich meine

persönlichen Rechte nicht veräußern, — versagt mir Gott einen Sohn, so

ist der Infant Don Alphonso mein natürlicher und berechtigter

Nachfolger, ich werde ihn als solchen lieben und dahin arbeiten, ihm ein

großes und ruhmreiches Erbe zu hinterlassen, — aber so lange ich lebe,“

fuhr er fort, indem er aufstand, und die Hand wie zur feierlichen

Bekräftigung seiner Worte emporhob, „so lange ich lebe, giebt es in

meinen Augen auf Erden keinen anderen König von Spanien als mich — in

Gottes Hand steht es, ob ich mein Recht erringen werde, oder ob mir das

hohe Ziel um der Sünden meiner Väter und um der meinigen willen versagt

bleiben soll — ich aber werde nichts unterlassen, um den Thron, zu dem

mich Gott hat geboren werden lassen, mir und meinem Hause wieder zu

erobern, mit Niemandem in der Welt werde ich über dieses mein höchstes

Recht, das zugleich meine heiligste Pflicht ist, handeln oder Verträge

schließen, — und eine innere Stimme sagt mir, daß dereinst noch die alte

Fahne des reinen legitimen Rechts siegreich in Spanien wehen wird. Dann,

Madame,“ fuhr er mit mildem Tone sich zur Königin wendend fort, „werde

ich Sie willkommen heißen im Escurial, Ihr Sohn wird der erste Prinz

meines Hauses — und vielleicht mein Nachfolger und Erbe sein. Ich werde

Gott bitten, daß er Sie und die Ihrigen erleuchten möge, Sich seinen

ewigen Ordnungen zu fügen, ich kann meinerseits von denselben nicht

abgehen.“

Die Königin erhob sich ebenfalls.

„Ich bitte Sie, mein Vetter,“ sagte sie, „lassen Sie unsere Unterredung

nicht so enden, ich habe so große Hoffnungen auf unsere persönliche

Begegnung gebaut, bedenken Sie, daß die Spaltungen zwischen den beiden

Linien unseres Hauses ja nur unseren gemeinschaftlichen Feinden

nützt.“ —

„Ich darf nichts bedenken,“ erwiderte Don Carlos, „als daß Gott mir das

Recht zu bewahren gegeben, das ich aufrecht halten und vertheidigen

werde bis zu meinem letzten Athemzuge.“

Er näherte sich der Königin, welche unschlüssig und verwirrt da stand,

küßte ihr die Hand und sprach:

„Gott segne Sie, Madame, und die Ihrigen; — wie auch das Schicksal der

Zukunft sich wende, ich werde niemals vergessen, daß das gleiche Blut in

unsern Adern rollt.“

Die Königin schien sprechen zu wollen. Don Carlos bot ihr mit einer

entschiedenen Bewegung seinen Arm, sie legte schweigend mit einem tiefen

Seufzer ihre Hand in denselben und geleitete den Infanten durch das

Vorzimmer nach der Treppe, wo er mit einer artigen Verbeugung seinen Hut

aufsetzte und, von dem Grafen Ezpeleta und dem Herrn von Albacete

begleitet, langsam und ruhig die Stufen hinabstieg. Sein Coupé fuhr vor,

er winkte leicht grüßend mit der Hand und fuhr durch das Gitterthor des

Hofes hinaus.

„Alles vergebens,“ rief die Königin, als der Graf von Ezpeleta zu ihr

zurückgekehrt war und fragenden Blickes in ihr Cabinet eintrat, — „Alles

vergebens! Er ist unbeugsam! Er steht unerschütterlich fest auf dem

Boden seines Rechts. Und es wäre doch so schön gewesen,“ rief sie, „wenn

diese Verständigung gelungen wäre. Er hat mächtige Anhänger, wenn sie

sich mit den meinigen vereinigten, sie hätten die größten Aussichten auf

Erfolg gehabt. Aber so,“ fuhr sie fort, indem sie ihr Taschentuch heftig

zusammendrückte, „ist Alles in Frage gestellt. Man verlangt von mir die

Abdankung. Aber was wird dadurch gewonnen, wenn nicht zu Gunsten meines

Sohnes eine große, monarchische Partei gebildet werden kann? — ich würde

mein Recht aufgeben, ohne ihm dadurch die Nachfolge sichern zu können —“

Eine Bewegung machte sich im Vorzimmer bemerkbar.

Eiligst trat Herr von Albacete durch die Thür der großen Glaswand in das

Cabinet der Königin.

„Seine Majestät der Kaiser ist so eben in den Hof gefahren!“ rief er und

eilte schnell wieder hinweg, um den Kaiser zu begrüßen.

Der Graf Ezpeleta folgte ihm, und die Königin ging mit ihren Damen

abermals nach dem Ausgang der großen Treppe, an welcher sie sich kurz

vorher von dem Grafen von Monte Molin verabschiedet hatte.

Langsam und etwas schwerfälligen Schrittes stieg Napoleon die Stufen

hinauf.

Er trug einen schwarzen Überrock und hielt seinen Hut und ein spanisches

Rohr mit goldenem Knopf in der Hand. Mit tiefer Verbeugung küßte er der

Königin die Hand und führte sie in das Cabinet zurück.

„Ich habe Ihnen gute Nachrichten zu bringen, Madame,“ sagte er, nachdem

er ihr gegenüber vor dem Kamin Platz genommen. „Wie befinden sich die

Infanten?“

„Ich danke, Eure Majestät,“ erwiderte die Königin, auf deren Gesicht bei

den ersten Worten des Kaisers der Ausdruck gespannter Erwartung

erschienen war, „sie befinden sich vortrefflich in dieser schönen Luft

des gastfreien Frankreichs, welche für sie nur den einzigen Fehler hat,

daß sie die Luft des Exils ist.“

„Und der König Don Franzesco,“ fragte der Kaiser, indem er leicht mit

der Hand über seinen Schnurrbart fuhr.

Der Todesgruß der Legionen, 3. Band · 第 5 / 19 段