„Der Geist ist da,“ sagte Mademoiselle Lesueur, „und bereit, Euer

Majestät zu antworten. Ich bitte, Euer Majestät, zu fragen, — es ist aber

nicht nöthig, daß Sie die Frage aussprechen, Sie können Sie in Gedanken

stellen, die Geister haben die Kraft, die Gedanken zu lesen.“

Der Kaiser dachte einen Augenblick nach.

„Kann mir der Geist,“ fragte er, „den Namen nennen, an welchen ich in

diesem Augenblick denke?“

„Wie heißt der Name?“ fragte Mademoiselle Lesueur mit gesenktem Haupt

und leiser Stimme.

Der Tisch setzte sich sogleich in eine lebhafte Bewegung. Er schwankte

einige Male stark hin und her, dann senkten sich die beiden erhobenen

Füße desselben nieder, und in rascher Folge begann er scharf und

vernehmbar auf das Parquet zu klopfen, immer nach einer gewissen Zahl

von Schlägen inne haltend.

Mademoiselle Lesueur folgte aufmerksam diesen Schlägen, mit leiser

Stimme sagte sie: B-e-a-u-r-y.

„Der Name, an den Euer Majestät gedacht, heißt Beaury,“ sprach sie dann

ruhig und bestimmt, den Blick fest auf den Kaiser richtend.

Napoleon zuckte zusammen, erschrocken blickte er in das lächelnde

Gesicht der jungen Dame.

„Sie haben Recht,“ sagte er, „der Geist hat den Namen richtig gelesen.“

Er bog sich einen Augenblick zurück und blickte unter den Tisch, dessen

Füße unmittelbar an der Platte befestigt waren.

Die vier Füße standen vollkommen frei, auf dem Boden, Mademoiselle

Lesueur etwas vorgebeugt, saß so weit zurück, daß nicht einmal der Saum

ihres Kleides die Füße des Tisches berührte.

Der Kaiser schüttelte den Kopf und legte die Hände wieder auf den Tisch.

„Da Ihr Geist,“ sagte er, „den Namen gelesen hat, an welchen ich

gedacht, so wird er mir auch eine andere Frage beantworten können,

welche sich an diesen Namen knüpft.“

„Ich bitte Euer Majestät,“ sagte Mademoiselle Lesueur, „die Frage in

Ihren Gedanken zu formuliren —“

Abermals begann der Tisch zu schwingen und zu zittern, diesmal stärker

als vorher.

Nach kurzer Zeit schlugen die Füße abermals regelmäßig und schnell

hinter einander auf das Parquet.

„Wollen Sie die Güte haben, zu schreiben,“ sagte Mademoiselle Lesueur,

sich zu Pietri wendend, welcher schnell ein Blatt Papier und einen

Bleistift nahm und die Buchstaben notirte, welche Mademoiselle Lesueur

in schneller Folge ihm sagte.

Der Tisch hielt an.

„Wollen Sie die Antwort lesen,“ sagte die junge Dame, zu Herrn Pietri

gewendet.

Pietri las.

„Der Kaiser wird ruhig im Kreise der Seinen sterben, keine Waffe weder

in der Schlacht noch in der Hand des Meuchelmörders wird seinem Leben

Gefahr bringen.“

„Diese Antwort paßt allerdings auf meine Frage,“ sagte der Kaiser, „aber

sagt sie die Wahrheit?“

„Es steht Eurer Majestät frei, zu glauben oder nicht,“ erwiderte

Mademoiselle Lesueur, „ich für meine Person bin davon überzeugt, daß die

Geister die Wahrheit sagen, wenn sie sie kennen — sie sind nicht

allwissend — das ist Gott allein — aber sie wissen viel, und namentlich

ist ihnen die Macht gegeben, das Schicksal derer zu lesen, mit denen

ihre körperliche Hülle einst durch die Bande des Blutes verbunden war.

„Noch eine Frage,“ sagte der Kaiser, „wer ist mein bester Freund?“

„Euer Majestät hätten nicht nöthig gehabt, die Frage auszusprechen,“

sagte Mademoiselle Lesueur.

Der Tisch begann seine Schwingungen, die Schläge ertönten auf dem Boden.

Mademoiselle Lesueur flüsterte die Buchstaben vor sich hin, dann sagte

sie.

„Die Antwort des Geistes heißt: Napoleon.“

Der Kaiser ließ den Kopf auf die Brust sinken, in tiefem Schweigen saß

er einen Augenblick da.

„Der Geist hat Rechte,“ sagte er halblaut, „Niemand ist der Freund eines

Souverains, als er selbst, und aus mir allein muß ich die Entschlüsse

schöpfen, in mir allein die Kraft suchen, zu erfüllen, was ich mir

vorgesteckt.“

„Doch,“ rief er, indem er den brennend aus den Schleiern seiner

Augenlider hervortretenden Blick auf Mademoiselle Lesueur richtete,

„kann Ihr Geist mir sagen, wer mein größter und gefährlichster Feind

ist?“

Abermals bewegte sich der Tisch und Mademoiselle Lesueur buchstabirte:

„Orleans.“

„Wunderbar,“ rief der Kaiser, indem er finster vor sich niederblickte.

„Es ist, als ob der Geist in den schwarzen Gedanken lesen könnte, welche

Tag und Nacht auf dem Grunde meiner Seele einher ziehen,“ flüsterte er

leise vor sich hin. „Noch eins,“ fragte er dann laut, „kann mir Ihr

Geist den Namen nennen, welcher bestimmt ist, die Stelle auszufüllen,

über welche ich in diesem Augenblick nachdenke.“

Das Spiel des Tisches begann wieder, und Mademoiselle Lesueur sagte, die

einzelnen Buchstaben verfolgend:

„Gramont.“

Betroffen zuckte der Kaiser zusammen.

„Sind Sie schon einmal hier in den Tuilerien gewesen,“ fragte er rasch.

„Haben Sie irgend Jemand aus dem Schlosse gesprochen? Ich bitte Sie, mir

die Wahrheit zu sagen, — die zu erfahren ich in jedem Fall im Stande

bin,“ fügte er in strengem Tone hinzu.

„Ich war niemals hier im Schlosse,“ sagte Mademoiselle Lesueur mit

offenem, freiem Blick und unbefangenem Lächeln, „ich habe Niemanden von

hier jemals gesehen, bis dieser Herr hier,“ sie deutete auf Pietri,

„heute zu mir kam und mich ersuchte, ihm hierher zu folgen.“

„Seltsam — sehr seltsam“ sagte der Kaiser, augenscheinlich tief bewegt

durch die Antworten, welche er erhalten.

„Sie haben mir vorhin gesagt, sprach er dann — ein wenig zögernd, indem

er die junge Dame scharf anblickte, daß die Geister besonders klar über

das Schicksal derjenigen zu antworten im Stande sind, mit denen sie

durch besonders nahe Bande verbunden sind?“ —

„So ist es, Sire,“ erwiderte Mademoiselle Lesueur. — „Der Geist meiner

Mutter sieht in allen Dingen, die mich betreffen, klarer als in den

Angelegenheiten über welche andere Personen Fragen stellen.“

„Können Sie einen Geist citiren,“ fragte der Kaiser, „den ich Ihnen

bezeichnen würde.“

„Eure Majestät haben nicht nöthig, den Geist zu nennen,“ sagte Fräulein

Lesueur, — „Sie dürfen nur Ihre Gedanken fest auf denselben richten, — das

genügt.“

„Wie kann ich aber wissen, ob wirklich der Geist spricht, den ich zu

hören wünsche,“ fragte der Kaiser.

„Eure Majestät werden nur nöthig haben, ihn nach seinem Namen zu

fragen,“ erwiderte die junge Dame.

„So beginnen Sie,“ sagte der Kaiser, indem ein tiefer Ernst sich auf

seine Züge legte.

„Erlauben Eure Majestät,“ sprach die junge Dame, „daß ich zunächst den

Geist, der Ihnen bisher geantwortet hat, entlasse.“

Sie beugte den Kopf nieder und flüsterte eine Zeitlang leise vor sich

hin.

Der Tisch zitterte, hob und senkte sich in leiser Schwankung, — dann

stellte er sich fest auf seine vier Füße.

„Nun Sire,“ sagte Fräulein Lesueur, „dann bitte ich Eure Majestät, Ihre

Gedanken sehr scharf auf die Person zu richten, deren Geist Sie zu

citiren wünschen.“

Der Kaiser nickte mit dem Kopf, immer tieferer Ernst erfüllte sein

Gesicht indem er die beiden Hände fest auf den Tisch legte.

Mademoiselle Lesueur sprach ihre leise Formel.

Einige Augenblicke herrschte eine so tiefe Stille im Zimmer, daß man den

Herzschlag der drei anwesenden Personen hätte hören können.

Da krachte es in dem Holz der Tischplatte, — diese Platte schien zu

zucken, hoch richtete sich der Tisch auf der Seite des Kaisers empor und

mit mächtigem hallenden Schlag sank er wieder auf das Parquet nieder.

Der Kaiser fuhr zusammen. Fast schien es als wolle er aufspringen und

seinen Platz verlassen.

„Der Geist ist da und bereit Eurer Majestät zu antworten,“ sagte

Mademoiselle Lesueur in ruhigem Tone.

„Will der Geist mir seinen Namen sagen?“ fragte der Kaiser.

Der Tisch begann rasch sich zu bewegen, — er schlug auf das

Parquet — Mademoiselle Lesueur zählte, — und sagte dann sich gegen den

Kaiser verneigend:

„Der Geist antwortet:

„Napoleon.“

Die Bewegung, welche der Kaiser machte indem er den Kopf auf die Brust

sinken ließ, war fast eine ehrfurchtsvolle Verneigung.

Er schwieg einige Augenblicke, während Fräulein Lesueur ihn mit ihren

klaren Augen erwartungsvoll anblickte.

„Will der Geist, wenn er hier anwesend ist, mir eine Frage beantworten?“

sagte er dann mit einer beinahe demüthigen Stimme.

Der Tisch begann sich schnell zu bewegen.

„Schreiben Sie, mein Herr,“ sagte Mademoiselle Lesueur zu Herrn Pietri

gewendet, und dieser nahm schnell Bleistift und Papier, um die

Buchstaben zu notiren, welche Mademoiselle Lesueur in rascher

Reihenfolge ihm nannte.

„Die Antwort?“ rief der Kaiser, als der Tisch mit einem starken Schlage

seine Bewegung beendete.

Herr Pietri las:

„Mir ist nicht vergönnt, auf einzelne kleine Fragen zu antworten; — wer

auf dem Throne von Frankreich sitzt und Napoleon heißt, der sollte nicht

mit vorsichtiger Neugier einzelne Blicke hinter den Schleier zu werfen

suchen, welcher die Zukunft verhüllt, — er sollte mit kühner Hand diesen

Schleier selbst heben, indem er die Zukunft sich nach seinem Willen zu

gestalten zwingt. Denn dem festen und klaren Willen gehört die Zukunft;

aber frage, — ich werde antworten, soweit es mir erlaubt ist, — wenn Deine

Fragen das Schicksal des Hauses betreffen, das meinen Namen trägt, und

wenn Du keine einzelnen und besonderen Dinge zu wissen verlangst.“

Pietri schwieg.

Der Kaiser starrte einen Augenblick vor sich hin, — brennend richtete

sich sein Blick in das Leere, — er schien nach einer sichtbaren Spur des

Geistes zu forschen, dessen Worte ihm dieses ruhige und freundlich

lächelnde junge Mädchen verdollmetschte.

Dann beugte er sich vor, blickte Mademoiselle Lesueur durchdringend an

und öffnete die Lippen.

„Ich bitte Eure Majestät, sich erinnern zu wollen,“ sagte die junge

Dame, „daß es nicht erforderlich ist, die Frage laut zu stellen, — der

Geist kann Ihre Gedanken lesen.“

„Gut denn,“ sagte der Kaiser, — „ich frage.“

Und schweigend blickte er voll Spannung auf den Tisch, welcher sich

unter seinen Händen zu bewegen begann.

Fräulein Lesueur nannte diesmal schneller als sonst die

Buchstaben — Pietri schrieb.

„Napoleon IV wird Kaiser der Franzosen sein, — er wird neuen Ruhm und

neuen Glanz an den Namen knüpfen, den er trägt.“

Der Kaiser athmete tief auf. Es leuchtete wie ein dankbares Gebet aus

seinen Augen, die er mit unbeschreiblich glücklichem Ausdruck

emporschlug.

Dann rief er mit dumpfem Ton, wie aus den Tiefen seiner Brust heraus:

„O könnte ich wissen, ob dies die Wahrheit ist.“

Der Tisch zuckte — er hob sich hoch empor und schlug zweimal schallend

auf den Boden.

„Es ist die Wahrheit Sire,“ sagte Mademoiselle Lesueur ernst und

überzeugungsvoll.

„Werde ich die Armeen Frankreichs noch einmal zum Kriege führen müssen?“

fragte der Kaiser schnell.

Der Tisch schlug abermals laut und fest auf.

„Der Geist bejaht die Frage Eurer Majestät,“ sagte die junge Dame.

„Und welches wird das Schicksal dieses Krieges sein?“ fragte der Kaiser

in athemloser Spannung.

Einige Augenblicke vergingen, — dann bewegte sich der Tisch

wieder, — Pietri schrieb die Buchstaben nieder welche Mademoiselle

Lesueur ihm angab.

„Wie heißt die Antwort?“ rief der Kaiser, welcher vergebens versucht

hatte, den schnell gesprochenen Buchstaben zu folgen.

Pietri las:

„Ave Caesar, morituri te salutant!“

Napoleon erbleichte und drückte die Hände an die Stirn.

„Was ist der Sinn der dunkeln Antwort?“ flüsterte er vor sich hin — und

schnell sich aufrichtend fragte er mit lauter dringender Stimme:

„Wird der Todesgruß der Sterbenden dem _siegreichen_ Cäsar ertönen?“

Mehrere Minuten vergingen, — der Tisch blieb unbeweglich.

„Der Geist antwortet nicht mehr,“ sagte Mademoiselle Lesueur, — „es würde

vergeblich sein, ihn weiter zu fragen. — Erlauben Eure Majestät, daß ich

ihm danke und ihn entlasse?“

Der Kaiser neigte tief sinnend das Haupt.

Mademoiselle Lesueur sprach ihre leise Formel, — der Kaiser faltete die

Hände in andächtigem Schweigen.

„Wünschen Eure Majestät noch eine weitere Citation?“ fragte die junge

Dame.

„Ich danke Ihnen, mein Fräulein,“ erwiderte Napoleon aufstehend, indem

sein Gesicht wieder seinen gewöhnlichen ruhigen Ausdruck annahm. — „Ihr

Experiment hat mich in hohem Grade interessirt, — ich hatte viel von dem

Spiritismus gehört, — aber noch nie einen Versuch gesehen, bei welchem so

durchaus kein Apparat angewendet wurde,“ — fügte er mit einem leichten

Lächeln hinzu, das aber mehr verbindlich und artig als ironisch war.

Mademoiselle Lesueur hatte sich erhoben und verneigte sich tief bei den

Worten des Kaisers.

„Ich bin glücklich, Sire“ sagte sie, „daß Eure Majestät zufrieden sind,

und hoffe, — oder vielmehr,“ — fügte sie mit sicherem Ausdruck hinzu, „ich

bin gewiß, daß Alles Gute, was die Geister Eurer Majestät verkündet

haben, sich erfüllen werde.“

„Alles Gute?“ sprach der Kaiser sinnend — „aber war es gut? — was war

es? —

Morituri te salutant!“ flüsterte er leise.

Dann wendete er sich zu Pietri und blickte ihn fragend an.

Dieser reichte ihm ein kleines Etui.

Der Kaiser nahm es und sagte mit liebenswürdiger Freundlichkeit zu

Mademoiselle Lesueur:

„Erlauben Sie mir, mein Fräulein, Ihnen ein kleines Erinnerungszeichen

an diese Stunde zu geben,“ — er öffnete das Etui ein wenig, — die Facetten

eines schönen Solitärs funkelten farbenspielend im Licht der Lampe.

Mit der naiven Freude eines jungen Mädchens ergriff Fräulein Lesueur den

Ring und indem sie das Regenbogenspiel der Lichtreflexe entzückt

betrachtete, sagte sie:

„Ich werde Gott unablässig bitten, daß er alle seine guten Geister zum

Schutz Eurer Majestät und Frankreichs aussende.“

Sie verneigte sich tief vor dem Kaiser und zog sich von Pietri geleitet,

der den kleinen Tisch forttrug, durch die Portiere zurück, durch welche

sie in das Cabinet eingeführt worden war.

Napoleon ging in tiefem Sinnen auf und nieder.

„Giebt es einen Zusammenhang mit jener Welt der abgeschiedenen Geister,“

sprach er leise vor sich hin, — „und kann es ihnen erlaubt sein, auf

irgend welche Weise uns Mittheilungen zu machen über das, was ihrem

Blicke sich öffnet?

„Dieses junge Mädchen scheint aufrichtig von ihrer Sache überzeugt,“

sprach er gedankenvoll, — „ich wüßte nicht, wie sie den Tisch in Bewegung

setzen könnte, — und wenn dieses Kind von kaum neunzehn Jahren aus sich

selbst heraus die Antworten auf die Fragen construirt hat, die ich ihr

stellte, so ist sie ein Phänomen an Menschenkenntniß und Geist! —

„Welch eine treffende Antwort, die mich selbst als meinen besten Freund

bezeichnete, — und wie wahr — alles, was mir feindlich ist, in diesen

einen Namen Orleans zusammenzufassen.“

Er ging langsam, die Hände auf dem Rücken gekreuzt auf und nieder.

„Und Drouyn de L'huys,“ sagte er kaum hörbar, — „er war der Freund dieser

Orleans, — er ist es noch — kann jemand mein Freund sein — der zugleich

der Freund meiner Feinde ist? — Gramont“ fuhr er fort, — „der Geist

nannte Gramont als den künftigen Minister der auswärtigen

Angelegenheiten, — Gramont war Legitimist, — die Legitimität hat keine

Möglichkeit einer Zukunft, — sie ist eine fromme Erinnerung, — eine

Erinnerung, vor der ich selbst hohe Achtung habe, an die ich

anknüpfen, — deren edle Traditionen ich fortsetzen möchte. —

„Seltsam,“ rief er, — „sehr seltsam ist das Alles, — oder sollte auch hier

eine Intrigue“ —

Pietri trat wieder ein.

Der Kaiser näherte sich ihm; dicht vor ihm stehen bleibend, legte er den

Arm auf seine Schulter und blickte ihn scharf und durchdringend in die

Augen.

„Pietri“ sagte er, — „haben Sie mit diesem jungen Mädchen über die

Politik — über irgend Etwas gesprochen, was auf die gegenwärtige Lage

bezug hat?“

„Sire,“ erwiderte Pietri in ernstem und traurigem Ton, — „Eure

Majestät sind zum Mißtrauen gegen Jedermann berechtigt, fast

verpflichtet, — dennoch schmerzt mich dasselbe, — ich schwöre Eurer

Majestät,“ fuhr er fort, den Blick des Kaisers frei und offen erwidernd,

„daß ich mit Fräulein Lesueur nichts Anderes gesprochen habe, als was

nothwendig war, um den Auftrag Eurer Majestät auszurichten und sie

hieher zu führen.“

„Und was denken Sie davon?“ fragte der Kaiser.

Pietri lächelte ein wenig.

„Ich denke, daß dieses junge Mädchen sehr viel Geist hat,“ erwiderte

er, — „und daß sie manchen Diplomaten in der scharfen Erkenntniß der

Verhältnisse beschämen würde.“

Der Kaiser schüttelte langsam den Kopf.

„Wie dunkel, wie mystisch die Antworten über meine Zukunft waren,“ sagte

er. —

„Glauben denn Eure Majestät ernsthaft an solche Dinge?“ fragte Pietri.

„Denken Sie sich,“ erwiderte der Kaiser ernst, — „eine Welt von

Blindgebornen, — würde nicht ein Sehender, der unter sie träte, der den

Sinn besäße, der ihnen allen fehlte, Wunder unter ihnen

verrichten, — würde er ihnen nicht als ein übernatürlicher Prophet

erscheinen, — oder als ein Narr verlacht werden, — und das bloß weil er

einen Sinn mehr hätte als sie und durch diesen Sinn eine Welt wahrnehmen

könnte, welche da ist, welche die andern Alle umgiebt wie ihn, — welche

aber ihrer Wahrnehmung sich entzieht, weil ihnen das Medium dazu

fehlt. — Können denn nicht auch uns solche Welten umgeben, für welche

unser Organismus keinen Sinn besitzt, — und ist es unmöglich, daß

Einzelnen dieser Sinn gegeben ist, der sie das erblicken läßt, was uns

verschlossen bleibt und was wir deshalb in selbstgenügsamer

Beschränktheit für nicht vorhanden erklären?“ —

„Und wenn dem so wäre,“ sagte Pietri, — „Eure Majestät können mit der

Perspective, welche Fräulein Lesueur geöffnet, zufrieden sein — Napoleon

IV wird Kaiser der Franzosen sein — hat sie ihren Geist antworten

lassen, — und“ sprach er mit herzlichem und aufrichtigem Tone, — „ich habe

dazu nur den Wunsch hinzuzufügen, daß das recht spät und nach einer noch

recht langen und glücklichen Regierung Eurer Majestät eintreten möge.“

„Nun,“ rief der Kaiser mit freudigem Ausdruck, — „wenn nur diese

Verkündigung sich erfüllt, so will ich darauf verzichten, das Dunkel zu

lichten, welches in den Antworten der Geister meine Zukunft

verhüllt, — ein Fürst darf keine Person sein, — er ist ein Glied in einer

großen Kette, welche die Epochen der fortschreitenden Weltgeschichte

aneinander knüpft — ob, wann und wie ich untergehe, — was liegt daran,

wenn nur meine Dynastie erhalten bleibt, um die Vergangenheit und die

Zukunft Frankreichs mit einander zu verbinden.“

Er schwieg und blickte wie träumend vor sich hin.

„Gehen Sie zum Prinzen,“ sagte er dann, — „er soll seine Uniform anlegen

und sich bereit halten, mich zu begleiten. Ich will die Kaiserin

abholen, um jene braven Truppen zu besuchen, welche in den Galerien

Wache halten und die Zukunft Frankreichs beschützen.“

Pietri eilte hinaus.

Der Kaiser ergriff das rothe goldgestickte Käppi der Generalsuniform,

steckte den neben seinem Tische stehenden Degen an und ging, selbst die

Thür öffnend, in das Vorzimmer.

Er nahm den Arm des Generals Castelnau, welcher hier, ebenfalls in der

Campagne-Uniform wartete, und schritt mit ihm nach den Appartements der

Kaiserin.

Am Eingang der Gemächer Ihrer Majestät öffnete der Huissier schnell die

Flügelthüren und eilte den Kaiser ankündigend durch die Vorzimmer in den

kleinen Salon, in welchem die Kaiserin mit der Baronin de Pierres, der

Vicomtesse Aguado und der Gräfin de la Poëze saß.

„Der Kaiser!“ rief der Huissier.

Die Damen standen auf, die Kaiserin ging ihrem Gemahl bis zur

Eingangsthür des Salons entgegen, Napoleon küßte ihre Hand und grüßte

die Damen verbindlich.

„Sie sind in militärischer Tenne,“ fragte Eugenie, erstaunt den Kaiser

und den Grafen Castelnau anblickend, — „zu so später Stunde, — ist denn

etwas Außergewöhnliches geschehen?“ fügte sie unruhig hinzu, — „sind die

Unruhen in Paris bedenklicher geworden?“ „Seien Sie unbesorgt,“

erwiderte der Kaiser lächelnd, — „es ist nichts Besonderes

geschehen, — aber die Truppen sind consignirt — und da muß auch der Kaiser

der Consigne folgen und im Dienst sein, — außerdem wollte ich mit Ihnen

und Louis die Voltigeurs der Garde besuchen, denen ich die Bewachung der

Tuilerien und den Schutz des kaiserlichen Prinzen anvertraut habe.“

Die Kaiserin schlug freudig bewegt die Hände zusammen.

„Das ist ein vortrefflicher Gedanke,“ rief sie lebhaft, „je fester und

lebendiger wir die Verbindung mit unseren Truppen erhalten, um so

sicherer werden wir über alle unsere Feinde triumphiren. Ich bin

sogleich bereit,“ sagte sie, indem sie sich schnell zu dem Tisch wendete

und eine kleine, goldene Glocke bewegte, welche auf demselben stand.

Eine Kammerfrau trat ein.

Die Kaiserin warf einen raschen Blick auf einen großen Spiegel, welcher

ihr fast ihre ganze Gestalt zeigte. Sie trug eine einfache Robe von

blauer Seide.

„Bringen Sie mir eine weiße Mantille und ein rothes Band.“

Nach wenigen Augenblicken, während welcher der Kaiser sich mit den Damen

seiner Gemahlin unterhielt, erschien die Kammerfrau wieder. Sie trug

eine Mantille von weißem Atlas und ein breites schärpenartiges Band von

rother Seide.

Die Kaiserin ließ die Mantille über ihre Schultern legen, näherte sich

dann der Gräfin von Poëze und sagte:

„Wollen Sie die Güte haben, meine liebe Gräfin, mir aus diesem Bande

eine große Schleife hier zu befestigen.“

Sie deutete mit dem Finger auf den Halsausschnitt ihrer Robe.

Die Gräfin von Poëze machte mit geschickter Hand eine breite Schleife

mit langen herabhängenden Enden und befestigte sie dann auf der Robe der

Kaiserin.

„Jetzt trage ich die Farben Frankreichs,“ rief Eugenie mit einem Blick

auf den Spiegel, „lassen Sie uns gehen,“ fuhr sie zum Kaiser gewendet

fort.

„Sie werden,“ sagte Napoleon, indem er seiner Gemahlin den Arm reichte,

„diese Farben ebenso unwiderstehlich machen, wie es die Tapferkeit

unserer Soldaten auf allen Schlachtfeldern gethan hat.“

Er ging langsam mit der Kaiserin durch das Vorzimmer und wandte sich

nach dem Pavillon des kaiserlichen Prinzen; der Graf von Castelnau und

die Damen folgten.

Im Vorzimmer seiner Wohnung erwartete der Prinz bereits mit dem General

Frossard seine Eltern. Der Prinz trug die Uniform eines Souslieutenants,

der General Frossord war ebenfalls in Uniform. Der kaiserliche Prinz

trat auf die rechte Seite seines Vaters, der General Frossard schritt

voraus und führte den Kaiser und die Kaiserin nach der unmittelbar an

den Pavillon stoßenden Gallerie.

Als die Thüre derselben geöffnet wurde, bot sich ein wunderbar belebtes

Schauspiel dar, — die weithin ausgedehnten Gallerien strahlten in

hellster Beleuchtung, alle Kerzen auf den Lustres und Wandleuchtern

brannten, der Marmor und die Vergoldungen glänzten, an den Wänden her

standen kleine, mit weißen Leintüchern bedeckte Tische, auf welchen

kalte Speisen und rothe und weiße Weine in geschliffenen

Crystallcaraffen aufgestellt waren.

An diesen Tischen saßen die Voltigeurs der Garde in vollständiger

Feldausrüstung, ihre Waffen neben sich, die Käppis auf den Köpfen,

essend, trinkend und fröhlich plaudernd.

In gewissen Zwischenräumen befanden sich kleinere elegant servirte

Tische, an welchen die Officiere soupirten.

Als die große Eingangsthür sich öffnete, und im Rahmen derselben der

Kaiser, die Kaiserin und der kaiserliche Prinz erschienen, erhoben sich

die langen Reihen der Soldaten. Die Officiere eilten rasch heran und im

lauten, einstimmigen Rufen begrüßte diese Elite-Truppe den Kaiser.

Napoleon erhob dankend die Hand, die Kaiserin neigte grüßend das Haupt

nach allen Seiten, indem ihr strahlender Blick freudig und stolz über

diese muthigen und begeisterten Soldaten hinglitt. Der kaiserliche Prinz

hielt sein Käppi in der Hand und verneigte sich ehrerbietig gegen den

Commandeur des Regiments, welcher herantrat, um dem Kaiser zu melden,

das alle Wachen nach seinen Befehlen bezogen worden seien.

„Lassen Sie die Leute häufig ablösen,“ sagte der Kaiser, „damit ihnen

der Dienst nicht zu schwer wird und damit sie Gelegenheit finden, sich

hier im Kreise ihrer Kameraden wieder zu erfrischen.“

Er trat an den nächsten Tisch, ergriff eines der dort stehenden Gläser,

füllte es aus einer Crystallcaraffe mit rothem Wein und rief mit lauter

Stimme:

„Ich trinke auf das Wohl meiner Voltigeurs, auf das Wohl der Garde, auf

das Wohl der ganzen Armee, welche die Blüthe des französischen Volkes

ist!“ In raschen Zügen leerte er das Glas bis auf den letzten Tropfen.

„Es lebe der Kaiser. Es lebe der kaiserliche Prinz!“ brauste ihm der Ruf

der Soldaten entgegen.

Der Todesgruß der Legionen, 3. Band · 第 2 / 19 段