„Er ist in München,“ sagte die Königin, „und braucht dort eine Kur,“

fügte sie mit einem leichten unwillkürlichen Lächeln hinzu, „welche ihm

statt seines feinen Organs eine tiefe Stimme geben soll. Vielleicht wird

er nicht wieder zurückkehren,“ sagte sie ernst mit blitzenden Augen, „es

wäre in der That nicht —“

„Erlauben Eure Majestät,“ fiel der Kaiser ein, „daß ich so schnell als

möglich auf den ernsten Gegenstand meines Besuches kommen darf. Ich habe

so eben,“ fuhr er fort, „gute und zuverlässige Nachrichten erhalten, daß

in der spanischen Armee und in einem großen Theil der Bevölkerung die

monarchische Restauration immer mehr Boden gewinnt, und daß sich diese

Restauration an den Namen des Prinzen von Asturien knüpft. Der

Proclamirung des Prinzen würde, wie ich Eurer Majestät ebenfalls

versichern kann, Olozaga und Serrano günstig sein. Es ist also nunmehr

die Bedingung eingetreten, welche Eure Majestät, und wie ich glaube mit

Recht, stets als unerläßlich für Ihre Abdication bezeichneten. In diesem

Augenblick würden Sie durch die Übertragung Ihrer Rechte auf Ihren Sohn

demselben nach aller wahrscheinlichen Berechnung wirklich die Nachfolge

auf den Thron zu sichern im Stande sein. Ich werde in der Lage mich

befinden, viel dafür zu thun, wenn Eure Majestät schleunigst das

Document vollziehen, welches den Prinzen von Asturien zum Vertreter

Ihrer Rechte macht. Ich habe mir erlaubt, schon vor einiger Zeit Eurer

Majestät den Sinn der Erklärung mittheilen zu lassen, welche eine solche

Abdankungsurkunde enthalten müßte.“

„Ich weiß es,“ sagte die Königin mit einem bittern Lächeln, „sie soll

nicht nur die Übertragung meiner königlichen Rechte, sondern auch die

Verpflichtung enthalten, daß ich auch nach der Thronbesteigung meines

Sohnes niemals wieder den spanischen Boden betrete.“

„Eure Majestät,“ sagte der Kaiser, „werden überzeugt sein, wie tief ich

die unglücklichen Ereignisse beklage, welche sich in Spanien zugetragen

haben, und wie dringend und lebhaft ich gewünscht hätte, Sie selbst

wieder den spanischen Thron besteigen zu sehen. Allein,“ fuhr er fort,

„Eure Majestät werden auch ebenso wie ich die Zukunft Ihres Hauses höher

stellen, als persönliche Wünsche, — man muß im politischen Leben stets

mit den gegebenen Verhältnissen rechnen und Schweres thun, um ein großes

Ziel zu erreichen, — was heute eine Nothwendigkeit ist, um Ihrem Hause

seine Krone wieder zu gewinnen, wird nach einiger Zeit verschwinden.

Diejenigen, welche sich in so schmählicher Undankbarkeit gegen Eure

Majestät erhoben haben, fürchten heute natürlich den Einfluß, den Sie

bei Ihrer Anwesenheit in Spanien auf Ihren Sohn und dessen Regierung

gewinnen würden. Lassen Sie einige Zeit vorüber gehen — Jene werden

ohnehin ihrem Verhängniß verfallen, — und ich sehe den Tag kommen und

sollte er auch bis zur Großjährigkeit Ihres Sohnes hinausgeschoben

bleiben, an welchem Sie, Madame, unter dem Jubel des Volkes von Spanien

als die Mutter seines Königs wieder in Madrid einziehen werden.“

Die Königin blickte nachdenkend vor sich nieder.

„Bedenken Eure Majestät,“ sagte der Kaiser nach einigen Augenblicken,

„daß in großen politischen Entscheidungsmomenten jede Zögerung

gefährlich werden kann — zögern Sie daher nicht, durch Ihre Abdankung die

Action derer zu ermöglichen, welche Ihren Sohn auf den Thron führen

wollen. Bedenken Sie, daß gewandte und unermüdliche Gegner ihm gegenüber

stehen. Würden Sie Sich je verzeihen können, wenn durch die Verzögerung

des Opfers, welches die Verhältnisse von Ihnen verlangen, jener Herzog

von Montpensier dennoch endlich an das Ziel seiner Intriguen gelangen

sollte.“

„Er,“ rief die Königin mit flammenden Blicken, indem sie den Kopf empor

warf, „er, der falsche Heuchler, den ich wie die Andern Alle mit

Wohlthaten überschüttet habe! Niemals! Niemals! Und dieser stolze,

hochmüthige Graf von Monte Molin,“ fuhr sie fort, „der jede

Verständigung zurückwies, der mich behandelt hat, wie ein König eine

Infantin seines Hauses — Keiner von ihnen soll triumphiren — ich will

jedes Opfer bringen,“ sagte sie mit entschlossenem Ton, „wenn Eure

Majestät mir versichern können, daß dadurch wirklich meinem armen Kinde

die Krone gesichert wird.“

Sie blickte den Kaiser scharf und forschend an.

„Ich bin weder allwissend, Madame,“ sagte Napoleon, „noch

allmächtig, — indeß so weit menschliche Berechnung reicht, stehen in

diesem Augenblick die Chancen Ihres Sohnes unendlich günstig, sobald

Ihre Abdankung seine Freunde in den Stand setzt, offen für ihn

aufzutreten und zu handeln, und sobald den gegenwärtigen Machthabern

Garantien geboten werden können, daß sie unter der wieder hergestellten

Monarchie die gesicherte Stellung finden, welche ihnen selbst bei der

Fortdauer der republikanischen Verwirrung immer zweifelhafter zu werden

scheint; — aber, ich wiederhole es,“ fuhr er fort, „es muß schnell

gehandelt werden, damit man allen gegenseitigen Intriguen zuvorkommt.“

„Ich werde die Urkunde vollziehen,“ sagte die Königin, indem sie sich

mit einem tiefen Athemzug erhob, „man soll von mir nicht sagen können,

daß ich es an irgend Etwas habe fehlen lassen, um den Rechten meines

Hauses Geltung zu verschaffen.“

„Seien Sie meiner ganzen Unterstützung dafür sicher,“ sagte der Kaiser,

indem er ebenfalls aufstand, „und genehmigen Sie den Ausdruck meiner

aufrichtigen Dankbarkeit, denn Sie haben durch diesen Entschluß nicht

nur Ihrem Hause, sondern auch mir und Frankreich einen großen Dienst

geleistet, — Sie wissen, wie viel auch mir daran liegen muß, jenseits der

Pyrenäen geordnete Zustände und eine befreundete Regierung zu sehen. Ich

darf Eure Majestät bitten,“ fuhr er fort, „sobald die Urkunde vollzogen

ist, mir ein Exemplar derselben zugehen zu lassen, damit ich meinerseits

alle die Schritte thue, die die Umstände erheischen.“

Er kehrte der Königin den Arm reichend, in das Vorzimmer zurück, sprach

mit jedem der Herren und Damen des Gefolges einige höfliche Worte und

verließ von den Cavalieren der Königin bis zum Wagen geleitet, das

Hotel.

Die Königin rief den Grafen Ezpeleta in ihr Cabinet.

„Lassen Sie sogleich Ihre Majestät die Königin, meine Mutter, bitten,

sich in einer wichtigen Angelegenheit hierher bemühen zu wollen. Lassen

Sie auch den Herzog von Sesto und den Marquis von Miraflores rufen. In

zwei Stunden soll mein ganzer Hof in Gala sich versammeln. Haben Sie

das Document in Bereitschaft, das ich Ihnen übergab?“

„Zu Befehl, Eure Majestät,“ erwiderte der Graf von Ezpeleta.

„Ich werde es unterzeichnen,“ sagte die Königin seufzend. „Heute Abend

wird Ihr König Don Alphonso heißen.“

* * * * *

Am Abend desselben Tages war in dem Empfangssaal des Hotel Basilensky

der Hof der Königin Isabella versammelt.

Der Graf von Ezpeleta, der Kammerherr von Albacete und die übrigen

Cavaliere der Königin trugen die Uniformen ihrer Grade. Die Gräfin

Ezpeleta, welche als Camerera-Major fungirte und die Damen der Königin

waren in großer Toilette.

Die Kerzen brannten auf den Lustres, in der Mitte des Saales stand ein

großer runder Tisch mit einer purpurnen Sammetdecke behängt, auf welchem

in einer großen Mappe mehrere Papiere lagen, dabei ein kostbares

Schreibzeug und einige große Schwanenfedern. In einiger Entfernung von

diesem Tisch standen drei mit rothem Sammet überzogene Lehnstühle, an

deren Rücklehne sich das königliche Wappen von Spanien befand.

In dem Saal hörte man jenes leise Flüstern, welches an den Höfen dem

Eintritt der Souveraine vorauszugehen pflegt.

Die Stunde war gekommen, zu welcher Ihre Majestät die verschiedenen

Personen befohlen hatte. Die Eingangsthür öffnete sich — aber noch war es

nicht die Königin, sondern es erschien ebenfalls in großem Galacostüm

der Herzog von Sesto, der Gemahl der Wittwe des Grafen von Morny und der

Marquis von Miraflores. Ihnen folgte der Marschall Bazaine in der großen

Uniform der Marschälle von Frankreich und der Präsident des

Civilgerichts Herr Benoist-Champy in der Hofgalatracht der

Justizbeamten.

Abermals verging eine kurze Zeit in schweigender Erwartung. Dann

sprangen die Flügelthüren auf. Graf Ezpeleta eilte in die anstoßenden

Gemächer Ihrer Majestät und trat bald darauf in den Saal zurück, mit dem

Stabe auf das Parquet stoßend und die Königin ankündigend.

Unmittelbar darauf trat die Königin in den Saal, sie trug eine faltige

Robe von schwarzem Sammet, ein Diadem von Brillanten auf dem Haupte,

den Hermelin um die Schultern, das goldene Vließ an der Kette um den

Hals und das große Band vom Orden Karl's III. über der Brust.

An der rechten Seite der Königin, einen Schritt zurück, folgte die

Königin Christine, ebenfalls in schwarzen Sammet gekleidet, ebenfalls

mit dem goldenem Vließ und dem Orden Karl III. decorirt. Die hohe

Gestalt der Königin Christine, ihre scharf geschnittenen, harten und

etwas starren Züge zeigten wenig Ähnlichkeit mit ihrer Tochter, deren

sanfte, weiche Augen von Thränen geröthet erschienen, und deren großer

Mund mit den starken, vollen Lippen, durch den Ausdruck trauriger und

stiller Resignation, welcher auf demselben lag, schöner und anmuthiger

als sonst erschien.

Zur linken Seite der Königin ebenfalls einen Schritt zurück trat der

Prinz von Asturien in den Saal. Er trug einen Knabenanzug von schwarzem

Sammet, ebenfalls das goldene Vließ um den Hals, das blaue Band von dem

Orden Karl's III. über der Brust, den Stern an dem kleinen Jaquet.

Der Prinz war bleich und blickte voll liebevoller Theilnahme auf seine

Mutter hin. Seine ganze Erscheinung war unendlich anmuthig und

sympathisch, und als er mit einem halb kindlich verlegenen, halb

fürstlich stolzen Kopfnicken, die sich tief verneigende Versammlung

begrüßte, bot er ein ungemein interessantes und anziehendes Bild dar.

Der alte Infant Don Sebastian, ein Mann mit grauem Haar und ruhigen,

gleichgültigen Gesichtszügen in der großen spanischen Generalsuniform

folgte.

Die Königin durchschritt mit dem fürstlichen Anstande, welcher ihr trotz

ihrer corpulenten und kleinen Figur eigenthümlich war, den Saal und

setzte sich in den mittelsten der drei Lehnstühle.

Die Königin Christine nahm ihr zur Rechten Platz.

Don Alphonso stellte sich neben den dritten Lehnstuhl und der Infant Don

Sebastian hinter den Fauteuil der Königin.

Die Königin winkte dem Grafen Ezpeleta.

Dieser trat an den Tisch, nahm ein großes Pergament aus der dort

liegenden Mappe und trat vor den Sessel der Königin.

„Ich, die Königin,“ sprach Donna Isabella, „habe in Erwägung der

Interessen meines Landes und meines königlichen Hauses beschlossen,

meine königliche Autorität und alle meine politischen Rechte aus freiem

Willen und lediglich aus eigenem Antriebe auf meinen viel geliebten Sohn

Don Alphonso, Prinzen von Asturien, zu übertragen. Ich habe zugleich

beschlossen,“ fuhr sie mit etwas zitternder Stimme fort, „um allen

Parteistreitigkeiten vorzubeugen und den innern Frieden meines geliebten

spanischen Volkes zu gewährleisten und zu erhalten so viel an mir liegt,

für meine Person den spanischen Boden nicht mehr zu betreten; auch wenn

mein Sohn durch die Cortes, die das rechtmäßige Votum der Nation

vertreten, auf den Thron berufen werden wird. Bis dies geschieht, und so

lange mein Sohn außer seinem Vaterlande weilen wird, behalte ich meinen

Sohn unter meinem Schutz und meiner Vormundschaft.

Don Alphonso XII. ist also von heute an Euer wahrer König, ein

spanischer König, der König der Spanier, nicht der König einer Partei.

Ich werde zugleich mit dieser Urkunde über meine Abdankung durch ein

Manifest an die spanische Nation dieselbe verkündigen und mir wird nur

noch übrig bleiben, in glühenden Gebeten lange Tage des Friedens und des

Gedeihens für Spanien zu erflehen und für meinen Sohn, dem ich meinen

mütterlichen Segen ertheile, — Weisheit und Vorsicht und mehr Glück auf

dem Thron als seine unglückliche Mutter fand, welche bis heute Eure

Königin war.“

Die letzten Worte der Königin wurden fast unverständlich durch das

Schluchzen, welches ihre Stimme erstickte.

Der junge Prinz von Asturien näherte sich seiner Mutter und kniete

weinend vor ihr nieder.

Die Königin legte die Hände auf sein Haupt und sprach, während große

Thränen über ihre Wangen rannen, mit lauter Stimme:

„Gott erhöre mein Gebet und segne Dich, mein Sohn, mit seinem reichsten

Segen!“

Sie machte über seinem Haupte das Zeichen des Kreuzes und erhob sich

dann. Don Alphonso und die Königin Christine standen gleichfalls auf.

Isabella näherte sich dem Tisch, auf welchem der Graf von Ezpeleta die

Abdicationsurkunde niedergelegt hatte. Der Herzog von Sesto reichte der

Königin die Feder und mit einem raschen, kräftigen Zug unterzeichnete

sie das Dokument. Dann wandte sie sich um, ergriff den Prinzen von

Asturien bei der Hand und führte ihn zu dem mittleren Lehnstuhl, welchen

sie vorhin eingenommen hatte. Sie neigte sich leicht gegen ihren Sohn

und setzte sich in den Sessel zu seiner Linken.

Der Hof trat heran, alle anwesenden Spanier defilirten an dem jungen

Prinzen, der hier in der Verbannung zum König von Spanien proclamirt

war, vorüber, beugten das Knie vor ihm und drückten die Lippen auf seine

Hand, die er Jedem reichte.

Nachdem die Ceremonie vorüber war, wandte sich die Königin Isabella an

ihren Sohn.

„Ich bitte Eure Majestät um die Erlaubniß,“ sagte sie in französischer

Sprache mit starkem spanischem Guttural-Accent, „in Ihrer Gegenwart noch

ein Document aufnehmen zu dürfen, welches nicht die Politik betrifft,

sondern nur die Privatangelegenheiten unseres Hauses ordnet. Es ist mein

Testament, das ich für den Fall der Rathschluß Gottes die

Wiederherstellung des Thrones unseres Hauses nicht gestatten sollte,

nach französischem Recht habe aufnehmen lassen, und welches der Herr

Präsident des Civilgerichtshofes und der erlauchte Marschall, der uns

die Freude seiner Gegenwart macht, als Zeugen unterzeichnen sollen.“

Don Alphonso wandte sich in rascher Bewegung zu seiner Mutter, umarmte

sie zärtlich und küßte ihr ehrerbietig die Hand.

Herr Benoist-Champy trat an den Tisch, nahm ein ziemlich umfangreiches

Dokument aus der Mappe und sagte:

„Eure Majestät erklären also hier vor dem Herrn Francois Achille

Bazaine, Marschall von Frankreich, und vor mir, daß dieses Document,

dessen Inhalt Ihnen wohl bekannt ist, Ihre letztwillige Verfügung über

Ihr Privatvermögen enthält, und daß alle darin enthaltenen Bestimmungen

im Falle Ihres Todes gültig und unantastbar sein sollen, und wollen in

unserer Gegenwart aus völlig freiem Willen und eigenem Entschluß dies

durch Ihre Namensunterschrift bekräftigen?“

„Ich will es,“ sagte die Königin, trat an den Tisch und unterzeichnete

die Testamentsurkunde.

Der Marschall Bazaine und Herr Benoist-Champy setzten ihre Namen unter

denjenigen der Königin.

„Ich bitte nun Eure Majestät, zu befehlen,“ sagte die Königin Isabella,

sich abermals an ihren Sohn wendend, „daß von der Abdankungsurkunde

ebenso wie von meinem Testamente drei beglaubigte Abschriften genommen

werden mögen, und daß von denselben eine dem Herzog von Sesto, eine dem

Marquis von Miraflores und eine Seiner Majestät dem Kaiser der Franzosen

übergeben werde.“

Don Alphonso neigte mit einer gewissen, kindlichen Verlegenheit

bestätigend das Haupt, dann blickte er fragend auf die Königin.

Diese trat zu ihm hin und legte ihren Arm in den seinigen und Beide

verließen unter Vortritt des Grafen Ezpeleta den Saal, um sich in ihre

Gemächer zurückzuziehen. Die Königin Christine und der Infant Don

Sebastian folgten.

Schweigend ging die Versammlung auseinander, — Herr von Albacete

begleitete den Marschall Bazaine und Herrn Benoist-Champy bis zum Fuß

der Treppe des Hotels.

Fünftes Capitel.

Der Kaiser Napoleon kehrte nach einer Spazierfahrt durch das Bois de

Boulogne nach St. Cloud zurück. Als er durch das Gitterthor in den Hof

des alten erinnerungsreichen Schlosses eingefahren war, welches die

schönen Tage von Marie Antoinette, die weithin glänzende

Siegesherrlichkeit Napoleon I. und die letzten Tage des Königthums Carls

X. gesehen hatte, und sich auf den Arm des Generals Favé gestützt, nach

seinen Gemächern begeben hatte, meldete ihm der Dienst thuende

Kammerdiener, der ihm die Thür des Vorzimmers öffnete, daß der Herzog

von Gramont angekommen sei und Seine Majestät bitte, ihm in einer

dringenden Angelegenheit sogleich nach seiner Rückkehr Gehör zu

schenken.

Der Kaiser, welcher sich während der Fahrt heiter und lebhaft mit dem

General Favé unterhalten hatte und dessen Gesicht den Ausdruck einer

frohen, zufriedenen Stimmung trug, wurde bei dieser Mittheilung ernst

und blickte fast finster vor sich nieder.

„Ist es denn nicht möglich,“ sagte er leise, „einen Tag von diesen

ewigen Sorgen und Qualen der Politik befreit zu bleiben, die uns wie mit

eisernen Klammern festhält, so bald sie uns einmal erfaßt hat und die

alles friedliche, menschliche Glück zerstört.“

Seufzend reichte er dem Kammerdiener seinen Hut und seinen Stock und

befahl, den Herzog von Gramont einzuführen, welcher wenige Augenblick

darauf in das Cabinet seines Souverains trat.

Der Herzog war bleich, sein sonst so ruhiges, gleichmäßiges und

lächelndes Gesicht zeigte die Spuren tiefer innerer Erregung. Er hielt

einige Papiere in der Hand und erwiderte hastig und ohne seine sonstige

etwas ceremonielle und doch anmuthige, verbindliche Höflichkeit die

freundliche Begrüßung des Kaisers.

„Ich habe Eurer Majestät,“ sagte er schnell sprechend, „eine ebenso

überraschende, als unangenehme Nachricht mitzutheilen, eine Nachricht,

welche Eure Majestät ebenso sehr befremden und ebenso peinlich berühren

muß, als dies bei mir der Fall gewesen ist.“

Ein Ausdruck von Ermüdung und von Widerwillen erschien auf dem Gesicht

des Kaisers. Abermals tief seufzend ließ er sich in einen Lehnstuhl

sinken und sagte, indem er dem Herzog einen Sessel neben sich

bezeichnete mit matter, tonloser Stimme:

„Sprechen Sie, mein lieber Herzog — Sie wissen,“ fügte er mit einem

gezwungenen Lächeln hinzu, „mein großer Oheim pflegte zu sagen, daß die

Mittheilung böser Nachrichten niemals aufgeschoben werden müsse, — die

guten erfährt man immer früh genug. Leider,“ sagte er ganz leise vor

sich hin, „kommen sie nicht häufig.“

„Ich erhielt bereits gestern, Sire,“ sprach der Herzog von Gramont, der

vor dem Kaiser stehen geblieben war, „den Wortlaut einer Rede, welche

der Marschall Prim in den Cortes gehalten hat, und welche mich auf das

Peinlichste berührt. Eure Majestät wissen, wie große Bereitwilligkeit

überall gezeigt worden ist, um die Restauration des Prinzen von Asturien

einzuleiten und zu unterstützen. Ich mußte daher auf das Höchste

erstaunt sein, zu erfahren, daß der Marschall Prim den Cortes gegenüber

auf das aller Bestimmteste erklärt hat, daß die bisherigen Negotiationen

einen König für Spanien zu finden, sich nach allen Richtungen hin

zerschlagen hätten.“

„Nun,“ sagte der Kaiser lächelnd, „das wissen wir ja, das ist vollkommen

wahr und sehr zufriedenstellend. Wenn man keinen andern König finden

kann, wird man endlich wohl auf den kleinen Don Alphonso zurückkommen

müssen.“

„Aber, Sire,“ fuhr der Herzog von Gramont fort, „nachdem der Marschall

diese Mittheilung gemacht, hat er hinzugefügt, er werde nicht für das

Werk der Restauration arbeiten und zur Zurückführung Don Alphonso's

niemals die Hand bieten, und dieses Niemals, Sire, hat er dreimal

betont.“

Der Kaiser lächelte abermals.

„Es giebt Fälle,“ sagte er, die Spitzen seines Schnurrbarts drehend, „in

denen man Dasjenige am entschiedensten und bestimmtesten zurückweist,

was man zu thun entschlossen ist und dessen Ausführung man vorbereitet.“

„Eure Majestät haben vollkommen Recht,“ erwiderte der Herzog von

Gramont, „und gerade von diesem Gedanken ausgehend, bin ich dahin

gekommen, der Rede des Marschall Prim keinen besonderen Werth

beizulegen, obgleich es mich immerhin befremdete, ihn eine Combination,

über welche er ja füglich hätte schweigen können, so bestimmt ablehnen

zu sehen, während dieselbe doch von Olozaga und Serrano durchaus nicht

so absolut zurückgewiesen ist. Die Rede des Marschalls fand aber,“ fuhr

er fort, „eine sehr unerfreuliche Ergänzung und Erklärung in einem

Bericht des Herrn Mercier de Lostende, Eurer Majestät Botschafter in

Madrid. Schon gestern Abend erhielt ich ein Telegramm des Botschafters,

in welchem er mir sagt, daß die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern

sehr weit fortgeschritten zu sein scheint, — wenn sie nicht schon

entschieden sei. Der General Prim selbst habe es ihm gesagt und er habe

sogleich Herrn Bartholdy abgesendet, um seinen detaillirten Bericht zu

überbringen, denselben durch mündliche Mittheilung zu ergänzen und die

Befehle Ihrer kaiserlichen Majestät einzuholen.“

„Die Candidatur Hohenzollerns,“ sagte der Kaiser, — „mein Gott, diese

Sache hielt ich ja seit einem Jahre fast für abgethan. Woher ist denn

dieselbe jetzt wieder auf die Tagesordnung gekommen,“ fragte er, den

Blick scharf und forschend auf den Herzog von Gramont richtend, „und

woher kommt es, daß ich garnichts davon erfahren habe? Man hätte sich

darüber verständigen können, da sie jetzt so plötzlich hervortritt, ist

die Sache in der That sehr unangenehm — ich habe mich der Königin

gegenüber,“ fügte er leiser hinzu, „einigermaßen engagirt, sie hat ihre

Abdankung unterzeichnet.“

„Es scheint,“ sagte der Herzog von Gramont, „daß der Marschall Prim hier

ganz eigenmächtig und hinter dem Rücken seiner Collegen und aller

spanischen Staatsmänner gehandelt hat, denn Herr Olozaga, den ich

sogleich befragte, erklärte mir, daß er von der ganzen Angelegenheit

nichts wisse und sprach sich zugleich in den aller entschiedensten und

stärksten Ausdrücken gegen diese ganze Combination aus, von welcher er

vollkommen einsah, daß sie nur geeignet sein könne, große Verwirrungen

hervorzurufen.“

„Wäre die Sache früher herangetreten,“ sagte der Kaiser, immer noch halb

zu sich selbst sprechend, — „man hätte sich darüber verständigen

können — in diesem Augenblick als fait accompli setzt es mich in der That

in die äußerste Verlegenheit. — — Es scheint, daß der Marschall Prim den

Spaniern einen König geben möchte, welcher ihm allein seinen Thron zu

verdanken hätte. Er commandirt die Armee und unter einem Könige seiner

Erfindung wird er allerdings auf lange hinaus der allmächtige Minister

sein. Aber ich begreife in der That nicht, daß Serrano und die Uebrigen

darauf haben eingehen können.“

„Es scheint, daß sie überrumpelt sind,“ sagte der Herzog von Gramont,

„und daß sie sich in keiner Weise die Consequenzen klar gemacht haben,

welche diese Candidatur nach sich ziehen muß, — denn,“ fuhr er fort,

„wenn ein preußischer Prinz auf den spanischen Thron steigt, während

zugleich der König von Preußen schon jetzt die fast unbestrittene

Hegemonie in Deutschland hat, so ist das Reich Carl V. wieder

hergestellt und in jedem Kampf mit Deutschland würden unsere Grenzen an

den Pyrenäen bedroht sein. Die traditionelle Politik Frankreichs

erfordert es, daß wir uns einer solchen Combination auf das Aeußerste

und Entschiedenste widersetzen, um so mehr als in der Person des Prinzen

von Hohenzollern durch seine Verwandschaftsbeziehungen mit dem

portugiesischen Königshause auch die Idee der iberischen Einheit ihren

Ausdruck findet.“

Napoleon lächelte ein wenig bei den lebhaft und erregt gesprochenen

Worten des Herzogs.

Der Todesgruß der Legionen, 3. Band · 第 6 / 19 段