„Ich danke Euch, meine Tapferen,“ sagte der Kaiser, als nach einigen

Minuten die Rufe der nahe herandrängenden Soldaten verstummt waren, „ich

kenne Eure Ergebenheit für mich, ich weiß, daß Ihr gegen jeden Feind

Frankreich und das Kaiserreich vertheidigen werdet. Frankreich und das

Kaiserreich,“ fügte er hinzu, der Kaiserin die Hand reichend, „deren

edle und ruhmvolle Farben meine Gemahlin, die Mutter des kaiserlichen

Prinzen, Eures Kameraden trägt.“

„Es lebe die Kaiserin!“ riefen die Officiere, und die Soldaten stimmten

in den Ruf ein.

Dann gab Napoleon seiner Gemahlin wieder den Arm, die Officiere

schlossen sich dem Gefolge an und umringten den kaiserlichen Prinzen,

der ganz stolz und freudig in ihrer Mitte dahinschritt. Und so bewegte

sich der Zug langsam durch die weiten Gallerien hin, — oft blieb der

Kaiser stehen und redete diesen oder jenen mit der Tapferkeitsmedaille

und dem Orden der Ehrenlegion decorirten Soldaten an, ihn fragend, wo er

diese Ehrenzeichen erworben habe, und mit liebenswürdigster Geduld den

zuweilen etwas breiten und ausführlichen Erzählungen der Soldaten

zuhörend. Fast eine Stunde dauerte der Umgang durch die Gallerien, immer

fester wurde der Schritt des Kaisers, immer stolzer sein Blick, immer

willenskräftiger der Ausdruck seiner Gesichtszüge. Dicht umdrängt von

den Soldaten, grüßte er endlich am Eingang der Gallerie noch einmal.

Ein gewaltiges Vive l'Empereur durchzitterte die weiten Räume, die

Officiere verabschiedeten sich vom Kaiser, die Thüren schlossen sich,

Napoleon entließ den kaiserlichen Prinzen, welcher sich mit dem General

Frossard in seine Wohnung zurückzog, und führte dann die Kaiserin nach

ihren Appartements zurück.

„Wenn Marie Antoinette es verstanden hätte,“ sagte die Kaiserin leise zu

ihrem Gemahl, „die Begeisterung der Soldaten zu erhalten und zu

benutzen, so hätte sie niemals den dornenvollen Weg vom Thron zum

Schaffot zu gehen nöthig gehabt.“

„Man muß aus den Beispielen der Geschichte lernen,“ erwiderte der

Kaiser, „und die Fehler vermeiden, welche unsere Vorgänger begangen

haben.“

Am Eingang der Appartements der Kaiserin küßte er seiner Gemahlin die

Hand, grüßte mit artiger Verbeugung die Damen und begab sich mit dem

General Castelnau nach seinem Cabinet zurück.

Als er dort angekommen war, rief er Pietri.

Der Geheimsecretair trat schnell durch die Portiere, welche der Kaiser

erhoben hatte, in das Cabinet ein.

Napoleon ging einige Augenblicke nachdenkend auf und nieder.

„Schreiben Sie sogleich an Gramont,“ sagte er dann, „sagen Sie ihm in

kurzen Worten, daß ich entschlossen sei, ihm das Ministerium der

auswärtigen Angelegenheiten zu übertragen, und daß ich ihn bitte,

sogleich hierher zu kommen. Ich wünsche, daß er vor seiner Abreise sich

noch ausführlich und definitiv mit dem Grafen Beust unterhalte und

dessen Anschauungen über die verschiedenen Fragen und Eventualitäten der

europäischen Politik möglichst bestimmt constatire.“

Pietri verneigte sich.

„Eure Majestät sind also entschlossen?“ fragte er.

„Ich bin entschlossen,“ erwiderte der Kaiser, — „legen Sie mir morgen

früh den Brief zur Unterschrift vor, — jetzt will ich ruhen. Wenn irgend

Etwas Außergewöhnliches in Paris vorfällt, soll man mich rufen. Gute

Nacht,“ sagte er freundlich, indem er Pietri die Hand reichte.

Dann bewegte er die Glocke.

Sein Kammerdiener trat ein, folgte dem Kaiser, welcher sich in sein

Schlafzimmer begab.

Drittes Capitel.

Der junge Cappei hatte sich in den ersten Tagen seines Aufenthalts im

Hause seines Oheims zu Bodenfeld ganz den Erinnerungen seiner Jugend

hingegeben, welche diese Umgebung so lebhaft in ihm erweckte. Er hatte

in liebevoller Pietät alle die Orte besucht, welche in dem Leben seiner

Kindheit vorzugsweise bedeutungsvoll gewesen waren, und war erstaunt

gewesen, wie klein und einfach ihm diese Plätze alle erschienen, die

doch in den Bildern seiner Erinnerung so groß und so schön gewesen

waren. Dennoch aber hatten alle diese Orte auch jetzt noch ihren Zauber

auf ihn ausgeübt, sie hatten die Empfindungen wieder erregt, welche

seine kindliche Seele einst erfüllten, und welche, wenn sie nach langer

Abwesenheit und selbst im hohen Alter wieder geweckt werden, immer ihre

wunderbare und unvergängliche Jugendfrische behalten.

Er hatte einzelne seiner alten Gespielen besucht und war der Gegenstand

der Neugier des ganzen Dorfes gewesen, denn die hannöversche Legion in

Frankreich, von welcher man so wenig regelmäßige und bestimmte

Nachrichten erhielt, war in den Vorstellungen dieser einfachen Bauern

fast zu einer Mythe geworden, von der nur geheimnißvolle und beinahe

märchenhafte Nachrichten herüber gedrungen waren, über welche man nun

von dem in Fleisch und Blut hier erschienenen Mitgliede der Legion

Näheres zu hören hoffte.

Cappei war sehr zurückhaltend und vorsichtig in seinen Aeußerungen

gewesen und hatte nur das Eine bestimmt bestätigt, daß Alles zu Ende und

die Sache des Königs nunmehr ein für allemal aufgegeben sei. Eine

Mittheilung, welche bei den Meisten zwar eine gewisse wehmüthige Trauer,

doch aber auch zu gleicher Zeit ein Gefühl der Beruhigung verursachte,

denn die das Land durchziehenden Agitatoren hatten selbst in den Kreisen

dieser einfachen Landbevölkerung eine unbehagliche Unsicherheit erzeugt

und den Wunsch hervorgerufen, daß so oder so nun einmal ein Ende werden

möge, damit man wisse, woran man sei.

Der junge Cappei war mit seinem Oheim dann auf das Feld hinausgegangen,

hatte sich von dem vortrefflichen Zustande der Felder überzeugt und

gesehen, daß in den Zeiten seiner Abwesenheit die Wirthschaft bedeutende

Fortschritte gemacht und das Besitzthum einen erhöhten Werth erhalten

habe.

Abends hatte er sich dann zu seiner Mutter und den alten Bauern

hingesetzt und ihnen, die nicht müde wurden, zuzuhören, immer von Neuem

von dem Leben in Frankreich erzählt — von dem Leben der Offiziere in

Paris, wo er einige Male gewesen war, von dem Leben auf dem Lande, von

den französischen Soldaten, von der französischen Feldwirthschaft. Und

immer hatte er bei diesen Erzählungen den einen Punkt umgangen, der sein

Herz erfüllte, der die Neugier seiner Mutter erregte und von dem sein

Oheim in seinem einfachen practischen Sinn nicht das Geringste bemerkte.

Dennoch beschäftigte gerade dieser Punkt den jungen Mann auf das

Lebhafteste und versetzte sein ganzes inneres Wesen in eine peinliche

und schwankende Unruhe.

Er hatte sich gleich am Tage nach seiner Ankunft unter dem Vorwande sich

nach Mittag auszuruhen, in seinem Zimmer eingeschlossen und mit großer

Mühe einen nicht immer ganz orthographisch gehaltenen Brief an Fräulein

Luise Challier geschrieben, um ihr seine glückliche Ankunft in der

Heimath anzuzeigen und ihr zu sagen, daß er mit aller Liebe seines

Herzens ihrer gedächte und mit heißer Sehnsucht den Tag erwarte, an

welchem er nach Ordnung seiner Angelegenheiten zu ihr zurückkehren

würde.

Konnte er sich auch ganz geläufig mündlich in französischer Sprache

ausdrücken, so fand er seinen Brief, als er ihn geschrieben hatte,

dennoch sehr ungenügend, sehr kalt und steif, indeß er hoffte, daß seine

Geliebte zwischen den Zeilen das Alles lesen würde, was der Mangel an

Gewandtheit des Ausdrucks ihn zu sagen verhinderte. Er hatte diese

Hoffnung in einem Postscriptum ausgesprochen, dann seinen Brief

sorgfältig verschlossen und sich am Abend mit einiger Mühe von seinem

Oheim und seiner Mutter entfernt, um den Brief in den Kasten der

Landpostexpedition zu werfen, welcher sich an dem Hause des

Gewürzkrämers des Dorfes befand, wobei er zu seinem Verdruß von mehreren

Bekannten aufgehalten und beobachtet wurde.

Von einem Tage zum andern hatte er sich dann vorgenommen, über seine

Liebe und seine Zukunft zunächst mit seiner Mutter und dann mit seinem

Oheim zu sprechen. Indeß immer wieder war er nicht dazu gekommen, immer

wieder waren die Worte auf seinen Lippen stecken geblieben, obgleich er

doch sonst nicht zu denen gehörte, welche sich scheuen, das

auszusprechen, was sie für nothwendig und richtig erkannt haben. Aber er

fühlte in seinem Innern einen Widerspruch streitender Empfindungen und

sagte sich, daß das, was ihn schmerzlich und peinlich bewegte, seiner

Mutter und seinem Oheim noch viel mehr Kummer bereiten müßte.

Die alte Heimath, diese Erde, auf der er erwachsen war, dieses Haus,

dieser Garten, diese Felder, um welche sich alle seine Erinnerungen

rankten, zogen ihn mit unwiderstehlicher Macht an sich und schmerzlich

schnürte sich sein Herz bei dem Gedanken zusammen, daß er hierher

zurückgekehrt sei, nur um das Alles wieder zu verlassen. Es war, als ob

jeder Baum, jede Blume ihn mit stillem Vorwurf anblickte, daß er dies

ihm bestimmte Besitzthum, an welches sein Oheim, um es ihm reicher und

blühender zu hinterlassen, so viel Mühe und Fleiß gewendet habe, fremden

Händen überlassen solle, um im fernen Lande eine neue Heimath zu suchen.

Auf der andern Seite fühlte er in der Entfernung noch lebhafter und

mächtiger die Macht der Liebe, welche ihn zu dem jungen Mädchen hinzog,

dessen Umgang seine Verbannung so freundlich verklärt hatte; — wenn er

die Augen schloß, so sah er ihr Bild vor sich in lebendiger Frische, er

sah ihren seelenvollen Blick, es schien ihm, daß sie die Arme

sehnsüchtig nach ihm ausstreckte und ihn fragte, wann er zu ihr

zurückkehren werde, um sie nicht mehr zu verlassen.

Dieser Kampf zwischen der Anhänglichkeit an die Heimath und die Liebe

seines Herzens, der sich in seinem Innern bereits so schmerzlich fühlbar

machte, mußte ja viel heftiger und peinlicher die Seele seiner Mutter

bewegen, wenn sie erfahren würde, was mit ihrem Sohn vorgegangen und was

für Zukunftspläne er in sich trüge; und erst sein Oheim, der alte Mann

mit dem eigenwilligen Bauernsinn, der so fest mit der Scholle verwachsen

war, auf welcher er geboren, die er gepflegt und gehütet und welche ihm

so reiche und dankbare Frucht für seine Mühe und Arbeit gegeben hat. Was

würde er sagen bei dem Gedanken seines Neffen, dies Besitzthum, das ein

Theil seines Selbst war, zu verlassen und in der Fremde sich eine

Existenz zu gründen. Die Grundlage der ganzen Lebensfassung des alten

Bauern war. „Bleibe im Lande und nähre Dich redlich“ — schon der Gedanke,

eine Fremde, welche die Sprache der Heimath nicht verstände, als

Hausfrau in diesen Bauernhof einziehen zu sehen, mußte dem Gefühl des

alten Bauern widersprechen. Was aber sollte er erst sagen, wenn er

erführe, daß sein Neffe, den er mit so viel Stolz und Liebe wieder in

den wirtschaftlichen Betrieb einführte, nun um nimmer wiederzukehren,

abermals in die weite Welt hinausziehen wolle.

Alle diese Gedanken versetzten den jungen Mann in eine fieberhafte

Unruhe. Er mußte Klarheit in die Verhältnisse bringen, er mußte das

entscheidende Wort sprechen, und doch wußte er, daß dieses Wort die

beiden Menschen, welche ihm durch die nächsten Bande auf Erden verknüpft

waren, mit Schmerz und Bekümmerniß erfüllen würde.

So hatte er von einem Tage zum andern die Erklärung hinausgeschoben.

Seine peinliche Unruhe war noch vermehrt worden, als die Zeit

vorübergegangen war, in welcher er eine Antwort auf seinen Brief an

seine Geliebte erwarten konnte, ohne daß eine solche eingetroffen wäre.

Mit zitternder Ungeduld sah er dem Landbriefträger entgegen, wenn

derselbe erschien, um die wenig zahlreichen Postsendungen an die

Einwohner des Dorfes zu vertheilen. Einige Male hatte er es über sich

vermocht, denselben zu fragen, ob er nichts für ihn habe, aber immer

hatte er eine verneinende Antwort erhalten und in quälender Sorge, in

einer steigenden bangen Unruhe fragte er sich, welches der Grund dieses

unerklärlichen Schweigens seiner Geliebten sein könnte, die doch so fest

versprochen hatte, ihm sogleich zu schreiben, sobald er sie von seiner

Ankunft in der Heimath benachrichtigt haben würde. Endlich konnte er

diesen Zustand widerstreitender Gefühle und quälender Sorge und Unruhe

nicht länger ertragen.

Seine Mutter hatte ihn bereits mehrere Male mit freundlicher Theilnahme

gefragt, was ihm fehle und ihn gebeten, es ihr zu sagen, wenn ihn ein

Kummer bedrücke, — er hatte zum zweiten und dritten Male an Luise

geschrieben, sie beschworen, ihm zu antworten oder durch ihren Vater ihm

mitteilen zu lassen, wenn sie krank sei, — aber immer erfolglos. Der alte

Briefträger hatte nur immer dieselbe Antwort auf seine Fragen, — daß

nichts für ihn angekommen sei.

Eines Morgens war sein Oheim allein auf das Feld gegangen, er war unter

dem Vorwand einer notwendigen häuslichen Arbeit zu Hause

zurückgeblieben, — fast ängstlich, mit ähnlichen Gefühlen, wie einst als

Knabe, wenn er irgend einen Fehltritt einzugestehen hatte, trat er in

das Wohnzimmer, setzte sich neben den Lehnstuhl seiner Mutter und

ergriff die Hand der alten Frau, indem er ihr halb fragend, halb

bittend in die Augen sah, die Worte suchend, um die Gefühle seines

unruhigen, gedrückten Herzens auszusprechen.

Die alte Frau sah ihren Sohn freundlich und liebevoll mit ihren großen,

klaren Augen an. Sie hatte ruhig gewartet, sie wußte, daß der Tag kommen

mußte, an welchem sein Herz sich seiner Mutter öffnen würde, die Stunde

war da, sie war bereit, ihn anzuhören und sein Vertrauen mit all der

selbstlosen Liebe zu erwidern, an welcher das mütterliche Herz so

unerschöpflich reich ist.

„Meine Mutter,“ sagte der junge Mann mit leicht zitternder Stimme, „ich

bin überaus glücklich gewesen, daß ich Sie und den Oheim, unser Dorf und

das alte Haus wiedergesehen habe.“

Er hielt einen Augenblick inne.

„Und wir nicht minder, mein Sohn,“ sagte die alte Frau, „daß wir Dich

nach so langer Trennung hier wieder bei uns haben.“

Der junge Cappei schwieg einige Augenblicke, indem er sanft die welke

Hand der alten Frau streichelte.

„Ich bin aber doch,“ sagte er dann, „nicht glücklich, wie ich es sonst

bei Euch war, ich bin unruhig und habe lange die Gelegenheit gesucht,

mit Euch allein zu sprechen, denn ich muß Euch Alles sagen, bevor ich

mit dem Oheim darüber rede, der gleich so heftig und aufbrausend ist.“

Die alte Frau sah ihn mit glänzenden, liebevollen Blicken an, sie

fühlte, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, in welchem das Räthsel

sich lösen müsse, sie sah die Befangenheit ihres Sohnes mit dem feinen

Tact, welcher das Eigenthum der Frauen aller Stände ist, — sie mußte ihm

entgegenkommen.

„Du hast liebe Freunde in Frankreich zurückgelassen?“ sagte sie.

„Ach ja, Mutter,“ erwiderte er, „sehr liebe Freunde, sie sind Alle immer

so gut gegen mich gewesen, und es wurde mir recht schwer, mich von ihnen

zu trennen,“ fügte er seufzend hinzu.

„Sind es bloß Deine Freunde,“ fragte die Alte mit einem freundlichen,

beinahe neckischen Lächeln, „oder hast Du auch Dein Herz dort gelassen,

hast Du eine Geliebte in dem fernen Lande gefunden, — Du der Du hier so

gleichgültig gegen die hübschesten Mädchen unseres Dorfes warst?“

Und mit mütterlichem Stolz strich sie das Haar aus der erröthenden Stirn

ihres Sohnes, der halb verlegen, halb glücklich darüber, daß seine

Mutter ihm auf halbem Wege entgegenkam, zu ihr aufsah.

„Ja,“ rief er, indem er ihre Hand so heftig drückte, daß sie leise

zusammenzuckte, „ja, ich habe dort eine Geliebte gefunden, sie ist so

gut und so treu, wie nur irgend ein Mädchen aus der Heimath es sein kann

und dabei ist sie doch so anders wie sie hier sind. Und so schön,

Mutter, oh, so schön,“ rief er schnell aufbringend, die alte Frau

stürmisch umarmend, „so schön, wenn Sie sie sehen würden, Sie würden sie

auch lieben, und sie ist so sanft, sie würde Ihnen eine zärtliche und

gehorsame Tochter sein, — sie, die selbst keine Mutter mehr hat, bei

ihrem Vater aufgewachsen ist, die leitende Hand der Mutter schmerzlich

entbehrend, wie sie mir so oft gesagt hat.“

Die alte Frau ordnete die Bänder ihrer Haube, welche durch die

stürmische Umarmung ihres Sohnes etwas zerknittert waren. Mit

freundlichem, zufriedenem Schmunzeln sah sie den glühend erregten jungen

Mann an und sagte:

„Nun das ist ja eine gute Nachricht, und ich begreife nicht, warum Du

mir das nicht früher mitgetheilt hast; Du bist ja längst in dem Alter,

Dich zu verheirathen, Du kannst eine Frau ernähren, — daß Deine Wahl auf

keine Unwürdige gefallen, davon bin ich überzeugt. Ich werde älter und

älter, und der Hof hier bedarf einer jungen und rüstigen Hausfrau.“

Ihr Sohn blickte trübe zu Boden.

„Das ist es ja eben, Mutter,“ sagte er mit leiser Stimme, „was mir so

viele Sorge gemacht und mir so lange den Mund verschlossen hat. Ich

weiß, wie Sie und namentlich der Oheim an dem Hof und an der Heimath

hängen und nun — sehen Sie, meine Braut hängt eben so sehr an ihrer

Heimath, sie ist die einzige Tochter ihres Vaters, die Erbin seines

Geschäfts, eines großen Holzhandels, und sie wünscht so dringend, daß

ich zu ihr nach Frankreich kommen möchte, um dort das Geschäft ihres

Vaters zu übernehmen und fortzuführen, — ich habe ihr das auch

versprochen,“ fuhr er ohne aufzublicken fort, — „als ich bei ihr war,

schien mir das so leicht, und nun ich wieder hierher gekommen bin, nun

ich wieder unter Euch lebe, nun ich wieder den alten Garten und die

alten Felder sehe, da fühle ich,“ sagte er mit zitternder Stimme, „wie

schwer es Ihnen werden müßte, mit mir fortzuziehen in ein fremdes Land

oder hier zu bleiben, — durch weite Entfernungen von mir getrennt.“

Die Alte sah einen Augenblick schmerzlich bewegt vor sich nieder, sie

strich langsam die Falten ihrer weißen Schürze glatt, als wolle sie

ihre Gedanken und Gefühle ordnen und glätten wie diese Falten. Dann

legte sich ein heiteres und ruhiges Lächeln um ihre Lippen, freundlich,

beinahe stolz und glücklich sah sie ihren Sohn an und sagte.

„Gott fügt die Schicksale der Menschen nach seinem Wohlgefallen und hat

schon Manchen aus dem Lande seiner Väter fort geführt, um ihn sein Glück

in der Ferne finden zu lassen. Es steht geschrieben, daß der Mann Vater

und Mutter verlassen wird, um seinem Weibe zu folgen, zu dem sein Herz

ihn hinzieht, aber,“ fuhr sie fort, ihm die Hand reichend, „Deine Mutter

wird ihren Sohn nicht verlassen, und wenn Du eine alte schwache Frau mit

Dir nehmen willst, die wenn sie nichts mehr für Dich thun kann doch Tag

und Nacht für Dein Glück beten wird, so bin ich bereit, mit Dir in die

Ferne zu ziehen, da wo Du glücklich bist, wo Du Deine Heimath findest,

da werde ich auch in fremder Erde sanft ruhen. Gott segne Dich, mein

Sohn, und Diejenige, zu welcher Dein Herz Dich hinzieht.“

„Oh, Mutter,“ rief der junge Mann, indem er zu den Füßen der alten Frau

auf die Knie niedersank und wie in der fernen glücklichen Kinderzeit

sein Haupt auf ihren Schooß legte, „wie danke ich Ihnen für dieses

Wort, das eine schwere, schwere Last von meinem Herzen nimmt.“

Einige Augenblicke blieb er so schweigend und unbeweglich, während sie

mit den welken, zitternden Händen über sein volles Haar hinstrich. Dann

erhob er den Kopf und sah sie sorgenvoll und fragend an.

„Aber der Oheim,“ fragte er, „was wird er dazu sagen?“

„Das wird einen harten, schweren Kampf kosten,“ sagte die alte Frau, den

Kopf schüttelnd, „er wird sich so leicht nicht von hier trennen und so

leicht auch nicht damit einverstanden sein, daß Du die alte Heimath

verläßst — aber,“ sagte sie dann lächelnd nach einigen Augenblicken des

Nachdenkens, „der Oheim hat ein gutes, weiches Herz, er liebt Dich wie

seinen eigenen Sohn, und wenn er sich überzeugt, daß diese Verbindung

Dein Glück ist, so wird auch er zuletzt seine Zustimmung nicht versagen.

Laß mich das nur machen, sage Du ihm nichts, ich verstehe ihn zu

behandeln, wenn er sieht, das es Dein Ernst ist, so wird er die Reise

nicht scheuen, um sich selbst von Allem zu überzeugen, und wenn sich

Alles gut fügt, so könnt Ihr ihn ja jedes Jahr hier besuchen, so lange

er noch die Kraft hat, seine Wirtschaft zu führen — wer weiß, ob er sich

dann nicht auch entschließt, die Menschen und die lebendige Liebe seiner

Kinder höher zu stellen, als dieses Haus, und diesen Hof. Wenn er auch

Alles äußerlich ruhig hinnimmt und wenig spricht, so weiß ich doch, daß

die neuen Verhältnisse hier im Lande ihm wehe thun und ihm den

Aufenthalt hier verleiden. Ueberlaß das der Zeit, mein Sohn, und dem

lieben Gott, der Alles nach seiner Weisheit fügen wird. Zuerst aber laß

mich die Sache dem Oheim mittheilen, ich werde den ersten Sturm seiner

Heftigkeit schon auszuhalten wissen.“

„Doch nun, Mutter,“ sagte der junge Mann, indem ein Ausdruck tiefer

Traurigkeit auf seinem Gesicht erschien, „muß ich Euch noch etwas sagen,

das mir vielen Kummer macht, so große Hoffnungen mir auch Eure

liebevollen und freundlichen Worte gegeben haben, — ich habe,“ fuhr er

fort, „gleich nach meiner Ankunft hier an meine Braut geschrieben, — ich

habe nochmal und nochmal geschrieben, aber bis jetzt habe ich keine

Antwort erhalten, — und sie muß doch wissen, wie sehr ich mich nach einem

Lebenszeichen, nach einem Gruß von ihr sehne, und wäre es nur eine

Zeile, nur ein Wort, das mir eine Botschaft ihrer Liebe brächte — aber

nichts, gar nichts,“ — sagte er mit schmerzlich zitternder Stimme. „Was

kann das bedeuten, ich habe sie gebeten, wenn sie krank wäre, mir durch

ihren Vater Nachricht geben zu lassen, — ich weiß nicht, was ich davon

sagen soll,“ fügte er traurig den Kopf schüttelnd hinzu.

„Bist Du der Liebe Deiner Erwählten ganz sicher,“ fragte die Alte,

„kannst Du ihrer Treue und Beständigkeit vertrauen, — oder kannst Du Dir

irgend eine Veranlassung denken, durch welche sie verhindert sein

könnte, Dir Nachricht zu geben.“

„Oh,“ rief der junge Mann mit lauter Stimme, den Blick voll glühender

Begeisterung auf seine Mutter richtend, „ich bin ihrer sicher, wie

meiner selbst! Sie ist treu wie Gold, auf ihr Wort würde ich Häuser

bauen. Auch kann keine äußere Veranlassung sie abhalten, — ich habe mit

ihrem Vater gesprochen, er hat unserer Verbindung seinen Segen gegeben,

sie konnte offen und ohne Scheu an mich schreiben und dennoch, dennoch,“

sagte er, wieder finster zu Boden blickend, „keine Nachricht trotz aller

meiner Bitten, keine Antwort, — oh, es muß ein großes Unglück geschehen

sein, sie muß sehr krank oder todt sein, und ihr Vater wagt es nicht,

mir diese schmerzvolle Nachricht zu geben.“

„Sei ruhig, mein Sohn“ sagte die Alte, „bei einer so weiten Entfernung

kann ja alles Mögliche geschehen, wie leicht kann ein Brief verloren

gehen — Alles wird sich aufklären, — sei ruhig, — wenn Du sie kennst und

ihres Herzens sicher bist, so darfst Du Dich nicht in unnützer Unruhe

aufregen. Du hast ja jetzt mich, Deine Mutter, in deren Herz Du alle

Deine Sorgen ausschütten kannst. Laß mich erst mit Deinem Oheim

sprechen. Vielleicht,“ sagte sie, wie von einem Gedanken erfaßt,

„erwartet ihr Vater erst die bestimmte Mittheilung von der Einwilligung

Deiner Angehörigen, bevor er ihr erlaubt, zu schreiben, — ja, ja,“ sagte

sie, „so wird es sein; und ich muß sagen,“ fuhr sie immer

zuversichtlicher und heiterer fort, „ich würde ihrem Vater ganz Recht

geben, — er weiß ja nichts von Deiner Familie, und Du hast ihm auch noch

nicht sagen können, daß dieselbe mit Deiner Wahl einverstanden ist.“

„Ja“ sagte der junge Mann sinnend, „so könnte es sein — das wäre

möglich“ — und wie getröstet durch den von seiner Mutter angeregten

Gedanken, richtete er sich empor und ging einige Male im Zimmer auf und

nieder.

„Ich will es Ihnen ganz überlassen, Mutter,“ sagte er dann, „mit dem

Oheim zu sprechen. Ich weiß ja, Sie werden es viel besser und

geschickter machen, als ich, — aber nun erlauben Sie mir auch, meiner

Geliebten sogleich zu schreiben, daß Sie wenigstens mit meiner Wahl

einverstanden sind. Und nicht wahr,“ fügte er schmeichelnd über das

Gesicht der alten Frau streichelnd, hinzu, „Sie werden einige

freundliche Worte unter meinen Brief schreiben — sie versteht zwar nicht

deutsch, aber sie wird schon Jemanden finden, der ihr das übersetzt, und

dann wird ihr Vater sehen, daß auch hier Alles in Ordnung ist, und wird

ihr erlauben, mir zu antworten.“

Der Todesgruß der Legionen, 3. Band · 第 3 / 19 段