dann setzte er sich zu ihr und plauderte lange mit ihr, und er erzählte
von seiner Geliebten, ihren schönen treuen Augen — ihrer süßen Stimme,
von dem alten Hause in St. Dizier, von den kreidereichen Weinbergen der
Champagne und von den grünen Ufern der Marne, — er malte ihr so
glückliche freundliche Bilder der Zukunft aus, wie sie dort bei ihm
leben würde, wie seine Luise sie pflegen und wie sie dann die kleinen
Enkel hüten und erziehen würde, daß die alte Frau ganz selig und stolz
sich mit ihm in diese lieblichen Zukunftsträume vertiefte.
* * * * *
Wieder waren dann mehrere Wochen vergangen, er hatte seinen Brief mit
der Nachschrift seiner Mutter abgesendet.
Die Alte hatte dann mit ihrem Bruder über die Sache gesprochen. Es
hatte einen großen Sturm gegeben. Der alte Niemeyer war einige Tage in
finsterm Brüten schweigend einher gegangen, dann hatte er heftig
gescholten über junge Leute, die auf Abenteuer hinauszögen in ferne
Länder und den Sinn und die Liebe für die Heimath verlören, — der junge
Cappei hatte, dem Rath und dem Wink seiner Mutter folgend, das Alles
schweigend und ohne Erwiderung mit angehört; er hatte Abends die beiden
alten Leute allein gelassen, und dann hatte seine Mutter in ihrer Weise
mit ihrem Bruder gesprochen, sicher daß trotz seines Scheltens und
Grollens ihre Worte den Weg zu seinem Herzen fanden. Endlich hatte er
seinen Neffen gerufen, ihn ausführlich und scharf inquirirt über die
Familie seiner Geliebten, über das Geschäft und Vermögen ihres Vaters,
und die klaren, scharfen und bestimmten Antworten des jungen Mannes,
welche ihm über das Alles so befriedigende Auskunft gaben, hatten
augenscheinlich dazu beigetragen, ihn zu beruhigen und ihn die ganze
Sache in einem freundlicheren und milderen Licht ansehen zu lassen.
Dann als nochmals einige Tage vergangen waren, hatte er allmählig
angefangen, — wenn auch noch immer murrend und scheltend, — über die
Zukunftspläne des jungen Mannes zu sprechen. Er hatte sogar die Absicht
angedeutet, trotz seines Alters und seiner Schwerfälligkeit, die Reise
nach Frankreich zu machen und mit dem alten Herrn Challier, vor dessen
ausgedehntem Geschäft ihm die Mittheilungen seines Neffen einen großen
Respect eingeflößt hatten, selbst über die Angelegenheit sich zu
berathen.
So weit war Alles gut, und die alte Frau lebte und webte schon in dem
Gedanken an die glückliche Zukunft ihres Sohnes und ihrer künftigen
Schwiegertochter, welche sie bereits mit aller mütterlichen Zärtlichkeit
liebte, obgleich sie sie nie gesehen.
Aber der junge Cappei wurde immer ernster und trauriger, denn auch auf
den Brief, welchen er mit der Unterschrift seiner Mutter abgesandt
hatte, war keine Antwort erfolgt, und mit jedem Tage wurde die Qual des
dumpfen Wartens angstvoller und peinlicher, und immer tiefer schnitten
die mißtrauischen Fragen seines Oheims in sein von banger Unruhe
gequältes Herz.
Endlich konnte er diesen Zustand nicht länger ertragen, und er kündigte
den beiden alten Leuten seinen Entschluß an, selbst nach Frankreich zu
reisen und den Grund dieses unerklärlichen Schweigens zu erforschen.
Seine Mutter billigte den Entschluß, denn das Leiden ihres Sohnes
erfüllte sie mit tiefem Mitgefühl, — auch der alte Niemeyer hatte nichts
dagegen einzuwenden, sein practischer Sinn verlangte eine Abänderung
dieses Zustandes der Ungewißheit, und im Stillen hoffte er, daß sein
Neffe an Ort und Stelle irgend ein Hinderniß fände, welches diese Sache,
die so störend in seinen Lebenskreis eintrat, ein für allemal beenden
möchte.
Der junge Cappei traf also seine Vorbereitungen zur Abreise, welche nur
in der Ordnung seines geringen Gepäcks bestanden und begab sich eines
Morgens auf das Amtshaus, um der von ihm übernommenen Verpflichtung
gemäß dort um die Erlaubniß zu seiner Reise nachzusuchen und sich einen
Urlaubspaß zu erbitten.
Der Amtsverwalter empfing den jungen Mann sehr ernst und hörte
schweigend sein Gesuch an.
„Sie wollen nach Frankreich gehen,“ sagte er — „welchen Zweck hat Ihre
Reise.“
Cappei zögerte einen Augenblick.
„Ich bitte Sie, ganz aufrichtig zu sein,“ sagte der Beamte, — „Sie
befinden sich in einer besonderen Lage, und jede ausweichende Antwort
könnte Ihnen nur nachtheilig sein.“
„Ich habe keinen Grund, meine Absicht zu verheimlichen,“ sagte der
junge Mann — „ich habe eine Braut in Frankreich und wünsche dort die zu
unserer Verbindung nöthigen Vorbereitungen persönlich zu besprechen.“
„Sie sind landwehrpflichtig,“ sagte der Amtsverwalter, „und es thut mir
leid, daß ich im Hinblick auf ihre Vergangenheit Ihnen die nachgesuchte
Erlaubniß nicht ertheilen kann.“
„Ich verspreche,“ sagte der junge Mann erbleichend, „meine Adresse hier
zu lassen und jedem Ruf sofort Folge zu leisten. Auch wird ohnehin meine
Abwesenheit nicht lange dauern, ich werde in spätestens vierzehn Tagen
wieder hier sein.“
„Ich kann,“ erwiderte der Beamte, „auch trotz dieses Versprechens Ihnen
die Erlaubniß zur Reise und einen Paß nicht geben, — jedenfalls nicht
ohne höhere Genehmigung.“
Ein Ausdruck finsterer Entschlossenheit erschien auf dem Gesicht
Cappei's, es schien, daß er etwas sagen wollte, doch schwieg er und
wandte sich mit kurzer Verbeugung um, um das Zimmer zu verlassen.
Der Amtsverwalter hatte ihn forschend angeblickt.
„Bleiben Sie,“ rief er in strengem Ton.
Cappei wendete sich erstaunt um und wartete.
„Da Sie mir den Wunsch ausgesprochen haben, den Ort zu verlassen,“
sagte der Beamte, „und da ich befürchten muß, daß Sie bei der
Verweigerung des Urlaubs heimlich abreisen möchten, so sehe ich mich
gezwungen, Sie zu verhaften.“
„Mich zu verhaften,“ rief Cappei mit bebenden Lippen, indem eine
tödliche Bläße sein Gesicht überzog, „und warum?“
Der Beamte klingelte, ein Amtsdiener trat herein.
„Der frühere Dragoner Cappei ist Arrestant, er wird einstweilen hier im
Amtsgefängniß bleiben, bis weitere Bestimmung über ihn getroffen ist.
Ich will sogleich ein erstes und vorläufiges Verhör mit ihm vornehmen.“
Der junge Mann stand wie niederschmettert da, seine Gedanken verwirrten
sich, er konnte keine Erklärung für diesen Schlag finden, der ihn so
unerwartet traf.
Der Beamte zog ein Actenstück aus seinem Schreibtisch hervor, öffnete
dasselbe, faltete dann einen Bogen Papier und ergriff eine Feder, bereit
das Protocoll aufzunehmen.
„Haben Sie,“ fragte er, sich an Cappei wendend, „seit ihrem Aufenthalt
hier mit Personen in Frankreich in Verbindung gestanden und mit
demselben correspondirt?“
„Ich habe keine Verbindung dort,“ erwiderte Cappei, „als diejenige mit
meiner Braut, welche besuchen zu dürfen, ich soeben um Erlaubniß bat,
ich habe mit Niemanden correspondirt, als mit ihr, aber zu meiner tiefen
Betrübniß keine Nachricht von ihr erhalten.“
Der Beamte nahm mehrere beschriebene Blätter aus dem ihm vorliegenden
Actenstück und fragte, indem er Cappei winkte, näher heranzutreten.
„Kennen Sie diese Briefe?“
Der junge Mann warf einen Blick auf die Papiere, er zuckte zusammen, ein
fast convulsivisches Zittern erschütterte seine Gestalt.
„Es sind die Briefe, welche ich an meine Braut geschrieben,“ rief er mit
bebender Stimme.
„Sie erkennen also an, daß diese Briefe von Ihrer Hand geschrieben
sind?“
„Gewiß,“ rief Cappei, den starren Blick fortwährend auf die Briefe
gerichtet, welchen er einen nach dem andern glaubte abgesendet zu haben,
und in welchem er immer dringender und sehnsuchtsvoller um Nachrichten
gebeten hatte.
„Sie behaupten also,“ fuhr der Beamte fort, „daß diese Briefe wirklich
an ein junges Mädchen gerichtet sind, und daß der Inhalt derselben
keinen anderen Sinn hat, als den, welchen die Worte ausdrücken.“
„Welchen anderen Sinn könnte er haben?“ rief Cappei, entsetzt vor diesem
Räthsel stehend, das sich da so plötzlich vor ihm erhob.
„Man hat Beispiele,“ sagte der Beamte, „daß scheinbar unverfängliche
Worte eine andere vorher verabredete Bedeutung haben, oder daß sie durch
darauf gelegte Papierausschnitte in anderer Reihenfolge erscheinen. Doch
das wird sich finden,“ fuhr er fort.
Dann nahm er einige andere Blätter und hielt dieselben dem jungen Manne
vor.
„Kennen Sie diese Handschrift?“
„Nein,“ rief Cappei, auf die ihm völlig fremden Schriftstücke blickend.
„Dennoch,“ sagte der Beamte, „sind diese Briefe hier unter Ihrer Adresse
angekommen, und sie enthalten sehr bestimmte und compromittirende
Fragen, Aufträge über Truppendislocationen und politische Verhältnisse
Nachricht zu geben. Sie werden einsehen, daß das Alles sehr verdächtig
ist und daß der auf Ihnen ruhende Verdacht durch Ihren Wunsch, jetzt
nach Frankreich zu reisen, nur verstärkt werden kann. Ich muß das
Resultat meiner polizeilichen Beobachtung, zu welcher meine Pflicht mich
Ihnen gegenüber zwang, nunmehr an die Untersuchungsrichter übergeben und
kann Sie nur noch darauf aufmerksam machen, daß ein offenes Geständniß
Ihre Lage nur verbessern kann, — wenn Sie nicht im Stande sind, sogleich
eine genügende Erklärung zu geben.“
Der junge Mann starrte noch immer unbeweglich auf die ihm vorgelegten
Papiere.
„Tragen diese Briefe eine Unterschrift?“ fragte er.
„Nein,“ sagte der Beamte, „solche Correspondenzen pflegt man nicht zu
unterschreiben, da der Absender dem Empfänger doch genügend bekannt
ist,“ fügte er mit leichtem ironischen Lächeln hinzu.
„Mein Gott, sollte es möglich sein,“ rief Cappei, indem eine glühende
Röthe sein Gesicht überflog, „ich erinnere mich, einmal ein Billet von
diesem Vergier gelesen zu haben, — sollte es möglich sein, — sollte er —“
„Junger Mann,“ sagte der Beamte mit ernstem Ton, durch welchen ein
gewisses Mitleid hindurchklang, ich will glauben, daß Sie irre geleitet
sind, und daß Ihre Ergebenheit für Ihren König von gewissenlosen Agenten
gemißbraucht ist. Sagen Sie offen und ehrlich Alles, was Sie über die
Sache wissen, — ich wiederhole Ihnen, es ist der einzige Weg, um Sie vor
scharfer Strafe zu schützen.
„Herr Amtmann,“ rief Cappei in verzweiflungsvollem Ton, „ich muß
glauben, daß hier eine niederträchtige Bosheit verübt worden ist, um
mich von meiner Geliebten zu trennen. Ich schwöre Ihnen, ich weiß von
nichts, — ich bin mir keiner Schuld bewußt, ich habe keine Ahnung von
diesen Briefen, und die Schreiben von mir, welche Sie da vor sich haben,
enthalten keinen verborgenen Sinn.“
Der Beamte schien betroffen von dem Ton der Wahrheit in den Worten des
jungen Mannes.
„Ich will in Ihrem Interesse wünschen,“ sagte er, „daß es so ist, wie
Sie sagen, und daß Sie Ihre Unschuld beweisen können. Indeß die Indicien
erscheinen zu gravirend, und die Agitationen, um die es sich hier
handelt, sind zu staatsgefährlich, als daß ich es verantworten kann, Sie
in Freiheit zu lassen. Ich will indeß Anordnungen treffen, daß Sie gut
behandelt werden, und dafür sorgen, daß Ihre Sache so schnell als
möglich untersucht wird. Denken Sie genau über Alles nach und bedenken
Sie, daß die größte Offenherzigkeit in Ihrer Lage das Beste ist.
Führen Sie den Arrestanten ab,“ sagte er, zu dem Amtsdiener gewendet.
In dumpfem Schweigen ließ sich der junge Mann nach dem in einem
Seitenflügel des Amtshauses befindlichen Arrestlocal führen. Er bat den
Amtsdiener nur noch, seinem Oheim und seiner Mutter Nachricht von seiner
Verhaftung zu geben und warf sich dann in dumpfer Verzweiflung auf das
einfache Bett mit einer Strohmatratze, welche nebst einem hölzernen
Tisch das ganze Ameublement des Zimmers ausmachte, dessen Fenster mit
Eisenstäben vergittert waren und vor dessen Thür sich klirrend der
schwere Riegel schob, der ihn von der Freiheit und von allen seinen
Zukunftsträumen und Hoffnungen trennte.
Viertes Capitel.
Wochen waren seit dem Plebiscit verflossen, die große Mehrzahl des
französischen Volkes hatte sich in ihrem Votum aufs Neue für das
Kaiserreich und die neue Verfassung desselben erklärt, — die Elemente des
Aufruhrs, welche einen Augenblick ihr Haupt aus den finsteren Vorstädten
von Paris erhoben, hatten sich wieder in ihre dunklen Schlupfwinkel
zurückgezogen, die unbequemen Mitglieder des Cabinets waren entfernt,
der Herzog von Gramont war von Wien gekommen und hatte das Portefeuille
der auswärtigen Angelegenheiten übernommen, und der Kaiser sah sich
umgeben von lauter Männern, welche sowohl dem Prinzip seiner Regierung,
als ihm persönlich vollkommen ergeben waren, und welche er, wenn er sich
die Mühe geben wollte, leicht und vollständig nach seinem Willen zu
lenken im Stande war.
Alles schien vortrefflich geordnet und glänzend befestigt. Der
kaiserliche Hof hatte sich nach Fontainebleau begeben, es fanden dort
jene reizenden, kleinen Gartenfeste Statt, welche die Kaiserin mit ihrem
intimen Cirkel so ausgezeichnet zu arrangiren verstand. Die Zeitungen
beschäftigten sich im Ganzen wenig mit der Politik. Sie berichteten über
die Toiletten der Damen bei den Soiréen à la Watteau, welche unter dem
tiefen Schatten der Bäume des Parks von St. Cloud Statt fanden. Sie
erzählten mit hoher Befriedigung, daß die Gesundheit des Kaisers ganz
vortrefflich sei und daß Seine Majestät Napoleon III in seinem kleinen
Privatgarten in St. Cloud mit ganz besonderem Eifer sich mit der Cultur
der Rosen beschäftige und nahe daran sei, das große Problem der
Horticultur zu lösen und eine schwarze Rose zu erzielen.
Die Zeit der Villeggiaturen begann, Graf Bismarck ritt in Varzin
spazieren, Seine Majestät der König Wilhelm badete in Ems, und der
Kaiser Napoleon mit einer blauen Schürze und einer großen Scheere in der
Hand, pflegte seine Rosen im Garten von St. Cloud.
Der Genius des tiefen Friedens hatte sich über Europa herabgesenkt, die
Zeitungsredacteure und Correspondenten in allen Hauptstädten der Welt
konnten trotz des sorgfältigsten Spürens an dem blauen Sonnenhimmel der
Politik kein Wölkchen entdecken, aus welchem sich irgend eine
meteorologische Combination hätte machen lassen, — und die Berichte der
Zeitungen waren wahr. Denn an einem schönen, glänzenden Sommermorgen
hätten diejenigen, welche in das abgeschlossene Innere der
Sommerresidenz von St. Cloud zu blicken im Stande gewesen wären, den
Kaiser Napoleon in der That sehen können, wie er, einen breiten Strohhut
auf dem Kopf, von seinem Gärtner begleitet, zwischen den Rosenbeeten
umherging, und mit liebevoller Sorgfalt alle diese Sträucher und Stämme
musterte, auf denen so viel gestaltig und verschieden farbig die Königin
der Blumen ihre Blüthen entfaltete. Er prüfte genau jeden Stock und
jeden Zweig, er schnitt jede welkende Blüthe und jedes trocknende Blatt
ab, Alles in ein Körbchen werfend, das der Gärtner trug und sorgfältig
darüber wachend, daß kein gelbes Blatt auf den reinen Kies der Gänge
fiel. Er forschte sorgfältig nach dem Mehlthau, diesem bösen Feinde der
Rosen und blies, wenn er etwas davon entdeckte, den Dampf seiner großen
braunen Havannacigarre auf die kleinen Milben, vergnügt zusehend, wie
dieselben betäubt zu Boden fielen.
Bei allen diesen Operationen mußte er sich oft zu den kleinen
Sträuchern herunterbücken, oft sich neben den hohen und schlanken
Stämmen auf die Spitzen der Zehen erheben, wodurch zuweilen sehr
complicirte und schwierige Stellungen hervorgerufen wurden, in denen die
kleine, von dem großen Panamastrohhut überdachte Gestalt des Kaisers für
alle Diejenigen einen sehr befremdenden und erstaunlichen Eindruck
gemacht haben würde, welche gewohnt waren, ihn von den Hundertgarden
umgeben bei den großen Truppenrevuen oder bei den großen Empfängen in
den Tuilerien inmitten der Großwürdenträger unter dem kaiserlichen
Thronhimmel stehen zu sehen. Aber das Gesicht des Kaisers war hier, wenn
er klein zusammengebückt vor einer Zwergrose saß, oder wenn er sich mit
Mühe zu einer hochstämmigen Centifolie emporhob, unendlich heiterer und
glücklicher, als in jenen Augenblicken der glänzenden, kaiserlichen
Repräsentation, sein sonst so undurchdringlich verschleierter Blick
ruhte hier frei und klar auf den Pflanzen und Blüthen, diesen ewig
jungen Kindern der stets sich erneuenden Natur, seine Lippen lächelten
und auf seinem welken, von den Linien des Alters bereits tief
durchfurchten Gesicht lag der Schimmer einer natürlichen, fast
kindlichen Heiterkeit. Er war hier der Mensch, der seine Freude hatte an
dem, was alle Menschenherzen erfreut hat, seit das Schöpfungswort
Gottes allerlei Kräuter und Blumen auf der zwischen Licht und Finsterniß
gestellten Erde erwachsen ließ, und alle Diejenigen, welche den Kaiser
haßten und bekämpften im großen Ringen des politischen Lebens, sie wären
hier vor dem Menschen entwaffnet gewesen, — denn nur ein guter Mensch
kann sich in seinem Herzen die kindlich reine Freude an der einfachen
Natur bewahren.
Der Kaiser blieb vor einem mittelgroßen Stamm stehen, aus dessen
dunkelgrünen Blättern Knospen mit tief dunklen Spitzen hervorragten. Der
Kaiser betrachtete sorgfältig prüfend diese Knospen, die alle noch
geschlossen waren, vorsichtig die Zweige auseinander biegend, suchte er
nach, ob nicht irgend eine sich bereits geöffnet habe.
Plötzlich stieß er einen leichten Schrei aus. An der anderen Seite des
kleinen Baumes, welche dem Morgensonnenlicht zugewendet war, entdeckte
er eine halb erschlossene Blüthe, deren tief dunkle Blätter so eben die
Umhüllung gesprengt hatten.
„Ah,“ sagte er, indem er mit der Hand dem Gärtner winkte, welcher rasch
herzutrat, „da ist die Lösung meines Problems, die Blüthe ist
erschlossen und“ — er blickte ganz enttäuscht und niedergeschlagen auf
die Blume.
Die dunklen Blätter derselben, welche beim ersten Anblick schwarz
erschienen waren, schimmerten im Strahl des darüber hin streifenden
Sonnenlichts in einem sehr deutlichen Purpurblau.
„Die Rose ist blau,“ sagte der Kaiser, indem er vorsichtig die Blüthe
erfaßte und sie hin und her wendete.
Aber von welcher Seite auch der Strahl der Sonne darauf fallen mochte,
immer zeigte sich der blaue Glanz.
Der Gärtner lächelte mit einer gewissen Miene der Ueberlegenheit.
„Ich habe es Eurer Majestät immer gesagt,“ sprach er, „daß es Ihnen
niemals gelingen wird eine schwarze Rose zu ziehen. Die Natur hat die
schwarze Farbe nicht, und so sehr sich auch die verschiedenen Farben
immer mehr und mehr verdunkeln mögen, es wird Ihnen doch niemals
gelingen, sie bis zum wirklichen Schwarz zu bringen.“
„Aber man hat doch die schwarze Farbe in der Thierwelt,“ sagte der
Kaiser. „Das Haar des Menschen ist schwarz, das Gefieder so manchen
Vogels“ —
„Ich glaube, daß Eure Majestät sich täuschen,“ sagte der Gärtner
kopfschüttelnd, „Alles das ist nicht schwarz, — es sind nur tiefe
Schattirungen irgend einer anderen Farbe, deren Grundton Sie im
Sonnenlicht leicht erkennen können. Die wirklich schwarze Farbe kommt in
der Natur nicht vor, sie kann nur von Menschen künstlich geschaffen
werden.“
Der Kaiser ließ die Blüthe los. Sein bisher so heiteres Gesicht wurde
ernst, seine Augen verschleierten sich, trübe blickte er vor sich
nieder.
„Die Natur schafft die schwarze Farbe nicht,“ sagte er — „das menschliche
Herz ist auch eine Schöpfung dieser Natur, und doch ist die Sorge so
schwarz, welche dieses Menschenherz erfüllt, — die Menschen müssen
künstlich die schwarze Farbe schaffen, — — sind alle die Sorgen, die uns
quälen, nicht auch künstliche Schöpfungen einer der reinen und heiteren
Natur entfremdeten Welt, — aus den wir uns dennoch nicht losmachen
können,“ fügte er seufzend hinzu, „um wieder zur Reinheit und Freiheit
der Natur zurückzukehren, — einer Welt, aus der uns nur der Tod
hinausführt, der uns mit dem letzten und tiefsten Schwarz
bedeckt — — werden wir dahinter,“ sprach er tief sinnend weiter, „eine
neue Welt voll Licht und Farbenglanz finden, oder wird dieser letzte
schwarze Grund für immer alles Licht und alle Farben aufsaugen?“
Er stand noch einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken, dann nahm
er seine blaue Schürze ab, reichte dieselbe mit der Scheere, deren er
sich zum Schneiden der Zweige bedient hatte, dem Gärtner, — grüßte
denselben freundlich mit der Hand und warf noch einen langen wehmüthigen
Blick über seinen blühenden Rosengarten, — dann wandte er sich schnell um
und stieg die Stufen hinauf, welche ihn in sein Zimmer führten.
All das helle Licht, welches ihn im Garten umgeben hatte, all die
freundliche Heiterkeit, welche ihn dort erfüllt hatte, schien wie
verschwunden zu sein. Ernst und sorgenvoll trat er zu seinem
Schreibtisch, auf welchem Pietri am Morgen die zu des Kaisers eigener
Durchsicht bestimmten Correspondenzen gelegt hatte und ließ sich in dem
davor flehenden tiefen Lehnstuhl von Rohrgeflecht mit einem länglich
runden Sitzkissen nieder.
„Die glücklichen Augenblicke des Tages sind vorüber,“ sagte er, „die
Sorge tritt wieder in ihr Recht und trotz des Anscheins von Ruhe und
Sicherheit, welche Frankreich und die Welt heute darbietet, stehe ich
heute mehr als je vor ungelösten Fragen der Zukunft. Dieses Deutschland
consolidirt sich,“ sagte er, „Österreich schwankt und trotz aller guten
Dispositionen des Königs Victor Emanuel wendet sich die öffentliche
Stimmung in Italien mehr und mehr von mir ab, so daß es schwer sein
wird, eine Allianz mit dieser Macht, welche ich geschaffen habe, zu
schließen. Und selbst wenn es gelänge,“ fuhr er fort, „würde eine solche
Allianz im Augenblick einer entscheidenden Action — im Augenblick der
Gefahr vielleicht — gehalten werden? Die meisten Sorgen aber,“ sagte er
nach einigen Augenblicken, „machen mir diese spanischen Angelegenheiten,
die Candidatur des Herzogs von Montpensier wird eifrig betrieben und
trotz der geringen persönlichen Popularität des Herzogs kann sie
urplötzlich mir entgegentreten, denn schließlich wird man dort nach
jedem Auskunftsmittel greifen, um nur wieder zu geordneten Zuständen zu
gelangen, und die Orleans verstehen sich auf die Agitationen und die
Intriguen. Aber ich muß Alles aufbieten, um ein orleanistisches
Königthum in Spanien zu verhindern. Ich habe soeben den Einfluß
gebrochen, welchen diese erbittertsten und gefährlichsten Feinde meiner
Regierung und meiner Dynastie hier in Frankreich wieder zu erringen
begannen, und würden sie jemals in Spanien festen Fuß fassen, so würde
ihre Agitation trotz der Pyrenäen mit erneuter Kraft Frankreich
durchziehen. Der Erbprinz von Hohenzollern wäre vielleicht eine Lösung
gewesen, — und ich will diesen Faden nicht ganz aus der Hand lassen,
aber das Erste und Nächstliegende ist doch die Wiederherstellung der
Dynastie der Königin Isabella unter dem Prinzen von Asturien. Meine
Einleitungen sind getroffen: Olozaga ist der Combination günstig, und
dieser eitle Serrano wird lieber der Majordomus des unmündigen Don
Alphonso sein, als einfacher General unter dem Herzog von Montpensier,
der sich seiner wahrscheinlich bald entledigen würde — was vielleicht
Prim auch thun wird,“ fügte er mit einem leichten Lächeln hinzu — „den
ich vorläufig ganz aus dem Spiel lassen muß, um ihn mir für jene
hohenzollersche Eventualität im äußersten Falle zu reserviren.“
Er beugte sich über seinen Schreibtisch und ergriff die auf demselben
zurecht gelegten Briefe. Nach flüchtigem Überblick warf er mehrere
derselben bei Seite, dann ergriff er lebhaft einen andern und lehnte
sich, denselben in der Hand haltend, in seinen Stuhl zurück.
„Von meinem Agenten in Spanien,“ rief er, — „vielleicht nähert sich diese
Sache ihrem Ende.“
Er durchflog rasch die ersten Zeilen des Briefes.